Ansprache Freimaurerei von Prof. Dr. Norbert Lammert

Prof. Dr. Norbert Lammert kurz vor seiner Ansprache im Hamburger Rathaus

Prof. Dr. Norbert Lammert kurz vor seiner Ansprache im Hamburger Rathaus

Am 8. Mai 2017 hielt Prof Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, eine denkwürdige Rede zum 300. Jahrestag der Freimaurerei im Hamburger Rathaus. Nun liegt uns der vollständige Text zur Veröffentlichung vor.

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Zeit, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: nein!“ Dieser schöne Satz ist leider nicht von mir, er stammt von Kurt Tucholsky, einem bekennenden Freimaurer, und bringt in seltener Prägnanz eine Erfahrung zum Ausdruck, die quer durch die Menschheitsgeschichte bis in die heutigen Tage hinein immer wieder zu machen war. Es ist ein schöner Zufall, dass dieser festliche Empfang aus Anlass des dreihundertsten Jahrestages der Freimaurerbewegung an einem 8. Mai stattfindet. Der 8. Mai ist nicht nur, der Bürgermeister hat darauf hingewiesen, der Tag der Befreiung nach der ebenso bitteren wie glücklichen Niederlage des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Der 8. Mai ist auch der Tag, an dem der Parlamentarische Rat in Bonn nach achtmonatigen Beratungen das Grundgesetz verabschiedet und damit den ersten und wichtigsten Baustein für den Neubau gelegt hat, der nach der größten Verirrung in der deutschen Geschichte ebenso nötig war wie glücklicherweise möglich wurde. Dieses heute erstaunlicherweise völlig unangefochtene Grundgesetz ist damals übrigens keineswegs einstimmig verabschiedet worden, sondern gegen die Stimmen der KPD und der CSU, was dem Inkrafttreten dieser Verfassung und seiner Erfolgsgeschichte nachweislich nicht im Wege gestanden hat. Und es war auch ein 8. Mai., nämlich der 8. Mai 1521, als Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Worms die Reichsacht über Martin Luther verhängte, der sich geweigert hatte, die Thesen zu widerrufen, die die Bewegungen in Gang setzten, an deren 500. Jahrestag wir in diesem Jahr erinnern.

Meine Damen und Herren, die Freimaurer stehen mit den 300 Jahren, an die Sie und wir heute erinnern, nicht nur zeitlich, sondern auch gedanklich irgendwo zwischen den Zwängen des Mittelalters und den Freiheitserwartungen und Freiheitsversprechungen der Neuzeit. Ihre gedanklichen Bezüge gehen auf das ausgehende Mittelalter zurück, und es macht schon Sinn, daran zu erinnern, dass ein ganz wesentlicher handfester Anlass für das Entstehen dieser Bewegung die Erfahrung war, dass Baumeister, Steinmetze, Gesellen wie Lehrlinge an den Bauhütten, den großen Baustellen des Mittelalters, vornehmlich den großen Domen und Kathedralen und Kirchen, außerhalb der Zünfte standen und damit in das wohlgefügte System von Ansprüchen und Privilegien nicht einbezogen waren.

Es hat ganz wesentlich mit der Erfahrung der Ausgrenzung zu tun, des nicht Einbezogenseins in eine solche, damals für beinah unanfechtbar gehaltene gesellschaftliche Ordnung, was das Entstehen dieser Bewegung begünstigt, vielleicht auch erfordert hat. Später wurde der in den Logen gepflegte Freiheitsgedanke Anziehungspunkt auch für Menschen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen und Professionen. Viele Staatsmänner, Aristokraten, Literaten, Künstler, Musiker, Wissenschaftler kennzeichnen die Geschichte der Freimaurerei über diese 300 Jahre hinweg. Heute gibt es weltweit geschätzt etwa sechs Millionen Freimaurer. Das ist mehr, als ein gutes halbes Dutzend der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union an Einwohnern haben. In Deutschland gibt es heute circa 15.000 Freimaurer in etwa 500 Logen, die allesamt für sich und ihre Mitglieder den Anspruch erheben, über die Grenzen von sozialer Herkunft, Nationalität, Sprache, Religion und Kultur hinaus sich gleichen Werten und Pflichten verbunden zu fühlen.

Prinzipien lassen sich leichter loben als leben.

Von Zeitumständen und damit verbundenen Irrtümern und Irrwegen blieben auch die Freimaurer nicht verschont. Prinzipien lassen sich leichter loben als leben. So finden sich im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik auch unter ihnen aggressiver bellizistischer Nationalismus und völkisches Denken und später sogar eine gewisse Nähe, jedenfalls gelegentlicher Anbiederung an den nationalsozialistischen Zeitgeist, bis hin zur Einführung von Arierparagraphen in manchen Logensatzungen – so, wie es umgekehrt in manchen Logen auch ein beachtliches Maß an Widerspruch und mehr oder weniger handfesten Widerstand gab und Freimaurer, etwa Ossietzky, den der Bürgermeister bereits zitiert hat, Opfer der Diktatur wurden, aber eben nicht als Freimaurer, sondern als Juden oder als politisch Andersdenkende. Die Versuche, sich in dieser oder jener Weise den damaligen Machthabern anzupassen, halfen nicht. Die Nationalsozialisten verboten die Freimaurerei 1935 als staatsfeindlich, die Logenhäuser wurden beschlagnahmt.

Es ist, wenn überhaupt, wieder ein schöner Zufall, dass beinahe unmittelbar im Anschluss an die Formulierung des Grundgesetzes und sein Inkrafttreten in der Frankfurter Paulskirche am 19. Juni 1949 Grundsätze der Freimaurerei neu formuliert und proklamiert wurden. In denen findet sich dieser Hinweis: „Der Freimaurer erkennt im Weltenbau in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen einen göttlichen Schöpfergeist voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Die Freimaurerei ist ein ethischer, kein politischer Bund und beteiligt sich nicht an politischen oder konfessionellen Parteikämpfen. Sie ist keine Religionsgemeinschaft, keine geheime Verbindung, verlangt keine gesetzwidrige Verschwiegenheit und vermittelt keine geheimen Kenntnisse.“

Die großen Prinzipien, die Werte und selbstgesetzten Pflichten, auf die sich Freimaurer verpflichtet haben, sind heute längst zu unangefochtenen Gestaltungsprinzipien freiheitlicher Gesellschaften und demokratischer Staaten geworden. Mit dem fast unvermeidlichen Risiko, dem eigentlich alle Überzeugungen und Orientierungen zum Opfer zu fallen drohen, dass je unangefochtener sie geworden sind und für umso selbstverständlicher sie gehalten werden nicht nur das Bewusstsein ihrer Bedeutung zu verblassen droht, sondern man sich auch, wenn überhaupt, nur noch ungern der Mühe unterzieht, über die Bedingungen ihrer Realisierung und gelegentlich auch über das Spannungsverhältnis zwischen diesen Prinzipien Rechenschaft zu geben. 

Wie viel Freiheit braucht ein Mensch, und wie viel erträgt er?

Wie viel Freiheit braucht ein Mensch, und wie viel erträgt er? Was bringen Menschen an Freiheit in eine Gesellschaft ein, und wie viel Freiheit muss und darf eine Gesellschaft Menschen zumuten? Wie lässt sich der Anspruch auf Freiheit mit dem gleichzeitigen Anspruch auf Gleichheit verbinden? Wie können in ein und derselben Gesellschaft Menschen zugleich frei und gleich sein? Ist das Toleranzgebot die Brücke zwischen dem einen und dem anderen? Und wie weit reicht dann eine solche Selbstverpflichtung? Muss man auch Intoleranz tolerieren, weil sie auch Ausdruck von Freiheit zu sein scheint? Welchen Respekt verdienen diejenigen, die Minderheiten nicht respektieren? Wie viel Einheit braucht eigentlich eine Gesellschaft, die Vielfalt ermöglichen soll und will?

Meine Damen und Herren, zu jeder dieser Fragen ließen sich jetzt mehr oder weniger kluge Betrachtungen anstellen. Ich will mich auf ein paar Hinweise beschränken und damit beginnen, dass nach meiner festen Überzeugung Menschen, wo immer sie leben und gelebt haben, Orientierungen brauchen, weil sie Halt brauchen, wenn sie sich im Leben behaupten wollen. Dass das so ist und sich wiederum quer durch die Menschheitsgeschichte immer wieder in gleicher und anderer Weise beobachten lässt, ist ziemlich offenkundig. Dass auch Gesellschaften Orientierungen brauchen, gemeinsame Überzeugungen, gar Verbindlichkeiten, um die Unterschiede zu ertragen, die es gibt, und weder aufgegeben werden müssen noch aufgegeben werden sollen, leuchtet eigentlich auch ein, wird aber immer wieder gern bestritten, weil wir Verbindlichkeiten nicht mögen, die der Freiheit Grenzen setzen. Umso wichtiger ist die ungemütliche Einsicht, dass Freiheit Bindungen voraussetzt. Das vielleicht am weitesten verbreitete Missverständnis von Liberalität ist die Erwartung, dass in wirklich liberalen Gesellschaften nichts unbedingt gilt. Liberal ist eine Gesellschaft tatsächlich nur, wenn es die Einsicht gibt und diese auch durchgesetzt wird, dass es ein Mindestmaß an Verbindlichkeiten gibt, ohne die eine Gesellschaft ihre Unterschiede gar nicht aushalten würde, und dass insofern diese Verbindlichkeiten Voraussetzung der Möglichkeit von Freiheit sind.

Toleranz ist inzwischen zweifellos eine der populärsten und zugleich folgenlosesten Begriffe unserer Zeit geworden.

Ich will ein paar Bemerkungen zur Toleranz machen. Toleranz ist inzwischen zweifellos eine der populärsten und zugleich folgenlosesten Begriffe unserer Zeit geworden. Fragt man Google, was man sich unter ‚Toleranz‘ vorzustellen habe, werden dort fast zehn Millionen Ergebnisse angezeigt. Das allein ist ein starkes Indiz dafür, dass weder der Begriff unmissverständlich ist noch die damit verbundenen Sachverhalte. Wie ist dieser Begriff überhaupt in die deutsche Sprache gekommen? Sie vermuten richtig: durch Luther. Er hat den alten lateinischen Begriff der ‚Toleranzia‘ in die deutsche Sprache übertragen und eingeführt. Dass unter den thematischen Schwerpunkten der Luther-Dekade, die uns nun über zehn Jahre hinweg auf das große fünfhundertjährige Reformationsjubiläum zugeführt hat, neben der Sprache und der Musik die Toleranz eines der Schwerpunkthemen war, hängt nicht nur mit der überragenden Bedeutung der Toleranz oder Selbstverständnis moderner Gesellschaften zusammen, sondern mit der Vernachlässigung dieses Anspruchs im Alltag der Menschheitsgeschichte. Toleranz ist nicht das herausragende Merkmal der Geschichte, auch nicht der Kirchengeschichte, weder vor noch nach der Reformation. Religionen haben, wie wir immer wieder schmerzlich feststellen können, ein ambivalentes Verhältnis zur Toleranz. In der Lehre vermitteln sie Toleranz, in der Praxis verweigern sie Toleranz – nicht immer, aber jedenfalls erstaunlich oft, nach innen wie nach außen. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, und da sind wir in den Gründungszeiten der Freimaurerbewegung, die ihre wesentlichen Einsichten weitgehend gegen den erbitterten Widerstand der Kirche durchsetzen musste, wurde die Freiheit des Menschen, auch die Freiheit des Christenmenschen, als individuelle Freiheit des Bürgers gegenüber dem Staat, auch gegenüber den Kirchen, reklamiert und durchgesetzt.

