Gedanken zum Thema “Sinnlosigkeit”

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Wir leben in einer nihilistischen Gesellschaft. Diese These lässt sich daran festmachen, dass ethische, moralische Werte bedenkenlos missachtet werden, behauptet der Autor dieses Beitrages.

Von Wolfgang Fritze

Es gehört zur Freiheit und dem Zeitgeist Tabus zu brechen, Menschen zur Unterhaltung der Spaßgesellschaft ihre Würde zu nehmen. Respekt, Achtung und Menschenwürde, ja auch Höflichkeit und Anstand werden als altmodisch, ja konservativ diffamiert und mit Füssen getreten. Egoismus, Selbstsucht mit Rücksichtlosigkeit sind sichtbare Zeichen in Wirtschaft und unserer nihilistischen Gesellschaft.

Der Begriff Nihilismus (lat. nihil „nichts“) bezeichnet allgemein eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung basiert. Er wurde in der abendländischen Geschichte auch polemisch verwendet, so etwa für die Ablehnung von Kirche und Religion.

Die Gesellschaft lebt nicht in Harmonie, sondern ist auf Funktionalität angelegt. Unsere Medien zelebrieren das Unharmonische, Führungskräfte denken überwiegend in  Funktionalität, aber nicht auf Harmonie. Schneller-Höher-Weiter, jedes Mittel scheint recht zu sein, auch die Überschreitung von moralischen Grenzen. Mit der bedenkenlosen Missachtung jeglicher Wertordnung, ist eine gewisse Sinnlosigkeit, eine innere Leere  entstanden, die versucht wird mit immer mehr Karrieredenken, Vergnügen, Konsum und die Gier nach mehr zu füllen. Den Verlockungen und Verführungen erlegen, fühlen sich die Menschen im Netz der Manipulationen wohl, ohne zu erkennen, dass sie ihre Selbstbestimmung verlieren.

Das Kennzeichen dieses nachmodernen Nihilismus ist der „geheimnisleere“ Mensch, „der immer unfähiger wird zu trauern und unfähig darum, sich trösten zu lassen; immer unfähiger sich zu erinnern und darum manipulierbarer ist als je; glücklich am Ende nur im Sinne eines sehnsuchts- und leidfreien Glücks, das heißt aber eines wunschlosen Unglücks“. Dieses wunschlose Unglück drückt den Menschen unserer Tage unter sein eigenes humanes Niveau, wenn das Bedürfnis zu haben die Sehnsucht erstickt, die den Menschen erst zum Menschen macht. Dieser Sehnsucht entspricht bei Meister Eckhart das „Verlangen nach Sein“

Dr. Thomas Polednitschek, Psychologe und Psychotherapeut

Mit der Missachtung jeglicher Wertordnung, Sinnlosigkeit und immer mehr Vergnügen und Konsum, lässt sich aber die Sehnsucht, das „Verlangen nach Sein“, das den Menschen erst zum Menschen macht, nicht unterdrücken. Das dahingleiten im scheinbaren Glück, ist scheinbar selbstbestimmt, aber in Wahrheit nur ein hilfloses herum rudern im belanglosen Vergnügen und kann das Gefühl der inneren Leere nicht füllen. Das Gefühl der Unzufriedenheit, des Unglücklichseins ist jedoch latent immer vorhanden. In uns ist etwas, was die Sinnlosigkeit und die Leere erkennt und sich wehrt, es ist das „Verlangen nach Sein“. Diesem Verlangen können wir nicht entkommen. 

Was ist das „Sein“ nach welchem wir verlangen? Ist alles sinnlos?

Es ist der reine Geist, der unser Universum erschaffen hat und sich in jedem seiner Teile manifestiert. Jetzt wird mancher die Stirn runzeln und zweifeln, aber mit logischem Nachdenken, muss man davon ausgehen, dass dieser reine Geist existiert. Dass sich unser Universum aus einem einzigen Moment entfaltet hat, ist Stand der Kosmologie. Im Weiteren existieren mathematisch nachvollziehbare Zusammenhänge und Abläufe, was eine Ordnung zeigt. Diese Ordnung könnte nicht funktionieren, wenn der Geist sie nicht schaffen würde.

Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg stellte sinngemäß fest: Da eine mathematische Struktur letzten Endes ein geistiger Inhalt ist, könnte man auch mit den Worten von Goethes Faust sagen: „Am Anfang war der Sinn“.

Der Sinn, der Geist, ist in allen Teilen enthalten und steuert alle Teile die miteinander agieren. Betrachten wir unsere Natur. Alles ist in Wechselwirkung, alles folgt einer gewissen Logik, alles ist in sich harmonisch. Das kann nur funktionieren, wenn ein ordnender Geist in allen Teilen vorhanden ist, und so muss dieser Geist auch in jeder Zelle des Menschen vorhanden sein und wirken.

Uns Freimaurern wird gesagt: „Vergessen Sie nicht, dass Ihr Körper Wohnsitz und Werkzeug eines unsterblichen Geistes ist“. Über das Wesen des reinen Geistes lässt sich nichts aussagen und auch nichts über seine Absichten und Ziele, – es ist das Geheimnis. Die monotheistischen Religionen bezeichnen dieses Geheimnis mit Begriffen wie, Gott, Jehova oder Allah; aber mit einer Personalisierung, mit einem „Ich“ ist zwangsläufig die Zuordnung von Eigenschaften verbunden: z. B. liebend, rächend, strafend. Doch in diesen Religionen wird explizit ausgedrückt: Mach Dir kein Bild von Gott. Das bedeutet nicht nur auf bildliche Darstellungen zu verzichten, sondern insbesondere sollen wir uns auch keine Vorstellungen von Gott auch nur ausdenken.

Meister Eckhart sagt dazu:

Es zielt (…) auf die Unaussprechlichkeit Gottes, dass Gott unnennbar ist und über alle Benennungen hinaus in der Lauterkeit seines Grundes, wo Gott keine Benennung noch Aussage zu haben vermag, wo er für alle Kreaturen unaussprechlich und unaussagbar ist. Zum andern will es besagen, dass (auch) die Seele unaussprechbar und ohne (adäquate) Benennung (= wortlos) ist; wo sie sich in ihrem eigenen Grunde erfasst, da ist sie unaussprechlich und unaussagbar und kann dort keine Benennung haben, denn dort ist sie über alle Benennungen und über alle Aussagen (erhaben). Dies ist gemeint, wenn das Wort „Gott“ (Ich) verschwiegen wird, denn sie findet dort weder Benennung noch Aussage. Das dritte (…), dass Gott und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, wodurch er von der Seele getrennt oder irgendetwas anderes wäre, so dass er etwas anderes wäre gegenüber der Seele. Denn wenn er „Gott (Ich) gesagt hätte, so hätte er (eben dadurch) etwas anderes gegenüber der Seele gemeint. Aus diesem Grunde verschweigt man den Namen Gott (Ich), weil er und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, so dass weder etwas noch nichts von Gott ausgesagt werden kann, das Unterschiedenheit oder Andersheit aufweisen könnte.

Zu seinem Unglück sieht der Mensch „Gott“ als außerhalb von sich. Aber wir Menschen sind nicht getrennt von einem höheren Sinn, sondern wir befinden uns im höheren Sinn, der ein namenloses Geheimnis ist. Das ist für Menschen mit seiner eigenen Geisteskraft und eigenem Willen natürlich schwer zu begreifen und zu akzeptieren. Das ist aber so, ob uns das gefällt, oder nicht. Die fatalistische Weltanschauung, dass alles unabänderlich bestimmt ist, bedeutet aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien sinnlos. Denn im Plan des Schöpfergeistes ist der Mensch mit eigenem Geist und Willen ausgestattet, und das muss einen Sinn haben.

Mit seinen Fähigkeiten ist der Mensch Werkzeug und Diener des einen Geistes, – er soll gestalten. Der Mensch ist in der Verantwortung, sich in die höchste Ordnung, in die höchste Harmonie einzufügen, dass er durch Zusammenfügen aller, auch gegensätzlicher Teile einen Sinn und eine Wertbezogenheit erkennen kann. Das ist die (Selbst-) Bestimmung und die Aufgabe des Menschen, der wahre Sinn im Urgrund seines Seins im Leben.

Das Dahingleiten im scheinbaren Glück kann auf Dauer diese Urgewalt des Geistes nicht unterdrücken. Doch die akzeptablen Antworten nach dem Sinn des eigenen Lebens können wir nicht im Außen finden. Richtlinien, gutgemeinte Angebote und gute Ratschläge mögen vielleicht hilfreich sein, aber passen niemals exakt auf unseren unbekannten, im Urgrund befindlichen Sinn. Diese äußeren Impulse müssen wir abwägen, kontrollieren, ob sie mit unserem Inneren kompatibel und sinnvoll sind. Das bedingt ein hohes Maß an Selbstkritik, das Erkennen unserer Gefühle und die Gründe unseres Handelns. Das Integrieren von Widersprüchen, Synthese in unserem Sein zu schaffen (und zu leben), das ist das, was wir Freimaurer unter „Königlicher Kunst“ verstehen. Stück für Stück stärken wir den wahren Kern unserer Existenz und entdecken ganz nebenbei den Sinn unseres Lebens.

