Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz

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Mit der Frage nach dem Freimaurerbild der deutschen Öffentlichkeit und der Präsenz des Bundes im öffentlichen Raum beschäftigte sich der Einleitungsvortrag der 54. Arbeitstagung der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft "Quatuor Coronati" in Hannover.

Von Br. Hans-Hermann Höhmann, Köln

Das Nebeneinander des „Geheimen“ und des „Öffentlichen“ hat in den Diskursen der Freimaurer wie in der Freimaurerei insgesamt von Anfang an eine große, ja bestimmende Rolle gespielt, und es war das für die Logen typische Verhältnis von Geschlossenheit und Öffnung, das die Freimaurerei – wie zuerst von Georg Simmel aufgezeigt wurde – zu einer „geheimen Gesellschaft“ spezifischen und von Anbeginn stark eingeschränkten Typs gemacht hat. Ich möchte deshalb meiner Skizze das einschlägige Simmel-Zitat voranstellen. In seiner „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ von 1908 schreibt Simmel:

„Das Freimaurertum betont, dass es die allgemeinste Gesellschaft sein will, der ‚Bund der Bünde‘, der einzige, der jeden Sonderzweck und mit ihm alles partikularistische Wesen ablehnt und ausschließlich das allen guten Menschen Gemeinsame zu seinem Material machen will. Und Hand in Hand mit dieser, immer entschiedener werdenden Tendenz wächst die Vergleichgültigung des Geheimnischarakters für die Logen, seine Zurückziehung auf die bloßen formalen Äußerlichkeiten ... Der Freimaurerbund konnte seine neuerdings stark betonte Behauptung, dass er kein eigentlicher ‚Geheimbund‘ wäre, nicht besser stützen, als durch sein gleichzeitig geäußertes Ideal, alle Menschen zu umfassen und die Menschheit als ganze darzustellen“.

Georg Simmel

Um das „davor“ und das „danach“ der Simmelschen These geht es mir in den folgenden Ausführungen.

Einerseits war das „Geheime“ und das „Öffentliche“ seit Beginn der institutionalisierten Freimaurerei stets gleichsam geschwisterhaft präsent, anderseits gab es nie einen dauerhaften Konsens über ihr gegenseitiges Verhältnis, und die Diskurse darüber sowohl innerhalb des Bundes als auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Öffentlichkeit sowie innerhalb der Öffentlichkeit über die Freimaurerei haben die Geschichte des Bundes begleitet.

Oft waren diese Diskurse aufeinander bezogen, und das Bild der Freimaurerei in der Öffentlichkeit war zu keiner Zeit vom inneren Diskurs der Freimaurer zu trennen. Was immer in der Öffentlichkeit über den Bund gesagt wurde und wird, es war und ist – selbst noch im Zerrspiegel der Verschwörungs“theorien“ – nicht unabhängig von den Selbstdarstellungen des Bundes und seiner Mitglieder.

Selbstbilder und Fremdbilder der Freimaurerei, Innen- und Außensichten des Bundes bedingten und bedingen sich gegenseitig und bilden trotz aller Widersprüche einen Gesamtkomplex, von dem jede, das Verhältnis von Freimaurerei und Öffentlichkeit thematisierende Analyse auszugehen hat.

Dieser Dialektik von Selbstbildern und Fremdbildern liegen wiederum drei von Anfang an gegebene Grundbefindlichkeiten der Freimaurerei zugrunde, deren Auswirkungen gleichfalls analytischer Aufarbeitung bedürfen:

Da ist zuerst die seit ihrem Beginn bestehende inhaltliche und formale Unbestimmtheit der Freimaurerei.

Gewiss hat der Bund einige zentrale Merkmale, die ihn als Freimaurerei konstituieren und von anderen Assoziationen unterscheidbar machen.

Dazu gehören insbesondere

  • die auf den Eid bzw. das Gelöbnis der Verschwiegenheit gegründete Logengemeinschaft,
  • die Aufnahme der Mitglieder durch feierliche Initiationen in den Bund und seine einzelnen Grade,
  • die Verwendung von Metaphern, Symbolen und Ritualen als Projektionsflächen, Deutungsmuster und Formen kultureller Performanz sowie
  • der jeweilige Kanon von spezifischen Werten und Überzeugungen, teils niedergelegt in grundlegenden Urkunden, Überlieferungen und Ritualen, teils präsent als Bestandteil der von wortmächtigen Brüdern in Logen und Logensystemen geführten Diskurse, und inhaltlich entweder esoterisch, oder christlich-gnostisch oder humanistisch-aufklärerisch profiliert.

Dennoch existierte von Anfang an eine zur Auffüllung einladende, gleichsam „fordernde“ Leere der Freimaurerei im Hinblick auf die Ausgestaltung der Rituale, die organisatorischen Strukturen des Bundes, seine Gradhierarchien sowie seine konkreten Aufgaben und Zwecke. Dies gilt in einer durch harmonisierende Formeln und Interventionen freimaurerischer Leitungsorgane freilich oft überdeckten Weise auch noch für die Freimaurerei der Gegenwart. Die Freimaurerei war und ist immer auf der Suche nach sich selbst.

Um es mit einem Wort von Monika Neugebauer-Wölk zu sagen: „Freimaurerei war immer ein Raum, in dem vieles möglich war“. In diesem Raum entwickelten sich mannigfaltige Spielarten des Bundes teils esoterischer, teils christlicher, teils ethisch-moralischer Orientierung, teils mit einfachen, teils mit weit aufgefächerten Gradstrukturen. Reformen standen immer wieder auf der Tagesordnung, und im Grunde genommen befindet sich die Freimaurerei bis heute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Da ist zweitens der von Anfang an in Verbergen und Mitteilen, Verschweigen und Ausplaudern gespaltene halböffentliche Charakter der Freimaurerei. Trotz ihres Rückzugs in die Sphäre des Geheimnisvollen, fand Freimaurerei stets unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Von Anbeginn bis heute existiert dieser Spagat von drinnen und draußen, von Bestrebungen geheim zu bleiben und sich gleichzeitig öffentlich zu zeigen.

Hinweise auf Logentreffen in der Londoner Presse, Theaterbesuche und Prozessionen in maurerischer Bekleidung, öffentlich zugängliche Publikationen in großer Zahl, Abbildungen prominenter Mitglieder in masonischem Outfit waren an der Tagesordnung, und im Grunde genommen ist das ja auch bis heute so geblieben.

Allerdings: Es sind nicht mehr deutsche Kaiser und amerikanische Präsidenten, deren Portraits die Öffentlichkeit als Ausdruck korporativen Stolzes erreichen sollen, sondern beispielsweise Abbildungen des Vorsitzenden des Obersten Gerichts der VGLvD in schwarz mit Schurz in der Zeitschrift „Focus“, oder einer Gruppe gleichfalls schurzbekleideten Berliner Freimaurer mit einem Anflug von „wir sind die glorreichen Fünf“ vor einiger Zeit im Berliner Tagesspiegel. Auch das in unserer Einladung wiedergegebene Bild mit der Unterschrift: „Brüder der Kieler Loge ‚Alma an der Ostsee‘ laufen im Jahre 2016 in voller maurerischer Bekleidung durch die Stadt“ gehört in diese Kategorie freimaurerischer Enthüllungs-Selbstdarstellung.

Ebenso sind geordnete freimaurerische Prozessionen nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie finden zumindest halböffentlich statt und sind dann in Fernsehfilmen zu sehen, wie etwa in der von Freimaurern mitgestalteten ARD-Produktion „Tempel, Logen, Rituale“, die die Brüder wiederum in schwarz, wiederum mit Schurz und hohem Hut beim Einzug in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals zeigt.

