Zum 70-jährigen Freimaurerjubiläum von Rolf Appel

Rolf Appel im Jahre 2015 (Foto: Jens Oberheide)

Rolf Appel im Jahre 2015 (Foto: Jens Oberheide)

Das gibt es wohl höchst selten: ein 70-jähriges Freimaurerjubiläum. Rolf Appel, ein Urgestein der deutschen Freimaurerei, gehört seit 1948 dem Bund an. Eine für das Wochenende geplante Feierlichkeit muss aus gesundheitlichen Gründen leider ausfallen.

Statt des geplanten Berichtes über die Feier anlässlich des einzigartigen Jubiläums bringen wir an dieser Stelle eine Würdigung, die in der HUMANITÄT 1/2018 unter dem Titel “Als Rolf ‘etwas Gültiges’ in sein Leben brachte” erschienen ist und den Sie nachfolgend auch als Podcast finden können.

Von Jens Oberheide

22. Februar 1948. Rolf Appel wird Freimaurer. Drei Jahre nach dem unseligen Krieg. Die Trümmerstadt Hamburg war noch “britische Besatzungszone”. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland lag noch in Jahresferne, und die “Währungsreform” stand noch bevor. Das Wenige, was man kaufen konnte, bezahlte man in “Reichsmark”, wobei das “Reich” untergegangen und die “Mark” nichts wert war. Das Notwendige zum Essen gab es auf Bezugsschein. Das Notwendige zum Leben musste mit Zuversicht, Mut und Tatkraft erst wiederentdeckt werden.

Aber erst einmal galt es jedoch, all das Schreckliche zu verarbeiten, was da ab 1933 geschehen war. 1934 hatte Rolfs Vater, der Freimaurer Ludwig Appel, gegenüber den Nazis stolzen freimaurerischen Bekennermut bewiesen. Für die braunen Machthaber war er fortan ein Ausgegrenzter, Verfemter. Rolf hat das miterlebt. Es hat ihn geprägt. Unbeugsame Haltung, Charakter, aufrechte Gesinnung. Ein unbeirrbares Wertebewusstsein. Erst sehr viel später hat Rolf das selbst beispielgebend leben können.

Zunächst hatte der Krieg jede Lebensplanung verhindert. Schon eine Woche nach seinem Abitur kam die Einberufung. Mit einer Panzertruppe erkämpfte sich Rolf Appel im sogenannten “Russlandfeldzug” das “Panzer-Sturmabzeichen” für 25-maliges Durchbrechen feindlicher Linien, das Eiserne Kreuz 1, Klasse, und schließlich – welch bitterer Widersinn – das Silberne Verwundetenabzeichen für dreimalige Verwundung. 1945. Ende und Anfang.

Der aus dem Krieg gekommene und vom Krieg gezeichnete Rolf Appel war damals 25 Jahre jung, Angehöriger jener betrogenen und verlorenen Generation, die man in den schlimmsten Jahren deutscher Geschichte verheizt hatte. Innerlich und äußerlich schwer verwundet, galt es nun, einen neuen Sinn zu suchen und, wenn möglich, auch zu finden. Beruflich ging das überraschend schnell. Schon Ende 1945 hatten zwei mutige Männer aus Hamburg von der Britischen Militärregierung Lizenzen als Verleger erhalten: Axel Springer und Rolf Appel. Letztgenannter avancierte damit zum jüngsten deutschen Verleger nach dem Krieg.

Der berufliche Anfang war gemacht. Das sei zwar existenznotwendig, sagte der Vater, aber nun solle Rolf auch noch “etwas Gültiges in sein Leben bringen”. Etwas, was unter den Nazis nicht möglich war, was aber nun im Zeichen des Neuanfangs wieder möglich werden sollte: Freimaurerei, der alte und immer wieder neue Gedanke des besseren Miteinanders für eine bessere Welt.

Am 22. Februar 1948 hat ihn sein Vater zur Aufnahme in die Loge “Globus” nach Harburg gebracht. Auch die Loge “Globus” musste, wie alle Logen der Nachkriegszeit, erst behutsam und mühsam wiederbelebt werden. Das ging nur mit Mitgliedern, die schon vor dem “Dritten Reich” aufgenommen worden waren, und mit jungen Männern, die bereits durch die Hölle des Krieges gegangen waren, wie Rolf Appel. Überlebende, Gezeichnete, Tatkräftige.

