Für das Leben – Rückkehr in eine kleine Stadt in Bosnien (1)

Das vierjährige Mädchen durfte die Wohnung drei Jahre kaum verlassen. Die Mutter hatte Angst, dass es in der "UN-Schutzzone“ vor der Haustür von Granaten getötet oder verletzt wird. Dutzenden Kindern ist das passiert.

Der Journalist und Bruder Dirk Planert erzählt in einer bewegenden dreiteiligen Reportage von seiner Rückkehr nach Bosnien, von seinen humanitären Einsätzen vor 25 Jahren, den traumatischen Erlebnissen und vom Wiedersehen.

Von Br. Dirk Planert

1200 Kilometer liegen vor mir. Früh an diesem Februarmorgen ist es noch dunkel. Meine Heimatstadt Dortmund habe ich gerade verlassen. Der Wagen rollt die ersten Kilometer über die A 45 Richtung Frankfurt. Ich bin glücklich und rufe meinem Hund im Kofferraum zu: „Sam, endlich geht es los, nach Hause“! Der Rauch meines Tabaks schwebt langsam in Richtung Tacho. Der zeigt entspannte 120 km/h an. Unser Weg führt nach Osten, dem Licht entgegen. Vor mir geht jetzt die glutrote Sonne auf. In mir höre ich einen alten Freund sagen: „Hier vergeht das Leben so schnell, wie der Rauch einer Zigarette“. Ich sehe ihn, diesen Satz sagend vor mir stehen. Wenige Sekunden später hockten wir zitternd in einem Flur. Um uns herum drei Frauen und ein Kind. Ich meine nicht das leichte Zittern, das jeder kennt, der mal fast einen Autounfall hatte. Ich meine das Zittern, das so stark ist, dass man kein Glas mehr halten kann, ohne dass der Inhalt verloren geht. Es entsteht bei Todesangst. Das war an einem von 13 Tagen in einem Februar. Diese Tage waren alle so. Das Kind hieß Dzenana, ein Mädchen und gerade mal vier Jahre alt. Ich höre jetzt wie sie nach Schutz suchend meinen Namen ruft. In meinen Augen sammelt sich Wasser, der Magen zieht sich zusammen, ich beiße mir auf die Zähne, höre das Knirschen und versuche an etwas anderes zu denken.

Im April werde ich Großvater. Als ich das vor ein paar Monaten erfahren habe, hatte ich auch Wasser in den Augen. Aber die guten Tränen, die man hat, wenn man glücklich ist. Das ist der Auslöser für diese Reise. Ich möchte nicht Opa sein, und noch immer diese Bilder im Kopf haben. Ich will das reparieren, erträglicher machen. Zumindest soweit es geht. Und das wird, wenn überhaupt, nur dort gehen, wo sie entstanden sind. 25 Jahre liegen zwischen diesen Februartagen. Deshalb weiß ich das.

Und noch einen Grund gibt es für diese Reise. Es gibt Bilder, die lagen jungfräulich als Negative über 20 Jahre in meinem Keller. Vor einem Jahr habe ich sie hervorgeholt, digitalisiert, beschriftet und sortiert. 4000 aus drei Jahren Krieg, 1200 allein aus Bihac in Bosnien. Die habe ich jetzt auf Sticks dabei. Die anderen Bilder, die in meinem Kopf, sind auch in meiner Nase, meinen Ohren und unter meiner Haut. Die auf dem Stick möchte ich dem Direktor des Stadtarchives übergeben. Ich denke sie gehören den Menschen in Bihac, die all das erleben mussten. Diese Bilder sind ein Teil ihrer Geschichte. Die anderen werde ich vielleicht auch los, oder zumindest ein paar davon? Uspomena heißt es im Bosnischen, die Erinnerungen.

Die UN wurden in Bosnien Icemen genannt, weil sie herumstanden wie Eisverkäufer und nichts taten. Drei Jahre lang haben die Vereinten Nationen zugesehen, wie 120.000 Menschen mit Granaten beschossen wurden.

Bihac war „der Kessel von Bihac“, eine von sechs sogenannten „UN-Schutzzonen“ während des Krieges im ehem. Jugoslawien.  Das Wort Schutzzone verspricht etwas, das nie gehalten wurde. 120.000 Menschen waren von serbischem Militär eingeschlossen. Artilleriegeschütze, Panzer, Raketenwerfer und Mörser, auf Zivilisten ausgerichtet. Sie schossen in die Stadt rein. Ich war regelmäßig in der „UN-Schutzzone“ um humanitäre Hilfe hinein zu fahren. Aber so schlimm wie während der Februaroffensive ’94 hatte ich es noch nie erlebt. 2.000 Granaten am Tag, sagte die Statistik der Stadt damals. Das macht 13 mal 2.000, also etwa 26.000 Granaten. Ich hatte Glück, denn ich habe nicht mal einen Kratzer abbekommen. Andere hatten dieses Glück nicht. „Krieg ist, wenn Stahl Fleisch durchschlägt“, hat mal irgendwer geschrieben. Mir ist das zu platt. Mein Freund Andy Spyra, Kriegs- und Krisenfotograf, sagte während einer unserer nächtlichen Diskussionen: „Krieg ist das Fundamentalste das ein Mensch erleben kann“. Damit hat er vermutlich Recht.

Heute ist Bihac Brennpunkt der Balkanroute. In 18 Kilometern Entfernung liegt die Grenze zu Kroatien und damit zur EU. Von dort soll für mehrere tausend Flüchtlinge ein Weiterkommen extrem schwierig sein. Die meisten hängen fest. Die kleine Stadt mit ihren heute knapp 50.000 Einwohnern ist überfordert. Es soll an vielem fehlen. Mit einem leeren Auto zu fahren wäre also Verschwendung von Ressourcen. Zwei Wochen vor der Abfahrt habe ich deshalb meine Brüder der ehrwürdigen Loge „Zur alten Linde“ während eines Clubabends um das Wort gebeten und sehr kurz erklärt, dass ich Geld, Winterkleidung und Schlafsäcke brauche, um sie vor Ort zu verteilen und Lebensmittel oder andere Notwendigkeiten kaufen zu können. Am selben Abend kam ein Bündel Geld zusammen. Eine Woche später legten weitere Brüder nach und in der Loge lagen zehn Schlafsäcke und ein gutes Dutzend Taschen mit Winterkleidung bereit zur Abholung.  Brüderliches Vertrauen ermöglicht kurze Wege. Der Wagen ist also vollgepackt. Außerdem habe ich 1.700 Euro dabei, mehr als die Hälfte von Brüdern anvertraut.

