Die drei Kerzen

Foto: gudrun / Adobe Stock

Die nachfolgende Zeichnung, gespickt mit Dutzenden von Zitaten aus der Weltliteratur, wurde zum Johannisfest einer Berliner Loge gehalten und beschreibt augenzwinkernd Aspekte der freimaurerischen "Tempelarbeit".

Von Br. A.S.K., Berlin

Es ergab sich einst, dass fünf Ritualbeamte sich zu einer Arbeit im Tempel trafen. Sie hatten schon alles nett und nach Gesetz eingerichtet und breiteten den Teppich aus. Nun begab sich der Meister zu dem Ersten Schaffner um die Kerze der Weisheit anzuzünden. Kaum hatte der Meister das Licht der Weisheit entflammt, da meldeten sich die Geister der Kerze.

„Na, das war schon wirklich an der Zeit, uns aus dieser Dunkelheit zu befreien. Warum lassen die uns immer so lange warten?“, sprach die erste Stimme. „Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten ‚Harren und Hoffen!‘“, gab ihr jemand mit müder Stimme zu Antwort. Und eine andere Stimme entgegnete versöhnend: „Darin aber liegt die höchste Weisheit (…) bekümmert euch nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern dass ihr viel liebet, so wird euch die Liebe geben, was euch kein Wissen je geben kann!“

„Wie wahr, wie wahr”, sprach jemand mild: „Das Unglück derer, die nichts begreifen, ist, dass sie sich selbst für klug halten, sodass sie wahre Weisheit sicher nicht begreifen.“ „Traurig, aber so ist das wohl“, stimmte auch ein anderer Geist zu. „Doch bedenkt: ‚Das Volk liebt den Mann, der die Gerechtigkeit bringt, dem Weisen schenkt es eher Ehrfurcht als Liebe‘.‘“ „So war das wohl schon immer“, fügte jemand bestätigend hinzu: „Der Menge gefallen heißt den Weisen missfallen.“ „Ich bin mir jedenfalls bewusst, dass ich keine Weisheit besitze, weder groß noch klein“, sagte daraufhin einer, den alle anderen für besonders weise hielten. „Na und: ‚Ein Dummkopf, der arbeitet, ist besser als ein Weiser, der schläft‘“, erwiderte jemand bauernschlau. „Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen“, stellte ein weiterer Geist fest. „Und wer ein Ding zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen“, fügte scherzhaft jemand hinzu. „Ja … Der Kluge lernt nach dem ersten Fehler, der Dumme nach dem x-ten Fehler, der Weise lernt nie aus‘“, warf fast traurig der Bauernschlaue ein. Und fast für sich seufzte jemand aus dem Hintergrund: „Was nützt mir meine Weisheit, wenn die Dummheit regiert.“ Die Art wie er es sagte lies keinen Zweifel daran, dass der Unbekannte wusste, wovon er sprach.

Indes entzündete der Erste Aufseher die Kerze der Stärke an seinem Tisch, und auch diese begann mit vielerlei Stimmen zu sprechen. „Die Stärke ist die Grundlage aller Tugend“, sagte jemand mit einem deutlichen französischen Akzent. Ja, aber erst „Anstrengungen machen gesund und stark“, erwiderte von sich überzeugt eine andere unerbittlich klingende Stimme. Doch bedenkt: „Das Weiche besiegt das Harte, das Schwache triumphiert über das Starke“,
entgegnete fast vorsichtig eine weitere und sehr milde Stimme. „Der Kern des Problems, vor dem wir (…) stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben?“, fügte nachdenklich eine vierte Stimme hinzu. Stimmt. „Der Starke ist am mächtigsten allein“, bestätigte eine weitere Stimme, die dabei fast traurig erklang. „Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen“, erwiderte jemand, der offensichtlich ein Poet gewesen sein muss. „Papperlapapp. ‚Die Natur passt sich ebenso gut unserer Schwäche wie unserer Stärke an‘“, entgegnete herausfordernd ein weiterer Geist. Und ein anderer erwiderte dem „Poeten“ philosophisch: „Die Stärke der Gefühle kommt nicht so sehr vom Verdienst des Gegenstandes, der sie erregt, als von der Größe der Seele, die sie empfindet.“ „Für die Moral ist es sehr gefährlich, der Stärkere zu sein“, ermahnte eine weitere Stimme. „Wie wollen wir denn nun sein: stark, schön und erfolgreich – oder edel, hilfreich und gut?“, meldete sich provokant eine junge Stimme.

Während sie noch sprach, entzündete der Zweite Aufseher die Kerze der Schönheit an seinem Tisch, doch ihre Geister blieben still. Sie wussten wie zerbrechlich und vergänglich ihr Wesen war. Im Unterschied zu den Geistern der Weisheit und der Stärke mussten sie zeit ihres Lebens auch niemals etwas beweisen, erdenken oder gar erschaffen. Es genügte ihnen immer einfach zu sein, was sie waren: schön. Etwas von sich Preis zu geben durch bloßes Gerede, hätte nur von dem Glanz ihres Daseins abgelenkt und damit unweigerlich ihre Schönheit geschmälert. Außerdem wussten sie genau: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Im Auge wohl gemerkt, nicht im Ohr. Und sie konnten sich noch viel zu gut daran erinnern, wie einst ein Jüngling zu einer holden Magd sagte: „Deine Schönheit ist nichts wert, ohne meiner Liebe.“

Die fünf Beamten hatten nichts davon mitbekommen. Obwohl eine feierliche Stille in dem kleinen Tempel herrschte, drang keine der Stimmen bis in ihr Ohr hinein. Die beiden Aufseher und der Meister begaben sich also völlig ungerührt zu den drei Säulen im Westen, Süden und Osten, um dort ihre Kerzen aufzustellen. Der Meister hatte einen schweren Tage hinter sich gebracht und die Ausführung seines Amtes begann ihn langsam zu ermüden. Tief in seinem Inneren fragte er sich ob es wirklich weise war sich damals wählen zu lassen. Doch er stellt seine Kerze auf und sprach: „Weisheit leite unseren Bau!“

Auch der Erste Aufseher schwächelte ein wenig. Bereits seit Wochen leistete er Überstunden und nahm die Arbeit dennoch mit nach Hause. Selbst sein Arzt riet ihm, ein wenig Auszeit zu nehmen, um seine Kräfte zu sammeln, doch daran war im Augenblick nicht zu denken. Nach einer kurzen Pause stellte auch er seine Kerze auf und sprach: „Stärke führe ihn aus!“

Der Zweite Aufseher war jung und kräftig, selbstverständlich von gutem Rufe und leider noch buchstäblich frei. Schon viel zu lange, wie er empfand. Ausgerechnet heute, auf dem Weg zur Loge, war ihm ein wunderschönes Mädchen begegnet. Ihre Blicke trafen sich und sie lächelte ihn sogar verlegen an. Och, wie gerne hätte er sie angesprochen, doch er war spät dran und musste pünktlich im Tempel erscheinen. Er fragte sich gerade, ob er sie jemals wiedersehen würde, als ihm die verwunderten Blicke des Meisters und des ersten Aufsehers begegneten. Schnell stellt er seine Kerze auf und sprach überzeugt: „Schönheit ziere ihn!“

Mit diesen Worten begaben sich nun die Hammerführenden an ihre Plätze zurück, und sobald der Meister wieder hinter dem Meistertisch stand, schlug er mit dem Hammer einmal auf. Der Zweite und dann der Erste Aufseher wiederholten den Schlag. „In Ordnung, meine Brüder“, rief der Meister auf und alle versammelten Brüder verjagten die vielen kleinen Stimmen, die in ihrem Inneren voneinander unbemerkt auf sie einredeten und traten wie einer in das Zeichen. Ob Wichtiges oder Nichtiges da besprochen wurde, spielte keine Rolle mehr. Die Loge war gedeckt, die profane Welt ausgesperrt und das altbekannte Ritual nahm seinen Lauf ohne irgendwelche Überraschungen in Sicht. Das einzig Unbekannte, wovon sie sich aber auch nichts Neues versprachen, würde wohl die Zeichnung des Bruder Redners sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Heimat, die ich meine

Foto: candy1812/ Adobe Stock

In einer Zeichnung anlässlich der Einführung des neuen Distriktmeisters in Baden-Württemberg beim Johannisfest der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe beschäftigt sich Wolfhart Thiel mit der Frage nach dem Begriff "Heimat".

Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle. Das muss nicht der Ort sein , an dem ich geboren bin, und ist schon gar nicht der Ort, wo ich polizeilich gemeldet bin. Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war Heimat ein nüchternes Wort, welches im juristischen und geographischen Sinne gebraucht wurde.

