Achtung: Denkfallen!

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Achtung: Denkfallen!

Von Dr. Ulrich Cichy

Foto: succo / Pixabay

In den Artikeln von uns Autoren in der „Humanität“, aber auch in vielen Zeichnungen und freimaurerischen Vorträgen tritt manchmal eine starke Gegenwartskritik hervor, die sich gerne am „Werteverfall“ entzündet und verschiedentlich bis an die Grenze des Kulturpessimismus geht.

Dies lässt mich neuerdings öfter an einen klugen älteren Herrn denken, der mich vor einigen Jahren auf einer Vortragsreise in Argentinien betreute. Er wurde 1920 in Essen geboren, sein Vater schaffte ihn 1938 aus Deutschland heraus, bevor die anderen Mitglieder seiner jüdischen Familie von den Nazis umgebracht wurden. Auf einer Schnellstraßenzufahrt von Buenos Aires, wo er trotz seines betagten Alters in flottem Tempo die kurze Verengung von bestimmt sechs auf zwei Spuren bewältigte, sagte er plötzlich, er verstehe uns Deutsche nicht. Wir hätten eine stabile Demokratie und lebten in einem wirtschaftlich beispielhaft prosperierenden Land. Aber statt in Ruhe und Selbstbewusstsein zu leben, befänden wir uns ständig in Unzufriedenheit und Selbstkritik. Damit würden wir Deutschen uns selbst und unserer Rolle in Europa und der Welt nicht gerecht. Nachdenklich stimmende Sätze, insbesondere vor seinem persönlichen und familiären Hintergrund. Und eine bemerkenswerte Analyse.
Für seine Gedanken gibt es viele Belege. Zumindest fehlt es unserem Land oft an kollektiven Selbstverständlichkeiten und einer gemeinsamen Idee von der Zukunft, einer „Vision 2040“. Stattdessen trifft man auf einen verbreiteten Skeptizismus und diskutiert schnell über das Trennende, vergisst das Verbindende. Und daran scheinen sich aus der Sicht des Verfassers dieser Zeilen auch freimaurerische Denker unwissentlich und sogar mit wohlmeinendem Anspruch zu beteiligen. Und deshalb die folgenden Thesen als Denkanstöße.

Jeder von uns hat in der Vergangenheit die Beurteilung der Welt gelernt und urteilt damit in der Gegenwart über die Zukunft
Es ist eigentlich eine Binsenweisheit, aber es wird nicht hinreichend ernstgenommen: Unser Handeln ist von den Erfahrungen und dem Lernen der Vergangenheit geprägt. So gibt es den Gedanken, dass Politik oft auf der Grundlage von Weltbildern handelt, die 15 Jahre zurückliegen. Politiker und Medienleute wurden in der Jugend geprägt und politisiert und passen sich vorstehender Überlegung nach nur zögerlich an die Entwicklungen an. Hieraus könnte man die Hypothese ableiten, dass sich z. B. die heutige Einwanderungs- oder die Europapolitik noch an den Fakten und Illusionen nach der Jahrtausendwende orientiert und deshalb ein unzureichender Gegenwartsbezug Freiraum für diejenigen mit den einfach-gefährlichen Antworten schafft.
Vorstehender Aspekt hat aber auch Bedeutung für diejenigen von uns, die sich aus freimaurerischer Perspektive den Problemen dieser Gegenwart widmen: Missbilligen wir Dinge nur, weil wir es „so nicht gelernt haben“ und es „früher anders war“ oder sind sie aus gutem Grund kritikwürdig? Konkret: Viele ältere Menschen stört z. B., dass junge Menschen im Alltag und gegebenenfalls sogar im selben Raum (im Wartezimmer des Arztes oder in der Kneipe) über SMS, Whats­App oder sonstige Plattformen des Internets kommunizieren, anstatt miteinander zu reden. Und das kritische Argument, dass dieses Verhalten nicht gerade die sprachliche und schriftliche Kompetenz fördere, scheint ja auch gerechtfertigt. Aber das „Schreiben statt Reden“ ist für diese Menschen gängige Praxis und findet in der nachwachsenden Gesellschaft vermehrt Verbreitung. Diese Auswirkungen einer „Smartphone-Epidemie“ (Manfred Spitzer) werden wahrscheinlich für die zukünftige Gesellschaft „normal“ sein. Solange die oder der Einzelne nicht einer „Smartphone-Sucht“ (Manfred Spitzer) erlegen ist, sollte man es deshalb wohl einfach nur hinnehmen.

Aber eines bleibt ein zeitloses Erfordernis: Das Gespür für Diskretion und Respekt vor den anderen Menschen. Digitale Medien untergraben das soziale Gefüge, wenn dort die Hemmungen vor Verletzung und Verleumdung fallen. An diesem Punkt erscheint das mahnende Wort immer als gerechtfertigt. Hier hat die Freimaurerei als „Diskrete Gesellschaft“ (Dieter A. Binder) eine Kernkompetenz: Wir wissen um die Bedeutung des Vertrauens und der Vertraulichkeit. Und wir sollten deshalb vielleicht weniger über den allgemeinen Werteverfall klagen, als ganz konkret zu benennen, wo die Digitalisierung z. B. durch Verlust an Vertrauen und Vertraulichkeit Gemeinschaften und Gesellschaften aufzulösen droht.