Die menschheitsgeschichtlich betrachtet späte Einsicht der Aufklärung in die Aussichtslosigkeit einer abschließenden Beantwortung der Wahrheitsfrage hat Demokratie nötig und möglich gemacht. Würde man die Wahrheitsfrage verlässlich und für jeden nachvollziehbar verbindlich beantworten können, brauchte man die Mehrheitsentscheidung nicht, die demokratische Entscheidungsprozesse prägen. Deswegen gehört es auch zu den ebenso ärgerlichen wie hartnäckigen Missverständnissen etablierter demokratischer Systeme, dass sich Mehrheiten angewöhnt haben, das Vorhandensein dieser Mehrheit für den Nachweis der Wichtigkeit ihrer Meinungen auszugeben. Wenn sie die Richtigkeit Ihrer Meinung nachweisen können, hätte die Abstimmung gar nicht stattfinden möchten. Wer sich, wieder anders formuliert, an Abstimmungen beteiligt, räumt damit ein, dass er auch für sich nicht den Nachweis der Überlegenheit seiner Position gegenüber möglichen anderen führen kann und bestreitet insofern legitimerweise einen möglichen ähnlichen Anspruch anderer. Das, was mit Mehrheit entschieden wird, gilt. Es ist deswegen aber nicht unbedingt richtig. Deswegen gilt es übrigens auch nur so lange, bis eine Mehrheit etwas Anderes beschließt, was dann übrigens wiederum nicht richtiger sein muss, aber vorläufig gilt. Unter den Bedingungen unseres heutigen – wie wir uns mindestens einbilden – aufgeklärten modernen Staats- und Gesellschaftsverständnisses sind Freiheit und Toleranz Geschwister. Die Toleranz ist gewissermaßen der größere Bruder der Freiheit, die ohne die Bereitschaft zur Toleranz jedenfalls keine allgemeine Freiheit sein kann, sondern bestenfalls die zum Standard erhobene Umsetzung von je eigenen, persönlichen Freiheitsvorstellungen, die für allgemein und zugleich für alle verbindlich erklärt werden. Wer wirklich individuelle Freiheit will, muss zur Toleranz bereit sein und in der Lage sein. Oder er muss auf Freiheit verzichten.

Toleranz, und wo hört sie auf? Toleranz beginnt immer mit der Erfahrung des anderen, des anderen Menschen, seiner jeweils besonderen Eigenarten, seiner Veranlagungen, seiner Interessen, seiner Auffassungen und Meinungen, seiner Ziele und Bedürfnisse. Toleranz ist nicht die schlichte Kenntnis oder Kenntnisnahme, dass etwas so ist, wie es ist, sie ist vielmehr die Duldung des anderen. Sie ist auch mehr als die Duldung des anderen, weil es sich ohnehin nicht verändern lässt oder vermeiden lässt. Toleranz ist Akzeptanz des jeweils anderen, die Bereitschaft zu verstehen, warum es so ist, wie es ist, und sich darauf einzulassen, das Andere möglich werden zu lassen. Toleranz darf allerdings nicht die kopflose Legitimation für Rücksichtslosigkeit sein. Die Grenzen der Toleranz sind spätestens dann erreicht, wenn es um Anwendung oder Androhung von Gewalt geht, um Terror, auch Gesinnungsterror, um Diskriminierung oder Privilegierung, soweit diese nicht in der Sache geboten und begründet sind.

Deshalb ist es im Namen der Toleranz erlaubt und manchmal dringend geboten, Intoleranz nicht zu tolerieren.

Voltaire, den der Bürgermeister vorhin schon einmal zitiert hat, hat dazu einen klugen Satz formuliert, der beinahe als Kommentar zu manchen Verirrungen aktueller politischer Auseinandersetzungen gelesen werden kann: „Hat der Fanatismus das Gehirn einmal verpestet, so ist die Krankheit fast unheilbar.“ Diese fast 300 Jahre alte Einsicht können wir im Europa des 21. Jahrhunderts mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit machen. Nicht alles, meine Damen und Herren, was sich als Toleranz ausgibt, genügt höheren Ansprüchen. Toleranz ist nicht immer und überall weise, sie kann auch dumm sein, blind, bequem, leichtfertig, gefährlich, manchmal lebensgefährlich. Deshalb ist es im Namen der Toleranz erlaubt und manchmal dringend geboten, Intoleranz nicht zu tolerieren.

Ich will ein paar Sätze zur Brüderlichkeit sagen, dem schönen, dritten Prinzip der Französischen Revolution, das ein Anliegen und eine Einsicht aufgreift, die auch mindestens so alt ist, wie die Menschheitsgeschichte über sich selbst nachzudenken begonnen hat, und die über das gesamte Mittelalter in philosophischen und theologischen Schriften unter dem Stichwort ‚Gerechtigkeit‘ immer wieder nach vorne und hinten und rechts und links und oben und unten durchleuchtet worden ist. Die Schwierigkeiten mit dem Thema beginnen schon damit, dass wir nicht wirklich wissen, was „Gerechtigkeit/Brüderlichkeit“ ist. Immerhin wissen wir, dass es sie geben soll. Und deswegen versuchen wir ständig neu, mit Präzisierungen und Konkretisierungen wenigstens Aspekte hervorzuheben, die uns besonders bedeutsam erscheinen. Bedarfsgerechtigkeit: Gerecht ist, wenn sichergestellt ist, dass jeder seinen Bedarf decken kann. Leistungsgerechtigkeit: Gerecht ist eine Gesellschaft dann, wenn jeder das erhält, was seiner Leistung entspricht. Verteilungsgerechtigkeit: Den Anspruch auf eine gerechte Gesellschaft kann man vielleicht dann erheben, wenn das, was eine wie auch immer geartete Anzahl von Menschen gemeinsam erarbeitet und erwirtschaftet, fair verteilt wird. Teilhabegerechtigkeit: Gerecht ist, wenn alle prinzipiell die gleiche Möglichkeit haben, an der Erarbeitung und an der Verteilung dessen teilzuhaben, was in einer Gesellschaft erarbeitet wird. Chancengerechtigkeit: Gerecht ist eine Gesellschaft nur dann, wenn alle die gleiche Chance haben, an dem mitzuwirken, was in einer Gesellschaft geschieht, was in ihr erwirtschaftet wird und anschließend verteilt wird. Jede dieser gerade beispielhaft genannten Vorstellungen von Gerechtigkeit ist nicht nur gut gemeint, sie bilden auch einen zweifellos wesentlichen Aspekt unseres Gerechtigkeitsdenkens ab. Und dennoch ahnen wir, dass in keiner dieser Konkretisierungen der Gerechtigkeitsbegriff voll aufgeht, obwohl oder gerade weil jeder dieser einzelnen Aspekte seine eigene innere Logik, seine eigene innere Berechtigung hat. Wieso ist es gerechter, nach Bedarf zu verteilen als nach Leistung? Und wie entwickelt sich wohl eine Gesellschaft, wenn sie nicht nach Leistung, sondern nach Bedarf verteilt? Umgekehrt: Warum soll eine leistungsgerechte Verteilung ganz offenkundig gerechter sein als eine bedarfsorientierte?

Was ist gerecht? Was ist verantwortlich? Wie sieht eine brüderliche Gemeinschaft oder Gesellschaft aus?

Der Sammelbegriff ‚Soziale Gerechtigkeit‘, mit dem sich vor allem Politiker und Journalisten, gelegentlich übrigens auch Theologen, Herr Weihbischof, über die Schwierigkeiten der Abgrenzung dieser verschiedenen Aspekte des gleichen Gerechtigkeitspostulats hinwegzuhelfen versuchen, macht bei genauem Hinsehen nichts klarer. Er ergänzt vielmehr den nicht hinreichend eindeutigen Gerechtigkeitsbegriff durch ein ebenso wenig eindeutiges Adjektiv – in der treuherzigen Hoffnung, dass die Verbindung von zwei Unschärfen das Bild deutlich macht. Was ist gerecht? Was ist verantwortlich? Wie sieht eine brüderliche Gemeinschaft oder Gesellschaft aus? Was ist nicht nur als Parole gerecht oder brüderlich, sondern gerecht oder brüderlich als verantwortbarer Beitrag für die realen Lebensbedingungen in einer realen Gesellschaft? Das Thema ist unerschöpflich. Mir scheint, wenn überhaupt, nur dies offensichtlich: Dass die Frage nicht abschließend zu beantworten ist, sondern immer wieder neu gestellt und immer wieder neu beantwortet werden muss. Dabei hat die Politik aber keineswegs eine exklusive Rolle und Verantwortung. Die Politik ist nicht besser als andere in der Lage zu erklären und zu klären, was Gerechtigkeit ist. Sie ist ganz sicher auch nicht allein in der Lage, Gerechtigkeit herzustellen, schon gar nicht, wenn die Frage, woran man das misst, nicht ein für allemal eindeutig und abschließend zu beantworten ist. 

Wenn das aber so ist, dann darf man das Bemühen um Gerechtigkeit oder Brüderlichkeit nicht allein der Politik, nicht allein Parlamenten und Regierungen überlassen, sondern dann müssen sich möglichst viele daran beteiligen und entsprechend den Möglichkeiten, die dieses Land, diese Demokratie, unsere Verfassung eröffnen, ihren Einfluss, ihren Sachverstand, ihr Engagement und natürlich auch ihre Interessen geltend machen. Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, ebenso wenig wie absolute Wahrheit, und absolute Freiheit übrigens auch nicht. Man muss sie suchen in der Gewissheit, sie nicht zu finden. Aber die Suche lohnt, weil wir zwar nicht wissen, was Freiheit oder Gerechtigkeit und eine freie und zugleich gerechte Welt ist, wir aber den Anspruch nicht aufgeben dürfen, sie zu finden.

Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Maß an Freiheit und welches Maß an Ungleichheit eine Gesellschaft zulässt und erträgt.

Eine letzte Bemerkung zu Verhältnis von Freiheit und Gleichheit: Für unsere Gesellschaft unter dem Grundgesetz gilt, dass sie den Gleichheitsgrundsatz als eines ihrer Verfassungsprinzipien normativ wie eine Flagge vor sich herträgt und gleichzeitig ein statistisch wachsendes Maß an Ungleichheit registriert. Das ist keine banale Situation. Sie wird auch nicht dadurch unerheblich, dass wir nun mal in unserer Verfassung sowohl das Freiheitsprinzip und damit die Möglichkeit der Selbstentfaltung der Menschen garantieren, als auch auf dem Gleichheitsgrundsatz bestehen. Die beiden Prinzipien stehen sich schon als solche wechselseitig kräftig im Wege und lassen sich offenkundig nicht gegeneinander aufwiegen. Wir müssen uns nicht nur, aber insbesondere natürlich in der Politik mit der Frage auseinandersetzen, welches Maß an Freiheit und welches Maß an Ungleichheit eine Gesellschaft zulässt und erträgt. Ich persönlich, jetzt wird es ein bisschen riskant, ich persönlich glaube nicht, dass es ein generelles Bedürfnis nach Gleichheit der Lebensverhältnisse gibt. Anders formuliert: Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Menschen mit der Erfahrung der faktischen Ungleichheit von Menschen relativ gut zurande kommen. Weil sie diese Erfahrung buchstäblich von Kindesbeinen an machen, dass Kinder und Erwachsene nicht gleich sind, dass Jungen und Mädchen nicht gleich sind, dass selbst Gleichaltrige nicht gleiche Interessen und Veranlagungen haben, dass sie nicht unter gleichen, sondern unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen. Dass die Menschen dem Gleichheitspostulat zum Trotz nicht gleich sind, sondern ungleich, ist den meisten nicht nur bewusst, sondern damit kommen sie in der Regel zurande. Vielleicht, noch etwas leiser gesagt, gehört die faktische Ungleichheit sogar zu den Vorzügen der Schöpfung. Die Menschheit befände sich in einer völlig anderen Verfassung und vermutlich nicht in einer besseren, wenn alle Menschen faktisch gleich wären. Die Erfahrung der Ungleichheit ist möglicherweise eine der wichtigsten Vitalitätsquellen der Menschheit, auch und gerade wegen der damit verbundenen Frustrationserfahrung. Das Problem ist, glaube ich, nicht die Erfahrung, dass Menschen ungleich sind. Ungleichheit wird aber immer dann zu einem Problem, wenn es keinen plausiblen, nachvollziehbaren Zusammenhang ergibt zwischen individueller Leistung und individuellem Einkommen und Vermögen. Und da reden wir jetzt über kein theoretisches, philosophisches Problem, sondern über ein handfestes gesellschaftspolitisches Problem, wenn der Eindruck entsteht, dass selbst bei verweigerter Leistung oder bei nachgewiesener dauerhafter Fehlleistung die Bezahlung oder Abfindung besonders üppig ausfallen, diese Strapazierung von Freiheit und Gleichheit hält auf Dauer keine Gesellschaft aus. Es treibt sie auseinander und hält sie eben nicht beieinander.

