Grüße des Großmeisters zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel

In wenigen Tagen ist Weihnachten und der Beginn eines neuen Jahres steht bevor. Die Zeit des Jahreswechsels ist stets auch eine Zeit der Besinnlichkeit, des Innehaltens, des Rückbesinnens sowie der Konzentration auf künftige Aufgaben.

Wenn wir, somit jeder von uns, den Blick auf die vergangenen zwölf Monate richten, so können wir mit Stolz sagen, dass wir nicht nur unsere zahlreichen Aufgaben in gewohnt hoher Qualität bewältigt, sondern auch so manche zusätzliche Herausforderung gemeinsam in Angriff genommen, professionell vorangebracht und vielfach auch bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Dies alles bei einer oftmals hohen Belastung, die wir mit viel Energie, Engagement und Konzentration auf das Wesentliche auf uns genommen haben. Hierfür danke ich allen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, herzlich.

Obwohl an dieser Stelle möglicherweise ein Rückblick erwartet wird lassen Sie uns nach vorne schauen, wenn auch viele Ereignisse des Jahres 2018 an dieser Stelle zu würdigen bzw. hervorzuheben wären.

In seinem viel beachteten Buch „Homo deus“ stellt Yuval Noah Harari unter anderem fest, „Algorithmus ist vermutlich der wichtigste Begriff in unserer Welt. Das ist deshalb von großer Bedeutung, … weil das 21. Jahrhundert von Algorithmen beherrscht werden wird.“ Diese These ist uns Freimaurern durchaus nicht neu. Schon 2015 widmeten wir das Großlogentreffen in Osnabrück dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“.

Spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden ist klar: Die digitale Überwachung ist allgegenwärtig. Fest steht auch, dass die digitale Kommunikation mit enormer Geschwindigkeit die Welt verändert und zunehmend Einfluss auf unser Leben nimmt. Die globale Überwachung lässt Orwells »Big Brother« ziemlich klein wirken. In Osnabrück tauschten wir uns darüber aus, welche Konsequenzen diesbezüglich für uns, für die Freimaurerei zu erwarten sein werden und erörterten, wie mit diesen Instrumenten zum Wohle der Königlichen Kunst umzugehen ist. Das waren einige Eckpunkte unseres Diskurses in Osnabrück 2015.

Das Großlogentreffen 2019 in Mannheim wollen wir aus gutem Grund dem Thema „Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“ widmen. Dabei wollen wir uns nicht alleine auf die Digitalisierung beschränken. Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 -1957) formulierte „Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ (Der Leopard. Übersetzung von Charlotte Birnbaum. 1. Kapitel (Fürst Salina zu Tancredi). Piper-Verlag, 1959. S. 32).

In Mannheim werden wir den Focus auf die sozialen und damit gesellschaftlichen Veränderungen sowie auf die Rolle des Einzelnen, die Funktion und Wirkung der Königlichen Kunst, des Humanismus und der Humanität in der Gesellschaft legen. Es freut mich besonders, dass wir für diese Themen hervorragende Referenten gewinnen konnten und dass wir uns einen ganzen Tag lang diesem spannenden Thema widmen können.

Großlogentreffen sollten grundsätzlich einen gewissen Kongresscharakter haben, bei denen Inhalte auf der Tagesordnung stehen und nicht Regularien. Unsere Großlogentreffen sollten frei von vereinsrechtlichen Vorgängen sein. Manchmal lässt sich dieses Prinzip leider nicht durchhalten. Wir haben es tatsächlich geschafft, alles Vereinsrechtliche für unser Großlogentreffen in Mannheim zu vermeiden. Es gibt keine Anträge, keine Wahlen. Am Donnerstagnachmittag findet die Tempelarbeit statt, der Freitag dient der Bearbeitung des Themas „Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“. Unser Großlogentreffen 2019 dient damit dem Diskurs, dem Gespräch, der Information, dem Austausch, der Meinungsbildung und nicht zuletzt der Geselligkeit. Dieses Großlogentreffen haben wir gezielt auf zwei Tage beschränkt, um so möglichst vielen die Teilnahme zu ermöglichen. Über ein Wiedersehen freue ich mich.

Der Jahreswechsel ist auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Und nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unserer Internetseite, unseres Newsletters und unserer Zeitschrift „Humanität“ für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich ein frohes und stimmungsvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2019. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. Für 2019 wünsche ich Ihnen viele schöne Momente und spannende wie erfolgreiche Projekte.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Brad Paisley: „Morgen haben wir die erste leere Seite eines Buches mit 365 Seiten. Machen wir ein gutes Buch daraus.“

 

Stephan Roth-Kleyer
Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Flensburger Freimaurer laden zum Weihnachtsmarkt ein

Foto: Wolfilser / Adobe Stock

Zu zauberhafter Feuerzangenbowle, wohltuendem Glühwein und geselligem Beisammensein mit guten und entspannten Gesprächen bei weihnachtlicher Musik lädt der Förderverein "Flensburger Logenhaus" e. V. alle Brüder sowie ihre Familienangehörige, Gäste und an der Freimaurerei bzw. an einem geselligen Miteinander interessierte Menschen ein.

(Flensburg/ar) Die karitative Hütte wird am 20.12.2019 um 10 Uhr geöffnet. Sie schließt täglich um 22 Uhr. Am 23.12.19 schließt die Hütte letztmalig in diesem Jahr um 20 Uhr.

Unterstützt wird die Veranstaltung obödienzübergreifend und international von allen in Flensburg arbeitenden Logen, den dänischen Brüdern und den Förderern des Logenhauses zu Flensburg. Der Gesamterlös kommt dem Erhalt des Logenhauses zu Gute.

