Ansprache von Peter Lowndes in Hannover

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Peter Lowndes, Pro Grand Master im September 2017 in Hannover

Peter Lowndes, Pro Grand Master im September 2017 in Hannover

Bei der zentralen Feier der Vereinigten Großlogen von Deutschland in Hannover anlässlich 300 Jahre moderne Freimaurerei sprach der Pro Grandmaster der United Grandlodge of England, Peter Lowndes. Er hielt seine Rede auf Englisch, wir veröffentlichen eine Übersetzung der Vereinigten Großlogen.

“Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Großmeister, meine Damen und Herren, liebe Brüder,

ich freue mich sehr, an dieser besonderen Feier teilnehmen zu dürfen und übermittle die herzlichsten brüderlichen Grüße meines Großmeisters, seiner königlichen Hoheit des Duke of Kent.

Neben der Tatsache, dass wir in diesem Jahr den 300-sten Geburtstag der Gründung unserer Großloge begehen, ist es auch der 50-ste Jahrestag für seine königliche Hoheit im Amt des Großmeisters. Seine Installation war der Mittelpunkt der Feierlichkeiten rund um das 250-ste Gründungsjubiläum im Jahr 1967. In herausfordernden Zeiten für die Vereinigte Großloge von England waren sein weiser Rat und seine Führung ungemein wertvoll, und wir freuen uns auf die Zukunft unter seiner Anleitung.

Wir waren positiv überrascht und zutiefst erfreut über das große Interesse, das unsere 300-Jahr-Feier bei den 198 regulären Großlogen geweckt hat, die wir weltweit anerkennen. Uns hat die Tatsache gerührt, dass einige unserer Schwester-Großlogen, darunter auch Ihre, ehrwürdigster Großmeister, dieses Jubiläum als einen Meilenstein ansehen, und es durch entsprechende Feierlichkeiten in ihren jeweiligen Jurisdiktionen begehen. Wir freuen uns daher, viele Vertreter unserer Schwester-Großlogen am 31. Oktober begrüßen zu dürfen, wenn wir unser Großlogen-Jubiläum mit einer besonderen Zusammenkunft begehen.

Diese Zusammenkunft wird demonstrieren, wie universal die Freimaurerei ist und wie sie in Harmonie Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringt, ungeachtet ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer Politischen Überzeugung.

Was aber feiern wir? Heute ist weder der Anlass, noch haben wir ausreichend Zeit, die noch immer unbeantworteten Fragen zu erörtern, wann, wie, warum und wo die Freimaurerei ihren Ursprung nahm. Allgemein akzeptiert ist hingegen, dass Geburtsstunde und -ort der organisierten Freimaurerei auf den 24. Juni 1717 in London datiert werden, wo sich die Mitglieder von vier unabhängigen Logen in der „Goose and Gridiron Tavern“ in der Nähe von St. Pauls zu einer Großloge zusammenschlossen. Aus den anwesenden Stuhlmeistern wählten sie Anthony Sayer, als ihren Großmeister und ernannten zwei Aufseher.

Unglücklicherweise gibt es zunächst wenige Zeugnisse aus dieser ersten Großloge. Dies änderte sich erst mit der Ernennung eines Großsekretärs im Jahre 1723. Ab diesem Zeitpunkt wurden Protokolle der vierteljährlich stattfindenden Treffen der Großloge geführt. Ab 1720 haben wir Belege, dass diese Großloge als regulatorische Körperschaft tätig war. Die Ernennung des ersten ‚adligen‘ Großmeisters in 1721, des Herzogs John II. von Montagu, schuf eine gewisse öffentliche Wahrnehmung für die Freimaurerei, was eine steigende Anzahl an Logen zur Folge hatte. Um 1730 verzeichnete die Großloge rund 100 Logen in ihren Büchern. Sie hatte ihre Zuständigkeit auf die Provinz ausgedehnt und die Freimaurerei in Übersee etabliert, wie Logengründungen in Spanien und Kalkutta in 1729 belegen.