Gegen Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts erfährt der Heimatbegriff eine Bedeutungswandlung. Die fortschreitende Technisierung und Industrialisierung hatten die Lebensräume der Menschen so verändert, dass sie sich entfremdet fühlten. In dieser Zeit, der Epoche der Romantik (1795 bis 1848), entsteht die ganz eigene Gattung “Heimatdichtung”. Keine rein deutsche Erscheinung; auch die Werke z.B. von Sir Walter Scott mit seinen romantisch verklärten Ritterhelden entstanden in dieser Zeit. Gleichzeitig wurden im Übrigen auch die bayerischen Trachten als angebliches Symbol althergebrachter Heimatverbundenheit erfunden. Heimat entwickelt sich zum Gegenentwurf zu einer Realität, in der die Menschen sich zunehmend nicht mehr zurechtfinden.

Der Begriff erfuhr jene romantische und emotionale Verklärung, die wir ihm heute noch zukommen lassen: “Heimat” stand nun für Ideen von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Le-bensart. Dies führte nach den Irrwegen der nationalsozialistischen Blut und Boden-Ideologie letztlich bis hin zu den sog. Heimatfilmen der 50er Jahre, den Heimatromanen und dem noch heute bei Sky angebotenen Heimatkanal. Der Heimatfilm bot dem Zuschauer in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine heile Welt nach den Schrecken des grausamen Krieges. Heute drückt er eine Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit in einer unverständlich gewordenen und als bedrohlich empfundenen Welt.

Der Begriff „Heimat“ lässt stets eine Verlusterfahrung oder zumindest eine Verlustbefürchtung mitschwingen. Politisch wird Heimat erst, wenn sie als bedroht gedacht oder empfunden wird. Insofern ist möglicherweise das heutige Verständnis von Heimat eine Antwort auf die Verunsicherung durch die Globalisierung.

Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.

Martin Walser

Ist der Begriff „Heimat“ also nur etwas für die Ewiggestrigen? Heimat als eine besondere Art der Vogelstraußpolitik?

Kurt Tucholsky betrachtete Heimat als positiven Wert, den sich besonders die nichtnationalistischen Kräfte zu eigen machen sollten, um der Deutschtümelei, der politischen Reaktion und jenen, die den Heimatbegriff gänzlich ablehnten, entgegentreten zu können: „Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist.“

Ähnlich übrigens auch in Brechts Kinderhymne: „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir es.”

Der Begriff „Heimat“ ist also nicht zwangsläufig mit nationalistischem und politisch rechts gerichtetem Denken zu verbinden. Der Bruder – wenn auch einer damals nicht als regulär aner-kannten Loge – Kurt Tucholsky, ein sicherlich eher politisch links orientierter Denker, kann ihm also durchaus Positives abgewinnen.

Psychologisch ist Heimat heute ein subjektives Empfinden, unabhängig von politisch-juristischen Definitionen. Sie besteht aus individuellen Einstellungen zu Ort, Gesellschaft und persönlicher Entwicklung des Einzelnen. Die Gefühle des Dazugehörens und der Vertrautheit spielen eine wesentliche Rolle. Der Verlust oder die Angst davor wird nicht nur als Heimweh, sondern auch als persönliche Bedrohung empfunden.

Bei genauer Betrachtung beschreibt das Wort „Heimat“ eher einen Gemütszustand. Die Idylle, die das Wort beschreiben sollte, war jedoch schon zum Zeitpunkt ihrer Beschreibung unwiderruflich verloren. Genau genommen hatte es sie eigentlich auch nie gegeben. Die von der Romantik beschriebene und verklärte Heimatidylle hat es – wenn überhaupt – nur für eine Minderheit der Bevölkerung gegeben.

Nur am Rande: Wir sprechen hier nicht über ein typisch deutsches Problem. Viele auch jüngere Engländer träumen von der Zeit des victorianischen Empires. Trumps „Make America Gre-at Again“ (faktisch besser: Make China great again!) ist letztlich auch der Wunsch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren, die es so nie gegeben hat. Wir kritisieren diese Politik Trumps, beklagen aber gleichzeitig bei uns den Verlust eines Heimatgefühls!

Heimat soll Ausdruck einer “Idee von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Lebensart” sein. Verblüffenderweise ist der Begriff aber auch – möglicherweise missbräuchlich – “Chiffre für Ausgrenzung” und “Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien”.

Der alte Heimatbegriff funktionierte im Wesentlichen, indem man in der eigenen Bevölkerung Minderheiten definierte und ausgrenzte: „Wir“ und das steht gleichbedeutend mit Heimat, das sind die nach eigener angemaßter Wahrnehmung Guten. Hinzugezogene, Ausländer, Homosexuelle, Unverheiratete und manche mehr, das sind die Anderen, die eigentlich in dieser Heimat nicht hinzugehören. In dieser krassen Form gibt es die Ausgrenzung heute wohl nicht mehr flächendeckend. Heute sind wir eher bereit zu sehen – oder sollten dies zumindest sein –, dass diese Bevölkerungsgruppen vorhanden sind, d.h. sie sind als real existierende Menschen hier, haben ihre Berechtigung und können nicht durch eine Diskussion über einen solchen ausgrenzenden Heimatbegriff oder eine Leitkultur wegdiskutiert werden.

Art. 3 Abs. 3 GG (Auszug: „Niemand darf wegen … seiner Heimat und Herkunft … benachteiligt oder bevorzugt werden.“) wendet sich gegen die negative Seite des Denkens in Kategorien der „Heimat“. Das Grundgesetz verbietet, Zugezogene aller Art und letztlich alle diejenigen, die anders leben, als „Heimatfremde“ – d.h. als „die Anderen“ im Gegensatz zum „Wir“ – zu diskriminieren. Hierüber sollte es keine Diskussionen geben.

Deswegen braucht es einen neuen, offenen Heimatbegriff. Wie soll der aussehen?

Die geschichtliche Entwicklung zeigt, es kann kein juristisch definierter legislatorisch regelbarer Heimatbegriff sein. Heimat ist nicht da, wo ich polizeilich gemeldet bin.

Heimat darf aber auch keine unbestimmte Pathosformel sein, in die jeder hineinliest, was ihm politisch oder weltanschaulich passt. Heimat darf nicht ausgrenzen, darf kein Kampfbegriff gegen Andersdenkende oder auch nur Anderslebende sein.
Insofern kann es sich nur um einen subjektiven Heimatbegriff handeln. Jeder bestimmt für sich selbst, was seine Heimat ist, ohne den Anspruch zu erheben, dies auf Andere übertragen zu wollen.

Heimat wird zumeist in einem doppelten Sinn verstanden: Der Begriff hat eine geographische Komponente (wir in Baden, Schwaben, Bayern oder sonst wo räumlich umgrenzt) und eine emotionale (Spätzle, Weißwurst, Lederhosen, Currywurst usw.). Wenn ich Heimat als irrealen Sehnsuchtsort, die Angst vor dem vermeintlichen Verlust der Heimat als Symptom für kollektive Entwurzelungsgefühle definiere, drängt sich die Frage auf, ob es hier wirklich um Äußerlichkeiten wie einen geographischen Landschaftsbegriff oder besonderen Ess- bzw. Bekleidungsgewohnheiten handeln kann. Welcher Irrweg das ist, zeigt sich z.B. daran, dass für viele Engländer Deutschsein mit dem übermäßigen Genuss von Sauerkraut gleichgesetzt wird. Bei den gebildeteren Engländern ist es dann häufig Neu-Schwanstein.

Was also kann die Antwort auf kollektive Entwurzelungsgefühle sein? Diese Antwort kann nur im emotionalen Bereich gefunden werden. Auch dort kann sie sich nicht aus lächerlichen Äußerlichkeiten ergeben. Heimat ist nicht dort, wo es Spätzle mit Sauerkraut oder Linsen gibt!

Heimat ist dort, wo ich mich in meinem tiefsten Inneren sicher und vertraut fühle. Karl Jaspers hat es einmal so formuliert: „Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde.“

Vertrauen spielt bei diesem Verständnis von Heimat eine große Rolle. Heimat ist dort, wo ich darauf vertrauen kann, dass man mir nichts Böses will, wo ich nicht auf der Hut sein muss, wo ich also ich selbst sein kann.

Ähnlich, wenn auch noch subjektiver, lässt sich formulieren: Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.

Wo finde ich diese Heimat? Sie kann in der Familie sein, im Gespräch mit dem vertrauten Freund. Sie kann bei einem religiösen Menschen auch im Glauben liegen. Heimat so verstanden ist kein statischer Begriff. Der Mensch kann Heimat verlieren, aber auch neue Heimat gewinnen. Es muss auch nicht zwangsläufig nur eine Heimat sein. Heimat gibt es für viele Menschen auch im Plural .