Deshalb, auch deshalb, benötigt eine freiheitliche Gesellschaft nicht nur demokratisch gewählte Parlamente und politisch verantwortliche Regierungen, sondern auch eine aktive Bürgergesellschaft. In der wechselseitigen Zuordnung und Verbindung von Bürgerengagement und verfassten demokratischen Institutionen darf das jeweils eine das andere nicht ersetzen. Die erste demokratische Tugend ist Verantwortung. Verantwortung für sich selbst, für die unmittelbare Umgebung, aber auch Verantwortung für das eigene Land, die eigene Stadt, die eigene Gesellschaft. Dies gibt es glücklicherweise in unserer Gesellschaft in einem ähnlich erstaunlichen Maße, wie sich die demokratischen Institutionen unseres Landes nach allerdings traumatischen Erfahrung in einer bemerkenswerten Weise gefestigt haben.

Und deshalb verbinde ich meine Glückwünsche zu diesem stolzen Jubiläum mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass sich in den nächsten 300 Jahren diese Prinzipien von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit und Toleranz als Voraussetzungen einer humanen Gesellschaft unangefochtener durchsetzen, als das über den mit Abstand größeren Teil der letzten 300 Jahre zu beobachten war.

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Freimaurerei in der Tradition von Humanismus und Aufklärung

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann beim Vortrag in Dresden 2017

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann beim Vortrag in Dresden 2017

Anlässlich des Großlogentreffens 2017 in Dresden hielt Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann als Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D. einen Vortrag zum Selbstverständnis und der Praxis der humanitären Freimaurerei in Deutschland.

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann

I.

Was hat die Freimaurerei uns heute zu sagen?“ – So lautet die Leitfrage der heutigen Veranstaltung. Ich nehme sie auf und versuche, sie inhaltlich zu akzentuieren:

  • Wie kann die Freimaurerei heute – nach 300 Jahren einer wechselhaften, phasenweise dynamisch-expansiven, zuweilen aber auch diffusen und stagnierenden Geschichte – als sozial und kulturell bedeutsame Gemeinschaft, Idee und symbolisch-rituelle Ausdrucksform verstanden und nach innen und außen überzeugend praktiziert werden?
  • Wie kann die Freimaurerei Menschen ansprechen, die humanistische Werte bejahen, mitmenschlich handeln wollen und für ihr Leben Sinn suchen?
  • Um welche Kultur der Geselligkeit, um welche konzeptionellen Grundlagen, um welche soziale, moralische und rituelle Praxis hätte sich eine solche Freimaurerei zu bemühen?

Vermutlich gibt es mehr als eine Antwort auf diese Fragen, und je offener und innovativer die Freimaurer (und inzwischen ja auch die Freimaurerinnen) in den von ihnen geführten Diskursen über Gegenwart und Zukunft ihres Bundes sind, desto eher wird es gelingen, Entwürfe zu erarbeiten, die einerseits bewährten Überlieferungen der freimaurerischen Tradition folgen, andererseits aber auch den Strukturen und Problemen der Gegenwart entsprechen.

Meine Leitvorstellungen für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei sind an den Traditionen von Humanismus und Aufklärung orientiert, wie es meine – und unser aller – freimaurerische Heimat, die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, ja auch vermuten lässt.

Freilich scheint mir dabei, dass das innerhalb der Großloge üblich gewordene formelhafte Bekenntnis zu diesen Traditionen in seiner bisherigen Form nicht befriedigen kann. Bloße Deklarationen reichen nicht aus. Es genügt auch nicht, sich primär mit humanistisch-aufklärerischen Überlieferungen zurück liegender Epochen zu beschäftigen, so wichtig diese konzeptionellen Vergangenheiten auch sind: Was Humanismus und Aufklärung heute bedeuten, was ihre Inhalte, was ihre Quellen und Bezüge in der Gegenwart sind und auf welche Weise sie der Freimaurerei im Hier und Jetzt der zur digitalen Gesellschaft werdenden Moderne Profil geben, insbesondere auch der Praxis der Freimaurerei, das – so scheint mir – sollte viel klarer erarbeitet und kommuniziert werden als bisher.

Die freimaurerische Erzählung für die Gegenwart bedarf neuer Inhalte und einer neuen Struktur, und sie hat sich vor allem auf Überzeugungskraft, auf Deutlichkeit, auf Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft, auf Wirksamkeit und Praxis zu konzentrieren, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die – aufbauend auf den alten Erzählungen von Freiheit, von Selbstbestimmung, von Wert und Würde des Menschen – einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat. Freilich wäre dieser Humanismus ohne die spirituelle Dimension des freimaurerischen Rituals einseitig, flach und sowohl emotional als auch intellektuell verkürzt.

Freundschaft, Ethik und Ritual – so habe ich immer wieder zu begründen versucht – gehören untrennbar zusammen: Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, und wenn es etwas gibt, was Wesen, Charme und Alleinstellung der Freimaurerei ausmacht, so ist es dieses „Drei-in-eins“ von Gemeinschaft, ethischer Orientierung und ritueller Spiritualität.

Im Konzept einer Humanistischen Freimaurerei, so wie ich sie verstehe, sind die Logen Wertegemeinschaften und keine Glaubensgemeinschaften. Sie sind auch keine esoterischen Zirkel.

Freimaurer teilen Werte, Werte, die sich auf den Menschen beziehen. Freimaurer müssen übereinstimmen in den Überzeugungen, aus denen heraus sie als Menschen und Brüder handeln. Freimaurer müssen aber nicht im Hinblick auf die Quellen übereinstimmen, aus denen sich diese Werte für jeden Einzelnen von uns begründen, wie zum Beispiel einen religiösen Glauben. Nicht warum ein Mensch moralisch denkt und handelt, ist entscheidend, dass er moralisch denkt und handelt und dass er mit seinen Brüdern eine gemeinsame Basis für dieses Handeln findet – darauf kommt es an.

Wichtig für mich ist, dass Humanistische Freimaurerei heutzutage auch säkular verstanden werden kann, und dass das Recht, ihren Bund auch auf diese Weise zu verstehen, den Freimaurern – von wem auch immer – nicht abgesprochen werden darf. Herauszuarbeiten, was freimaurerische Säkularität bedeutet, was ihre Dimension, aber auch ihre Grenze ist, ist für mich eine der zentralen Gegenwartsaufgaben einer sich humanistisch begründenden Freimaurerei.

II.

Was sind die Bausteine einer Freimaurerei auf der Grundlage von Humanismus und Aufklärung? Für mich findet diese Freimaurerei in einem vierfachen Selbstverständnis ihren Ausdruck, das sich in einer gleichsam viersäuligen Baustruktur niederschlägt, wobei sich diese vier Grundpfeiler gleichrangig miteinander verbinden:

Erstens:

Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Freimaurerei Pflege von Freundschaft und Geselligkeit. Die Logen der Freimaurer sind Gemeinschaften, die – so ja schon die „Alten Pflichten“ – „gute und redliche Männer, Männer von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen“, d.h. über alle weltanschaulich-religiösen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg als Freunde verbinden wollen. Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen und Menschengruppen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer zunehmenden Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität – wir können doch wirklich ein Lied davon singen heutzutage – übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden.

Freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, Karitas, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, Diskurse über ethisch-moralische Fragen.

Die Geselligkeit der Logen ist ebenso traditionsreich wie komplex: freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, Karitas, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, Diskurse über ethisch-moralische Fragen: Durch all das wollten und sollten schon die Bürger und Brüder der Aufklärungszeit Tugend und Bildung einüben und – als Vorbild für die gesamte Menschheit – zu besseren Menschen werden.

Zweitens:

In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimaurer ethisch orientierte Assoziationen, in denen gemeinsam laut nachgedacht werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation zu moralischem Handeln ausfindig zu machen. Freimaurer stimmen darin überein, dass sie Werten verpflichtet sind, die sie – im Sinne eines Orientierungsrahmens – mit alten humanistisch-aufklärerischen Begrifflichkeiten wie Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe umschreiben.

Freimaurer bemühen sich darum, für diese Werte zeitgemäße Ausdrucksformen zu erarbeiten und auf dieser Grundlage an gesellschaftlichen Diskursen und moralischer Praxis auch außerhalb der Loge teilzunehmen. Die Dimensionen eines solchen, ja auch rituell begründeten Außenauftrags der Freimaurerei bedürfen freilich dringend einer weiteren Klärung.

Drittens:

Die Logen der Freimaurer bieten einen auf Symbole und Rituale gegründeten spirituellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder verankert werden.

Das Ritual ist keineswegs die ganze Freimaurerei, doch es ist das, was Freimaurerei von anderen Bünden mit humanitärer Einstellung unterscheidbar macht. Was ist unser Ritual und was ist es nicht? Was müssen wir vom Ritual im Inneren bekräftigen und nach außen sagen, damit es nicht immer wieder von den Bilderwelten obskurer Mythen gleichsam aufgesogen wird?

Hierzu ein paar Stichworte, die mir am Herzen liegen:

Das Ritual lehrt durch Symbole und rituelle Handlungen und rundet so die soziale und diskursethische Praxis der Loge durch eine die Gesamtperson des Bruders erfassende und verändernde spirituelle Dimension ab. Initiationen, performatives Sprechen und Handeln sowie mimetisches Lernen sind hierbei die wesentlichen Elemente. Das Ritual lässt die Werte des Bundes, die Beziehungen der Brüder, die Chancen für die eigene innere Entwicklung sinnlich und emotional erfahren. Das Ritual öffnet das Bewusstsein des Maurers für ein Wahrnehmen bisher verborgen gebliebener Schichten der Persönlichkeit.
Dadurch vermittelt es nicht nur Denkanstöße, sondern es wird auch zum Medium der Selbsterfahrung und der Selbstentwicklung.

Allerdings: Das Ritual besitzt keinen Offenbarungscharakter, es vermittelt keine Heilslehren, und es hat keine magische Qualität. Schließlich und ganz deutlich: Das Ritual begründet keine Religion, und es sollte auch keine ersatzreligiösen Funktionen übernehmen.

