Die Zukunft der Freimaurerei

Helmut Reinalter, ein anerkannter Beobachter der Freimaurerei, hat ein Buch über die Zukunft des Bruderbundes vorgelegt.

Lange Zeit haben sich die Brüder vorwiegend mit ihrer Geschichte beschäftigt und sie mehr oder weniger schillernd dargestellt. Seit einigen Jahren und verstärkt in der letzten Zeit ist eine Zunahme der Bücher, Aufsätze und Vorträge über die Zukunft der Freimaurerei zu beobachten. Aufmerksamen Mitgliedern ist klar geworden, dass die historische Darstellung nicht immer richtig ist und man nicht von der Substanz leben kann. Freimaurerei muss sich angesichts der erheblichen gesellschaftlichen Umwälungen zwar nicht neu erfinden, aber eine Position einnehmen. Ein Umbruch in der Freimaurerei ist allenthalben zu bemerken. Nur: Wohin? Der Titel des neuen Buches des renommierten Freimaurer-Autors passt in die Zeit und klingt vielversprechend. Auch Reinalter sieht dies so: “Unsere diskrete Gesellschaft, schon seit ihren Anfängen strukturkonservativ und stark traditionsgebunden, muss ihre historischen Grundlagen dringend neu überdenken und dabei versuchen, ihren Ideengehalt für die weitere Entwicklung der Freimaurerei zu reformieren, damit er auch im heutigen und künftigen Bruderkreis besser verstanden wird.

Das alles klingt vielversprechend. Kann Reinalter in seinem Buch die notwendigen Antworten geben? Um es vorwegzunehmen: Nein. Und um hinzuzufügen: Leider.

Es ist deshalb kein schlechtes Buch. Es ist wirklich interessant, wenngleich auch hin und wieder etwas langatmig und von vielen Wiederholungen durchsetzt. Das hängt damit zusammen, dass es sich um kein geschlossenes Werk handelt, sondern um eine Sammlung von Essays und Aufsätzen, die vielleicht einer Straffung bedurft hätten. Reinalters Bücher haben den Rezensenten in ihrer nüchternen und objektiven Art beim Weg in die Freimaurerei begleitet und waren auch in den ersten Jahren ein wichtiger Kompass. Vielleicht war die Erwartungshaltung angesichts des Autors und des Titels zu groß.

Zum Inhalt. Zunächst beschäftigt sich das Buch mit dem nach Meinung Reinalters und einiger anderer Historiker falschem Gründungsjahr 1717, das die Freimaurerei im letzten Jahr, auch in Deutschland, umfänglich gefeiert hat und verortet die Gründung stattdessen in das Jahr 1721. Das mag historisch von Interesse sein, angesichts der Zukunftsfragen unserer Gesellschaften und auch der Freimaurerei jedoch eine Petitesse. Der Klappentext verspricht, dass es sich um den einzigen historischen Text handelt, gleichwohl folgt umgehend eine Studie  zur gesellschaftlichen Rolle der Freimaurerei seit dem 18. Jahrhundert. Allerdings ist das für das weitere Verständnis des Themas nicht ganz unerheblich, denn Reinalter befreit die Geschichte der Maurerei von mysterischen und esoterischen Deutungen und hebt die praktischen Gründe für den Erfolg dieser Gesellschaft hervor, die nüchterner und pragmatischer als alle Mythen und Legenden sind, aber auch erfüllender.

Umfangreich befasst sich Helmut Reinalter mit ethischen Werten, mit dem Projekt “Weltethos”, humanem Wirtschaften, ethisch orientierter Weltpolitik, Demokratie und Globalisierung. Von diesen eher allgemeinen Betrachtungen leitet er über zur deren praktischer Umsetzung in den Logen: Humanität, Toleranz, Lebenskunst, Gerechtigkeit, Aufklärung, um die Wichtigsten zu nennen. Alles ist richtig, alles ist interessant und lesenswert. Aber wir befinden uns nun schon um die Seite 200 herum und noch fehlt der Eindruck, praktische Antworten zu erhalten, wie denn die Freimaurerei ihre eigene Zukunft in ihr Tagesgeschäft einbinden kann.

Reinalter geht, soviel kann man wohl zusammenfassen, davon aus, dass die umfangreich geschilderten hehren Ziele der Maurerei vom einzelnen Freimaurer entsprechend seiner Möglichkeiten umgesetzt werden sollen. Das wäre nun nichts Neues, das ist sozusagen das theoretische Kerngeschäft des Bruderbundes. Wie nun aber “die Freimaurerei” als Organisation, die für das Wirken des einzelnen Mitgliedes die nur schwer verzichtbaren Rahmenbedingungen schaffen muss, ihre Zukunft zielgerichtet gestalten kann, bleibt offen.