Heimat so verstanden kann und soll uns idealerweise die Freimaurerei, aber jedenfalls unsere eigene Loge sein. Die Loge, der Umgang mit den Brüdern, das gemeinsam erlebte Ritual, das soll (sollte?) uns eine Heimat sein.

Bemerkung am Ende: Für diesen Heimatbegriff brauche ich kein eigenes Ministerium und auch kein Kreuz an der Wand jedes öffentlichen Gebäudes.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Freimaurerei und das Konzept Lebenskunst

Male hand building staircase made of wooden pegs with a ladybug on it representing a way to success.

Menschen sind auf der Suche nach der Lebenskunst. Hans-Hermann Höhmann beschreibt in seinem Vortrag, warum Freimaurerei Menschen dieser Lebenskunst ein Stück näher bringen kann.

1 Lebenskunst ist im Gespräch. Knapp eine Million Suchergebnisse verzeichnete die Suchmaschine Google in der letzten Woche; Dutzende von Büchern wurden publiziert, als Ratgeber für ein gutes Leben schlechthin oder mit speziellen Lebenskunstempfehlungen für Alter, Krankheit, Beziehungsprobleme, Sexualität und geschäftlichen Erfolg. Es werden Kurse angeboten, die Lebenskunst mit Wellness zusammenbringen, mit Meditation, mit der breiten Skala modisch gewordener asiatischen Praktiken wie Zen, Tai-tschi und Qi Gong. Es wurden gar Institute gegründet, wie das Institut für Lebenskunst und Tantra in Berlin oder das Institut für Lebens- und Kochkunst in Leipzig und Frankfurt. Sogar die sonst eher unmodisch und streng präsentierende Evangelische Kirche empfahl unlängst auf der EKD-Homepage neue Bücher über den Dichter Paul Gerhard unter der Überschrift „Lebenskunst in Liedern“.

Ernster zu nehmen ist, dass ein so renommierter Verlag wie Suhrkamp eigens eine „Bibliothek der Lebenskunst“ eingerichtet hat, in der mittlerweile über 20 einschlägige Publikationen erschienen sind, darunter Bücher des deutschen „Lebenskunstpapstes“ Wilhelm Schmid, der seinerseits kräftig zur Popularisierung des Lebenskunstdiskurses und seiner philosophischen Fundierung beigetragen hat, zuletzt mit dem zur Lektüre sehr zu empfehlenden Band „Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird.“

Was ist Lebenskunst? Warum ist Lebenskunst heutzutage so aktuell? Und schließlich: Was hat Lebenskunst in Geschichte und Gegenwart mit Freimaurerei zu tun?

2 Lebenskunst gilt der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbstbestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung. Lebenskunst hat somit zwei Bestandteile: ein Leben, das erfüllt ist, und eine Lebensführung, die der Mensch selbst bestimmen kann.

Lebenskunst – oder präziser: das „Problem Lebenskunst“ – entspringt zwei unterschiedlichen, doch miteinander verbundenen Grundbedingungen menschlicher Existenz:

Da ist auf der einen Seite die grundlegende Ich-Funktion der Lebensfreude, der Selbstentfaltung, der schöpferischen Aggression im Sinne eines kreativen Herangehens an die den Menschen umgebenden sozialen und materiellen Bedingungen:
Kurz: Da ist Leben, das leben will.

Und da ist auf der anderen Seite der Umstand, dass dieses Sich-Ausleben des menschlichen Ichs nicht unbegrenzt möglich ist: Es scheitert bereits an der unerbittlichen Kürze unseres Lebens, es scheitert an materiellen und physischen Grenzen; es scheitert an sozialen Schranken, denn in einer Gesellschaft der Vielen ist der einzelne nun einmal grundsätzlich in seiner Ich-Projektion, im Ausleben seiner Triebe, im Verfolgen seiner persönlichen Ziele beschränkt.

Der Mensch muss aus dieser Situation folglich das Beste machen. Es gilt das: „Carpe diem“, das „Nutze den Tag“ der alten Philosophen. Es kommt darauf an, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was der römische Philosoph Seneca folgendermaßen beschrieben hat: „Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben; der ganze übrige Teil ist nicht leben, ist bloße Zeit.“

Also müssen wir lernen, aus Zeit Leben zu machen!

Lebenskunst ist vor allem dann erforderlich, wenn alte Ordnungen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Daseinsbedingungen neu und unsicher sind und wenn die Autonomie des Individuums zunimmt.

Drei große Perioden des Lebenskunstdiskurses in der abendländischen Geschichte erfordern besondere Aufmerksamkeit: 

  • Der Beginn des abendländischen Denkens, als – erst in Athen und dann in Rom – Phi-losophie und Lebenskunst weithin zusammen fielen. Die klassischen Autoren der Le-benskunst jener Zeit von den Kynikern bis zu den Epikuräern, von Seneca bis Marc Aurel und Plutarch begegnen uns bis heute in vielen Anthologien und Aphorismen-Sammlungen.
  • Die frühe Neuzeit, das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, gekennzeichnet in vie-lerlei Hinsicht wie die Jetzt-Zeit durch Krise, Umbruch und Aufbruch – und nicht zu-fällig auch durch die Entstehung der Freimaurerei. Viele Autoren dieser Epoche von Montaigne bis Knigge, von Goethe bis Schopenhauer prägen mit ihren Sentenzen zur Lebenskunst bis heute das Nachdenken über Mensch, Moral und Gesellschaft.
  • Schließlich die Gegenwart, die Moderne heute, oder die „andere“ Moderne, wie Wilhelm Schmid sie nennt.

Drei Charakterzüge der Gegenwart, die alle auf große Verunsicherungen hinweisen, möchte ich hervorheben:

  • So bedeutet Moderne heute Veränderungen von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogener, unverbindlicher und flüchtiger werdenden „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross). Wenn alles möglich ist und alles erlaubt, fällt Orientierung schwer.
  • So bedeutet Moderne heute Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), die sich auf unterhaltsame Events und wechselnde Oberflächenreize orientiert. „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman schon vor Jahren eines seiner Bücher genannt. Wenn alles amüsant sein soll, kommt sinnvolles Leben kaum zu stande.
  • Vor allem aber bedeutet Moderne heute eine tiefgehende Umstrukturierung und Neuformierung der Realgesellschaft, geprägt durch die Wandlungen in der Altersstruktur der Gesellschaft, die drohende Desintegration der Generationen, das veränderte Verhältnis der Geschlechter zueinander, das Flüchtlings-, Migrations- und Integrationsproblem, die Umwälzungen in der Arbeitswelt – neuerdings insbesondere durch die ebenso unaufhaltsame wie in ihren Auswirkungen unübersichtliche Digitalisierung, schließlich die veränderten Formen der sozialen Einbindung und Vernetzung der Menschen, im Sinne einer geringeren Bereitschaft zu dauerhafter Bindung an die hergebrachten bürgergesellschaftlichen Gruppierungen (Robert Putnam).

Auch diese Strukturelemente der Gegenwart haben große Bedeutung für das „Problem Lebenskunst“.

Worum geht es einer Lebenskunst, die angesichts all dieser Veränderungen und Verunsicherungen nicht oberflächlich, sondern reflektiert und vernünftig sein will?

Wie schon hervorgehoben, gilt Lebenskunst der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbst bestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung.
Doch Definitionen bleiben leer, wenn sie nicht gefüllt werden mit Überlegungen, was das nun heißen soll, sinnvoll und selbst bestimmt zu leben.

3 Ich möchte – Wolfgang Kersting folgend – für ein solches Leben vier Prinzipien benennen, über die sich im Kontext Lebenskunst ein gründliches Nachdenken lohnt:

  • das Prinzip von Maß und Mitte,
  • das Prinzip der Balance,
  • das Prinzip der Kommunikation, sowie
  • das Prinzip der Einübung und Habitualisierung.
Erstens: Das Prinzip von Maß und Mitte:

Wie immer wir im Leben fühlen, wahrnehmen oder handeln: ein entweder – oder extremer Positionen ist individuell und sozial unbekömmlich. „Daher kommt es immer auf das richtige Maß an. Zumeist tun wir des Guten zuwenig; zuweilen tun wir aber auch des Guten zuviel. Das Gute, Richtige, Vortreffliche liegt in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Diese Mitte ist freilich schwer zu treffen; das Leben gleicht einer Zielscheibe, bis zum Rand gefüllt mit Möglichkeiten, das Ziel zu verfehlen“ (Wolfgang Kersting). Der Lebenskünstler tritt somit gleichsam als „Lebens-Kunstschütze“ in Erscheinung.

