Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
Steinmetzzeichen

Für viele Menschen sind Rituale nur noch verstaubte Handlungen, die für sie belanglos und unglaubwürdig geworden sind. Das trifft auf uns Freimaurer keinesfalls zu, denn unsere Zunft lebt vom und mit dem Ritual. Es ist gewissermaßen die conditio sine qua non, also eine Bedingung, ohne die die Freimaurerei ihrer Grundlagen beraubt wäre.

Rituale können Kräfte wecken, vor allem aber Identität stiften. Sie schaffen deshalb Mut und Motivation für eine je eigene Lebensgestaltung sozialer Gruppen im Sinne humanistischer Ideale wie es bei uns Freimaurern der Fall ist. Dazu bedarf es jedoch eines kritischen Bewußtseins, das Faktenwissen ebenso voraussetzt wie die Fähigkeit, die eigenen Lebensformen zu hinterfragen.
Im Ritual werden die Rhytmen von Raum und Zeit nachvollzogen und im menschlichen Erleben und Handeln abgebildet und zwar auf individueller wie sozialer Ebene.

Was also ist Ritual im ureigensten Sinne? Nun, es ist zuerst Inszenierung gegen den Zufall, dann aber auch Einordnung bis hin zum Zwang. Es ist aber auch Erschaffung von Sicherheit und Gewißheit, die dann im Vollzug des Rituals gewohnheitsmäßig wird. Indem nämlich das Ritual vollzogen wird, zerfällt das sonst gewohnte Leben nicht mehr in unzusammenhängende Momente, sondern es strukturiert das Leben durch ständige Wiederholung zu einer gesetzten Gesetzmäßigkeit. Unsere personale Identität, nämlich unser Bewußtsein, Freimaurer zu sein, muß durch das Ritual daher immer wieder stabilisiert werden.

Rituale heben sich vom Alltagsleben ab und unterbrechen den Zeitfluß und das Raumgefühl durch Verschiebung des raumzeitlichen Erlebens in eine Ausnahmesituation. Indem Rituale die Gewohnheit im Leben unterbrechen, durchbrechen sie den Alltag jedes Individuums, mithin auch unseren Alltag und setzen damit eine je eigene Zeit. Dadurch wird ein Verfremdungseffekt erzielt, es wird durch das Ritual räumlich und zeitlich ein anderer Erlebnisraum geschaffen. D.h. Sinn und neue Sinnebenen werden nicht abstrakt, sondern konkret und körperlich erlebbar und zwar in Gemeinschaft. Dieser andere Erlebnisraum stiftet Gemeinschaft durch eine Identifizierung, die wiederum neue Identität ermöglicht. Rituale wirken also sozial identitätsstiftend insofern, als sie diejenigen ausgrenzen, die nicht zur Ritualgemeinschaft gehören. Sie sind also in ihrer Wirkung ambivalent, d.h. sie stiften einerseits Gemeinschaft, andererseits grenzen sie diese Gemeinschaft von anderen ab.

Interessant ist auch die Frage, ob Rituale nur als wiederholte und dauerhafte Inszenierung von Identitätsstiftung zu verstehen sind oder müssen manche Rituale als versteckte oder offene Zwangshandlungen interpretiert werden. Die Antwort auf diese Frage ist ebenfalls ambivalent. Zunächst erzeugen Rituale psychologisch einen Freiraum, da der Zwang zu Entscheidungen zeitweise aufgehoben wird, z.B. während der Tempelarbeit. Das Ritual gibt die Abläufe vor und der Bruder wird entlastet, wenn er sich rituellen Abläufen unterwirft. Und hier wird die ambivalente Situation deutlich, indem sich jeder Bruder durch
die Unterwerfung unter das Ritual frei von Entscheidungen weiß. Das Bewußtsein kann sich dann im Rahmen des rituellen Geschehens auf sich selbst zurückziehen, ohne dass es fortlaufend Alternativen abwägen und entscheiden müßte. Diese Feststellung gilt insbesondere für die Brüder in der Kolonne.

Der andere Aspekt dieser ambivalenten Situation ist der Preis für die eben genannte Freiheit. Der Preis ist die Unterwerfung unter die Autorität des Rituals, d.h. Abweichungen oder unzulässige Unterbrechungen des Rituals werden missbilligt und stören letztlich den rituellen Ablauf.

