Zeitzittern — Das neue Buch von Gerd Scherm

Zeitzittern

Die Aufzeichnungen des Leopold Branntwein

Gerd Scherm

Erschienen bei Books on Demand, Norderstedt

Ca. 186 Seiten, Format der Taschenbuch-Ausgabe 13,5 x 21,5 cm, ISBN 978-3-7528-2890-0

Kindle: 5,40 €, Gebundenes Buch: 25,00 €, Taschenbuch: 10,00 €

“Ist das Wiederauffinden dieses Manuskripts ein Hinweis auf eine gravierende Veränderung in meinem Leben? Will der Kosmos, der Schöpfer, das Karma, der große Weltenspieler mir damit ein Zeichen geben? Ich denke schon, denn Klara ist mit den Kindern zu ihrer Mutter gezogen.”

Das zweihundertfünfzigste Fragment von zweihundertachtzig gibt vielleicht einen Einblick in die Welt dieses Tagebuchromans. Aber worum geht es? Folgen wir dem Klappentext:

“Leopold Branntwein, geboren 1891 in Prag, Schriftsteller, Freimaurer und verzweifelt-hoffender Weltverstehenssüchtiger. Ein Suchender der k.uk.-Zeit, in und zwischen den Weltkriegen, den wilden Zwanzigern und den dunklen Jahren danach.

Er suchte die Wahrheit auf dem Monte Verità ebenso wie in seinen Träumen. Er war ein Cousin von Franz Kafka und stand in Kontakt mit interessanten Zeitgenossen: dem Jugendstil-Künstler Alfons Mucha, dem Esoteriker Theodor Reuß, den Anarchisten Raphael Friedeberg und Fritz Oerter, den Schriftstellern Hermann Hesse, Alfred Kubin, Gustav Meyrink, Leo Perutz und Herzmanovsky-Orlando.

Ende der 1930er emigrierte er nach New York und die WOgen des Schicksals verschlugen ihn nach dem Zweiten Weltkrieg nach Franken. In seinen tagebuchartigen Skizzen spiegeln sich die Facetten einer Odyssee durch ein halbes Jahrhunderts.”

Eine Tänzerin aus dem "Loisitschek", die Dora, hat eingeladen, ihrer baldigen Niederkunft in eben dieser Lokalität beizuwohnen. Ihr Kind solle dort zur Welt kommen, wo sie es empfangen hat. Die Ordnungsmacht versucht diese "Sondervorstellung" der Dora zu verhindern und droht, sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einzusperren. "Soll sie doch ihren Wechselbalg allein in einer Zelle in die Welt werfen", sagte der Amtmann. Die Tänzerin hält dem entgegen, die Zeugung sei ein öffentlicher Akt gewesen und so sei es nur konsequent, allen Beteiligten die Chance zu geben, auch das Finale gemeinsam zu erleben. Außerdem könne sich bei dieser Gelegenheit einer freiwillig als Vater melden.

Einhundertvierundfünfzigstes Fragment

Ein unterhaltsam-skurriler Scherm, ergänzt um 22 Illustrationen des Autors.

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Die sächsischen Großlogen nach 1918

Freimaurerei und Diktatur

Die sächsischen Großlogen nach 1918

Franziska Böhl

Erschienen im Salier-Verlag, Leipzig

Ca. 630 Seiten, Format 14 x 21,5 cm, Paperback, ISBN 978-3-943539-96-7, 19,90 €

Sachsen war eines der wichtigsten Zentren der deutschen Freimaurerei. Fast zwei Jahrhunderte lang erfreute sich der Bruderbund wachsenden Zuspruchs in Mitteldeutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg begann für die Freimaurerei jedoch ein Kampf ums Überleben und das eigene Selbstverständnis. Jahre der Abwehr, Anpassung, Unterdrückung und Zerrissenheit folgten. Die Nationalsozialisten verboten die Logen der Freimaurer schließlich und auch in der DDR waren sie nicht geduldet.

