Freimaurerei in der Tradition von Humanismus und Aufklärung

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann beim Vortrag in Dresden 2017

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann beim Vortrag in Dresden 2017

Anlässlich des Großlogentreffens 2017 in Dresden hielt Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann als Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D. einen Vortrag zum Selbstverständnis und der Praxis der humanitären Freimaurerei in Deutschland.

Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann

I.

Was hat die Freimaurerei uns heute zu sagen?“ – So lautet die Leitfrage der heutigen Veranstaltung. Ich nehme sie auf und versuche, sie inhaltlich zu akzentuieren:

  • Wie kann die Freimaurerei heute – nach 300 Jahren einer wechselhaften, phasenweise dynamisch-expansiven, zuweilen aber auch diffusen und stagnierenden Geschichte – als sozial und kulturell bedeutsame Gemeinschaft, Idee und symbolisch-rituelle Ausdrucksform verstanden und nach innen und außen überzeugend praktiziert werden?
  • Wie kann die Freimaurerei Menschen ansprechen, die humanistische Werte bejahen, mitmenschlich handeln wollen und für ihr Leben Sinn suchen?
  • Um welche Kultur der Geselligkeit, um welche konzeptionellen Grundlagen, um welche soziale, moralische und rituelle Praxis hätte sich eine solche Freimaurerei zu bemühen?

Vermutlich gibt es mehr als eine Antwort auf diese Fragen, und je offener und innovativer die Freimaurer (und inzwischen ja auch die Freimaurerinnen) in den von ihnen geführten Diskursen über Gegenwart und Zukunft ihres Bundes sind, desto eher wird es gelingen, Entwürfe zu erarbeiten, die einerseits bewährten Überlieferungen der freimaurerischen Tradition folgen, andererseits aber auch den Strukturen und Problemen der Gegenwart entsprechen.

Meine Leitvorstellungen für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei sind an den Traditionen von Humanismus und Aufklärung orientiert, wie es meine – und unser aller – freimaurerische Heimat, die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, ja auch vermuten lässt.

Freilich scheint mir dabei, dass das innerhalb der Großloge üblich gewordene formelhafte Bekenntnis zu diesen Traditionen in seiner bisherigen Form nicht befriedigen kann. Bloße Deklarationen reichen nicht aus. Es genügt auch nicht, sich primär mit humanistisch-aufklärerischen Überlieferungen zurück liegender Epochen zu beschäftigen, so wichtig diese konzeptionellen Vergangenheiten auch sind: Was Humanismus und Aufklärung heute bedeuten, was ihre Inhalte, was ihre Quellen und Bezüge in der Gegenwart sind und auf welche Weise sie der Freimaurerei im Hier und Jetzt der zur digitalen Gesellschaft werdenden Moderne Profil geben, insbesondere auch der Praxis der Freimaurerei, das – so scheint mir – sollte viel klarer erarbeitet und kommuniziert werden als bisher.

Die freimaurerische Erzählung für die Gegenwart bedarf neuer Inhalte und einer neuen Struktur, und sie hat sich vor allem auf Überzeugungskraft, auf Deutlichkeit, auf Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft, auf Wirksamkeit und Praxis zu konzentrieren, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die – aufbauend auf den alten Erzählungen von Freiheit, von Selbstbestimmung, von Wert und Würde des Menschen – einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat. Freilich wäre dieser Humanismus ohne die spirituelle Dimension des freimaurerischen Rituals einseitig, flach und sowohl emotional als auch intellektuell verkürzt.

Freundschaft, Ethik und Ritual – so habe ich immer wieder zu begründen versucht – gehören untrennbar zusammen: Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, und wenn es etwas gibt, was Wesen, Charme und Alleinstellung der Freimaurerei ausmacht, so ist es dieses „Drei-in-eins“ von Gemeinschaft, ethischer Orientierung und ritueller Spiritualität.

Im Konzept einer Humanistischen Freimaurerei, so wie ich sie verstehe, sind die Logen Wertegemeinschaften und keine Glaubensgemeinschaften. Sie sind auch keine esoterischen Zirkel.

Freimaurer teilen Werte, Werte, die sich auf den Menschen beziehen. Freimaurer müssen übereinstimmen in den Überzeugungen, aus denen heraus sie als Menschen und Brüder handeln. Freimaurer müssen aber nicht im Hinblick auf die Quellen übereinstimmen, aus denen sich diese Werte für jeden Einzelnen von uns begründen, wie zum Beispiel einen religiösen Glauben. Nicht warum ein Mensch moralisch denkt und handelt, ist entscheidend, dass er moralisch denkt und handelt und dass er mit seinen Brüdern eine gemeinsame Basis für dieses Handeln findet – darauf kommt es an.

Wichtig für mich ist, dass Humanistische Freimaurerei heutzutage auch säkular verstanden werden kann, und dass das Recht, ihren Bund auch auf diese Weise zu verstehen, den Freimaurern – von wem auch immer – nicht abgesprochen werden darf. Herauszuarbeiten, was freimaurerische Säkularität bedeutet, was ihre Dimension, aber auch ihre Grenze ist, ist für mich eine der zentralen Gegenwartsaufgaben einer sich humanistisch begründenden Freimaurerei.

II.

Was sind die Bausteine einer Freimaurerei auf der Grundlage von Humanismus und Aufklärung? Für mich findet diese Freimaurerei in einem vierfachen Selbstverständnis ihren Ausdruck, das sich in einer gleichsam viersäuligen Baustruktur niederschlägt, wobei sich diese vier Grundpfeiler gleichrangig miteinander verbinden:

Erstens:

Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Freimaurerei Pflege von Freundschaft und Geselligkeit. Die Logen der Freimaurer sind Gemeinschaften, die – so ja schon die „Alten Pflichten“ – „gute und redliche Männer, Männer von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen“, d.h. über alle weltanschaulich-religiösen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg als Freunde verbinden wollen. Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen und Menschengruppen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer zunehmenden Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität – wir können doch wirklich ein Lied davon singen heutzutage – übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden.

Freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, Karitas, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, Diskurse über ethisch-moralische Fragen.

Die Geselligkeit der Logen ist ebenso traditionsreich wie komplex: freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, Karitas, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, Diskurse über ethisch-moralische Fragen: Durch all das wollten und sollten schon die Bürger und Brüder der Aufklärungszeit Tugend und Bildung einüben und – als Vorbild für die gesamte Menschheit – zu besseren Menschen werden.

Zweitens:

In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimaurer ethisch orientierte Assoziationen, in denen gemeinsam laut nachgedacht werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation zu moralischem Handeln ausfindig zu machen. Freimaurer stimmen darin überein, dass sie Werten verpflichtet sind, die sie – im Sinne eines Orientierungsrahmens – mit alten humanistisch-aufklärerischen Begrifflichkeiten wie Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe umschreiben.

Freimaurer bemühen sich darum, für diese Werte zeitgemäße Ausdrucksformen zu erarbeiten und auf dieser Grundlage an gesellschaftlichen Diskursen und moralischer Praxis auch außerhalb der Loge teilzunehmen. Die Dimensionen eines solchen, ja auch rituell begründeten Außenauftrags der Freimaurerei bedürfen freilich dringend einer weiteren Klärung.

Drittens:

Die Logen der Freimaurer bieten einen auf Symbole und Rituale gegründeten spirituellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder verankert werden.

Das Ritual ist keineswegs die ganze Freimaurerei, doch es ist das, was Freimaurerei von anderen Bünden mit humanitärer Einstellung unterscheidbar macht. Was ist unser Ritual und was ist es nicht? Was müssen wir vom Ritual im Inneren bekräftigen und nach außen sagen, damit es nicht immer wieder von den Bilderwelten obskurer Mythen gleichsam aufgesogen wird?

Hierzu ein paar Stichworte, die mir am Herzen liegen:

Das Ritual lehrt durch Symbole und rituelle Handlungen und rundet so die soziale und diskursethische Praxis der Loge durch eine die Gesamtperson des Bruders erfassende und verändernde spirituelle Dimension ab. Initiationen, performatives Sprechen und Handeln sowie mimetisches Lernen sind hierbei die wesentlichen Elemente. Das Ritual lässt die Werte des Bundes, die Beziehungen der Brüder, die Chancen für die eigene innere Entwicklung sinnlich und emotional erfahren. Das Ritual öffnet das Bewusstsein des Maurers für ein Wahrnehmen bisher verborgen gebliebener Schichten der Persönlichkeit.
Dadurch vermittelt es nicht nur Denkanstöße, sondern es wird auch zum Medium der Selbsterfahrung und der Selbstentwicklung.

Allerdings: Das Ritual besitzt keinen Offenbarungscharakter, es vermittelt keine Heilslehren, und es hat keine magische Qualität. Schließlich und ganz deutlich: Das Ritual begründet keine Religion, und es sollte auch keine ersatzreligiösen Funktionen übernehmen.

Viertens schließlich:

Durch die Zusammenfassung der drei vorgenannten Elemente Freundschaft, Ethik und Ritual in einem auf einander abgestimmten Gesamtkonzept wird Freimaurerei zu einer Lebenskunst der Praxis. Freimaurerische Lebenskunst zielt darauf hin, zum Gelingen des Lebens beizutragen, nicht zuletzt durch ihre wesentliche Eigenschaft, Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln: Stile des Umgangs mit sich selbst wie Selbstrespekt, Selbsterkenntnis und Selbstkritik; Stile des Umgangs mit anderen Menschen wie Mitmenschlichkeit und tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose; Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt wie Verantwortung übernehmen für Mitmenschen, Gesellschaft und Umwelt; schließlich Stile des Umgangs mit Transzendenz, was im Grunde genommen meint, im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.

Die Logen sind vielmehr in erster Linie ethisch orientierte Freundschaftsbünde.

Insgesamt ist Freimaurerei nach meinem Verständnis somit keineswegs primär Kultgemeinschaft oder gar religiöse Vereinigung, wie dies gelegentlich postuliert wird. Die Logen sind vielmehr in erster Linie ethisch orientierte Freundschaftsbünde, in denen sich humanistische Gesinnung und humanitäre Praxis im Sinne einer auch im Alltag tauglichen Lebenskunst entfalten können.