Zu diesen optisch wahrnehmbaren Demonstrationen der Freimaurerei kam seit ihrer Begründung als moderner Assoziation ein reichhaltiges Schrifttum hinzu. Um dem „Geheimnis der Freimaurerei“ selbst auf die Spur zu kommen und die Gesellschaft darüber zu informieren, haben die Freimaurer immer außerordentlich viel publiziert, gedruckte Texte waren ein wesentliches Medium ihrer Selbstverständigung, und die Öffentlichkeit war meist als Leser dabei.

Im April 1785 richtete die angesehene Jenaische Allgemeine Litteratur Zeitung eine eigene Sparte für die Besprechung freimaurerischer Schriften ein. Die Herausgeber begründeten ihre Entscheidung damit, dass

„die innern Angelegenheiten des ehrwürdigen Ordens der Freymaurer seit einiger Zeit eine ganz besondere Publicität bekommen haben, und mehr als eine Ihrer öffentlichen Schriften … das Publikum … gleichsam auffordern, Theil an ihren Fehden über das Wesentliche ihres Ordens zu nehmen.“

Schon ein Jahr zuvor hatte die Berliner „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ ihr bisheriges Schweigen in freimaurerischen Dingen gebrochen und zwar mit einer deutlich kritischen Tendenz:

„Wir haben uns bisher enthalten, eigentliche Freymaurerschriften in unserer Bibliothek anzuführen … Aber es fängt doch an nöthig zu werden, von einigen dieser Schriften zu reden, besonders von solchen, worin mit unerhörter Unverschämtheit Unsinn und Aberglauben unter dem Scheine von großen Geheimnissen fortgepflanzt, und noch dazu Katholicismus unter einer verdeckten … geheimnißvollen Sprache empfohlen wird.“

Zu den Essays und Freimaurerreden, zu den Texten der Lessing, Knigge, Herder und Fichte kamen bald die belletristischen Schriften hinzu, die Freimaurer- und Geheimbundromane, die Außenstehende an der emotionalen Wirkung der Rituale und an den mit den höheren Graden verbundenen subjektiven Selbstwertsteigerungen der Brüder teilnehmen ließen.

1782 veröffentlichte August Siegfried Friedrich von Goué einen Freimaurerroman mit dem Titel „Ueber das Ganze der Maurerey“ und dem bezeichnenden Untertitel „Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“.

Einer der Helden des Romans, Stralenberg, schreibt an einen Freund:

„Aber die Aufnahme ist so schön, so feierlich, daß ich drey Tage gebrauchte mich in meine vorige Fassung zurück zu setzen … Die Maurerey muß gut seyn, und erhabene Vorwürfe haben, das beweiset die Meister=Aufnahme.“

Sein Freund Fürstenberg sekundiert nach der Einweihung in einen Hochgrad:

„Als ich mit dem Ringe zurück kam, mein lieber Stralenberg, o! wie feierten mich die hiesigen Brüder der untern Stufen. Sie tragen eine wahre Verehrung für diesen Ring, und wenn mich der Kayser in den Grafen-Stand erhoben hätte, so wäre ich dadurch das in ihren Augen nicht geworden, wozu ich in Frankfurt gestiegen bin.“

Die Belletristik behielt die Freimaurerei auch später fest im Griff. Dan Browns „Lost Symbol“ war ein bemerkenswerter Höhepunkt. Und ich konnte kürzlich dem Erwerb des 2017 erschienenen Kriminalromans „Inspector Swanson und das schwarze Museum“ nicht widerstehen, angesiedelt im Freimaurermilieu des viktorianischen Zeitalters und von einem britischen Freimaurer verfasst.

Eine besondere Kategorie bildeten und bilden die „Verräterschriften“ – oder besser vielleicht „Enthüllungsschriften“ – ehemaliger Freimaurer von Samuel Pritchard über Leo Taxil bis hin zu Burkhardt Gorissen. Diese Schriften versuchen nach dem Motto „Ich bin dabei gewesen und ich weiß, wovon ich rede“ den Anschein authentischer Erfahrung zu vermitteln, und wenn sich heutzutage kritische, skeptische oder amüsierte Beobachter der Freimaurerei im „Focus“ oder in der FAZ auf Gorissens Buch berufen, zu folgen sie einem ebenso alten wie naheliegenden anti-masonischen Enthüllungsschema.

Von welcher Seite man es betrachtet: Die Freimaurerei war nie ein Geheimbund im strikten Sinne, aber sie war auch nie lediglich ein schlicht geselliger Verein oder ein Service-Club vom Rotary-Lions-Typ. Sie war immer eine Assoziation zwischen Geheimbund und geselliger Institution. Das bedeutete, dass sie im Inneren auf einer breiten Skala unterschiedlicher Gewichte von Geheimnis und Geselligkeit gestaltet werden konnte und auf der gleichen Skale auch von Außen eingeschätzt wurde.

So galt für die Freimaurerei nicht nur in Bezug auf ihre rituellen, konzeptionellen und organisatorischen Inhalte, sondern auch im Hinblick auf die relativen Gewichte von Geheimnis und Öffentlichkeit – sei es bei der inneren Gestaltung, sei es bei der Betrachtung von Außen – immer ein Element von „Wie es Euch gefällt“.

Und dennoch gab und gibt es – dies ist mein dritter Gesichtspunkt – trotz Präsens in der Öffentlichkeit und trotz aller Inkonsequenz bei seiner Handhabung stets das sowohl von den Freimaurern selbst als auch von Außenstehenden – Freunden wie Gegnern – reklamierte und proklamierte freimaurerische Geheimnis.

Weder lassen die Freimaurer davon und flüchten notfalls in Formeln wie die Freimaurerei hat kein Geheimnis, die Freimaurerei ist ein Geheimnis, noch wollen die Gegner der Freimaurerei darauf verzichten, die den Freimaurern in ihren extremen Verschwörungsvarianten vorhalten, dass es gerade die vermeintliche Offenheit der Freimaurerei ist, die ihren Charakter als geheime Verschwörung verbergen soll, ihn aber gerade hierdurch – dass wissen natürlich die schlauen Verschwörungstheoretiker – erst recht klar erkennbar macht.

Das maurerische Geheimnis ist nun vor allem das Geheimnis der verschwiegenen Rituale, und nicht nur die positiven Selbstzuschreibungen der Freimaurerei, auch alle Formen von Kritik, Ablehnung und Verurteilung machen sich am Geheimnis der Rituale fest:

  • Für die Kirchen verhüllen sich in den Ritualen Elemente einer alternativen Religiosität, wenn nicht gar einer anderen Religion, zumindest aber verkörpern sie den Ungeist des religiösen Relativismus.
  • Für die Vertreter der Verschwörungsmythen bietet der geheime Raum des Rituals den Rahmen für das Aushecken mannigfaltiger Verbrechen und Anschläge gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen Volk und Staat.
  • Für den Volksaberglauben konstituiert das Ritual die besser strikt zu meidende Welt des Makaber-Gruse-ligen, in der vielleicht gar Satanisches im Spiele ist.
  • In der Sicht intellektuelle Kritiker kaschieren Ritual und Geheimnis Ansprüche auf Selbsterhöhung und persönliches symbolisches Kapital, wenn sie nicht gar als Ausdruck des Lächerlichen gelten, in vielen Variationen der Charakterisierung durch den Philosophen Ernst Bloch, Freimaurerei sei nichts als eine „wahnhaft gesittete Mummerei“.