1948 war ein bitterkalter Winter, und das Logenhaus war seit Jahren nicht beheizt worden. Man begrüßte den Suchenden Rolf Appel mit dem sogenannten “Kutscherschlag”, indem man sich mit weit ausholenden Armen gekreuzt auf die Schulter schlug. Das war kein vorweggenommenes freimaurerisches “Erkennungszeichen”. Das war vielmehr purer Selbsterhaltungstrieb, um nicht zu erfrieren.

Besonders eindrucksvoll war für Rolf Appel nach der Aufnahmearbeit 1948 die erste Tafelloge seines Lebens. Und zwar deswegen, weil es Linsensuppe mit Fleischbeilage gab. Und einen Nachschlag! Zum Schluss des denkwürdigen Tages durfte Rolf sogar noch seinen eingefärbten Wehrmachtsmantel gegen einen richtigen Wintermantel eintauschen und bekam feste Schuhe. Als Rolf nach Hause zu seiner Gerda kam (mit der er 1941 “ferngetraut” worden war), da berichtete er von seiner Aufnahme freudig bewegt: “Neuer Mantel, neue Schuhe, und satt bin ich auch noch!”

Aber zugleich hatte ihn die wunderbare “Idee Freimaurerei” gepackt. War es nicht gerade in der Nachkriegszeit wichtig, Menschlichkeit neu zu denken und zu praktizieren? Mit Rolfs eigenen Worten: “Mehr Anstand untereinander und mehr Vertrauen zueinander.” Das bedeutete Freimaurerei in der Tat. Dieser Gedanke hat ihn ein Leben lang geleitet.

Am 19. Juni 1949, wenige Tage nach Rolf Appels 29. Geburtstag, wurde in der Paulskirche zu Frankfurt am Main die “Vereinigte Großloge der Freimaurer von Deutschland” konstituiert. Das war die Geburtsstunde unserer Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland, die aus diesem Konstrukt hervorging. Rolf Appel war dabei. Sein Vater hatte ihn mitgenommen. Rolf war gerade Geselle geworden und hat die “intensiven Augenblicke” dieser historischen Arbeit in sich aufgesogen. Und er hatte jenen Mann bewundert, der das Ritual so zelebrierte, dass “jeder Ton, jede Bewegung, jede Geste” stimmte: Theodor Vogel.

Rolf Appel wurde in den Folgejahren enger Mitarbeiter und vertrauter Bruder des Großmeisters Theodor Vogel. Was dieser von Rolf gehalten hat, geht aus einem Brief hervor, den er einmal an Br. Konrad Merkel geschrieben hat: “Er (Rolf Appel) ist immer präsent … er mischt sich überall ein. Er meldet sich zu Wort und hat dann auch etwas zu sagen. Er ist gefragt und wird gefragt – und er wird gehört. So schätzen ihn immer noch alle, die das Glück haben, ihn zu kennen.

Aus diesen Anfängen der Nachkriegsfreimaurerei erwuchs also “einer der wahrscheinlich bedeutendsten lebenden Freimaurer” (Freimaurer-Wiki), der heute schon ein gewichtiges Stück Geschichte verkörpert. Der Weg von damals bis heute kann hier nur per Zeitraffer angedeutet werden:

Rolf Appel ist mit 31 Jahren Stuhlmeister geworden und hat diese Funktion in vier Logen über insgesamt 2o Jahre innegehabt. Er war Distriktmeister, Großredner, zugeordneter Großmeister, Mitglied im Senat der Vereinigten Großlogen, und er war 12 Jahre lang Mitglied des Ritualkollegiums. Dem legendären Dreigespann Appel, Horneffer, Scherpe ist die seit 1981 praktizierte Neuschöpfung und Grundfassung unseres A.F.u.A.M.-Rituals zu verdanken. Historisch ist Rolf Appels Wirken in der Dialogkommission, die von 1968 bis 1981 die offiziellen Gespräche mit der katholischen und den evangelischen Kirchen geführt hat. Rolf Appel ist der Verfasser der berühmten “Lichtenauer Erklärung”, die in Rom bewirkte, dass der Begriff “Freimaurer” nicht mehr im Kirchenrecht auftaucht. Ein Meilenstein, der für immer mit Rolfs Namen verbunden bleibt.

