Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
Schiller-Statue in WIesbaden

Schiller-Statue in WIesbaden

Die nachfolgende Zeichnung (Vortrag während eines freimaurerischen Rituales) wurde am 8. Januar 2016 in der Loge „St. Alban zum Æchten Feuer“ in Hoya gehalten. Das Manuskript wurde für die wörtliche Rede im kleinen Kreis konzipiert, für die vorliegende Fassung wurden nur kleinere Anpassungen vorgenommen. (Anm. d. Red.)

Es war einmal vor einigen Jahren in der Loge. Da kam das Gespräch auf Schillers „An die Freude“. Ein Bruder meinte: „Elysium habe ich nachgeschlagen, das ist so eine Art griechisches Paradies. Aber sonst kann ich mit dem Text überhaupt nichts anfangen!“ Ein anderer Bruder meinte: „Schillers Hymne An die Freude – das wäre doch einmal ein Thema für eine Zeichnung.“ Also kommt hier eine kurze Einführung.

Nun kann man ja sagen: „Was geht uns der alte Schiller an!“ Und dann noch dieser teilweise unverständliche Text. Wer so denkt, muss einfach weghören! Aber immer wieder ertönt Beethovens Neunte mit dem herrlichen Gesang. Da will man doch wenigstens etwas verstehen. Außerdem geht es dabei um Werte, Verhaltensweisen und Gefühle,die auch heute noch bedeutsam sind. Nur damals hat man das anders ausgedrückt; das gilt besonders für Schiller. Und dann die vielen Bezüge zur Freimaurerei. Da wird man doch neugierig! Obwohl ich hier nur eine Verbindung zur Freimaurerei in den Mittelpunkt stelle.

Nun werde ich weder den ganzen Text vortragen noch alles erklären, das verbietet sich bei 16 Strophen, die aus 96 Versen bestehen. Das verbietet sich natürlich im Hinblick auf das Brudermahl,das sonst ausfallen würde.

Das Lied ist gegliedert in Vorsängerteile, also für einen Solisten (8 Strophen aus 8 Versen, das sind schon mal 64 Verse), und in Chorgesänge (8 Strophen aus 4 Versen, noch einmal 32 Verse). Diese Solo- und Chorstrophen wechseln sich ganz regelmäßig ab. Und natürlich hat auch Beethoven in seiner 9. Sinfonie – übrigens die einzige Sinfonie, in der gesungen wird – nur einen Teil des Schillerschen Textes übernommen. Und er hat die Solo- und Chorpartien auch anders kombiniert. Ich wähle für meine Einführung nur 5 Strophen aus, insgesamt 28 Verse.

Wie ist diese Hymne eigentlich entstanden? Schillers Hymne „An die Freude“ ist eine Auftragsarbeit. Das kann man so sagen. Auftraggeber ist Christian Gottfried Körner, dem Schiller 1785 in Leipzig begegnet ist. Das ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Körner lebt in gesicherten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, hat Jura studiert, promoviert, sich habilitiert, ist seit 1784 an der Landes-Ökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation in Dresden tätig. Wir würden heute sagen: Sein Arbeitsplatz ist das sächsische Wirtschaftsministerium. Daher ist er auch in der Lage, den meistens klammen Schiller immer wieder finanziell zu unterstützen. Körner ist außerdem umfassend gebildet, musiziert, komponiert und schätzt besonders die Sturm-und-Drang-Literatur. Das hat ihn auch zu Schiller geführt. Weiter ist Körner – das dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen – Mitglied der Leipziger Loge „Minerva“, später der Dresdener Loge „Zu den drei Schwertern“.

Wir dürfen uns folgendes Gespräch vorstellen. Sehr ungewöhnlich ist dabei, dass Körner Schiller schon bald das freundschaftliche Du angeboten hat. Also beginnt Körner nicht: „Sehr verehrter Friedrich Schiller, wir haben da eine Bitte“, sondern: „Lieber Fritz, wir haben da in unserer Loge ein Problem. Die Lieder, die wir in der Loge singen, sind vom Text her nicht nur unpassend und langweilig, sondern geradezu saft- und geistlos. Die passen überhaupt nicht in unsere euphorische Stimmung. Wir brauchen dringend für unsere Loge ein Lied, das die freudige, erhabene, freundschaftliche Atmosphäre wiedergibt, die am Ende der Tafel zwischen uns Brüdern herrscht! Schreib uns mal was mit Gefühl und Power!“ Schillers Antwort müssen wir jetzt nicht erfinden; denn wir wissen: Er hat dieses Lied geschrieben. Und es muss in einer euphorischen Stimmung entstanden sein.