Allerdings: Trotz aller Abgrenzung gegenüber der Religion war die Entwicklung der Freimaurerei von Anfang an in starkem Maße von religiösen Diskursen bestimmt. Und diese Diskurse müssen im Sinne notwendiger Klärungen und Festlegungen auch weiter geführt und zu einem klärenden Abschluss gebracht werden – und zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext.

III.

Mir stellt sich das Verhältnis zwischen Humanistischer Freimaurerei und Religion – in fünf Thesen gefasst – folgendermaßen dar:

1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel, noch Theologie und Dogma.

2. Freimaurer haben keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.

Freimaurerei ist offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne.

3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn die Bibel im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, so sollte sie daher nach meinen Vorstellungen da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige, 2. Chronik).

4. Freimaurerei ist offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne.
Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie als Freimaurer mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.

5. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst, andererseits ist Freimaurerei keine Institution des Kirchenkampfes. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist: die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

IV.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für die Freimaurerei unserer Großloge von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen heutigen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Welt sowie eine gerechte und nachhaltige Nutzung ihrer Ressourcen ist die Basis jeder moralisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem wie zu äußerem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der Gesellschaft voran zu bringen.

6. Denken und Handeln haben sich am Maßstab der Redlichkeit, Wahrheitssuche und Vernunft zu orientieren.

7. Schließlich: Es ist Fortsetzung von Aufklärung erforderlich, verbunden jedoch mit der Einsicht, dass erst eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse taugen.

Diese sieben Orientierungen bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im Öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Die Allgemeinheit der vorgeschlagenen freimaurerischen Wertsetzungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte nicht selten mit anderen Gruppen teilt.

Das Spezielle im Freimaurerbund ist die Methode der Umsetzung.

Dabei kommt neben dem menschlichen Miteinander in der Loge vor allem dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Ein solcher Diskurs soll Möglichkeiten schaffen, sich zu informieren, sich zu orientieren, eigene persönliche und freimaurerische Identitäten zu entwickeln und sich gemeinsam aus Vorurteilen heraus zu denken.

Die Ethik der Freimaurerei ist Einübungsethik – gewiss, so hat Br. Klaus Hammacher sie überzeugend begründet. Die Ethik der Freimaurerei ist aber auch Gesprächsethik, und in dieser Eigenschaft ist sie als Mittel des Zusammenhalts unverzichtbar in der auseinanderdriftenden Gesellschaft der Gegenwart. Und wenn Freimaurerei – mit Lessing gesprochen – auch heutzutage „nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges“ sein will, dann ist sie es vor allem in der Qualität des die Menschen berührenden und verbindenden Gesprächs.

Das Spektrum der Bereiche, die wir zu erörtern haben, hat sich dabei beträchtlich erweitert, denn unsere Gesellschaft – so Altbundespräsident Gauck in seiner letzten Ansprache –, „ist sehr viel heterogener geworden – politisch, kulturell, religiös, ethnisch und auch in Hinsicht auf die Anerkennung sexueller Orientierung“.

V.

Wir stehen in der Tradition des Humanismus, aber auch in der Tradition der Aufklärung. Und wollen wir diese „zweite“ Tradition ernst nehmen, so muss zu den notwendigen humanistischen Einstellungen der Freimaurerei auch die Verpflichtung zu einer reflexiv-aufklärer-ischen, skeptisch-kritischen Haltung hinzukommen, in der sich die Kritik von Fakten und Verhältnissen mit Selbstkritik verbindet.

Eine solche Einstellung fällt nicht leicht.

Doch auch hier kann an Traditionen der „alten“ Aufklärung angeknüpft werden, an die Warnung Kants vor Faulheit und Feigheit beim Denken etwa, oder an die vom „Neuaufklärer“ Karl Raimund Popper empfohlene Einsicht, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, die Kritik eigener Positionen mit Kompromissbereitschaft verbindet.

Die Logengruppe kann – wenn es gut geht – die Qualität eines „Publikums“ entwickeln, die Kant folgendermaßen beschrieben hat: „Es ist … für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten, … daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.“

„Ein Publikum, das sich selbst aufklärt“ – wäre es nicht vorbildlich heutzutage, wenn wir uns als Freimaurer so beschreiben und öffentlich glaubhaft machen könnten?

Für „Publikum“ sagen wir heute gern auch Öffentlichkeit, und die von Kant angeregte Freiheit des öffentlichen Vernunftgebrauchs wäre dann die Freiheit der Kommunikation in einer offenen Gesellschaft; und beides – Vernunft und Freiheit – ist genau das, was alle totalitären Regime und autoritären Machthaber bis in unsere Tage als erstes behindern und zu zerstören versuchen.

Verantwortung dafür, dass dies nicht geschieht, tragen auch die Freimaurer. Einmal haben sie historisch versagt, ein zweites Mal darf dies nicht geschehen.

Mit seiner ethischer Orientierung und seinen auf Aufklärung und Moral gerichteten Diskursen befindet sich der Freimaurer an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft, und es ist zu vermuten, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt:

Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche ernst nehmen.

Viele Diskurse aus Vergangenheit und Gegenwart, viele programmatische Dokumente und nicht zuletzt auch viele Rituale weisen ja tatsächlich darauf hin, dass der Freimaurer auch außerhalb der Loge ethisch zu handeln und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen hat. Wie heißt es doch am Ende der Arbeit: Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer!

Ebenso alt wie die Suche nach einer verantwortlichen Freimaurerei ist nun freilich auch die Suche nach den geeigneten Formen, diese Verantwortung im öffentlichen Raum wahrzunehmen. Ich gehe davon aus, dass eine doppelte Verantwortung existiert: die des einzelnen Freimaurers und die der Freimaurerei als Gruppe. Und wenn gefragt wird, wen die Herausforderungen der Zeit als Handlungsauftrag angehen, sollte die Antwort lauten: beide, aber auf verschiedene Weise.

Einfach im Prinzip, wenn auch mühsam in der Durchführung, ist die Sache für die einzelnen Mitglieder des Bundes. Der einzelne Freimaurer kann und soll sich engagieren, wo und wie es seiner an humanistischen Wertvorstellungen orientierten konkreten sozialen und politischen Philosophie entspricht.

Was bleibt der Freimaurerei als Gruppe, was bleibt etwa einer Loge oder der Großloge?

Es bleibt die gemeinsame Aktion da, wo alle Brüder übereinstimmen, weil die Werte des Freimaurerbundes so gründlich in Frage gestellt werden, dass es keinen „Bund der Ungleichgesinnten“ mehr geben darf – bei Rassismus vor allem, bei völkischem Nationalismus und bei fundamentalistischer Gewalt. Es bleibt das Forum der Loge für das Gespräch der Brüder über die Probleme der Gesellschaft, über politische, moralische und soziale Fragen, über Möglichkeiten und Pflichten in der Welt. Es bleibt die Loge als Forum toleranter Auseinandersetzungen im Leben ihrer Stadt, da wo es um die Lösung örtlicher Probleme geht. Da kann sie Plattform sein für das Benennen menschlicher Missstände und für die Suche nach konstruktiven Ansätzen, diese Missstände zu überwinden. Es bleibt das Gespräch mit der Öffentlichkeit, vor allem mit den Menschen, die zu uns kommen, weil sie die gleiche Wertorientierung haben wie wir selbst, und weil sie sich für die Art und Weise interessieren, wie Freimaurer die Welt sehen und ihren Platz in ihr suchen. Und es bleibt das Gespräch in der Öffentlichkeit, in dem wir uns selbst zu Wort kommen lassen, denn gerade heutzutage gehört auch die Freimaurerei in den Öffentlichen Raum.

Logen können sich als Gruppen engagierter Bürger aber auch selbst manch brennendem sozialen Problem annehmen. Die Zahl der Aufgaben ist Legion. Eine neue und akute ist die Eingliederung der zu uns kommenden und bei uns bleibenden Flüchtlingen und Migranten aus anderen Ländern.

Hier zu helfen, hier Toleranz einzufordern, wäre eine Aufgabe, die den Brüdern das Gefühl gemeinsamer Verantwortung vermittelt und zudem der Öffentlichkeit zeigt, dass Freimaurer nicht nur schöne Lieder und Reden, nicht nur gehaltvolle Diskurse, sondern auch praktische Hilfe anzubieten haben. Doch bei einem muss es bleiben: Freimaurerei ist keine politische Aktionsgruppe. Wer meint, aus einer freimaurerischen Vereinigung eine parteiische Gruppierung machen zu können, riskiert, dass sich die Freimaurerei in konkurrierende Fraktionen auflöst und der Bund schließlich gänzlich zerfällt.

VI.

Zum Schluss: Freimaurerei kann vieles sein und ist auch in der Geschichte des Bundes vieles gewesen: Freimaurer können sich primär für Geselligkeit und Brauchtumspflege, für Königliche Kunst als Spiel entscheiden – dann allerdings dürfen sie nicht gleichzeitig mit klingendem Spiel unter den Bannern von Toleranz, Humanität und Brüderlichkeit paradieren. Freimaurer können den Sinn ihres Bundes vorrangig in der Welt des Rituellen suchen und durch die Hierarchie der Grade klettern – dann allerdings hätten sie sich davor zu hüten, dem Typus der esoterischen Sekte allzu nahe zu kommen. Es steht den Freimaurern auch offen, den häufig zu weiten Mantel ihrer ethischen Ansprüche zu verkleinern – dann freilich droht biedermännische Bedeutungslosigkeit.

Freimaurer können sich aber auch darum bemühen, durch mehr konzeptionelles Profil und eine überzeugende Praxis in diesen weiten Mantel selbst gesetzter Ansprüche hineinzuwachsen – das wäre ein Weg, der den Traditionen von Humanismus und Aufklärung entspräche.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen: Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben; die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zum Werkraum für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen; unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von obskuren Mythen überlagert wird; unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern auch als Gestaltungsfaktor der Gegenwart erkennbar ist, und unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder, schlimmer noch, mit obskuren Mythen verwechselt wird.