Viertens schließlich:

Durch die Zusammenfassung der drei vorgenannten Elemente Freundschaft, Ethik und Ritual in einem auf einander abgestimmten Gesamtkonzept wird Freimaurerei zu einer Lebenskunst der Praxis. Freimaurerische Lebenskunst zielt darauf hin, zum Gelingen des Lebens beizutragen, nicht zuletzt durch ihre wesentliche Eigenschaft, Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln: Stile des Umgangs mit sich selbst wie Selbstrespekt, Selbsterkenntnis und Selbstkritik; Stile des Umgangs mit anderen Menschen wie Mitmenschlichkeit und tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose; Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt wie Verantwortung übernehmen für Mitmenschen, Gesellschaft und Umwelt; schließlich Stile des Umgangs mit Transzendenz, was im Grunde genommen meint, im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.

Die Logen sind vielmehr in erster Linie ethisch orientierte Freundschaftsbünde.

Insgesamt ist Freimaurerei nach meinem Verständnis somit keineswegs primär Kultgemeinschaft oder gar religiöse Vereinigung, wie dies gelegentlich postuliert wird. Die Logen sind vielmehr in erster Linie ethisch orientierte Freundschaftsbünde, in denen sich humanistische Gesinnung und humanitäre Praxis im Sinne einer auch im Alltag tauglichen Lebenskunst entfalten können.

Allerdings: Trotz aller Abgrenzung gegenüber der Religion war die Entwicklung der Freimaurerei von Anfang an in starkem Maße von religiösen Diskursen bestimmt. Und diese Diskurse müssen im Sinne notwendiger Klärungen und Festlegungen auch weiter geführt und zu einem klärenden Abschluss gebracht werden – und zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext.

III.

Mir stellt sich das Verhältnis zwischen Humanistischer Freimaurerei und Religion – in fünf Thesen gefasst – folgendermaßen dar:

1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel, noch Theologie und Dogma.

2. Freimaurer haben keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.

Freimaurerei ist offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne.

3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn die Bibel im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, so sollte sie daher nach meinen Vorstellungen da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige, 2. Chronik).

4. Freimaurerei ist offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne.
Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie als Freimaurer mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.

5. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst, andererseits ist Freimaurerei keine Institution des Kirchenkampfes. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist: die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

IV.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für die Freimaurerei unserer Großloge von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen heutigen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Welt sowie eine gerechte und nachhaltige Nutzung ihrer Ressourcen ist die Basis jeder moralisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem wie zu äußerem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der Gesellschaft voran zu bringen.

6. Denken und Handeln haben sich am Maßstab der Redlichkeit, Wahrheitssuche und Vernunft zu orientieren.

7. Schließlich: Es ist Fortsetzung von Aufklärung erforderlich, verbunden jedoch mit der Einsicht, dass erst eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse taugen.

Diese sieben Orientierungen bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im Öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Die Allgemeinheit der vorgeschlagenen freimaurerischen Wertsetzungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte nicht selten mit anderen Gruppen teilt.

Das Spezielle im Freimaurerbund ist die Methode der Umsetzung.

Dabei kommt neben dem menschlichen Miteinander in der Loge vor allem dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Ein solcher Diskurs soll Möglichkeiten schaffen, sich zu informieren, sich zu orientieren, eigene persönliche und freimaurerische Identitäten zu entwickeln und sich gemeinsam aus Vorurteilen heraus zu denken.

Die Ethik der Freimaurerei ist Einübungsethik – gewiss, so hat Br. Klaus Hammacher sie überzeugend begründet. Die Ethik der Freimaurerei ist aber auch Gesprächsethik, und in dieser Eigenschaft ist sie als Mittel des Zusammenhalts unverzichtbar in der auseinanderdriftenden Gesellschaft der Gegenwart. Und wenn Freimaurerei – mit Lessing gesprochen – auch heutzutage „nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges“ sein will, dann ist sie es vor allem in der Qualität des die Menschen berührenden und verbindenden Gesprächs.

Das Spektrum der Bereiche, die wir zu erörtern haben, hat sich dabei beträchtlich erweitert, denn unsere Gesellschaft – so Altbundespräsident Gauck in seiner letzten Ansprache –, „ist sehr viel heterogener geworden – politisch, kulturell, religiös, ethnisch und auch in Hinsicht auf die Anerkennung sexueller Orientierung“.

V.

Wir stehen in der Tradition des Humanismus, aber auch in der Tradition der Aufklärung. Und wollen wir diese „zweite“ Tradition ernst nehmen, so muss zu den notwendigen humanistischen Einstellungen der Freimaurerei auch die Verpflichtung zu einer reflexiv-aufklärer-ischen, skeptisch-kritischen Haltung hinzukommen, in der sich die Kritik von Fakten und Verhältnissen mit Selbstkritik verbindet.

Eine solche Einstellung fällt nicht leicht.

Doch auch hier kann an Traditionen der „alten“ Aufklärung angeknüpft werden, an die Warnung Kants vor Faulheit und Feigheit beim Denken etwa, oder an die vom „Neuaufklärer“ Karl Raimund Popper empfohlene Einsicht, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, die Kritik eigener Positionen mit Kompromissbereitschaft verbindet.

Die Logengruppe kann – wenn es gut geht – die Qualität eines „Publikums“ entwickeln, die Kant folgendermaßen beschrieben hat: „Es ist … für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten, … daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.“

„Ein Publikum, das sich selbst aufklärt“ – wäre es nicht vorbildlich heutzutage, wenn wir uns als Freimaurer so beschreiben und öffentlich glaubhaft machen könnten?

Für „Publikum“ sagen wir heute gern auch Öffentlichkeit, und die von Kant angeregte Freiheit des öffentlichen Vernunftgebrauchs wäre dann die Freiheit der Kommunikation in einer offenen Gesellschaft; und beides – Vernunft und Freiheit – ist genau das, was alle totalitären Regime und autoritären Machthaber bis in unsere Tage als erstes behindern und zu zerstören versuchen.

Verantwortung dafür, dass dies nicht geschieht, tragen auch die Freimaurer. Einmal haben sie historisch versagt, ein zweites Mal darf dies nicht geschehen.

Mit seiner ethischer Orientierung und seinen auf Aufklärung und Moral gerichteten Diskursen befindet sich der Freimaurer an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft, und es ist zu vermuten, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt:

Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche ernst nehmen.

Viele Diskurse aus Vergangenheit und Gegenwart, viele programmatische Dokumente und nicht zuletzt auch viele Rituale weisen ja tatsächlich darauf hin, dass der Freimaurer auch außerhalb der Loge ethisch zu handeln und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen hat. Wie heißt es doch am Ende der Arbeit: Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer!

Ebenso alt wie die Suche nach einer verantwortlichen Freimaurerei ist nun freilich auch die Suche nach den geeigneten Formen, diese Verantwortung im öffentlichen Raum wahrzunehmen. Ich gehe davon aus, dass eine doppelte Verantwortung existiert: die des einzelnen Freimaurers und die der Freimaurerei als Gruppe. Und wenn gefragt wird, wen die Herausforderungen der Zeit als Handlungsauftrag angehen, sollte die Antwort lauten: beide, aber auf verschiedene Weise.

Einfach im Prinzip, wenn auch mühsam in der Durchführung, ist die Sache für die einzelnen Mitglieder des Bundes. Der einzelne Freimaurer kann und soll sich engagieren, wo und wie es seiner an humanistischen Wertvorstellungen orientierten konkreten sozialen und politischen Philosophie entspricht.

Was bleibt der Freimaurerei als Gruppe, was bleibt etwa einer Loge oder der Großloge?

Es bleibt die gemeinsame Aktion da, wo alle Brüder übereinstimmen, weil die Werte des Freimaurerbundes so gründlich in Frage gestellt werden, dass es keinen „Bund der Ungleichgesinnten“ mehr geben darf – bei Rassismus vor allem, bei völkischem Nationalismus und bei fundamentalistischer Gewalt. Es bleibt das Forum der Loge für das Gespräch der Brüder über die Probleme der Gesellschaft, über politische, moralische und soziale Fragen, über Möglichkeiten und Pflichten in der Welt. Es bleibt die Loge als Forum toleranter Auseinandersetzungen im Leben ihrer Stadt, da wo es um die Lösung örtlicher Probleme geht. Da kann sie Plattform sein für das Benennen menschlicher Missstände und für die Suche nach konstruktiven Ansätzen, diese Missstände zu überwinden. Es bleibt das Gespräch mit der Öffentlichkeit, vor allem mit den Menschen, die zu uns kommen, weil sie die gleiche Wertorientierung haben wie wir selbst, und weil sie sich für die Art und Weise interessieren, wie Freimaurer die Welt sehen und ihren Platz in ihr suchen. Und es bleibt das Gespräch in der Öffentlichkeit, in dem wir uns selbst zu Wort kommen lassen, denn gerade heutzutage gehört auch die Freimaurerei in den Öffentlichen Raum.

Logen können sich als Gruppen engagierter Bürger aber auch selbst manch brennendem sozialen Problem annehmen. Die Zahl der Aufgaben ist Legion. Eine neue und akute ist die Eingliederung der zu uns kommenden und bei uns bleibenden Flüchtlingen und Migranten aus anderen Ländern.

Hier zu helfen, hier Toleranz einzufordern, wäre eine Aufgabe, die den Brüdern das Gefühl gemeinsamer Verantwortung vermittelt und zudem der Öffentlichkeit zeigt, dass Freimaurer nicht nur schöne Lieder und Reden, nicht nur gehaltvolle Diskurse, sondern auch praktische Hilfe anzubieten haben. Doch bei einem muss es bleiben: Freimaurerei ist keine politische Aktionsgruppe. Wer meint, aus einer freimaurerischen Vereinigung eine parteiische Gruppierung machen zu können, riskiert, dass sich die Freimaurerei in konkurrierende Fraktionen auflöst und der Bund schließlich gänzlich zerfällt.

VI.

Zum Schluss: Freimaurerei kann vieles sein und ist auch in der Geschichte des Bundes vieles gewesen: Freimaurer können sich primär für Geselligkeit und Brauchtumspflege, für Königliche Kunst als Spiel entscheiden – dann allerdings dürfen sie nicht gleichzeitig mit klingendem Spiel unter den Bannern von Toleranz, Humanität und Brüderlichkeit paradieren. Freimaurer können den Sinn ihres Bundes vorrangig in der Welt des Rituellen suchen und durch die Hierarchie der Grade klettern – dann allerdings hätten sie sich davor zu hüten, dem Typus der esoterischen Sekte allzu nahe zu kommen. Es steht den Freimaurern auch offen, den häufig zu weiten Mantel ihrer ethischen Ansprüche zu verkleinern – dann freilich droht biedermännische Bedeutungslosigkeit.

Freimaurer können sich aber auch darum bemühen, durch mehr konzeptionelles Profil und eine überzeugende Praxis in diesen weiten Mantel selbst gesetzter Ansprüche hineinzuwachsen – das wäre ein Weg, der den Traditionen von Humanismus und Aufklärung entspräche.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen: Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben; die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zum Werkraum für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen; unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von obskuren Mythen überlagert wird; unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern auch als Gestaltungsfaktor der Gegenwart erkennbar ist, und unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder, schlimmer noch, mit obskuren Mythen verwechselt wird.

Auf alle Fälle müssen Freimaurer redlich sein und sagen, was sie sind und was sie wollen.

Veranstaltungen wie diese können dazu beitragen, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie sind aber auch dazu da, Impulse und Kritik von außen aufzunehmen und für eine dynamische Weiterentwicklung des Freimaurerbundes zu nutzen. Die Freimaurerei braucht intellektuelle Auseinandersetzung wie die Luft zum Atmen. In der Tradition von Humanismus und Aufklärung finden wir gute Grundlagen dafür, uns den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen.