Schiller fühlt sich bei Körner in Dresden wohl, er hat Freunde gefunden, und durch Körners Freundschaft auch eine existenzielle Sicherheit. Da ist die Rede „vom stolzen Gebäude einer Freundschaft, die vielleicht ohne Beispiel sei, vom Glück unserer wechselseitigen Vereinigung und dass der Himmel in unserer Freundschaft ein Wunder gethan habe.“ (Brief Schillers an Körner 1785; Damm, S. 68). In solch einer glückseligen Stimmung ist Schillers „An die Freude“ entstanden.

Sigrid Damm schreibt in ihrer Schillerbiographie (S. 68): „Ein trunkener Freundschaftskult. Die Stilisierung der Freundschaft zur Religion.“ Als Beleg zitiere ich gleich die ganze 3. Strophe:

„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur e i n e Seele
S e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“

Das war ein Vorgriff auf den Text, noch haben wir die Hymne ja gar nicht erscheinen lassen. Sie wird 1786 mit der Musik von Körner veröffentlicht als „Ein Rundgesang für freye Männer von Friedrich Schiller“.

Moment, jetzt muss ich unterbrechen. 1786, da war doch was! Wenn ihr alles vergesst, was ich hier erzähle, das bleibt euch hoffentlich im Gedächtnis: 1786 wurde Schillers „An die Freude“ veröffentlicht, und in dem Jahr wurde unsere Loge gegründet. 1786 starb Friedrich der Große. Und 1789 beginnt die Französische Revolution, das sage ich nur zur historischen Einordnung.

Nähern wir uns nun diesem erhabenen Gedicht: „An die Freude“. Beginnen wir mit dem Anfang:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.“

Die Überschrift „An die Freude“ zeigt uns, dass Schiller sich zunächst an die Freude wendet. Da wird also die Freude direkt angesprochen, als sei sie ein Gegenüber, eine Person. Also: „Du Freude!“ Halt, nicht ganz richtig! „Du Freude“ ist zu wenig! Zwar wird die Freude direkt angeredet, aber sie steht uns nicht gegenüber, sie schwebt erhaben über uns. Also verbeugen wir uns und denken: „Sehr ehrwürdige Freude!“ Und damit blicken wir in die Sphären, in denen Schiller die Freude thronen lässt: „Götter, Elysium, Himmlische, Heiligtum!“ In nur 4 Zeilen eine solche Anhäufung von überirdischen Attributen! Man könnte kritisch anmerken: „Er übertreibt!“ Aber damit wird man einer Hymne nicht gerecht, nicht mit einem nüchternen und kritischen Blick. Denn die Hymne will verherrlichen, Festlichkeit, Würde und Gefühlstiefe ausstrahlen, und sie gibt sich pathetisch, enthusiastisch, erhaben. Vielleicht haben wir deshalb so Schwierigkeiten mit Schillers Text, vertritt sie doch ein Lebensgefühl, das uns fremd ist. Und hinzu kommt die Wortwahl, die dieser Absicht angemessen ist und aus einer anderen Zeit stammt. Da haben wir zuerst den „Götterfunken“. Das Wort ist mir sonst noch nirgends begegnet. Aber in diesen Begriff kann ich mich hineindenken: ein Funke, der von den Göttern ausgesandt wird. Dadurch erhält er Kraft, Gewalt und Macht und springt in uns ein, versetzt uns in einen Freudentaumel, macht uns „feuertrunken“. Unser Glück: es ist ein schöner Funke! Die Freude, eine Tochter aus Elysium, also eine Tochter des Paradieses, eine Tochter der vollkommenen Glückseligkeit! Die Freude wird weiter als Himmlische bezeichnet, und ihr Reich ist ein Heiligtum.