Rolf Appel hat vielbeachtete Vorträge überall in deutschen Landen gehalten, hat redaktionelle Beiträge verfasst und vielgelesene Bücher (rd. 60) geschrieben. Und er ist der Redakteur unserer Freimaurerzeitschriften gewesen: “Hanseatisches Logenblatt”, “Die Bruderschaft”, “Die gelben Blätter”, “Euro Mason” und “Humanität”. Von ihm kam die Idee zu einem “Literaturpreis Deutscher Freimaurer” (heute: Kulturpreis), und er war der Laudator für die Preisträger Max Tau, Lew Kopelew, Reiner Kunze und Arno Surminski. Mit zahlreichen Auszeichnungen für bedeutende Verdienste wurde er geehrt. Profan und freimaurerisch. Zahlreiche Logen haben ihn zum Ehrenmitglied gemacht.

Er führte seine Druckerei, engagierte sich in vier Buchverlagen und übernahm den freimaurerisch ausgerichteten Verlag “Die Bauhütte”. In mehreren Vorständen von Fachverbänden und Institutionen hat Rolf Appel erfolgreich mitgewirkt, ist Mitbegründer der Lessing-Gesellschaft und von Pegasus, dem freimaurerischen Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation. Schließlich ist er Initiator und Mitbegründer des Wiederaufbaus der Freimaurerei in Litauen geworden. Als Ehrengroßmeister dieser baltischen Großloge fühlt er sich seinem Pionierwerk immer noch verpflichtet.

Es lag ihm stets am Herzen, dass bei einer derart immensen Lebensleistung die Familie nicht zu kurz kommt. Sie hat ihn gestärkt und er war stark genug, auch tragische Schicksalsschläge zu verkraften.

Wir können hier nicht andeutungsweise alle Aspekte eines überaus reichen Lebens ansprechen. Dafür gibt es andere Gelegenheiten. Hier sei nur daran erinnert, vor welchem Hintergrund alles begann, damals vor 70 Jahren.

Zum 70. Maurerjubiläum gratulieren wir diesem bemerkenswert ungewöhnlichen Menschen, der uns so viel zu sagen hat und dem wir so viel verdanken.

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Münchner Kolloquium über Glaube und Religion

Gut besuchtes 7. Münchner Kolloquium der Loge

Gut besuchtes 7. Münchner Kolloquium der Loge “In Treue fest”

Bereits zum siebten Mal führte die Münchner Loge “In Treue fest” ein Kolloquium zu einem bewegenden Thema der Zeit durch. In diesem Jahr stand es unter dem Titel “Religion, Quelle des Friedens oder der Auseinandersetzung? Der Glaube zwischen dem Wunschprinzip der Menschenliebe und dem Realitätsprinzip konfliktiver Handlungen.” Die auch der Öffentlichkeit zugängliche Veranstaltung war gut besucht.

(München/hbj) Die Vorträge der fünf aktiven Teilnehmer weckten bei den Zuhörern viel Interesse, wie man an der fast einstündigen anregenden Diskussion merken konnte, die am Ende der Vorträge stattfand und in eine Fülle von Fragestellungen mündete. Bei fast der Hälfte der Besucher handelte es sich um Nichtfreimaurer; von diesen bekundeten mehrere junge Männer ihr Interesse an der Freimaurerei.

Der erste Vortrag „Was ist Religion. Versuch einer Deutung“ (Dr. Hernán J. Benítez Jump) versuchte in der Einleitung und in der Problemdarstellung zum Thema Religion als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung zu erklären, was unter dem Begriff Religion zu verstehen sei. Nach dieser Analyse, stellte Hernán fest, dass es auch notwendig ist, sich mit der Religion als real existierendes Phänomen in unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. So äußerte er, dass der Staat als ein rechtlich geordnetes Gebilde, auch wenn er sich aufgrund der in unserer Verfassung verankerten Religionsfreiheit neutral zu verhalten hat, aus unserer gewachsenen christlichen Tradition entstammt und infolgedessen in einem bestimmten soziopolitisch-kulturellen verpflichtenden Kontext steht, den er im Interesse seiner Identität nicht einfach abstreifen darf. Er habe die eigene Kultur und Identität bezüglich fremder Religionen stärker zu berücksichtigen, zu bewahren und zu fördern. Man werde das Bild des Fremden nicht verstehen können, wenn man das Selbstverständnis, die eigene Identität, das eigene Bild in Übermaß aufgibt.