Sowohl für die freimaurerische Gruppenbildung als auch für das Spannungsfeld zwischen Freimaurerei und Öffentlichkeit war und ist das maurerische Geheimnis von großer Bedeutung. Unter seinen teils bewusst gesetzten, teils implizit praktizierten Funktionen können in meiner Sicht bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden acht unterschieden werden, die sich zeitlich nicht ablösten, sondern stets nebeneinander, ja oft auch gegeneinander standen und in den Diskursen der Freimaurer bis heute eine beträchtliche Bedeutung haben. Mit ein paar Anmerkungen möchte ich diese Funktionen charakterisieren, zumal jede Erörterung der heute um Arkandisziplin angesiedelten Probleme von ihnen auszugehen hätte. Ich unterscheide

1. Die schützende Funktion: Die Geheimhaltung der Logenaktivitäten – wie auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – schien Bedingung zu sein für die Absicherung einer von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freien Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen. Um die vielzitierte Feststellung Reinhart Kosellecks zu variieren: Das „Geheimnis der Freiheit“ war nur als „Freiheit im Geheimen“ zu antizipieren.

2. Die bewahrende Funktion: Hier gilt die Bewahrung des Geheimnisses als Voraussetzung für die Sicherung einer – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens als Quelle von Wahrheit und Erkenntnis, was vor allem für esoterische und christlich-gnostische Freimaurersysteme und weniger für die humanitäre Freimaurerei von Bedeutung war und ist.

3. Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente und dient der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Winkelwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge zumindest ab.

4. Die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.

5. Die pädagogische Funktion: Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit und Bereitschaft für persönliche Veränderung („Selbstvervollkommnung“, „Arbeit am rauen Stein“ des eigenen Selbst) dient der Einübung von Tugenden, die sich auch im „profanen“ Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken, findet sich in vielen Texten, Liedern und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.

Das freimaurerische Geheimnis besaß (und besitzt) jedoch auch Funktionen, die mehr oder weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:

6. Die illusionsstiftende Funktion: Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger „Selbstverwirklichungs- und Selbsterhöhungsambitionen“. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer besonderen, von der Welt des Profanen verstärkt abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit sowie die Durchführung aufwendiger Zeremonien, nicht zuletzt, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.

7. Die Lockfunktion: Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen „Mantel des Geheimnisvollen“ kann die Attraktivität der Freimaurerei und ihrer Sonderformen erhöhen und wird gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen. Zum Zuge kommt diese Funktion auch im Verhältnis zwischen Angehörigen „höherer“ Grade und den Mitgliedern der „blauen“ Logen.

8. Die Funktion der „inneren Hierarchisierung“: Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei über die traditionellen Stufen „Lehrling“, „Geselle“ und „Meister“ hinaus im Sinne einer „Hierarchie von Einweihungen“ schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen, die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.

Schließlich muss auf eine Praxis hingewiesen werden, die in direktem Widerspruch zu allen freimaurerischen Zielvorstellungen und Prinzipien steht: die Instrumentalisierung freimaurerischer Formen für politisch agierende Eliten, die nichts (oder nichts mehr) mit der Freimaurerei zu tun haben, woran sich dann aber gern allerlei Verschwörungsvorstellungen anschließen (Beispiel: Die Organisation „Propaganda Due“, P2, die an eine ehemalige italienische Freimaurerloge anknüpfte und – ohne Beziehung zur regulären italienischen Freimaurerei – in den 1970er Jahren zur politischen Geheimorganisation wurde).

Auf dem skizzierten Hintergrund

  • der inhaltlichen Unbestimmtheit der Freimaurerei,
  • ihres halböffentlichen Charakters und
  • des dennoch mit ihr verbundenen Mythos vom Geheimnis

vollzog sich nun nicht nur die Geschichte der Freimaurerei und ihrer Verurteilungen, sondern – gleichsam als Ausdruck eines historischen Pingpong-Spiels – auch die Geschichte der Erwiderungen und Apologien, mit der die Freimaurer auf Angriffe und Verurteilungen reagierten.

1770 fasste eine zunächst anonym erschienene, wiederholt aufgelegte kleine Schrift von Johann August von Starck unter dem Titel „Apologie des Ordens der Frey Maurer“ die Antworten der Freimaurerei auf folgende – im Prinzip bis heute unverändert gebliebenen – Hauptpunkte der Kritik zusammen:

  • Das Geheimnis der Freimaurer als solches widerspräche der Aufklärung, denn was nützlich und gut sei, könne offen und klar dargelegt werden,
  • die Freimaurerei bilde einen Staat im Staate (statum in statu),
  • der Eid der Maurer sei schrecklich, er schränke durch die angedrohten, unmenschlichen Sanktionen die natürliche Freiheit des Menschen ein,
  • das Abfordern eines Eides sei zudem ein Monopol der Obrigkeit, und die Freimaurerei verbreite unter seinem Schutz eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Nation und Religion,
  • schließlich sei der Orden der Freimaurer ohne wahren Nutzen und daher überflüssig, es sei denn, er betreibe unerlaubte Zusammenkünfte, die einen Herd für Verschwörungen bilden könnten.

Doch auch dies gilt bis heute: Die Freimaurer litten nicht nur an der sie umgebenden Mythologie, der faszinierenden Aura des Geheimen, sie profitierten auch davon. Denn die Mythen hielten die Freimaurerei im Gespräch, führten ihnen – bis hin zu den Dan-Brown-Fans – viele Neugierige zu und veranlassten die Maurer selbst, immer wieder darüber nachzudenken, ob hinter ihrem Orden nicht doch mehr stecke, ob das Geheimnis nicht doch einen anderen Inhalt habe als bisher in seiner schlichten englischen Ausformung zu erkennen war.

Im Laufe der Zeit wurde das Geflecht der antimasonischen Mythen immer dichter. Doch immer wieder waren es Auffassungen, die aus der Freimaurerei selbst hervorgingen, die den Stoff dazu lieferten:

Wenn beispielsweise Herder in seiner Korrespondenz mit Schröder an der Wende zum 19. Jahrhundert die beiden Grundvoraussetzungen einer von ihm mitgetragenen Reform der Freimaurerei formuliert – nämlich Wiederherstellung des „alten Rituals in seiner reinsten Gestalt“ und eine angemessene rituelle Praxis –, und seinen Brief dann mit den Worten schließt

„Die geheimen Gesellschaften sind bisher ein fressendes Gift, Höhlen des Betrugs, der Halbwisserei und … eines despotischen, kleingeistigen Egoismus gewesen!“,

so argumentiert er gegen die damals aktuellen Formen der Freimaurerei nicht anders als viele antimasonische Schriften.

Die eigenen Mythen der Freimaurer sollten sich allerdings in den folgenden Jahrzehnten im öffentlichen Raum mehr und mehr verselbstständigen und schließlich die Freimaurerei von außen überholen.

Ich nenne nur die beiden wichtigsten Beispiele hierfür:

Erst verschärften sich von Enzyklika zu Enzyklika die Vorurteilungen aus der katholischen Kirche, die in der Enzyklika „Humanum Genus“ Leos XIII. vom 20. April 1884 schließlich ihren Höhepunkt fanden.

Dann folgten die politischen Verschärfungen der Anti-Freimaurerei unter der Einwirkung wuchernder Verschwörungsmythen. Für deren – meist im extrem rechten Spektrum der Politik angesiedelten – Vertreter war und ist der Freimaurerbund nicht nur religionsfeindlich, sondern langfristig und strategisch auf Aushöhlung der gesellschaftlichen Ordnung, auf gezielten Machterwerb, ja auf Weltherrschaft angelegt. Dabei wird die Freimaurerei meist in eine Verbindung mit anderen Gruppierungen gerückt, wobei die Behauptung einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung vor allem im Deutschland der Weimarer Republik eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte.

Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die

Freimaurer-Images oder Außenbewertungen der Freimaurerei, mit denen wir es heutzutage in Deutschland zu tun haben, und auf die die deutschen Freimaurer reagieren sollten, wenn auch auf verschiedene, der jeweiligen Herausforderung angemessene Weise.