Das ist eine lebenslange Aufgabe. Dabei wachsen wir kaum bemerkbar aus unserem Inneren heraus und wir entwickeln ein Selbst-Verständnis. Je näher wir dem Sinn unseres Lebens kommen, werden wir immer selbstbestimmter und lassen uns weniger manipulieren. Wir beginnen alles was uns beeinflusst danach zu sortieren, ob es tatsächlich zu uns gehört oder nicht. So entsteht eine innere Harmonie, wir werden verantwortungsbewusster. Nicht nur uns selbst gegenüber, sondern dieses Selbst-Bewusstsein strahlt auch in unsere Umgebung. Das ist das stille Wirken eines Freimaurers und hat nichts mit Missionierung zu tun, sondern im Vorleben eines Selbst-Bewusstseins. Aus der individuellen Sinngebung entwickelt sich eine kollektive Sinngebung. Indem wir die äußeren Einflüsse sortieren, beeinflussen wir nämlich unsere Umwelt, so tragen wir mit unserer inneren Harmonie zur unserer Harmonisierung der Gesellschaft bei.

Schneller-Höher-Weiter, die Gesellschaft, und jeder von uns ist Teil davon, jagt wie im Wahn nach Glückseligkeit und meint diese im ungehemmten Konsum zu finden. Aber Glückseligkeit wird mit Spaß verwechselt, der immer mehr nach Spaß verlangt. Wir lassen uns nur zu leicht durch Statussymbole täuschen welche uns Werte vorspiegeln. Unmerklich hat uns die Gier erfasst. Diese scheinbare Realität nimmt uns die Urteilsfähigkeit, wir fragen nicht mehr nach Sinn- und Zweckmäßigkeit. Früher oder später, manchmal auch nie, beginnen wir langsam die Sinnlosigkeit unseres Handelns zu spüren und eine Rückbesinnung setzt ein, kurz, wir machen uns auf die Suche nach dem Sinn. Es tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich? Was will ich? Wie handle ich? Wohin gehe ich?

Wir kommen dabei nicht an altmodischen, konservativen Werten vorbei wie Moral, Anstand, Sitte und Tugend, die aber, wie die Geschichte zeigt, immer Stabilität und Sicherheit vermittelt haben. Und das nicht nur dem Einzelnen, sondern einer Gesellschaft insgesamt. Diese alten Werte sind also nicht alt, sondern zeitlos aktuell. Natürlich ist man mit der Zuwendung zu diesen Werten im gesellschaftlichen Wahn eine Minderheit, aber wo können wir am ehesten mentale Stabilität erreichen? – Nur in uns selbst.

Also vordringlich ist nicht die Gesellschaft zu missionieren, sondern wir sind am effektivsten, wenn wir mit uns selbst beginnen. Das ist die „Arbeit am rauhen Stein“. Es ist die Rückkehr zu unserem Selbst, welches von Anfang an in uns verankert ist.

Die Loge bietet dazu ein Forum, wo generationsübergreifend in brüderlicher Form Erfahrungen ausgetauscht werden. Dieses können durchaus gegensätzliche Meinungen und Standpunkte sein, aber es geht nur darum, andere Sichtweisen kennen zu lernen und nicht die eigene Überzeugung durchzusetzen. Diese Gespräche können Hinweise geben, in welcher Richtung wir unseren Sinn zu suchen haben, aber finden können wir die Antworten nur in unserem Inneren.

Dies ist ein Gastbeitrag, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

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Helfen mit Spaß und Freundschaft

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die “Shriners” sind eine weltweit tätige Vereinigung von Freimaurern, die in Deutschland noch neu und relativ unbekannt ist. In Dresden durfte die Organisation sich anlässlich des Großlogentreffens vorstellen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den leicht gekürzten Beitrag.

Von Charsten Wienbreyer

“Unsere masonische Familie ist groß und unsere Betätigungsfelder außerhalb des Tempels sind sehr breit gefächert. In nur wenigen Fällen aber gibt es überregionale Organisationen, die von Freimaurern gegründet werden mit dem Ziel, Kräfte zu bündeln und auf einen ganz konkreten Zweck auszurichten. Hier in Deutschland kennen wir neben anderen vor allem das Freimaurerische Hilfswerk, den Förderverein des Freimaurermuseums oder auch den Förderverein für das Freimaurer-Wiki.Schon der Lehrling hört bei seiner Initiation den verpflichtenden Satz, sich um die Not und das Elend um ihn herum zu kümmern.

Genau diese Verpflichtung haben sich Freimaurer im Jahre 1872 zum Credo gemacht und eine Organisation aus der Taufe gehoben, die in ihrer Struktur, Ausrichtung und ihrer Wirkung einmalig ist. Eine weltweit existierende und agierende Vereinigung von Gleichgesinnten, die sich auf die Hilfe für Kinder konzentriert. Ein verpflichtender Zusammenschluss von ca. 300.000 Freimaurern weltweit, denen heute 22 Kinderkrankenhäuser gehören und die seit fast 100 Jahren Kindern eine kostenlose medizinische Behandlung gewähren. Immerhin fast 1.5 Millionen Kinder sind seit der Eröffnung des ersten Kinderkrankenhauses in unseren Einrichtungen behandelt worden.

Als vor fast 150 Jahren aus dem Willen Einzelner eine sehr konkrete Tat wurde, war das Ausmaß dessen, was heute durch Freimaurer betrieben und bedürftigen Kindern zur Verfügung gestellt wird, nicht abzusehen. Aus dem Wunsch, einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist ein Netzwerk hochspezialisierter medizinischer Spezialbehandlungen geworden. Die Freimaurer, die sich bei den Shriners engagieren, verwalten heute Einrichtungen von höchster medizinischer Reputation, sowohl in der Forschung, als auch in der Ausbildung von medizinischem Personal. Gestattet mir, hier zwei Beispiele zu nennen.

Seit 30 Jahren stellt die Zypriotische Regierung den Shriners einmal im Jahr Räume und Geräte in einem staatlichen Kinderkrankenhaus zur Verfügung, um dort Ärzten und Schwestern aus dem Krankenhaus in Springfield die Möglichkeit zu geben, innerhalb weniger Tage hunderte von Kindern mit angeborenen orthopädischen Fehlbildungen oder erlittenen Schädigungen zu untersuchen und die notwendige medizinische Behandlung einzuleiten, wenn nötig, kostenlos in einem der „Shriners Hospitals for Children“.

Ein zweites Beispiel ist die Vernetzung zwischen den Shriner Kinderkliniken und verschiedenen anderen Spezialkliniken u.a. mit der auf Brandwunden und plastische Chirurgie ausgerichteten BG Unfallklinik in Ludwigshafen. So wird mit Telemedizin- und Videokonferenzmöglichkeiten daran gearbeitet, voruntersuchende oder nachsorgende Behandlungen mit dem medizinischen Fachpersonal in den Shriners Kliniken zu besprechen und festzulegen.

Dem Freimaurer, der sich entschließt, an dieser Arbeit teilzuhaben, dem erschließt sich eine Sichtweise auf den „wohltuenden Einfluss der Freimaurerei“, die in dieser Form einmalig ist. Die in Heidelberg beheimatete europäische Organisation betreut derzeit Kinder aus Deutschland, Holland, der Türkei, Jordanien, Palästina, Zypern, Rumänien, der Schweiz, Syrien und Polen, die kostenlos in unterschiedlichen Krankenhäusern behandelt werden.

Bei all dem Fokus auf die extrem teure, aber für die Kinder kostenlose medizinische Hilfe, ist den Shriners eines sehr wichtig, das Engagement muss immer die Freude und den Spaß zum Ausdruck bringen und darauf gründen, den es macht, einem Kind zu helfen. Deshalb kostümieren sich die Shriner gewordenen Freimaurer, deshalb verwandeln sie sich selbst in Märchenfiguren aus 1001 Nacht, deshalb machen sie nichts im stillen Kämmerlein, sondern immer „mit Kind und Kegel“, deshalb reiten sie auf Kamelen und machen diese manchmal nach, deshalb versetzen sie sich in die Lage eines Bettlers, um wie Kinder um Hilfe zu bitten, die sich nicht anders zu helfen wissen.

