Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz

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Mit der Frage nach dem Freimaurerbild der deutschen Öffentlichkeit und der Präsenz des Bundes im öffentlichen Raum beschäftigte sich der Einleitungsvortrag der 54. Arbeitstagung der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft "Quatuor Coronati" in Hannover.

Von Br. Hans-Hermann Höhmann, Köln

Das Nebeneinander des „Geheimen“ und des „Öffentlichen“ hat in den Diskursen der Freimaurer wie in der Freimaurerei insgesamt von Anfang an eine große, ja bestimmende Rolle gespielt, und es war das für die Logen typische Verhältnis von Geschlossenheit und Öffnung, das die Freimaurerei – wie zuerst von Georg Simmel aufgezeigt wurde – zu einer „geheimen Gesellschaft“ spezifischen und von Anbeginn stark eingeschränkten Typs gemacht hat. Ich möchte deshalb meiner Skizze das einschlägige Simmel-Zitat voranstellen. In seiner „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ von 1908 schreibt Simmel:

„Das Freimaurertum betont, dass es die allgemeinste Gesellschaft sein will, der ‚Bund der Bünde‘, der einzige, der jeden Sonderzweck und mit ihm alles partikularistische Wesen ablehnt und ausschließlich das allen guten Menschen Gemeinsame zu seinem Material machen will. Und Hand in Hand mit dieser, immer entschiedener werdenden Tendenz wächst die Vergleichgültigung des Geheimnischarakters für die Logen, seine Zurückziehung auf die bloßen formalen Äußerlichkeiten ... Der Freimaurerbund konnte seine neuerdings stark betonte Behauptung, dass er kein eigentlicher ‚Geheimbund‘ wäre, nicht besser stützen, als durch sein gleichzeitig geäußertes Ideal, alle Menschen zu umfassen und die Menschheit als ganze darzustellen“.

Georg Simmel

Um das „davor“ und das „danach“ der Simmelschen These geht es mir in den folgenden Ausführungen.

Einerseits war das „Geheime“ und das „Öffentliche“ seit Beginn der institutionalisierten Freimaurerei stets gleichsam geschwisterhaft präsent, anderseits gab es nie einen dauerhaften Konsens über ihr gegenseitiges Verhältnis, und die Diskurse darüber sowohl innerhalb des Bundes als auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Öffentlichkeit sowie innerhalb der Öffentlichkeit über die Freimaurerei haben die Geschichte des Bundes begleitet.

Oft waren diese Diskurse aufeinander bezogen, und das Bild der Freimaurerei in der Öffentlichkeit war zu keiner Zeit vom inneren Diskurs der Freimaurer zu trennen. Was immer in der Öffentlichkeit über den Bund gesagt wurde und wird, es war und ist – selbst noch im Zerrspiegel der Verschwörungs“theorien“ – nicht unabhängig von den Selbstdarstellungen des Bundes und seiner Mitglieder.

Selbstbilder und Fremdbilder der Freimaurerei, Innen- und Außensichten des Bundes bedingten und bedingen sich gegenseitig und bilden trotz aller Widersprüche einen Gesamtkomplex, von dem jede, das Verhältnis von Freimaurerei und Öffentlichkeit thematisierende Analyse auszugehen hat.

Dieser Dialektik von Selbstbildern und Fremdbildern liegen wiederum drei von Anfang an gegebene Grundbefindlichkeiten der Freimaurerei zugrunde, deren Auswirkungen gleichfalls analytischer Aufarbeitung bedürfen:

Da ist zuerst die seit ihrem Beginn bestehende inhaltliche und formale Unbestimmtheit der Freimaurerei.

Gewiss hat der Bund einige zentrale Merkmale, die ihn als Freimaurerei konstituieren und von anderen Assoziationen unterscheidbar machen.

Dazu gehören insbesondere

  • die auf den Eid bzw. das Gelöbnis der Verschwiegenheit gegründete Logengemeinschaft,
  • die Aufnahme der Mitglieder durch feierliche Initiationen in den Bund und seine einzelnen Grade,
  • die Verwendung von Metaphern, Symbolen und Ritualen als Projektionsflächen, Deutungsmuster und Formen kultureller Performanz sowie
  • der jeweilige Kanon von spezifischen Werten und Überzeugungen, teils niedergelegt in grundlegenden Urkunden, Überlieferungen und Ritualen, teils präsent als Bestandteil der von wortmächtigen Brüdern in Logen und Logensystemen geführten Diskurse, und inhaltlich entweder esoterisch, oder christlich-gnostisch oder humanistisch-aufklärerisch profiliert.