Der Publikation liegt eine Dissertation zugrunde, die das Prädikat “magna cum laude” erhielt. Wohltuend am Buch ist die zwar notwendige, aber auf das Wesentliche konzentrierte Einführung in die Geschichte und das Wesen der Freimaurerei. Nicht wenige Publikationen bestreiten mit Inhalten, die spezielle Titel wesentlich ausführliche können, einen großen Teil des Umfangs. Stattdessen kommt die Autorin recht schnell zum eigentlichen Thema: Der Freimaurerei in Sachsen nach 1918.

Von großem Reiz ist für den Leser ist die genaue, aber auf das Wesentliche konzentrierte Schilderung der einzelnen Logen in ihrem regionalen und persönlichen Umfeld, einschließlich der Schicksale und Beweggründe der Bauhütten und einzelner Mitglieder. Auch die klare Sprache führt dazu, dass man dieses Buch trotz seines Umfanges und seiner Detailfülle gerne zur Hand nimmt.

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Die Juden in den deutschen Logen

Guntram B. Seidler: "Die Juden in den deutschen Logen"

“Sicherlich wird auch die vorliegende Schrift über die Geschichte der Juden in den deutschen Logen für den Freimaurerbund als Institution und seine Brüder nicht erfreulich sein.”, schreibt der Autor Guntram B. Seidler in seinen Vorbemerkungen.

Am Beispiel des Umgangs mit Juden erfahren wir Wesentliches über die geistige Verfasstheit der deutschen Freimaurer vor allem am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Guntram B. Seidler ist in seinem Werk der Frage nachgegangen, wie sich Antisemitismus, aber auch Weltoffenheit, in deutschen Freimaurerlogen seit Jahrhunderten artikuliert. Dabei wird deutlich, “dass die Bundung der Freimaurerei an die christliche Konfession eine Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus zur Ausgrenzung und Verfolgung von Juden begünstigte”, wie Thomas Forwe, derzeitiger Meister der Forschungsloge “Quatuor Coronati”, in seinem Geleitwort bemerkt.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste beschäftigt sich mit den Junden in den Freimaurerlogen, der Rolle der Religion in der Freimaurerei und der Juden zur Freimaurerei, insbesondere aber mit dem Ringen der verschiedenen Großlogen um die “Judenfrage” und den frühen Kampf für und gegen die Zulassung von Juden in den Logen mit eigenen Kapiteln für verschiedene Großlogensystem von liberalen bis hin zu den Altpreußischen Großlogen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem “Uabhängigen Orden B’nai B’rith”, der oft fälschlich als “jüdische Freimaurerei” bezeichnet wird, mit den Wurzeln, der Organisation in Deutschland und vielen anderen wissenswerten Themen.

Es handelt sich um ein akribisch recherciertes Werk von rund 500 Seiten, das aber bewusst keine wissenschaftliche Aufarbeitung sein will, um für eine breite Öffentlichkeit lesbar und nachvollziehbar zu bleiben. Die Beschäftigung mit diesem Thema passt in eine Zeit, in der auch einzelne Freimaurer nicht gefeit sind vor den um sie bestehenden gesellschaftlichen Veränderungen.

Guntram B. Seidler, “Die Juden in den deutschen Logen”,Hardcover 17 x 24 cm, 512 Seiten, 29,00 €. Erschienen im Salier-Verlag unter der ISBN 978-3-943539-62-2.

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Die Zukunft der Freimaurerei

Helmut Reinalter, ein anerkannter Beobachter der Freimaurerei, hat ein Buch über die Zukunft des Bruderbundes vorgelegt.