Ich bin seit über 20 Jahren Freimaurer und ich bin Shriner, seit dem ich den Meistergrad erhoben wurde. Es erfüllt mich mit Stolz, dass die Shriners auch in Deutschland angekommen sind. Ihr findet sie in Hamburg entlang der Waterkant, in Düsseldorf entlang des Rheins, in Ostwestfalen, in Berlin, Leipzig, in Bayern, im Rhein-Main-Gebiet, im Rhein-Neckar-Dreieck, Stuttgart oder am Bodensee. Wo es heute noch keinen Club gibt, da wird es demnächst einen geben. Vielleicht auch, weil Ihr mich heute gehört habt und feststellen werdet, es gibt viele gute Gründe, ein Shriner zu werden und keinen, es nicht zu sein.

Ich möchte schließen mit drei nüchternen Informationen, die helfen sollen, die Shriner besser zu verstehen.

Zum einen: Es gibt, außer der Aufnahme, keine rituellen Arbeiten und keine einführenden und/oder weiterführenden Grade. Die Shriner sind keine Obödienz, keine Lehrart, kein Hochgradsystem, sie sind keine freimaurerische Organisation. Man muss Freimaurermeister in einer regulären Freimaurerloge sein, um aufgenommen zu werden. Das ist den Shriners sehr wichtig, es ist ein Muss.”

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Ist Freimaurerei als Lebensstil zeitgemäß?

© friedberg/fotolia

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Freimaurerei wird in ihrer jetzigen Form in diesem Jahr 300 Jahre alt. Ihre Grundregeln sind in dieser Zeit praktisch unverändert geblieben, während sich unsere Gesellschaft geradezu in einem permanenten radikalen Wandel befindet. Wie soll dann etwas wie die Freimaurerei noch zeitgemäß sein?

Von Volker Hammernick

Ich möchte mich in diesem Text damit auseinandersetzen, ob Freimaurerei ein Lebensstil ist oder ein solcher sein kann, ob ich diesen leben will und wie ich dies kann. Als Grundlage dazu habe ich mich an der Publikation „Freimaurerei – ein Lebensstil“ von Jens Oberheide orientiert. In dieser Veröffentlichung wird das Thema jedoch isoliert erörtert. Mir scheint es aber sinnvoll, auch eine Verknüpfung mit der heutigen Gesellschaft herzustellen und herauszufinden, ob die Freimaurerei in diesem Kontext als Lebensstil noch zeitgemäß und sinnvoll ist.

Die erste Frage ist, was ein freimaurerischer Lebensstil überhaupt ist. Die Publikation beschreibt ihn als eine Geisteshaltung, deren Basis Menschenliebe und Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, und dass man das Fantastische denken darf, das Machbare des Denkbaren aber auch tun muss. Demnach sind wir Freimaurer auch eine Art „Lichtsucher“, Erkenntnissucher, mit der Vision einer besseren Welt, die versuchen, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen: Dass einmal „alle Menschen Brüder“ werden könnten, die friedlich und in gegenseitiger Achtung miteinander auf dieser Welt leben. Daher werden Freimaurer, wie wir es schon in den „Alten Pflichten“ von 1723 nachlesen können, nur freie Männer von gutem Ruf, wobei wir, denke ich, heutzutage in erster Linie vom geistig freien Mann ausgehen können. Dem trägt auch das Ritual Rechnung, in dem der Meister vom Stuhl fragt: „Wodurch soll sich ein Freimaurer im Leben vor anderen Menschen auszeichnen?“, worauf ein Aufseher antwortet: „Durch winkelrechte Lebensführung, von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken und echte Freundschaft zu seinen Brüdern“. Freie Männer sind also Menschen, die ihre eigenen Ideen entwickeln und versuchen, sie umzusetzen. Sie sind ebenso Menschen, die sich mit anderen freien Männern reiben und in dieser Reibung in den Spiegel schauen. Freie Männer würden dem Staat und dem Unternehmen, für das sie arbeiten, nur solange loyal gegenüber stehen, solange diese die Würde des Menschen und seine Rechte respektieren.

Weiter heißt es bei Jens Oberheide: „Freimaurerische Idealvorstellungen gehen davon aus, dass ein Minimalkonsens gefunden werden müsste, über alle Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Nationen hinweg. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten die Freimaurer ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft und die Erziehung hierzu. Freimaurerei ist also ein Lebensstil für offene Herzen und offene Sinne für die Zeit, die Menschen, die Umwelt und die Dinge in uns und um uns herum. Ein Lebensstil der individuellen Lebensführung und -deutung“. All dies hat im Kern die Jahrhunderte nahezu unverändert überdauert.

Auf der individuellen Ebene streben wir Freimaurer nach der Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit, nach Weisheit und der Erkenntnis einer höheren Wahrheit, nach einer gerechten und friedlichen Welt, in der sich Menschen wie Völker in gegenseitiger Achtung und ohne Vorurteile und Aggression begegnen. Freimaurer sein bedeutet demnach also auch, sich für einen Weg entschieden zu haben, der über den rauen Pfad der ständigen Selbsterkenntnis führt und der uns lehrt, die Irrwege der Vorurteile und Eitelkeiten zu meiden. Diese Selbsterkenntnis ist die Grundlage für unsere Beziehung zur Welt. Wer diesen Weg ernst nimmt wird spüren, wie er einem Vieles abverlangt, aber auch Vieles geben kann: Erkenntnisse, die er vielleicht allein nie gehabt hätte; Erlebnisse, die es nur in der Gemeinschaft gibt; Erfolge, die er auch seinen Brüdern zu verdanken hat, denn immer, wenn er zweifelt oder schwankt, ist mindestens einer von ihnen da, ihm zur Seite zu stehen und zu helfen. Das verleiht ihm den Halt und das Bewusstsein, dass andere für ihn da sind und er für andere einsteht in einer Zeit, in der Egoismus das Denken Vieler beherrscht. Ich habe in den zwei Jahren als Bruder diese Entwicklung deutlich wahrgenommen. Viele Dinge sind mir bewusster geworden, weil ich vorher keinen Zugang dazu hatte, viele auch überhaupt erst bewusst, weil ich davon gar keine Kenntnis hatte.

Ich nehme wahr, dass alle Brüder, die ich kennen gelernt habe, nicht nur geachtete, respektierte und angenehme Mitmenschen sind, sondern auch vielfach die Menschen sind, die man um Rat fragt und denen man vertraut.

So hat sich auch mein Fokus verschoben. Als ein Beispiel nenne ich Toleranz. Heute schimpfe ich nicht mehr über Menschen, die Dinge tun, die meiner Meinung nach unsinnig oder falsch sind, sondern ich versuche zunächst, deren Handeln aus ihrem Blickwinkel zu sehen, ihre Motive zu erkennen und ihr Handeln danach erneut zu bewerten. Auch gehe ich mit einem anderen Selbstverständnis durchs Leben. Dinge, die mir vorher egal waren, sind mir nun wichtig, und Dinge, die mir wichtig waren, interessieren mich nicht mehr.

Aber sind diese traditionellen Ideale und Werte unverändert aktuell? Passt dieser Geist überhaupt noch in unsere moderne Gesellschaft, oder sollten wir uns nicht gänzlich anderen Vorstellungen zuwenden? „Nichts ist schwerer, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden.“ So lässt sich die Stimme Tucholskys aus den 20ern des vergangenen Jahrhunderts heute noch vernehmen. Werfe ich einen Blick auf unsere Gesellschaft, so hat diese sich in den fast drei Jahrzehnten, über die ich mir ein Urteil bilden kann, rasant verändert. Vieles zum Besseren oder vielmehr Angenehmeren, unbestritten, aber ich erkenne auch Vieles, das mich nachdenklich macht: Diese moderne Zeit der Globalisierung ist geprägt von Effizienz und Gewinn, von mehr Wachstum und mehr Geschwindigkeit, von Oberflächlichkeit und Egoismus. In der man Karriere macht, „weiter kommt“, „jemand ist“, wenn man auf sich selbst fokussiert ist und restlos alles optimiert. Vieles von dem, was ich unmittelbar selbst, über Dritte und die Medien wahrnehme, wirft in mir die Frage auf, ob die genannten „Werte und Ideale“ überhaupt mit „Menschlichkeit“, einem unserer freimaurerischen Werte, zusammen passen.

In Konsequenz der Beispiele, die ich gerade aufgeführt habe, werden Menschen ausgebeutet, um unter unwürdigen Bedingungen beispielsweise überdimensionierte Sportstätten zu bauen, und sie werden dafür noch nicht einmal bezahlt. Da sind „Manager“, die nur noch kurzfristigen Profit und Effizienz im Auge haben, denen aber die Situation der Mitarbeiter völlig egal zu sein scheint, die gar als Ressourcen versachlicht werden. Ich sehe Politiker, die alles dem „Wachstum“ unterordnen. Ich sehe Selbstdarsteller, die die Medien beherrschen, und im Übrigen auch die Medien selbst, die uns vielfach den Eindruck vermitteln, dass unsere Gesellschaft „geil“ ist. Wir nehmen wenig Rücksicht auf andere Menschen, deren Ansichten, Nöte, ethischen Ansichten und Religion. Ich sehe eine Informationsflut, die den Einzelnen kaum noch in die Lage versetzt, aus seiner Überinformation für sich einen Gewinn zu erkennen. Die hohe Informationsdichte macht uns oberfl ächlich und orientierungslos.