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Vortrag über das Erbe der 68er

Foto: normanherauf / Adobe Stock

Die Freimaurerloge "Zum Goldenen Schwerdt" in Wesel geht in einem Vortrag über das Erbe der 68er der Frage nach, ob die umstrittenen politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Nachwirkungen der 68er-Revolte in Deutschland zu einem Demokratiegewinn oder einem Werteverfall geführt haben.

(Wesel/kk) Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aus- und Nachwirkungen der 68er Revolte in Deutschland/West sind hoch umstritten.

Die Bandbreite der Bewertungen reicht von der Begründung der Demokratie in Deutschland durch die 68er und ihr politisches Erbe bis hin zur Verurteilung der 68er Bewegung als Ursache und Auslöser des Verfalls zentraler gesellschaftlichen Bindungen und deren Ablösung durch Ich-Orientierung, Hedonismus und Konsumorientierung.

Der Referent versucht eine Klärung der realen gesellschaftlichen Veränderungen, die die 68er Bewegung ausgelöst hat, im Rückgriff auf den konkreten Ablauf der „Studentenrevolte“ in der 2. Hälfte der 60er Jahre und die Zielsetzungen der damaligen politischen und geistigen Protagonisten.

Der Vortrag findet am 15. November 2018 um 20 Uhr im Logenhaus in der Poppelbaum-Straße 10 in 46483 Wesel statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, eine Anmeldung ist nicht notwendig.

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Helmut Reinalter liest im Deutschen Freimaurermuseum

Foto: Carlos Urban

Der renommierte Autor freimaurerischer Literatur Helmut Reinalter liest am 13. November im Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth aus seinem Buch "Freimaurerei, Politik und Gesellschaft".

Helmut Reinalter stellt sich der Aufgabe, den direkten und indirekten Einfluss der Freimaurer auf historische Entwicklungen von
der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart zu beleuchten.

Über die Wirkungsgeschichte der Freimaurerei im gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsprozess seit der Frühen Neuzeit gibt es wenige fundierte wissenschaftliche Untersuchungen. Verschwörungstheorien, in denen die Freimaurer zu Sündenböcken für alles Mögliche gemacht wurden jedoch unzählige.

Welchen Einfluss die Freimaurer auf Politik, Gesellschaft und Kultur im Laufe der Jahrhunderte nahmen, das steht im Zentrum dieser gut lesbaren und spannend aufbereiteten geschichtlichen Darstellung. Von besonderem Interesse sind für den Autor die Wechselbeziehungen des Freimaurerdenkens mit den geistigen Strömungen der jeweiligen Zeit.

Für die Veranstaltung wird um Anmeldung unter der Mailadresse veranstaltungen@boehlau-verlag.de bis zum 6. November 2018 gebeten.

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Programm Großlogentag 2018 in Bamberg

Das historische Rathaus in Bamberg

Das historische Rathaus in Bamberg

Der alle zwei Jahre stattfindende Großlogentag ist die Vollversammlung aller Logen in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland und findet in diesem Jahr in Bamberg statt.

Die organisatorische Ausrichtung übernimmt traditionsgemäß eine oder mehrere örtliche Logen, die sich Jahre zuvor um die Rolle des Gastgebers beworben haben. Es ist Ehrensache der einladenden Brüder, für ihre Gäste eine gut organisierte Veranstaltung mit einem ansprechenden Rahmenprogramm anzubieten. Auch die Bamberger Brüder haben sich große Mühe gegeben, den Großlogentag vom Mittwoch, den 9. Mai bis Samstag, den 12 Mai 2018 zu einem Erfolg werden zu lassen.

Traditionell gibt es am Tag vor der eigentlichen Versammlung ein “Treffen der bereits angereisten Brüder, Damen und Gäste”, dieses Mal in Bambergs ältestem Wirtshaus “Zum Sternla”, das bereits seit 1380 ein beliebter Treffpunkt des Ortes ist. Der Abend klingt aus mit einem Nachtspaziergang durch die Stadt unter dem Motto “Geister, Sagen, Legenden”. Die Teilnehmer hören Geschichten von Hexenkunst und Teufelswerk, von Bürgerstolz und Liebespein.

Für die stimmberechtigten Vorsitzenden der Logen beginnt der Donnerstag mit dem Stuhlmeistergespräch, in dem sich die Vorsitzenden über die anstehenden Programmpunkte austauschen. Währenddessen genießen die Damen und Gäste ein Konzert des weltberühmten Mittelalterensembles “Capella Antiqua Bambergensis”. Das ehemalige und traumhaft schön restaurierte fürstbischöfliche Jagdschloss Wernsdorf bildet den romantischen Rahmen für die Konzerte des Ensembles. Auf originalgetreuen Repliken wird Musik aus der Zeit des Mittelalters und der Renaissance gespielt. Nach dem Mittagessen geht es im ersten Teil des Großlogentages bis um 17 Uhr um Berichte, Finanzen und Anträge. Das Damen- und Gästeprogramm lockt mit einer Stadtführung unter dem Titel “Prunk, Pracht und Puder”. Am frühen Abend gibt es einem Empfang im berühmten E.T.A.-Hoffmann-Theater. Bei fränkischen Speisen und Bamberger Getränken können gute Gespräche geführt, Bekanntschaften geschlossen oder bestehende vertieft werden. Im Anschluss folgt “Ein musikalischer Abend über die Sehnsucht nach einer besseren Welt”. Der Abend klingt aus bei einem Mitternachts-Blues im Logenhaus. Das “Duo Descartes” spielt Jazzstandards und Stücke des brasilianischen Komponisten Antonio Carlos Jobim.