Auf alle Fälle müssen Freimaurer redlich sein und sagen, was sie sind und was sie wollen.

Veranstaltungen wie diese können dazu beitragen, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie sind aber auch dazu da, Impulse und Kritik von außen aufzunehmen und für eine dynamische Weiterentwicklung des Freimaurerbundes zu nutzen. Die Freimaurerei braucht intellektuelle Auseinandersetzung wie die Luft zum Atmen. In der Tradition von Humanismus und Aufklärung finden wir gute Grundlagen dafür, uns den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen.

Wir müssen allerdings den Mut zum Konkreten haben, den Mut zu einer neuen freimaurerischen Erzählung und den Mut zu überzeugender humanitärer Praxis. Wir müssen mehr sein wollen als ein Museum unserer selbst! Wir liegen ja nicht neben der Zeit und wir liegen auch nicht hinter der Zeit. Wir stehen in der Zeit. Und wir können darauf vertrauen, dass sie aktuell ist und lebensfähig, unsere gute alte Freimaurerei.

Einerseits gibt es auf der „Angebotsseite“ viele ermutigende Entwicklungen: Viele Brüder lieben ihren Bund, und viele Logen arbeiten gut, ja ausgezeichnet; das Bewusstsein für die Problembereiche der Freimaurerei nimmt innerhalb des Bundes zu; das Bemühen der Großloge um Profil und öffentliche Präsenz ist deutlich wahrnehmbar; wir haben eine Zeitschrift, die zu lesen Freude macht; die Internetpräsenz der Großloge überzeugt durch die Qualität der Darstellung und die Reichhaltigkeit der Information, was auch für viele Homepages der Logen gilt; die Internationale Zusammenarbeit auf Logen- und Großlogenebene intensiviert sich; Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit wird dichter und wirkt sich auf den Feldern Politik, Kultur und Wissenschaft positiv aus; es gibt ein ansteigendes publizistisches Interesse und schließlich wirkt die Freimaurerei der Frauen als positive Flankierung unserer eigenen Arbeit.

Was andererseits die „Nachfrageseite“ betrifft, das Interesse an der Freimaurerei und der Mitgliedschaft in ihr, so zeigen Beobachtungen und Analysen doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt: Es gibt sie doch, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Handeln wir auf der Grundlage unserer neu durchdachten Fundamente, machen wir uns klar, dass der raue Stein nicht nur ein treffliches Symbol unserer selbst, sondern auch unseres Bundes ist, bemühen wir uns darum, unser Erbe kreativ zu erwerben, dann dürfen wir hoffen, dass uns auch in Zukunft manches gelingt und dass wir Freude haben können an der Freimaurerei.

Doch gewiss: Oft werden wir auch scheitern. Das war in der Vergangenheit so, und das wird auch in der Zukunft so bleiben. Der raue Stein, den wir immer wieder aufs Neue bewegen müssen, mag auf uns zurückrollen wie der berühmt-berüchtigte Stein des Sysyphos.

Doch selbst dann wäre ja nicht alles verloren, denn es bliebe immerhin die Möglichkeit, Albert Camus’ Rat zu befolgen, und nicht zu verzweifeln, sondern uns Sisyphos – der es wenigstens immer wieder versucht hat – als einen glücklichen Menschen vorzustellen.

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Ausstellung „Mon cher Conte“ in Stadthagen

(cr) Bis zum 9. Juli findet in der Stadthagener Zehntscheune eine Ausstellung mit Werken des Bielefelder Künstlers Cornelius Rinne statt.

Der Pegasus-Künstler Cornelius Rinne (61) geht mit dieser Ausstellung nicht den typischen Weg einer Einzelausstellung, sondern erarbeitet, neben dem Erstellen der Exponate, ein künstlerisches Gesamtkonzept. Die einzelnen Exponate treten in eine Beziehung zueinander und laden so zu einer Reise durch die Entwicklung der organisierten Freimaurerei in Deutschland ein. Hierbei steht nicht die historische Nachbereitung im Mittelpunkt, sondern der gefühlvolle Blick auf die Erlebnisse innerhalb der Freimaurerei und die emotionale Beziehung des aus Stadthagen stammenden Künstlers zu Schaumburg-Lippe.

Rinne sagte zur Ausstellung und seinem Konzept: „Am liebsten hätte ich noch den Geschmack von Steinhuder Aal-Brötchen, Zungenragout und Fleischgrütze in die Ausstellung einfließen lassen.“ Was aber auffällig ist, der Künstler schafft und spielt mit Symbolen, so tauchen in der Ausstellung ausser dem Porträt von Graf Albrecht Wolgang 4 weitere Porträts namhafter Freimaurer aus dem 18. Jahrhundert auf, die alle auch etwas mit Schaumburg-Lippe zu tun haben und die auch untereinander bekannt waren. Diese Porträts stehen so auch als Symbol für eine Lebensart, die sich in den letzten 300 Jahren stark weiterentwickelt hat.

Wie vieldeutig ein Symbol seien kann zeigt das auch gezeigte Vergissmeinnicht. Freimaurerei war in der NSZeit verboten. Somit konnte man sich auch nicht zu erkennen geben vermisste aber den starken Zusammenhalt unter Brüdern. Ausweg war es sich beim Winterhilfswerk, einer Einrichtung der Nazis, ein hölzernes Vergissmeinnicht zu kaufen und dieses am Revers zu tragen. So konnte in der sogenannten dunklen Zeit der Zusammenhalt
erhalten werden. Unterdessen tragen deutsche Freimaurer dieses Zeichen um ihren Zusammenhalt, gerade auch mit den damals verfolgten Freimauren, zu demonstrieren. unterdessen findet das Symbol aber auch eine allgemeine Nutzung als Zeichen für an Alzheimer erkrankte Personen.

Die Aufforderung von Cornelius Rinne für die Ausstellung lautet daher: „Lassen Sie sich auf die Symbole ein, finden Sie Ihre eigene Haltung zu ihnen, gleichen Sie dann diese Haltung mit der anderer Menschen ab. So werden Sie zu Ihrem eigenen Verständnis finden und sind der Einstellung, die als das freimaurerische Geheimnis bezeichnet wird, auf der Spur.“

Spannend ist sicher auch, dass die gezeigten Bilder in unterschiedliche Arbeitsweisen entstanden sind. Neben Acryl-Gemälden werden auch Zeichnungen, Fotografien und digital erzeugte Grafiken ausgestellt.

Rinne ist Vorsitzender der freimaurerischen Künstlergruppe „Pegasus“.

Die Freimaurerei ist in der glücklichen Lage, im Laufe ihrer fast 300-jährigen Geschichte auf eine Vielzahl künstlerisch tätiger Brüder blicken zu können. Mit gewissem Stolz wird jeder Freimaurer darauf verweisen, dass herausragende Männer wie Goethe und Lessing, Mozart und Liszt, Rückert, Alphonse Mucha, George Kenning, und Tucholsky und viele andere mehr einst der Bruderschaft angehörten.

Dabei wird oft übersehen, daß auch heute viele künstlerisch tätige Brüder in der Kette stehen deren Schaffen vom freimaurerischen Geist geprägt ist. Sie wirken in allen Sparten der Kunst, aber auch in benachbarten Sparten wie z.B. Design, Journalismus, Kochkunst…, eben allem was Kunst, Kultur und Kommunikation ausmacht. Es sind Brüder, die durch ihr Tun in der Öffentlichkeit von den Idealen des Bundes künden, Brüder, die in der Lage sind, in der Sprache unserer Zeit zu den Menschen zu sprechen. Im Bereich Künstler können sie einige der in Pegasus organisierten Brüder kennen lernen. Pegasus ist im deutschsprachigen Raum der einzige kulturell arbeitende Verein, der sich allen Sparten von Kunst, Kultur und Kommunikation verschrieben hat und außerdem hierbei schaffende und interessierte Menschen zueinander führt.

Historische Zehntscheune Stadthagen, Eberhard-von-Breitenbach-Platz 1, 31665 Stadthagen. Die Öffnungszeiten sind Freitags von 15:00 – 18:00 Uhr und Samstags und Sonntags von 11:00 – 18:00 Uhr.

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Sponsoren für Bildband über Freimaurer gesucht

Tempel im Logenhaus der Provinzialloge von Yorkshire West Riding, Bradford, England, 2015. Foto: Juliane Herrmann

Tempel im Logenhaus der Provinzialloge von Yorkshire West Riding, Bradford, England, 2015. Foto: Juliane Herrmann

Mehr als fünf Jahre war die Fotografin Juliane Herrmann in Europa und Teilen der Welt unterwegs, um Logenhäuser und Freimaurer zu fotgrafieren. Jetzt sucht sie nach Sponsoren, damit das Buch im Herbst erscheinen kann.

„Mein Fotobuch gibt einen komplexen Einblick in eine Welt, die noch nie zuvor so umfangreich fotografiert wurde“, schreibt die Fotografin auf der Seite der Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“. Ihr Anliegen ist es nach eigenen Angaben, auf die Existenz der Freimaurer und ihre Wertvorstellungen hinzuweisen, Vorurteile auszuräumen. In ihren auf Kickstarter und ihrer Website erschienenen Fotos zeigt sie Innenansichten von sogenannten Freimaurertempeln, einem Teil der Versammlungsräume, sie zeigt zumeist ältere Herren in freimaurerischer Bekleidung, mehr oder minder gediegene Räumlichkeiten, aber auch Motive aus Nebenräumen und den unspektakulären Alltag der Freimaurer bei Aufbauarbeiten oder dem Putzen des Hauses.