Vielleicht lassen sich für diese Images acht wichtige Vertreter-Gruppen unterscheiden:

  • Da sind erstens die Anhänger alter und neuer Verschwörungsmythen, die das „Objekt ihrer Begierde“ – die bösen Freimaurer und ihre Bundesgenossen – keinesfalls verlieren wollen und mit denen man weder diskutieren kann noch soll.
  • Da sind zweitens die nicht wenigen Menschen, die auf irgendeine Weise immer noch Denkvorstellungen und Befürchtungen des Volksaberglaubens anhängen, woraus dann eine diffuse Abwehrhaltung und Berührungsangst gegenüber der Freimaurerei resultiert: Ein Wohltätigkeitsbuffet des Rotary-Clubs? „Prächtig, da gehen wir hin.“ Eine ebenso wohltätige Reibekuchenbude der Freimaurer? „Nein danke, lieber nicht, man kann schließlich nicht wissen, was die da alles hineinbacken.“ Da gilt es für die Freimaurer nur, mit schlichter, bürgerlicher Normalität zu überzeugen.
  • Da sind drittens die Kirchen, die – wie die katholische – entweder wissen, aber nicht mögen, wie die Freimaurerei es mit der Religion hält, oder die es – wie die evangelische – bei allem Wohlwollen doch noch etwas genauer wissen will: hier sollte die deutsche Freimaurerei auf redlich-seriöse Weise gesprächsbereit sein, zuvor allerdings das Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion in ihren eigenen Kolonnen sorgfältiger klären.
  • Da ist viertens die Wissenschaft, die sich mehr und mehr mit der Freimaurerei beschäftigt, und die Unterstützung verdient, wie und wo immer Freimaurer dazu in der Lage sind. Die externe Freimaurerforschung ist das Gewissen der Freimaurerei, weil sie hilft, Eigenverdunkelungen zu überwinden und sich selbst besser zu erkennen.
  • Da sind fünftens die Vertreter der Politik, des Staates und der Kommunen, die der Freimaurerei meist wohl gesonnen sind und deren redliche und offene Gesprächspartner Großlogen und Logen zu sein haben.
  • Da sind sechstens die Medien, in denen angemessen vertreten zu sein, Freimaurer sich auf seriöse Weise bemühen sollten, wobei im Hinblick auf die Welt der bunten und bewegten Bilder Zurückhaltung am Platze ist. Arkandisziplin heute sollte nicht zuletzt bedeuten, sich in der Öffentlichkeit nicht lächerlich zu machen.
  • Da ist siebtens die intellektuelle, die kulturelle Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit gesellschaftlich relevanter Diskurse. Hier sollten sich die Freimaurer um gehaltvolle Präsens bemühen, denn wenn sie etwas zu sagen haben, dann sollten sie es auch sagen, denn besser, als die Stimmen anderer zu prämieren, wäre es, mit eigener Stimme im gesellschaftlichen Diskurs vernehmbar zu sein.
  • Schließlich und achtens ist da so etwas wie die Gesellschaft im Allgemeinen, die u.a. aus den Menschen zusammengesetzt ist, die in die Logen kommen und fragen, wer die Freimaurer sind und was sie zu sagen haben, und die vielleicht in den Logen als zukünftige Brüder mittun wollen.

Nicht zuletzt in der Kommunikation mit diesen Menschen käme es darauf an, sich der eigenen maurerischen Identitäten klarer bewusst zu werden und ein deutliches Bild davon zu vermitteln, was Freimaurerei ist und was sie nicht ist. Gerade die „Suchenden“ müssen rechtzeitig erkennen können, dass es unterschiedliche Formen und Verständnisse von Freimaurerei gibt, die der Redlichkeit halber nicht verwischt werden und erst nach der Aufnahme sichtbar werden dürfen.

Letztlich noch etwas, was mir ganz wichtig ist: Jede Definition und jede öffentliche Darstellung der Freimaurerei, die vom Ritual ausgeht, muss in die Irre führen. Ritualpräsentationen in der Öffentlichkeit, die freimaurerische Tempelszenen und Symbole zur Schau stellen ohne den Kontext von Freundschaft und Geselligkeit, von Ethik und Moral in den Vordergrund zu stellen, führen zur Dominanz obskurer Bilderwelten und verfälschen den Charakter unseres Bundes – jedenfalls aus der Sicht eines Freimaurers, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht. Das freimaurerische Ritual ist Bestandteil eines Gesamtsystems, das es in sich aufgenommen hat, um Freundschaft und Moral im Menschen zu befestigen. Es ist Menschenwerk, es ist nicht mit göttlicher Offenbarungskraft ausgestattet, es ist nicht Element einer Ersatzreligion, trage sie christlichen, trage sie esoterischen Charakter. Aus einem solchen Verständnis ergibt sich: Erst eine klare und vernünftige Gesamtdarstellung der Freimaurerei erlaubt es, sinnvoll über das Ritual in der Öffentlichkeit zu sprechen, wobei auf die Präsentation missverständlicher Bilderwelten und – was die Brüder Freimaurer betrifft – auf schurzbekleidete Auftritte in der Öffentlichkeit soweit es immer geht verzichtet werden sollte.

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Schulprojekt in Togo

Br. Bonito de Souza engagiert sich für Bildung in Togo

Das Bildungswesen im Staat Togo leidet unter Lehrermangel, geringer Qualität im ländlichen Raum sowie hohen Wiederholungs- und Abbruchraten.

Die Analphabetenquote in der Bevölkerung betrug im Jahr 2017 weit über 30 Prozent. Ein Bruder der Regensburger Loge “Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht”, Br. Bonito de Souza, stattet ländliche Grundschulen in Togo mit Schreibmaterial, Heften, Schiefertafeln, Schreibzubehör und sonstigem Unterrichtsmaterial aus. Diese Gegenstände sind dort Mangelware. Viele Eltern der Kinder können sie nicht beschaffen oder bezahlen. Bildung ist das A und O für die sechs- bis zwölfjährigen Kinder.

Das Projekt und der Transport nach Togo läuft seit ca. 2 Jahren. Bruder Bonito de Souza bittet Menschen, die es sich leisten können, um eine Spende, auch kleine Beträge sind willkommen. Die Spenden werden ausschließlich für diesen Zweck verwendet, ohne jede Zwischenorganisationen oder sonstige Verteiler im Inland und in Togo. Der Regensburger Freimaurer reist regelmäßig in sein Heimatland um das Projekt zu fördern und die Verteilungen persönlich in Schulen durchzuführen. 

Bankverbindung: Ecobank Togo, Kontoinhaber: Bonito K. de Souza,IBAN: 701811401367501, BIC: TG055, Agence principale. Land: TOGO, TG,Verwendungszweck: “Schulprojekt Togo”.

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Kunst — Not me!

Foto: Kara-Kotsya / Adobe Stock

Mit der Kunst, und hier sei vor allem die Malerei gemeint, hat es seine eigene Bewandtnis: Ich kann ein Bild betrachten und die Größe, die Darstellung und die Farben beurteilen, und doch bleibt es mir verschlossen, wenn ich nicht die Interpretation des Künstlers oder Kritikers, geschweige denn den Namen des Bildes kenne. Häufig gehört auch eine Geschichte, bzw. eine geschichtliche Einordnung zu dem Gemälde, damit es sich mir erschließt.

Ein Beitrag von Br. Thomas Schröder aus der Loge St. Alban zum Æchten Feuer, Hoya

Meine Enttäuschung war schon groß, als ich das erste Mal die Mona Lisa im Louvre sah. Mit welch großen Erwartungen ich gekommen war, um in der Ausstellung durch die dichte sich vor dem Bild sammelnde Menschentraube einen Blick auf dieses wohl berühmteste Gemälde der Welt zu werfen. Kein Blitzschlag, kein schneller Puls, geschweige denn Hitzewallungen durchdrangen mich. Ich kam, sah und ging meines Weges durch die weiteren Räumlichkeiten, um den Tag im Museum zu genießen. Ich hätte mich besser auf den Besuch vorbereiten müssen.