Am Freitag erkunden Damen und Gäste die Stadt und die Umgebung auf dem Wasser. Die Tour beginnt mitten in der Altstadt, dann wendet das Schiff und fährt vorbei an Klein-Venedig, Dom, St. Michael, der Konzert- und Kongresshalle, dem Stammhaus der Bamberger Symphoniker, anschließend Talschleusung in Gaustadt. Auf dem Main-Donau-Kanal nimmt das Schiff Kurs auf Bischberg, fährt auf dem Main flussabwärts bis zur Staustufe Viereth, erkundet von dort den alten Main. Die Reise geht flussaufwärts unter den neu errichteten Bamberger Brücken hindurch und dann wieder zurück in die Altstadt. Die Brüder beschäftigen sich währenddessen den ganzen Tag über mit Verbandsregularien und Wahlen. Am Abend erwartet alle Teilnehmer ein schöner Abend im Festsaal des Bamberger Welcome-Hotels mit Musik der Bamberger Gruppe “Dawn”.

Am Samstag findet für die Brüder Freimaurer eine Zusammenkunft (“Tempelarbeit”) statt, bei der die am Vortage gewählten Beamten rituell eingesetzt werden. Wer nach dieser Zusammenkunft noch nicht nach Hause fahren möchte oder muss, kann sich auf einen kulinarischen Höhepunkt am Abend freuen: Die Bamberger Loge lädt zu einem Whiskytasting ein, das zwei herausragende Experten leiten werden.

Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass der Großlogentag zwar die satzungsmäßige Versammlung der Großloge ist, zu der die stimmberechtigten Stuhlmeister der Logen oder ihre Vertreter erscheinen sollen. Teilnehmen dürfen jedoch alle Brüder Freimaurer nach Anmeldung, auch die Teilnahme an den Beratungen ist zulässig, sofern der Platz ausreichend ist, lediglich die Teilnahme an Aussprachen und Abstimmungen ist den stimmberechtigten Abgesandten vorbehalten. Die Details des vereinsrechtlichen Teils gehen den Logen in gesonderten Einladungen zu. Die Logen haben auch die notwendigen Anmeldeformulare.

Die genauen Termine finden sich in der Terminübersicht dieser Website.

Die Großloge freut sich auf eine rege Teilnahme der Logen und gute Beratungen. Die gastgebenden Bamberger Brüder freuen sich ebenfalls, wenn ihre umfangreichen Bemühungen durch viel Zuspruch belohnt werden.

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Worte des Großmeisters zum Jahresende 2017

Großmeister Stephan Roth-Kleyer (Pressekonferenz Dresden)

Großmeister Stephan Roth-Kleyer (Pressekonferenz Dresden)

Im Jahr 2017 begeht die Reformation ihr 500-jähriges Jubiläum, die moderne Freimaurerei feiert weltweit ihr 300-jähriges Bestehen und viele unserer Logen würdigten ihre eigenen, meist runden Jubiläen. Ein Jahr voller denkwürdiger Ereignisse in der deutschen Freimaurerei.

An einigen dieser Jubiläumsveranstaltungen konnte ich teilhaben. Drei davon will ich in chronologischer Reihenfolgen stellvertretend für die zahlreichen hervorragenden Veranstaltungen benennen.

Am 8. Mai fand neben der Übergabe des „Absalom-Brunnens“ an die Gemeinde St. Michaelis in Hamburg eine weitere herausragende Veranstaltung in Hamburg statt: Anlässlich des 300. Jahrestages der Gründung der weltweit ersten Großloge lud Olaf Scholz, Präsident des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg und Erster Bürgermeister, zu einem Empfang ins Hamburger Rathaus. Festredner war Prof. Dr. Norbert Lammert, damals noch Präsident des Deutschen Bundestages. Mehr als vierhundert geladene Gäste, Freimaurer, Politiker, Ehrenbürger der Stadt Hamburg, kamen im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses zusammen, um sich an dreihundert Jahre moderner Freimaurerei und der Gründung der ersten Großloge in London im Jahre 1717 zu erinnern.

Ein weiterer Höhepunkt war im Mai unser Großlogentreffen in Dresden. Der „Kulturpreis Deutscher Freimaurer 2017“ wurde dem Schriftsteller und Arzt Uwe Tellkamp („Der Turm“, „Der Eisvogel“ u.a.) verliehen. Anlässlich unserer Fachveranstaltung mit vorhergehendem Grußwort des Ministerpräsidenten des Landes Sachsen, Stanislaw Tillich, berichtete u. a. der Offizialatsrat der katholischen Kirche, Dr. theol. Klaus Kottmann, Erzbistum Hamburg, zum Thema “Freimaurerei  und Katholische Kirche – ein beendeter Dialog?“.

Am ersten Septemberwochenende fanden die Feierlichkeiten der Vereinigten Großlogen von Deutschland zum 300. Jubiläum in Hannover statt. Damit verbunden waren insbesondere die Festveranstaltung im Sprengel Museum, u. a. mit den Grußworten des Bundespräsidenten Herrn Frank Walter Steinmeier, des Oberbürgermeisters Herrn Stefan Schostok sowie des Pro Grand Masters der United Grand Lodge of England Peter G. Lowndes, dem vielbeachteten Festvortrag des Landtagspräsidenten (a. D.) Herrn Prof. Rolf Wernstedt sowie dem Eintrag der Großmeister in das Goldene Buch der Stadt Hannover, und nicht zuletzt die Veranstaltung „O Isis und Osiris“ im August Kestner Museum.

