Auf Liebe und Tod: Konzert im Lortzinghaus Osnabrück

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Der Pianist Florian Krumpäck und der Sänger Marek Kalbus im Lotzinghaus

Sänger Marek Kalbus und Pianist Florian Krumpöck begeisterten mit Liedern von Franz Liszt im Osnabrücker Logenhaus.

(Osnabrück/rm) Spätromantiker und Selbstdarsteller, Tastenlöwe und Megastar, katholischer Abbé und bekennender Freimaurer: Franz Liszt war vieles gleichzeitig. Eines war er nicht – ein Mann der leisen Töne. „Gestorben war ich vor Liebeswonne, begraben lag ich in ihren Armen“: Es sind Texte wie dieser von Ludwig Uhland, die den Komponisten, der vor allem mit prunkenden Klavierkonzerten und sinfonischen Dichtungen wie dem von den Nationalsozialisten missbrauchten „Les Préludes“ berühmt wurde, dazu drängten, Lieder zu komponieren. Liszts Lieder locken in einen Kosmos extremer Gefühle. Der Bassbariton Marek Kalbus und der Pianist Florian Krumpöck machten sich bei ihrem Konzert am Samstagabend im Lortzinghaus auf die Reise durch diese Welt wogender Emotion.

Dabei teilten die beiden Künstler den Abend in zwei Teile, die einander so spiegelbildlich entgegengesetzt waren wie die Leitbegriffe, die den Komponisten umtrieben: Liebe und Tod. Florian Krumpöck leitete das Programm solistisch ein – mit Liszts Transkription des „Liebestods“ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Darauf folgten Lieder, die Liebessehnen als Todeserfahrung reflektieren. Den Kontrapunkt setzte zu Beginn des zweiten Teils nach der Pause „O lieb so lang Du lieben kannst“ nach einem Text von Ferdinand Freiligrath, ein flammendes Bekenntnis zur Liebe als Inbegriff der Sehnsucht nach Zuneigung und Leben.

Franz Liszt hat sich von beiden Polen der Liebe aus in sein Liedschaffen wie in ein Meer brandender Klänge gestürzt. Sänger Marek Kalbus und Pianist Florian Krumpöck taten es ihm nach. Dabei agierten die Musiker expressiv und kontrolliert zugleich. Krumpöck spielte mit Finesse und fein dosiertem Anschlag, Kalbus sang ausdrucksstark und phrasierte zugleich geschmackvoll. Wenn es so etwas wie maßvolle Ekstase gibt – den beiden Musikern gelang diese heikle Balance im Lortzinghaus.

Dabei ging gerade Bassbariton Kalbus hohes Risiko. Für die zwei denkbar unterschiedlichen Hälften des Konzerts hatte er eine Fülle unterschiedlicher Klangfarben aufzubieten. Der Sänger bestand diese Probe auf seine Kunst bravourös und hielt sein Niveau auch gegen die Beeinträchtigungen durch eine Erkältung souverän. Glanzpunkte setzte er mit zwei Liedern nach Texten Goethes. „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“, das Lied des Harfners aus dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ interpretierte Kalbus höchst differenziert. Ob auffahrender Schmerz oder leise Resignation – der Sänger gestaltete beide Lieder als Gefühlsdramen en miniature differenziert durch und fand sich dabei von Pianist Krumpöck bestens begleitet.

Mit „Weimars Toten“ platzierten die Künstler den Umschlagpunkt des Programms geschickt direkt vor der Pause. Liszt feiert in diesem kurzen Lied, in dessen Text sich Goethe auf Morgenröte reimt, die Größen der Weimarer Klassik als Künder einer neuen Zeit. In diesem Sinn ging es durch die zweite Hälfte des Abends wie durch eine ganz andere Welt euphorischer Gefühle. Liebe als Inbegriff des Lebensglücks – alle Lieder, die Kalbus und Krumpöck nach der Pause sangen, entführten die Zuhörer in Sphären euphorischen Lebensgenusses.

Dabei folgte die Regie des Programms nicht einfach dem Prinzip schlichter Spannungssteigerung. Kalbus und Krumpöck unterlegten die Dramaturgie ihres Auftritts auch mit einem subtil angedeuteten freimaurerischen Programm. Sie nahmen ihre Zuhörer mit auf einen Weg, der durch das Dunkel der Todeserfahrung in das Licht der Liebe und Freundschaft führt und damit bewusst macht, wie mit der Endlichkeit der Existenz bewusst umzugehen ist. Mit ihren Zugaben gaben Kalbus und Krumpöck dieser Linie ihres Programms noch einmal ganz deutliche Kontur. Mit Albert Lortzings Lied „Zwei Sterne“ verbeugten sie sich vor dem Komponisten und unserer gastgebenden Loge, in der Lortzing wirkte, gleichermaßen. Und mit Carl Loewes Lied „Die Uhr“ verwiesen sie auf die Erfahrung der Lebenszeit und ihrer weisen Einteilung als einem zentralen Element der Königlichen Kunst. Die beiden Künstler rundeten damit einen vorzüglichen Konzertabend ab, der Profane und Brüder Freimaurer in gleicher Weise begeisterte. Wie heißt es in Lortzings Lied „Zwei Sterne“? „Selig, ein Maurer zu sein“.