Niederländischer Freimaurer, Mitglied bei „De Vriendschap“ in Den Haag und „Concord“ in Rotterdam, Niederlande, 2013. Foto: Juliane Herrmann

Niederländischer Freimaurer, Mitglied bei „De Vriendschap“ in Den Haag und „Concord“ in Rotterdam, Niederlande, 2013. Foto: Juliane Herrmann

Ob es Juliane Herrmann tatsächlich gelingt, Vorurteile abzubauen, bleibt abzuwarten. Denn natürlich haben es ihr als Fotografin vor allen Dingen die visuell ansprechenden Motive angetan, die beeindruckenden Freimaurertempel, die aber in dieser Form eher die Ausnahme als die Regel sind. Und vielleicht ihrer Vorstellung entsprechend zeigt Frau Herrmann eine Freimaurerei, die gerade dabei ist, diese Bilder abzulegen: zumindest in Deutschland wird Freimaurerei sichtbar jünger, dynamischer und zunehmend nach außen als nach innen gekehrt. Ebenso muss ein Versuch misslingen, die Freimaurerei darzustellen, denn die Freimaurerei gibt sie nicht. Aber eben diese Frage versucht sie in Ihrem Buch zu beantworten: die Frage nach kulturellen Unterschieden, dem Typisches der besuchten Länder.

Aber vielleicht ist es die Mischung und der, wie sie anmerkt, gelegentlich humorvolle Umgang mit der Freimaurerei, der dem Buch einen besonderen Reiz geben könnte. Es kommt darauf an, wie das Bildmaterial kombiniert und mit welchen erläuternden Texten es ergänzt wird. Ob es ein gelungenes Buch wird, kann man erst beurteilen, wenn es vorliegt. Einen Versuch jedenfalls ist es sicher wert. Und damit dieser Versuch gelingt, hat die Fotografin diese Kampagne gestartet, um für eine Veröffentlichung benötigte 15.000 € zu sammeln. Zum Zeitpunkt dieses Artikels waren knapp 8.000 € zugesagt, und noch sind 14 Tage Zeit. Wir sind gespannt.

Was ist „Crowdfunding“?

Der Begriff ist recht jung und bezeichnet den Versuch, ein Projekt durch eine Gruppe unterschiedlichster Menschen zu finanzieren. Dafür wurden im Internet verschiedene Plattformen  – wie in diesem Falle die Seite „Kickstarter“ – gegründet, in denen Menschen ihr Projekt vorstellen, den Finanzbedarf erläutern und die Gegenleistung, die der „Investor“ bekommt. Beim vorgestellten Crowdfunding kann man bereits ab 8 € teilnehmen und bekommt eine Postkarte, für 40 € erhält man nach Erscheinen ein signiertes Buch. In verschiedenen Schritten bis zu 2.000 € erhält man unterschiedliche, fest umrissene Gegenleistungen. Im Grunde ist es in diesem Fall ähnlich der Subskription im Buchhandel.

Das Buch soll im Format 16,8 x 24 cm erscheinen, über 300 Seiten haben und 160 Farbfotografien enthalten. Die Sprache ist Englisch mit einem Einleger in deutscher Sprache. Der Preis soll 40 € betragen. Auf der Crowdfunding-Seite finden Sie eine Auswahl von Bildern und ausführliche Erläuterungen, weiter unten in deutscher Übersetzung.

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Helfen mit Spaß und Freundschaft

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die „Shriners“ sind eine weltweit tätige Vereinigung von Freimaurern, die in Deutschland noch neu und relativ unbekannt ist. In Dresden durfte die Organisation sich anlässlich des Großlogentreffens vorstellen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den leicht gekürzten Beitrag.

Von Charsten Wienbreyer

„Unsere masonische Familie ist groß und unsere Betätigungsfelder außerhalb des Tempels sind sehr breit gefächert. In nur wenigen Fällen aber gibt es überregionale Organisationen, die von Freimaurern gegründet werden mit dem Ziel, Kräfte zu bündeln und auf einen ganz konkreten Zweck auszurichten. Hier in Deutschland kennen wir neben anderen vor allem das Freimaurerische Hilfswerk, den Förderverein des Freimaurermuseums oder auch den Förderverein für das Freimaurer-Wiki.Schon der Lehrling hört bei seiner Initiation den verpflichtenden Satz, sich um die Not und das Elend um ihn herum zu kümmern.

Genau diese Verpflichtung haben sich Freimaurer im Jahre 1872 zum Credo gemacht und eine Organisation aus der Taufe gehoben, die in ihrer Struktur, Ausrichtung und ihrer Wirkung einmalig ist. Eine weltweit existierende und agierende Vereinigung von Gleichgesinnten, die sich auf die Hilfe für Kinder konzentriert. Ein verpflichtender Zusammenschluss von ca. 300.000 Freimaurern weltweit, denen heute 22 Kinderkrankenhäuser gehören und die seit fast 100 Jahren Kindern eine kostenlose medizinische Behandlung gewähren. Immerhin fast 1.5 Millionen Kinder sind seit der Eröffnung des ersten Kinderkrankenhauses in unseren Einrichtungen behandelt worden.

Als vor fast 150 Jahren aus dem Willen Einzelner eine sehr konkrete Tat wurde, war das Ausmaß dessen, was heute durch Freimaurer betrieben und bedürftigen Kindern zur Verfügung gestellt wird, nicht abzusehen. Aus dem Wunsch, einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist ein Netzwerk hochspezialisierter medizinischer Spezialbehandlungen geworden. Die Freimaurer, die sich bei den Shriners engagieren, verwalten heute Einrichtungen von höchster medizinischer Reputation, sowohl in der Forschung, als auch in der Ausbildung von medizinischem Personal. Gestattet mir, hier zwei Beispiele zu nennen.

Seit 30 Jahren stellt die Zypriotische Regierung den Shriners einmal im Jahr Räume und Geräte in einem staatlichen Kinderkrankenhaus zur Verfügung, um dort Ärzten und Schwestern aus dem Krankenhaus in Springfield die Möglichkeit zu geben, innerhalb weniger Tage hunderte von Kindern mit angeborenen orthopädischen Fehlbildungen oder erlittenen Schädigungen zu untersuchen und die notwendige medizinische Behandlung einzuleiten, wenn nötig, kostenlos in einem der „Shriners Hospitals for Children“.

Ein zweites Beispiel ist die Vernetzung zwischen den Shriner Kinderkliniken und verschiedenen anderen Spezialkliniken u.a. mit der auf Brandwunden und plastische Chirurgie ausgerichteten BG Unfallklinik in Ludwigshafen. So wird mit Telemedizin- und Videokonferenzmöglichkeiten daran gearbeitet, voruntersuchende oder nachsorgende Behandlungen mit dem medizinischen Fachpersonal in den Shriners Kliniken zu besprechen und festzulegen.

Dem Freimaurer, der sich entschließt, an dieser Arbeit teilzuhaben, dem erschließt sich eine Sichtweise auf den „wohltuenden Einfluss der Freimaurerei“, die in dieser Form einmalig ist. Die in Heidelberg beheimatete europäische Organisation betreut derzeit Kinder aus Deutschland, Holland, der Türkei, Jordanien, Palästina, Zypern, Rumänien, der Schweiz, Syrien und Polen, die kostenlos in unterschiedlichen Krankenhäusern behandelt werden.

Bei all dem Fokus auf die extrem teure, aber für die Kinder kostenlose medizinische Hilfe, ist den Shriners eines sehr wichtig, das Engagement muss immer die Freude und den Spaß zum Ausdruck bringen und darauf gründen, den es macht, einem Kind zu helfen. Deshalb kostümieren sich die Shriner gewordenen Freimaurer, deshalb verwandeln sie sich selbst in Märchenfiguren aus 1001 Nacht, deshalb machen sie nichts im stillen Kämmerlein, sondern immer „mit Kind und Kegel“, deshalb reiten sie auf Kamelen und machen diese manchmal nach, deshalb versetzen sie sich in die Lage eines Bettlers, um wie Kinder um Hilfe zu bitten, die sich nicht anders zu helfen wissen.

Ich bin seit über 20 Jahren Freimaurer und ich bin Shriner, seit dem ich den Meistergrad erhoben wurde. Es erfüllt mich mit Stolz, dass die Shriners auch in Deutschland angekommen sind. Ihr findet sie in Hamburg entlang der Waterkant, in Düsseldorf entlang des Rheins, in Ostwestfalen, in Berlin, Leipzig, in Bayern, im Rhein-Main-Gebiet, im Rhein-Neckar-Dreieck, Stuttgart oder am Bodensee. Wo es heute noch keinen Club gibt, da wird es demnächst einen geben. Vielleicht auch, weil Ihr mich heute gehört habt und feststellen werdet, es gibt viele gute Gründe, ein Shriner zu werden und keinen, es nicht zu sein.

Ich möchte schließen mit drei nüchternen Informationen, die helfen sollen, die Shriner besser zu verstehen.

Zum einen: Es gibt, außer der Aufnahme, keine rituellen Arbeiten und keine einführenden und/oder weiterführenden Grade. Die Shriner sind keine Obödienz, keine Lehrart, kein Hochgradsystem, sie sind keine freimaurerische Organisation. Man muss Freimaurermeister in einer regulären Freimaurerloge sein, um aufgenommen zu werden. Das ist den Shriners sehr wichtig, es ist ein Muss.“

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Hans-Hermann Höhmann: Freimaurerei in Deutschland

Hans-Hermann Höhmann: Freimaurerei in Deutschland

Unter dem Titel „Freimaurerei in Deutschland, Aspekte der Vergangenheit – Aufgaben für die Zukunft“ ist ein weiteres Buch von Hans-Hermann Höhmann im Salier-Verlag erschienen.

(bs) Mit einer Studie zur historischen Entwicklung der Freimaurerei in Deutschland und zu den Aufgaben, die sich dem Bund in der Zukunft stellen, setzt Hans-Hermann Höhmann seine Publikationen über den „Bruderbund der Menschlichkeit“ fort. Kernanliegen seiner Analyse im Jubiläumsjahr der Weltfreimaurerei 2017 ist es herauszuarbeiten, wie sehr Herkunft und Zukunft zusammengehören: Einerseite beeinflusst die vergangenheit auf nachhaltige Weise die Freimaurerei der Gegenwart, andererseits lassen sich die zukünftigen Aufgaben des Freimaurerbundes nur bestimmen, wenn bekannt ist, auf welche herkunft sich die angestrebte Weiterentwicklung bezieht. Dem Autor ist für die Zukunft der Freimaurerei vor allem an einer Orientierung des Bundes an den Traditionen von Humanismus und Aufklärung gelegen. Ihm gelingt es, diese Traditionen in der vergangenheit der deutschen Freimaurerei aufzuspüren und zu zeigen, mit welchen anderen, davon abweichenden Traditionslinien es die Freimaurerei in Deutschland zu tun hatte. Daraus entwickelt er schließlich ein klares Konzept für eine „Humanistische Freimaurerei“. Neben den Prinzipien der Freimaurerei werden vom Autor auch die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart behandelt, mit denen sich der Bruderbund auf absehbare Zeit auseinanderzusetzen hat.