Im Zusammenhang mit dem 300-jährigen Jubiläum der Freimaurerei sind eine Vielzahl von Logen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland mit vielen regional organisierten und ausgezeichneten Veranstaltungen in die Öffentlichkeit gegangen, um die Gesellschaft am Logenleben teilhaben zu lassen, um mehr Transparenz zu schaffen. Die Großloge konnte zahlreiche dieser Veranstaltungen in nicht unerheblichem Maß finanziell und ideell fördern und unterstützen.

Die Resonanz der Presse auf unsere Öffentlichkeitsveranstaltungen war insgesamt sehr erfreulich. Es ist festzustellen, dass die Berichterstattung in der Presse über uns, d.h. über die Freimaurerei, über unsere Herkunft, über unsere Logen, über unsere Aktivitäten und Zielsetzungen, zunehmend sachlicher wird. Erfreulich ist nicht nur die Qualität der Mitteilungen, erfreulich ist auch die große Anzahl der Berichte sowie das allgemeine Interesse. Das ist insgesamt auf die Pressearbeit der Großloge und auf die intensivere Öffentlichkeitsarbeit der Logen vor Ort zurück zu führen.

Insgesamt war das Jahr 2017 aufgrund der Qualität und der Quantität der Ereignisse und Veranstaltungen für uns Freimaurer ein erfreuliches, aber kein einfaches Jahr. Es hat jedem von uns einiges abverlangt.

Umso mehr freue ich mich wie jedes Jahr auf die Weihnachtstage, auf die Zeit zwischen den Jahren und auf das Neujahrsfest. Ich freue mich auf diese Feiertage, an denen Zeit für das Innehalten und Zeit für Muße ist, an denen sich die Familie trifft. Die Weihnachtszeit ist auch die Zeit, in der es gilt, nach vorne zu schauen, neue Ziele zu formulieren – um sie zuversichtlich zu realisieren. Es ist Zeit, auf Geleistetes und Erreichtes zurückzublicken und mit Vertrauen Pläne für das neue Jahr zu entwickeln.

Es ist auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Und nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unseres Newsletters und unserer Zeitschrift „Humanität“ für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich ein frohes und stimmungsvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2018. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. Für 2018 wünsche ich Ihnen viele schöne Momente und spannende wie erfolgreiche Projekte.

Stephan Roth-Kleyer
Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Ansprache Freimaurerei von Prof. Dr. Norbert Lammert

Prof. Dr. Norbert Lammert kurz vor seiner Ansprache im Hamburger Rathaus

Prof. Dr. Norbert Lammert kurz vor seiner Ansprache im Hamburger Rathaus

Am 8. Mai 2017 hielt Prof Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, eine denkwürdige Rede zum 300. Jahrestag der Freimaurerei im Hamburger Rathaus. Nun liegt uns der vollständige Text zur Veröffentlichung vor.

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Zeit, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: nein!“ Dieser schöne Satz ist leider nicht von mir, er stammt von Kurt Tucholsky, einem bekennenden Freimaurer, und bringt in seltener Prägnanz eine Erfahrung zum Ausdruck, die quer durch die Menschheitsgeschichte bis in die heutigen Tage hinein immer wieder zu machen war. Es ist ein schöner Zufall, dass dieser festliche Empfang aus Anlass des dreihundertsten Jahrestages der Freimaurerbewegung an einem 8. Mai stattfindet. Der 8. Mai ist nicht nur, der Bürgermeister hat darauf hingewiesen, der Tag der Befreiung nach der ebenso bitteren wie glücklichen Niederlage des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Der 8. Mai ist auch der Tag, an dem der Parlamentarische Rat in Bonn nach achtmonatigen Beratungen das Grundgesetz verabschiedet und damit den ersten und wichtigsten Baustein für den Neubau gelegt hat, der nach der größten Verirrung in der deutschen Geschichte ebenso nötig war wie glücklicherweise möglich wurde. Dieses heute erstaunlicherweise völlig unangefochtene Grundgesetz ist damals übrigens keineswegs einstimmig verabschiedet worden, sondern gegen die Stimmen der KPD und der CSU, was dem Inkrafttreten dieser Verfassung und seiner Erfolgsgeschichte nachweislich nicht im Wege gestanden hat. Und es war auch ein 8. Mai., nämlich der 8. Mai 1521, als Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Worms die Reichsacht über Martin Luther verhängte, der sich geweigert hatte, die Thesen zu widerrufen, die die Bewegungen in Gang setzten, an deren 500. Jahrestag wir in diesem Jahr erinnern.

Meine Damen und Herren, die Freimaurer stehen mit den 300 Jahren, an die Sie und wir heute erinnern, nicht nur zeitlich, sondern auch gedanklich irgendwo zwischen den Zwängen des Mittelalters und den Freiheitserwartungen und Freiheitsversprechungen der Neuzeit. Ihre gedanklichen Bezüge gehen auf das ausgehende Mittelalter zurück, und es macht schon Sinn, daran zu erinnern, dass ein ganz wesentlicher handfester Anlass für das Entstehen dieser Bewegung die Erfahrung war, dass Baumeister, Steinmetze, Gesellen wie Lehrlinge an den Bauhütten, den großen Baustellen des Mittelalters, vornehmlich den großen Domen und Kathedralen und Kirchen, außerhalb der Zünfte standen und damit in das wohlgefügte System von Ansprüchen und Privilegien nicht einbezogen waren.