Helmut Reinalter, “Die Zukunft der Freimaurerei”, ca. 240 Seiten, Paperback. ISBN 78-3-943539-95-0, Salier-Verlag, 15 €

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Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Schon wieder ein Knigge-Ratgeber, der uns Benimm beibringen soll? Der Freimaurer Sylvio J. Godon hat ein Büchlein “Vom Betragen – Knigge für Freimaurer” vorgelegt. Da stellt sich die skeptische Frage: Muss das sein?

Der arme Adolph Freiherr von Knigge, übrigens Freimaurer, muss für alles mögliche herhalten. Unzählige Benimmbücher sind unter Benutzung seines Namens erschienen: Knigge für die Karriere, Knigge für Kids, Knigge in jeder Lebenslage, Knigge fürs Business, Knigge im Restaurant. Dabei hat Knigge niemals Gebrauchsanleitungen für unfallfreies Essen oder geschicktes Rodeln auf gesellschaftlichem Parkett geschrieben. Sondern einen bis heute lesenswerten Text “Über den Umgang mit Menschen”, in dem er ganz allgemein beschreibt, wie Menschen unterschiedlichster Art miteinander umgehen können.

Mit seinem Buch wollte er Situationen wie die von ihm geschilderte vermeiden: “Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.”

Und nun kommt ein anderer Freimaurer und schreibt Benimmregeln für Freimaurer unter Freimaurern und nennt auch das wieder einen Knigge. Dabei ist es eigentlich ein für die Spezies der Menschenfreunde nicht notwendiges Buch. Denn der aufgeklärte und sich selbst hinterfragende Bruder weiß eigentlich aus dem Ritual, aus der Kenntnis der Symbole und Metaphern, aus den Unterweisungen im Lehrlings- und Gesellengrad, aus dem Betrachten seiner Vorbilder in der Loge ganz genau, wie man sich als Mensch zu anderen Menschen verhält. In den eins, zwei, drei Jahren nach einer Aufnahme und bei guten Lehrmeistern klappt das eigentlich ganz gut. Ist man erst einmal Meister, werden viele vergesslich, und manchmal vergessen sie sich, dieses eigentlich überflüssige Büchlein kann sie erinnern.

Der Autor schreibt im Vorwort, dass er mit seinem Buch nicht den Zeigefinger erheben wolle. Gleichwohl blickt der moralische Finger dem Leser auf jeder Seite dann doch entgegen, als wäre er das freundlicherweise beigefügte Kapitälchenband, ein Lesezeichen für jede Seite. Und der größte Teil des Buches liest sich dann auch ein bisschen wie sich eine autosuggestive Meditationskassette aus den Achtzigern anhörte: “Im Zusammenleben erstrebe ich …”, “Ich beuge Entwicklungen vor, die …” oder “Ich halte mich an …”. Aber dieses Autosuggestive, wenn man es über sich ergehen lässt, kann dann doch wie ein Mantra wirken und Wirksamkeit entfalten.

Wer neben der in den Ritualen vermittelten Grundhaltung oder den in den “Alten Pflichten” enthaltenen Anweisungen zum “Betragen der Brüder” eine Art Gebrauchsanweisung benötigt, wem “ToDos” helfen, findet in diesem Buch sicher genügend konkrete Handlungsvorschläge für den Alltag. Der Autor geht allerdings von einem Idealbild aus, denn er lässt Regeln vermissen für den Umgang mit Regelbrechern, mit Besserwissern, Aufschneidern, ungehobelten Burschen. Sie sind glücklicherweise die Minderheit in der Freimaurerei, können aber eine ganze Gruppe bis ins Mark treffen. Für das Unterlaufen einer Streitkultur haben der Autor und so manche Loge keine Antworten und lassen den Ungezogenen leichtes Spiel. Hier wäre ich auf Regeln gespannt, da ist der Knigge im Original besser aufgestellt. Oder Schopenhauer.