Wir müssen allerdings den Mut zum Konkreten haben, den Mut zu einer neuen freimaurerischen Erzählung und den Mut zu überzeugender humanitärer Praxis. Wir müssen mehr sein wollen als ein Museum unserer selbst! Wir liegen ja nicht neben der Zeit und wir liegen auch nicht hinter der Zeit. Wir stehen in der Zeit. Und wir können darauf vertrauen, dass sie aktuell ist und lebensfähig, unsere gute alte Freimaurerei.

Einerseits gibt es auf der „Angebotsseite“ viele ermutigende Entwicklungen: Viele Brüder lieben ihren Bund, und viele Logen arbeiten gut, ja ausgezeichnet; das Bewusstsein für die Problembereiche der Freimaurerei nimmt innerhalb des Bundes zu; das Bemühen der Großloge um Profil und öffentliche Präsenz ist deutlich wahrnehmbar; wir haben eine Zeitschrift, die zu lesen Freude macht; die Internetpräsenz der Großloge überzeugt durch die Qualität der Darstellung und die Reichhaltigkeit der Information, was auch für viele Homepages der Logen gilt; die Internationale Zusammenarbeit auf Logen- und Großlogenebene intensiviert sich; Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit wird dichter und wirkt sich auf den Feldern Politik, Kultur und Wissenschaft positiv aus; es gibt ein ansteigendes publizistisches Interesse und schließlich wirkt die Freimaurerei der Frauen als positive Flankierung unserer eigenen Arbeit.

Was andererseits die „Nachfrageseite“ betrifft, das Interesse an der Freimaurerei und der Mitgliedschaft in ihr, so zeigen Beobachtungen und Analysen doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt: Es gibt sie doch, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Handeln wir auf der Grundlage unserer neu durchdachten Fundamente, machen wir uns klar, dass der raue Stein nicht nur ein treffliches Symbol unserer selbst, sondern auch unseres Bundes ist, bemühen wir uns darum, unser Erbe kreativ zu erwerben, dann dürfen wir hoffen, dass uns auch in Zukunft manches gelingt und dass wir Freude haben können an der Freimaurerei.

Doch gewiss: Oft werden wir auch scheitern. Das war in der Vergangenheit so, und das wird auch in der Zukunft so bleiben. Der raue Stein, den wir immer wieder aufs Neue bewegen müssen, mag auf uns zurückrollen wie der berühmt-berüchtigte Stein des Sysyphos.

Doch selbst dann wäre ja nicht alles verloren, denn es bliebe immerhin die Möglichkeit, Albert Camus’ Rat zu befolgen, und nicht zu verzweifeln, sondern uns Sisyphos – der es wenigstens immer wieder versucht hat – als einen glücklichen Menschen vorzustellen.

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Erwiderung von Uwe Tellkamp zum Kulturpreis

Uwe Tellkamp bei seiner Erwiderung zur Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer

Uwe Tellkamp bei seiner Erwiderung zur Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer

Ein Plädoyer für eine freie Rede ohne Vorurteile und Scheuklappen: Uwe Tellkamps Dankesrede zur Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer durch die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland in Dresden am 25. Mai 2017.

„Sehr geehrte Herren, sehr geehrte Damen!

Ich habe bewusst kein Manuskript vorbereitet, um etwas zu ermöglichen, was mir hoffentlich gelingen wird, nämlich eine Konfrontation mit dem rauen Stein. Ich habe überlegt, worüber ich sprechen soll und möchte etwas zu Dresden sagen, die Stadt in Schutz nehmen vor aktuellen Angriffen, die über sie im Umlauf sind.

Ich danke Herrn Kaube für seine tiefgründige Laudatio, ich bin sehr dankbar und überrascht: Endlich gelingt einmal eine Würdigung, die nicht darauf hinausläuft, ob es sich so abgespielt hat oder nicht, wie ich es in meinen Büchern beschrieben habe, ob der Mann Recht hat oder nicht, ob er uns passt oder nicht, ob die Frisur passt oder nicht, ob wir das mit unseren Überlegungen vereinbaren können. Es ist vielmehr eine Laudatio, die genuin mit literarischen Mitteln gearbeitet hat, die sich damit auseinandersetzt, was sprachlich möglich ist, was einen Autor wirklich interessiert, was darstellbar ist, was den Autor unterhalb der stofflichen Ebene interessiert. Ich möchte auch dem Pianisten, Ingo Dannhoff, für seine virtuose Begleitung danken. Und Ihnen natürlich, dass sie mir diese Ehre zuteilwerden lassen, im 300. Jahr des Bestehens der modernen Freimaurerei.

Mich interessieren Geschichten, sprich Handlungsverläufe, Seinszusammenhänge, beispielsweise die Geschichte eines Menschen, der sich vor ca. 25 Jahren engagiert hat in der Bürgerbewegung der DDR und der meinte, jetzt breche er zu neuen Ufern auf, jetzt dämmere die Sonne einer Freiheit im Kopf. Mit diesem Glauben und mit diesem Idealismus – ein Stichwort, das Ihnen vertraut ist – hat dieser Mann sein Bestes gegeben und dafür gesorgt, dass ein unfassbar überwältigendes System scheinbar zusammengebrochen ist. Die Arbeit, der Mut, die es braucht, sich als Einzelner, als Familienvater gegen diese Staatsmacht zu stellen, kann man nicht hoch genug einschätzen. Nun sehe ich diese Geschichte jedoch im Zusammenhang: Ich sehe sie bis heute, ich sehe denselben Mann, dieselbe Frau mit ihrem Engagement irgendwo in der zweiten Reihe, in der Politik versandet, die Ideale gebrochen, das Programm heißt Desillusionierung, und die Freiheit ist nicht die, von der man träumte, sondern man erwachte in Nordrhein-Westfalen, um ein vielzitiertes Wort zu wiederholen.

Es sind diese einzelnen Geschichten, beispielsweise auch die eines Richters oder eines Rechtsanwaltes, der angetreten ist, irgendwann einmal etwas für Gerechtigkeit zu tun. Auch wenn man gleich einwendet: Recht und Gerechtigkeit sind zweierlei, Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel. Dieser Rechtsanwalt und dieser Richter muss sich dann mit den Maßgaben seines Chefs, seines Justizministers auseinandersetzen, der es tatsächlich fertigbringt, ureigene Aufgaben des Staates, des Rechtswesens, der Judikative auszuhebeln. Das kann man dann sacken lassen und aus der Ferne betrachten.

Mich interessiert die Geschichte eines Menschen, der sich für Worte interessiert. Mich interessieren Geschichten von Menschen, die in einer der vier Gewalten stehen. Die vierte Gewalt sind die Medien, wobei man von den Medien gar nicht sprechen kann, sondern von einigen. Man muss auch wissen, dass es in jedem Betrieb und in jeder Konglomeration Geister gibt, die dagegen stimmen, aber kaum erkennbar sind, weil sie sonst Probleme bekommen. Aber diese vierte Gewalt macht sich heute auf und meint, Politik mitbestimmen zu müssen. Da ist ein gewisser Ehrgeiz dabei. Es werden Dinge verschwiegen, aber sie werden gar nicht verschwiegen, das bildet man sich nur ein. Es werden Helligkeits- und Dunkelheitskategorien vergeben. Wobei die Dunkelheit interessanterweise im Osten verortet wird. Und es werden Verbiegungen, Mechanismen, Talkshows mit Ein- und Ausladungspolitiken betrieben, die mich erschüttern und die diese Figur erschüttern, über die ich schreibe, weil sie sie an die Zeit vor 30 Jahren erinnern. Und diese Figur fragt sich, ob man mittlerweile in einer DDR 2.0 lebt – und wenn ja, warum. Und wie das Internet, als ein Medium der Freiheit, zu einem Medium des Hasses geworden ist. Aber der Hass, der darin vorkommt, wird unterschiedlich definiert. Wer bestimmt darüber, wer verfolgt das? Eine Mitarbeiterin der Staatssicherheit zum Beispiel, in einer Stiftung, deren Name ich nicht nennen muss.

Diese Dinge treiben mich um als Autor, als politischer Mensch, der ich auch bin. Als einer, der am rauen Stein seines Selbst arbeitet.

Der Schriftsteller Heimito von Doderer, den ich sehr schätze, hat alle seine Werke in den Skat gedrückt mit der sinngemäßen Aussage: „Mein wichtigstes Werk war ich selbst, meine eigene Dummheit loszuwerden.“

Und mich fasziniert, wie diese Dinge zustande kommen, wie der raue Stein zu einem glatten wird. Was aus unseren Gemeinden, aus unserer Politik, aus unserem Land, aus unseren Bürgern wird.

Über diese Dinge müssen wir diskutieren, auch frei. Freie Diskussion, das ist auch ein Stichwort, das mich mit ihnen verbindet: vorurteilsfreie, angstfreie, scheuklappenlose Diskussion. Man findet diese kaum. Vieles wird verschwiegen, beiseite gedrückt, überredet, überschrieben, wie das Überschreiben einer Diskette. Es kommen vertraute Mechanismen zurück: Beeinflussung, Umdefinierung: „Du bist kein Widerständler, sondern wir müssen dir helfen.“ Das war übrigens der wichtigste Satz der Staatssicherheit. Das treibt mich um.

Einer sucht vielleicht den Anderen, einer ist vielleicht der Andre. Und ich hoffe, dass es uns gelingen kann, abseits von Vorurteilen und persönlichen Prägungen, die natürlich auch immer Vorurteile sind und die zu Scheuklappen führen, dass es uns gelingen kann, diese grundlegenden Dinge zu erhalten: Toleranz, Freiheit, das Kant’sche „sapere aude“, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Dass es uns gelingt, die Dinge so hinzubekommen, dass wir in einem gedeihlichen Miteinander leben. Alle anderen Fragen sind danach zu klären, denn das sind die Grundlagen.

Ich bedanke mich bei Ihnen für den Mut, den Autor Tellkamp mit ihrem Preis auszuzeichnen. Ich bin nicht überall gelitten, ich bin kein bequemer Zeitgenosse, mir selbst gegenüber und meinen Nächsten oft genug nicht. Ich bedanke mich dafür, dass sie die Freundlichkeit besessen haben, so freundlich zu mir zu sein.“

(Transkript von Bastian Salier)

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Interview mit dem Kulturpreisträger Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamp, Schriftsteller und Preisträger des Kulturpreises der Deutschen Freimaurer 2017

Uwe Tellkamp, Schriftsteller und Preisträger des Kulturpreises der Deutschen Freimaurer 2017

Am 26. Mai wurde im Rahmen des diesjährigen Großlogentreffens der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland der Kulturpreis Deutscher Freimaurer an den Dresdner verliehen. Der Großmeister, Br. Stephan Roth-Kleyer, überreichte Uwe Tellkamp in einer Feierstunde mit 280 Gästen den mit 10.000 Euro dotierten Preis im Dresdner Stadtmuseum.

Klare Worte und eine faszinierende Sprache: Uwe Tellkamp ist spätestens mit seinem Monumentalwerk „Der Turm“ in die Liga der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart aufgestiegen. Bastian Salier und Carlos Urban trafen sich im Vorfeld mit dem Preisträger, um mit ihm über seine Arbeit und mögliche Parallelen zur Freimaurerei zu sprechen.

Herr Tellkamp, herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer. Was war Ihre Reaktion, als Sie davon erfuhren?