Dennoch existierte von Anfang an eine zur Auffüllung einladende, gleichsam „fordernde“ Leere der Freimaurerei im Hinblick auf die Ausgestaltung der Rituale, die organisatorischen Strukturen des Bundes, seine Gradhierarchien sowie seine konkreten Aufgaben und Zwecke. Dies gilt in einer durch harmonisierende Formeln und Interventionen freimaurerischer Leitungsorgane freilich oft überdeckten Weise auch noch für die Freimaurerei der Gegenwart. Die Freimaurerei war und ist immer auf der Suche nach sich selbst.

Um es mit einem Wort von Monika Neugebauer-Wölk zu sagen: „Freimaurerei war immer ein Raum, in dem vieles möglich war“. In diesem Raum entwickelten sich mannigfaltige Spielarten des Bundes teils esoterischer, teils christlicher, teils ethisch-moralischer Orientierung, teils mit einfachen, teils mit weit aufgefächerten Gradstrukturen. Reformen standen immer wieder auf der Tagesordnung, und im Grunde genommen befindet sich die Freimaurerei bis heute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Da ist zweitens der von Anfang an in Verbergen und Mitteilen, Verschweigen und Ausplaudern gespaltene halböffentliche Charakter der Freimaurerei. Trotz ihres Rückzugs in die Sphäre des Geheimnisvollen, fand Freimaurerei stets unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Von Anbeginn bis heute existiert dieser Spagat von drinnen und draußen, von Bestrebungen geheim zu bleiben und sich gleichzeitig öffentlich zu zeigen.

Hinweise auf Logentreffen in der Londoner Presse, Theaterbesuche und Prozessionen in maurerischer Bekleidung, öffentlich zugängliche Publikationen in großer Zahl, Abbildungen prominenter Mitglieder in masonischem Outfit waren an der Tagesordnung, und im Grunde genommen ist das ja auch bis heute so geblieben.

Allerdings: Es sind nicht mehr deutsche Kaiser und amerikanische Präsidenten, deren Portraits die Öffentlichkeit als Ausdruck korporativen Stolzes erreichen sollen, sondern beispielsweise Abbildungen des Vorsitzenden des Obersten Gerichts der VGLvD in schwarz mit Schurz in der Zeitschrift „Focus“, oder einer Gruppe gleichfalls schurzbekleideten Berliner Freimaurer mit einem Anflug von „wir sind die glorreichen Fünf“ vor einiger Zeit im Berliner Tagesspiegel. Auch das in unserer Einladung wiedergegebene Bild mit der Unterschrift: „Brüder der Kieler Loge ‚Alma an der Ostsee‘ laufen im Jahre 2016 in voller maurerischer Bekleidung durch die Stadt“ gehört in diese Kategorie freimaurerischer Enthüllungs-Selbstdarstellung.

Ebenso sind geordnete freimaurerische Prozessionen nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie finden zumindest halböffentlich statt und sind dann in Fernsehfilmen zu sehen, wie etwa in der von Freimaurern mitgestalteten ARD-Produktion „Tempel, Logen, Rituale“, die die Brüder wiederum in schwarz, wiederum mit Schurz und hohem Hut beim Einzug in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals zeigt.

Zu diesen optisch wahrnehmbaren Demonstrationen der Freimaurerei kam seit ihrer Begründung als moderner Assoziation ein reichhaltiges Schrifttum hinzu. Um dem „Geheimnis der Freimaurerei“ selbst auf die Spur zu kommen und die Gesellschaft darüber zu informieren, haben die Freimaurer immer außerordentlich viel publiziert, gedruckte Texte waren ein wesentliches Medium ihrer Selbstverständigung, und die Öffentlichkeit war meist als Leser dabei.