Ich komme auf meine Frage vom Anfang zurück: “Muss das sein?” – Muss wohl, jedenfalls kann es nicht schaden. Interessant ist das Buch sicher auch für Außenstehende, denn es erlaubt einen sehr praktischen Ausflug in die Gedanken- und Alltagswelt der Freimaurer, eine Idealwelt, die allerdings oft genug in den Logen auch tatsächlich so oder zumindest so ähnlich stattfindet. Das sind die Sternstunden, die begeisterte Freimaurer mit leuchtenden Augen hinterlassen. Das Buch zeigt aber auch, und das ernüchternd, was eigentlich mit der “Arbeit” der Freimaurer gemeint ist. Das Erleben der Rituale ist schön, die guten Vorsätze aus den Zusammenkünften beflügeln und motivieren. Aber womit es vor der Tür des Tempels losgehen muss, von den Mühen des Verstehens seiner Mitmenschen im Alltag, den guten Taten, dem vorbildlichen Verhalten, von dieser ungemein anstrengenden Arbeit berichtet dieses Buch, das im Übrigen mit viel Herzblut und Liebe zur Maurerei geschrieben wurde.

“Vom Betragen, Knigge für Freimaurer. Ein ganz persönlicher Ratgeber von Sylvio J. Godon”. Salier-Verlag, 88 Seiten, DIN A 6, Hardcover mit Kapitälchenband, ISBN 978-3-943539-90-5, 12 €

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Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, "Wege nach Lyonesse"

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €

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Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

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Kulturpreis der Freimaurer an Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Am 25. Mai 2017 verlieht die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland den Kulturpreis Deutscher Freimaurer im Dresdner Landhaus (Stadtmuseum) an den Schriftsteller Uwe Tellkamp.

Der Preis wird seit 1980 in unregelmäßigen Abständen an Personen vergeben, die besondere kulturelle Leistungen oder Engagement erbracht und dabei humanitäre Werte im Blick haben. Frühere Preisträger waren unter anderem Johannes Mario Simmel, Yehudi Menuhin, Lew Kopelew, Otmar Alt, Hans Küng und zuletzt im Jahre 2012 Kurt Masur.

1968 in Dresden geboren, wuchs Uwe Tellkamp als Sohn eines Arztes im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ auf, wo er seit 2009 mit seiner Familie wieder beheimatet ist. Nach dem Abitur musste er einen dreijährigen Dienst bei der NVA antreten, um in der DDR Medizin studieren zu dürfen. Obwohl er bereits vor dem Oktober 1989 wegen „politischer Diversantentätigkeit“ unangenehm auffiel, weil er Texte von Wolf Biermann und anderen nicht geduldeten Autoren bei sich trug, blieb er bis Oktober 1989 Unteroffizier bei der DDR-Armee. Nach einer kurzen Inhaftierung folgten Tätigkeiten als Hilfsarbeiter im Braunkohletagebau und der Industrie. 1990 begann er eine Arbeit als Hilfspfleger auf der Intensivstation eines Dresdner Krankenhauses.

Sein Studium der Medizin absolvierte Tellkamp schließlich nach dem Ende der DDR an der Universität Leipzig, in New York und Dresden, gab den Arztberuf, den er bis 2004 an einer unfallchirurgischen Klinik in München ausübte, im Jahre 2004 aber zugunsten seiner Schriftstellerkarriere auf.

Tellkamp veröffentliche ab Ende der 80er Jahre zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman „Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café“ erschien im Jahre 2000. Vier Jahre später gewann er mit „Der Schlaf in den Uhren“ den renommierten IngeborgBachmann-Preis. Im Herbst 2008 erschien schließlich sein Roman „Der Turm — Geschichte aus einem versunkenen Land“, in dem er die Zeit zwischen 1982 und 1989 aufarbeitete. Für dieses monumental zu nennende Werk erhielt Tellkamp den Deutschen Buchpreis sowie 2009 den Deutschen Nationalpreis. Eine Bühnenfassung seines „Turms“ wurde 2010 in Dresden uraufgeführt, und die ARD verfilmte den Stoff in zwei Teilen.

Seine Arbeit charakterisierte der Schriftsteller einmal in einem Interview mit dem Versuch, Heimat wiederzugewinnen. Er sehe sich als eine Art Dombaumeister, der durchaus pathetisch sein dürfe, wenn er die grundlegenden menschlichen Empfindungen wiedergeben könne. Kritikern gilt Tellkamp einerseits als Sprachvirtuose, der die literarischen Formen perfekt beherrscht, andererseits aber auch als höchst politischer Autor, der aufgrund seiner persönlichen Geschichte den Schriftstellern im ehemaligen Ostblock geistig näher ist als seinen deutschsprachigen Kollegen im Westen.