Hans-Hermann Höhmann: „Freimaurerei in Deutschland, Aspekte der Vergangenheit – Aufgaben für die Zukunft“. Taschenbuch 12 x 19 cm, 180 Seiten, erschienen im Salier-Verlag zum Preis von 12,00 Euro, ISBN 978-3-943539-81-3

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Wertewandel und die Antworten der Freimaurerei

Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge, referiert in der Kemptner Loge

Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge, referiert in der Kemptner Loge „zum Hohen Licht“

Der Redner der Großloge Hans Hermann Höhmann referierte im Mai 2017 in der Loge „Zum Hohen Licht“ in Kempten über das Thema „Gesellschaft im (Werte-) Wandel: Welche Antworten hat die Freimaurerei. Zahlreiche Zuhörer folgten gespannt seinen Ausführungen, die wir in Folge ungekürzt veröffentlichen.

„Werte sind im Gespräch: In einer neuen „Leitkulturdebatte“ fand Bundesinnenminister Thomas de Maizière dazu jüngst deutliche Worte: „Wir bleiben – unverhandelbar – Teil des Westens, stolze Europäer und aufgeklärte Patrioten. Vor allem die Menschenwürde ist für uns unverhandelbar, auch im Umgang der Menschen untereinander.“

Ja, Werte sind im Gespräch: Auf der einen Seite ist von Wertewandel, wenn nicht gar von Werteverfall die Rede. Auf der anderen Seite wird die Notwendigkeit betont, alte Wertesysteme zu beleben, sie erneut verbindlich zu machen oder gar neue Wertesysteme zu entwickeln. Während in den Medien und der Populärpublizistik eine eher negative Einschätzung dominiert, die meist an spektakulären Ereignissen (Korruptionsskandalen, sexuellen Entgleisungen prominenter Mitbürger, unterschiedlichen Formen von Gewalttätigkeit) festgemacht wird, stehen sich in der Politikwissenschaft, Soziologie und empirischen Sozialforschung zahlreiche analytische Ansätze mit unterschiedlichen Ergebnissen und Interpretationen gegenüber. Als wichtige Autoren sind u. a. Ronald Inglehart, Helmut Klages, Elisabeth Noelle-Neumann und Karl-Heinz Hillmann hervorzuheben. Was die einen als zunehmende Selbstentfaltung, Autonomie und Gleichberechtigung beschreiben, stellt sich für andere Autoren als Werteverfall oder -verlust dar. Einige Untersuchungsergebnisse deuten neuerdings auf eine Wiederbelebung „traditioneller“ Werte wie Moral, Pflichtbewusstsein, „Law and Order“ sowie Fleiß hin. Ob derartige Entwicklungen auf die generelle Renaissance eines bürgerlichen Wertesystems verweisen, ist allerdings umstritten. Umstritten ist auch, ob der neuerliche Bezug auf bestimmte tradierte Wertkonventionen tiefer geht oder lediglich eine auf Teilbereiche der Gesellschaft beschränkte „Wertdekoration“ darstellt.

Insgesamt steht nach wie vor die auf viele Beobachtungen gestützte Befürchtung im Vordergrund, dass im politisch-gesellschaftlichen wie im privaten Leben viele Werthaltungen fehlen, unzureichend vorhanden sind oder einen unverbindlich-rhetorischen Charakter angenommen haben, die das Verhalten der Menschen bisher geregelt haben. In zunehmenden Maße vermisst werden Einstellungen, die unmittelbar öffentlich bedeutsam sind wie soziale Verantwortung, Sorge um die Zukunft der Gemeinschaft, Offenheit für den Mitmenschen, Redlichkeit im Umgang miteinander sowie Maßhalten im Vertreten von ideologischen Standpunkten und materiellen Interessen.

In zunehmenden Maße vermisst werden Einstellungen, die unmittelbar öffentlich bedeutsam sind.

Vor allem die politischen und wirtschaftlichen Eliten werden unter diesen Gesichtspunkten zunehmend kritisch betrachtet. Machtversessenheit vor der Wahl und Machtvergessenheit nach der Wahl (so schon Richard von Weizsäcker in seiner Zeit als Bundespräsident) etwa ist ein ebenso pointierter wie oft zitierter Vorwurf an die Adresse der politischen Parteien. Den ökonomischen Eliten wird Missbrauch wirtschaftlicher Macht, ungebremste Geldgier, „Heuschreckenmentalität“ und „Weißkragenkriminalität“ vorgehalten.

Vermisst werden aber auch Einstellungen, die der tagtäglichen Alltagspraxis zuzurechnen sind, wie Rücksichtnahme, Respekt und Höflichkeit im Umgang miteinander. Rüdes Verhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht zuletzt alten und gebrechlichen Fahrgästen gegenüber, mag ein anschauliches Demonstrationsfeld hierfür sein. „Rüpelrepublik Deutschland“ hat der Spiegel-Journalist Jörg Schindler sein Buch zur verfallenden Alltagsmoral genannt.

Auch die Freimaurer stehen im Wertediskurs. Denn die Frage nach Werten, Tugenden und moralischen Verhaltensweisen hat im Freimaurerbund eine lange, in die Zeit seiner Gründung im frühen 18. Jahrhundert zurückreichende Tradition. Auch die gegenwärtige Wertproblematik ist für die Freimaurer von großer Bedeutung, und es ist eine Herausforderung für sie, den Wertewandel der Gegenwart mit ihrer Ideenwelt zu konfrontieren, nach der heutigen Relevanz ihrer Ideenwelt zu fragen und über die Tragfähigkeit ihres eigenen Beitrags zum Wertediskurs nachzudenken.

Die zunehmende Verunsicherung, ja das zunehmende Krisenbewusstsein, das als Hauptgrund für das Nachdenken über die Wertgrundlagen der Gesellschaft erkennbar ist, lässt sich auf die zahlreichen, oft grundstürzenden Veränderungen zurückführen, die kennzeichnend für die politische und gesellschaftliche Struktur der Gegenwart geworden sind.

All diese Entwicklungen erfordern rasche und nachhaltige Reaktionen von Politik und Gesellschaft.

Ich nenne nur mit Stichworten die Auflösung der festen internationalen Strukturen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltsystems; die Globalisierung mit ihren vielen ungelösten Problemen und Herausforderungen; die konfliktträchtigen Mischungen von multikulturellen Gesellschaften, religiösen Fundamentalismen und internationalem Terrorismus; die mit Flüchtlingsströmen, Zuwanderung und Integration verbundenen Probleme einer unabweisbar multikulturell werdenden Gesellschaft; die Zunahme technischer Machbarkeiten: Stichworte Genmanipulation und Anwachsen der Kontrolle über den Menschen durch eine ausufernde Erfassung seiner persönlichen Daten; die Gefährdung der Stabilität von Umweltbedingungen (Stichwort: drohende Klimakatastrophe); die Zusammenhänge zwischen Finanzsystem, Wirtschaftskrise und den moralischen Grundlagen der Wirtschaft; die Auswirkungen der Internetkommunikation, Internet-Mobbing, „shitstorm“. Dazu kommt längerfristig die tiefgehende Umstrukturierung und Neuformierung der Realgesellschaft, geprägt durch Wandlungen in der Altersstruktur der Gesellschaft, die damit verbundene Gefahr einer Desintegration der Generationen; Veränderungen in der Arbeitswelt mit ihrem Hauptproblemen Langzeit-Arbeitslosigkeit und Niedriglohnsektor (Fokus: Mangel an Gerechtigkeit), die Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter zueinander; die veränderten Formen der sozialen Einbindung bzw. Vernetzung der Menschen, d.h. Wandlungen in der Struktur des „Sozialkapitals“ im Sinne einer geringeren Bereitschaft zu dauerhafter Bindung an hergebrachte bürgergesellschaftliche Gruppierungen (Beispiel: Rückgang der Mitgliedschaft in etablierten politischen Parteien in Deutschland zwischen 1990 und 2010 von 2,2 auf 1,1 Mio.).

Von großer Bedeutung sind aber auch die mentalen Veränderungen der gegenwärtigen Moderne bzw. Postmoderne, die von manchen Beobachtern gar als ein Ende der bürgerlichen Gesellschaft im traditionellen Sinne gedeutet werden: die Umschichtungen von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogeneren und unverbindlicheren „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross); die Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), die sich auf unterhaltsame Events und wechselnde Oberflächenreize orientiert.

All diese Entwicklungen erfordern rasche und nachhaltige Reaktionen von Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass die zuvor skizzierten Probleme nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Institutionen, Verfassungen, Normen, Rechtsregeln, staatliche Interventionen – all das reicht hierzu offensichtlich nicht aus. Es ist vielmehr – national und international und insbesondere auch im europäischen Kontext – nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft zu fragen, nach den „vorpolitischen moralischen Grundlagen des Gemeinwesens“, und zwar nicht im Sinne eines Vorhandenseins bloßer Wertkataloge, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

Ernst-Wolfgang Böckenförde, deutscher Rechtsprofessor und von 1983 bis 1996 Richter am Bundesverfassungsgericht, hat das Problem der Gewährleistung einer integrierenden, motivierenden und verhaltensleitenden Grundlage einer modernen säkularen Gesellschaft – auf die immer wieder zitierte – sozusagen „klassisch“ gewordene – Formel gebracht:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben …“

Damit stellt sich in der Tat die Frage nach den vorpolitischen, nach den moralischen, nach den kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens, nach den Kräften, die in der Lage wären, die Welt diesseits und jenseits aller Normen und Institutionen auf eine stabile Weise zusammen zu halten. Es stellt sich – so kürzlich Bundespräsident Steinmeier – die Frage nach dem „Kitt, der unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält? Und danach, ob dieser Kitt auch für die Zukunft hält.“

Es ist nun für den Freimaurer ebenso überraschend wie befriedigend festzustellen, dass sein großer Vordenker Gotthold Ephraim Lessing die „Böckenförde Formel“ in seiner Schrift „Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer“ um 200 Jahre vorweggenommen hat.