Verwundert es dann, dass viele Menschen sich nur noch für sich selbst interessieren, wegschauen, wenn neben ihnen Unrecht geschieht? In dieser Welt scheint es schwer geworden, freimaurerisches Gedankengut zu verbreiten und erst Recht, danach zu leben. Dieses Bewusstsein sollte auch zur Verantwortung für unsere Mit- und Umwelt führen. Die Freimaurerei macht uns deshalb nicht nur auf unser individuellen Ebene und im Logenleben, sondern auch und vor allem außerhalb zu besonderen Menschen. Ich nehme wahr, dass alle Brüder, die ich kennen gelernt habe, nicht nur geachtete, respektierte und angenehme Mitmenschen sind, sondern auch vielfach die Menschen sind, die man um Rat fragt und denen man vertraut. Ein erstes Anzeichen dafür, dass die Freimaurerei durchaus ein zeitgemäßer Lebensstil ist. Denn Freimaurerei ist auch Dienst am Menschen und somit Dienst an der Gesellschaft. Dabei weite ich den Begriff des Dienens bewusst auf das engere und weitere Umfeld jedes Einzelnen von uns aus. Das Dienen beginnt in der Familie und im Bruderkreis und hört im Beruf noch lange nicht auf. Es erstreckt sich auf alle Menschen, die in unserem Umfeld stehen.

Wir Freimaurer können der Gesellschaft durch unser Denken und Tun wieder etwas von dem zurück geben, das ihr in der schnelllebigen Zeit abhanden gekommen ist.

Wir haben in unseren Logen die Grundlage dazu, weil allen die gleiche menschliche Würde und gleiches Ansehen zuerkannt wird, und aufgrund der unablässigen Arbeit am rauen Stein ein hochqualifiziertes geistiges und moralisches Potential entwickelt. Wir Freimaurer haben die Werkzeuge, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln und damit die Aufgabe, das kulturelle, geistige und ethische Erbe zu bewahren. Zum „Lebensstil Freimaurerei“ gehört weiterhin, dass sich überall in der Welt Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft und Kultur mit den Idealen der Freimaurerei identifizieren und versuchen, sie in ihrem Leben zu verwirklichen. Von dieser Lebenseinstellung der Freimaurer könnte etwas auf ihre Umwelt abfärben, wenn jeder ein kleines Stück dazu beiträgt, wie diese Welt beschaffen ist und wie Menschen in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Der Zustand unserer Gesellschaft ist immer genau so, wie wir ihn wollen oder wie wir ihn erdulden. Niemand sollte uns abhalten können, einen als falsch erkannten Weg zu ändern oder umzukehren, um einen neuen zu suchen.

Diesen Widerspruch zwischen dem Wissen, das die Gesellschaft über sich hat und dem Zustand, in dem sie sich befi ndet, aufzuheben, kann wiederum nur durch das Streben nach Humanität, durch die Suche nach den rechten Wegen zur Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft unter Wahrung der Rechte ihrer einzelnen Mitglieder gelingen. Humanität hat die Aufgabe, die gangbaren Wege für ein Zusammenleben unter friedlichen Bedingungen aufzuzeigen und darzustellen, welche verheerenden Auswirkungen inhumane Verhaltensweisen unter den Menschen haben. Dabei wird allerdings auch sichtbar, was unter Menschen alles möglich ist, also was Menschen anderen Menschen unter bestimmten Bedingungen anzutun in der Lage sind. Es gilt also einen Entwurf zu formulieren, der zeigt, dass Humanität in einer Gemeinschaft von Menschen nicht nur möglich, sondern unabdingbar ist. Eine Gemeinschaft, geprägt vom Bewusstsein der gleichen Abstammung, der gleichen Geburt und der gleichen Art, die Erde wieder zu verlassen. Ein Bewusstsein, das erkennt, dass die Früchte der Erde allen, die Erde selbst aber niemandem gehört. Ein Bewusstsein, dass nur Frieden ernährt, Unfrieden aber immer verzehrt, dass Ungerechtigkeit immer neues Unrecht zur Folge hat und dass Gerechtigkeit eine Folge von Weisheit ist. Die Beförderung der menschlichen Tugenden wie Mitgefühl und Mitleid, wie Liebe und Zuwendung, Gemeinnutz und Solidarität, Gewaltlosigkeit und Toleranz müssen wieder als das dargestellt werden, was sie sind: Grundlagen menschlichen Zusammenseins. Human zu sein heißt dabei vor allem, nicht zu warten, bis jemand damit anfängt, sondern selbst als bestes Beispiel voranzugehen.

In unserer Gesellschaft scheinen zudem Generationen heranzureifen, in denen der Begriff „Zukunft“ keine Flamme mehr zündet. Es ist der Mangel an Visionen einer künftigen Gesellschaft, die die Gegenwart in Beliebigkeit versinken lässt. Es gilt also, Bedingungen zu schaffen, die eine lebens- und erlebenswerte Zukunft ermöglichen, das heißt, das Verständnis unter den Menschen, den Nationen, den Völkern und Religionen dahingehend zu fördern, dass ein friedliches Miteinander als die einzige mögliche Lebens- und Überlebensform erkannt und anerkannt wird. Denn eine menschliche Gesellschaft ohne Humanität ist beides nicht: Nicht menschlich und nicht Gesellschaft. Die Wege, die dorthin führen, kennen wir nicht; sie entstehen erst, wenn wir losgehen. Wir kennen aber die Sterne, die uns leiten. Es sind: Die Werte unseres Lebens als Freimaurer – Menschenliebe, und Brüderlichkeit, menschliche Toleranz, Freundschaft und gegenseitiger Beistand.

Um abschließend wieder auf die Frage zurück zu kommen, ob das Leben freimaurerischer Werte geeignet ist, in der heutigen Gesellschaft überhaupt zu bestehen, kann ich sie für mich so beantworten, dass unsere Werte in ihrer Aktualität wohl kaum in Frage zu stellen sind. Wir Freimaurer können der Gesellschaft durch unser Denken und Tun wieder etwas von dem zurück geben, das ihr in der schnelllebigen Zeit abhanden gekommen ist. In diesem Sinne schließe ich meine Zeichnung mit dem klaren Auftrag des Meisters vom Stuhl an die Brüder am Ende einer Tempelarbeit, den freimaurerischen Lebensstil auch tatsächlich zu leben: „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer! Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seit wachsam auf euch selbst! Es geschehe also, ziehet hin in Frieden!“

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Das große Jubiläum der Freimaurer

(Foto: Thomas Reimer / Fotolia)

(Foto: Thomas Reimer / Fotolia)

In diesem Jahr feiern viele Logen mit zahlreichen Veranstaltungen den 300-sten Geburtstag der Freimaurerei. Anlass genug, nicht nur über die glorreiche Vergangenheit der Freimaurerei nachzudenken, sondern auch darüber, welche Zukunft sie unter stark veränderten Bedingungen haben kann.
VON UNSEREM GASTAUTOR HANS-HERMANN HÖHMANN

Wie immer wir mit dem Großen Jubiläum der Freimaurerei im kommenden Jahr umgehen, ob wir es auch als unser Jubiläum verstehen und mitfeiern, oder ob wir es eigentlich als das Große Jubiläum der englischen Freimaurerei, und da ist für uns doch eher Zurückhaltung am Platze: Allein schon durch das wachsende Interesse von Öffentlichkeit und Medien sind wir auch hierzulande auf eine herausfordernde Weise mit dem Ereignis 2017 konfrontiert.

Teilweise ist dieses Interesse mit Respekt und Anerkennung verbunden und beruht auf einer – freilich oft ratlos-uninformierten – Wertschätzung der Freimaurerei als Aktivposten der europäischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Oft aber hat die Aufmerksamkeit, mit der wir im Zeichen von 2017 wohl gehäuft zu rechnen haben, einen düsteren und obskuren Hintergrund, und wir haben mit Neuinszenierungen vieler jener entstellenden und verzerrenden Mythen zu rechnen, die uns durch große Teile der Geschichte der Freimaurerei begleitet haben, und die ja auch so prächtig hineinpassen in die Phantasie- und Fabelwelt, die seit dem Einsetzen der Postmoderne reüssiert.

Gerade ist das Oktober-November Heft der Zeitschrift „Hörzu – Wissen“ erschienen, und zwar mit dem bezeichnenden Aufmacher auf der Titelseite: „Die dunkle Macht der Geheimbünde. So lenken Freimaurer, Illuminaten & Co unsere Welt“. Schlagen wir das Heft auf, so finden wir z.B. unter einem Portrait des amerikanischen Freimaurers Albert Pike folgenden Text: „Verdacht. Albert Pike gilt unter Verschwörungstheoretikern als Satanist, der die Weltherrschaft anstrebte.“ Der weitere Text geht dann nicht mehr ganz so weit an der Realität vorbei, doch Thema und Tendenz sind markiert, und Ähnliches wird folgen, ins Jubiläumsjahr hinein und sicherlich auch darüber hinaus.

