300 Jahre Freimaurerei und der Blick nach vorn

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Foto: fotolia / Rafael Ben-Ari

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300 Jahre Freimaurerei sind nicht nur ein Anlass, auf die Geschichte des traditionsreichen Bundes zu schauen, sondern gebietet auch einen Blick auf die Zukunft. Der Großmeister Stephan Roth-Kleyer unserer Großloge hat sich dazu mehrfach geäußert. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge von Ansprachen bei Logen in Frankfurt und Hamburg.

Des besseren Grundverständnisses wegen möchte ich Euch zunächst meinen Blick auf unsere humanitäre Freimaurerei, ganz allgemein und sehr kurz gehalten, öffnen. Ich nehme an, meine Sichtweise ist mit Eurer Sichtweise identisch, zumindest gibt es Schnittmengen. Anschließend werde ich kurz- bis mittelfristige Ziele und Perspektiven vor dem Hintergrund des Jahres 2017, vor dem Hintergrund des 300-jährigen Jubiläums der organisierten Freimaurerei aufzeigen.

Die Freimaurerei ist eine weltweite Bewegung in allen demokratischen Gesellschaften. Das ist Fakt und unstrittig. Unsere humanitäre Freimaurerei versteht sich noch immer, und das über mindestens 300 Jahre, als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft. Hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen.

Die Kernfrage ist: Wofür steht Freimaurerei? Die Antwort lautet sehr kurz gefasst: Freimaurerei ist ethische, ist soziale, ist integrative Praxis, nicht Theorie. Die Freimaurerei ist ausschließlich auf das Diesseits bezogen. Sie verliert sich nicht in spekulativem, theosophischem oder okkultem Gedankengut. Vor allem ist sie nicht auf das alleinige eigene Wohl hin ausgerichtet. Freimaurerei kann unseren Brüdern vieles bieten, was sie ansonsten so nicht erlangen und erfahren könnten. In unseren Logen werden unterschiedliche Menschen zusammengeführt und leisten gemeinsam miteinander Großes.

Freimaurerei definiert sich nicht nur über Menschen hoher politischer, gesellschaftlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung. Freimaurerei macht vor allem aus, dass sie als Baustelle der Persönlichkeitsbildung das lebt und umsetzt, was in den „Alten Pflichten“ von 1723 unter anderem als Zweck und Aufgabe einer Loge benannt ist: Männer zusammenzuführen, die sich ansonsten im Leben nie begegnet wären. Das umschlingende Band, das diese heterogene Bruderschaft zusammenhält, das bezeichnen wir mit dem Begriff Brüderlichkeit.

Freimaurerei ist ethische, ist soziale, ist integrative Praxis, nicht Theorie

Stephan Roth-Kleyer

Künftig werden wir intensiv daran weiter arbeiten, uns von den schlechten Märchen und schlimmen Mythen, die uns noch immer nachhängen, aktiv zu lösen. Das wird uns erstens helfen, unsere Bedeutung offensichtlicher zu machen und zweitens unsere Attraktivität für neue Mitglieder zu stärken. Wir werden über unsere in der Aufklärung und dem Humanismus verankerten Traditionen verstärkt informieren. Und wir werden uns den Fragestellungen, die wir an uns selbst haben, und denjenigen die, die die Gesellschaft an unsere humanitäre Freimaurerei hat, stellen müssen. Unser Blick sollte zunehmend in die Zukunft gerichtet sein.

Künftig werden wir intensiv daran weiter arbeiten, uns von den schlechten Märchen und schlimmen Mythen, die uns noch immer nachhängen, aktiv zu lösen.

Stephan Roth-Kleyer

Damit verbunden werden wir, das heißt, werden unsere Logen und die Großloge mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit darüber informieren, was uns und der Gesellschaft die Freimaurerei heute zu sagen hat und künftig zu sagen haben wird. Mit diesen Themen gilt es sich intensiv auseinanderzusetzen. Das muss das Ziel der nächsten Jahre sein.

An dieser Stelle will ich jetzt auf kurz- bis mittelfristig zu erstrebende Ziele für unsere Logen und damit verbunden auch für unsere Großloge verweisen. Unser Ansinnen, und das ist als Apell zu werten, muss es insgesamt sein, zunehmend gesellschaftlich relevant zu werden. Ich wiederhole es gerne unmittelbar nochmals: Unser mittelfristiges übergeordnetes Ziel ist: „Wir müssen den Weg mehr in Richtung Mitte der Gesellschaft gehen.“ Darin sind wir uns wohl einig.