Lessing fasst die Überzeugung Böckenfördes, dass der freiheitliche Rechtsstaat von Voraussetzungen lebt, die er um der Freiheit Willen durch Gesetz und Rechtszwang nicht selber schaffen könne, dem Sinne nach gleich in die Worte, dass der Staat die „schrecklichen Klüfte“ zwischen Staaten, Religionen und Ständen durch Gesetzeskraft nicht einreißen könne, ohne Staat und Gesellschaft zu zerstören. Zur Überwindung der „schädlichen Trennungen“ zwischen Nationen, Religionen und sozialen Schichten bedürfe es daher eines „zusätzlichen Werkes“, eines opus supererogatum, einer Ethik des Brückenbaus, und Lessing wünscht sich, dass es die Freimaurer sind, die es „mit zu ihrem Geschäft“ machten, daran kräftig Anteil zu haben.

Ralf Dahrendorf, der im Jahre 2009 verstorbene deutsch-britische Soziologe, Politiker und Publizist von internationalem Rang, hat Zweifel an der generellen Gültigkeit der zitierten Sentenz Böckenfördes angemeldet und betont, dass unter den „Ligaturen“, wie er Formen von Bindung innerhalb der Gesellschaft und Solidarität stiftende Elemente genannt hat, möglicherweise doch auch „Institutionen der liberalen Ordnung“ eine größere Rolle spielen als von Böckenförde angenommen. Demokratische Überzeugungen können tatsächlich auch im Vollzug demokratischer Praxis, gleichsam als „Einübungsdemokratie“ entstehen. Doch ist die Präferenz für liberale Institutionen kaum vorstellbar ohne bestimmte Wertvorstellungen und motivationelle Regulierungskräfte.

Mit der Frage nach den Regulierungskräften, die den Staat tragen, seine Homogenität verbürgen und die Freiheit seiner Bürger sichern, und „deren er bedarf, nachdem die Bindungskraft aus der Religion für ihn nicht mehr essentiell ist und sein kann“ (Böckenförde), ist die Frage nach der Wirkungskraft von gesellschaftlichen Werten in einer säkularisierten Gesellschaft gestellt, die nicht mehr allein und nicht mehr vorrangig religiös bestimmt sind. Allgemeiner gefasste, doch nicht weniger verbindliche Werte müssen dann zu den grundlegenden, zentralen Zielvorstellungen und Orientierungsmaßstäbe für das individuelle menschliche Handeln und für das soziale Zusammenleben werden. „Werte sind unbedingte Vorrangregeln mit moralischer Qualität“ – dies das Wort Udo di Fabios, wie Böckenförde Rechtsprofessor und Bundesverfassungsrichter. Werte bedeuten, so einmal nüchtern-kategorisch von Niklas Luhmann formuliert, „Höchstrelevanz mit normativem Gehalt“.

Werte haben sowohl eine individuell-persönliche als auch eine kollektiv-gesellschaftliche Dimension.

In individueller Hinsicht bestimmen Werte Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und Selbstachtung jedes einzelnen Menschen: Menschen definieren sich im Hinblick auf die Werte, zu denen sie sich bekennen und für die sie einstehen. In sozialer Hinsicht orientieren sich Gruppen und Gesellschaft an Werten. Von ihrer Wertbasis her wird bestimmt, wie sich eine Gesellschaft selbst versteht, welche Grundprinzipien für ihre Gestaltung bestimmend, welche Elemente von „Leitkultur“ für sie gültig sein sollen.

Woher stammen europäische Werte? Wie und durch wen können sie dem überwiegend rhetorischen Charakter entgehen, der ihnen oft anhaftet, und als Handlungsgrundlage verbindlich werden? Und welche Rolle spielt dabei ein Bewusstsein, das man ein „bürgerliches“ nennen kann?

Die Werte, die als ideelle Grundlagen der deutschen wie jeder modernen europäischen Gesellschaft dienen können, entstammen den großen Werterzählungen der Aufklärungszeit, die ja europäische und nicht zuletzt auch freimaurerische Werterzählungen gewesen sind. „Vor allem im Milieu des damals entstehenden Bürgertums“ – so erläutert der Berliner Historiker Jürgen Kocka – „entwickelten sich (im späten 18. Jahrhundert) moderne, durch die Aufklärung geprägte Ideen, Ideen von einer neuen Gesellschaft, Kultur und Politik: das Programm einer ‚bürgerlichen Gesellschaft’. Es wurde in den bürgerlich geprägten Assoziationen und Lesegesellschaften, in den Vereinen und Zeitschriften des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts diskutiert, bald auch auf öffentlichen Versammlungen und Festen der sich ausbreitenden liberalen Bewegung“.

Eine besondere Rolle dabei spielten auch die Logen der Freimaurer. Die Logen schließen „Privatleute zum Publikum“ zusammen, und sie antizipieren Öffentlichkeit, wenn auch noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, – so Jürgen Habermas in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Reinhart Koselleck beschrieb die Loge als das „stärkste Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert“ und hob ihre Wirkung mit den vielzitierten Worten hervor: „Die Freiheit im Geheimen“ – d.h. die Freiheit im geschützten Milieu der Loge – „wird zum Geheimnis der Freiheit“, d.h. der zukünftigen politisch-gesellschaftlichen Freiheit in Europa. Es war ein zukunftsgerichteter Entwurf, zu dem sehr verschiedene Autoren beigetragen hatten – von John Locke und Adam Smith über Montesquieu und die Enzyklopädisten bis zu Immanuel Kant und Gotthold Ephraim Lessing.

Freimaurerei entstand als eine Bewegung des Aufbruchs und der Hoffnung.

In der Tat: Die Werte, die als ideelle Grundlagen der modernen Gesellschaft, dienen können, entstammen den großen Werterzählungen der Aufklärungszeit, die ja auch und nicht zuletzt freimaurerische Werterzählungen gewesen sind. Freimaurerei entstand als eine Bewegung des Aufbruchs und der Hoffnung. Darauf beruhte ihre Aktualität, ja ihr Charakter als „Mode eines Jahrhunderts“ – wie Friedrich der Große, preußischer König und Freimaurer, – sie gekennzeichnet hat. Und in der Tat, kaum eine Gesellschaftsgruppe ist so reich an Entwürfen der Hoffnung wie die Freimaurerei. Es war die Hoffnung auf Aufklärung, auf „Unterscheidungsfähigkeit zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis“ (so die Definition des Weimarer Freimaurers Christoph Martin Wieland), es war die Erwartung einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, und es war das Erlebnis menschlicher Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis, was Bewusstsein und Gefühl der Gründer des Freimaurerbundes geprägt hat. Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es waren immer wieder diese neuentdeckten Menschen selbst, die im Zentrum von Freimaurerei und Loge standen, es war das Bekenntnis zur Humanität als Inbegriff von „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe“, wie der Freimaurer Johann Gottfried Herder sie mit dieser Reihung fast schon hymnisch bestimmt. Nicht um den Mensch als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ gibt der skeptische Priester vor Taminos Aufnahme in Mozarts Freimaureroper „Die Zauberflöte“ zu bedenken. Doch Sarastro wischt die Bedenken fort: „Noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings bereits zitierter programmatischer Freimaurerschrift „Ernst und Falk“ aus den Jahren 1778/1780: „Die Staaten“ – so heißt es dort – „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“ Und an einer anderen Stelle von „Ernst und Falk“ heißt es scharf anti-ideologisch pointierend, daß die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen zur Absicht gehabt hätte, sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Das Recht auf Verfolgung dieser Glückseligkeit hatten kurz zuvor die amerikanischen Freimaurer um George Washington als Grundrecht in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten geschrieben: „All men are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe

Wie aber können solche Einstellungen zur Grundlage politischer und gesellschaftlicher Praxis werden? Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche Verankerung zum selbst- und wertbewussten Bürger wird? Gewiss nicht durch eine bloße Wertrhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis bürgerlicher Wertaneignung und Wertumsetzung.

Hierzu drei Überlegungen zum Schluss. Erstens: Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm, denn es gibt viele Fragen die nach Antwort verlangen: Welche Werte sollen gelten? Wie verhalten sich die einzelnen Werte zu einander, Freiheit und Gleichheit etwa? Auf welche Weise sind Werte ganz konkret und gesetzestechnisch in Institutionenbildung und Politik umzusetzen? Was sind die zweckmäßigen pädagogischen Programme, um – insbesondere bei jungen Menschen – Wertbewusstsein zu wecken und habituell zu verankern? Ethikunterricht etwa oder Pro-Religion?

Eine solche Prüfung, Befragung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen sowie einen toleranten, redlichen Diskurs voraus. Dabei geht es nicht nur um Werte, es geht auch um Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Praktikabilität und Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der lange in Princeton und seit 2007 in Harvard lehrende Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinander setzen. Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wieder aufleben lassen wollte – lebte doch damals die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen.“ Doch sie ist „vergangene Hoffnung“ (Horkheimer/Adorno), sie ist der Ursprung jener die Werte, „die heute das Herzstück der Europäischen Gemeinschaft ausmachen, und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus ermöglicht“.

Europäische Werte müssen heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen, wenn sie auch ihren Kern bei diesen Begegnungen zu bewahren haben. Nicht aus Prinzip und Überheblichkeit, sondern deshalb, weil sie sich als Grundlage einer freien Gesellschaft ganz pragmatisch bewährt haben.

Drittens schließlich ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt. Insofern darf Eintreten für „Bürgerlichkeit“ auch in keiner Weise als Gegensatz zum Sozialstaat gesehen werden, dessen Notwendigkeit unbestritten bleibt.