Es hat ganz wesentlich mit der Erfahrung der Ausgrenzung zu tun, des nicht Einbezogenseins in eine solche, damals für beinah unanfechtbar gehaltene gesellschaftliche Ordnung, was das Entstehen dieser Bewegung begünstigt, vielleicht auch erfordert hat. Später wurde der in den Logen gepflegte Freiheitsgedanke Anziehungspunkt auch für Menschen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen und Professionen. Viele Staatsmänner, Aristokraten, Literaten, Künstler, Musiker, Wissenschaftler kennzeichnen die Geschichte der Freimaurerei über diese 300 Jahre hinweg. Heute gibt es weltweit geschätzt etwa sechs Millionen Freimaurer. Das ist mehr, als ein gutes halbes Dutzend der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union an Einwohnern haben. In Deutschland gibt es heute circa 15.000 Freimaurer in etwa 500 Logen, die allesamt für sich und ihre Mitglieder den Anspruch erheben, über die Grenzen von sozialer Herkunft, Nationalität, Sprache, Religion und Kultur hinaus sich gleichen Werten und Pflichten verbunden zu fühlen.

Prinzipien lassen sich leichter loben als leben.

Von Zeitumständen und damit verbundenen Irrtümern und Irrwegen blieben auch die Freimaurer nicht verschont. Prinzipien lassen sich leichter loben als leben. So finden sich im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik auch unter ihnen aggressiver bellizistischer Nationalismus und völkisches Denken und später sogar eine gewisse Nähe, jedenfalls gelegentlicher Anbiederung an den nationalsozialistischen Zeitgeist, bis hin zur Einführung von Arierparagraphen in manchen Logensatzungen – so, wie es umgekehrt in manchen Logen auch ein beachtliches Maß an Widerspruch und mehr oder weniger handfesten Widerstand gab und Freimaurer, etwa Ossietzky, den der Bürgermeister bereits zitiert hat, Opfer der Diktatur wurden, aber eben nicht als Freimaurer, sondern als Juden oder als politisch Andersdenkende. Die Versuche, sich in dieser oder jener Weise den damaligen Machthabern anzupassen, halfen nicht. Die Nationalsozialisten verboten die Freimaurerei 1935 als staatsfeindlich, die Logenhäuser wurden beschlagnahmt.

Es ist, wenn überhaupt, wieder ein schöner Zufall, dass beinahe unmittelbar im Anschluss an die Formulierung des Grundgesetzes und sein Inkrafttreten in der Frankfurter Paulskirche am 19. Juni 1949 Grundsätze der Freimaurerei neu formuliert und proklamiert wurden. In denen findet sich dieser Hinweis: „Der Freimaurer erkennt im Weltenbau in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen einen göttlichen Schöpfergeist voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Die Freimaurerei ist ein ethischer, kein politischer Bund und beteiligt sich nicht an politischen oder konfessionellen Parteikämpfen. Sie ist keine Religionsgemeinschaft, keine geheime Verbindung, verlangt keine gesetzwidrige Verschwiegenheit und vermittelt keine geheimen Kenntnisse.“

Die großen Prinzipien, die Werte und selbstgesetzten Pflichten, auf die sich Freimaurer verpflichtet haben, sind heute längst zu unangefochtenen Gestaltungsprinzipien freiheitlicher Gesellschaften und demokratischer Staaten geworden. Mit dem fast unvermeidlichen Risiko, dem eigentlich alle Überzeugungen und Orientierungen zum Opfer zu fallen drohen, dass je unangefochtener sie geworden sind und für umso selbstverständlicher sie gehalten werden nicht nur das Bewusstsein ihrer Bedeutung zu verblassen droht, sondern man sich auch, wenn überhaupt, nur noch ungern der Mühe unterzieht, über die Bedingungen ihrer Realisierung und gelegentlich auch über das Spannungsverhältnis zwischen diesen Prinzipien Rechenschaft zu geben. 

Wie viel Freiheit braucht ein Mensch, und wie viel erträgt er?

Wie viel Freiheit braucht ein Mensch, und wie viel erträgt er? Was bringen Menschen an Freiheit in eine Gesellschaft ein, und wie viel Freiheit muss und darf eine Gesellschaft Menschen zumuten? Wie lässt sich der Anspruch auf Freiheit mit dem gleichzeitigen Anspruch auf Gleichheit verbinden? Wie können in ein und derselben Gesellschaft Menschen zugleich frei und gleich sein? Ist das Toleranzgebot die Brücke zwischen dem einen und dem anderen? Und wie weit reicht dann eine solche Selbstverpflichtung? Muss man auch Intoleranz tolerieren, weil sie auch Ausdruck von Freiheit zu sein scheint? Welchen Respekt verdienen diejenigen, die Minderheiten nicht respektieren? Wie viel Einheit braucht eigentlich eine Gesellschaft, die Vielfalt ermöglichen soll und will?

Meine Damen und Herren, zu jeder dieser Fragen ließen sich jetzt mehr oder weniger kluge Betrachtungen anstellen. Ich will mich auf ein paar Hinweise beschränken und damit beginnen, dass nach meiner festen Überzeugung Menschen, wo immer sie leben und gelebt haben, Orientierungen brauchen, weil sie Halt brauchen, wenn sie sich im Leben behaupten wollen. Dass das so ist und sich wiederum quer durch die Menschheitsgeschichte immer wieder in gleicher und anderer Weise beobachten lässt, ist ziemlich offenkundig. Dass auch Gesellschaften Orientierungen brauchen, gemeinsame Überzeugungen, gar Verbindlichkeiten, um die Unterschiede zu ertragen, die es gibt, und weder aufgegeben werden müssen noch aufgegeben werden sollen, leuchtet eigentlich auch ein, wird aber immer wieder gern bestritten, weil wir Verbindlichkeiten nicht mögen, die der Freiheit Grenzen setzen. Umso wichtiger ist die ungemütliche Einsicht, dass Freiheit Bindungen voraussetzt. Das vielleicht am weitesten verbreitete Missverständnis von Liberalität ist die Erwartung, dass in wirklich liberalen Gesellschaften nichts unbedingt gilt. Liberal ist eine Gesellschaft tatsächlich nur, wenn es die Einsicht gibt und diese auch durchgesetzt wird, dass es ein Mindestmaß an Verbindlichkeiten gibt, ohne die eine Gesellschaft ihre Unterschiede gar nicht aushalten würde, und dass insofern diese Verbindlichkeiten Voraussetzung der Möglichkeit von Freiheit sind.