Zwischen den Fronten kurz vor dem „Kessel von Bihac“. Von beiden Seiten hatten serbische Scharfschützen ein freies Schussfeld und Minen lagen auf der Straße. Deshalb wurde der UN Checkpoint mit Sandsäcken geschützt.

20 Kilometer noch. Die Landschaft ist in der Nähe des Naturparks Plitvicer Seen ist wundervoll, die Sonne strahlt und vor mir liegt die lange Ebene vor Bihac. Ich halte an, steige aus. An dieser Stelle war damals der letzte serbische Checkpoint. In der Mitte der Ebene die Pink Zone, die Pufferzone mit dem durch Sandsäcke geschütztem Checkpoint der UNPROFOR und dahinter bosnisches Territorium. Wenn wir es damals mit unseren Lkw voll mit humanitärer Hilfe bis hier hingeschafft hatten, immerhin lagen dann schon 100 Kilometer durch die serbisch okkupierte und „ethnisch gesäuberte“ Krajina und etwa zehn serbische Checkpoints hinter uns, dann wurde es jetzt besonders kritisch. Von links mögliche Scharfschützen der Krajina Serben, von rechts mögliche Scharfschützen der Karadzic Serben und auf der Straße Minen. Die Strecke hatte eine Länge von zwei bis drei Kilometern und ob die bosnische Seite dann am anderen Ende kapiert, das wir das sind, also humanitäre Hilfe anrollt, und nicht „die Cetniks“ (radikale Serben), das wusste man auch erst, wenn man durch war.

Die Häuser waren mit Holzbalken provisorisch gesichert, damit die Splitter der Granaten nicht durch die Fenster schlagen. Während der Offensive im Februar 94 traute sich kaum jemand vor die Tür.

Heute ist in der Mitte der Ebene die EU Außengrenze mit einem riesigen, modernen Gebäude. Kurz heult mein Motor auf. Das ist die Gewohnheit, der Fuß will das Gaspedal durchtreten. Das lasse ich lieber. Man muss sich jetzt an Tempolimit und Verkehrsregeln halten. In der Stadt sind Menschen unterwegs. Niemand rennt um sein Leben, es sind keine Löcher in den Häusern, nirgendwo stehen Sandsäcke oder Holzbalken schräg vor den Fenstern. Es ist ruhig. Ich habe instinktiv die Fenster runtergelassen. Jetzt erst merke ich warum. Um besser zu hören was draußen passiert. Das sitzt auch nach 25 Jahren noch. Kinder spielen am Straßenrand. Das reicht schon wieder für Tränen. Herrgott im Himmel, ist das schön: Frieden! Ich habe Gänsehaut, die Zigarette zwischen meinen Fingern zittert. Es ist das gute Zittern, wie wenn man fast einen Autounfall hatte und nichts passiert ist.

Noch ein paar Meter und ich bin dort, wo mein Herz geblieben ist. Zu Hause! Es klingt paradox, ich weiß das. Wie kann man etwas zu Hause nennen, das man seit Jahrzehnten nicht gesehen hat? Ganz einfach: Ich habe diese Menschen geliebt und tue das noch immer. Die Familie, bei der ich übernachten werde, die Nachbarn in den umliegenden Häusern, jeden Menschen dieser Stadt und besonders meine Kinder. Also alle, die damals im Krankenhaus von Bihac lagen. Für mich waren das meine Kinder. Viele mit Granatsplittern im Körper, zerfetzten Beinen oder Armen. Die anderen lagen in der Leichenhalle nebenan oder schon auf einem der Friedhöfe.

Auf der Kinderstation des Krankenhauses hatten die meisten Patienten Kriegsverletzungen. Die Versorgungslage war sehr schlecht. Ohne humanitäre Hilfe von außen hätten die Ärzte kaum arbeiten können.

Eigentlich hätte ich im Februar ’94 in der Uni gesessen und mein Studium abgeschlossen. Ich bin Deutscher, war damals, als alles begann, 25 Jahre alt und habe vor dem Krieg nie irgendetwas mit Jugoslawien zu tun gehabt. Bis zu einem Nachmittag im Juni 1992. Ich studierte Germanistik, Philosophie, Politik und Geschichte, wollte später Journalist werden und arbeitete bereits für eine Zeitung und einen kleinen Radiosender. Krieg kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Oma und meiner Mutter. Sie war drei Jahre alt, als sie Halbwaise und Flüchtlingskind wurde. Um 16 Uhr war eine Vorlesung zu Ende und beim Verlassen der Uni fiel mir ein Infostand einer christlichen Organisation auf, an dem Unterschriften gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien gesammelt wurden. Ausgestellt waren Bilder von zerbombten Städten und Kindern in Krankenhäusern, die offensichtlich nicht anständig versorgt werden konnten.

Im kroatischen Gospic spielen Kinder 1993 vor einem ausgebombten Hotel in der Innenstadt.

Als ehemaliger Zivildienstleistender habe ich selbstverständlich unterschrieben und bin weitergegangen. Nach zwanzig Metern hat mich ein Gedanke festgehalten: „Da muss jemand etwas tun!“ Ich blieb stehen, drehte mich um und sah mir das an. Da standen fünf junge Männer mit verschränkten Armen hinter ihrem Tapeziertisch und warteten auf Unterschriften. „Das ist geistige Onanie, was ich hier gerade gemacht habe“, ging mir durch den Kopf. Der Einzige, der von meiner Unterschrift etwas hat, das bin ich selbst. Das gute Gefühl, gegen einen Krieg zu sein, über den ich rein gar nichts wusste, nicht einmal, dass es Kroaten, Serben und Bosnier gab. Mit dem Papier dieser Unterschriftensammlung kann man sich vermutlich im Krieg den Hintern abputzen oder ein Feuer machen, sonst nichts. Hatte vorher in einer Vorlesung nicht irgendein Professor Karl Jaspers zitiert? „Die Verantwortung der Welt liegt in der Hand des Einzelnen“, oder Sartre mit seinem Gedanken „der Mensch ist das, was er tut“. Was nutzt diese ganze Auseinandersetzung mit Philosophie, wenn sie nicht gelebt wird, im realen Leben keine Anwendung findet? Nichts! Sarajevo war schon seit fast drei Monaten eingekesselt und wurde täglich mit Granaten beschossen. Völkermord und Konzentrationslager – bis dato hieß es doch immer wieder, so etwas dürfe nie wieder passieren? Die internationale Politik, die UN, die europäische Gemeinschaft, niemand tat etwas. Man ließ die Menschen verrecken.