Es ist ein Preis, der in einer für mich schwierigen persönlichen und beruflichen Situation von ganz unerwarteter Seite kommt. Er bedeutet mir vor allem aufgrund der Galerie, in die man damit gestellt wird, wirklich sehr viel. Sich mit Yehudi Menuhin, Gidon Krämer und Kurt Masur gewissermaßen in einer Linie wiederzufinden ist eine riesige Ehre, die auch Druck bedeutet. Das hat mich ein bisschen erschreckt und ich habe den Preis deshalb mit Skepsis angenommen und auch gefragt: Wissen Sie wirklich, was Sie da tun? Ich musste schon lange nachdenken, ob es überhaupt statthaft ist, diesen Preis mit gutem Gewissen anzunehmen. Dieser Galerie muss man sich ja würdig erweisen. Und ich habe das Gefühl, das ist noch nicht der Fall. Ich habe ein Buch geschrieben, das ein gewisses Aufsehen erregt hat, aber das ist noch zu wenig. Ich arbeite am nächsten, das gestaltet sich schwierig.

Abgesehen davon, dass Sie ja nicht nur ein Buch geschrieben haben, sondern bereits seit 30 Jahren mit ihrem literarischen Schaffen wichtige Themen bearbeiten und für gesellschaftlichen Diskurs sorgen, scheint in der Tat eine der meistgestellten Fragen an Sie zu sein: Wann wird der nächste, schon lange angekündigte Roman – eine Art Fortsetzung des „Turms“ – erscheinen?

Die gesellschaftlichen Zustände und Fragestellungen ändern sich laufend, das macht es so schwierig. Ich habe irgendwann gemerkt, es wird kein Buch, sondern es ist ein Projekt. Ich hoffe, dass der erste Teil im Herbst 2018 erscheinen kann. Viele Fragen treiben mich um, aber es macht auch Spaß, Antworten zu suchen.

Was verbindet Sie mit der Freimaurerei?

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich bisher nur sehr bruchstückhafte Vorstellungen davon hatte. Ich kannte die Szene aus Tolstois „Krieg und Frieden“, in der auch Rituale beschrieben werden. Das fand ich faszinierend. Ansonsten kannte ich nur die gängigen Klischees. Als ich erfuhr, dass ich diesen Preis bekomme, habe ich natürlich viel gelesen darüber. Mich fasziniert dieses Symbol von der Arbeit am rauen Stein der Persönlichkeit, das ist auch für jeden Autor eine Grundlage des Schaffens, über die man nicht so gerne spricht. Das Prinzip des Bauens an einem Gebäude, das mit mir zu tun hat, aber das viel größer ist als ich, hat mich am stärksten angesprochen. Bei den mittelalterlichen Dombauhütten wusste jeder Beteiligte: Das übersteigt mich, das übersteigt selbst meine Zeit, aber ich arbeite daran.

Sie sehen Ihre Kunst als Behauen des eigenen rauen Steins, wie funktioniert das in der Praxis?

Die Freimaurer sind verschwiegen und auch ich rede nicht so gerne über die Grundlagen meiner Arbeit. Man stellt sich Fragen, permanent: Für wen und warum machst du das, was du da tust, für wen ist das gut? Der von mir sehr geschätzte Schriftsteller Heimito von Doderer, übrigens ein Verwandter Ihres stellvertretenden Großmeisters Peter Doderer, sagte einmal sinngemäß: „Ich habe viele dicke Bücher geschrieben, aber meine eigentliche Aufgabe im Leben war es, von meiner eigenen Dummheit wegzukommen.“

Meine Erfahrung ist: Jedes Ergebnis der schriftstellerischen Arbeit ist vorläufig oder ungenügend.

Sie sind im legendären Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ großgeworden, einer Gegend mit großbürgerlicher Prägung. Da fällt es schwer zu glauben, dass Sie nie mit Freimaurerei in Berührung gekommen sind. Gerade dort hat es vor der Nazizeit viele Freimaurer gegeben. War dieser Geist überhaupt nicht mehr lebendig, als Sie in den 60er, 70er Jahren dort aufgewachsen sind?

Nicht, dass ich wüsste. Es kann natürlich sein, dass ich Kontakt hatte, ohne es zu wissen. Aber wenn, dann ist das nicht thematisiert worden. Der „Weiße Hirsch“ war damals eine Art Biotop. Es gab diese Mittags- und Abendbrottische, wo in der Verwandtschaft überaus offen miteinander geredet wurde, wo sich viele Menschen getroffen haben, die in dem System der DDR durchaus in leitenden Stellungen tätig waren. Wir hatten Ingenieure, Eisenbahner, Betriebsdirektoren, Stasispitzel – alle an einem Tisch und jeder erzählte von seinen Erfahrungen in diesem Land. Das hat alle umgetrieben. Es kann natürlich sein, dass der eine oder andere mit maurerischen Gedanken dabei war. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass ich jemanden getroffen hätte, der sagte: Ich war oder ich bin Freimaurer.

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Ihre Kunst fußt darauf, dass Sie in zwei unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen gelebt haben und leben, und sie profitiert davon. Werten Sie es als Vorteil, genau dies erlebt zu haben?

Ja, denn der Blick wird ein anderer. Man hat ein System untergehen sehen, das sich als ewig verstand. Ich habe als junger Mensch ein System erlebt, das von sich behauptete, es sei die beste aller möglichen Welten oder arbeite zumindest daran, dies zu werden. Und ich habe erlebt, wie bei immer mehr Menschen daran Zweifel aufkamen, wie diese Zweifel begründet wurden, immer weitere Kreise zogen, wie der Graben zwischen Anspruch und Realität immer weiter auseinanderklaffte und wie am Ende eine Massenbewegung entstand, die sich gegen das System gestellt hat.

Auswirkungen davon sehen wir immer noch, obwohl schon fast dreißig Jahre seitdem vergangen sind.

Mir persönlich ist vor allem die grundlegende Skepsis gegenüber politischen Verheißungen geblieben. Die Skepsis gegenüber Selbstgewissheiten, die überheblich klingen und eine mangelnde Bereitschaft zu kritisieren, zu hinterfragen und nachzudenken entstehen lassen. Und wir stehen wieder an einer solchen Schwelle. Wir haben heute enorme Probleme, wir müssen an der Gesellschaft arbeiten, es sind viele Dinge faul in diesem Land. Es steht vieles in Frage und wir müssen uns diesen Aufgaben stellen. Das Aufwachsen in einem untergegangenen System hat meinen Blick dafür geschärft.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe: Sind diese Werte noch zeitgemäß und lohnt es sich, für sie einzutreten?

Uns bleibt nichts weiter übrig. Wenn wir nicht wollen, dass wir uns alle gegenseitig den Kopf einschlagen, dann bleibt uns nichts weiter übrig. Was ist denn die Grundlage des Lebens? Miteinander umzugehen, Gewalt zu vermeiden, Kriege zu vermeiden! Man muss vielleicht heutzutage wieder mehr reden. Das hat mit „Gutmenschentum“ nichts zu tun, wie gerne behauptet wird.

Wenn man den Titel Ihres Hauptwerkes „Der Turm“ als Metapher für die „babylonische Sprachverwirrung“ versteht, die in jener Zeit herrschte, die Sie beschreiben: Würden Sie also sagen, wir erleben auch heute wieder eine solche Zeit, in der Begriffe missbraucht, bewusst oder unbewusst falsch verstanden werden und in der die gesellschaftlichen Gruppen aneinander vorbeireden?

Das hat mich, ehrlich gesagt, sehr überrascht. Für mich ist ein Buch dann gültig, wenn es eine grundlegende menschliche Eigenschaft thematisiert. „Der Turm“, der viele Mängel hat, erfasst etwas Grundlegendes: Wie geht eine Gesellschaft, die sich auf eine bestimmte Art und Weise versteht, mit einer Gesellschaft um, die sich auf ganz andere Weise versteht. Dieses Sprechen in offiziellen und in inoffiziellen Worten, wie wir es heute wieder haben – das kommt mir sehr bekannt vor.

Ein Kritiker hat mal gesagt: „Der Turm“ sei schlecht, er trage nichts zur Gegenwart bei. Ich glaube, er irrt sich.

Auch die noch immer schwelenden Unterschiede zwischen Ost und West, die verschiedenen Sprachen, die man heute noch teilweise in dem einst geteilten Deutschland spricht, tragen dazu bei?

Ich würde mir wünschen, dass diese Ossi-Wessi-Teilung befruchtend wirkt, indem man lernt, Unterschiede als Konfliktstoff, der einen voranbringt, wahrzunehmen. Im Augenblick habe ich aber den gegenteiligen Eindruck, dass es als spaltend wahrgenommen wird und dieser längst überwunden geglaubte Diskurs erneut herhalten muss: „Im Osten liegt Dunkeldeutschland, die sollen doch erst mal lernen zu arbeiten, wir finanzieren euch!“ All diese Dinge flammen gerade wieder auf.

Vielleicht wird das für die Generation unserer Kinder irgendwann keine Rolle mehr spielen. Aber dann wird es neue, andere Konflikte geben. Vielleicht zwischen denen, die schon lange hier leben, und denen, die neu hier sind. Das ist dann eben keine Ossi-Wessi-Debatte mehr, sondern eine Nord-Süd-Debatte. Plötzlich sind neue Kulturen hier, mit denen umgegangen werden muss, wobei man sich fragt: Wie integrieren wir die, wie kann das funktionieren? Ist einer, der die deutsche Sprache beherrscht, schon automatisch Deutscher? Das wird zu wenig diskutiert. Es wird auch zu wenig darüber diskutiert, wo vielleicht unangenehme Meinungen auch Recht haben könnten.

Wäre das ein Arbeitsfeld für die Freimaurer mit ihren aufklärerischen Werten – im Sinne von Bildung und Diskursfähigkeit? Würden Sie den Freimaurern raten, sich hierfür mehr aus ihrer Deckung zu wagen oder ist deren Zurückhaltung in gesellschaftlichen Fragen der richtige Weg?

Mir persönlich ist das sehr sympathisch, dass jemand verschwiegen ist und nicht die landläufige Meinung teilt, dass alles in die Talkshows getragen werden muss. Ich bin nicht der Meinung, dass nur derjenige wahrgenommen wird, der in den Medien vorkommt.

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat 2015 bei der Verleihung des Stresemann-Preises der Deutschen Freimaurer genau das Gegenteil gefordert. Er sagte: „Tun Sie weiter Gutes und reden Sie drüber.“ Wir diskutieren das bei uns ja sehr unterschiedlich.

Das würde ich differenzieren. Über gute Taten zu reden ist legitim. Wenn man etwas Gutes tut und darüber redet, hat dies natürlich auch eine Vorbildwirkung und ist vollkommen in Ordnung. Aber wenn ich fordere: In jeder Talkshow muss jetzt ein Freimaurer sitzen, der über die freimaurerischen Werte zu sprechen und Überzeugungsarbeit zu leisten hat, dann hielte ich das für falsch.

Gerade diese Verschwiegenheit der Freimaurer zieht ja auch viele Leute an und vielleicht sogar die Richtigen. Da muss man Vertrauen haben, die Richtigen kommen schon.

Wird Freimaurerei im Osten aufgrund ihrer Absenz zu DDR-Zeiten noch kritischer gesehen als im Westen?

Das glaube ich schon. Die Generation, die jetzt an den Schaltstellen sitzt, im Beruf aktiv ist, die ist ja noch wesentlich vom Schulunterricht der DDR geprägt. Wir haben über Freimaurerei nichts erfahren. Über das Judentum übrigens auch nicht. Es kam einfach nicht vor. Antifaschismus haben nur Kommunisten betrieben, wurde uns beigebracht. Das ist insofern auch wieder eine Aufklärungsfrage.