Toleranz ist inzwischen zweifellos eine der populärsten und zugleich folgenlosesten Begriffe unserer Zeit geworden.

Ich will ein paar Bemerkungen zur Toleranz machen. Toleranz ist inzwischen zweifellos eine der populärsten und zugleich folgenlosesten Begriffe unserer Zeit geworden. Fragt man Google, was man sich unter ‚Toleranz‘ vorzustellen habe, werden dort fast zehn Millionen Ergebnisse angezeigt. Das allein ist ein starkes Indiz dafür, dass weder der Begriff unmissverständlich ist noch die damit verbundenen Sachverhalte. Wie ist dieser Begriff überhaupt in die deutsche Sprache gekommen? Sie vermuten richtig: durch Luther. Er hat den alten lateinischen Begriff der ‚Toleranzia‘ in die deutsche Sprache übertragen und eingeführt. Dass unter den thematischen Schwerpunkten der Luther-Dekade, die uns nun über zehn Jahre hinweg auf das große fünfhundertjährige Reformationsjubiläum zugeführt hat, neben der Sprache und der Musik die Toleranz eines der Schwerpunkthemen war, hängt nicht nur mit der überragenden Bedeutung der Toleranz oder Selbstverständnis moderner Gesellschaften zusammen, sondern mit der Vernachlässigung dieses Anspruchs im Alltag der Menschheitsgeschichte. Toleranz ist nicht das herausragende Merkmal der Geschichte, auch nicht der Kirchengeschichte, weder vor noch nach der Reformation. Religionen haben, wie wir immer wieder schmerzlich feststellen können, ein ambivalentes Verhältnis zur Toleranz. In der Lehre vermitteln sie Toleranz, in der Praxis verweigern sie Toleranz – nicht immer, aber jedenfalls erstaunlich oft, nach innen wie nach außen. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, und da sind wir in den Gründungszeiten der Freimaurerbewegung, die ihre wesentlichen Einsichten weitgehend gegen den erbitterten Widerstand der Kirche durchsetzen musste, wurde die Freiheit des Menschen, auch die Freiheit des Christenmenschen, als individuelle Freiheit des Bürgers gegenüber dem Staat, auch gegenüber den Kirchen, reklamiert und durchgesetzt.

Die menschheitsgeschichtlich betrachtet späte Einsicht der Aufklärung in die Aussichtslosigkeit einer abschließenden Beantwortung der Wahrheitsfrage hat Demokratie nötig und möglich gemacht. Würde man die Wahrheitsfrage verlässlich und für jeden nachvollziehbar verbindlich beantworten können, brauchte man die Mehrheitsentscheidung nicht, die demokratische Entscheidungsprozesse prägen. Deswegen gehört es auch zu den ebenso ärgerlichen wie hartnäckigen Missverständnissen etablierter demokratischer Systeme, dass sich Mehrheiten angewöhnt haben, das Vorhandensein dieser Mehrheit für den Nachweis der Wichtigkeit ihrer Meinungen auszugeben. Wenn sie die Richtigkeit Ihrer Meinung nachweisen können, hätte die Abstimmung gar nicht stattfinden möchten. Wer sich, wieder anders formuliert, an Abstimmungen beteiligt, räumt damit ein, dass er auch für sich nicht den Nachweis der Überlegenheit seiner Position gegenüber möglichen anderen führen kann und bestreitet insofern legitimerweise einen möglichen ähnlichen Anspruch anderer. Das, was mit Mehrheit entschieden wird, gilt. Es ist deswegen aber nicht unbedingt richtig. Deswegen gilt es übrigens auch nur so lange, bis eine Mehrheit etwas Anderes beschließt, was dann übrigens wiederum nicht richtiger sein muss, aber vorläufig gilt. Unter den Bedingungen unseres heutigen – wie wir uns mindestens einbilden – aufgeklärten modernen Staats- und Gesellschaftsverständnisses sind Freiheit und Toleranz Geschwister. Die Toleranz ist gewissermaßen der größere Bruder der Freiheit, die ohne die Bereitschaft zur Toleranz jedenfalls keine allgemeine Freiheit sein kann, sondern bestenfalls die zum Standard erhobene Umsetzung von je eigenen, persönlichen Freiheitsvorstellungen, die für allgemein und zugleich für alle verbindlich erklärt werden. Wer wirklich individuelle Freiheit will, muss zur Toleranz bereit sein und in der Lage sein. Oder er muss auf Freiheit verzichten.

Toleranz, und wo hört sie auf? Toleranz beginnt immer mit der Erfahrung des anderen, des anderen Menschen, seiner jeweils besonderen Eigenarten, seiner Veranlagungen, seiner Interessen, seiner Auffassungen und Meinungen, seiner Ziele und Bedürfnisse. Toleranz ist nicht die schlichte Kenntnis oder Kenntnisnahme, dass etwas so ist, wie es ist, sie ist vielmehr die Duldung des anderen. Sie ist auch mehr als die Duldung des anderen, weil es sich ohnehin nicht verändern lässt oder vermeiden lässt. Toleranz ist Akzeptanz des jeweils anderen, die Bereitschaft zu verstehen, warum es so ist, wie es ist, und sich darauf einzulassen, das Andere möglich werden zu lassen. Toleranz darf allerdings nicht die kopflose Legitimation für Rücksichtslosigkeit sein. Die Grenzen der Toleranz sind spätestens dann erreicht, wenn es um Anwendung oder Androhung von Gewalt geht, um Terror, auch Gesinnungsterror, um Diskriminierung oder Privilegierung, soweit diese nicht in der Sache geboten und begründet sind.