Ich definierte zwei Probleme. Das erste war der Krieg. Da wusste ich nicht, was ich dagegen tun könnte. Das zweite Problem: Massive Unterversorgung der Menschen. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in einer Welt der massiven Überversorgung. Eine Lösung ist also, eine Brücke zu bauen, zwischen diesen beiden Welten. Logistik ist das Zauberwort, das den Mörtel bildet. Die Steine dieser Brücke sind die Menschen, die eben eines nicht mehr wollen: Zusehen und nichts tun! Als mir das klar wurde, entschied ich mich, jetzt nicht mehr zu reden, sondern anzupacken. Erst noch eine Nacht drüber schlafen.

Am nächsten Morgen hatte sich nichts verändert. Ich war davon überzeugt, dass es jetzt das Richtige ist und das es funktionieren kann. Ich begann meinen ersten Hilfstransport zu organisieren, stand 15 Tage später das erste Mal in einer ausgebombten Stadt und verteilte Lebensmittel an Menschen, die keine hatten. Eine alte Frau ging vor mir auf die Knie und küsste meine Füße, weil ich ihr eine Bananenkiste voll mit Essen und Hygieneartikeln gegeben hatte. Ich schämte mich in Grund und Boden, wusste aber auch, dass dies nicht der letzte Transport sein wird. Ich musste effektiver werden. Über Zeitungsartikel schlossen sich 32 Studentengruppen im ganzen Bundesgebiet an. 400 ehrenamtliche Helfer sammelten in Deutschland Lebensmittel, Kleidung, Medikamente und Geld.

Zur Strategie gehörte, ein Netzwerk in Deutschland aufzubauen: Hat eine Gruppe einen LKW und eine andere eine Ladung, muss man sie nur miteinander verbinden und schon rollt ein Transport. Im Copyshop bastelte ich eine „Vereinszeitung“ zusammen, um die „Filialen“ zu informieren, wer über welche Kapazitäten und Pläne verfügt. Das Internet gab es ja noch nicht. Der Verein „Aktion Soforthilfe e.V.“ expandierte. Ich verlegte mein „Hauptquartier“ vom Studentenwohnheim im Siegerland in ein Kloster in der kroatischen Hafenstadt Rijeka, außerhalb des Kampfgebietes. Sechs Monate nach besagtem Nachmittag und meiner vermutlich sinnlosen Unterschrift waren bereits 19 Hilfstransporte angekommen, danach habe ich aufgehört sie zu zählen.

Die Caritasstelle in dem Kloster wurde geleitet von Don Ivan Pajtak, einem kroatischen Priester, der gern Schnaps trank und unter dem Fahrersitz seines VW Busses gelegentlich eine Scorpiona Maschinenpistole liegen hatte. Ein verrückter Kerl und wundervoller Mensch, mit dem eine tiefe Freundschaft entstand.

Don Ivan Pajtak war Priester und leitet die Caritasstelle in Rijeka. Mit ihm fuhr ich humanitäre Hilfe durch das Kriegsgebiet. Bis hinunter nach Mostar kannte man uns in jedem größeren Krankenhaus.

Große Lkw rollten aus Deutschland an. Wir belieferten mehrere tausend Flüchtlinge und verarmte Rentner in Rijeka und fuhren Hilfsgüter in Don Pajos VW-Bus in die Krankenhäuser und Flüchtlingslager bis hinunter nach Mostar. Der Krieg um mich herum wurde schnell zu meiner Welt. Wenn ich in Deutschland war, um Vorträge zu halten und Spenden einzusammeln, fühlte ich mich oft wie ein Fremder. Je mehr Erfahrung ich sammelte, desto besser und risikobereiter wurde ich in dem Job, aber auch umso einsamer in Deutschland. Wer von meinen Freunden sollte noch verstehen, was in mir vorgeht? Viele haben nicht einmal verstanden, warum ich das tue, obwohl die Antwort eine ganz simple war: „Für das Leben“. Ich liebe das Leben, aber eben nicht nur meines. Hätte mein Fokus darauf gelegen reich zu werden, ich wäre es geworden und niemand hätte gefragt, warum?

Es ist doch merkwürdig. Wir leben im sogenannten “christlichen Abendland” und feiern einmal im Jahr einen Mann, der Zeit seines Lebens von Liebe und Menschlichkeit gesprochen hat, schicken unsere Kinder zum St.-Martins-Umzug, wo sie das Teilen des Mantels erleben und dann werden Leute für verrückt gehalten, deren Fokus eben nicht auf Geld, sondern auf Menschlichkeit liegt? Das muss man nicht verstehen.

Anfang ’93 haben die Kämpfe zwischen Kroaten und Muslimen begonnen. Für die Caritas in Rijeka hieß das: keine Lebensmittel mehr an Serben und Muslime. Für mich hieß das: weitergehen. Ich packte am nächsten Morgen meine Sachen, fuhr drei Stunden in Richtung Front bis nach Karlovac und arbeitete mehrere Monate im sogenannten Transitcamp. 2.500 bosnische Muslime lebten dort, alle aus Konzentrationslagern oder eingekesselten Städten vom roten Kreuz oder den UN evakuiert. Sie warteten auf den „Transit“ in ein Drittland. Männer, Frauen und Kinder. Traumatisiert, vergewaltigt, geschundene Gestalten. Bis zu 100 Menschen schliefen in manchen Räumen. Insgesamt gab es 10 Toiletten.

Das Transitcamp Karlovac war eine alte Kaserne. Hier lebten 2500 Flüchtlinge, die vom roten Kreuz und der UN aus eingekesselten Städten und Konzentrationslager herausgeholt worden waren. Hier warteten sie auf ihre Ausreise in ein Drittland.

Hier in Karlovac, nur 800 Meter vor der Frontlinie und den serbischen Granatwerfern, öffnete sich für mich die Tür nach Bihac. Natürlich hatte ich mich schon überall erkundigt, ob es möglich ist, eine Lieferung in den Kessel zu fahren. Es waren von Karlovac aus „nur“ noch 100 Kilometer. Die UN Konvois wurden oft von den Serben gestoppt, es kamen kaum Lebensmittel nach Bihac, das Krankenhaus war entsprechend unterversorgt. Von der UN, dem roten Kreuz und dem kroatischen Militär hieß es immer, es sei unmöglich, hinein zu kommen. Bis eines Tages ein blauer VW Bus und ein gelber Post-Lkw auf den Marktplatz vor dem Transitcamp ankamen. Ich lernte Tom Sauer und Dieter Höhnel aus Kronach kennen.