Zweitens: Das Prinzip der Balance:

Das Prinzip der Balance beschreibt ein Organisationsprinzip, das sich auf das Ganze des Lebens und seine wesentlichen Elemente erstreckt. Immer gilt es, vier Großbereiche des menschlichen Interesses auszugleichen und in Balance zu halten.

Da ist zuerst unser Gesundheitsinteresse. Es ist grundlegend, denn wenn unsere Gesundheit schwindet, wenn wir gar krank werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche betroffen. Gesundheit ist sicherlich nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles andere nichts.

Der zweite Interessenbereich umfasst unsere materiellen Interessen, unsere Interessen am Konsum und am Besitz äußerer Dinge. Materielle Lebensgrundlagen sind erforderlich, doch die Jagd nach Besitz kann – wie Karl Marx gesagt hat – die Rolle von „Moses und den Propheten“ einnehmen.

Der dritte Interessenbereich ist der Bereich unserer sozialen Interessen. Wir erstreben nicht nur körperliches Wohlbefinden, wünschen uns nicht nur Besitz und eine sowohl lohnende als auch befriedigende Beschäftigung, wir haben auch soziale Bedürfnisse, wir wollen geliebt und anerkannt werden, wir wollen Gemeinsamkeit mit anderen erleben, wir be­nötigen die anderen, um uns in ihnen zu erkennen, um aus ihrer Wertschätzung Selbstwertgefühl zu gewinnen. Die anderen sind der Spiegel, der uns sichtbar macht, ohne den wir auch für uns selbst unsichtbar bleiben.

Und dann ist da noch das Sinnbedürfnis. Menschen wollen Sinn, manche sind gar süchtig nach Sinn. Sie können von den Warum- und Wozu-Fragen nicht lassen. Sie wollen den Vorhang der Erscheinungen durchstoßen und suchen nach einer tieferen Wirklichkeit, suchen nach metaphysischer Geborgenheit, die über den Tod hinaus dauert.

Lebenskunst bedeutet nun, zwischen den vier genannten Lebensbereichen eine Balance herzustellen, keine Hierarchie, sondern eine gleichsam dynamische Ausgewogenheit!

  • Gesundheit ja – aber keine ständige Sorge um sie, und kein „zum Hypochonder werden“;
  • Besitz ja – aber keine Gier, keine Jagd nach Konsum, und keine Abhängigkeit davon;
  • Menschliche Beziehungen ja – aber keine Dominanz über andere und keine symbiotische Verschmelzung mit ihnen;
  • Orientierung auf Sinn ja – aber kein permanentes Grübeln, das Lebensfreude und Lebensaktivität beeinträchtigt.
Drittens: Das Prinzip der Kommunikation

Lebenskunst bedeutet und erfordert zugleich Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:.

  • Stile des Umgangs mit sich selbst: Selbstrespekt und Selbstfreundschaft, verbunden mit Selbsterkenntnis und Selbstkritik,
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen: Mitmenschlichkeit, tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt: Verantwortung übernehmen für Gesell-schaft und Umwelt,
  • Stile des Umgangs mit Transzendenz, was bedeutet im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.
Viertens schließlich: Das Prinzip der Einübung und Habitualisierung

Konzepte und Ratgeber der Lebenskunst, Philosophien der Lebenskunst gar führen nur dann zu einer Praxis des gelingenden, erfüllten Lebens, wenn sie eingeübt, wenn sie habitualisiert werden, wenn Lebenskunst nicht Rhetorik bleibt, wenn sie den Alltag bestimmt.

Das ist gewiss schwierig, denn die Menschen bringen ihr So-Sein mit, ihren eingeschliffenen Habitus, dessen Übereinstimmung mit dem Habitus der Lebenskunst, d.h. einem Habitus, der Lebenskunst möglich macht, rein zufällig wäre.

Folglich ist Einübung erforderlich, Lebenskunst muss verlässlich werden, sie darf nicht bei jedem Hindernis flüchtig sein.

4 Was hat mit alledem nun die Freimaurerei zu tun? Fünf Thesen sollen am Beginn meiner abschließenden Betrachtung hierzu stehen:

  1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung von Lebenskunst verbunden. In diesem Sinne war und ist Freimaurerei eine Königliche Kunst und aufgrund dieser Tradition arbeiten die Freimaurer auch in der Gegenwart an der Umsetzung von Lebenskunst in die Praxis des menschlichen Lebens.
  2. Freimaurer gehen davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich auch die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung.
  3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die kleine, überschaubare Gruppe das leistungsfähigste Medium der Einübung von Lebenskunst ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer.
  4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Lebenskunst vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge.
  1. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Praktizierung von Lebenskunst immer wieder scheitern können und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Die Grundlagen des Lebenskunstkonzepts in der Freimaurerei dienen können sind alt. Sie entstammen dem späten 17. und dem 18. Jhdt., der Aufklärungszeit, in die ja auch die Entstehung der Freimaurerei fällt, und sie haben sich im 19. Jahrhundert, der klassischen Zeit des kulturorientierten Bürgertums, voll entfaltet.

Eine besondere Rolle dabei spielen die drei Prinzipien Weisheit, Stärke und Schönheit, die ja auch der Titel meines Vortrags nennt.

Weisheit, Stärke und Schönheit sind für den Freimaurerbund, für die Brüder und für die Schwestern als Gestaltungsprinzipien unverzichtbar, doch Weisheit, Stärke und Schönheit fallen uns nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Demut, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.

Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.

Altmeister Goethe brauchte ein paar Verse mehr, wenn er seinen Helden im „Faust“ reflektieren lässt: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte steh’n: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat Und schreibe nun getrost: Im Anfang war die Tat.“

Sinn ist gut, aber er läuft ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke.

Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinische Dimension, von der Schönheit der Symbole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüber reicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst” erst vollendet.

Weisheit, Stärke und Schönheit – über alle drei muss immer wieder nachgedacht werden, zumal ja die Freimaurerei mit ihren drei Prinzipien durchaus ihre Probleme hat und die Praxis der Brüder und Logen stets darauf ausgerichtet werden muss, Weisheit vor Worthülsen und Plattitüden zu bewahren, Stärke nicht in Kraftmeierei und verbale Kraftakte ausarten zu lassen und Schönheit vor Hässlichkeit im Umgang miteinander zu bewahren.

5 Wenn wir nach Quellen fragen, so lassen die historischen Texte, die Rituale und nicht zu letzt auch die Freimaurer-Lieder den Bezug zur Lebenskunst klar erkennen.

Ein paar Beispiele dazu:

Schon die erste Programmurkunde der modernen Freimaurerei in England, die „Alten Pflichten“ von 1723, verbinden auf eindrucksvolle Weise die Proklamierung von Werten einer gleichsam höchsten Wertebene, wie die Verpflichtung des Maurers auf die Befolgung des Sittengesetzes, mit dem Einfordern wichtiger Alltagstugenden, die im Umgang des Freimaurers mit seinen Brüdern und Mitmenschen zu befolgen sind. So heißt es klar und deutlich: „Alle Maurer sollen an den Arbeitstagen rechtschaffen arbeiten, damit sie an den Feiertagen in Ehren leben können“. Oder (für die Zeit nach Schließung der Loge): „Ihr könnt noch in harmloser Fröhlichkeit zusammenbleiben, einander bewirten, wie es eure Verhältnisse euch gestatten, sollt dabei aber jedes Übermaß vermeiden. Ihr sollt keinen Bruder dazu verleiten, mehr zu essen oder zu trinken, als er verträgt, ihn auch nicht daran hindern, zu gehen, wenn Verpflichtungen ihn rufen.“

„Über den Umgang mit Menschen“ hat dann auch der Freimaurer Adolph Freiherr Knigge eines der schönsten und bis heute anregendsten, wenn auch leider oft trivial missverstandenen Bücher zur Lebenskunst einer Alltagsethik genannt.

Das Ritual greift diese Einstellungen auf. Ich zitiere aus dem Ritual der Großloge der Ancients von ca. 1750, das folgendes Zwiegespräch zwischen dem Meister vom Stuhl und dem 2. Aufseher enthält:

Meister vom Stuhl: Und was geschah nach der Aufnahme mit euch?

Zweiter Aufseher: Ich wurde zur Rechten des Meisters gesetzt, und er zeigte mir die Werkzeuge des Lehrlings.

Meister vom Stuhl: Welche sind diese?

Zweiter Aufseher: Das Winkelmaß, um meine Arbeit rechtwinklig zumachen; der Zollstock, um sie einzuteilen, und der Spitzhammer, um alles Überflüssige abzuhauen, um das Winkelmaß gehörig gebrauchen zu können.