Deshalb ist es im Namen der Toleranz erlaubt und manchmal dringend geboten, Intoleranz nicht zu tolerieren.

Voltaire, den der Bürgermeister vorhin schon einmal zitiert hat, hat dazu einen klugen Satz formuliert, der beinahe als Kommentar zu manchen Verirrungen aktueller politischer Auseinandersetzungen gelesen werden kann: „Hat der Fanatismus das Gehirn einmal verpestet, so ist die Krankheit fast unheilbar.“ Diese fast 300 Jahre alte Einsicht können wir im Europa des 21. Jahrhunderts mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit machen. Nicht alles, meine Damen und Herren, was sich als Toleranz ausgibt, genügt höheren Ansprüchen. Toleranz ist nicht immer und überall weise, sie kann auch dumm sein, blind, bequem, leichtfertig, gefährlich, manchmal lebensgefährlich. Deshalb ist es im Namen der Toleranz erlaubt und manchmal dringend geboten, Intoleranz nicht zu tolerieren.

Ich will ein paar Sätze zur Brüderlichkeit sagen, dem schönen, dritten Prinzip der Französischen Revolution, das ein Anliegen und eine Einsicht aufgreift, die auch mindestens so alt ist, wie die Menschheitsgeschichte über sich selbst nachzudenken begonnen hat, und die über das gesamte Mittelalter in philosophischen und theologischen Schriften unter dem Stichwort ‚Gerechtigkeit‘ immer wieder nach vorne und hinten und rechts und links und oben und unten durchleuchtet worden ist. Die Schwierigkeiten mit dem Thema beginnen schon damit, dass wir nicht wirklich wissen, was „Gerechtigkeit/Brüderlichkeit“ ist. Immerhin wissen wir, dass es sie geben soll. Und deswegen versuchen wir ständig neu, mit Präzisierungen und Konkretisierungen wenigstens Aspekte hervorzuheben, die uns besonders bedeutsam erscheinen. Bedarfsgerechtigkeit: Gerecht ist, wenn sichergestellt ist, dass jeder seinen Bedarf decken kann. Leistungsgerechtigkeit: Gerecht ist eine Gesellschaft dann, wenn jeder das erhält, was seiner Leistung entspricht. Verteilungsgerechtigkeit: Den Anspruch auf eine gerechte Gesellschaft kann man vielleicht dann erheben, wenn das, was eine wie auch immer geartete Anzahl von Menschen gemeinsam erarbeitet und erwirtschaftet, fair verteilt wird. Teilhabegerechtigkeit: Gerecht ist, wenn alle prinzipiell die gleiche Möglichkeit haben, an der Erarbeitung und an der Verteilung dessen teilzuhaben, was in einer Gesellschaft erarbeitet wird. Chancengerechtigkeit: Gerecht ist eine Gesellschaft nur dann, wenn alle die gleiche Chance haben, an dem mitzuwirken, was in einer Gesellschaft geschieht, was in ihr erwirtschaftet wird und anschließend verteilt wird. Jede dieser gerade beispielhaft genannten Vorstellungen von Gerechtigkeit ist nicht nur gut gemeint, sie bilden auch einen zweifellos wesentlichen Aspekt unseres Gerechtigkeitsdenkens ab. Und dennoch ahnen wir, dass in keiner dieser Konkretisierungen der Gerechtigkeitsbegriff voll aufgeht, obwohl oder gerade weil jeder dieser einzelnen Aspekte seine eigene innere Logik, seine eigene innere Berechtigung hat. Wieso ist es gerechter, nach Bedarf zu verteilen als nach Leistung? Und wie entwickelt sich wohl eine Gesellschaft, wenn sie nicht nach Leistung, sondern nach Bedarf verteilt? Umgekehrt: Warum soll eine leistungsgerechte Verteilung ganz offenkundig gerechter sein als eine bedarfsorientierte?

Was ist gerecht? Was ist verantwortlich? Wie sieht eine brüderliche Gemeinschaft oder Gesellschaft aus?

Der Sammelbegriff ‚Soziale Gerechtigkeit‘, mit dem sich vor allem Politiker und Journalisten, gelegentlich übrigens auch Theologen, Herr Weihbischof, über die Schwierigkeiten der Abgrenzung dieser verschiedenen Aspekte des gleichen Gerechtigkeitspostulats hinwegzuhelfen versuchen, macht bei genauem Hinsehen nichts klarer. Er ergänzt vielmehr den nicht hinreichend eindeutigen Gerechtigkeitsbegriff durch ein ebenso wenig eindeutiges Adjektiv – in der treuherzigen Hoffnung, dass die Verbindung von zwei Unschärfen das Bild deutlich macht. Was ist gerecht? Was ist verantwortlich? Wie sieht eine brüderliche Gemeinschaft oder Gesellschaft aus? Was ist nicht nur als Parole gerecht oder brüderlich, sondern gerecht oder brüderlich als verantwortbarer Beitrag für die realen Lebensbedingungen in einer realen Gesellschaft? Das Thema ist unerschöpflich. Mir scheint, wenn überhaupt, nur dies offensichtlich: Dass die Frage nicht abschließend zu beantworten ist, sondern immer wieder neu gestellt und immer wieder neu beantwortet werden muss. Dabei hat die Politik aber keineswegs eine exklusive Rolle und Verantwortung. Die Politik ist nicht besser als andere in der Lage zu erklären und zu klären, was Gerechtigkeit ist. Sie ist ganz sicher auch nicht allein in der Lage, Gerechtigkeit herzustellen, schon gar nicht, wenn die Frage, woran man das misst, nicht ein für allemal eindeutig und abschließend zu beantworten ist. 

