Die Moderne hat Migrationshintergrund

8. Februar 2016
Arbeitsplatz mittelalterlicher Steinmetze

Die Welt nicht zu kennen und mit dem Ort der Geburt bis zum Tode verwachsen zu sein, das war immer nur das Ideal der zwangsweise Sesshaften. Ihre Heimat war im Räumlichen, und nicht kultureller Natur. Odysseus trieb es in die Welt, Humboldt wie Gauß und die Hanse. Migrant, Vagabund oder Fremder und Flaneur, das waren nicht immer Schimpfworte. Die Moderne entstand in Migration.

Die Vorstellung von einer Aufklärung, in der die Sonne die Wahrheit an den Tag bringt, meint historisch den Anbruch der Neuzeit aus der Finsternis eines Mittelalters, das so finster nicht überall war. Jedenfalls meint „enlightment“ nicht erst das Wirken Immanuel Kants und seiner Zeitgenossen im 18. Jahrhundert, sondern schon Entwicklungen im 12. bis 15. Jahrhundert. In der Architektur der christlichen Gotteshäuser ist dies die Gotik, später im Übergang zur Renaissance. Man denkt an den Kölner Dom in Deutschland, an die Kathedralen zu Straßburg, Chartres, Notre Dame in Paris in Frankreich, die Kathedralen zu Exeter, Oxford und Sheffield in England, vielleicht sogar an St.Giles im schottischen Edinburgh, außerdem an den Tallinner Dom im fernen Estland, den Veitsdom in Prag, die Dominikanerkirche in Krakau, schließlich auch an gotische Gotteshäuser in Italien (Genua, Venedig, Siena und besonders Palermo) oder Spanien (Valencia, Sevilla, Palma de Mallorca) oder sogar Zypern. Diese Baudenkmäler sind nicht zu denken ohne die Städte, die sie beherbergten und die immer noch durch sie glänzen.

Die mittelalterlichen Zeiten sind gekennzeichnet durch eine enorme, erzwungene Sesshaftigkeit. An die Scholle gebunden waren ganz sicher die Bauern und Kleinbauern, die in einer noch nicht intensiven Landwirtschaft sich vom kargen Ertrag ihrer Höfe ernähren und zugleich hohe Abgaben, manchmal auch Dienste leisten mussten. Agrikultur war bittere Gefangenschaft auf eigenem Grund und Boden.

Gebunden waren am anderen Ende der sozialen Skala aber auch der Adel und seine Fürsten, die zum guten Teil in sehr kleinen Fürstentümern lebten. Sie versuchten immer wieder, mit Hilfe von Raubzügen oder durch Allianzen zwischen den Fürstentümern ein Reich zu bauen, was in Deutschland erst sehr spät gelingen sollte. Adel konnte Gefangenschaft auf einem Erbe ungewisser Prosperität bedeuten.

Ein Dichter der bürgerlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts war Georg Büchner. Man verdankt seiner Schrift mit dem Titel „Der hessische Landbote“ einen eindrucksvollen architektonischen Hinweis, und zwar in dem politischen Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist ein sehr früher Klassenkampf, der die Paläste des Feudalismus, des Adels angreift und sich selbst als Sachwalter der kleinen Leute der Hütten versteht.

Als deutlichster Abschluss dieses Prozesses gilt die Französische Revolution, in der die Köpfe des Adels unter der Guillotine liegen, nachdem sie den frischen Luftzug des Fallbeils erfahren haben, und die Bürger, citoyen genannt, die Macht übernehmen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Parole, der es um Toleranz und Humanität ging.

Schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution entsteht zwischen den Hütten des Landlebens und den Palästen des Adels, die eher Bollwerke als Luxuswohnsitze waren, eine Lebensform, die, bezogen auf die Weiten des Feudalismus, zunächst nur in Enklaven zu finden ist. Es bilden sich wehrhafte Einfriedungen sozialer Gemeinwesen, die die neuen Zeiten ankündigen. Wir sprechen von den Städten, die zwar in der Antike schon einmal existierten, dann aber durch kriegerische Zerstörungen, Völkerwanderungen, Auflassungen in ihrer Struktur vernichtet waren.

Die revolutionär neue mittelalterliche Stadt ist eines der eindrucksvollsten historischen Ereignisse, weil sie von einer großen Ungleichzeitigkeit getragen ist. In den mittelalterlichen Städten entstehen schon die künftigen Zustände, schon das Denken der Neuzeit, während noch das Land, die Länder, die Reiche im Feudalismus verharren und von der sehr partikularen Herrschaft des Adels und wohl auch der Kirche geprägt sind.

Blickt man in diese Städte, so entstehen in der Mitte des Zirkels der Stadtmauern kathedralenhafte Bauten von Gotteshäusern, die noch heute in Pracht, Ausmaß, Kunst eindrucksvoll sind. Wie eindrucksvoll sie für die Zeitgenossen gewesen sein müssen, erahnt man nur, wenn man sich vorstellt, dass diese gigantischen Gebäude von Menschen betreten wurden, die in den vorgenannten Hütten lebten, aber eben auch von jenen in den Palästen. Die sehr mächtige Kirche mit der Unterstützung des sehr mächtigen Adels setzte ihrem Gott und sich als Institution hier gewaltige Denkmäler.