Eine Einstellung bewusster, wertorientierter Bürgerlichkeit erfordert nicht zuletzt eine Mitwirkung in den vielen Gruppierungen der Bürgergesellschaft, – von den Familien über die Parteien, die Bürgerinitiativen, die Vereine, die Kindergärten und Schulen bis hin zum Hospiz und zur Altenbetreuung – d.h. eine Mitwirkung in den zahlreichen vom Staat unabhängigen Initiativen und Assoziationen, deren Aktivitäten und deren Vernetzung allein eine humane Gesellschaft ermöglicht. Dabei ist die Vernetzung bürgergesellschaftlichen Engagements über die nationalen Grenzen hinaus besonders wichtig für die Zukunft Europas.

„Die simultane Eröffnung von Baustellen der Bürgerschaft“ – so der französische Philosoph Étienne Balibar in seiner lesenswerten Essay-Sammlung „Sind wir Bürger Europas?“ – „ist die konkrete Voraussetzung, damit der öffentliche Raum wieder zum Raum des Bürgers wird. Deshalb ist die Frage einer europäischen Öffentlichkeit (die praktisch immer noch nicht existent, aber gleichwohl ‚latent’ vorhanden ist) so wichtig … Ohne eine solche Öffentlichkeit ist in dem geschichtlichen Raum, in den wir nun eingetreten sind, an ‚aktive Bürgerschaft’ nicht zu denken … Wenn Europa (das heißt die wirklichen Europäer, die ‚Einwohner’ Europas) die Triebkraft der politischen Aktion auf diese Weise umverlagern kann, wird es zweifellos nicht das sich selbst genügende ‚Ganze’ sein, das die Verträge und Gipfel verkünden. Es könnte aber – als der Name eines künftigen Volkes – durchaus ‚etwas’ werden“.

Man kann die Freimaurerei als Bund definieren, der sich um ethische Orientierungen herum entwickelt hat und in dem der Wertediskurs von Anbeginn an eine zentrale Rolle spielte.

Wie kaum eine andere Assoziation stehen die Freimaurer in der Geschichte europäischer Wertentwicklung und in der Tradition europäischen Bürgerbewusstsein. Die Frage nach Werten, Tugenden und moralischen Verhaltensweisen hat im Freimaurerbund eine lange, in die Zeit seiner Gründung im frühen 18. Jahrhundert zurückreichende Tradition. Ja, man kann die Freimaurerei geradezu als Bund definieren, der sich um ethische Orientierungen herum entwickelt hat und in dem der Wertediskurs von Anbeginn an eine zentrale Rolle spielte. „A peculiar system of morality“ („ein eigentümliches System der Moralität“ – eigentümlich aufgrund der mit ihm verbundenen symbolisch-rituellen Lehrmethode) – so haben die englischen Freimaurer schon früh ihren Bund genannt.

Mit fünf Feststellungen lassen sich die Zusammenhänge zwischen Freimaurerei, Wertediskurs und Wertepraxis umreißen: 1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung ethischer Werte verbunden und aufgrund dieser Tradition auch an der Umsetzung von Werten in der Lebenspraxis der Gegenwart interessiert. Werterziehung gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben der Loge. 2. Freimaurer gehen davon aus, dass Werterziehung scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung (Klaus Hammacher). 3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die Gruppe das leistungsfähigste Medium der Werterziehung und der Einübung wertbezogener Verhaltensweisen ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer. 4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Werten vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge. 5. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Umsetzung von Werten immer wieder scheitern können und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Freimaurerei war zuerst eine europäische Bewegung, eine Bewegung engagierter europäischer Bürger, bevor sie im 19. und im frühen 20. Jahrhundert – nicht zu ihrem Vorteil und nicht zum Vorteil Europas – nationalstaatlichen Charakter annahm, in Deutschland teilweise gar völkisch wurde, und sich zugleich einer lähmenden Innerlichkeit verschrieb.

Deshalb sind auch die Freimaurer aufgefordert, erneut über ihre Identität nachzudenken und ihr Selbstverständnis sowie ihr Handeln an ihren besten, ihren europäischen Traditionen auszurichten. Dieser europäische Dimension hätten sich die Freimaurer – über die bloß repräsentative und gesellige Begegnung hinaus – gegenwärtig verstärkt zu stellen und sich wahrnehmbarer als bisher einzuordnen in die Reihe derer, denen Europa mit seiner Kultur und mit der Tradition seiner Werte als Heimat der Menschen unseres Kontinents am Herzen liegt.“

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Interview mit dem Kulturpreisträger Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamp, Schriftsteller und Preisträger des Kulturpreises der Deutschen Freimaurer 2017

Uwe Tellkamp, Schriftsteller und Preisträger des Kulturpreises der Deutschen Freimaurer 2017

Am 26. Mai wurde im Rahmen des diesjährigen Großlogentreffens der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland der Kulturpreis Deutscher Freimaurer an den Dresdner verliehen. Der Großmeister, Br. Stephan Roth-Kleyer, überreichte Uwe Tellkamp in einer Feierstunde mit 280 Gästen den mit 10.000 Euro dotierten Preis im Dresdner Stadtmuseum.

Klare Worte und eine faszinierende Sprache: Uwe Tellkamp ist spätestens mit seinem Monumentalwerk „Der Turm“ in die Liga der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart aufgestiegen. Bastian Salier und Carlos Urban trafen sich im Vorfeld mit dem Preisträger, um mit ihm über seine Arbeit und mögliche Parallelen zur Freimaurerei zu sprechen.

Herr Tellkamp, herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer. Was war Ihre Reaktion, als Sie davon erfuhren?

Es ist ein Preis, der in einer für mich schwierigen persönlichen und beruflichen Situation von ganz unerwarteter Seite kommt. Er bedeutet mir vor allem aufgrund der Galerie, in die man damit gestellt wird, wirklich sehr viel. Sich mit Yehudi Menuhin, Gidon Krämer und Kurt Masur gewissermaßen in einer Linie wiederzufinden ist eine riesige Ehre, die auch Druck bedeutet. Das hat mich ein bisschen erschreckt und ich habe den Preis deshalb mit Skepsis angenommen und auch gefragt: Wissen Sie wirklich, was Sie da tun? Ich musste schon lange nachdenken, ob es überhaupt statthaft ist, diesen Preis mit gutem Gewissen anzunehmen. Dieser Galerie muss man sich ja würdig erweisen. Und ich habe das Gefühl, das ist noch nicht der Fall. Ich habe ein Buch geschrieben, das ein gewisses Aufsehen erregt hat, aber das ist noch zu wenig. Ich arbeite am nächsten, das gestaltet sich schwierig.

Abgesehen davon, dass Sie ja nicht nur ein Buch geschrieben haben, sondern bereits seit 30 Jahren mit ihrem literarischen Schaffen wichtige Themen bearbeiten und für gesellschaftlichen Diskurs sorgen, scheint in der Tat eine der meistgestellten Fragen an Sie zu sein: Wann wird der nächste, schon lange angekündigte Roman – eine Art Fortsetzung des „Turms“ – erscheinen?

Die gesellschaftlichen Zustände und Fragestellungen ändern sich laufend, das macht es so schwierig. Ich habe irgendwann gemerkt, es wird kein Buch, sondern es ist ein Projekt. Ich hoffe, dass der erste Teil im Herbst 2018 erscheinen kann. Viele Fragen treiben mich um, aber es macht auch Spaß, Antworten zu suchen.

Was verbindet Sie mit der Freimaurerei?

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich bisher nur sehr bruchstückhafte Vorstellungen davon hatte. Ich kannte die Szene aus Tolstois „Krieg und Frieden“, in der auch Rituale beschrieben werden. Das fand ich faszinierend. Ansonsten kannte ich nur die gängigen Klischees. Als ich erfuhr, dass ich diesen Preis bekomme, habe ich natürlich viel gelesen darüber. Mich fasziniert dieses Symbol von der Arbeit am rauen Stein der Persönlichkeit, das ist auch für jeden Autor eine Grundlage des Schaffens, über die man nicht so gerne spricht. Das Prinzip des Bauens an einem Gebäude, das mit mir zu tun hat, aber das viel größer ist als ich, hat mich am stärksten angesprochen. Bei den mittelalterlichen Dombauhütten wusste jeder Beteiligte: Das übersteigt mich, das übersteigt selbst meine Zeit, aber ich arbeite daran.

Sie sehen Ihre Kunst als Behauen des eigenen rauen Steins, wie funktioniert das in der Praxis?

Die Freimaurer sind verschwiegen und auch ich rede nicht so gerne über die Grundlagen meiner Arbeit. Man stellt sich Fragen, permanent: Für wen und warum machst du das, was du da tust, für wen ist das gut? Der von mir sehr geschätzte Schriftsteller Heimito von Doderer, übrigens ein Verwandter Ihres stellvertretenden Großmeisters Peter Doderer, sagte einmal sinngemäß: „Ich habe viele dicke Bücher geschrieben, aber meine eigentliche Aufgabe im Leben war es, von meiner eigenen Dummheit wegzukommen.“

Meine Erfahrung ist: Jedes Ergebnis der schriftstellerischen Arbeit ist vorläufig oder ungenügend.

Sie sind im legendären Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ großgeworden, einer Gegend mit großbürgerlicher Prägung. Da fällt es schwer zu glauben, dass Sie nie mit Freimaurerei in Berührung gekommen sind. Gerade dort hat es vor der Nazizeit viele Freimaurer gegeben. War dieser Geist überhaupt nicht mehr lebendig, als Sie in den 60er, 70er Jahren dort aufgewachsen sind?

Nicht, dass ich wüsste. Es kann natürlich sein, dass ich Kontakt hatte, ohne es zu wissen. Aber wenn, dann ist das nicht thematisiert worden. Der „Weiße Hirsch“ war damals eine Art Biotop. Es gab diese Mittags- und Abendbrottische, wo in der Verwandtschaft überaus offen miteinander geredet wurde, wo sich viele Menschen getroffen haben, die in dem System der DDR durchaus in leitenden Stellungen tätig waren. Wir hatten Ingenieure, Eisenbahner, Betriebsdirektoren, Stasispitzel – alle an einem Tisch und jeder erzählte von seinen Erfahrungen in diesem Land. Das hat alle umgetrieben. Es kann natürlich sein, dass der eine oder andere mit maurerischen Gedanken dabei war. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass ich jemanden getroffen hätte, der sagte: Ich war oder ich bin Freimaurer.