Und dann muss man auch berücksichtigen, dass ein Großteil der bürgerlichen Schicht vertrieben und madiggemacht wurde: Es sind im Laufe der Jahre 3,5 Millionen Menschen von hier in den Westen gegangen. Und das waren vor allem die kritischen Geister, die jede Gesellschaft braucht. In Polen und in Ungarn sind diese Schichten geblieben. Deshalb waren die dortigen Revolutionen auch intellektuelle Revolutionen. In der DDR war sie das nicht. Da gab es Bürgerrechtler, Pfarrer und Arbeiter. Intellektuelle waren die Ausnahme. Die Intellektuellen, die dablieben, waren für die DDR. Die „Biermann-Typen“ hat man rausgeekelt. Das ist genau die Schicht, die hier fehlt. Und zwar bis heute.

Deshalb ist es für mich erstaunlich, dass „Der Turm“, der ja nun gerade in diesem rudimentären bildungsbürgerlichen Umfeld spielt, so ein Erfolg geworden ist. Das war eine kleine privilegierte Elite, die mit dem Alltag des einfachen DDR-Bürgers nur wenig zu tun hatte.

Das glaube ich nicht, denn im Westen sind diese Debatten, die der Roman schildert, ja auch geführt worden. Allerdings 20, 30 Jahre zuvor. Mir haben Hamburger geschrieben: „Was Sie da erzählen, ist meine Jugend in Altona gewesen, nur eben zeitversetzt“. Das persönliche Erleben war ähnlich.

Sie haben – neben vielen anderen Preisen natürlich – 2009 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. Damals wurden Sie gefragt, ob Sie der CDU nahestehen. Bereiten Sie sich jetzt darauf vor, jedem Journalisten zu erklären, dass Sie gar kein Freimaurer sind?

Nein, das muss ich nicht, denn ich finde, der mögliche Vorwurf einer Vereinnahmung würde hier überhaupt nicht greifen. Die Freimaurer sagen ja auch dezidiert, dass sie nicht politisch agieren. Und wenn man sich die Liste der Preisträger ansieht, dann merkt man sehr schnell, dass die Freimaurer sich ihre Preisträger nicht danach aussuchen, ob sie zu ihnen zu passen scheinen.

Aber die Klischees über Freimaurerei sind immer noch weit verbreitet.

Vielleicht kriege ich Probleme mit der Kirche, aber wir haben in Dresden ungefähr 2.500 Katholiken, das halte ich aus.

Sie haben in Ihrem Buch „Die Schwebebahn“ Dresden aus sehr persönlicher Sicht geschildert und für den Leser erkundet. Was sollte ich mir als Besucher, der etwas Zeit mitgebracht hat, auf jeden Fall ansehen?

Dann würde ich Ihnen tatsächlich die Schwebebahn empfehlen. Dort gibt es den Turm, da kann man auf die Aussichtsplattform und Sie haben einen wunderbaren Blick über die gesamte Stadt. Und einen Kaffee gibt es auch noch.

Herr Tellkamp, vielen Dank für das Gespräch.

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Freimaurer zurück in der Mitte der Gesellschaft

Der Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer bei der Verleihung des Kulturpreises an Uwe Tellkamp im Mai 2017 in Dresden

Der Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer bei der Verleihung des Kulturpreises an Uwe Tellkamp im Mai 2017 in Dresden

Die Großloge hat das Treffen in Dresden unter das Motto „Was hat die Freimaurerei uns heute zu sagen“ gestellt. Der Bundesvorsitzende (Großmeister) Prof. Dr. Roth-Kleyer  verband dies mit dem Aufruf, die Freimaurerei wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Sein Beitrag für den Großlogentag richtet sich zwar in erster Linie an die Bruderschaft, ist aber auch für die interessierte Öffentlichkeit lesenswert.

„An dieser Stelle will ich auf Maßnahmen eingehen, die kurz- bis mittelfristig zu einer verbesserten Wahrnehmung unserer Logen in der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft beitragen können. Viele unserer Logen, das habe ich bei meinen vielfältigen Besuchen erleben können, bedienen sich bereits dieser im folgenden wiedergegebenen Maßnahmen in erprobter Weise. Nunmehr, meine lieben Brüder, wird es ein wenig programmatisch. Eine solche Botschaft bin ich Euch schon schuldig und ich denke, Ihr erwartet das auch:

Unser Ansinnen, und das ist als Appell zu werten, muss es insgesamt sein, zunehmend gesellschaftlich relevant zu werden.

Ich wiederhole es gerne unmittelbar nochmals: Unser mittelfristiges übergeordnetes Ziel ist: „Wir müssen den Weg mehr in Richtung Mitte der Gesellschaft gehen.“ Darin sind wir uns wohl einig.

Dazu will ich, wie soeben ausgeführt, einige Maßnahmen und Teilziele benennen, die das übergeordnete Ziel „mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft“ unterstützen und operationalisierbar machen sollen. Diese Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Priorität. Unsere kurz- bis mittelfristigen Maßnahmen oder Teilziele lauten (aus meiner Sicht) stark verkürzt:

– Die Großloge der A.F.u.A.M.v.D., wie auch unsere Tochterlogen, verfolgen auch weiterhin hohe humanitäre Ziele als Wertegemeinschaft.

– Wir bieten unseren Brüdern, unterschiedlicher Berufe, Religionen, Nationalitäten, unterschiedlichen Alters einen „geschützten Raum, das sind unsere Logen“. Dies, um gemeinsam Gedanken und Informationen auszutauschen, Zusammenhänge zu erkennen, an sich selbst zu arbeiten und sich frei Meinungen zu bilden. Wir bieten Raum und Gelegenheit zum offenen Meinungsaustausch. Das kann am Ende auch der Meinungsbildung des Einzelnen dienlich sein.

– Wir bemühen uns damit auch um die geistige Entfaltung und ethische Entwicklung der Brüder. Die Logen habe damit ganz allgemein gesprochen auch einen Bildungsauftrag.

– Wir schaffen Gelegenheiten für Geselligkeit und Freundschaften.

– Wir bieten Chancen und Raum, zur Orientierung in der komplexen Entwicklung der Digitalisierung der Umwelt (Stichwort Großlogentreffen 2015, Osnabrück mit dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“). Wir bieten Chancen und Möglichkeiten zur Orientierung in der Zeit des zunehmenden Populismus, des wachsenden Nationalismus und der Globalisierung, sowie vor dem Hintergrund weiterer politischer und kultureller weltweiten Veränderungen.

– Wir Freimaurer befassen uns durchaus mit aktuellen kulturellen und politischen Themen, das jedoch ergebnisoffen, das ohne Dogma, das ohne Streitgespräche.

– Unsere Logen legen bei der Auswahl ihrer Mitglieder weiter oder besser noch zunehmend Wert auf Qualität, so auf z. B. auf die Attribute Ritualfähigkeit, auf die Werteüberzeugung, auf Verhaltensqualitäten. Diese Qualitäten lassen sich durch geeignete Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung steigern. Das ist mir persönlich ein wichtiges Ansinnen.

– Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen. Lasst uns auch sozial und im weitesten Sinne gesellschaftlich (so auch mit anderen Trägern/Vereinigungen) zunehmend aktiv sein und werden. Hierzu fordert unser Ritual recht deutlich auf. Denkt dabei zum Beispiel an den Satz: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst“.

– Unsere Logen entwickeln sich weiter zu einem kalkulierbaren und wichtigen Träger sozialer Werte in ihren Regionen. Auch das ist mir eine wichtige Zielsetzung, die es einzulösen gilt.

– Unsere Logen bilden Plattformen für den kulturellen, geistigen und sozialen Austausch und initiieren entsprechende Projekte mit anderen Trägern in ihren Regionen.

– Unsere Logen fördern die Freundschaften der Brüder untereinander und machen so aus Mitgliedern „Brüder“ und „Freunde“.

– Nationale und internationale Kontakte sind im Sinne der Weltbruderkette auszubauen und zu intensivieren. Das geschieht in enger Kooperation mit den Vereinigten Großlogen von Deutschland.

– Jeder von uns, meine Brüder, ist Botschafter in Sachen Freimaurerei. Wir sollten, jeder einzelne von uns, als Imageträger in unserer Sache „Das Mehr“, das die Freimaurerei zweifelsohne zu bieten hat, „Das Mehr der Freimaurerei“ aktiv kommunizieren.

Und damit will ich es gut sein lassen.

Diese Maßnahmen bzw. Teilziele sind ohne Zweifel zu ergänzen und weiterzuführen. Vor allem aber sollten sie soweit möglich umgesetzt werden. Und vergesst es nicht liebe Brüder, Freimaurerei muss gelebt werden. Freimaurerei muss immer gelebt werden, ansonsten ist sie wirkungslos. Soviel zu unseren künftigen Zielen und den daraus resultierenden Aufgaben für die nächste Zeit in Sachen „Schluss mit den Märchen und Mythen um die Freimaurerei“. Lasst uns daran arbeiten. Den Erfüllungsgrad und die Zeitachse bestimmt dabei jede Loge für sich.

Wir sind fit für die Zukunft! Wir haben das notwendige Engagement, die Kenntnisse und die Werkzeuge. Darum rufe ich Euch zu: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Um es allgemein zu fassen: Wir sind fit für die Zukunft! Wir haben das notwendige Engagement, die Kenntnisse und die Werkzeuge. Darum rufe ich Euch zu: Wir sind auf dem richtigen Weg. Ein Indikator dafür ist die Resonanz der Presse zu den Öffentlichkeitsveranstaltungen der Logen, der Distrikte wie auch zu denen der Großloge. Lasst mich das kurz ausführen: Es ist festzustellen, dass die Berichterstattung in der Presse über uns, d.h. die Freimaurerei, über unsere Herkunft, über unsere Logen, über unsere Aktivitäten und Zielsetzungen usw. zunehmend sachlicher wird. Das ist eine sehr erfreuliche Tendenz. Kurz gesagt: Die Tendenz einer zunehmend sachlicheren Berichterstattung in der Presse ist sehr zu begrüßen. Erfreulich ist nicht nur die Qualität der Mitteilungen, erfreulich ist auch die große Anzahl der „guten Publikationen“ zu den regionalen Aktivitäten unserer Logen. Das ist insgesamt sicherlich auf die auch zunehmend besser werdende Öffentlichkeitsarbeit der Logen vor Ort zurück zu führen. Danke auch dafür. Liebe Brüder alle, macht weiter so!

Ich will es jetzt differenzierter und damit akzentuierter formulieren: Macht nicht nur weiter so, sondern, fügt noch mehr passgenaue und richtungsweisende Bausteine ein, verwendet dabei reichlich Mörtel im Sinne von Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit, werdet noch besser und bleibt dabei stets zielorientiert und hart am Wind!

Meine Brüder, wir sind es denen schuldig, die uns vorausgegangen sind. Wir haben die Verantwortung für das Hier und Heute. Zudem können und müssen wir, das ist unsere Pflicht, zeitgleich die Zukunft vorbereiten.

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Kulturpreis der Freimaurer an Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Am 25. Mai 2017 verlieht die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland den Kulturpreis Deutscher Freimaurer im Dresdner Landhaus (Stadtmuseum) an den Schriftsteller Uwe Tellkamp.

Der Preis wird seit 1980 in unregelmäßigen Abständen an Personen vergeben, die besondere kulturelle Leistungen oder Engagement erbracht und dabei humanitäre Werte im Blick haben. Frühere Preisträger waren unter anderem Johannes Mario Simmel, Yehudi Menuhin, Lew Kopelew, Otmar Alt, Hans Küng und zuletzt im Jahre 2012 Kurt Masur.