Lange Zeit haben sich die Brüder vorwiegend mit ihrer Geschichte beschäftigt und sie mehr oder weniger schillernd dargestellt. Seit einigen Jahren und verstärkt in der letzten Zeit ist eine Zunahme der Bücher, Aufsätze und Vorträge über die Zukunft der Freimaurerei zu beobachten. Aufmerksamen Mitgliedern ist klar geworden, dass die historische Darstellung nicht immer richtig ist und man nicht von der Substanz leben kann. Freimaurerei muss sich angesichts der erheblichen gesellschaftlichen Umwälungen zwar nicht neu erfinden, aber eine Position einnehmen. Ein Umbruch in der Freimaurerei ist allenthalben zu bemerken. Nur: Wohin? Der Titel des neuen Buches des renommierten Freimaurer-Autors passt in die Zeit und klingt vielversprechend. Auch Reinalter sieht dies so: “Unsere diskrete Gesellschaft, schon seit ihren Anfängen strukturkonservativ und stark traditionsgebunden, muss ihre historischen Grundlagen dringend neu überdenken und dabei versuchen, ihren Ideengehalt für die weitere Entwicklung der Freimaurerei zu reformieren, damit er auch im heutigen und künftigen Bruderkreis besser verstanden wird.

Das alles klingt vielversprechend. Kann Reinalter in seinem Buch die notwendigen Antworten geben? Um es vorwegzunehmen: Nein. Und um hinzuzufügen: Leider.

Es ist deshalb kein schlechtes Buch. Es ist wirklich interessant, wenngleich auch hin und wieder etwas langatmig und von vielen Wiederholungen durchsetzt. Das hängt damit zusammen, dass es sich um kein geschlossenes Werk handelt, sondern um eine Sammlung von Essays und Aufsätzen, die vielleicht einer Straffung bedurft hätten. Reinalters Bücher haben den Rezensenten in ihrer nüchternen und objektiven Art beim Weg in die Freimaurerei begleitet und waren auch in den ersten Jahren ein wichtiger Kompass. Vielleicht war die Erwartungshaltung angesichts des Autors und des Titels zu groß.

Zum Inhalt. Zunächst beschäftigt sich das Buch mit dem nach Meinung Reinalters und einiger anderer Historiker falschem Gründungsjahr 1717, das die Freimaurerei im letzten Jahr, auch in Deutschland, umfänglich gefeiert hat und verortet die Gründung stattdessen in das Jahr 1721. Das mag historisch von Interesse sein, angesichts der Zukunftsfragen unserer Gesellschaften und auch der Freimaurerei jedoch eine Petitesse. Der Klappentext verspricht, dass es sich um den einzigen historischen Text handelt, gleichwohl folgt umgehend eine Studie  zur gesellschaftlichen Rolle der Freimaurerei seit dem 18. Jahrhundert. Allerdings ist das für das weitere Verständnis des Themas nicht ganz unerheblich, denn Reinalter befreit die Geschichte der Maurerei von mysterischen und esoterischen Deutungen und hebt die praktischen Gründe für den Erfolg dieser Gesellschaft hervor, die nüchterner und pragmatischer als alle Mythen und Legenden sind, aber auch erfüllender.

Umfangreich befasst sich Helmut Reinalter mit ethischen Werten, mit dem Projekt “Weltethos”, humanem Wirtschaften, ethisch orientierter Weltpolitik, Demokratie und Globalisierung. Von diesen eher allgemeinen Betrachtungen leitet er über zur deren praktischer Umsetzung in den Logen: Humanität, Toleranz, Lebenskunst, Gerechtigkeit, Aufklärung, um die Wichtigsten zu nennen. Alles ist richtig, alles ist interessant und lesenswert. Aber wir befinden uns nun schon um die Seite 200 herum und noch fehlt der Eindruck, praktische Antworten zu erhalten, wie denn die Freimaurerei ihre eigene Zukunft in ihr Tagesgeschäft einbinden kann.

Reinalter geht, soviel kann man wohl zusammenfassen, davon aus, dass die umfangreich geschilderten hehren Ziele der Maurerei vom einzelnen Freimaurer entsprechend seiner Möglichkeiten umgesetzt werden sollen. Das wäre nun nichts Neues, das ist sozusagen das theoretische Kerngeschäft des Bruderbundes. Wie nun aber “die Freimaurerei” als Organisation, die für das Wirken des einzelnen Mitgliedes die nur schwer verzichtbaren Rahmenbedingungen schaffen muss, ihre Zukunft zielgerichtet gestalten kann, bleibt offen.