1725 folgte eine irische Großloge der englischen und 1736 wurden sie um die schottische Großloge ergänzt. Gemeinsam trugen, was wir heute „Home Grand Lodges“ nennen, die Freimaurerei in die Welt.

Tatsächlich spiegelt die Verbreitung der Freimaurerei im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert die Expansion des britischen Empire wieder. Ab 1730 entwickelte sich die britische Freimaurerei auf dem europäischen Festland durch die Bemühungen der Großmeister, welche zur Anregung dieses Prozesses „Provincial Grandmasters“ in verschiedenen Teilen Europas ernannten. Betrachtet man den Ort unseres Treffens kann man wohl von einem glücklichen Zufall sprechen, dass der erste Provincial Grandmaster, der 1730 für das europäische Festland berufen wurde, der Bruder Du Thom in Hannover war!

In England erschien 1751 eine Rivalin der 1717 gegründeten Großloge in London. Diese wurde betrieben von einigen irischen Freimaurern, denen der Eintritt in Logen, die unter der ersten Großloge organisiert waren, verwehrt worden war. Sie verstanden sich selbst als Bewahrer der alten Institutionen und beschuldigten die früheren Logen, von den originalen Prinzipien abgekommen zu sein.

Aus diesem Grund nennen wir sie heute die antiken Großloge. Die beiden rivalisierenden Großlogen existierten 60 Jahre lang Seite an Seite in Großbritannien und Übersee, ohne sich und ihre Mitglieder gegenseitig anzuerkennen. Am 27. Dezember 1813 besiegelten sie nach vier Jahren der Verhandlung ihre Zusammenkunft als „United Grandlodge of England“.

Diese Einigung war ein Wendepunkt in der englischen Freimaurerei. Man nutzte die Gunst der Stunde um eine Reihe von Standardisierungen einzuführen, die bis heute die Basis der Administration „of the craft“ und der Organisation der unterschiedlichen Ebenen bestimmen. Von 1813 bis 1950 wuchs die englische Freimaurerei daheim und im Ausland und wurde zu einem wichtigen Teil der englischen Gesellschaft.

Über Treffen wurde regelmäßig in lokalen und nationalen Zeitungen berichtet, außerdem erschienen ab 1870 wöchentlich zwei maurerische Zeitungen.

Mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, der durch die industrielle Revolution eingesetzt hatte und dem Wachstum der berufstätigen Mittelschicht, war die Mitgliedschaft in den Freimaurerlogen ein Symbol für den eigenen gesellschaftlichen Status. Deshalb war die englische Freimaurerei zu dieser Zeit eine sehr offene Einrichtung in England. Über Treffen auf unterschiedlichster Ebene wurde regelmäßig in lokalen und nationalen Zeitungen berichtet, außerdem erschienen ab 1870 wöchentlich zwei maurerische Zeitungen. Die Brüder erschienen damals in ihrer Regalia zu öffentlichen Prozessionen und Festem und oft wurden örtliche Bruder gebeten die Grundsteine für Gemeindehäuser, Kirchen und Monumente in einer freimaurerischen Zeremonie zu legen. Freimaurer waren damals also nicht nur in ihren Logen bekannt, sondern oft auch sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens.

Im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Europas hat die englische (und schottische wie irische) Freimaurerei keine Formen der Einmischung durch staatliche Wege gesehen, und war nie starken Gegenbewegungen ausgesetzt. Sie wurde als respektabler Teil der öffentlichen Lebens wahrgenommen, deren Mitglieder durch ihr soziales Engagement einen wichtigen Beitrag zur Wohlfahrt benachteiligter Mitglieder ihrer Gemeinden erbrachten.