Im April 1785 richtete die angesehene Jenaische Allgemeine Litteratur Zeitung eine eigene Sparte für die Besprechung freimaurerischer Schriften ein. Die Herausgeber begründeten ihre Entscheidung damit, dass

„die innern Angelegenheiten des ehrwürdigen Ordens der Freymaurer seit einiger Zeit eine ganz besondere Publicität bekommen haben, und mehr als eine Ihrer öffentlichen Schriften … das Publikum … gleichsam auffordern, Theil an ihren Fehden über das Wesentliche ihres Ordens zu nehmen.“

Schon ein Jahr zuvor hatte die Berliner „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ ihr bisheriges Schweigen in freimaurerischen Dingen gebrochen und zwar mit einer deutlich kritischen Tendenz:

„Wir haben uns bisher enthalten, eigentliche Freymaurerschriften in unserer Bibliothek anzuführen … Aber es fängt doch an nöthig zu werden, von einigen dieser Schriften zu reden, besonders von solchen, worin mit unerhörter Unverschämtheit Unsinn und Aberglauben unter dem Scheine von großen Geheimnissen fortgepflanzt, und noch dazu Katholicismus unter einer verdeckten … geheimnißvollen Sprache empfohlen wird.“

Zu den Essays und Freimaurerreden, zu den Texten der Lessing, Knigge, Herder und Fichte kamen bald die belletristischen Schriften hinzu, die Freimaurer- und Geheimbundromane, die Außenstehende an der emotionalen Wirkung der Rituale und an den mit den höheren Graden verbundenen subjektiven Selbstwertsteigerungen der Brüder teilnehmen ließen.

1782 veröffentlichte August Siegfried Friedrich von Goué einen Freimaurerroman mit dem Titel „Ueber das Ganze der Maurerey“ und dem bezeichnenden Untertitel „Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“.

Einer der Helden des Romans, Stralenberg, schreibt an einen Freund:

„Aber die Aufnahme ist so schön, so feierlich, daß ich drey Tage gebrauchte mich in meine vorige Fassung zurück zu setzen … Die Maurerey muß gut seyn, und erhabene Vorwürfe haben, das beweiset die Meister=Aufnahme.“

Sein Freund Fürstenberg sekundiert nach der Einweihung in einen Hochgrad:

„Als ich mit dem Ringe zurück kam, mein lieber Stralenberg, o! wie feierten mich die hiesigen Brüder der untern Stufen. Sie tragen eine wahre Verehrung für diesen Ring, und wenn mich der Kayser in den Grafen-Stand erhoben hätte, so wäre ich dadurch das in ihren Augen nicht geworden, wozu ich in Frankfurt gestiegen bin.“

Die Belletristik behielt die Freimaurerei auch später fest im Griff. Dan Browns „Lost Symbol“ war ein bemerkenswerter Höhepunkt. Und ich konnte kürzlich dem Erwerb des 2017 erschienenen Kriminalromans „Inspector Swanson und das schwarze Museum“ nicht widerstehen, angesiedelt im Freimaurermilieu des viktorianischen Zeitalters und von einem britischen Freimaurer verfasst.

Eine besondere Kategorie bildeten und bilden die „Verräterschriften“ – oder besser vielleicht „Enthüllungsschriften“ – ehemaliger Freimaurer von Samuel Pritchard über Leo Taxil bis hin zu Burkhardt Gorissen. Diese Schriften versuchen nach dem Motto „Ich bin dabei gewesen und ich weiß, wovon ich rede“ den Anschein authentischer Erfahrung zu vermitteln, und wenn sich heutzutage kritische, skeptische oder amüsierte Beobachter der Freimaurerei im „Focus“ oder in der FAZ auf Gorissens Buch berufen, zu folgen sie einem ebenso alten wie naheliegenden anti-masonischen Enthüllungsschema.

Von welcher Seite man es betrachtet: Die Freimaurerei war nie ein Geheimbund im strikten Sinne, aber sie war auch nie lediglich ein schlicht geselliger Verein oder ein Service-Club vom Rotary-Lions-Typ. Sie war immer eine Assoziation zwischen Geheimbund und geselliger Institution. Das bedeutete, dass sie im Inneren auf einer breiten Skala unterschiedlicher Gewichte von Geheimnis und Geselligkeit gestaltet werden konnte und auf der gleichen Skale auch von Außen eingeschätzt wurde.