1990 besuchte ich das Museum Toulouse Lautrec im französischen Albi. Ich hatte von den faszinierenden Bildern, die z.T. recht lieblos aneinandergereiht waren, wenig, hätte ich nicht um sein Leben zwischen Dirnen, Kriminellen und seiner Liebe zum Wein gewußt. Mit diesem Wissen werden die Bilder lebendig, erzählen Geschichten, man taucht ein in die damalige Zeit und die Phantasie galoppiert mit einem davon.

Ein anderes sehr einschneidendes Erlebnis mit der bildenden Kunst hatte ich vor einigen Jahren bei einer Ausstellung des Museums of Modern Art in Bonn. Nach dem ich mir die Bilder von berühmten Malern wie Picasso und Dali angesehen hatte, betrachtete ich in den unteren Stockwerken eine Bildhauerei, die man nicht nur begehen konnte, man mußte auch außerhalb des Kunstwerks einige Schritte zurückweichen, um die Dimensionen des Werkes zu erfassen. Als ich nun rückwärtsgehend meinen Kunsthorizont zu erweitern begann, stolperte ich über etwas, was sich nach genauerem Hinsehen als faustgroße Kieselsteine herausstellte. Fast ein wenig ungehalten, wie man etwas so großes achtlos und als Stolpersteine herumliegen lassen konnte, ohne es zu sichern, drehte ich mich um und sah, dass ich aus einem ca. 15 mal 1 Meter großen Rechteck aus Kieselsteinansammlungen einige Steine herausgetreten hatte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und versuchte so unauffällig wie möglich die verrückten Steine wieder in Position zu bringen, indem ich sie, teils mit dem Fuß, teils mit der Hand, wieder an Ort und Stelle bugsierte. Meine Bemühungen waren vergebens, man hatte mich ertappt. Eine mir sehr wohlgesonnene Museumsangestellte zeigte ausgiebiges Verständnis für meine peinliche Situation, half mir, den Schaden wieder zu richten, nicht ohne mich zu belehren, dass eigentlich nur der Künstler in der Lage wäre, die handverlesenen, aus einer ganz bestimmten Bergregion Japans entnommenen Kiesel, wieder an die korrekte Position zu legen. Ich sah mich bereits mit nicht genauer zu beziffernden Schadensersatzforderungen konfrontiert, doch vielleicht war es meinem sprichwörtlichen Charme zu verdanken, dass die gute Dame Gnade vor Recht ergehen ließ.

Vielleicht hatte sie aber auch ganz schnell erfaßt, dass dort ein junger Mann in der Bredouille war, der die Kunst nicht erkennt, selbst wenn er davor steht, frei nach dem Motto (und ich weiß, dass das eine alte Kamelle ist) „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Diese Form von Unwissenheit, man könnte auch sagen Dilettantismus, hat sogar noch etwa Charmantes, solange der Unwissende bereit ist, seine Wissenslücken zu füllen, sich für die Kunst interessiert zeigt und vor allem auch den Respekt vor der künstlerischen Leistung dem Künstler bezeugt.

Gemälde haben ein Momentum, sie sind Ausdruck von Gefühlen, wollen den einen Moment einfangen, den es so nicht wieder gibt, sind Impressionen, Expressionen oder auch Abbild von Situationen.

Sie sind ebenfalls Zeitdokumente, denn bis zur Erfindung der Fotographie war die Malerei und das Zeichnen eine der Möglichkeiten des zweidimensionalen Festhaltens von Begebenheiten.

Sehr zu unserem Leidwesen gab es in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen Kunst unwiederbringlich vernichtet wurde. Dem reformatorischen Bildersturm als Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert fielen Gemälde, Skulpturen und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und Heiligen, der Wut der Reformatoren zum Opfer. Die chinesische Kulturrevolution, das Entfernen und Vernichten sogenannter entarteter Kunst; 2001 sprengten Taliban die 1500 Jahre alten gigantischen Buddhastatuen in der afghanischen Bamiyan-Provinz oder die Zerstörung der Ruinen von Palmyra. Die Rechtfertigung tut nichts zur Sache, denn im Grunde haben sie alle dieselbe Gemeinsamkeit: Das Denken der Menschen in eine bestimmte Richtung zu dirigieren. Es geht um Manipulation und Zensur, koste es, was es wolle! Und es kostet vor allem die Freiheit des Andersdenkenden.

Im Pariser Musée d’Orsay hängt ein Bild von Gustav Courbet, das in vollem Naturalismus den entblößten Unterleib einer Frau zeigt. Der Titel:“ L’Origine du monde“, also „Der Ursprung der Welt“. In der z.Zt. enthemmten „me too“-Debatte kann man froh sein, dass noch niemand dem Bild mit einem Messer oder Säure zu Leibe, oder besser zur Leinwand gerückt ist. Dieses Bild wurde aber kürzlich von Facebook in vorauseilendem Gehorsam von einem Nutzerkonto gelöscht, um nicht in den Focus entfesselter Puritaner zu gelangen und die just entwickelte Gelddruckmaschine ins Stottern zu bringen. Wohlbemerkt: Courbets Bild entstand 1866. Wir haben also lockere 150 Jahre der Auseinandersetzung und Diskussion hinter uns, die dazu führt, dass ich mir von einem Netzgiganten vorschreiben lasse, was Kunst und was Pornographie ist?

Facebook hat seinen Fehler inzwischen eingesehen und korrigiert, weil ein französischer Lehrer gegen das Löschen des Bildes auf seinem Nutzerkonto geklagt hatte.

In der Art Gallery von Manchester wurde kurzfristig ein Bild ab- und, nachdem sich Kunstbegeisterte vehement beschwert hatten, flugs wieder aufgehängt. Das Bild ist betitelt mit „Hylas und die Nymphen“, gemalt 1896 von John William Waterhouse. Es zeigt sieben sehr junge Frauen, eigentlich Mädchen, Teenager würden wir heute sagen, in einem mit Seerosen bedeckten Tümpel, entblößte Brüste, lange Haare und mit laszivem Blicken einen Jüngling in ihren Bann ziehend. Und…

Ist das Pornographie? Nach der griechischen Mythologie war der Jüngling Hylas der Geliebte von Herkules. Nun haben wir es auch noch mit Pädophilie zu tun.

Es fragt sich der Kunstwissende (und nicht nur der, sondern ich mich auch), ob die politische Korrektheit die Freiheit der Kunst beschneidet, sie reguliert und wir am Ende viele leere Flächen in den Museen haben, weil die angeblich so anstößigen Gemälde nicht nur in den Lagern, sondern sehr schnell auf dem schwarzen Markt und damit in Privatarchiven reicher Kunstgönner oder auch nur in Tresoren vermögender Leuten verschwinden, die ihr Geld krisensicher anlegen wollen.

Ich warte auf den Tag, an dem Stillleben, auf denen in einer Schale zwei Äpfel und eine Banane in einem losen Arrangement zu sehen sind, in den Museumskatakomben verschwinden müssen, weil eine Weiblichkeit sich sexuell belästigt fühlt, weil sie die Darstellung mit dem männlichen Geschlechtsteil assoziiert.