Dieter Höhnel und Tom Sauer waren die ersten, die es geschafft haben humanitäre Hilfe nach Bihac hinein zu fahren. Dieter war Trucker, Tom Sozialarbeiter in einer Behinderteneinrichtung in Deutschland.

Die Beiden waren tatsächlich unterwegs nach Bihac und wollten das Unmögliche versuchen. Tom hatte acht Jahre vor dem Krieg auf einem Campingplatz in Zadar den bosnischen Lehrer Husnija Kapic, seine Frau Visa und die Töchter Mira und Alisa kennengelernt. Es entstand eine Freundschaft und als der Krieg losging, wollte Tom Familie Kapic nicht im Stich lassen. Mehrfach versuchte er allein nach Bihac durchzukommen, aber spätestens in Karlovac an der Front zu den Serben war immer das Ende seiner Reise. Bis er den Trucker Dieter mit ins Boot holte. Der hatte bereits in mehreren Kriegen humanitäre Hilfe gefahren und wusste wie es funktionieren könnte. 24 Stunden nach unserem Kennenlernen waren sie zurück aus Bihac. Sie hatten das Unmögliche tatsächlich geschafft und sogar noch „Rückfracht“ dabei. Zum ersten Mal sah ich einen Menschen, der drei Stunden unter Todesangst hinter einer Zwischenwand in einem Lkw gezittert hatte. Nicht das „knapp am Autounfall vorbei“ zittern, ich meine das andere. Die beiden hatten tatsächlich eine junge Frau herausgeschmuggelt. Es war Husnijas Tochter Alisa. Die Versorgungssituation in Karlovac hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt deutlich verbessert. Ich schloss mich also Tom und Dieter an, um beim nächsten Transport nach Bihac dabei zu sein. Tom und Dieter fuhren Lebensmittel. Ich konzentrierte mich auf eine perfekte Ladung für das Krankenhaus. Um all das zu organisieren ging ich nach Deutschland zurück. Von da an fuhren wir alle sechs Wochen im Konvoi nach Bihac.  Auf den Seiten meines alten, aber allradgetriebenem Hanomag stand in riesigen Buchstaben: „Humanitarna Pomoc“ und darüber „Za zivot“. Also „Humanitäre Hilfe“ und „Für das Leben“. Außerdem Originalaufkleber des UNHCR und der Satz: „Mitleid kann niemand essen“. Vorne an der Stoßstange die weiße Fahne und die blaue der UN.

Am UN-Checkpoint zwischen Kroaten und Serben unterwegs nach Bihac war Fotografieren verboten. Der Hanomag Lkw war mit Panzerglas ausgestattet. In den Türen Polykarbonat zum Schutz vor Splittern.

Wir hatten nicht nur Hilfsgüter geladen, sondern etwas, das ebenso wichtig war: Hoffnung. Viele Jahre später hat mir eine Frau aus Bihac geschrieben. Sie war damals, als es passierte, 14 Jahre alt. Heute lebt sie in den USA: „Ihr wart unser Licht. Ihr habt uns gezeigt, dass die Welt da draußen uns nicht vergessen hat“. Eine solche Nachricht zu verarbeiten ist nicht leicht. Zumindest für mich nicht. Die Erinnerungen sind dann wie eine Welle, die einen umreißen kann. Ich habe viel geweint an dem Abend.

Im Januar ’93 war es mir gelungen, eine 16jährige unentdeckt durch elf serbische Checkpoints zu schmuggeln. Am Letzten haben sie uns fast erwischt. Drei Tage später durfte ich erleben, wie sich Mutter und Tochter nach fast drei Jahren Trennung in einem Flüchtlingslager in Deutschland wieder in den Armen halten konnten. Das war der beste Job meines Lebens. Zwei Monate später folgten ein 14-jähriger Junge und eine junge Frau. Insgesamt kommen wir auf sieben Menschen, die wir aus dem Kessel geholt haben. Sieben Leben.

Mein Auto rollt auf das Haus zu, in dem ich meist gelebt habe, wenn ich dort war. Das Haus des Lehrers Husnija. Jetzt ist es nicht mehr der kleine Flachbau, sondern hat zwei Stockwerke. Alisa ist zurückgekehrt nach Bihac und für sie, ihren Mann Mensur und die Kinder haben sie einfach eine Etage oben draufgesetzt. Jetzt wohnt die Familie wieder zusammen. Nur die älteste Tochter Mira lebt noch in Stuttgart. Die euphorische Vorfreude weicht einer wohligen Entspannung. Ich spüre schon bei den ersten Umarmungen nach der Ankunft: es ist wie immer. Ich bin hier kein normaler Gast, sondern Teil der Familie. 25 Jahre, vieles hat sich hier verändert. Das nicht. Tatsächlich war es keine „Wahnvorstellung“. Ich fühle mich zu Hause und angekommen. Nichts in meinem Leben, abgesehen von meinen Töchtern, sitzt tiefer in mir, als diese Menschen, dieser Straßenzug, diese Stadt.

Natürlich war ich als humanitärer Helfer immer in einer Sonderrolle, hatten einen deutschen Pass, einen einigermaßen gepanzerten Lkw, eine schusssichere Weste, Stahlhelm und hätte jederzeit sagen können: ich gehe jetzt nach Hause. Die Bosnier konnten das nicht. Aber im Februar ’94 haben die Granaten nicht gefragt, ob man Helfer oder Bosnier ist. Ich bin dringeblieben, um den Jungen und die Frau herauszubekommen. Das musste vorbereitet werden. In dieser Zeit war ich einer von ihnen. Ich war bereit zu sterben, um diesen Menschen zu helfen. Mehr geben geht nicht. Das klingt lebensmüde, ist es aber nicht. Es ist genau das Gegenteil. Offensichtlich haben sie das nicht vergessen. Wie auch. All das vergisst man nicht, nie.