Helmut Reinalter, “Die Zukunft der Freimaurerei”, ca. 240 Seiten, Paperback. ISBN 78-3-943539-95-0, Salier-Verlag, 15 €

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Dokumentation “Zu den ehernen Säulen” in Dresden

Umfangreiche Dokumentation der Dresdener Loge "Zu den ehernen Säulen"

Dr. Holger Mettke hat eine mit mehr als 660 Seiten umfangreiche und schwergewichtige Dokumentation der Geschichte der Dresdener Loge “Zu den ehernen Säulen” vorgelegt.

Obwoh das Buch ausschließlich für Freimaurer gedacht ist, beginnt es mit einer Einführung in die Geschichte des Bundes, um jedoch recht schnell auf die besondere Situation in Dresden zu kommen. Eine Stadt, die sich offenbar recht früh zu einer Hochburg der Maurerei entwickelte. Der Autor macht als einen der Gründe das vielfältige soziale Engagement der Dresdener Logen verantwortlich, der ihnen offenbar viel Zuspruch brachte.

“Ein bleibendes Denkmal haben sich die Dresdner Freimaurer, namentlich die Schwerterbrüder, jedoch mit der Gründung einer Knabenerziehungs- und Lehranstalt, dem “Waiseninstitut für die notleidende Bevölkerung der Dresdener Friedrichstadt” gesetzt.

Etwa die Hälfte des Buches macht die Geschichte der Loge von der Gründung im Jahre 1863 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1934 aus.

Die Wiederbegründung der Loge im Jahre 2014 mit ihren Vorläufern war nicht ohne Höhen und Tiefen, die umfänglich beschrieben werden. Die Beschreibungen reichen bis in das Jahr 2015. Ein umfangreicher Anhang mit einer Vielzahl von Mitgliederlisten bis in die 1920-er Jahre, Schriftverkehr und einer Geschichte der “Großen Landesloge von Sachsen” komplettieren den umfangreichen Band.

Trotz der großen Informationsfülle ist das Buch angenehm zu lesen und ist keineswegs eine Zusammenstellung verstaubter Geschichte. Löblich zu erwähnen ist der Verzicht darauf, gerade alte Dokumente im Faksimile abzubilden, die dem Leser ein mühsames Entziffern abverlangen. Stattdessen sind historische Dokumente fast ausschließlich als Transkript veröffentlicht. Etliche Abbildungen runden das Werk ab und lassen die Lektüre durchaus angenehm und kurzweilig werden.

Dr. Holger Mettke, “Freimaurerloge ‘Zu den ehernen Säulen’ i.Or. Dresden – Eine Dokumentation ihrer Geschichte”, 17,6 x 24,5 cm, 665 Seiten, fester Einband, Fadenhaftung mit Kapitälchenband. Leider nur für Brüder Freimaurer und zu einem nicht günstigen Preis von 65 €. Zu beziehen direkt bei der Loge.

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Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Schon wieder ein Knigge-Ratgeber, der uns Benimm beibringen soll? Der Freimaurer Sylvio J. Godon hat ein Büchlein “Vom Betragen – Knigge für Freimaurer” vorgelegt. Da stellt sich die skeptische Frage: Muss das sein?

Der arme Adolph Freiherr von Knigge, übrigens Freimaurer, muss für alles mögliche herhalten. Unzählige Benimmbücher sind unter Benutzung seines Namens erschienen: Knigge für die Karriere, Knigge für Kids, Knigge in jeder Lebenslage, Knigge fürs Business, Knigge im Restaurant. Dabei hat Knigge niemals Gebrauchsanleitungen für unfallfreies Essen oder geschicktes Rodeln auf gesellschaftlichem Parkett geschrieben. Sondern einen bis heute lesenswerten Text “Über den Umgang mit Menschen”, in dem er ganz allgemein beschreibt, wie Menschen unterschiedlichster Art miteinander umgehen können.

Mit seinem Buch wollte er Situationen wie die von ihm geschilderte vermeiden: “Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.”