Ich könnte noch weitere Beispiele enthemmten Moralismus aufzählen, der die Kunst zu einem Opfer der #Metoo Bewegung macht. So sehr die Respektlosigkeit und Machtausnutzung vor allem männlicher Zeitgenossen gegenüber Abhängigen und hier vor allem Frauen, zu verurteilen und inakzeptabel ist, so sehr wehre ich mich dagegen, dass hier in einem völlig überzogenen Maße mir die Freiheit an dem Kunstgenuß und der Selbstbestimmung der Kunstbeurteilung fremdbestimmt genommen wird. Dieser Widerstandsreflex, den nicht nur ich verspüre, bleibt, hat Bestand. Aus dem öffentlichen Raum mit viel politischer Korrektheit wird der freie Geist dichtgeklebt, eingestampft, mürbe gemacht. In öffentlicher Zurschaustellung gängelt eine selbsternannte Richtigkeits-, Wahrheits- und Moralklientel die Masse unter völliger Mißachtung dessen, was sie für sich als Elementarrecht beansprucht: die Freiheit des Geistes, oder das, was sie darunter versteht, den sie aber anderen nicht zubilligt. Diese wie ein Nebel über der Gesellschaft dahinwabende unerträgliche Kasteiung läßt viele öffentlich sprachlos zurück. Und diese Sprachlosigkeit findet ihr Ventil in geschützten Räumen: in der Familie, im Freundeskreis und auch in der Freimaurerei.

Als Freimaurer ist uns mit diesem geschützten Raum eine Kostbarkeit gegeben, die wir, wenn wir sie jetzt vielleicht nur gering zu schätzen wissen, sie eines Tages für uns mit das Wertvollste sein wird, was die Freimaurerei uns zu bieten hat.

Denn hier sind wir in der Lage, die Sinnhaftigkeit des ach so politisch Korrekten kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns diesen mit Respekt geführten Diskurs erhalten. Streiten wir weiter im positiven Sinne um die Vielschichtigkeit der Meinungen, lassen wir es zu, dass ein freier Geist die Freimaurerei durchströmt, und dass, nicht nur in der Kunst und Schönheit, sondern in allen Belangen der uns interessierenden Themen die Neugier und der Wissensdurst und nicht die Meinungszwangsjacke das Logenleben begleitet.

Wir benötigen eine neue von Respekt gegenüber der abweichenden Meinung und dem individuellen Gegenüber getragene Debattenkultur. Sie würde nicht nur der Freimaurerei gut zu Gesicht stehen, sondern auch ein Anziehungspunkt für Suchende und die profane Welt sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Förderpreisvergabe der Stiftung der Lübecker Loge “Zur Weltkugel”

v.l. Cay-Theodor Zügel ( Vorsitzender Loge zur Weltkugel ), Jürgen Zühlke („Die Muschel e.V.“ ), Jan Lindenau (Lübecker Bürgermeister)

Foto: “Zur Weltkugel”

Am 7. Oktober 2018 vergab die Loge "Zur Weltkugel" im Rahmen einer Festveranstaltung den Förderpreis der Logenstiftung. Der ambulante Kinderhospizdienst „Die Muschel“ e.V. wurde für sein humanitäres Engagement geehrt.

(Lübeck/fg) Knapp 100 Gäste, unter ihnen auch der Lübecker Bürgermeister Jan Lindenau, wurden durch den Vorsitzenden, den Meister vom Stuhl, der Loge, Cay-Theodor Zügel begrüßt. In seiner Begrüßung kokettierte der Vorsitzende angesichts der immer noch gelegentlich gegen Freimaurer bestehenden Vorurteile mit der Frage, warum die Loge diesen Preis vergibt. Dass es sich um unnötige Vorbehalte handelt,  konnte man am Sonntag sehen, die Loge hatte sich und das Logenhaus für die Öffentlichkeit geöffnet und bot ein kurzweiliges Programm. Tatsächlich sind es die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Humanität und Toleranz, für die die Freimaurer einstehen.

Die Vergabe des diesjährigen Preises in Höhe von 6000 Euro an das Kinder- und Jugendhospiz „die Muschel“ hat dieses Engagement eindrucksvoll unterstrichen. Denn was ist menschlicher, als den schwächsten und kleinsten Mitgliedern unserer Gesellschaft Hilfe zukommen zu lassen, und das in einer Situation, die sich keiner von uns vorstellen möchte?

Diese Bereitschaft, den lebensbedrohlich erkrankten Kindern und deren Angehörigen seelische Hilfe zu geben, sich solche emotionale Belastung aufzubürden, um anderen zu helfen, verdient aller größten Respekt. Der ambulante Kinderhospizdienst „Die Muschel“ e.V. ist seit Jahren ehrenamtlich in seelsorgerischer Hilfe tätig, in Lübeck, Bad Segeberg und Umgebung. Rund 40 ehrenamtliche, zertifizierte Betreuer stehen derzeit knapp 20 Kindern und deren Familien in schweren Zeiten bei.

Dieses eindrucksvolle Engagement hat die Mitglieder der Loge „Zur Weltkugel“ so beeindruckt, dass Sie sich in diesem Jahr für die Vergabe des alle zwei Jahre ausgelobten Förderpreises an die Muschel ausgesprochen haben.

Br. Florian Galow, Jörn Birke, Esther Jung, Lukas Kowalski Foto: "Zur Weltkugel"

Die symbolische Übergabe der 6000 Euro wurde musikalisch umrahmt von den vier Ausnahmemusikern Esther Jung, Lukas Kowalski, Jörn Birke und Florian Galow. Die Musiker stellten sich in den Dienst der guten Sache und verzichteten komplett auf eine Gage. Sie unterhielten die Gäste mit sowohl nachdenklichen wie auch fröhlichen Songs aus Pop und Rock. Ihre Darbietung auf höchstem künstlerischem und musikalischem Niveau wurde von den anwesenden Gästen mit frenetischem Applaus gefeiert.

Im Anschluss an die rund einstündige Veranstaltung hatten alle Gäste bei einem vom Gastronom des Logenhaues hervorragend angerichtetem Fingerfood-Buffet die Gelegenheit, sich zu unterhalten und Ihre Eindrücke auszutauschen. Es war ein gelungener Sonntagnachmittag.

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Noch Sonderhefte der Zeitschrift “Humanität” verfügbar

Foto: candy1812/ Adobe Stock

Vom Sonderheft der "Humanität", dem deutschen Freimaurermagazin, gibt es noch Exemplare. Logen und an der Freimaurerei interessierte Menschen können bei der Großloge Hefte erwerben.

Einmal jährlich erscheint eine Sonderausgabe der Zeitschrift “Humanität”, die speziell für die Öffentlichkeitsarbeit der Logen gedacht ist. Vom diesjährigen “Special” gibt es noch Hefte, die bei der Großloge bestellt werden können.

Folgende Themen finden sich im Heft:

Herzlich willkommen bei den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland – Begleitwort zur Sonderausgabe der „Humanität“ – Von Großmeister Stephan Roth-Kleyer

16 gute Gründe, ein Freimaurer zu sein. Oder: Warum es sich lohnt, einen Schurz zu tragen. Von Carlos Urban.

“Meine Mutterloge” — Von Rdyard Kipling

Freimaurer … was sind sie, was tun sie, was sind sie nicht und warum gibt es sie? Einge Antworten.

Die Deutschen Logen feierten das Jubiläumsjahr auf vielfältige Weise. Ein Rückblick.

Von den Bauhütten des Mittelalters zur humanitären Freimaurerei – Von Hartwig Kloevekorn, Jens Oberheide und Bastian Salier

Von Klischees und Verschwörungstheorien: „Wo kann man Ihre schwarzen Messen besuchen?“ – Von Thomas Müller
Kann Freimaurerei heute noch etwas bewirken? Gedanken zur Zukunft unseres Bruderbundes – Von Rolf Appel
„Ich wurde sofort auf Augenhöhe angenommen.“ Interview mit einem jungen Bruder

Charity: Tue Gutes und rede darüber …

Frauen und Freimaurerei

Mit dem Mikroskop neue Welten entdecken. Der Fotograf und Freimaurer Karl Deckart.
Alte und neue Pflichten für Freimaurer. Vom Betragen und Umgang unter den Menschen
Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland stellt sich vor
Das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth: Geschichte bewahren und Zukunft sichern.
„Kehr niemals der Not und dem Elend den Rücken“: Das Freimaurerische Hilfswerk e.V.
Quatuor Coronati e. V. – „Die vier Gekrönten“ mit Blick auf die Wissenschaft; Kunst und Kultur: Pegasus – Freimaurerischer Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation e.V.