Und weiter dichtet Schiller:

„Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Bei diesen Versen ahnen wir schon, was Schiller meint: Die Menschen, die gemeinsam in den Zustand der Freude fallen, verhalten sich unter einander wie Brüder (und Schwestern). Sichtbares Zeichen: Sie umarmen sich! Oder gratulieren sich mit einem Händedruck. Beispiele: Fußballfans, wenn ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat. Das war jetzt sehr profan! Schon besser: Prüflinge, die gemeinsam eine Herausforderung bestanden haben. Noch besser: Brüder in der Loge, die eine würdige Tempelarbeit erlebt haben. Das gemeinsame Erlebnis der Freude eint: Die Personen verhalten sich brüderlich.

Aber da war von der „Mode“ die Rede. Das irritiert uns heutzutage. Die Mode soll die Menschen getrennt haben? Was trennt und trennte Menschen? Es sind die Standesunterschiede, die gesellschaftliche Stellung, unterschiedliche Bildung, arm und reich. Das sind die Schranken zwischen Menschen. Im Zustand der Freude verschwinden sie. Der Zauber der Freude lässt die Unterschiede nichtig werden, der sanfte Flügel der Freude glättet alles. Die trennende „Mode“, also die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Gewohnheiten werden bedeutungslos. Während Schiller am Anfang auf die Gewalt der Freude hinweist durch „Götterfunken“ und „feuertrunken“, erscheint auch hier die andere Form der Freude: eine gemäßigte, ruhige Art, angedeutet durch den „sanften Flügel“, der die Unterschiede glättet.

Das war jetzt die erste Strophe, die aus 8 Versen besteht. An diese erste Strophe schließt an eine Strophe aus 4 Versen. Das ist der Text für den Chorgesang, der sich an den Sologesang anschließt. Aber hören wir die Strophe doch selbst:

„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“

Ging in der ersten Strophe die Anrede an die Freude, so wendet sich Schiller jetzt an die Zuhörer, an die Leser, an die Menschen, ja, an die ganze Menschheit. Mit dem „Seid umschlungen“ tritt der Dichter selbst auf. Er möchte, von der verbindenden Freude erfüllt, alle umarmen, und die Chorsänger handeln danach: „Seid umschlungen Millionen!“ Damit wird die Aussage „Alle Menschen werden Brüder“ der ersten Strophe aufgegriffen und in eine Aufforderung umgewandelt.

Genug vom Anfang dieser Hymne, ich springe sofort zum Schluss des Textes. In den letzten vier Strophen wird deutlich, dass es sich um ein Trinklied handelt, zum Beispiel:

„Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist!“

Und die letzte Strophe:

„Schließt den heil´gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!“

So endet das Lied, das Schiller für seinen Freund Körner dichtete, für die Loge.  Manfred Mai kommentiert in seiner Schillerbiographie (S. 129): „In dieser Hymne, die durch Beethovens Musik um die Welt getragen wurde und wird, findet sich alles, was den jungen Schiller ausmachte: Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ebenso wie der Wunsch nach Kraft und Größe, um die hohen Ideale von einer brüderlichen Welt verwirklichen zu können.“ Der Zusammenhang zur Freimaurerei wird nicht erwähnt, auch nicht in Sigrid Damms Schillerbiographie.

„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ — mit seiner Begeisterung strahlt Schiller ein „Æchtes Feuer“ aus.

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2 Antworten auf Schillers Ode an die Freude — eine Annäherung

  • Mich erfüllt die Schiller-Ode
    Mit bewunderndem Elan,
    Dass ich meine Seele rode
    Frei von Unkraut, rein und plan!

    Ja, wenn diese meine Seele
    Sich erhebt mit freudger Kraft,
    Der ich mich ganz anempfehle,
    Hat das Schillers Text geschafft!

  • Alle Menschen werden Brüder …

    Eine große Hoffnung,
    an der sich über alle Auffassungen, Anschauungen, Richtungen, Positionen hinweg, auf der Basis von aufrichtiger Mitmenschlichkeit und nachsichtiger Nächstenliebe gemeinsam arbeiten lässt.
    Eine große Verpflichtung,
    aufzustehen, nicht zu schweigen, wenn
    Hass und Hetze von vielen Seiten beginnen, die Größe dieser Worte zu vernebeln.

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