Doch diese Wahrnehmung änderte sich in den 1930-ern als die faschistischen Regierungen Italiens, Spaniens und Deutschlands verstärkt anti-freimaurerische Propaganda verbreiteten. Die englische Freimaurerei kehrte sich weiter nach Innen während des Krieges und die mediale Aufmerksamkeit schwand. Nach dem Ende des Krieges, als die Zivilgesellschaft versuchte zurück zur Normalität zu finden, verblieb die englische Freimaurerei weiterhin in sich gekehrt und entzog sich der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Die Strategie, keine mediale Aufmerksamkeit zu suchen war zunächst die bevorzugte Politik. Doch in den 1960-ern und 70-ern wandelte sich die englische Medienlandschaft und nahm eine weniger respektvolle Meinungen gegenüber etablierten Organisationen ein. Aufgrund der zurückhaltenden Strategie der Großlogen trug die englische Regenbogenpresse über die Jahre dazu bei, dass Freimaurerei als ein weites undurchsichtiges Netz mafiöser Ausmaße wahrgenommen wurde, welches auf alle Aspekte des Lebens Einfluss nimmt.

Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt 1984, als einer dieser Journalisten ein Buch veröffentlichte, in dem erstmals alle Formen der Antifreimaurerei Einzug fanden. Während der darauf folgenden 18 Monate verging kaum ein Tag ohne Bericht über die Freimaurerei.

Mit großartiger Unterstützung des Großmeisters und des Board of General Purposes wurde das alte Programm revidiert und durch eine Informationskampagne ersetzt, die die Öffentlichkeit mit Fakten über die Freimaurerei ausstattete um den Gerüchten und Lästereien ein Ende zu setzen.

Dieser langwierige und schwere Prozess fängt nun an sich auszuzahlen. Die lokalen Medien berichten nun wieder über maurerische Veranstaltungen als interessante regionale Neuigkeiten. Die nationalen Medien ignorieren uns größtenteils, wobei wir dieses Jahr einige positive Berichterstattung in Print und Radio über unsere zentralen Jubiläumsfeiern verzeichnen durften. Zum Beispiel sendetet Sky Television im Frühjahr fünf observierende Dokumentarfilme über die Freimaurerei. Wir haben hierfür mit den Filmemachern zusammengearbeitet, wobei wir keine redaktionelle Kontrolle ausgeübt haben. Wir sind aber doch sehr zufrieden mit den Ergebnissen und den Filmen, die Sky einige hohe Einschaltquoten im Dokumentarbereich bescherten. Falls Sie noch keine Möglichkeit hatten diese Filme zu sehen, können Sie diese als DVDs mit Bonusmaterial jetzt auch käuflich erwerben.

Als älteste Großloge hat England die Aufgabe der Aufsicht über die maurerische Regularität übertragen bekommen. Wie die versammelten Brüder wissen, gibt es neben den durch uns anerkannten noch viele weitere Gruppierungen, die sich Großlogen oder Großoriente nennen, welche wir nicht anerkennen, weil sie sich nicht den grundlegenden Prinzipien und Grundsätzen der Freimaurerei verpflichtet haben. Sie sind in der Politik oder im Antiklerikalismus aktiv oder bestehen in einigen Fällen bloß aus Internetseiten, die nichtsahnenden Besuchern Geld abknöpfen.

Freimaurerische Internationale Beziehungen sind ein komplexes Thema, doch wo rechtmäßige Freimaurerei existiert glauben wir daran, dass sie unterstützt und angeleitet werden muss. Von Zeit zu Zeit wird uns vorgeworfen zu langsam an der Anerkennung neuer Großlogen zu arbeiten, doch wir glauben fest daran dass wir aufgrund unserer traditionellen Aufgabe verpflichtet sind Achtsamkeit walten zulassen.

Das Wiederaufblühen der Freimaurerei in den baltischen Nationen haben wir seit dem Fall des eisernen Vorhangs begrüßt. Des Weiteren schätzen wir die Freimaurerei im restlichen Europa als stark ein, allerdings stagniert ihr Wachstum. Traurigerweise verzeichnete die Freimaurerei in der englischsprachigen Welt (GB, Nordamerika, Australasien und Südafrika) in den vergangenen 30 Jahren eine Abnahme in den Mitgliederzahlen. Hierfür gibt es mehrere Gründe, manche sind freimaurerei-intern und andere begründen sich im gesellschaftlichen Wandel an sich. In England haben wir einiges daran gesetzt, dem Problem der abnehmenden Zahl an Neumitgliedschaften entgegenzuwirken. Wir glauben einige Erfolge darin verzeichnen zu können.