Hannover / Leipzig / Darmstadt

Regensburg / Wildeshausen / Passau

Eine Wunde wird geschlossen. Statue für den freimaurerischen Reformer Friedrich Ludwig Schröder in Hamburg rekonstruiert.

Hefte können zu den folgenden Preisen erworben werden:

MengeHeftpreisVersand
Bis 3 Hefte4,50 €2,60 €
4 bis 11 Hefte4,50 €6,52 €
12 bis 20 Hefte3,75 €8,02 €
21 bis 40 Hefte3,50 €9,35 €
41 bis 100 Hefte3,15 €17,75 €
Über 100 Hefte2,50 €Auf Anfrage

Ihre Bestellung richten Sie bitte vorzugsweise per E-Mail an die Kanzlei der Großloge unter kanzlei@freimaurerei.de. Postalische Bestellungen bitte an Großloge A.F.u.A.M.v.D., Emser Straße 11, 10719 Berlin. Telefonische Rückfragen unter 030-86422034.

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Am freimaurerischen Wesen soll die Welt genesen?

Foto: Mondela / Adobe Stock

Durch unsere Gesellschaft geht ein sich vertiefender Spalt zwischen einer Haltung, die Toleranz mit Beliebigkeit verwechselt und dem immer unverhohleneren Ruf nach einer "starken Führung". Die Freimaurerei steht dazwischen: sie lehrt ehrliche Verantwortungsübernahme. Aber kann sie deswegen auch gesellschaftspolitisch relevant sein?

Von Br. Walter Plassmann aus der Loge "Die Brückenbauer", Hamburg

“Nein, sie brauchen keinen Führer“, stellte Udo Lindenberg 1987 auf seinem Album “Horizont” fest, „Nein, sie können’s jetzt auch alleine.“ Lindenberg nahm mit diesem Lied die „neuen Nazi-Schweine“ aufs Korn, die extremen Rechtsradikalen, die sich in jenen Jahren zu formieren begannen. Und in der Tat gibt es bis auf den heutigen Tag keinen von allen anerkannten Sprecher für die deutlich angewachsene Schar der Rechtsradikalen.

Viele Deutsche scheinen sich dagegen nach einer Führerfigur zu sehnen. Eine vor einigen Monaten veröffentlichte Umfrage brachte die erschütternde Nachricht, daß nur jeder zweite Deutsche die Forderung “Wir sollten einen Führer haben, der in Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert” komplett ablehnte . In Österreich sind es sogar 43 Prozent, also fast jeder Zweite, die einen starken Mann an der Spitze für wünschenswert halten .

Die Sehnsucht vieler Menschen nach dem „guten Führer“ ist uralt und offenbar nicht auszurotten. Da ist zum einen der Reflex, daß die Drecksarbeit gegen die „verhaßten Anderen“ bitte jemand anders übernehmen soll; man will sich da selbst nicht die Finger schmutzig machen. Aber weiter verbreitet dürfte ein naiver Wunsch sein: Das Leben ist schon kompliziert genug, da wäre es doch schön, man könnte die Politik und die Staatsverwaltung ruhigen Herzens an eine Art Übervater geben, der mit ruhiger Hand für Gerechtigkeit und Wohlstand sorgt.

Dass eine solche Einstellung weltfremd ist, muß nicht weiter diskutiert werden. Aber die Haltung hinter dieser Einstellung ist es, mit der wir uns beschäftigen sollten – gerade als Freimaurer. Denn sie berührt eine zentrale Aufgabe, der wir uns im Bruderbund stellen.

Die Abneigung, Verantwortung zu übernehmen und damit auf einfache Fragen keine einfachen Antworten mehr geben zu können, ist dem Menschen offenbar tief eingeprägt. Je abstrakter die Verantwortung wird, je mehr sie sich also vom täglich Erfahrbaren entfernt, umso stärker wächst der Widerstand dagegen, Verantwortung auch zu tragen. Verantwortung dafür zu übernehmen, was man einkauft, ist einfach; Verantwortung für seinen unmittelbaren Nachbarn geht vielleicht auch noch; aber Verantwortung für eine abstrakte Idee wie die Demokratie zu tragen, das ist für viele nur schwer vorstellbar.

Im Idealfall wird diese Verantwortung – beispielsweise per Wahl – an Menschen übertragen, die damit nicht so große Probleme haben. Allerdings wird deren Legitimität unmittelbar wieder in Frage gestellt, falls diese sich erdreisten, die in sie gesetzten (individuellen) Erwartungen nicht zu erfüllen.

Die Freimaurerei will das genaue Gegenteil. Sie hat ihre gesellschaftspolitischen Wurzeln in der Aufklärung. Sie vertritt den Standpunkt, daß der Mensch vernunftbegabt ist und sich ausreichend Wissen aneignen kann, um vernünftige, objektiven Maßstäben standhaltende Entscheidungen zu treffen. Und diese soll er dann auch treffen sowie hierzu stehen. Verantwor-tung übernehmen eben.

Voraussetzung hierfür ist ein starker innerer Kompaß. Dieser gibt den Mut, Entscheidungen zu treffen, er gibt die Kraft, sie auch durchzuhalten und durchzusetzen und er verhindert widersprüchliches Verhalten. „Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer sein Weg“, heißt es im Aufnahmeritual, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“.

In dieser schönsten Passage im Aufnahmeritual ist alles zusammengefaßt, was Verantwortungsübernahme ausmacht: das an „hohen Zielen“ festgemachte Wertegerüst, an dem die Handlungen gemessen werden; die Ruhe und Sicherheit, die dieses Wertegerüst gibt; die Furchtlosigkeit, zu dem einmal für richtig Erkannten auch zu stehen.

Solche Wertegerüste haben allerdings viele. Es gibt sie in der Politik in Form von Ideologien (von der Demokratie bis zur Diktatur), es gibt sie im sozialethischen Kontext und in Religionen, die das Gerüst bis in die Transzendenz hinein weiterbauen. Von diesen Wertesystemen unterscheidet sich die Freimaurerei in zwei wesentlichen Punkten. Da ist zum einen der geradezu geniale Einfall, das Gerüst sehr offen zu lassen. Dem Freimaurer ist vorgegeben, eine Haltung der Toleranz und der Menschenliebe in einem Umfeld zu leben, das vom Großen Baumeister aller Welten geschaffen und gehalten wird. Das war es aber auch schon. Vor allem die Frage, wie das Symbol des Großen Baumeister aller Welten übersetzt wird, ist jedem Freimaurer freigestellt.

Damit entzieht die Freimaurerei ihrem Wertesystem das Ideologische, ohne in die Beliebigkeit abzugleiten. Denn unmißverständlich wird verlangt, das Wertesystem der Toleranz und Menschenliebe mit einem „supreme beeing“ auszufüllen. Aber wie dieses konkret geschaffen ist, bleibt der Überzeugung und dem Glauben des Einzelnen überlassen. Er kann an die Stelle der Großen Baumeisters aller Welten den Kosmos setzen oder eine andere Ordnung, die die Welt durchwaltet, er kann aber auch den Gott nehmen, der sich mit seinem Glauben deckt.