1968 in Dresden geboren, wuchs Uwe Tellkamp als Sohn eines Arztes im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ auf, wo er seit 2009 mit seiner Familie wieder beheimatet ist. Nach dem Abitur musste er einen dreijährigen Dienst bei der NVA antreten, um in der DDR Medizin studieren zu dürfen. Obwohl er bereits vor dem Oktober 1989 wegen „politischer Diversantentätigkeit“ unangenehm auffiel, weil er Texte von Wolf Biermann und anderen nicht geduldeten Autoren bei sich trug, blieb er bis Oktober 1989 Unteroffizier bei der DDR-Armee. Nach einer kurzen Inhaftierung folgten Tätigkeiten als Hilfsarbeiter im Braunkohletagebau und der Industrie. 1990 begann er eine Arbeit als Hilfspfleger auf der Intensivstation eines Dresdner Krankenhauses.

Sein Studium der Medizin absolvierte Tellkamp schließlich nach dem Ende der DDR an der Universität Leipzig, in New York und Dresden, gab den Arztberuf, den er bis 2004 an einer unfallchirurgischen Klinik in München ausübte, im Jahre 2004 aber zugunsten seiner Schriftstellerkarriere auf.

Tellkamp veröffentliche ab Ende der 80er Jahre zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman „Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café“ erschien im Jahre 2000. Vier Jahre später gewann er mit „Der Schlaf in den Uhren“ den renommierten IngeborgBachmann-Preis. Im Herbst 2008 erschien schließlich sein Roman „Der Turm — Geschichte aus einem versunkenen Land“, in dem er die Zeit zwischen 1982 und 1989 aufarbeitete. Für dieses monumental zu nennende Werk erhielt Tellkamp den Deutschen Buchpreis sowie 2009 den Deutschen Nationalpreis. Eine Bühnenfassung seines „Turms“ wurde 2010 in Dresden uraufgeführt, und die ARD verfilmte den Stoff in zwei Teilen.

Seine Arbeit charakterisierte der Schriftsteller einmal in einem Interview mit dem Versuch, Heimat wiederzugewinnen. Er sehe sich als eine Art Dombaumeister, der durchaus pathetisch sein dürfe, wenn er die grundlegenden menschlichen Empfindungen wiedergeben könne. Kritikern gilt Tellkamp einerseits als Sprachvirtuose, der die literarischen Formen perfekt beherrscht, andererseits aber auch als höchst politischer Autor, der aufgrund seiner persönlichen Geschichte den Schriftstellern im ehemaligen Ostblock geistig näher ist als seinen deutschsprachigen Kollegen im Westen.

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Laudator Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

Die Laudatio für die Verleihung des Kulturpreises der Großloge hielt Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der 1962 in Worms geborene Soziologe, Autor und Germanist ist bei der FAZ zuständig für das Feuilleton. Kaube wurde Anfang 2015 als Nachfolger des verstorbenen Frank Schirrmacher in den Herausgeberkreis der Zeitung berufen. Mit seinen Sachbüchern erhielt er selbst bereits zahlreiche Preise und wurde vom Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik mit der Auszeichnung „Rede des Jahres 2015“ geehrt.

In Kürze lesen Sie hier weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Preisträger Uwe Tellkamp.

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300 Jahre Freimaurerei und der Blick nach vorn

Foto: fotolia / Rafael Ben-Ari

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300 Jahre Freimaurerei sind nicht nur ein Anlass, auf die Geschichte des traditionsreichen Bundes zu schauen, sondern gebietet auch einen Blick auf die Zukunft. Der Großmeister Stephan Roth-Kleyer unserer Großloge hat sich dazu mehrfach geäußert. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge von Ansprachen bei Logen in Frankfurt und Hamburg.

Des besseren Grundverständnisses wegen möchte ich Euch zunächst meinen Blick auf unsere humanitäre Freimaurerei, ganz allgemein und sehr kurz gehalten, öffnen. Ich nehme an, meine Sichtweise ist mit Eurer Sichtweise identisch, zumindest gibt es Schnittmengen. Anschließend werde ich kurz- bis mittelfristige Ziele und Perspektiven vor dem Hintergrund des Jahres 2017, vor dem Hintergrund des 300-jährigen Jubiläums der organisierten Freimaurerei aufzeigen.

Die Freimaurerei ist eine weltweite Bewegung in allen demokratischen Gesellschaften. Das ist Fakt und unstrittig. Unsere humanitäre Freimaurerei versteht sich noch immer, und das über mindestens 300 Jahre, als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft. Hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen.

Die Kernfrage ist: Wofür steht Freimaurerei? Die Antwort lautet sehr kurz gefasst: Freimaurerei ist ethische, ist soziale, ist integrative Praxis, nicht Theorie. Die Freimaurerei ist ausschließlich auf das Diesseits bezogen. Sie verliert sich nicht in spekulativem, theosophischem oder okkultem Gedankengut. Vor allem ist sie nicht auf das alleinige eigene Wohl hin ausgerichtet. Freimaurerei kann unseren Brüdern vieles bieten, was sie ansonsten so nicht erlangen und erfahren könnten. In unseren Logen werden unterschiedliche Menschen zusammengeführt und leisten gemeinsam miteinander Großes.

Freimaurerei definiert sich nicht nur über Menschen hoher politischer, gesellschaftlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung. Freimaurerei macht vor allem aus, dass sie als Baustelle der Persönlichkeitsbildung das lebt und umsetzt, was in den „Alten Pflichten“ von 1723 unter anderem als Zweck und Aufgabe einer Loge benannt ist: Männer zusammenzuführen, die sich ansonsten im Leben nie begegnet wären. Das umschlingende Band, das diese heterogene Bruderschaft zusammenhält, das bezeichnen wir mit dem Begriff Brüderlichkeit.

Freimaurerei ist ethische, ist soziale, ist integrative Praxis, nicht Theorie

Stephan Roth-Kleyer

Künftig werden wir intensiv daran weiter arbeiten, uns von den schlechten Märchen und schlimmen Mythen, die uns noch immer nachhängen, aktiv zu lösen. Das wird uns erstens helfen, unsere Bedeutung offensichtlicher zu machen und zweitens unsere Attraktivität für neue Mitglieder zu stärken. Wir werden über unsere in der Aufklärung und dem Humanismus verankerten Traditionen verstärkt informieren. Und wir werden uns den Fragestellungen, die wir an uns selbst haben, und denjenigen die, die die Gesellschaft an unsere humanitäre Freimaurerei hat, stellen müssen. Unser Blick sollte zunehmend in die Zukunft gerichtet sein.

Künftig werden wir intensiv daran weiter arbeiten, uns von den schlechten Märchen und schlimmen Mythen, die uns noch immer nachhängen, aktiv zu lösen.

Stephan Roth-Kleyer

Damit verbunden werden wir, das heißt, werden unsere Logen und die Großloge mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit darüber informieren, was uns und der Gesellschaft die Freimaurerei heute zu sagen hat und künftig zu sagen haben wird. Mit diesen Themen gilt es sich intensiv auseinanderzusetzen. Das muss das Ziel der nächsten Jahre sein.

An dieser Stelle will ich jetzt auf kurz- bis mittelfristig zu erstrebende Ziele für unsere Logen und damit verbunden auch für unsere Großloge verweisen. Unser Ansinnen, und das ist als Apell zu werten, muss es insgesamt sein, zunehmend gesellschaftlich relevant zu werden. Ich wiederhole es gerne unmittelbar nochmals: Unser mittelfristiges übergeordnetes Ziel ist: „Wir müssen den Weg mehr in Richtung Mitte der Gesellschaft gehen.“ Darin sind wir uns wohl einig.

Dazu will ich einige Teilziele benennen, die das soeben formulierte übergeordnete Ziel „mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft“ unterstützen und operationalisierbar machen sollen. Auch diese Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Priorität. Unsere kurz- bis mittelfristigen Teilziele lauten (aus meiner Sicht) stark verkürzt:

  • Die GL der AFuAMvD, wie auch unsere Tochterlogen verfolgen auch weiterhin hohe humanitäre Ziele als Wertegemeinschaft.
  • Wir bieten unseren Brüdern, unterschiedlicher Berufe, Religionen, Nationalitäten, unterschiedlichen Alters einen „geschützten Raum, das sind unsere Logen“. Dies, um gemeinsam Gedanken und Informationen auszutauschen, Zusammenhänge zu erkennen, an sich selbst zu arbeiten und sich frei Meinungen zu bilden.
  • Wir bieten Raum und Gelegenheit zum offenen Meinungsaustausch. Das kann am Ende auch der Meinungsbildung des Einzelnen dienlich sein.
  • Wir bemühen uns damit auch um die geistige Entfaltung und ethische Entwicklung der Brüder.
  • Wir schaffen Gelegenheiten für Geselligkeit und Freundschaften.
  • Wir bieten Chancen und Raum, zur Orientierung in der komplexen Entwicklung der Digitalisierung der Umwelt (Stichwort Großlogentreffen 2015, Osnabrück mit dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“). Wir bieten Chancen und Möglichkeiten, zur Orientierung in der Zeit des zunehmenden Populismus, des wachsenden Nationalismus und der Globalisierung, sowie vor dem Hintergrund weiterer politischer und kultureller weltweiten Veränderungen.
  • Wir Freimaurer befassen uns durchaus mit aktuellen kulturellen und politischen Themen, das jedoch ergebnisoffen, das jedoch ohne Dogma, das ohne Streitgespräche.
  • Unsere Logen legen bei der Auswahl ihrer Mitglieder weiter oder besser noch zunehmend Wert auf Qualität, so auf z. B. auf die Attribute Ritualfähigkeit, auf die Werteüberzeugung, auf Verhaltensqualitäten. Diese Qualitäten lassen sich durch geeignete Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung steigern. Das ist mir persönlich ein wichtiges Ansinnen.
  • Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen. Lasst uns auch sozial und im weitesten Sinne gesellschaftlich (so auch mit anderen Trägern / Vereinigungen) zunehmend aktiv sein und werden. Hierzu fordert unser Ritual recht deutlich auf. Denkt dabei zum Beispiel an den Satz: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst“.
  • Unsere Logen entwickeln sich weiter zu einem kalkulierbaren und bedeutenden Träger sozialer Werte in ihren Regionen. Auch das ist mir eine wichtige Zielsetzung, die es einzulösen gilt.
  • Unsere Logen bilden Plattformen für den kulturellen, geistigen und sozialen Austausch und initiieren entsprechende Projekte mit anderen Trägern in ihren Regionen.
  • Unsere Logen fördern die Freundschaften der Brüder untereinander und machen so aus Mitgliedern „Brüder“ und „Freunde“.
  • Nationale und internationale Kontakte sind im Sinne der Weltbruderkette auszubauen und zu intensivieren. Das geschieht in enger Kooperation mit den Vereinigten Großlogen von Deutschland.
  • Jeder von uns, meine Brüder, ist Botschafter in Sachen Freimaurerei. Wir sollten, jeder einzelne von uns, als Imageträger in unserer Sache „Das Mehr“, das die Freimaurerei zweifelsohne zu bieten hat, „Das Mehr der Freimaurerei“ aktiv kommunizieren.

Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen.

Stephan Roth-Kleyer

Soviel zu den Zielen und Vorstellungen, die mir bei der Vorbereitung des heutigen Anlasses primär wichtige waren. Diese Teilziele bzw. Aufgaben sind ohne Zweifel zu ergänzen und weiterzuführen. Vor allem aber sollten sie soweit möglich umgesetzt werden.

Und vergesst es nicht liebe Brüder, Freimaurerei muss gelebt werden. Freimaurerei muss immer gelebt werden, ansonsten ist sie wirkungslos.

Soviel zu unseren künftigen Zielen und den daraus resultierenden Aufgaben für die nächste Zeit in Sachen „Schluss mit den Märchen und Mythen um die Freimaurerei“. Lasst uns daran arbeiten. Den Erfüllungsgrad und die Zeitachse bestimmt dabei jede Loge für sich.

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