Alle Nachbarn haben im Februar 1994 im Haus des Schusters Suljo gelebt, schräg gegenüber. Genauer im Wohnzimmer. Es war der sicherste Raum der Straße, denn es gab drei Stockwerke darüber. Da würde ein Treffer nicht bis unten durchgehen, zumindest vermutlich nicht. Es war eng, aber gestört hat das nicht. Ganz im Gegenteil. Wir wussten ja, hier haben wir alle die besten Chancen, nicht von Granaten zerrissen zu werden. Ich schlief an der Außenwand. Die Splitter der Granaten schlugen manchmal in der Hauswand ein und Erde spratzte gegen die Holzbalken, wenn sie 15 oder 20 Meter neben dem Haus explodierten. Das Geräusch, wenn sie sehr nah einschlagen, klingt etwa so als würden 1.000 tollwütige Elefanten auf einen zugerast kommen und das in einem Zeitfester von unter einer Sekunde. In der Not hauen sich die Menschen nicht für das letzte Pfund Mehl oder den sichersten Platz im Raum die Köpfe ein. Zumindest hier nicht. In der überschaubaren Einheit dieser Straße wurde füreinander gesorgt. Das hat sie so stark gemacht. Husnija ist jetzt 73, hört etwas schlecht aber ist noch fit. Ohne ihn und seine Frau Visa wäre unsere humanitäre Hilfe unter diesen Umständen nicht möglich gewesen.

Der Lehrer Husnija Kapic und seine Frau Visa im Februar 94. Draußen schlugen Granaten ein. Die Beiden verteilten unsere Hilfsgüter. Bis zu 1000 Menschen standen dann vor ihrer Haustür. In der Stadt kosteten 25 Kilo Mehl damals 1000 deutsche Mark.

Nur ihm konnten wir vertrauen. Deshalb verteilten die Beiden und ein paar Freunde unsere Lebensmittel. Bis zu eintausend Menschen standen nach unserer Ankunft vor seinem Haus, und hofften auf Mehl, Öl, Zucker und Konserven. Nur im Februar ’94, da stand kaum jemand dort um Lebensmittel zu bekommen. Es gab zu viele Granaten. In Feuerpausen kamen die nah Wohnenden dann schnell vorbei. Manchen habe ich ihre „Bananenkisten“ nach Hause gebracht. Zum Glück ist mir etwas erspart geblieben, das immer eine meiner schlimmsten Ängste war. Der Einschlag einer Granate in einer Gruppe von Menschen in unmittelbarer Nähe.

Den zweiten Teil lesen Sie in der nächsten Woche auf der Website oder über den Newsletter.

Continue reading...

Zuhören, zusehen, aber schweigen? Unser Menschenbild

Foto: gstockstudio / Adobe Stock

Seit Jahren beobachtet unser Autor aufmerksam das gesellschaftliche und politische Leben in Deutschland, Europa und der Welt und fühlt sich nach eigener Aussage "immer unbehaglicher".

Von Br. Erwin Lenz, Konstanz

Ja, viele Entwicklungen erlebe ich als beängstigend. Das hat dazu geführt, dass sich meine Auffassungen und Meinungen immer mehr von dem Mainstream der politischen Correctness entfernen. Und mitten drin stelle ich mir immer wieder die Frage: „Wie verträgt sich das mit meiner Rolle als Freimaurer?“ Sind wir doch zu Toleranz, Menschenliebe und Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen aufgerufen. Keinesfalls nur gegenüber unseren Brüdern, wie von den Gegnern der Freimaurerei behauptet wird. Aber wenn ich die Wirklichkeit außerhalb unseres Tempels betrachte, sind die Menschen weit, sehr weit von diesem Ideal entfernt und entfernen sich immer mehr:

  • Ich beobachte einen Niedergang der Debattenkultur. Gehen die Argumente aus, wird der Gesprächspartner oder Gegner persönlich angegriffen und diffamiert.
  • Ich höre in den aktuellen Diskussionen nur wenig überzeugende Argumente und Fakten. Sehr oft fehlen diese ganz.
  • Selbst akademisch Gebildete plappern die in den Medien dargestellten Sachverhalte kritiklos nach und hinterfragen sie nicht. Ich stelle einen weit verbreiteten Mangel an Allgemeinbildung fest, ganz besonders und gerade bei Universitätsabsolventen. Wir sind total informiert und wissen nichts.
  • Die gängigen Kampfbegriffe werden aufgeweicht, vernebelt und inflationär gebraucht. Wer sich nicht an den politischen Mainstream hält und sich kritisch zur aktuellen Politik äußert, wird als „Rechtspopulist“, „Rassist“, „Nationalist“, ja als „Nazi“ abgestempelt. Diese Attribute sind wohlfeil und sehr schnell zur Hand.
  • Ich beklage einen weit verbreiteten Meinungs- und Gesinnungsjournalismus. Statt über Fakten neutral zu berichten und diese von allen Seiten zu beleuchten, wird selektiert, gedeutet und einseitig interpretiert. Ich beobachte Indoktrinierung, Ideologisierung und Meinungsbevormundung.
  • Andersdenkende werden am Reden gehindert und mundtot gemacht. Sie werden sozial ausgegrenzt, ja existenziell vernichtet. Hier sei exemplarisch der Fall Thilo Sarrazin erwähnt.
  • Gewalt ist kein Tabu mehr und wird im Rahmen der politischen Auseinandersetzung häufig verharmlost. So verwundert es nicht, dass Aktivisten und Kontrahenten, offenbar dadurch ermuntert, sich tatsächlich zu Gewalttaten hinreißen lassen.
  • Ein zunehmender Machiavelismus macht sich breit: Der Zweck heiligt die Mittel oder: Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein! Im Kampf gegen rechts scheint bald alles erlaubt zu sein.
  • Bewertet wird mit zweierlei Maß: Radikal-Linke lässt man gewähren, Rechtsorientierte werden massiv bekämpft, selbst wenn sie gar nicht radikal sind.
  • Eine selbsternannte Elite in Kultur, Wissenschaft und Politik bevormundet die Gesellschaft und schreibt uns vor, was wir denken und sagen dürfen und was nicht. Meinungsfreiheit sieht anders aus.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Alle diese Beobachtungen: die fehlende Fairness all überall, dass Messen mit zweierlei Maß, der Kampf mit unlauteren Mitteln lösen in mir  Widerstand aus: Ich will mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu sagen habe. Und schon gar nicht kann ich die grassierende Intoleranz tolerieren. Gleichwohl bin ich den ethischen Idealen der Freimaurerei verpflichtet. „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus“. Ich frage mich: Wie kann ich diesen Gegensatz auflösen? Wo sind die Grenzen der Toleranz?“

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:

  • Wir sollten peinlichst darauf achten, dass die Spaltung der Gesellschaft nicht auch unsere Loge erfasst. Das Gebot in den alten Pflichten, nicht über Politik, Nation und/ oder Religion zu streiten, war noch nie so aktuell wie heute.
  • Wir tun gut daran, die veröffentlichte Meinung äußerst kritisch zu verfolgen und nicht alles zu glauben, was dort geschrieben steht, gesagt oder gezeigt wird. Bei unserer Aufnahme wurden wir alle ermahnt: „Bewahren Sie sich auch in den Stürmen des Lebens die Freiheit und Unabhängigkeit Ihres Geistes.“ Diese Aufforderung bekräftige ich hier.
  • Es ist äußerst ratsam, in der Mitte zu bleiben. „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt!“ Es zeigt sich auf allen Seiten. Wir müssen mutig jedweder Willkür, Unfairness und Ungerechtigkeit entgegentreten, jeder einzelne von uns in seiner Lebenswelt.
  • Und last but not least sollten wir unsere Ideale leben, vorleben und verteidigen. Das heißt: Andersdenkenden mit Respekt begegnen, solange sie nicht ihre Meinung mit unlauteren Mitteln, Terror und Gewalt durchzusetzen versuchen. Sofern Letzteres der Fall ist, haben wir das Recht, ja die Pflicht, uns dagegen zur Wehr zu setzen. Wir sind berechtigt, politische Richtungen, Ideologien, Weltanschauungen und Religionen, die die Menschenrechte missachten und mit Füßen treten, zu nennen und anzuprangern. Die Errungenschaften der Aufklärung mussten erkämpft werden. Sie sind auch heutzutage weder selbstverständlich, noch sicher. Im Gegenteil, sie sind in akuter Gefahr!

Ich möchte daran erinnern: Von keinem totalitären Regime, egal ob „links-sozialistisch“, „rechts-faschistisch“, „muslimisch-gottesstaatlich“ oder „christlich-absolutistisch“, wird die Freimaurerei geduldet, einzige Ausnahme: Kuba.

Selbst in demokratischen Staaten grassiert eine „Masonophobie“. In der Türkei haben die Brüder große Angst und arbeiten nur noch im Verborgenen. Selbst in Italien erwägen Regierung und Parlament, öffentliche Ämter und die Mitgliedschaft in der Freimaurerei für unvereinbar zu erklären.

Ich komme damit zu meinem Titelthema zurück und fasse zusammen:

  • Zuhören? Ja, aufmerksam, durchaus kritisch und möglichst ohne mein Gegenüber zu unterbrechen. Vor allem aber hören, was er sagt, unabhängig von seiner Person. Eine Aussage ist nicht deswegen unzutreffend, weil ein Gauland, Sarrazin oder Trump es sagen.
  • Zusehen? Ja, und vor allem genau hinschauen, kritisch hinterfragen und sich ein eigenes Bild und eine eigene Meinung machen. Das gilt besonders dann, wenn wir einen Sachverhalt oder ein Geschehen nicht unmittelbar selbst beobachten können und auf die Beschreibung Dritter angewiesen sind. Hier ist äußerste Skepsis angesagt.
  • Aber Schweigen? Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Als Institution Loge sollten wir uns aus allerdings aus dem aktuellen politischen Diskurs heraushalten. Wir dürfen als einzelne Freimaurer m.E. aber durchaus unsere humanen Werte: Toleranz, Brüderlichkeit und Menschenliebe, mit anderen Worten: die Einhaltung der Menschenrechte einfordern.
  • Ich komme damit zu unserem freimaurerischen Menschenbild. Es steht in einem krassen Gegensatz zu dem der Feinde der Freiheit. In der Verlagsbeschreibung des Buches von Giuliano di Bernardo: „Die Freimaurerei und ihr Menschenbild…“ heißt es, Zitat: „Das Menschenbild der Freimaurerei … setzt sich verbindliche ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Rasse, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sind. Die Freimaurerei versteht sich als hohe Schule der Toleranz und Brüderlichkeit … Jedem lässt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweisen, aber jeden verpflichtet sie auf die gleichen ethischen Normen. Sie vermittelt keine Offenbarungen oder Dogmen, aber sie will zu einem ganz besonderen Stil der Lebensgestaltung führen.“ Zitat Ende. Dieses Menschenbild müssen wir konsequent vertreten und verteidigen.

Im Dezember 2018 hatte ein Professor der Universität Siegen Thilo Sarrazin zu einem Seminar zum Thema: „Meinungsfreiheit“ eingeladen. Im Vorfeld wurde massiv versucht, auch durch die Universitätsleitung, die Teilnahme Sarrazins an der Veranstaltung zu verhindern.

Dies wurde im Fernsehsender: RTL-West, wie folgt kommentiert, Zitat:

„Eine Vorlesung zur Meinungsfreiheit wird bekämpft, weil ein Mensch auftritt, der eine Meinung hat, die er aber nicht haben darf. Und wer ihn unterstützt, ist Nazi.

Geht’s auch eine Nummer kleiner?

Wer legt eigentlich fest, was man sagen darf und was nicht, welche Meinung man haben darf und welche nicht? Solange es natürlich nicht gegen geltendes Recht verstößt.

Immer mehr Menschen fühlen sich anderen Menschen gegenüber moralisch überlegen und bekämpfen Andersdenkende, mittlerweile sogar bis aufs Blut. Wir erzeugen eine Atmosphäre der Angst und nennen es Freiheit. Wir bedrohen andere und nennen es friedlich. Wir wollen den Zusammenhalt und betreiben die Ausgrenzung. Fast immer im Namen einer toleranten Gesellschaft.

Das ist alles andere als tolerant, das ist borniert!

Das Wort Toleranz kommt aus dem Lateinischen und heißt: Ertragen, erleiden, erdulden. Tolerant kann nur sein, wer etwas ablehnt und trotzdem hinnimmt. Denn nur dann kann man es erdulden.

 … Redet miteinander, hört einander zu und hört auf, euch zu beschimpfen. Denn nicht alles, was man selbst meint, ist richtig. Und nicht alles, was der andere denkt, ist falsch.“ Zitat Ende.

Mein Fazit lautet:

Auch für uns Freimaurer ist Toleranz weder uneingeschränkt, noch unbegrenzt. Und sie ist keine Einbahnstraße. Intoleranz können und dürfen wir nicht tolerieren. Denjenigen, die für sich alle Rechte einfordern, diese aber anderen verweigern, müssen wir entgegen halten: „Wer Toleranz einfordert, muss sie auch üben!“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Anstehende Termine

Foto: Basti93 / pixabay

Die Logen, Distrikte und Großloge haben viele Veranstaltungen im Jahr, viele davon öffentlich. Schauen Sie, ob etwas für Sie dabei ist. Die Logen freuen sich über Ihren Besuch.