Auf diese Weise wird der Freimaurer gezwungen, sich über die Basis der Verantwortungsübernahme nicht nur Gedanken zu machen, sondern sie auch wirklich zu leben. Die aktuelle Haltung der kompletten Beliebigkeit („anything goes“) wird er nicht durchhalten können, denn immer wenn er im Tempel sitzt, wenn er mit Brüdern spricht, wenn er sich mit der Freimaure-rei beschäftigt, wird er mit dieser Forderung konfrontiert. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, er muß sich dieses Wertesystem erarbeiten – oder die Freimaurerei verlassen, weil sie ihm nichts anderes bieten kann.

Zum zweiten wird der Freimaurer in geradezu penetranter Weise dazu angehalten, sein Wertesystem immer wieder zu hinterfragen und es gegebenenfalls anzupassen. Das ist genau der Unterschied zu den ideologisch geprägten Wertesystemen, die mit Gesetzen, Verboten und Dogmen arbeiten. An sie muß sich der Anhänger sklavisch halten, und wenn sie geändert werden sollen, ist dies immer ein langer, quälender Prozeß, der an den Grundfesten der jeweiligen Ideologie rüttelt.
Die Grundfesten der Freimaurerei dagegen sind schon so angelegt, daß sie einem permanenten Veränderungsprozeß unterworfen sind. Der Tempel der Humanität wird niemals fertig sein, der Maurer wird niemals vollkommen werden, die Ecken seines rauhen Steines bedürfen einer nicht enden wollenden Bearbeitung. „Der Spitzhammer bleibt unser Werkzeug bis ans Lebensende“, mahnt der Meister vom Stuhl in der Beförderungsarbeit.

Auf diese Weise ist der Freimaurer in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Dies gilt nicht nur für sein engeres persönliches Umfeld und für seine Loge, sondern auch für übergeordnete Dinge. Deshalb sind wir in der Lage, über Werte zu sprechen, ohne in ideologische Schlachten abzugleiten. Dies gilt bis in politische und religiöse Fragestellungen, denn das Verbot der Alten Pflichten bezieht sich auf Parteipolitik und kirchliche Positionen, nicht darauf, politische und religiöse Themen zu bearbeiten.

Das bedeutet nun aber nicht, daß am freimaurerischen Wesen die Welt genesen könne. Dem inneren Aufbau der Freimaurerei ist immanent, daß sie auf den einzelnen Bruder wirkt. Übersetzte man sie auf eine Gesellschaft, würde sie doch wieder zur politischen Ideologie, denn mit einem permanenten Diskurs, so wie ihn die Freimaurerei pflegt, läßt sich keine Gesellschaft steuern. Dazu würde es doch fester Regeln bedürfen, die automatisch in ein starres Gerüst mündeten – also genau das Gegenteil dessen, was die Freimaurerei bezweckt.

Diesem Irrtum unterliegen aktuell viele – auch prominente – Freimaurer. Es stimmt zwar, daß die Werte der Freimaurerei und vor allem der Umgang mit ihnen wertvolle Bezugspunkte geben können für eine Gesellschaft, die im großen Meer der Beliebigkeit unterzugehen droht. Aber sie wird dies immer nur auf der individuellen Ebene vollziehen können. Die „gesellschaftspolitische Relevanz“ der Freimaurer endet an den Tempeltüren. Wer mehr möchte, muß den freimaurerischen Kontext verlassen, seine Überzeugungen in ein festes Wertegerüst packen und mit diesem politisch arbeiten. Das ist weder verboten noch zu kritisieren, aber es darf nicht mit der Freimaurerei legitimiert werden.

Dieser Kern der Freimaurerei ist seit Jahrhunderten das Faszinierende unseres Bundes. Er ist anspruchsvoll und fordert viel von jedem Bruder. Nicht umsonst lautet die letzte Mahnung des Meisters zum Ende des Rituals: „Seid wachsam auf Euch selbst.“ Aber der Lohn ist groß. Geborgen im Gerüst der freimaurerischen Werte wächst die Sicherheit. Je häufiger der Maurer bemerkt, daß gerade das Infragestellen und gegebenenfalls Neuausrichten dieser Werte weitere Sicherheit verleiht, umso stärker wird sein Vertrauen. Diese „initiatische Unerschütterlichkeit“ verleiht ihm die Kraft, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“ den Weg zu gehen. Einen irdischen Führer braucht er hierfür nicht.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Uraufführung “Der Horla” in Osnabrück

Die Loge "Zum Goldenen Rade" im Orient Osnabrück unterstützt ein außergewöhnliches Projekt: Die Uraufführung der Kammeroper "Der Horla" von Patrice Oliva nach Guy de Maupassant. Patrice Oliva ist seit 2017 Mitglied der Loge.

(Osnabrück/po) Am 6. Juli 2018 jährte sich der Todestag des französischen Schriftstellers und Journalisten Guy de Maupassant zum 125. Mal. Dieses Jubiläum hat der aus Marseille stammende und in Osnabrück lebende Komponist Patrice Oliva zum Anlass genommen, eines seiner frühen Werke, die Oper « Le Horla » nach der gleichnamigen Novelle Guy de Maupassants, zu sichten und komplett neu zu konzipieren. Entstanden ist ein psychologisches Kammerspiel, changierend zwischen Rationalität und Wahnsinn, auf dem schmalen Grat von Wirklichkeit und Imagination. « Kein Mond am Himmel. Die Sterne flimmerten am dunklen Himmel. Wer bewohnt diese Welten? Welche Gestalten? Welche Wesen, welche Tiere, welche Pflanzen gedeihen dort? » schreibt Maupassants Ich-Erzähler in sein Journal – gejagt von überirdischen Kreaturen oder auf der Flucht vor dem eigenen Wahnsinn?

Im Saal des Lortzinghauses in Osnabrück führt er ein intimes Zwiegespräch mit seinem Tagebuch; das ihn dort umgebende Kammerorchester gibt ihm dabei einerseits das Gefühl von Geborgenheit, wie es auch zum Sinnbild des ständigen Beboachtetseins wird.

Patrice Oliva wurde 1974 in Marseille geboren und wuchs in dem italienischen Arbeiterviertel „Belle de Mai“ auf. Nichts in seiner Kindheit deutete auf eine musikalische Zukunft hin – im Gegenteil: in der „Belle de Mai“ gehörten Bandenkriege, Drogenhandel und andere kriminelle Vorkommnisse zum Alltag. Ein Musiklehrer auf dem Collège erkannte seine Begabung. Schon nach wenigen Monaten Unterricht wechselte er an das Konservatorium Marseille und entdeckte die Komposition für sich. Er schloss 2001 mit dem „Premier Prix“, dem höchsten Diplom ab und arbeitete zunächst als Flötist im Orchester der Staatsoper Marseille. 2003 schloss er ein Aufbaustudium am Richard-Strauss-Konservatorium in München an. Zehn Jahre lang bildete München den Lebensmittelpunkt des Komponisten. Seit 2014 lebt er in Osnabrück, wo er einen Lehrauftrag an der Universität Osnabrück übernommen hat.

v.l.n.r.: Patrice Oliva (Komponist), Daniel Inbal (Dirigent), Rhys Jenkins und Genadijus Bergorulko (Sänger); Foto: Christian Fritsch

Mit freundlicher Unterstützung von a!b!c! Personalmanagement, der Freimaurerloge „zum Goldenen Rade“ Osnabrück e.V., der Stadt Osnabrück, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V., dem Musikverein Osnabrück e.V. und der Deutsch-Französischen Gesellschaft Osnabrück e.V.

Musikalische Leitung: Daniel Inbal
Mit: Rhys Jenkins, Genadijus Bergorulko
Mit deutschen gesprochenen und französischen gesungenen Texten.
Uraufführung am 03. November 2018, weitere Aufführungen am 24. November 2018 und 05. Januar 2019, jeweils 19:00 Uhr.
Tickets zu 10 € und 8 €, Kartenreservierung über www.weber-musik-edition.de
Lortzinghaus Osnabrück, An der Katharinenkirche 3, 49074 Osnabrück

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