Die Frage nach den Mythen, den fremden, uns immer wieder übergestülpten, aber auch den eigenen Mythen und Erzählungen wird mich gleich weiter beschäftigen. Doch zunächst ein paar Bemerkungen zu den Möglichkeiten, mit dem Jubiläum der Freimaurerei umzugehen.

Vier unterschiedliche, wenn sich auch teilweise überschneidende Modelle – „Jubiläumstypen“ gleichsam – lassen sich erkennen: Erstens der museale Ansatz, bei dem Freimaurerei dargestellt wird, wie unser Wissen und die uns zur Verfügung stehenden vorzeigbaren Objekte es zulassen. Zweitens der glorifizierende Ansatz, bei dem Freimaurerei als Inbegriff des Guten und Fortschrittlichen gepriesen wird nach dem impliziten oder gar expliziten Motto: Freimaurer waren und sind Weltmeister in Sachen Humanität. Drittens der faktengerechte Ansatz, bei dem Freimaurerei, so wie sie unserem redlich ermittelten Wissen nach war und ist, in ihren Bezügen zu gesellschaftlicher Entwicklung und Zeitgeist mit ihren Höhen und Tiefen beschrieben, analysiert und dokumentiert wird. Schließlich viertens der produktive Ansatz, bei dem auf der Basis einer redlichen Beschreibung und Analyse von Herkunft und gegenwärtigem Zustand Freimaurerei in die Zukunft weitergedacht wird und gefragt wird, welche masonischen Erzählungen für Konzept und Praxis der Freimaurerei im 21. Jahrhundert taugen.

So sehr ich auch dem Ansatz „Freimaurer-Museum“ mit Sympathie begegne, zumal er uns erfreulich häufig mit den öffentlichen Museen und damit einem wichtigen Teil der kulturellen Öffentlichkeit in Berührung bringt, und so sehr ich hoffe, dass die deutschen Freimaurer der Versuchung von Ansatz 2, dem unkritisch-flachen Hochjubeln widerstehen, so sehr liegt mir doch vor allem an einer kreativen Mischung der Ansätze 3 und 4: der sauberen Aufarbeitung masonischer Fakten und dem kreativen Weiterdenken der Freimaurerei.

Wenn dieses aber das Ziel ist, so haben wir nach den leeren Feldern unseres Wissens zu fragen, auf Wunschdenken und gefällige Erfindungen zu verzichten, ernsthaft zu forschen und zur Füllung der Leerstellen auch intensiv mit der externen Forschung zu kooperieren. Des weiteren haben wir uns mit den Unterschieden, Widersprüchen und Konflikten in der Freimaurerei zu beschäftigen, die die maurerischen Wirklichkeiten durch drei Jahrhunderte hindurch nachhaltig bestimmt haben und heute noch bestimmen. Und schließlich müssen wir den verschiedenen Bilderwelten und Mythen kritisch nachgehen, die die Entwicklung der Freimaurerei begleitet haben, und die – oft von uns mit verschuldet – in verzerrter Form auf uns zurückkommen.

Dies alles bedeutet unter anderem auch, dass wir aufhören müssen, Freimaurerei als Einheit, als etwas Einheitliches gar zu verstehen und darzustellen.

Sicherlich gibt es durch die Geschichte hindurch den beschreibbaren, organisatorisch-kulturellen Formenkreis „Freimaurerei“, – angesiedelt um Elemente wie Logengruppe, Initiation, Bausymbolik und moralische Lehren. Aber innerhalb dieses Formenkreises waren und sind viele Freimaurereien möglich, die sich unterscheiden und die sich auch oft gar nicht so geliebt haben und lieben, wie es dem Gebot der Bruderliebe entspricht. Und dies hängt wiederum nicht zuletzt mit den widersprüchlichen Mythen und Erzählungen der Freimaurerei zusammen, die den Weg des Bundes begleitet haben.

Wenn wir uns diese Mythen anschauen, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, sich aber trotzdem voneinander unterschieden, ja im Konflikt zueinander gestanden haben. Erstens die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, mit denen sich die Geheimnisse der Welt entschlüsseln lassen, zweitens die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters der Freimaurerei, und von der durch ihn offenbar gewordenen, stufenweise erkennbaren Weisheit und drittens die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, vom Freimaurer, der allein dem Sittengesetz verpflichtet ist.

Im Verständnis nach Innen, aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese – mit sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei verbundenen – Erzählstränge oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Resultat sind dann nicht selten diffuse organisatorische Strukturen, Ideen und Rituale. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns wieder in den Geschichten, die andere in Form von obskuren Phantasien und Verschwörungsgeschichten, oft schön gruselig bebildert und filmisch in Szene gesetzt, über uns erzählen.

Hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme: Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, was und wer wir sind, und weil wir die „Arbeit am Mythos“ – um es mit einem Begriff des Philosophen Hans Blumenberg zu sagen – so sträflich vernachlässigen, dass uns klare Aussagen gegenüber der uns umgebenden Gesellschaft und der sich für uns interessierenden Öffentlichkeit nicht gelingen. „Arbeit am Mythos“ ist also nötig, und „Arbeit am Mythos“ hieße für die deutsche Freimaurerei der Gegenwart zunächst einmal zu ordnen, zu klären, zu unterscheiden und auszuwählen. Gleichzeitig hieße „Arbeit am Mythos“, Vergangenes zu prüfen im Hinblick auf Orientierungstauglichkeit für Gegenwart und Zukunft. Dabei geht es um Wertschätzung und Kritik zugleich. Zukunft braucht Herkunft, gewiss. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, verfehlt die Zukunft, und wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.

Vergangenheit darf nicht fesseln, Wurzeln müssen sich mit Flügeln verbinden und beim Neuaufbruch muss es erlaubt sein, Veraltetes und Überholtes hinter sich zu lassen.

Das heißt: Mit der Beschwörung vergangenen Zaubers, mit dem Erzählen früherer Geschichten und mit der gebetsmühlen-artigen Benennung alter Helden kommen wir heutzutage nicht aus. Die freimaurerischen Erzählungen für die Gegenwart bedürfen einer neuen Struktur, und haben sich vor allem auf Wirksamkeit, auf Deutlichkeit, auf Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft und auf Praxis zu konzentrieren, und zwar jeweils in und aus der Sicht der unterschiedlichen freimaurerischen Lehrarten.

Für mich als humanitären Maurer steht die Konzentration auf Konzept und Praxis einer humanitären Freimaurerei im Zentrum, die – aufbauend auf den alten Erzählungen von Freiheit, von Selbstbestimmung, von Wert und Würde des Menschen – einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Was aber heißt das konkret und im Detail? Diese Frage müssen wir ja stellen, dringlich stellen, denn die in meiner Großloge üblich gewordene Aussage „Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“ ist ja längst zu einem zwar herzerwärmenden, doch konzeptionell dürftigen Mantra geschrumpft. Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein Humanismus, der Aufgaben im hier und jetzt begründet, ein säkularer Humanismus, ein Denken und Fühlen, das sich an der Würde des heutigen, konkreten, einzelnen Menschen orientiert, das den Aufbau humaner Lebenswelten zum Ziel erklärt und das sich durch moralisches Handeln in humanitäre Praxis umsetzt.

Freilich wäre dieser Humanismus ohne die spirituelle Dimension des freimaurerischen Rituals einseitig, flach und sowohl emotional als auch intellektuell verkürzt. Freundschaft, Ethik und Ritual – so habe ich immer wieder zu begründen versucht – gehören untrennbar zusammen. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, und wenn es etwas gibt, das Wesen, Charme und Alleinstellung der Freimaurerei ausmacht, so ist es dieses „Drei-in-eins“ von Gemeinschaft, ethisch-moralischer Orientierung und ritueller Spiritualität.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden von besonderer Bedeutung, die ich als Anstoß für Überlegung und Diskurs in fünf Thesen zusammengefasst habe: 1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen heutigen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns. 2. Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft. 3. Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der Gesellschaft voran gebracht werden kann. 4. Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist vorrangiges Grundelement menschlicher Orientierung. 5. Schließlich: Das Prinzip Aufklärung hat auch heute noch zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Diese fünf Orientierungen bestimmen allerdings nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln. Wenn wir uns nicht mit Schlagwörtern, Allgemeinplätzen und Platituden begnügen wollen, so ist es höchste Zeit dafür, diesen Rahmen im Diskurs der Brüder mit konkreten, zeitbezogenen Vorstellungen zu füllen, und hierzu mag das „Laut denken mit dem Freunde“, das Lessing empfohlen hat, auch für den Maurer von heute eine vorzügliche Methode sein.