Das moralische Urteil ist häufig unfair

Oft wird die Beurteilung von Sachverhalten auch davon geprägt, dass jemand nur bedingt auf der Grundlage von Fakten, sondern vor allem im Sinne seiner Weltanschauung wertend urteilt – häufig aus Scheu vor der anderen Perspektive. Das moralische Urteil verhindert aber schnell den Diskurs auf Augenhöhe. Wer aus seiner moralischen Perspektive argumentiert, erhebt einen Wahrheitsanspruch, denn er weiß ja für sich per se, was richtig und was falsch ist. Es hat ihm seine Religion, seine Partei, seine Erziehung oder die von ihm wahrgenommene politische Korrektheit eingeflüstert. Gerne kommen dann Sätze wie: „Aber du musst doch verstehen, dass dieses oder jenes richtig oder falsch ist!“ oder: „Das ist nicht freimaurerisch!“
Fair und auf der Winkelwaage wäre stattdessen die offene Frage: „Warum sehen wir das so unterschiedlich?“ Und dann öffnete sich der Diskurs für einen sachlichen Austausch. Und er würde im modernen Sinne dem aufklärerischen Anspruch vieler Freimaurer genügen: Wir alle können uns irren und es gibt oft mehrere „Wahrheiten“ (Karl Popper).

Erinnert sei an den treffenden Satz: „Wir fürchten uns vor dem, was wir nicht verstehen“ (Dan Brown). Freimaurerisch orientierte Diskurse sollten deshalb wohl häufiger mit einer fragenden statt mit einer urteilenden Perspektive beginnen.

Kapitalismus-Bashing ist zu einfach

Die mangelnde Sorgfalt in der Urteilsfindung wird exemplarisch deutlich, wenn Begriffe, wie der vom „entfesselten Kapitalismus“, dem „die Wirtschaft unmenschlich machenden Neoliberalismus“, der „kapitalistischen Globalisierung“, dem „Konsumzwang“ und ähnliche populistisch benutzt werden, um das Bild einer ökomischen Zwangsjacke für die gesellschaftliche Entwicklung in den Raum zu stellen. Damit ist sehr schnell und zu einfach der Verursacher des angeblichen Werteverfalls benannt.

Damit begeben wir uns aber auch in einen Widerspruch, da sich Freimaurerei ja gerne als ein Träger der Aufklärung definiert. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Ein aufgeklärter Konsument liefert sich in diesem Sinne nicht abstrakten Mächten aus, sondern entscheidet bewusst, ob er durch den Kauf im Internet internationale Konzerne stärkt oder in den Laden an der Ecke geht. Und ein jeder Schnäppchenjäger weiß im Kern seiner Seele, dass bei einem zu günstigen Preis zumindest einer in der Produktions- und Lieferkette nicht den vollen Preis für seine Leistung erhält – etwa die mit einem Hungerlohn abgespeiste Näherin in Pakistan , oder unsere Umwelt auf der Strecke bleibt – etwa ein mit illegal entsorgten Gerbstoffen verunreinigter Fluss in Bangladesch. In seiner autonom-rationalen Entscheidung siegt der Egoismus über das Bewusstsein der Verantwortung.

Es gibt natürlich gute Argumente, die eine unzureichende ordnungspolitische Rahmensetzung z. B. für internationale bzw. digitale Großkonzerne und deren verschiedentlich kaltschnäuziges Verhalten gegenüber Konsumenten und sogar Staaten beklagen. Diese sind oft nur bedingt widerlegbar. Und es ist nachvollziehbar, dass in diesen Bereichen nur langsame Veränderungen eine schwer erträgliche und akzeptierbare Geduldsprobe darstellen.

Trotzdem ist die pauschale Kritik am Kapitalismus auch unfair gegenüber den vielen engagierten mittelständischen Unternehmen in diesem Land. Über 99 Prozent unserer Unternehmen gehören zum Mittelstand, werden zum großen Teil von mit ihrem privaten Vermögen haftenden Unternehmerinnen und Unternehmern geführt. In solchen Betrieben arbeiten fast 60 Prozent aller Beschäftigten und mehr als 80 Prozent der Auszubildenden (Quelle: ifm Bonn).

Diese Inhaber leisten oft noch einen zusätzlichen gesellschaftlichen Beitrag über ihr Unternehmen hinaus. So gibt es für das Handwerk in Nordrhein-Westfalen die Schätzung, dass der (Brutto-) Nutzen, den Unternehmerinnen und Unternehmer freiwillig in der Selbstverwaltung der Kammern und Fachverbände bzw. im Prüfungswesen erbringen, 2016 etwa 38 Mio. Euro betrug (Quelle: WHKT). Und darüber hinaus würde ohne das ehrenamtliche Engagement und die materiellen bzw. finanziellen Beiträge dieser Mittelständler so manche Freiwillige Feuerwehr, Kirchengemeinde, mancher Sportverein und auch die eine oder andere Freimaurerloge weniger gut dastehen.

Unser Potenzial ist der redliche Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs

Wenn wir Freimaurer uns die Frage stellen, wie wir konstruktiv auf die Zukunft der Gesellschaft einwirken können, dann haben wir zwei Potenziale: Einerseits unser humanitäres Handeln in der Gesellschaft, indem wir mit Geld und konkretem Tun zur Verbesserung der Lebensumstände von Bedürftigen beitragen. Andererseits sind es die geistigen Impulse, die wir der Gesellschaft geben. Logen sollten sich deshalb als intellektuelle Foren verstehen, in denen in qualifizierter Form über die Gegenwartsfragen gesprochen wird. Und wir, die das Privileg haben, mit dem gedruckten und dem gesprochenen Wort zur Meinungsbildung beizutragen, stehen damit in einer ganz besonderen Verantwortung.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.