Der zweite Vortrag „Führt Religion als Glaubensüberzeugung zur Intoleranz?“ (Prof. Dr. H. Schöndorf SJ, Hochschule für Philosophie, München) machte eine geschichtliche Reise in die religiöse und gesellschaftliche Vergangenheit des Glaubens. So fragte er zunächst, ob der Monotheismus unweigerlich zu Gewalt und Intoleranz führt. Um diese Frage zu beantworten, zitierte er mehrere Passagen aus dem Alten Testament und kam zur Überzeugung, dass letztendlich: 1. der Glaube seinem Wesen nach nicht erzwungen werden kann, denn ob man glaube oder nicht, sei eines jeden freie Entscheidung und ließe sich eben so wenig gegen den eigenen Willen erzwingen; 2. historisch ließe sich die These von der speziellen Intoleranz des Monotheismus nicht nachweisen und 3. die grundlegenden Dokumente der Religionen enthielten so gut wie immer auch die Lehre, dass die betreffende Religion nicht mit intoleranten und gewalttätigen Mitteln durchgesetzt werden darf. Aber in der konkreten Geschichte der Religionen habe man sich eben nicht immer hieran gehalten – und das gelte praktisch für alle großen Religionen.

Der dritte Vortrag „Freimaurerei und Religion – eine schwierige Beziehung?“ (Prof. Dr. Hans Hermann Höhmann, Univ. Köln) und vierte Vortrag „Religiöse Wahrheiten und unbedingte Toleranz. 300 Jahre Konflikt zwischen Katholischer Kirche und Freimaurerei“ (Dr. Klaus Kottmann, Offizialatsrat, Fachstelle Kanonisches Recht. Generalvikariat Erzbistum Hamburg) behandelten die Beziehungen zwischen der Freimaurerei und Religion, wobei während der erste aus der „Innenperspektive“ erfolgte und klärte, was die Religion für Freimaurer und die Freimaurerei bedeute, beschäftigte sich der zweite mit der Darstellung der Beziehungen des Heiligen Stuhls (Vatikan) und der Freimaurerei. Dr. Kottmann legte in seinem Vortrag zunächst das Verhältnis von Freimaurerei und Katholischer Kirche in den vergangenen 300 Jahren dar und zwar ab dem Jahr 1738 mit der scharfen Verurteilung der Freimaurerei durch Papst Clemens XII., mit der er den Mitgliedern der Freimaurerei die Exkommunikation androhte. Dann sprach Dr. Kottmann über das Recht auf die freie religiöse Ausübung eines jeden und ging weiter sehr explizit auf das Verhältnis der Katholischen Kirche bezüglich der Freimaurerei seit dem II. Vatikanischen Konzil bis in unsere Tagen ein. Nach diesen Analysen konstatiert Dr. Kottmann: „die offizielle Position der Katholischen Kirche zur Freimaurerei ist heute nicht anders als vor 35 Jahren […] Anders als früher aber wird die Freimaurerei von der Kirche nicht mehr verurteilt, verteufelt oder gar verfolgt […] Heute bezieht die Katholische Kirche in der Praxis gegenüber der regulären Freimaurerei eine im Grunde tolerante Haltung.“

Beim letzten Vortrag stellte Herr Malik Usman Naveed, (Imam und Theologe der Ahmadiyya Muslim Jamaat, München) seine Glaubensgemeinschaft vor und sprach von der Bedeutung des Begriffs Frieden im Koran und dessen unterschiedlicher Wahrnehmung in der Auslegung in den verschiedenen islamischen Glaubensgemeinschaften. Er wies gleichzeitig mehrmals darauf hin, dass der Islam, wie er von den Islamisten und Wahhabiten praktiziert wird, absolut nichts mit dem wahren Wesen dieser Religion zu tun habe und lehnte mit Entschiedenheit deren Missbrauch für politische Zwecke ab. Viele Fragen bei der Diskussion galten auch ihm.