Ihr betont säkularer Charakter bedeutet gleichzeitig, dass sich eine humanistisch orientierte Freimaurerei sowohl gegenüber den hermetisch-esoterischen als auch gegenüber den christlich-gnostischen Traditionen und Mythen der Freimaurerei skeptisch verhält. Gewiss können freimaurerische Rituale auch in der Humanistischen Freimaurerei esoterisch verstanden werden, und die Freimaurerei kann Ort esoterischer Diskurse sein. Diese dürften um so fruchtbarer ausfallen, je mehr man sich von der in alten Ritualen geronnenen, oft wenig authentischen Esoterik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts befreit und den heute zugänglichen ursprünglichen Quellen der Esoterik zuwendet und auch Nutzen zieht aus den mittlerweile beachtlichen Resultaten der Esoterikforschung. Die Beschäftigung mit Esoterik als einer Denktradition und überlieferten religiösen Sichtweise bedeutet jedoch nicht, dass die Verheißung einer Entschlüsselung geheimer Codes und „verlorener Symbole“ im Mittelpunkt der Freimaurerei und ihrer Rituale stehen dürfte.

Denken wir in diesem Sinne kreativ nach, so können wir durchaus darauf hoffen, dass es zum Auslösen notwendiger Aktivitätsimpulse kommt: Impulse für überzeugende freimaurerischen Konzepte, Impulse für eine gute Gruppenqualität der Bruderschaft sowie Impulse für eine überzeugende humanitäre Praxis nach innen und außen.

Und ich bin davon überzeugt, dass Erfolge möglich sind, wenn wohl überlegt daran gearbeitet wird, die mannigfaltigen Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns bisher blockieren, und wenn wir gleichermaßen deutlich und sensibel genug sind, mit kreativen Gedanken in den gegenwärtigen Diskursen der Gesellschaft präsent zu sein. Denn wichtiger als ein Sich-Anhängen an die Bedeutung anderer – durch Preisverleihungen etwa oder durch Einladungen prominenter Nicht-Freimaurer als Redner zu unseren Veranstaltungen – wäre es, mit eigener Stimme in der Gesellschaft vernehmbar zu sein.

Wie kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten?

Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist eine der Grundfragen heutiger Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen. Ich gebe ein paar Beispiele dafür: So setzt etwa die gegenwärtige Heterogenität der Gesellschaft die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft; so vermittelt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt wenig Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge, so bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt ja auch die traditionellen Legitimierungen des Männerbundes in Frage; so bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck; so führt – schließlich – die Kultur der Postmoderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern niedrigsten Niveaus. Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung freimaurerischer Zukunftsziele.

Doch ich bin bei aller Skepsis davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der heutigen Moderne nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen auszumachen. Um diese Möglichkeiten zu nutzen, müssen allzu rasche und gedankenlose Anpassungen an die Strukturen der Gegenwart vermieden und Chancen gleichsam „quer zum Zeitgeist“ ergriffen werden. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen kräftig anwachsen zu lassen. Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen suchen einen Raum, um sich zu öffnen, Probleme auszutauschen, Hilfe zu finden; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt: Es gibt sie doch, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe kann und muss die Freimaurerei ihre konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis kann sie die Stimmigkeit ihrer inneren Strukturen überprüfen, ihre Spannungen und Eitelkeiten überwinden und von hierher kann sie auch ihr Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz – längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, besteht der besondere Wert des Bundes nicht mehr im Propagieren lieb gewonnener Parolen. Er besteht in der Methode einer fortgesetzten Arbeit an den faktischen und an den konzeptionellen Details, sowie in einer beständigen Einübung in eine wertverpflichtete Praxis. Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, aber sie kann – wie es im Ritual meiner Loge heißt – zu einer „sicheren Stätte“ werden „für Menschen, die Wahrheit suchen“, für Menschen, die in einem konzentrierten, wertorientierten und sensiblen Diskurs Klarheit über sich selbst und über die handlungsrelevanten Fakten und Optionen in der Welt von heute und morgen suchen.

Bei alldem und insgesamt müssen die jeweiligen Strukturen und Prinzipien der deutschen Großlogen klarer herausgearbeitet werden. Im Falle meiner eigenen Großloge, der Großloge AFuAM etwa muss deutlicher werden, was Humanismus und Aufklärung heute für sie bedeuten, als den bestimmenden Eigenschaften der deutschen Großloge, die sowohl fest in der Tradition der humanitären deutschen Freimaurerei steht als auch in der von den „Alten Pflichten bestimmten Tradition der Weltfreimaurerei.

Die Forschungsloge „Quatuor Coronati“ gehört unmittelbar zur VGLvD, und deshalb können wir – im quasi eigenen Haus – einmal ganz entspannt feststellen: Ob wir es wollen oder nicht: die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ sind ein Dachverband mit begrenzten Wirkungsmöglichkeiten. Die VGLvD dürfen folglich weder aus der Bruderschaft heraus überfordert werden, noch dürfen sie sich selbst an Aufgaben überheben, für die sie nicht geschaffen sind und die sie auch nicht lösen können. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland sollten aus der Not, sich nicht einmischen zu dürfen in Organisation, Selbstverständnis und Rituale der Vertragspartner, eine Tugend machen und sich vor allem als Raum begreifen, der Freiheit gibt. In diesem Raum der Freiheit müssen die Maurer der einzelnen Partner-Großlogen selber sagen, wer sie sind und wie sie sein wollen. Dabei können – wie gesagt – die Wege auseinander gehen. Doch klares Profil ist gefragt, masonischer Schmusekurs hilft nicht weiter und ein Jubiläum des Jubels reicht nicht aus. Ein Jubiläum innerer und äußerer Profilierung ist erforderlich.

Insgesamt – davon bin ich vollkommen überzeugt – hat die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz des kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen. Dass die deutsche Freimaurerei entgegen vielen historischen Hoffnungen keine Einheit ist, dass in ihr unterschiedliche, ja gegensätzliche Meinungen vertreten werden, ist kein Nachteil. Nachteilig wäre, wenn so getan würde, als gäbe es diese Unterschiede nicht und wenn sich die deutsche Freimaurerei im Jubiläumsjahr als eine „Freimaurerei des als ob“ präsentierte. Ihre Vielfalt sollte sichtbar werden, und auf die Freiräume sollte sie stolz sein können, die für die Weiterentwicklung dieser Vielfalt zur Verfügung stehen.

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Was bringt mir die Freimaurerei?

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Angeregt duch einen Essay auf der Internetseite der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer entstand dieser fiktive Brief an einen Freund, der die Frage stellt, was ihm denn die Freimaurerei bringen könnte.

Von F. W.

„Lieber Freund,

ja, welchen Gewinn bringt Dir die Freimaurerei?

Diese Frage, „was bringt mir die Freimaurerei?“, zeigt, dass Du fest im Griff unserer heutigen Gesellschaft bist, die voll auf eine Vereinzelung und auf Profit ausgerichtet ist. Der Profit bestimmt den Wert eines Menschen, nicht mehr das Menschsein an sich.

Ein Bruder nannte die Gründe, warum er Freimaurer geworden ist. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich, ist gut situiert, hat ein schönes Haus, eine Frau und Kinder. Er hätte sehr zufrieden und sein Leben einfach nur genießen können. Aber, er hatte trotzdem das Gefühl, es fehle ihm etwas. Denn das was ist, konnte doch nicht alles gewesen sein? Er machte sich auf die Suche nach Antworten, so kam er in unsere Loge und sah, dass hier etwas geboten wird, was man mit viel Geld nicht kaufen kann, nämlich das Angebot den Weg in der Gemeinschaft zu sich selbst zu finden.

Es gibt viele, auch ehrenwerte Institutionen, welche, manchmal mit Heilsversprechen garniert, einen Weg anbieten, zu sich selbst zu finden. Die Medien aller Art sind voll von Angeboten zur Selbstfindung. Doch Freimaurerei ist einzigartig, sie bietet viel, aber sie verspricht nichts.

Das System der Freimaurerei ist keine Ideologie und hat keine Dogmen. Das System Freimaurerei, die Freimaurerloge, bietet nur einen Rahmen, ein Gerüst, indem Du leben und Dich frei, in eigener Verantwortung, entwickeln kannst. Wie Du den Rahmen füllst, wie Du denkst und handelst, das bleibt Dir überlassen, Du bist und sollst frei sein. So ist es auch völlig egal, welcher Religion Du angehörst, oder welcher politischen Partei. Wenn Du nur hin-hören (nicht zu-hören) kannst und Deine Überzeugungen anderen nicht aufzwingen willst, ist das völlig ok.