Vielleicht erinnert dies an das, was ich zum Prinzip des „Maßes und der Mitte“ gesagt habe. Im Grunde genommen sind alle wesentlichen freimaurerischen Symbole nichts anderes als Symbole der Lebenskunst. Ihr Erleben im Ritual und ihre Reflexion sind es, was die Freimaurerei zur Schule der Lebenskunst werden lässt.

Im Grunde sind alle freimaurerischen Symbole Sinnzeichen der Lebenskunst: der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Zollstock als Anmahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Auf gleiche Weise verdeutlichen die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem Leben umzugehen. Nicht in dem Sinne, dass irgendeiner von uns Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Wei­terentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“.

Auch die Texte der Lieder, die die Freimaurer schon im 18. Jahrhundert sangen, verweisen auf die enge Beziehung zur Lebenskunst.

Ich zitiere zwei Beispiele aus einem Liederbuch der Zeit um 1780.

Lebensregeln

Was alte Weise uns gelehrt,
Das lehrt der Maurer auch:
Er kennt der Dinge wahren Werth,
Und nützlichsten Gebrauch.

Er meidet Geitz und Ueberfluss,
Nicht Triebe der Natur;
Und folgt im würdigen Genuss
Dem klugen Epikur.

Kein Geiz, kein Überfluss, Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, würdiger Genuss: hier scheinen sie alle auf, die erörterten Prinzipien der Lebenskunst.

Zur Eröffnung der Loge

Hinweg, der Stolze; o sein Flügel
Schmilzt plötzlich wie der Ikarus!
Hinweg, der Eitle; den kein Riegel
Begränzt als nur sein Ueberdruss!
Wer ist’s, den unser Orden liebt?
Der Weisheit, Kunst und Tugend übt.

Kunst meint „Königliche Kunst“, die Weisheit, Stärke und Schönheit vereint und das Konzept der Lebenskunst bestimmt.

Dieser Anregung zur Aneignung von Lebenskunst folgen wir auch heute, wenn wir das schöne alte Frühlingsfest der nordhessischen und südniedersächsischen Logen miteinander feiern. Lange bevor ich Freimaurer wurde, kannte ich dieses Fest und erlebte die heitere Stimmung, mit der meine Eltern daran teilnahmen. Und wenn ich nach vielen Jahren Freimaurerei Bilanz ziehe und mich frage, was ich nicht missen möchte an meiner maurerischen Erfahrung, so ist es nicht zuletzt diese heiter-gesellige Lebenskultur, die von unserem alten Bunde ausgeht.

Continue reading...

Wie viel Politik verträgt die Freimaurerei?

photodune-20782131-diverse-people-hands-together-partnership-xxl

Wir leben in einer Zeit, in der die Zunahme an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Gehässigkeit spürbar ist. In einer Zeit der Überflutung von Informationen, ob wahr oder unwahr. In einer Zeit, wo Staatsmänner sich über den größeren Atomknopf öffentlich austauschen. Zeichen, die nichts Gutes verheißen.

Ein Kommentar von Ralph Meixner

Wofür steht die Freimaurerei im Jahr 1 nach 300 Jahren Freimaurer-Geschichte? Wofür stehe ich persönlich als Freimaurer? So oder ähnlich könnte die persönliche Fragestellung in diesen bewegten Zeiten lauten. “Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus”. Diese Ideale unserer Metaphern allein werden leider nichts verändern, solange keine Interaktion stattfindet.

Mir ist bekannt, dass wir auf unserem Lebensweg viel Disharmonie und vielen Dingen begegnen, die zu erklären wir nicht im Stande sind. Und obwohl wir alle die Freimaurerei zu unserer geistigen Anschauung gewählt haben, können wir nicht automatisch erwarten, dass unser Ziel, das Licht in der Finsternis zu finden, immer gelingen wird. Besser gesagt: wir werden nicht immer die Antworten auf die vielen Fragen unserer Zeit haben.

Schon bei unserer Aufnahme, durchlebten wir in den symbolischen Reisen alle Elemente, die seither auf unseren Geist einwirken sollen. Wir sind als Freimaurer berufen, der Finsternis in uns selbst und der Finsternis der Welt ernst und tapfer die Stirn zu bieten. Je ernster wir diese Aufgabe auffassen, umso größer und schöner werden die Erfolge sein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass große Standhaftigkeit vonnöten ist, um trotz aller Schwierigkeiten und Bitternisse, die uns das Leben beschert, beständig unseren eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können.

Die Aufklärung hat uns die Freiheit gebracht. Sie hat uns aber nicht gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Das müssen wir täglich selbst herausfinden. Freiheit muss immer wieder erworben werden, sie ist nicht selbstverständlich. Es müssen vielmehr Bedingungen geschaffen werden, die Freiheit möglich machen. Das erfordert Engagement und Entschlossenheit, spätestens dann, wenn die Freiheit in Gefahr gerät.

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, eine Zeitenwende: Die gewohnten Strukturen beginnen zu bröckeln und die neuen sind noch nicht wirklich sichtbar. In dieser Zeit des tiefgründigen Wandels stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Freimaurerei leisten kann und welche Bedeutung sie in der Zukunft haben wird, vielleicht sogar die Frage, ob sie überhaupt eine Zukunft hat? Die Zeit des Übergangs ist immer mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Spannung verbunden. Sie beinhaltet aber auch die Chance der Neujustierung und der Rückbesinnung auf das Wesentliche. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie können wir in unserer Logenarbeit den Fragen der Welt begegnen, wo doch Politik und Religion nicht Gegenstand unserer Gespräche sind? Ich bin bei euch, diese Gespräche nicht zu führen, wenn es um Diskussionen einzelner Parteiprogramme geht. Kann Freimaurerei aber unpolitisch sein? Haben wir dann nicht schon aufgehört, in die Gesellschaft mit unseren Werten und Idealen zu wirken? Ich denke, wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wenn wir das nicht tun, verschließen wir die Augen vor den großen Problemen dieser Welt. Und das wiederum widerspricht unserem gewollten Handeln, unseren Idealen.

Wir spüren, dass etwas in der Luft liegt, das noch nicht greifbar ist, oder wie Ernst Bloch es nannte, das “Noch-Nicht-Bewusste” oder das “Noch-Nicht-Gewordene”. Das ist für eine Zeitenwende typisch, in der die alte Gesellschaft vergeht und eine neue heraufkommt, aber noch nicht wirklich da ist. Das Solide, Bekannte, Vertraute ist in Frage gestellt, ein Anderes drängt dagegen an und liegt, wie Bloch es nannte, “in der Zeiten Schoß”.

Unser Deutschland ist ein Land, das einen wahrlich weiten Weg zurückgelegt hat: Vom entfesselten Nationalismus, der Krieg und Verwüstung über Europa brachte, von einer geteilten Nation im Kalten Krieg hin zu einem demokratischen und starkem Land in der Mitte Europas. Unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freiheit mit unseren europäischen Nachbarn bleiben – es darf nie wieder ein Rückweg in den Nationalismus sein!

Wenn wir uns unserer Geschichte unseres Landes erinnern, so bemerken wir in der Gegenwart, das andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen, aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Wege stehen. Dabei sind Mauern zwischen unseren Lebenswelten entstanden: zwischen Stadt und Land, Online und Offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas wahrnimmt. Und ich meine auch die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente der Humanität nicht mehr hindurchdringen.

Hinter diesen Mauern ist tiefes Misstrauen.

Deshalb haben wir Freimaurer die Pflicht, in unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen diesem Misstrauen mit einer ehrlichen Erinnerungskultur zu begegnen. Ein Land, das in seinem Grundgesetz so hohe Güter wie das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit verankert hat, kann Heimat für viele Menschen sein, die aus Elend und Not flüchten müssen.

Argumente statt Empörung brauchen wir, auch gerade bei dem Thema, das unser Land in den letzten zwei Jahren so bewegt hat wir kein anderes: Flucht und Migration. Dieses Thema spaltet unsere Gesellschaft wie kein anderes. Was für die einen kategorischer „humanitärer imperativ“ ist, wird von anderen als angeblicher „Verrat am eigenen Volk“ beschimpft. Menschlichkeit, also das Leid anderer zu sehen und zu erkennen und situationsbedingt Hilfe zu leisten, steht hinter diesem Begriff..

Die Not von Menschen darf uns Freimaurern niemals gleichgültig sein. Wie lautet es in unserem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer, wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“. Dies alleine sollte Auftrag genug für jeden von uns sein.