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Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €

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Eine rasante Reiserevue im Fürther Logenhaus

Die Schauspielerin und Sängerin Alexandra Völkl (Foto: Matthias Schäfer

Die Schauspielerin und Sängerin Alexandra Völkl (Foto: Matthias Schäfer

Eine rasante Reise-Revue unter dem Titel „Du hast den Farbfilm vergessen!“ präsentieren Alexandra Völkl (Schauspiel und Gesang) und Budde Thiem (Piano) im Fürther Logenhaus.

In 80 Tagen um die Welt? – Das war gestern! Völlig unbeeinflusst von Staumeldungen oder Bahnstreiks, ganz ohne moderne GPS-Technik und atmungsaktive Multifunktionskleidung verspricht die Reise-Revue binnen weniger Augenblicke Expeditionen und Ausflüge auf die höchsten Gipfel, in die tiefsten Täler, an einsame Strände und in pulsierende Metropolen. Im Reisegepäck führen die beiden Künstler charmante Chansons sowie bewegende Tatsachenberichte rund um Reiselust und Reisefrust, Fernweh und Heimweh.

Prominente Mitreisende sind unter anderem Hildegard Knef, Kurt Tucholsky, Georg Kreisler, Cissy Kraner, Helmut Qualtinger, Helen Vita, Joachim Ringelnatz, Friedrich Hollaender, Ludwig Thoma und Nina Hagen. “Ein musikalischer Kurzurlaub für alle, die reif für die Insel sind – und eine Präventivmaßnahme für alle, die nicht urlaubsreif werden wollen!”, so empfiehlt der Veranstalter, der Logenhaus-Bauverein, das Programm.

Die Sängerin und Schauspielerin Alexandra Völkl hat sich von Kopf bis Fuß den Schlagermelodien der 1920er-1940er Jahre verschrieben. Budde Thiem ist Jazzpianist, Begleiter, Komponist, Arrangeur und Musikpädagoge. Der Kulturpreisträger der Stadt Fürth war musikalischer Leiter am Czurda-Theater und am Schauspielhaus Nürnberg.

Eintritt:  15,-. Kartenreservierung: Familie Organ im Logenhaus (LHS), Tel.: 0911 / 77 01 20. Veranstalter: „Logenhaus-Bauverein“  der Freimaurerloge Fürth.

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Sanierung des Bamberger Tempelhauses

Das Bamberger Logenhaus in voller Pracht

Das Bamberger Logenhaus in voller Pracht

Wenige Wochen vor dem Großlogentag in Bamberg feierten die Bamberger Freimaurer mit vielen Ehrengästen die Tempeleinweihung im kernsanierten Logenhaus. Knapp 130 Jahre nach seinem Bau erstrahlt das Einzeldenkmal wieder im alten Glanz.

(Bamberg/ks) Es ist vollbracht. Nach fast zwei Jahren Umbauzeit wurde mit der offiziellen Tempeleinweihung durch den Großmeister Stefan Roth-Kleyer die Kernsanierung des Bamberger Logenhauses erfolgreich abgeschlossen. Grund genug für die Mitglieder der Bamberger Loge, gemeinsam mit vielen Vertretern befreundeter Logen und in Anwesenheit des Großmeisters Stefan Roth-Kleyer, dem zugeordneten Großmeister Karl Deckart, Großzeremonienmeister Peter Lauber und dem Distriktsmeister für Bayern Wilhelm Glöckel diesen Tag gemeinsam mit vielen Brüdern zu feiern.

Die Gesamtinvestition der Baumaßnahme betrug rund 1,5 Mio. Euro. Wenige Wochen vor dem Großlogentag in Bamberg, erstrahlt das Bamberger Logenhaus im Herzen der Welterbestadt Bamberg wieder im neuen Glanz. Stellvertretend für die Bamberger Brüder bedankte sich Klaus Stieringer, als Meister vom Stuhl der Bamberger Freimaurerloge „Zur Verbrüderung an der Regnitz“, für die große Unterstützung durch die Großloge und die umfangreiche Hilfe befreundeter Logen.