Zuerst ist Freimaurerei eine Geisteshaltung und als solche hat sie nicht das Ziel materielle Vorteile zu bringen, sondern auf humanistischer Basis, auf ethischen und moralischen Grundsätzen Dir eine innere, geistige Stabilität zu verschaffen, was darauf hinausläuft, auch den Sinn für das eigene Leben zu entdecken. Entscheidend für den Freimaurer sind die Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Es geht also um Selbst-Erkenntnis.

Was ist der Gewinn von Selbst-Erkenntnis? Das Bewusstsein zu Deiner Freiheit. Die Freiheit selbstbestimmt entscheiden zu können: Will ich Freiheit, oder ordne ich mich ein und unter.

Was viele glauben, sie hätten mit Freiheit immer die Entscheidungsmöglichkeit, sie könnten machen was sie wollen, ist zu kurz gesprungen. Zudem fehlt das Erkennen, dass sie in ihrem Alltag nicht frei sind. Sie haben nicht das Wissen, den Willen und die Ausdauer, immer wieder, jeden Tag, jede Stunde anzufangen, um ihre Freiheit zu kämpfen, weil sie ja glauben frei zu sein.

Freiheit kommt nicht von selbst, sie muss immer wieder erarbeitet werden. Das ist Eigenverantwortung, aber die nutzt gar nichts, wenn sie kein Gegenüber hat, welches Deine Gedanken und Taten spiegelt, ob Dir das nun gefällt oder nicht. Stell Dir vor, Du stehst allein auf einem besonders schönen Strand. Du erlebst den herrlichsten Sonnenuntergang Deines Lebens mit allem Lichtfeuerwerk, aber da ist keiner der ebenso berührt ist, oder dem Du Dich mitteilen, mit dem Du teilen kannst. Das Gemeinsame erleben, das potenziert die Glücksgefühle des Augenblicks. Das kann Dir auch kein virtuelles soziales Netzwerk bieten. Du kannst viele Tausend Follower, viele „Freunde“ haben, aber Gefühle wie Nähe, Geborgenheit, Sympathie und Liebe wirst Du in der virtuellen Welt nie erfahren. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, wir brauchen echte, gelebte Gemeinsamkeit, allein sind wir einsam und nichts. Man ist zwar frei, aber nicht glücklich. So kann auch Eigenverantwortung nur funktionieren, wenn ich auch mit dem Nächsten bin, auch die Verantwortung für den Nächsten trage. Das bedeutet gesunden Egoismus mit Gemeinsinn. Der Freimaurer ist freiwillig eine Verpflichtung eingegangen, zuallererst zu sich selbst, im Weiteren auch zu seinen Brüdern, und darüber hinaus zu allen Menschen dieser Erde.

Gemeinschaft und Gemeinsinn, das bietet die Loge. Freimaurer sind und bleiben jedoch immer Individualisten, sind also Einzelgänger in einer Gruppe. Das ist besser, als allein, nach Lust und Laune herumzualbern, oder vielleicht auch nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Wenn Du einmal genauer nachdenkst, was haben Dir Deine vielen Amüsements, Deine vielen Kontakte auf Partys wirklich gebracht, außer vielleicht Spaß? Was bleibt für Dich selbst übrig?

Sind wir wirklich frei und können selbst entscheiden, wie wir denken und handeln? Das bezweifle ich stark, weil wir zum Großteil manipuliert werden, ohne dass wir das groß wahrnehmen. Davon will auch ich mich nicht freisprechen, aber immerhin habe ich ein Gespür dafür entwickelt, manipuliert zu sein und mich zu bemühen in gewissen Rahmen einen Eigensinn zu entwickeln. Dazu hat mir die Freimaurerei wesentlich verholfen, und ich bin dankbar dafür. Dabei will ich anfügen, dass mein Alter und meine gesammelten Erfahrungen auch dazu beigetragen haben. Damit will ich keinesfalls sagen, dass Alter ein Verdienst ist, sondern Ansporn nicht nachzulassen, mich doch noch zu finden.

Zurück zur Frage, ob wir frei sind. Wie gesagt, ich fange immer wieder an, meine Freiheit zu finden. Wir sind heute, im digitalen Zeitalter, der Taktung der Prozessoren unterworfen. Sie bestimmen unseren Arbeitsalltag, Computersysteme wissen fast alles von uns, ob wir nun Geld am Automaten ziehen, mit unserem Handy telefonieren, oder im Internet surfen und eMails schreiben, alles wird aufgezeichnet und wird dazu benutzt unser Verhalten vorherzusagen und zu steuern, damit uns Angebote gemacht werden können, um schnell (und sicher) Profit zu bringen. Alles unter der Parole, du bist frei, habe deinen Spaß, ich besorge ihn dir. So ist alles berechenbar, der Mensch als solches zählt nichts. Genauso werden wir auch durch die Regierungen kontrolliert und manipuliert, Du als Mensch zählst nichts, sondern nur Deine Arbeitskraft, solange Du sie hast. Schau doch mal in die Altersheime und Krankenhäuser, wie es ist, wenn man aus Dir keinen Profit mehr schlagen kann, was bist Du dann als Mensch wert? Die Macher sind alle im Dienst des Mammons. Wir sind in Wahrheit im Besitz von virtuellen Mächten, die uns manipulieren, denen wir ausgeliefert sind und uns sogar freiwillig ausliefern. Wir haben keine Kontrolle mehr über uns selbst. Also, sind wir frei?

Eine Freimaurerschwester beklagte kürzlich, dass sie keinen kommunikativen Kontakt zu ihrer 14-jährigen Nichte mehr bekommen könne. Früher ist sie jeden Sommer mit ihr verreist, es fand ein reger Austausch während des gemeinsam erlebten statt. Inzwischen sitzt das Mädchen unruhig beim Essen, steht sofort danach auf, setzt sich aufs Sofa und schaut angestrengt auf ihr Handy. Notfalls geht sie einfach auf die Toilette, um ungestört mit ihrem Handy zu sein. Gespräch – null. Das Mädchen ist nicht mehr ansprechbar, ein Gespräch, ein Gedankenaustausch in der Familie findet nicht mehr statt. Das Miteinander ist verschwunden. Ist das Mädchen wirklich frei? Wie soll dieses Kind eine Zukunft des Miteinanders gestalten?

Ein extremes Beispiel, gewiss, aber wir alle sind mehr oder weniger dabei, den Verlockungen der Prozessoren zu erliegen, in die Vereinzelung abzugleiten, dabei das Miteinander zu vergessen, und schlimmer noch, dem Spiel der Medien und den tollen Angeboten des Amüsements, zu erliegen, immer mit dem Gefühl, frei zu sein, weil man uns das suggeriert. Ich kann ja beliebig wählen, aber immer im Rahmen, wo ich berechenbar bleibe und irgendjemand davon profitiert. Mitdenken ist nicht erwünscht und bloß selbst keine (Mit-)Verantwortung tragen, die hat man uns abtrainiert. Aber Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu erreichen, geschweige denn zu erhalten. Verantwortung ist für sich selbst zu tragen und ganz besonders für unseren Mitmenschen. Merke: Auch der ist letztlich verantwortlich, der keine Verantwortung übernehmen will.

Freimaurer sollen sich aus sich selbst heraus, also bewusst, verantwortlich fühlen, – das ist ihre Pflicht. Dazu müssen sie erkennen, wer sie sind und wo sie stehen. Das bedingt immer eine Überprüfung des eigenen Standpunktes, des eigenen Handelns und – was ist sinnvoll? was ist wirklich notwendig? was will ich wirklich?

Das „ERKENNE DICH SELBST!“ ist die Grundforderung an den Freimaurer, und das bedeutet im ersten Schritt Aufmerksamkeit; Aufmerksamkeit was in ihm passiert, wo er steht, wie er denkt, weshalb und wie er handelt. Mit Aufmerksamkeit beginnt die Arbeit an sich selbst, an dem rauhen Stein, der bearbeitet werden muss. Es ist der Wille zur Pflicht des Freimaurers, nach moralischen Grundsätzen zu leben, nicht Herr sein wollen, sondern Diener. Immer mit sich selbst kritisch zu sein, immer kritisch mit dem was in seiner Umwelt geschieht, sich in Beziehung setzen, das ist die Arbeit des Freimaurers. Zugegeben, das ist oft mühsam, bedeutet Widerstand, Mut, auch Demütigung und Demut, aber es lohnt sich, denn der Freimaurer fühlt sich lebendig und weiß wer er ist.

Das ist sein Gewinn.

Freimaurerei ist, wie gesagt, eine Geisteshaltung, die kann aber ohne bewusstes Handeln nichts bewirken. Das bedeutet: Engagement ist gefordert, ein Einbringen für mich als ganze Person, ehrlich und offen, zuverlässig, gradlinig, berechenbar – und ausdauernd; nicht „schau mer mal“ oder „komme ich heute oder morgen“.