Und nun kommt ein anderer Freimaurer und schreibt Benimmregeln für Freimaurer unter Freimaurern und nennt auch das wieder einen Knigge. Dabei ist es eigentlich ein für die Spezies der Menschenfreunde nicht notwendiges Buch. Denn der aufgeklärte und sich selbst hinterfragende Bruder weiß eigentlich aus dem Ritual, aus der Kenntnis der Symbole und Metaphern, aus den Unterweisungen im Lehrlings- und Gesellengrad, aus dem Betrachten seiner Vorbilder in der Loge ganz genau, wie man sich als Mensch zu anderen Menschen verhält. In den eins, zwei, drei Jahren nach einer Aufnahme und bei guten Lehrmeistern klappt das eigentlich ganz gut. Ist man erst einmal Meister, werden viele vergesslich, und manchmal vergessen sie sich, dieses eigentlich überflüssige Büchlein kann sie erinnern.

Der Autor schreibt im Vorwort, dass er mit seinem Buch nicht den Zeigefinger erheben wolle. Gleichwohl blickt der moralische Finger dem Leser auf jeder Seite dann doch entgegen, als wäre er das freundlicherweise beigefügte Kapitälchenband, ein Lesezeichen für jede Seite. Und der größte Teil des Buches liest sich dann auch ein bisschen wie sich eine autosuggestive Meditationskassette aus den Achtzigern anhörte: “Im Zusammenleben erstrebe ich …”, “Ich beuge Entwicklungen vor, die …” oder “Ich halte mich an …”. Aber dieses Autosuggestive, wenn man es über sich ergehen lässt, kann dann doch wie ein Mantra wirken und Wirksamkeit entfalten.

Wer neben der in den Ritualen vermittelten Grundhaltung oder den in den “Alten Pflichten” enthaltenen Anweisungen zum “Betragen der Brüder” eine Art Gebrauchsanweisung benötigt, wem “ToDos” helfen, findet in diesem Buch sicher genügend konkrete Handlungsvorschläge für den Alltag. Der Autor geht allerdings von einem Idealbild aus, denn er lässt Regeln vermissen für den Umgang mit Regelbrechern, mit Besserwissern, Aufschneidern, ungehobelten Burschen. Sie sind glücklicherweise die Minderheit in der Freimaurerei, können aber eine ganze Gruppe bis ins Mark treffen. Für das Unterlaufen einer Streitkultur haben der Autor und so manche Loge keine Antworten und lassen den Ungezogenen leichtes Spiel. Hier wäre ich auf Regeln gespannt, da ist der Knigge im Original besser aufgestellt. Oder Schopenhauer.

Ich komme auf meine Frage vom Anfang zurück: “Muss das sein?” – Muss wohl, jedenfalls kann es nicht schaden. Interessant ist das Buch sicher auch für Außenstehende, denn es erlaubt einen sehr praktischen Ausflug in die Gedanken- und Alltagswelt der Freimaurer, eine Idealwelt, die allerdings oft genug in den Logen auch tatsächlich so oder zumindest so ähnlich stattfindet. Das sind die Sternstunden, die begeisterte Freimaurer mit leuchtenden Augen hinterlassen. Das Buch zeigt aber auch, und das ernüchternd, was eigentlich mit der “Arbeit” der Freimaurer gemeint ist. Das Erleben der Rituale ist schön, die guten Vorsätze aus den Zusammenkünften beflügeln und motivieren. Aber womit es vor der Tür des Tempels losgehen muss, von den Mühen des Verstehens seiner Mitmenschen im Alltag, den guten Taten, dem vorbildlichen Verhalten, von dieser ungemein anstrengenden Arbeit berichtet dieses Buch, das im Übrigen mit viel Herzblut und Liebe zur Maurerei geschrieben wurde.

“Vom Betragen, Knigge für Freimaurer. Ein ganz persönlicher Ratgeber von Sylvio J. Godon”. Salier-Verlag, 88 Seiten, DIN A 6, Hardcover mit Kapitälchenband, ISBN 978-3-943539-90-5, 12 €

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Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, "Wege nach Lyonesse"

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €

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