Die Bamberger Freimaurerloge wurde am 20. Mai 1874 gegründet. Bereits wenige Jahre später wurde 1890 der Grundstein für ein eigenes repräsentatives Logenhaus im Herzen Bambergs gelegt. Unter dem Druck der NSDAP wurde die Freimaurerei 1933 verboten und das Logenhaus beschlagnahmt. 1948 wurde das Haus, dank der maßgeblichen Unterstützung von Dr. Thomas Dehler (Bundesjustizminister und Freimaurer) an die Loge zurückgegen und in den vergangenen zwei Jahren saniert. Im Rahmen der Sanierung konnte die ursprüngliche Bausubstanz wieder hergestellt werden, welche teilweise durch die Nazis zerstört wurde.

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Weltbruderkette in Erlangen mit Tradition

Giebel des Erlanger Logenhauses

Giebel des Erlanger Logenhauses

Die Erlanger Loge “Libanon zu den drei Cedern” hatte Besucher aus 11 Nationen und drei Kontinenten und bewies damit eindrücklich die sprichwörtliche Weltbruderkette.

Am 30. Januar 2018 empfingen der Meister vom Stuhl Michael Reck und die Brüder der Erlanger Loge “Libanon zu den 3 Cedern” eine Delegation der Loge „Coroana din Carpați”aus Brașov (Kronstadt), Rumänien, mit deren Meister vom Stuhl und dem persönlichen Repräsentanten des Großmeisters  der Großloge von Rumänien. Ein weiterer Gast war ein Bruder einer Loge aus Istanbul.

Die Tempelarbeit war sehr festlich, unter anderem durch die feierliche Einführung des Zugeordneten Großmeisters Karl Deckart und den Reden und Grüßen der Gastgeber und Gäste. Beim Kettenlied spürte man besonders, dass es eine Weltbruderkette ist. Wie der Stuhlmeister bei seinem Grußwort feststellte, befanden sich Brüder aus 11 Nationen und 3 Kontinenten im Tempel. Ein Versprechen für einen Gegenbesuch in Brasov wurde gegeben und der beiderseitige Wunsch zu einer zukünftigen Logenpartnerschaft formuliert.

Dieser Besuch war ein Teil einer Reihe von gegenseitigen Besuchen von weiteren Logen aus Rumänien, einer Loge aus Italien und einem Austausch mit den Großlogen von Monaco und der Republik Moldavien. Darunter sind auch Besuche der Brüder aus Erlangen bei mindestens drei jährlichen, mehrtägigen Ateliers der rumänischen Logen aus Nordwest-Transsilvanien.

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Die alten Logen der Saalestadt Halle

Die alten Logen und Orden der Saalestadt Halle von Guntram B. Seidler

Mit dem Buch “Die alten Logen und Orden der Saalestadt Halle legt der Autor Guntram B. Seidler einen Einblick in die Vielfalt der ehemaligen Logen und Orden der Stadt vor. Ein kurzer Einblick in die Neuzeit rundet diese historische Schrift ab.

In der Geschichte der Saalestadt Halle haben seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu ihrer erzwungenen Auflösung durch die Nationalsozialisten viele freimaurerisch ausgerichtete Logen und Orden im gesellschaftlichen und kulturellen Leben eine wichtige Rolle gespielt. Eine besondere Bedeutung erlangten die fünf Freimaurerlogen mit um das Jahr 1930 ca eintausend Mitgliedern. Über die meisten der freimaurerisch geprägten Logen und Orden ist dagegen heute nichts mehr bekannt. So gab es bereits frühzeitig bedeutende akademische Logen und Studentenorden. Unter dem Deckmantel der Freimaurerei gründeten hier einige Hochstapler und Betrüger ihre meist eigenartigen Vereinigungen. Erst ab Ende des 18. Jahrhunderts war die Zeit der Irrungen und Wirrungen vorbei und es entstanden seriöse Logen und Orden mit echt humanitären Zielen.

Guntram B. Seidler, Jahrgang 1941, lebt in Halle an der Saale. Seit 1997 ist er Mitglied der halleschen Loge “Zu den fünf Türmen am Salzquell”. Ab 2003 beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte der Freimaurerei, insbesondere der ehemaligen und heutigen halleschen Freimaurerlogen.

Guntram B. Seidler, “Die alten Logen und Orden der Saalestadt Halle”, 114 Seiten, 16,8 x 24,5 cm, Paperback. Erschienen bei druck-zuck, ISBN 978-3-940744-80-7, 15,00 €

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