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Ihre Kunst fußt darauf, dass Sie in zwei unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen gelebt haben und leben, und sie profitiert davon. Werten Sie es als Vorteil, genau dies erlebt zu haben?

Ja, denn der Blick wird ein anderer. Man hat ein System untergehen sehen, das sich als ewig verstand. Ich habe als junger Mensch ein System erlebt, das von sich behauptete, es sei die beste aller möglichen Welten oder arbeite zumindest daran, dies zu werden. Und ich habe erlebt, wie bei immer mehr Menschen daran Zweifel aufkamen, wie diese Zweifel begründet wurden, immer weitere Kreise zogen, wie der Graben zwischen Anspruch und Realität immer weiter auseinanderklaffte und wie am Ende eine Massenbewegung entstand, die sich gegen das System gestellt hat.

Auswirkungen davon sehen wir immer noch, obwohl schon fast dreißig Jahre seitdem vergangen sind.

Mir persönlich ist vor allem die grundlegende Skepsis gegenüber politischen Verheißungen geblieben. Die Skepsis gegenüber Selbstgewissheiten, die überheblich klingen und eine mangelnde Bereitschaft zu kritisieren, zu hinterfragen und nachzudenken entstehen lassen. Und wir stehen wieder an einer solchen Schwelle. Wir haben heute enorme Probleme, wir müssen an der Gesellschaft arbeiten, es sind viele Dinge faul in diesem Land. Es steht vieles in Frage und wir müssen uns diesen Aufgaben stellen. Das Aufwachsen in einem untergegangenen System hat meinen Blick dafür geschärft.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe: Sind diese Werte noch zeitgemäß und lohnt es sich, für sie einzutreten?

Uns bleibt nichts weiter übrig. Wenn wir nicht wollen, dass wir uns alle gegenseitig den Kopf einschlagen, dann bleibt uns nichts weiter übrig. Was ist denn die Grundlage des Lebens? Miteinander umzugehen, Gewalt zu vermeiden, Kriege zu vermeiden! Man muss vielleicht heutzutage wieder mehr reden. Das hat mit „Gutmenschentum“ nichts zu tun, wie gerne behauptet wird.

Wenn man den Titel Ihres Hauptwerkes „Der Turm“ als Metapher für die „babylonische Sprachverwirrung“ versteht, die in jener Zeit herrschte, die Sie beschreiben: Würden Sie also sagen, wir erleben auch heute wieder eine solche Zeit, in der Begriffe missbraucht, bewusst oder unbewusst falsch verstanden werden und in der die gesellschaftlichen Gruppen aneinander vorbeireden?

Das hat mich, ehrlich gesagt, sehr überrascht. Für mich ist ein Buch dann gültig, wenn es eine grundlegende menschliche Eigenschaft thematisiert. „Der Turm“, der viele Mängel hat, erfasst etwas Grundlegendes: Wie geht eine Gesellschaft, die sich auf eine bestimmte Art und Weise versteht, mit einer Gesellschaft um, die sich auf ganz andere Weise versteht. Dieses Sprechen in offiziellen und in inoffiziellen Worten, wie wir es heute wieder haben – das kommt mir sehr bekannt vor.

Ein Kritiker hat mal gesagt: „Der Turm“ sei schlecht, er trage nichts zur Gegenwart bei. Ich glaube, er irrt sich.

Auch die noch immer schwelenden Unterschiede zwischen Ost und West, die verschiedenen Sprachen, die man heute noch teilweise in dem einst geteilten Deutschland spricht, tragen dazu bei?

Ich würde mir wünschen, dass diese Ossi-Wessi-Teilung befruchtend wirkt, indem man lernt, Unterschiede als Konfliktstoff, der einen voranbringt, wahrzunehmen. Im Augenblick habe ich aber den gegenteiligen Eindruck, dass es als spaltend wahrgenommen wird und dieser längst überwunden geglaubte Diskurs erneut herhalten muss: „Im Osten liegt Dunkeldeutschland, die sollen doch erst mal lernen zu arbeiten, wir finanzieren euch!“ All diese Dinge flammen gerade wieder auf.

Vielleicht wird das für die Generation unserer Kinder irgendwann keine Rolle mehr spielen. Aber dann wird es neue, andere Konflikte geben. Vielleicht zwischen denen, die schon lange hier leben, und denen, die neu hier sind. Das ist dann eben keine Ossi-Wessi-Debatte mehr, sondern eine Nord-Süd-Debatte. Plötzlich sind neue Kulturen hier, mit denen umgegangen werden muss, wobei man sich fragt: Wie integrieren wir die, wie kann das funktionieren? Ist einer, der die deutsche Sprache beherrscht, schon automatisch Deutscher? Das wird zu wenig diskutiert. Es wird auch zu wenig darüber diskutiert, wo vielleicht unangenehme Meinungen auch Recht haben könnten.

Wäre das ein Arbeitsfeld für die Freimaurer mit ihren aufklärerischen Werten – im Sinne von Bildung und Diskursfähigkeit? Würden Sie den Freimaurern raten, sich hierfür mehr aus ihrer Deckung zu wagen oder ist deren Zurückhaltung in gesellschaftlichen Fragen der richtige Weg?

Mir persönlich ist das sehr sympathisch, dass jemand verschwiegen ist und nicht die landläufige Meinung teilt, dass alles in die Talkshows getragen werden muss. Ich bin nicht der Meinung, dass nur derjenige wahrgenommen wird, der in den Medien vorkommt.

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat 2015 bei der Verleihung des Stresemann-Preises der Deutschen Freimaurer genau das Gegenteil gefordert. Er sagte: „Tun Sie weiter Gutes und reden Sie drüber.“ Wir diskutieren das bei uns ja sehr unterschiedlich.

Das würde ich differenzieren. Über gute Taten zu reden ist legitim. Wenn man etwas Gutes tut und darüber redet, hat dies natürlich auch eine Vorbildwirkung und ist vollkommen in Ordnung. Aber wenn ich fordere: In jeder Talkshow muss jetzt ein Freimaurer sitzen, der über die freimaurerischen Werte zu sprechen und Überzeugungsarbeit zu leisten hat, dann hielte ich das für falsch.

Gerade diese Verschwiegenheit der Freimaurer zieht ja auch viele Leute an und vielleicht sogar die Richtigen. Da muss man Vertrauen haben, die Richtigen kommen schon.

Wird Freimaurerei im Osten aufgrund ihrer Absenz zu DDR-Zeiten noch kritischer gesehen als im Westen?

Das glaube ich schon. Die Generation, die jetzt an den Schaltstellen sitzt, im Beruf aktiv ist, die ist ja noch wesentlich vom Schulunterricht der DDR geprägt. Wir haben über Freimaurerei nichts erfahren. Über das Judentum übrigens auch nicht. Es kam einfach nicht vor. Antifaschismus haben nur Kommunisten betrieben, wurde uns beigebracht. Das ist insofern auch wieder eine Aufklärungsfrage.

Und dann muss man auch berücksichtigen, dass ein Großteil der bürgerlichen Schicht vertrieben und madiggemacht wurde: Es sind im Laufe der Jahre 3,5 Millionen Menschen von hier in den Westen gegangen. Und das waren vor allem die kritischen Geister, die jede Gesellschaft braucht. In Polen und in Ungarn sind diese Schichten geblieben. Deshalb waren die dortigen Revolutionen auch intellektuelle Revolutionen. In der DDR war sie das nicht. Da gab es Bürgerrechtler, Pfarrer und Arbeiter. Intellektuelle waren die Ausnahme. Die Intellektuellen, die dablieben, waren für die DDR. Die „Biermann-Typen“ hat man rausgeekelt. Das ist genau die Schicht, die hier fehlt. Und zwar bis heute.

Deshalb ist es für mich erstaunlich, dass „Der Turm“, der ja nun gerade in diesem rudimentären bildungsbürgerlichen Umfeld spielt, so ein Erfolg geworden ist. Das war eine kleine privilegierte Elite, die mit dem Alltag des einfachen DDR-Bürgers nur wenig zu tun hatte.

Das glaube ich nicht, denn im Westen sind diese Debatten, die der Roman schildert, ja auch geführt worden. Allerdings 20, 30 Jahre zuvor. Mir haben Hamburger geschrieben: „Was Sie da erzählen, ist meine Jugend in Altona gewesen, nur eben zeitversetzt“. Das persönliche Erleben war ähnlich.

Sie haben – neben vielen anderen Preisen natürlich – 2009 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. Damals wurden Sie gefragt, ob Sie der CDU nahestehen. Bereiten Sie sich jetzt darauf vor, jedem Journalisten zu erklären, dass Sie gar kein Freimaurer sind?

Nein, das muss ich nicht, denn ich finde, der mögliche Vorwurf einer Vereinnahmung würde hier überhaupt nicht greifen. Die Freimaurer sagen ja auch dezidiert, dass sie nicht politisch agieren. Und wenn man sich die Liste der Preisträger ansieht, dann merkt man sehr schnell, dass die Freimaurer sich ihre Preisträger nicht danach aussuchen, ob sie zu ihnen zu passen scheinen.

Aber die Klischees über Freimaurerei sind immer noch weit verbreitet.

Vielleicht kriege ich Probleme mit der Kirche, aber wir haben in Dresden ungefähr 2.500 Katholiken, das halte ich aus.

Sie haben in Ihrem Buch „Die Schwebebahn“ Dresden aus sehr persönlicher Sicht geschildert und für den Leser erkundet. Was sollte ich mir als Besucher, der etwas Zeit mitgebracht hat, auf jeden Fall ansehen?

Dann würde ich Ihnen tatsächlich die Schwebebahn empfehlen. Dort gibt es den Turm, da kann man auf die Aussichtsplattform und Sie haben einen wunderbaren Blick über die gesamte Stadt. Und einen Kaffee gibt es auch noch.

Herr Tellkamp, vielen Dank für das Gespräch.

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