Und wenn da jemand sagt „ ich fühle mich fremd im eigenen Land“, dann können wir nicht antworten: “Tja, die Zeiten haben sich halt geändert“ und wenn einer sagt: „ Ich verstehe mein Land nicht mehr“, dann gibt es etwas zu tun in unserem Land. Dann ist eine gute Erinnerungskultur gefragt. Denn bei allen Diskussionen, bei allen Unterschieden – eines ist nicht wegzudiskutieren in unserer deutschen Demokratie: das Bekenntnis zu unserer Geschichte, einer Geschichte, die für nachwachsende Generationen zwar nicht persönliche Schuld, aber bleibende Verantwortung bedeutet. Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, all das gehört zu Deutschland.

Wenn dieses bewusste Erinnern gelebt wird, dann werden viele wieder verstehen. Denn verstehen und verstanden werden, das will jeder, und das braucht jeder, um sein Leben selbstbewusst zu führen. Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im schnellen Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden, da es keine verbindlichen Aussagen mehr zu geben scheint. Das wiederum gibt Raum für Ängste. Und Angst ist und war nie ein guter Berater. Deshalb glaube ich, dass Heimat in eine gute Zukunft weist, jedoch nicht in die Vergangenheit. Heimat ist ein Ort, den wir als Gesellschaft gemeinsam schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das „Wir“ Bedeutung bekommt.

Das „Wir“ muss bleiben – und das wird bleiben! Das wird bleiben, weil es nicht die Besserwisser und Meckerer sind, nicht die ewig Empörten und nicht die, die ihre tägliche Wut auf alles und jeden pflegen. Nicht diese Menschen prägen unser Land. Nein, was mich zuversichtlich macht, sind die Menschen, die den humanitären Imperativ leben und dabei anpacken, die sich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land täglich einsetzen, denn die humanistische Idee, ist die des Strebens nach einer menschlichen und menschenwürdigen Welt, die alleine nur der Mensch schaffen kann.

Leider steht der Mensch sich dabei oft selbst im Wege. Deshalb arbeiten wir Freimaurer am rauen Stein, an uns selbst, versuchen zu verstehen und sich der ethischen Verantwortung, die wir als gestaltende Wesen haben, zu vergewissern. Aus dieser Haltung heraus sollten wir handeln und das, was wir tun, voll verantworten. Ohne Rückbindung an Werte wird der Mensch einer Zweckrationalität preisgegeben, die ihn entmenschlicht. Ohne verantwortungsvolles Handeln verkommt Gesinnung zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.

Wir können aus unserer Haltung Impulse geben, können Haltung zeigen. In unseren Logen können wir einen Ort des freien Denkens, der kritischen Auseinandersetzung und eine von Respekt, ehrlichem Interesse und gegenseitigem Verständnis getragene Diskurskultur schaffen.

Die Utopie des Humanismus, ist weder an einem anderen Ort noch in ferner Zukunft zu suchen. Sie ist konkret und real als unsere innere Utopie, denn der Ort und die Zeit der Erfüllung liegen in uns selbst. Die bessere Welt liegt im Potential der Menschlichkeit. Es gibt Menschen, die Tag für Tag in Ehrenämtern Humanität leben und spüren lassen und dadurch das „Wir“ im freimaurerischen Sinne prägen, ob mit oder ohne Freimaurer-Schurz.

Treten wir für unsere Werte ein, handeln und wirken wir, wo auch immer wir für Menschen aktiv sind und sein wollen, um auch ein Teil dieses „Wir“ zu sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

Continue reading...

Freimaurerische Leitkultur?

photodune-1496755-isolated-crayons-with-german-colors-l

Wir brauchen keine deutsche Leitkultur, wie immer ich den Begriff “Deutsch” in diesem Zusammenhang definieren mag. Aus freimaurerischer Sicht ist der Grundrechtskatalog des Grundgesetzes, wenn er denn in gleicher Weise als Anspruch und als Auftrag verstanden wird, eine angemessene und letztlich auch europäische Leitkultur.

Ein Kommentar von Br. Wolfhardt Thiel aus der Loge “Friede und Freiheit”, Karlsruhe

Ausgangspunkt der Überlegungen muss sein: Was ist eine Leitkultur?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière führte in einem Diskussionsbeitrag in Bild am Sonntag am 01.05.2017 aus: „Es gibt so etwas wie eine ‘Leitkultur für Deutschland’. Manche stoßen sich schon an dem Begriff der ‘Leitkultur’. Das hat zu tun mit einer Debatte vor vielen Jahren. Man kann das auch anders formulieren. Zum Beispiel so: Über Sprache, Verfassung und Achtung der Grundrechte hinaus gibt es etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

In Art 1 Satz 2 Bayerisches Integrationsgesetz ist zu lesen: „Es ist Ziel dieses Gesetz, diesen Menschen für die Zeit ihres Aufenthalts Hilfe und Unterstützung anzubieten, um ihnen das Leben in dem ihnen zunächst fremden und unbekannten Land zu erleichtern (Integrationsförderung), sie aber zugleich auf die im Rahmen ihres Gastrechts unabdingbare Achtung der Leitkultur zu verpflichten und dazu eigene Integrationsanstrengungen abzuverlangen (Integrationspflicht).“

Es gibt also so etwas wie eine deutsche Leitkultur? Auf welchen Begriff des Deutschen bezieht sich das? Nationale Leitkultur, auf welche Nation bezieht sich das? Dazu de Mazière: „etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

Allein der Verweis aufs christlich-abendländische Erbe ist zu wenig. Außerdem könnte das auch keine typisch deutsche Leitkultur begründen. Was – außer der Sprache – unterscheidet uns von den Österreichern oder den Wallonen? Was ist überhaupt gemeint, wenn ich als Deutscher von meiner Nation spreche?  – Die politische Rechte behauptet: Die deutsche Nation besteht seit Karl dem Großen. Jedenfalls unsere französischen Nachbarn dürften anderer Meinung sein. – Das heilige römische Reich deutscher Nation? Das würde beispielsweise Österreich, Niederlande und Teile Italiens einschließen. Als Staatenbund war das heilige römische Reich deutscher Nation eher mit EU vergleichbar. Es war kein Bundesstaat und begründete damit auch keine deutsche Nation. – Ein gewisses Nationalgefühl entstand in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, auch wenn es sehr unterschiedliche und wechselnde Bündnisse gab. Es war überdies eher ein Krieg Preußens, als ein Aufstand einer deutschen Nation. Auch hier können wir nicht von einer einheitlichen deutschen Nation sprechen. – 1848 ging es mehr um politische Freiheiten, als um einen einheitlichen Begriff einer deutschen Nation. Man ging auf die Barrikaden vorrangig für die Freiheit im eigenen Territorialstaat wie zum Beispiel Baden und nicht für eine deutsche Nation. – Formale Reichsgründung 1871. Der Reichsgründung voraus ging der Streit um die großdeutsche oder kleindeutsche Lösung. Das gegründete Reich war stark preußisch dominiert und geprägt. Gleichwohl wird man hier erstmals von einem deutschen Staat sprechen können. Das Bayerisches Integrationsgesetz erkennt dieses Problem eines Begriffs der deutschen Nation, ohne es allerdings zu lösen. Überdies hatte gerade Bayern sich stets mehr als eigenen Staat oder eigene Nation denn als Teil einer deutschen Nation begriffen.

Die Präambel des Integrationsgesetzes hebt deshalb das gesamteuropäische Erbe hervor und führt in den Sätzen 11 und 12 aus: „Das lange geschichtliche Ringen unserer Nation und unseres ganzen Kontinents um Einheit, Frieden und Freiheit verpflichtet auf das errungene gesamteuropäische Erbe und das Ziel eines gemeinsamen europäischen Weges. Diese identitätsbildende Prägung unseres Landes (Leitkultur) im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung zu wahren und zu schützen ist Zweck dieses Gesetzes.“

Es gibt also vielleicht eine europäische, aber keine deutsche Leitkultur?

Die 10 Punkte de Mazières für eine Leitkultur enthalten eigentlich nichts, was sich nicht auch auf andere westlich geprägte Nationen und damit jedenfalls auf Kerneuropa übertragen lässt. Insofern handelt es sich nicht wirklich um eine deutsche Leitkultur. Die Aussage „Wir sind nicht Burka“ trägt eigentlich auch nicht zur Klärung bei. Ebenso nicht die Wahlaussage der AfD, „Wir wollen Bikini und nicht Burka“.
Jürgen Habermas hat dem Minister geantwortet: “Eine liberale Auslegung des Grundgesetzes ist mit der Propagierung einer deutschen Leitkultur unvereinbar. Eine liberale Verfassung verlangt nämlich die Differenzierung der im Lande tradierten Mehrheitskultur von einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen und zugemuteten politischen Kultur. Deren Kern ist die Verfassung selbst.”