Symbole

Die Freimaurerei lebt auch von und mit Symbolen. Symbolisierung ist die Leistung des menschlichen Denkens schlechthin, denn sie ist das, was Kultur ermöglicht. Im Symbol schafft sich der Mensch einen Abstand zu seiner Gemütsverfassung, weil eine Abstraktion von Sinneseindruck möglich ist. Um die Orientierung wie auch die Verallgemeinerung von Ereignissen rituell zu repräsentieren, bedarf es der Symbole. Dadurch wird das gewohnte Ereignis oder der alltägliche Gegenstand in einen umfassenden Rahmen gestellt.

Symbole und deren Verknüpfung zu Systemsymbolen bauen also Strukturen und Ordnungssysteme auf. Sie bilden daher einen erkenntnismäßigen und emotionalen Rahmen, indem die kontingenten, d.h. zufälligen Erlebnisse eingeordnet werden können. Daraus ergibt sich dann das, was wir Sinn oder Sinnstiftung nennen. Denken wir in diesem Zusammenhang an die drei wesentlichen Symbolgegenstände unserer Zunft, nämlich die – drei großen Lichter – als da sind: die Bibel, das Winkelmaß und der Zirkel. Welchen Sinn verkörpern sie in der Freimaurerei? Sie bilden die unverrückbaren Grundlagen der Freimaurerei. Ohne die drei großen Lichter auf dem Altar, der selbst schon symbolische Bedeutung vermittelt, ist eine Loge nicht zur Arbeit eingerichtet.

Durch Symbolisierung wird der aktuelle und potentielle Erlebnisraum in einen Rahmen gestellt, der Sinn ermöglicht, nämlich eine Ordnung, die sinnvolles Leben vorgibt. Solche Ordnungssysteme sind dem Einzelnen durch Tradition vorgegeben. Aber, sie sind nicht einfach nur da, sondern sie sind das Resultat kultureller Inszenierungen.

Mythos

Die narrative, d.h. die erzählerische Form solcher kulturellen Inszenierungen ist der Mythos, auf den die Freimaurerei ebenfalls nicht verzichten kann. Unter dem Begriff Mythos verstehen wir ganz allgemein Vorstellungen und Konzepte in Kulturen, die erzählerisch und begrifflich empirische, d.h. erfahrene Beobachtungen und imaginäre Deutungen so verknüpfen, dass Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn interpretiert werden. Einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht.

Damit vergegenwärtigt der Mythos narrativ die im Ritual repräsentierte Ordnung. Es sei hier nur beispielhaft an den mythisch verklärten Salomontempel hingewiesen, mit dem wir Freimaurer bestimmte Vorstellungen verknüpfen.

Ich fasse zusammen: Rituale, Symbole und Mythen sind die für Freimaurer bestimmende Elemente. Sie inszenieren für uns einen Sinnzusammenhang, um auf das Ganze zu verweisen. Sie zelebrieren das Erlebnis von Sinn, eines Sinnes, der sich in dem freimaurerischen Ideal von Humanität offenbart.

Über Hans-Jürgen Wegmann

Diplomkaufmann (FU- Berlin) und Magister der Theologie (evangelisch) LMU -München. Seit 2007 Mitglied der Loge Rose im Alpenland in Garmisch-Patenkirchen

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3 Antworten auf Rituale, Symbole und Mythen

  • Ein frm. Ritual kann eine Gemeinschaft in der mythischen Raum- und Zeitlosigkeit bewirken mit den Brüdern im Tempel, mit einer empfundenen Weltbruderkette, die alle Menschen einschließt, und mit dem Höchsten. Im Idealfall vereinigt das Ritual den Mikro- mit dem Makrokosmos: das transzendente, schöpferische und regulative Prinzip mit dem empirischen Prinzip.
    Ohne persönliches Erleben können diese Aussagen m.E. nicht verstanden werden.

  • Danke Ulrich ! Das hat mich als fremder der freimaurerei verstört ! Die Bibel einzig und allein zu nennen war so denke ich nicht die richtige Wahl ! Danke für den informativen Beitrag ! Ich freue mich immer aufs neue bei jeden Newslettern über solche Beiträge zu stolpern

  • Lieber Bruder Hans-Jürgen,
    Ritual und Symbole sind wichtige Aspekte unserer maurerischen Arbeit – schön, dass Du sie uns hier noch einmal darlegst. Allerdings wundere ich mich darüber, dass bei Dir die Bibel eines der drei grossen Lichter darstellt. Für mich ist es eindeutig das Buch des heiligen Gesetzes – und das muss in unserer humanitären Freimaurerei nicht zwangsläufig eine Bibel sein! Das wäre für mich als Agnostiker auch durchaus ein Problem.
    Herzlich und brüderlich
    Ulrich

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