Es existiert wohl ein breites Interesse unter jungen Männern an mehr moralischem Beistand und einer ruhigen Mitte in der schnelllebigen sich wandelnden Welt. Neuerdings nutzen wir also mit einigem Erfolg unsere Internetseiten und elektronische Medien als Instrumente, um junge Männer zwischen 20 und 30 zu rekrutieren. Außerdem haben wir Universitätslogen eröffnet, durch welche nunmehr 63 Logen Neumitglieder durch die lokalen Universitäten akquirieren konnten.

Es wurde schon vielfach vorgeschlagen, dass wir uns radikal ändern müssten, um die Freimaurerei zu modernisieren. Einer unserer herausragenden maurerischen Geschichtswissenschaftler hat bei seinen Recherchen herausgefunden, dass die englische Freimaurerei sich seit jeher an die gesellschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Zeiten angepasst hat. Dieser Wandel vollzog sich manchmal kaum wahrnehmbar und manchmal durch exakte Planung. Er vollzog sich jedoch zu jeder Zeit nur in der äußeren Form der Freimaurerei und niemals in ihren grundlegenden Prinzipien.

Es ist unsere tiefe Überzeugung, dass die Fähigkeit zum Wandel ohne die wahre Natur der Freimaurerei zu verändern eine unserer größten Stärken darstellt und dass, wenn wir diesen schwierigen Balanceakt weiterhin meistern, die Freimaurerei überleben wird. Dann werden künftige Generationen an Freimaurern ihre Freimaurerei ebenso leben, wie wir es tun und wie unsere Vorgänger es die letzten 300 Jahre getan haben.

Im Rahmen unserer Pressearbeit sind wir in den vergangenen dreißig und mehr Jahren häufig gefragt worden, ob denn die Freimaurerei in der modernen Gesellschaft noch von Bedeutung ist. Unsere Antwort war stets ein entschiedenes ‚Ja‘. In einer dem konstanten Wandel unterworfenen und von Eigennutz geprägten Welt, in der alte Gewissheiten zu verschwinden scheinen, in der das Individuum den Vorzug vor der Gemeinschaft hat und öffentliche und private Moralvorstellungen einen Niedergang erfahren, hat die Freimaurerei mit ihren hohen ethischen Standards, ihrem Wertefundament und ihrem Einsatz für diejenigen, die Beistand bedürfen, eine gesellschaftliche Relevanz.

Wir glauben fest daran, dass es nicht die Freimaurerei selbst ist, die einen Einfluss auf die Gesellschaft hat, sondern das freimaurerische Individuum, das in seinen privaten und öffentlichen Kreisen den Prinzipien und Grundwerten der Freimaurerei Leben einhaucht.

Unsere Großloge erlebt zurzeit ein großartiges Jubiläumsjahr. Wäre es nicht eine spannende Vorstellung, bei unserem Festakt in der Royal Albert Hall einige der Brüder begrüßen zu dürfen, die seinerzeit am 24. Juni 1717 zusammenkamen, um diese Großloge zu gründen! In ihren kühnsten Träumen hätten sie sich nicht vorstellen können, was aus dieser Gründung einmal erwachsen würde. Die damals rund einhundert Brüder der vier Gründungslogen sind auf mittlerweile mehr als 200.000 Mitglieder in der United Grandlodge of England in ungefähr 8000 Logen angewachsen.

Seit diesem kleinen Anfang in London 1717 hat sich die Freimaurerei zu einer weltumspannenden Kraft entwickelt mit insgesamt nahezu fünf Millionen Brüdern. Dies ist wahrlich ein Anlass zum Feiern! Wir danken Ihnen, ehrwürdigster Großmeister und den Vereinigten Großlogen von Deutschland dafür, dass Sie diese Ansicht teilen und uns die Teilnahme an dem heutigen Festakt ermöglicht haben.”