Es wird immer wieder behauptet, das Grundgesetz könne keine Leitkultur vermitteln. Vorrangig werden folgende Einwände erhoben: 1. Das Grundgesetz ist vom 23. Mai 1949. Es treffe Wertentscheidungen, die nach dem Wortlaut jedenfalls nicht die heutigen seien. Die Wertentscheidungen des Grundgesetzes müssen natürlich im Lichte der jeweiligen Auslegung nicht zuletzt durch dasBundesverfassungsgericht gesehen werden. Das Verständnis der Gleichberechtigung der Geschlechter ist zum Beispiel heute sicherlich ein anderes als 1949. In besonderer Weise wird dies an der neueren Entscheidung zur gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft deutlich. 2. Der kulturelle Gehalt der Verfassung sei begrenzt. Das Grundgesetz regele in weiten Bereichen die Staatsorganisation und das habe mit der Diskussion um eine Leitkultur nichts zu tun. Natürlich reden wir hier nicht über die Vorschriften der Staatsorganisation, sondern es geht um die Grundrechte der Art. 1 bis 17 GG.

Die Grundrechte geben den Bürgern Freiräume – sie sind keine oder jedenfalls nicht in erster Linie begrenzenden Vorschriften. Sie zeigen nur dort Grenzen auf, wo die Rechte anderer unberechtigt eingeengt würden. Unsere Verfassung normiert fundamentale politische Werte der Aufklärung: Menschenwürde, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Diese Werte werden im Grundgesetz zur Grundlage der staatlichen Organisation erklärt. Die Tätigkeiten der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung sollen demokratisch und rechtsstaatlich ausgeübt werden. Der Staat muss die Menschenwürde achten und schützen und darf Grundrechte nicht verletzen. Welche Kleidung die Menschen tragen, welchen Bräuchen sie folgen, was sie als lebenswert ansehen, woran sie sich erinnern, was sie über das Jenseits denken, dies alles zu regeln verbietet die Verfassung gerade dem Staat. Denn die Grundrechte garantieren den Bürgern hierfür die entsprechenden Freiräume. Die Aussage der Verfassung zu den Grundrechten lässt sich vereinfachend zusammenfassen. Die Grundrechte postulieren eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit.

Damit bin ich eigentlich bei der Frage, was hat das denn mit Freimaurerei zu tun?

Eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit! Freimaurerisch gesprochen bin ich damit bei der Brüderlichkeit. Die Grundzüge des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats – so wie ihn unser Grundgesetz definiert – decken sich mit den freimaurerischen Idealen. Das soll nicht heißen, dass wir in einem freimaurerischen Staat leben. Aber die ideellen Parallelen sind auffallend. Die durch die Grundrechte geschaffenen Freiräume machen einen freimaurerischen Lebensstil erst möglich. Umgekehrt: Gäbe es diese Freiräume nicht, müsste der Freimaurer sie fordern.

Für den Freimaurer gilt, diese Freiräume zu nutzen, sie aber auch in aller Entschiedenheit zu verteidigen. Gegenüber denen, die sie beschränken wollen und zugleich auch gegenüber denen, die sie missbrauchen. Hierin sehe ich eine geeignete Leitkultur. Diese Leitkultur eröffnet mir die Möglichkeit der Suche nach Frieden, Gleichheit und Freiheit. Das mag sehr idealistisch sein, aber dass ich das Fantastische denken darf, gehört eben auch zu dieser Leitkultur und zur Freimaurerei.

Eine so verstandene Leitkultur verleiht jedoch nicht nur Rechte, sondern legt auch Pflichten auf. Das Machbare des Denkbaren muss ich auch tun. Gleichzeitig bin ich verpflichtet, diese Freiräume, diesen Lebensstil, diese Leitkultur mit allen mir möglichen Mitteln zu verteidigen.

Freimaurer zu sein bedeutet nicht nur Kontemplation oder Selbstbespiegelung. Es ist zugleich Anspruch und Verpflichtung. Wenn ich den Grundrechtekatalog unseres Grundgesetzes als Ausdruck freimaurerischer Werte definiere, folgt hieraus für den Freimaurer in besonderer Weise die Pflicht, danach zu leben und diese Werte im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verteidigen. Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für anders denkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der sogenannten oder angeblichen “Lügenpresse” gefordert wird – dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Niemand verlangt, dass er sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schwei-gen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst.“

„Seid wachsam auf Euch selbst.“ Das ist die Verpflichtung! Bekämpft den inneren Schweinehund! Steht auf und wehrt Euch!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

Continue reading...

Gedanken zum Thema “Sinnlosigkeit”

photodune-6669729-dust-l

Wir leben in einer nihilistischen Gesellschaft. Diese These lässt sich daran festmachen, dass ethische, moralische Werte bedenkenlos missachtet werden, behauptet der Autor dieses Beitrages.

Von Wolfgang Fritze

Es gehört zur Freiheit und dem Zeitgeist Tabus zu brechen, Menschen zur Unterhaltung der Spaßgesellschaft ihre Würde zu nehmen. Respekt, Achtung und Menschenwürde, ja auch Höflichkeit und Anstand werden als altmodisch, ja konservativ diffamiert und mit Füssen getreten. Egoismus, Selbstsucht mit Rücksichtlosigkeit sind sichtbare Zeichen in Wirtschaft und unserer nihilistischen Gesellschaft.

Der Begriff Nihilismus (lat. nihil „nichts“) bezeichnet allgemein eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung basiert. Er wurde in der abendländischen Geschichte auch polemisch verwendet, so etwa für die Ablehnung von Kirche und Religion.

Die Gesellschaft lebt nicht in Harmonie, sondern ist auf Funktionalität angelegt. Unsere Medien zelebrieren das Unharmonische, Führungskräfte denken überwiegend in  Funktionalität, aber nicht auf Harmonie. Schneller-Höher-Weiter, jedes Mittel scheint recht zu sein, auch die Überschreitung von moralischen Grenzen. Mit der bedenkenlosen Missachtung jeglicher Wertordnung, ist eine gewisse Sinnlosigkeit, eine innere Leere  entstanden, die versucht wird mit immer mehr Karrieredenken, Vergnügen, Konsum und die Gier nach mehr zu füllen. Den Verlockungen und Verführungen erlegen, fühlen sich die Menschen im Netz der Manipulationen wohl, ohne zu erkennen, dass sie ihre Selbstbestimmung verlieren.

Das Kennzeichen dieses nachmodernen Nihilismus ist der „geheimnisleere“ Mensch, „der immer unfähiger wird zu trauern und unfähig darum, sich trösten zu lassen; immer unfähiger sich zu erinnern und darum manipulierbarer ist als je; glücklich am Ende nur im Sinne eines sehnsuchts- und leidfreien Glücks, das heißt aber eines wunschlosen Unglücks“. Dieses wunschlose Unglück drückt den Menschen unserer Tage unter sein eigenes humanes Niveau, wenn das Bedürfnis zu haben die Sehnsucht erstickt, die den Menschen erst zum Menschen macht. Dieser Sehnsucht entspricht bei Meister Eckhart das „Verlangen nach Sein“

Dr. Thomas Polednitschek, Psychologe und Psychotherapeut

Mit der Missachtung jeglicher Wertordnung, Sinnlosigkeit und immer mehr Vergnügen und Konsum, lässt sich aber die Sehnsucht, das „Verlangen nach Sein“, das den Menschen erst zum Menschen macht, nicht unterdrücken. Das dahingleiten im scheinbaren Glück, ist scheinbar selbstbestimmt, aber in Wahrheit nur ein hilfloses herum rudern im belanglosen Vergnügen und kann das Gefühl der inneren Leere nicht füllen. Das Gefühl der Unzufriedenheit, des Unglücklichseins ist jedoch latent immer vorhanden. In uns ist etwas, was die Sinnlosigkeit und die Leere erkennt und sich wehrt, es ist das „Verlangen nach Sein“. Diesem Verlangen können wir nicht entkommen. 

Was ist das „Sein“ nach welchem wir verlangen? Ist alles sinnlos?

Es ist der reine Geist, der unser Universum erschaffen hat und sich in jedem seiner Teile manifestiert. Jetzt wird mancher die Stirn runzeln und zweifeln, aber mit logischem Nachdenken, muss man davon ausgehen, dass dieser reine Geist existiert. Dass sich unser Universum aus einem einzigen Moment entfaltet hat, ist Stand der Kosmologie. Im Weiteren existieren mathematisch nachvollziehbare Zusammenhänge und Abläufe, was eine Ordnung zeigt. Diese Ordnung könnte nicht funktionieren, wenn der Geist sie nicht schaffen würde.

Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg stellte sinngemäß fest: Da eine mathematische Struktur letzten Endes ein geistiger Inhalt ist, könnte man auch mit den Worten von Goethes Faust sagen: „Am Anfang war der Sinn“.

Der Sinn, der Geist, ist in allen Teilen enthalten und steuert alle Teile die miteinander agieren. Betrachten wir unsere Natur. Alles ist in Wechselwirkung, alles folgt einer gewissen Logik, alles ist in sich harmonisch. Das kann nur funktionieren, wenn ein ordnender Geist in allen Teilen vorhanden ist, und so muss dieser Geist auch in jeder Zelle des Menschen vorhanden sein und wirken.

Uns Freimaurern wird gesagt: „Vergessen Sie nicht, dass Ihr Körper Wohnsitz und Werkzeug eines unsterblichen Geistes ist“. Über das Wesen des reinen Geistes lässt sich nichts aussagen und auch nichts über seine Absichten und Ziele, – es ist das Geheimnis. Die monotheistischen Religionen bezeichnen dieses Geheimnis mit Begriffen wie, Gott, Jehova oder Allah; aber mit einer Personalisierung, mit einem „Ich“ ist zwangsläufig die Zuordnung von Eigenschaften verbunden: z. B. liebend, rächend, strafend. Doch in diesen Religionen wird explizit ausgedrückt: Mach Dir kein Bild von Gott. Das bedeutet nicht nur auf bildliche Darstellungen zu verzichten, sondern insbesondere sollen wir uns auch keine Vorstellungen von Gott auch nur ausdenken.

Meister Eckhart sagt dazu:

Es zielt (…) auf die Unaussprechlichkeit Gottes, dass Gott unnennbar ist und über alle Benennungen hinaus in der Lauterkeit seines Grundes, wo Gott keine Benennung noch Aussage zu haben vermag, wo er für alle Kreaturen unaussprechlich und unaussagbar ist. Zum andern will es besagen, dass (auch) die Seele unaussprechbar und ohne (adäquate) Benennung (= wortlos) ist; wo sie sich in ihrem eigenen Grunde erfasst, da ist sie unaussprechlich und unaussagbar und kann dort keine Benennung haben, denn dort ist sie über alle Benennungen und über alle Aussagen (erhaben). Dies ist gemeint, wenn das Wort „Gott“ (Ich) verschwiegen wird, denn sie findet dort weder Benennung noch Aussage. Das dritte (…), dass Gott und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, wodurch er von der Seele getrennt oder irgendetwas anderes wäre, so dass er etwas anderes wäre gegenüber der Seele. Denn wenn er „Gott (Ich) gesagt hätte, so hätte er (eben dadurch) etwas anderes gegenüber der Seele gemeint. Aus diesem Grunde verschweigt man den Namen Gott (Ich), weil er und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, so dass weder etwas noch nichts von Gott ausgesagt werden kann, das Unterschiedenheit oder Andersheit aufweisen könnte.

Zu seinem Unglück sieht der Mensch „Gott“ als außerhalb von sich. Aber wir Menschen sind nicht getrennt von einem höheren Sinn, sondern wir befinden uns im höheren Sinn, der ein namenloses Geheimnis ist. Das ist für Menschen mit seiner eigenen Geisteskraft und eigenem Willen natürlich schwer zu begreifen und zu akzeptieren. Das ist aber so, ob uns das gefällt, oder nicht. Die fatalistische Weltanschauung, dass alles unabänderlich bestimmt ist, bedeutet aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien sinnlos. Denn im Plan des Schöpfergeistes ist der Mensch mit eigenem Geist und Willen ausgestattet, und das muss einen Sinn haben.

Mit seinen Fähigkeiten ist der Mensch Werkzeug und Diener des einen Geistes, – er soll gestalten. Der Mensch ist in der Verantwortung, sich in die höchste Ordnung, in die höchste Harmonie einzufügen, dass er durch Zusammenfügen aller, auch gegensätzlicher Teile einen Sinn und eine Wertbezogenheit erkennen kann. Das ist die (Selbst-) Bestimmung und die Aufgabe des Menschen, der wahre Sinn im Urgrund seines Seins im Leben.

Das Dahingleiten im scheinbaren Glück kann auf Dauer diese Urgewalt des Geistes nicht unterdrücken. Doch die akzeptablen Antworten nach dem Sinn des eigenen Lebens können wir nicht im Außen finden. Richtlinien, gutgemeinte Angebote und gute Ratschläge mögen vielleicht hilfreich sein, aber passen niemals exakt auf unseren unbekannten, im Urgrund befindlichen Sinn. Diese äußeren Impulse müssen wir abwägen, kontrollieren, ob sie mit unserem Inneren kompatibel und sinnvoll sind. Das bedingt ein hohes Maß an Selbstkritik, das Erkennen unserer Gefühle und die Gründe unseres Handelns. Das Integrieren von Widersprüchen, Synthese in unserem Sein zu schaffen (und zu leben), das ist das, was wir Freimaurer unter „Königlicher Kunst“ verstehen. Stück für Stück stärken wir den wahren Kern unserer Existenz und entdecken ganz nebenbei den Sinn unseres Lebens.

Das ist eine lebenslange Aufgabe. Dabei wachsen wir kaum bemerkbar aus unserem Inneren heraus und wir entwickeln ein Selbst-Verständnis. Je näher wir dem Sinn unseres Lebens kommen, werden wir immer selbstbestimmter und lassen uns weniger manipulieren. Wir beginnen alles was uns beeinflusst danach zu sortieren, ob es tatsächlich zu uns gehört oder nicht. So entsteht eine innere Harmonie, wir werden verantwortungsbewusster. Nicht nur uns selbst gegenüber, sondern dieses Selbst-Bewusstsein strahlt auch in unsere Umgebung. Das ist das stille Wirken eines Freimaurers und hat nichts mit Missionierung zu tun, sondern im Vorleben eines Selbst-Bewusstseins. Aus der individuellen Sinngebung entwickelt sich eine kollektive Sinngebung. Indem wir die äußeren Einflüsse sortieren, beeinflussen wir nämlich unsere Umwelt, so tragen wir mit unserer inneren Harmonie zur unserer Harmonisierung der Gesellschaft bei.

Schneller-Höher-Weiter, die Gesellschaft, und jeder von uns ist Teil davon, jagt wie im Wahn nach Glückseligkeit und meint diese im ungehemmten Konsum zu finden. Aber Glückseligkeit wird mit Spaß verwechselt, der immer mehr nach Spaß verlangt. Wir lassen uns nur zu leicht durch Statussymbole täuschen welche uns Werte vorspiegeln. Unmerklich hat uns die Gier erfasst. Diese scheinbare Realität nimmt uns die Urteilsfähigkeit, wir fragen nicht mehr nach Sinn- und Zweckmäßigkeit. Früher oder später, manchmal auch nie, beginnen wir langsam die Sinnlosigkeit unseres Handelns zu spüren und eine Rückbesinnung setzt ein, kurz, wir machen uns auf die Suche nach dem Sinn. Es tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich? Was will ich? Wie handle ich? Wohin gehe ich?

Wir kommen dabei nicht an altmodischen, konservativen Werten vorbei wie Moral, Anstand, Sitte und Tugend, die aber, wie die Geschichte zeigt, immer Stabilität und Sicherheit vermittelt haben. Und das nicht nur dem Einzelnen, sondern einer Gesellschaft insgesamt. Diese alten Werte sind also nicht alt, sondern zeitlos aktuell. Natürlich ist man mit der Zuwendung zu diesen Werten im gesellschaftlichen Wahn eine Minderheit, aber wo können wir am ehesten mentale Stabilität erreichen? – Nur in uns selbst.

Also vordringlich ist nicht die Gesellschaft zu missionieren, sondern wir sind am effektivsten, wenn wir mit uns selbst beginnen. Das ist die „Arbeit am rauhen Stein“. Es ist die Rückkehr zu unserem Selbst, welches von Anfang an in uns verankert ist.

Die Loge bietet dazu ein Forum, wo generationsübergreifend in brüderlicher Form Erfahrungen ausgetauscht werden. Dieses können durchaus gegensätzliche Meinungen und Standpunkte sein, aber es geht nur darum, andere Sichtweisen kennen zu lernen und nicht die eigene Überzeugung durchzusetzen. Diese Gespräche können Hinweise geben, in welcher Richtung wir unseren Sinn zu suchen haben, aber finden können wir die Antworten nur in unserem Inneren.

Dies ist ein Gastbeitrag, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

Continue reading...

Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

Continue reading...