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Laudator Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

Die Laudatio für die Verleihung des Kulturpreises der Großloge hielt Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der 1962 in Worms geborene Soziologe, Autor und Germanist ist bei der FAZ zuständig für das Feuilleton. Kaube wurde Anfang 2015 als Nachfolger des verstorbenen Frank Schirrmacher in den Herausgeberkreis der Zeitung berufen. Mit seinen Sachbüchern erhielt er selbst bereits zahlreiche Preise und wurde vom Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik mit der Auszeichnung „Rede des Jahres 2015“ geehrt.

In Kürze lesen Sie hier weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Preisträger Uwe Tellkamp.

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Großlogentreffen 2017 in Dresden

"Das Blaue Wunder" in Dresden (Foto: fotolia)

Vom 24. bis 26. Mai 2017 findet in Dresden das Großlogentreffen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland statt. Neben interessanten Vorträgen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen unter dem diesjährigen Motto „Was hat die Freimaurerei uns heute zu sagen?“ sind auch Zusammenkünfte interner Arbeitsgruppen geplant, die vereinsrechtliche und organisatorische Sachverhalte beraten.

Jedes Jahr im Mai versammeln sich die Logenvertreter zu ihrem bundesweiten Treffen in einer anderen deutschen Stadt. Dabei wechseln sich Großlogentage und Großlogentreffen miteinander ab. Auf den Großlogentagen – der nächste findet 2018 in Bamberg statt – liegt der Fokus vor allem auf vereinsrechtlichen Angelegenheiten. Auf ihrer Mitgliederversammlung wählen die Vertreter der Logen zum Beispiel den Großlogenvorstand und beraten über Fragen der Satzung. Bei den zweijährlichen Großlogentreffen stehen Vorträge zu aktuellen gesellschaftlichen Themen sowie das gesellige Erleben unter den Brüdern, Schwestern und ihren Gästen im Vordergrund.

Die reiche Kulturgeschichte Dresdens verspricht ein spannendes Begleitprogramm für die Teilnehmer und Gäste des Großlogentreffens. Als Höhepunkt wird am Donnerstag, dem 25. Mai, dem Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp der Kulturpreis der Großloge verliehen. Sachsens Hauptstadt Dresden verfügt über eine reiche und wechselvolle freimaurerische Geschichte. Gastgeber und Ausrichter des Großlogentreffens ist in diesem Jahr die Loge „Zu den ehernen Säulen“, die in der Königsbrücker Straße 49 residiert.

Die Freimaurerei hat in Dresden eine lange Tradition und viele bekannte Persönlichkeiten dieser schönen Stadt waren Freimaurer. Leider waren freimaurerische Zusammenkünfte seit dem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1935 bis nach der Wende 1989 nicht erlaubt, so dass hier tatsächlich ein Neuanfang nötig war. Dank intensiver und großzügiger Unterstützung bestehender Logen aus den alten Bundesländern gibt es viele neue Logengründungen bzw. Wiedergründungen, auch hier in Dresden. Deshalb werden viele Freimaurer (und viele Gäste) zu diesem Jahrestreffen erwartet, das für alle Teilnehmer und Besucher viele hervorragende Begegnungen, Einblicke in die Geschichte und die schönen Seiten der Stadt sowie interessante und bereichernde Gesprächsrunden bereithält.

Wir wollen mit diesem Treffen der Freimaurer in Dresden und mit der Verleihung des Kulturpreises der Großloge an Herrn Uwe Tellkamp auch nach außen hin Zeichen setzen. Zeichen setzen dafür, dass die Freimaurerei ein Bruderbund im Geiste des Humanismus ist. Wir wollen deutlich machen, dass uns Freimaurer die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz seit nunmehr 300 Jahren leiten und dass diese so oft fälschlich als „Geheimbund“ beschriebene Gemeinschaft dazu beitragen möchte, Trennendes zwischen den Menschen zu überwinden.

Abschließend ist anzumerken, dass der Kulturpreis 2017 zum zweiten Mal an einen Dresdner verliehen werden kann. 1968 empfing der gebürtige Dresdner Erich Kästner den Kulturpreis der Großloge für sein literarisches Schaffen als Schriftsteller, Publizist und Drehbuchautor. Die Preisverleihung fand damals in Berlin statt. Umso mehr freut es mich, dass wir heute den Kulturpreis in Dresden, der Geburtsstadt und dem Lebensmittelpunkt des Preisträgers, Uwe Tellkamp, in Dresden verleihen können.