Wenn das aber so ist, dann darf man das Bemühen um Gerechtigkeit oder Brüderlichkeit nicht allein der Politik, nicht allein Parlamenten und Regierungen überlassen, sondern dann müssen sich möglichst viele daran beteiligen und entsprechend den Möglichkeiten, die dieses Land, diese Demokratie, unsere Verfassung eröffnen, ihren Einfluss, ihren Sachverstand, ihr Engagement und natürlich auch ihre Interessen geltend machen. Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, ebenso wenig wie absolute Wahrheit, und absolute Freiheit übrigens auch nicht. Man muss sie suchen in der Gewissheit, sie nicht zu finden. Aber die Suche lohnt, weil wir zwar nicht wissen, was Freiheit oder Gerechtigkeit und eine freie und zugleich gerechte Welt ist, wir aber den Anspruch nicht aufgeben dürfen, sie zu finden.

Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Maß an Freiheit und welches Maß an Ungleichheit eine Gesellschaft zulässt und erträgt.

Eine letzte Bemerkung zu Verhältnis von Freiheit und Gleichheit: Für unsere Gesellschaft unter dem Grundgesetz gilt, dass sie den Gleichheitsgrundsatz als eines ihrer Verfassungsprinzipien normativ wie eine Flagge vor sich herträgt und gleichzeitig ein statistisch wachsendes Maß an Ungleichheit registriert. Das ist keine banale Situation. Sie wird auch nicht dadurch unerheblich, dass wir nun mal in unserer Verfassung sowohl das Freiheitsprinzip und damit die Möglichkeit der Selbstentfaltung der Menschen garantieren, als auch auf dem Gleichheitsgrundsatz bestehen. Die beiden Prinzipien stehen sich schon als solche wechselseitig kräftig im Wege und lassen sich offenkundig nicht gegeneinander aufwiegen. Wir müssen uns nicht nur, aber insbesondere natürlich in der Politik mit der Frage auseinandersetzen, welches Maß an Freiheit und welches Maß an Ungleichheit eine Gesellschaft zulässt und erträgt. Ich persönlich, jetzt wird es ein bisschen riskant, ich persönlich glaube nicht, dass es ein generelles Bedürfnis nach Gleichheit der Lebensverhältnisse gibt. Anders formuliert: Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Menschen mit der Erfahrung der faktischen Ungleichheit von Menschen relativ gut zurande kommen. Weil sie diese Erfahrung buchstäblich von Kindesbeinen an machen, dass Kinder und Erwachsene nicht gleich sind, dass Jungen und Mädchen nicht gleich sind, dass selbst Gleichaltrige nicht gleiche Interessen und Veranlagungen haben, dass sie nicht unter gleichen, sondern unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen. Dass die Menschen dem Gleichheitspostulat zum Trotz nicht gleich sind, sondern ungleich, ist den meisten nicht nur bewusst, sondern damit kommen sie in der Regel zurande. Vielleicht, noch etwas leiser gesagt, gehört die faktische Ungleichheit sogar zu den Vorzügen der Schöpfung. Die Menschheit befände sich in einer völlig anderen Verfassung und vermutlich nicht in einer besseren, wenn alle Menschen faktisch gleich wären. Die Erfahrung der Ungleichheit ist möglicherweise eine der wichtigsten Vitalitätsquellen der Menschheit, auch und gerade wegen der damit verbundenen Frustrationserfahrung. Das Problem ist, glaube ich, nicht die Erfahrung, dass Menschen ungleich sind. Ungleichheit wird aber immer dann zu einem Problem, wenn es keinen plausiblen, nachvollziehbaren Zusammenhang ergibt zwischen individueller Leistung und individuellem Einkommen und Vermögen. Und da reden wir jetzt über kein theoretisches, philosophisches Problem, sondern über ein handfestes gesellschaftspolitisches Problem, wenn der Eindruck entsteht, dass selbst bei verweigerter Leistung oder bei nachgewiesener dauerhafter Fehlleistung die Bezahlung oder Abfindung besonders üppig ausfallen, diese Strapazierung von Freiheit und Gleichheit hält auf Dauer keine Gesellschaft aus. Es treibt sie auseinander und hält sie eben nicht beieinander.

Deshalb, auch deshalb, benötigt eine freiheitliche Gesellschaft nicht nur demokratisch gewählte Parlamente und politisch verantwortliche Regierungen, sondern auch eine aktive Bürgergesellschaft. In der wechselseitigen Zuordnung und Verbindung von Bürgerengagement und verfassten demokratischen Institutionen darf das jeweils eine das andere nicht ersetzen. Die erste demokratische Tugend ist Verantwortung. Verantwortung für sich selbst, für die unmittelbare Umgebung, aber auch Verantwortung für das eigene Land, die eigene Stadt, die eigene Gesellschaft. Dies gibt es glücklicherweise in unserer Gesellschaft in einem ähnlich erstaunlichen Maße, wie sich die demokratischen Institutionen unseres Landes nach allerdings traumatischen Erfahrung in einer bemerkenswerten Weise gefestigt haben.

Und deshalb verbinde ich meine Glückwünsche zu diesem stolzen Jubiläum mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass sich in den nächsten 300 Jahren diese Prinzipien von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit und Toleranz als Voraussetzungen einer humanen Gesellschaft unangefochtener durchsetzen, als das über den mit Abstand größeren Teil der letzten 300 Jahre zu beobachten war.

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