Eine nur beiläufig behandelte Frage zu dieser Zeit ist, wer so kühne Pläne wie die zu einer gotischen Kathedrale realisieren konnte. Es bedurfte ja nicht nur des Geldes, erpresst durch eine Kirchensteuer, den Zehnten, oder die Fron, die an den Adel zu entrichten war. Und der Bereitschaft reicher Bürger, Händler im Wesentlichen, aber auch reicher Handwerker, also der Bereitschaft der Gilden und der Zünfte in den Städten, eben jene Bauten zu finanzieren. Es bedurfte also nicht nur der finanziellen Mittel, sondern auch der Fähigkeit zur Baumeisterschaft.

Hier gerät wieder eine Hütte in den Fokus des Historikers. Wir reden jetzt von den Unterbringungen und dann den Organisationen jener Bauleute, zunächst Steinmetze, aber dann auch Handwerker aller anderen Professionen und der sie begleitenden Künstler, die in der Lage waren, die gigantischen gotischen Kathedralen zu bauen. Die Bauhütte oder Hütte war zunächst die Unterbringungsform jener Meister, Gesellen, Lehrlinge, die durch die Kunst des Steinbaus und anderer maurerischer Fähigkeiten in der Lage waren, die kühnen Pläne des Kirchenbaus zu realisieren.

Die Hütte war gleichzeitig auch die Selbstorganisation dieser Profession der Steinmetze, die von einem hohen Selbstbewusstsein getragen war. Es gab in dieser Zeit, wir reden über das 12./13. Jahrhundert, bereits ein differenziertes Sozialsystem innerhalb der Genossenschaft der Maurer. Es existierten eine eigene, vom Rest der Stadt und dem Fürsten anzuerkennende Gerichtsbarkeit und ein eigenes Recht. Wir haben es also mit einer sehr selbstbewussten Gruppe hoch qualifizierter, heute würde man sagen, Architekten und Künstler zu tun.

Zum Wesen des Kirchenbaus gehörte, dass er zwar viel Zeit in Anspruch nahm, aber irgendwann dann nun doch abgeschlossen wurde. Die deutlichste Unterscheidung zwischen den Handwerkern am Ort, organisiert in den Zünften, und den Steinmetzen in den Bauhütten an den Domen war, dass die Handwerker sesshaft waren wie die Bauern, wie die Fürsten. Man war sesshaft. Anders die Steinmetze, die Maurer, die Künstler der Hütte; sie zogen weiter zu weiteren großen Projekten des Kirchenbaus. Diese Migration erzeugte das Selbstbewusstsein, dass man vor allem sich selbst verantwortlich sei, nicht der jeweiligen Kirche oder gar dem jeweiligen Fürsten.

Es gibt die Nebenform der Migrationsbereitschaft innerhalb der Zünfte, dass man von dem ausgebildeten Lehrling ein Wandergesellentum erwartete, das ihn verpflichtete, andere Länder, andere Sitten, vor allen Dinge andere Fertigkeiten kennenzulernen, um mit diesem Wissen zurückzukehren. Aber dieses Wandergesellentum war lediglich ein Ausflug aus der Sesshaftigkeit. Und die Schiffe der Hanse legten in London wie Riga an, aber dort auch an den eigenen Stapelhöfen, und waren gedacht als Heimkehrer. Die Hanse plünderte die Welt, aber sie baute nichts auf.

Im ganz originären Sinne nicht an den Ort gebunden, nicht mal an die Gesetzlichkeit des Ortes, nicht an die Beschränkungen des Geistes des Ortes gebunden, nicht an den örtlichen Glauben gebunden, sondern Herren ihrer eigenen Fertigkeit waren die Hütten, die einer Migration frönten, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.

Geometrie war ein intellektueller Eckpfeiler der Profession. Heute würde man von Statik oder Architektur reden. Es gab aber auch soziale Eckpfeiler wie ein geregeltes Lohnsystem, Tarifverträge also, die an den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten gebunden waren. So bekam der Steinmetz, der das Laub zu meißeln hatte, eben 2 Pfenning mehr als jener, der die Quader fertigte. Es gab eine Krankenversicherung, eine frühe Form der Hinterbliebenenfürsorge, die im Erwerbsunfähigkeits- oder Todesfall soziale Sicherung versprach und über allem eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich nicht dem Willen der Bauherren unterstellte. Dass all dies nicht ohne Spannung zum Umfeld wirken konnte, ist evident.

Der Bergbau hat solche Organisationsformen der Moderne in der Knappschaft hervorgebracht: vor 750 Jahren. In der Kaiserpfalz Goslar, die schon stand, als Amerika noch nicht mal entdeckt war, findet sich heute ein Gedenkstein an die 750jährige Tradition der Knappschaft als professionelle Selbstorganisation. Übrigens eine Gedenktafel an einen großen Gesteinsbrocken, der erkennbar Erz enthält. Das Montanwesen gründet auf der Fähigkeit, in der Verhüttung das Erz vom Stein zu trennen.

In den Hütten wurde nicht nur Arbeit verwaltet, Lohn ausgezahlt und Recht gesprochen, man erzählte sich auch die Geschichten der eignen Bedeutung. Dabei griff man weit in die Tradition zurück und erinnerte sich der Mythen um den Tempel Salomons als Beispiel des ersten großen Projektes der Baumeisterei. Diese Mythen wanderten mit den Maurern an die Orte der Migration und nahmen dort die Einflüsse des Judentums, der Christenheit wie des Islam auf. In deren Gottesbegriffen fanden sie immer wieder den einen, einen großen Baumeister vieler Welten.

Die Moderne hat Migrationshintergrund, sie war in den Reihen der Steinmetzbruderschaften gut aufgehoben.

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