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300 Jahre moderne Freimaurerei

"Freemasons Hall" in London (Foto: fotolia)

Vor 300 Jahren fand etwas statt, das wir heute verstehen könnten als einen Zusammenschluss von vier schon existierenden Logen zu einer öffentlichkeitswirksamen Institution, die mit der Gründung einer „Großloge“ sich auch das Recht aneignete, allen anderen in England und Schottland noch im Verborgenen arbeitenden Logen ein verbindliches Regelwerk zu geben und damit sicherzustellen, dass die Ideale der schon bestehenden Freimaurerei korrekt und regelgerecht weitergegeben würden.

Da könnte man die Frage stellen: „Warum feiern deutsche Logen und deutsche Großlogen ein Ereignis, das doch zuallererst die Brüder in England interessieren sollte, warum feiern wir nicht zum Beispiel die Gründung der ersten deutschen Loge im Jahre 1737 in Hamburg?“ – Nun, die Begründung liegt darin, dass mit diesem Datum im Jahre 1717 die Freimaurer weltweit auf ein Ereignis blicken, das wie ein „Leuchtfeuer“ oder „Richtfeuer“ auf sie wirkt. Dieses Datum und dieses Ereignis können aber nur stellvertretend betrachtet werden als Möglichkeit, der Freimaurerei so etwas wie eine geschichtliche Verankerung zu geben.

Trotz aller Bemühungen ist es Historikern und freimaurerischen Forschern bis heute nicht gelungen, so etwas wie ein Gründungsdatum der Freimaurerei zu finden und sozusagen „dingfest“ zu machen. Dokumente belegen, dass lange vor 1717 Männer in den Bund der Freimaurer aufgenommen wurden. Man könnte, dass der Bund der Freimaurer vor langer Zeit als ein Schutzbund fungiert hat, der Männern, die zum Beispiel mit den Lehren der Kirche nicht einverstanden waren, tätige Hilfe und Unterschlupf gewährte.

Das würde zumindest erklären, warum die Brüder damals mit ihrem öffentlichen Auftreten warteten, bis sie sicher sein konnten, nicht mehr von Staats wegen verfolgt zu werden. Das war der Fall, nachdem als Folge der sogenannten „Glorreichen Revolution“ in England 1668 so etwas ähnliches wie Religionsfreiheit beschlossen wurde. Man kann diesen Männern auch nicht verdenken, dass sie noch etwa 50 Jahre ins Land gehen ließen, bevor sie sich an die Öffentlichkeit wagten.

Viel weiter verbreitet ist allerdings die Vorstellung, dass die Freimaurerlogen sich aus den Werkmaurer-Logen der Steinmetzen entwickelt haben, die am Bau der Kathedralen beteiligt waren und ihr Wissen gerne in ihren Bauhütten bewahrt wissen wollten und deshalb gezwungen waren, abgeschottet von möglichen Spionen zu agieren. Aus diesen Bauhütten sollen im Laufe der Zeit, nach dem Abklingen der Kathedralen-Bautätigkeit, sogenannte „spekulative Bauhütten“ entstanden sein, in denen frei und offen über alles gesprochen werden konnte und die deshalb frei denkende Interessenten aus dem Adel, der Geistlichkeit und dem Bildungsbürgertum anzogen, sie aufnahmen und sich letztlich allmählich zu dem wandelten, was wir heute Freimaurerlogen nennen.

Sicherlich hat sich im Laufe der Zeit vieles in der Freimaurerei verändert, geblieben ist das weltweit für alle Brüder wichtige und gültige Symbol der „Weltbruderkette“, wie sie sich in jedem Logenhaus und in jedem offiziellen Siegel der internationalen Freimaurerei symbolisch angedeutet findet. Sie soll als sichtbarer Beleg dafür dienen, dass die Freimaurerei in der Tat sich als einen weltumspannenden Bruderbund mit ebenso weltumspannenden Idealen versteht.

Diese Ideale sind treffend zusammengefasst vom Großmeister der Großloge der Alten Freien und angenommenen Maurer von Deutschland, unseres Bruders Stephan Roth-Kleyer:

„Die Freimaurerei ist eine weltweite Bewegung in allen demokratischen Gesellschaften. Unsere humanitäre Freimaurerei versteht sich als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft. Sie definiert sich nicht nur über Menschen hoher politischer, gesellschaftlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Bedeutung. Freimaurerei macht vor allem aus, dass sie als Baustelle der Persönlichkeitsbildung das lebt und umsetzt, was unter anderem als Zweck und Aufgabe einer Loge benannt ist: Männer zusammenzuführen, die sich ansonsten im Leben nicht begegnet wären. Die Antwort lautet auch sehr kurz gefasst: Freimaurerei ist ethische, ist soziale, ist integrative Praxis, nicht Theorie.“

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