April

25Apr20:00- 22:00Düsseldorf: Brauchen wir eine neue Aufklärung?20:00 - 22:00 Heinrich Heine, Uhlandstraße 42, DüsseldorfOrganisator: Heinrich HeineÖffentlich:Öffentlich

Mai

10Mai18:30Hamburg: Freimaurerische Stadtführung18:30 Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

23Mai19:00Berlin: Humanitäre Freimaurerei in Berlin19:00 Logenhaus der Großen Landesloge von Deutschland, Peter-Lenné-Straße 13, 14195 BerlinOrganisator: VictoriaÖffentlich:Öffentlich

23Mai20:00- 22:00Düsseldorf: Der Freimaurer als Gentleman20:00 - 22:00 Heinrich Heine, Uhlandstraße 42, DüsseldorfOrganisator: Heinrich HeineÖffentlich:Öffentlich

30Mai09:00Mannheim: Führungen Schloss- und Gartenanlage Schwetzingen09:00 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

30Mai14:00Mannheim: Großlogentreffen, Tempelarbeit14:00 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

30Mai14:45Mannheim: Großlogentreffen, Führung durch die Neue Kunsthalle14:45 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

30Mai18:30Mannheim: Großlogentreffen, geselliges Beisammensein18:30 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

31Mai09:00Mannheim: Großlogentreffen, Altstadt- und Schlossführung Heidelberg09:00 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

31Mai09:00- 16:00Mannheim: Großlogentreffen, Vorträge und Diskussionen09:00 - 16:00 Organisator: Großloge A.F.u.A.M.v.D.Öffentlich:Einladung erforderlich,Intern

Eine vollständige Übersicht können Sie unter https://www.afuamvd.de/termine/ abrufen.

Continue reading...

Neues Buch von Gerd Scherm

Der Templer und die Katharer

Inklusive eines interessanten Essays zum Rittertum Wolfram von Eschenbachs

Gerd Scherm

Erschienen im Salier-Verlag, Leipzig

206 Seiten, Format 13,5 x 20,5 cm, Paperback, ISBN 978-3-96285-012-8, 16,90 €

Anno 1243 gerät der Tempelritter Simon de Tarascon auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters in den
Kreuzzug gegen die ketzerischen Katharer. Mitten in den Wirren einer Welt nach dem Mongolensturm, Krieg
im Heiligen Land, Intrigen und Massakern in seiner Heimat findet der Ordensmann die Liebe. Doch nicht
einmal der Heilige Gral erweist sich als hilfreich. Nach nur kurzer Zeit zerstört die Inquisition sein
Glück. Zerrissen von seinen Gefühlen, seinem Wunsch nach Rache und seiner Pflicht als Tempelritter
führen die Ereignisse Simon mit einer Handvoll Gefährten kreuz und quer durch Okzitanien.
Vom Schicksal gepeinigt und in einer Welt, die von Gott verlassen scheint, versucht Simon sich zu
behaupten. Als ein Hiob mit dem Schwert ist er bereit, die Herausforderung anzunehmen
.

Continue reading...

Vernissage im Hamburger Logenhaus

Am 20. März fand im Logenhaus in der Welckerstraße eine Vernissage des Künstlers Hans Jürgen Gottschalk statt. Eingeladen hatte zu dieser Veranstaltung die Freimaurer Loge Roland und rund 100 Interessierte hatten sich eingefunden.

Hamburg (hjs) Hans Jürgen Gottschalk, Jahrgang 1940, lebt und arbeitet seit 43 Jahren in Hamburg. Er hat Graphik Desiegn an der renommierten Alsterdamm Kunstschule in Hamburg studiert und war Schüler von Oskar KoKoschka. Zu Beginn seiner Tätigkeit war er allerdings als Creativ Director, Designer und Illustrator für Werbung bei internationalen Konzernen und Verlagen in Nürnberg, Frankfurt, New York und Hamburg tätig.  Mit 7 Jahren hat er die ersten Gehversuche in die Malerei gemacht, aber erst seit 2009 hat sich dann nur noch der Kunst und damit der Malerei gewidmet.

Zu seiner  Ausstellung hat Hans Jürgen Gottschalk 32 Bilder aus einer Serie von 56 ausgewählt, die sich mit dem Thema Ausgrenzung Vernachlässigung, Erniedrigung, Verführung, Ausbeutung und Alterseinsamkeit und anderen sozialen Ungerechtigkeiten beschäftigen. Die Überschrift zu der Ausstellung lautet „die im Dunkeln sieht man nicht“ und die Bilder sind ausnahmslos auf großformatigem Karton in Öl mit schwarzem Untergrund, in einer Größe und grobem Pinselstrich gemalt. Keines der Bilder hat einen Titel, doch jedes Bild spricht für sich und macht nachdenklich.  Der Titel der Ausstellung ist übrigens einem Zitat von Berthold Brecht entliehen, in dem es heißt „Man siehet die im Lichte…die im Dunkeln sieht man nicht.“ Hans Jürgen Gottschalk bezeichnet seinen Malstil als Realistisch/ Impressionistisch. Nach der Ausstellung war auch reichlich Gelegenheit zu Gesprächen.

Hans Jürgen Gottschalk (Mitte) begleitet von Axel Kinast von der Loge Roland (Links) und Thomas Stuwe, Distriktmeister Hamburg (Rechts)
Continue reading...

Bruder Rolf Appel verstorben

Bruder Rolf Appel

Der bedeutende Freimaurer Br. Rolf Appel ist am 3. April 2019 im Alter von 99 Jahren in Hamburg gestorben oder, wie Freimaurer sagen: in den Ewigen Osten vorausgegangen.

Geboren wurde Rolf Appel 1920 im schleswig-holsteinischen Süderbrarup. Die weiteren 25 Jahre kann man im Grunde nur in drei Worten beschreiben: Kindheit, Schule, Krieg. Direkt nach dem Abitur wurde er an die Front eingezogen, wurde als Panzeroffizier drei Mal schwer verwundet und fand sich nach dem Krieg in der Druckerei wieder, die er von seinem Vater übernahm. 1945 war er einer der ersten Buchverleger, der von der britischen Militärführung eine Lizenz erhielt.

Schon 1948 wurde er Freimaurer. Sein Vater, dessen Unerschütterlichkeit als Freimaurer auch während der Nazizeit ihm ein großes Vorbild war, wurde sein Bürge. Neben der Freimaurerei engagierte er sich in vielen anderen Bereichen, beispielsweise in der Herrnhuter Brüdergemeine und dem CVJM, sowie beruflich in der Handelskammer, Buchhändler- und Verlegerverband u.a.