Dazu will ich einige Teilziele benennen, die das soeben formulierte übergeordnete Ziel „mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft“ unterstützen und operationalisierbar machen sollen. Auch diese Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Priorität. Unsere kurz- bis mittelfristigen Teilziele lauten (aus meiner Sicht) stark verkürzt:

  • Die GL der AFuAMvD, wie auch unsere Tochterlogen verfolgen auch weiterhin hohe humanitäre Ziele als Wertegemeinschaft.
  • Wir bieten unseren Brüdern, unterschiedlicher Berufe, Religionen, Nationalitäten, unterschiedlichen Alters einen “geschützten Raum, das sind unsere Logen”. Dies, um gemeinsam Gedanken und Informationen auszutauschen, Zusammenhänge zu erkennen, an sich selbst zu arbeiten und sich frei Meinungen zu bilden.
  • Wir bieten Raum und Gelegenheit zum offenen Meinungsaustausch. Das kann am Ende auch der Meinungsbildung des Einzelnen dienlich sein.
  • Wir bemühen uns damit auch um die geistige Entfaltung und ethische Entwicklung der Brüder.
  • Wir schaffen Gelegenheiten für Geselligkeit und Freundschaften.
  • Wir bieten Chancen und Raum, zur Orientierung in der komplexen Entwicklung der Digitalisierung der Umwelt (Stichwort Großlogentreffen 2015, Osnabrück mit dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“). Wir bieten Chancen und Möglichkeiten, zur Orientierung in der Zeit des zunehmenden Populismus, des wachsenden Nationalismus und der Globalisierung, sowie vor dem Hintergrund weiterer politischer und kultureller weltweiten Veränderungen.
  • Wir Freimaurer befassen uns durchaus mit aktuellen kulturellen und politischen Themen, das jedoch ergebnisoffen, das jedoch ohne Dogma, das ohne Streitgespräche.
  • Unsere Logen legen bei der Auswahl ihrer Mitglieder weiter oder besser noch zunehmend Wert auf Qualität, so auf z. B. auf die Attribute Ritualfähigkeit, auf die Werteüberzeugung, auf Verhaltensqualitäten. Diese Qualitäten lassen sich durch geeignete Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung steigern. Das ist mir persönlich ein wichtiges Ansinnen.
  • Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen. Lasst uns auch sozial und im weitesten Sinne gesellschaftlich (so auch mit anderen Trägern / Vereinigungen) zunehmend aktiv sein und werden. Hierzu fordert unser Ritual recht deutlich auf. Denkt dabei zum Beispiel an den Satz: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst“.
  • Unsere Logen entwickeln sich weiter zu einem kalkulierbaren und bedeutenden Träger sozialer Werte in ihren Regionen. Auch das ist mir eine wichtige Zielsetzung, die es einzulösen gilt.
  • Unsere Logen bilden Plattformen für den kulturellen, geistigen und sozialen Austausch und initiieren entsprechende Projekte mit anderen Trägern in ihren Regionen.
  • Unsere Logen fördern die Freundschaften der Brüder untereinander und machen so aus Mitgliedern “Brüder” und „Freunde“.
  • Nationale und internationale Kontakte sind im Sinne der Weltbruderkette auszubauen und zu intensivieren. Das geschieht in enger Kooperation mit den Vereinigten Großlogen von Deutschland.
  • Jeder von uns, meine Brüder, ist Botschafter in Sachen Freimaurerei. Wir sollten, jeder einzelne von uns, als Imageträger in unserer Sache „Das Mehr“, das die Freimaurerei zweifelsohne zu bieten hat, „Das Mehr der Freimaurerei“ aktiv kommunizieren.

Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen.

Stephan Roth-Kleyer

Soviel zu den Zielen und Vorstellungen, die mir bei der Vorbereitung des heutigen Anlasses primär wichtige waren. Diese Teilziele bzw. Aufgaben sind ohne Zweifel zu ergänzen und weiterzuführen. Vor allem aber sollten sie soweit möglich umgesetzt werden.

Und vergesst es nicht liebe Brüder, Freimaurerei muss gelebt werden. Freimaurerei muss immer gelebt werden, ansonsten ist sie wirkungslos.

Soviel zu unseren künftigen Zielen und den daraus resultierenden Aufgaben für die nächste Zeit in Sachen „Schluss mit den Märchen und Mythen um die Freimaurerei“. Lasst uns daran arbeiten. Den Erfüllungsgrad und die Zeitachse bestimmt dabei jede Loge für sich.