Die Freimaurerloge vermittelt Dir ethische und moralische Werte (übrigens uralte), damit erhältst Du eine innere Struktur und Ordnung und die wird immer von Deinen Brüdern getestet und in Frage gestellt. Das ist oft nervig und manchmal unerfreulich, die Brüder machen es Dir nicht leicht. Aber in den Auseinandersetzungen darüber erkennst Du langsam aber sicher Deinen eigenen Sinn, Deinen eigenen Weg. Das nicht nur für innerhalb der Loge nützlich, sondern auch für Deinen Alltag. Das ist Dein Gewinn. Dein Wesen verfestigt sich, weil Du Deinen Standpunkt erkennst und damit, was Dir wirklich wichtig ist. Du wirst toleranter, verständnisvoller und pflegst einen liebevolleren Umgang in der Familie, im Verein und der Gesellschaft, wo immer Du Dich engagierst. Aber Du lässt nicht mehr alles mit Dir machen.

Das hast Du nun davon, wenn Du Dich zur Freimaurerei bekennst.

Der Freimaurer ist Gestalter, für sich und seine Mitmenschen. Das erfordert Achtsamkeit und ist unbequem.

Also lieber Freund, entscheide, was Du willst, was Dir Gewinn bringt:Willst Du bewusst durchs Leben schreiten? Willst Du Teilnehmer, oder nur Zuschauer sein? Willst Du bewusst entscheiden? Willst Du eine Aufgabe? Willst Du Verantwortung übernehmen?

Der Lohn des Freimaurers, sein Gewinn ist, dass er bewusst am Leben teilnimmt, anstatt die Illusion zu haben, in Freiheit am Leben teilzunehmen. Er wird im Laufe seines Freimaurerlebens mehr und mehr Herr seiner selbst, anstatt in geistiger Unfreiheit, auch wenn das bequem ist, einfach so zu existieren.

Lieber Freund, es spielt für mich keine Rolle, ob Du den Weg in die Freimaurerei gehen willst oder nicht. Du bist und bleibst mir lieb und teuer, ein für mich wertvoller Mensch, mit dem ich auch gerne in Zukunft zusammen sein möchte.

In diesem Sinne bin ich

Dein Freund.“

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Vertrauen und Zutrauen

Balancieren

Vertrauen und Zutrauen zueinander haben eine große Bedeutung in einer Bruderschaft, die sich als Freundschaftsbund versteht, in dem der eine für den anderen einstehen soll. Rolf Keil hat sich seine Gedanken zu dieser besonderen Verbundenheit gemacht.

Vor kurzem haben mir zwei erfahrene Brüder zu verstehen gegeben, wir lebten leider in einer Zeit der Beliebigkeit und müssten uns dem anpassen. Ein anderer sehr geschätzter Bruder sagte mir, seit seiner Jugend hätten sich die Zeiten sehr geändert. Ein Handschlag sei heute nichts mehr wert. Wir müssten mit den Zeiten gehen und uns darauf einstellen. Für mich bedeutet das, eine der zentralen Säulen des Gebäudes der Freimauerei einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Ich meine das Vertrauen, von dem unser Bruder Goethe behauptet, dass auf ihm der Tempel aufgebaut sei.

Was aber ist Vertrauen? Georg Simmel unterscheidet den „mystischen“ Glauben des Menschen an den Menschen von der sozialen Form des Vertrauens. „Bei dieser handelt es sich um einen mittleren Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen, also um eine „Hypothese künftigen Verhaltens“. Diese muss sicher genug sein, um „praktisches Handeln darauf zu gründen“. Martin Hartmann schreibt: „In Akten des Vertrauens gehen wir – optimistisch und in kooperativer Orientierung – davon aus, dass ein für uns wichtiges Ereignis oder eine für uns wichtige Handlung in Übereinstimmung mit unseren Wünschen und Absichten eintritt oder ausgeführt wird, ohne dass wir das Eintreten oder Ausführen dieses Ereignisses oder dieser Handlung mit Gewissheit vorhersagen können.“ (Hartmann, 2004: 487) (Beide Zitate aus Wikipedia)

Zu den ersten und gleichzeitig elementaren Botschaften, die wir dem Aufzunehmenden mitgeben zählt es, dass er uns vertrauen kann und wir auch ihm dieses Vertrauen entgegenbringen werden. Auf der Homepage der Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland lesen wir: Zum Zeichen engster Verbundenheit und Vertrautheit nennen sich die Freimaurer untereinander “Bruder”. Brüderlichkeit und Vertrautheit. Vertrautheit und Vertrauen. Hier begegnen uns Begriffspaare, in denen eine Essenz der Freimaurerei, wie ich sie verstehe, versteckt ist. Man muss eine Vertrautheit haben, um einen Fremden als Bruder aufzunehmen. Diese Vertrautheit wiederum kann es nur geben, wenn ein Grundvertrauen da ist, dass der neue Bruder sich uns gegenüber als solcher verhalten wird.

Ich mache hin und wieder – mit einigen Brüdern meiner Loge – eine Reise nach Edinburgh und besuche die Loge, in der ich Zweitmitglied bin. Bei einer dieser Reisen hatte sich uns ein Bruder angeschlossen, der niemanden von uns persönlich kannte und der mehrere Stunden im Auto verbracht hat, um zu uns zu stoßen. Nichts Schriftliches war notwendig, keine Verträge wurden unterzeichnet und keine Konventionalstrafen wurden ausgehandelt. Der Bruder trat seine Reise an, weil er dem Wort eines Bruders vertraute, der ihm versicherte, es würde für ihn gesorgt. Ich selbst bin vor einiger Zeit nach Hamburg gefahren und ein Bruder, der mich noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, hatte mich vom Zug abgeholt und zu einer Zusammenkunft begleitet. Das hat funktioniert, weil wir einander vertraut haben. Der Bruder Jens Rusch hat seine Arbeitskraft eingesetzt, um der Loge Lessing einen neuen Arbeitsteppich zu malen. Er tat das, weil er einem Bruder vertraut hat, der ihm nur indirekt und von einigen Telefonaten bekannt war.

Für mich ist dieses Grundvertrauen ein, vielleicht sogar das wertvollste, Geschenk, das die Freimaurerei machen kann. Dieses Geschenk habe ich selbst so erlebt und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Vielzahl von Brüdern ebenso ging. Ich habe mich nicht immer und zu jeder Zeit dieses Vertrauens würdig erwiesen, wir sind alle nur Menschen, und wer könnte sagen er hat noch nie gefehlt? Der Punkt für mich ist aber zum einen das stille Eingeständnis, dass ich vom Bild des perfekten Kubus noch weit entfernt bin, zum anderen aber die Bereitschaft zeige, daran zu arbeiten die Lücke zwischen Anspruch und Realität zu verringern.

Wenn wir ein in uns gesetztes Vertrauen enttäuschen, dann bestrafen wir uns selbst, wir schädigen aber auch das Gebäude, dass wir zu errichten trachten, den Tempel der Humanität, dessen Mörtel ja aus Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit besteht, um freimaurerische Metaphern zu verwenden.

Vertrauen und Verlässlichkeit sind untrennbar. Sie werden mitunter bedroht von den Tücken der digitalisierten Gesellschaft. Ich empfinde das Internet und auch die maurerische Onlinewelt insgesamt als große Bereicherung, die aber auch voller Fallstricke ist. Die Gefahr, sich in einer Vielzahl von überwiegend belanglosen Informationen zu verlieren, ist hoch. Facebook hat das Ganze noch potenziert. Wie schnell habe ich irgendetwas angeklickt und „geliked“, weil ich die Idee gut fand. Kurze Zeit später ist das Ganze aus meinen Gedanken verschwunden, ich bin mittlerweile von irgendetwas anderem okkupiert. Das ist an sich nicht problematisch, es wird aber dann zum Problem, wenn das die Handlung eines anderen beeinflusst. Aus enttäuschten Erwartungen entsteht Frustration, Ärger, Enttäuschung und das Gefühl missbrauchten Vertrauens, weil eben ein für uns wichtiges Ereignis oder eine für uns wichtige Handlung nicht in Übereinstimmung mit unseren Wünschen und Absichten eingetreten ist.

Ich möchte, dass wir uns immer wieder aufs Neue bewusstmachen, dass Brüderlichkeit und Vertrautheit, auch online, die Grundvoraussetzung unseres „Zusammenlebens“ ist. Es ist aber, jedenfalls in der Freimaurerei, wie ich sie kenne und auch versuche zu leben, alles andere als normal. Normal ist für mich und ich habe es auch erlebt, dass in Stunden der Not Büder da waren, die bereit sind aufzufangen und zu schützen. Ich habe oft erlebt, dass ich als Fremder gekommen und eine sehr herzliche und warme Aufnahme gefunden habe, verbunden mit einem Vorschuss an Vertrauen. Wenn man so will, eine positive Unterstellung gegenüber einem völlig Fremden.

Wir leben in einer Zeit der Beliebigkeit und wir müssen uns darauf einstellen, argumentiert mein Bruder. Ich glaube es nicht.

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