Seine Aktivitäten in der Freimaurerei sind in ihrem ganzen Umfang kaum zu benennen. Er war Meister vom Stuhl in verschiedenen Logen, Distriktmeister des Distriktes Hamburg, Zugeordneter Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Mitbegründer der freimaurerischen Künstler- und Publizistenvereinigung “Pegasus”, er arbeitete wesentlich an der Entwicklung des bis heute gültigen Rituales unserer Großloge mit und war Ehrenmitglied etlicher Logen im In- und Ausland.

Von 1968 bis 1981 war er er Mitglied des Dialogforums zur Beratung der Katholischen Kirche und leistete einen wesentlichen Anteil zur Annäherung und Verständnis zwischen Theologie und Freimaurerei in Deutschland.

"Goethe war Freimaurer, Herder war Freimaurer, Lessing war Freimaurer, Carl von Ossietzky war Freimaurer — dann sag ich mir immer: Und Du? — Was hier und heute geschieht, das ist das Entscheidende!"

Rolf Appel

Mehr als 35 Bücher freimaurerischen Inhaltes stammen aus seiner Feder, auch sonst war er in der Freimaurerei in hohem Maße publizistisch tätig. Mit Unterbrechungen war er 44 Jahre Redakteur des “Hanseatischen Logenblattes”, war am Aufbau und der Erweiterung des Bauhüttenverlages engagiert, war Redakteur der freimaurerischen Zeitschrift “Die gelben Blätter”, der Zeitschrift “Euro Mason”, der Zeitschrift “Die Bruderschaft” und der “Humanität”.

Rolf Appel war in seinen mehr als 70 Jahren überaus tätiger Mitgliedschaft in der Freimaurerei zahllosen Brüdern Leitfigur und Vorbild, das mehrere Generationen nachhaltig prägte und weiter prägen wird. Eine Vielzahl von Preisen, Ehrungen und Ehrenmitgliedschaften sind dafür nur äußerer Ausdruck. Wichtiger ist, dass sich seinem nachhaltig positivem Eindruck kaum ein Mitglied unserer Logen entziehen kann und will.

Continue reading...

Wettbewerb der Gymnasien im Landkreis Nienburg

Alle Preisträger des Logenwettbewerbs

Die Nienburger Loge "Georg zum Silbernen Einhorn" und die Hoyaer Loge "St. Alban zum Æchten Feuer" vergaben gemeinsam Preise und Urkunden für die besten Facharbeiten an den Gymnasien im Landkreis Nienburg.

Nienburg. (dh) Insgesamt 35 Schülerinnen und Schüler der Nienburger Gymnasien, des Gymnasiums Stolzenau und des Johann-Beckmann-Gymnasiums Hoya haben mit 18 Facharbeiten an dem bereits zum 5. Male ausgeschriebenen Wettbewerb der Freimaurerlogen „Georg zum silbernen Einhorn“ und „St. Alban zum Aechten Feuer“ teilgenommen.

Die Themen, mit denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 11. und 12. Jahrgangsstufe beworben haben, reichen von Untersuchungen der Bedeutung von Filmmusik über Auswirkungen des Massentourismus bis zur Realisierung eines Digitaltrainers für Schülerversuche oder zur Anwendung eines Drucksensors in modernen Kommunikationsgeräten.

Alles sehr anspruchsvolle Themen, für deren Ausarbeitung sich die Schülerinnen und Schüler sehr spezielle Kenntnisse angeeignet haben. Dabei mussten die nicht alltäglichen Fragen umfassend recherchiert und analysiert, fachlich korrekt beschrieben und gleichzeitig allgemein verständlich in einer Facharbeit aufbereitet werden.

Von den betreuenden Fachlehrern war zu erfahren, dass die Begeisterung und der Einsatz der Schüler jeweils überdurchschnittlich gewesen ist und deutlich über das geforderte Maß für eine Facharbeit hinausgehen. Die Freude an selbstständigem, wissenschaftlichem Arbeiten spiegelt sich dann auch eindrucksvoll in allen Arbeiten wider.

„Die Jury der beiden Logen hat sich die Entscheidungen nicht leicht gemacht“, sagte der Vorsitzender der Nienburger Loge, Dr. med. Wilhelm Cohrs. „Wir wollten in jedem Fall die Arbeit, die sich diese jungen Menschen gemacht haben, wertschätzen. Ich hoffe, dass uns das gelungen ist. Außerdem haben wir etliche Impulse für uns selbst gewinnen können – herzlichen Dank dafür!“.

Der ebenfalls anwesende Stuhlmeister der Hoyaer Loge, Andreas Jonda, wies in seiner Begrüßung auf die Bedeutung von Bildung, Wissensgewinn, Persönlichkeitsbildung und lebenslangem Lernen hin. „Stay hungry!“ ermunterte er die Schülerinnen und Schüler.

Die vierköpfige Jury aus Mitgliedern der Logen in Nienburg und Hoya hat bei der Bewertung etwas andere als nur rein schulische Maßstäbe zugrunde gelegt. Besonderes Augenmerk wurde gelegt auf einen guten Aufbau der Facharbeiten, eine klare und logische Struktur. Entscheidend war auch, ob das Thema von Bedeutung ist für die Gesellschaft und für den Leser.

„Als ein Bund mit ausgeprägter humanistischer Zielsetzung wollen die Logen bei jungen Menschen besonders auch kritisches Denken und die Auseinandersetzung mit negativen Umgangsformen für unser Zusammenleben fördern“, sagte Dr. Cohrs. „Dafür öffnen sich die Freimaurerlogen auch stärker als in der Vergangenheit, denn sie wollen ihre wesentlichen Ziele, wie Toleranz und humanitäres Miteinander, einer breiten Öffentlichkeit und eben auch jungen Menschen näherbringen.“

Für die Erstplatzierten gab es jeweils 300 Euro und eine Urkunde. Die weiteren Preisträger erhielten Urkunden und Bücher. Als bestes der fünf teilnehmenden Gymnasien wurde das Johann-Beckmann-Gymnasien aus Hoya mit einer Extra-Urkunde und einem Sonderpreis geehrt.

Preisträger, Lehrkräfte, Eltern, Freunde und Mitglieder der beiden Logen blieben noch für geraume Zeit im Nienburger Logenhaus in der Cretschmarstraße zu angeregten Gesprächen.

Continue reading...