So galt für die Freimaurerei nicht nur in Bezug auf ihre rituellen, konzeptionellen und organisatorischen Inhalte, sondern auch im Hinblick auf die relativen Gewichte von Geheimnis und Öffentlichkeit – sei es bei der inneren Gestaltung, sei es bei der Betrachtung von Außen – immer ein Element von „Wie es Euch gefällt“.

Und dennoch gab und gibt es – dies ist mein dritter Gesichtspunkt – trotz Präsens in der Öffentlichkeit und trotz aller Inkonsequenz bei seiner Handhabung stets das sowohl von den Freimaurern selbst als auch von Außenstehenden – Freunden wie Gegnern – reklamierte und proklamierte freimaurerische Geheimnis.

Weder lassen die Freimaurer davon und flüchten notfalls in Formeln wie die Freimaurerei hat kein Geheimnis, die Freimaurerei ist ein Geheimnis, noch wollen die Gegner der Freimaurerei darauf verzichten, die den Freimaurern in ihren extremen Verschwörungsvarianten vorhalten, dass es gerade die vermeintliche Offenheit der Freimaurerei ist, die ihren Charakter als geheime Verschwörung verbergen soll, ihn aber gerade hierdurch – dass wissen natürlich die schlauen Verschwörungstheoretiker – erst recht klar erkennbar macht.

Das maurerische Geheimnis ist nun vor allem das Geheimnis der verschwiegenen Rituale, und nicht nur die positiven Selbstzuschreibungen der Freimaurerei, auch alle Formen von Kritik, Ablehnung und Verurteilung machen sich am Geheimnis der Rituale fest:

  • Für die Kirchen verhüllen sich in den Ritualen Elemente einer alternativen Religiosität, wenn nicht gar einer anderen Religion, zumindest aber verkörpern sie den Ungeist des religiösen Relativismus.
  • Für die Vertreter der Verschwörungsmythen bietet der geheime Raum des Rituals den Rahmen für das Aushecken mannigfaltiger Verbrechen und Anschläge gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen Volk und Staat.
  • Für den Volksaberglauben konstituiert das Ritual die besser strikt zu meidende Welt des Makaber-Gruse-ligen, in der vielleicht gar Satanisches im Spiele ist.
  • In der Sicht intellektuelle Kritiker kaschieren Ritual und Geheimnis Ansprüche auf Selbsterhöhung und persönliches symbolisches Kapital, wenn sie nicht gar als Ausdruck des Lächerlichen gelten, in vielen Variationen der Charakterisierung durch den Philosophen Ernst Bloch, Freimaurerei sei nichts als eine „wahnhaft gesittete Mummerei“.

Sowohl für die freimaurerische Gruppenbildung als auch für das Spannungsfeld zwischen Freimaurerei und Öffentlichkeit war und ist das maurerische Geheimnis von großer Bedeutung. Unter seinen teils bewusst gesetzten, teils implizit praktizierten Funktionen können in meiner Sicht bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden acht unterschieden werden, die sich zeitlich nicht ablösten, sondern stets nebeneinander, ja oft auch gegeneinander standen und in den Diskursen der Freimaurer bis heute eine beträchtliche Bedeutung haben. Mit ein paar Anmerkungen möchte ich diese Funktionen charakterisieren, zumal jede Erörterung der heute um Arkandisziplin angesiedelten Probleme von ihnen auszugehen hätte. Ich unterscheide

1. Die schützende Funktion: Die Geheimhaltung der Logenaktivitäten – wie auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – schien Bedingung zu sein für die Absicherung einer von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freien Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen. Um die vielzitierte Feststellung Reinhart Kosellecks zu variieren: Das „Geheimnis der Freiheit“ war nur als „Freiheit im Geheimen“ zu antizipieren.

2. Die bewahrende Funktion: Hier gilt die Bewahrung des Geheimnisses als Voraussetzung für die Sicherung einer – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens als Quelle von Wahrheit und Erkenntnis, was vor allem für esoterische und christlich-gnostische Freimaurersysteme und weniger für die humanitäre Freimaurerei von Bedeutung war und ist.

3. Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente und dient der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Winkelwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge zumindest ab.

4. Die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.

5. Die pädagogische Funktion: Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit und Bereitschaft für persönliche Veränderung („Selbstvervollkommnung“, „Arbeit am rauen Stein“ des eigenen Selbst) dient der Einübung von Tugenden, die sich auch im „profanen“ Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken, findet sich in vielen Texten, Liedern und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.

Das freimaurerische Geheimnis besaß (und besitzt) jedoch auch Funktionen, die mehr oder weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:

6. Die illusionsstiftende Funktion: Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger „Selbstverwirklichungs- und Selbsterhöhungsambitionen“. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer besonderen, von der Welt des Profanen verstärkt abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit sowie die Durchführung aufwendiger Zeremonien, nicht zuletzt, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.

7. Die Lockfunktion: Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen „Mantel des Geheimnisvollen“ kann die Attraktivität der Freimaurerei und ihrer Sonderformen erhöhen und wird gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen. Zum Zuge kommt diese Funktion auch im Verhältnis zwischen Angehörigen „höherer“ Grade und den Mitgliedern der „blauen“ Logen.

8. Die Funktion der „inneren Hierarchisierung“: Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei über die traditionellen Stufen „Lehrling“, „Geselle“ und „Meister“ hinaus im Sinne einer „Hierarchie von Einweihungen“ schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen, die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.

Schließlich muss auf eine Praxis hingewiesen werden, die in direktem Widerspruch zu allen freimaurerischen Zielvorstellungen und Prinzipien steht: die Instrumentalisierung freimaurerischer Formen für politisch agierende Eliten, die nichts (oder nichts mehr) mit der Freimaurerei zu tun haben, woran sich dann aber gern allerlei Verschwörungsvorstellungen anschließen (Beispiel: Die Organisation „Propaganda Due“, P2, die an eine ehemalige italienische Freimaurerloge anknüpfte und – ohne Beziehung zur regulären italienischen Freimaurerei – in den 1970er Jahren zur politischen Geheimorganisation wurde).

Auf dem skizzierten Hintergrund

  • der inhaltlichen Unbestimmtheit der Freimaurerei,
  • ihres halböffentlichen Charakters und
  • des dennoch mit ihr verbundenen Mythos vom Geheimnis

vollzog sich nun nicht nur die Geschichte der Freimaurerei und ihrer Verurteilungen, sondern – gleichsam als Ausdruck eines historischen Pingpong-Spiels – auch die Geschichte der Erwiderungen und Apologien, mit der die Freimaurer auf Angriffe und Verurteilungen reagierten.

1770 fasste eine zunächst anonym erschienene, wiederholt aufgelegte kleine Schrift von Johann August von Starck unter dem Titel „Apologie des Ordens der Frey Maurer“ die Antworten der Freimaurerei auf folgende – im Prinzip bis heute unverändert gebliebenen – Hauptpunkte der Kritik zusammen:

  • Das Geheimnis der Freimaurer als solches widerspräche der Aufklärung, denn was nützlich und gut sei, könne offen und klar dargelegt werden,
  • die Freimaurerei bilde einen Staat im Staate (statum in statu),
  • der Eid der Maurer sei schrecklich, er schränke durch die angedrohten, unmenschlichen Sanktionen die natürliche Freiheit des Menschen ein,
  • das Abfordern eines Eides sei zudem ein Monopol der Obrigkeit, und die Freimaurerei verbreite unter seinem Schutz eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Nation und Religion,
  • schließlich sei der Orden der Freimaurer ohne wahren Nutzen und daher überflüssig, es sei denn, er betreibe unerlaubte Zusammenkünfte, die einen Herd für Verschwörungen bilden könnten.

Doch auch dies gilt bis heute: Die Freimaurer litten nicht nur an der sie umgebenden Mythologie, der faszinierenden Aura des Geheimen, sie profitierten auch davon. Denn die Mythen hielten die Freimaurerei im Gespräch, führten ihnen – bis hin zu den Dan-Brown-Fans – viele Neugierige zu und veranlassten die Maurer selbst, immer wieder darüber nachzudenken, ob hinter ihrem Orden nicht doch mehr stecke, ob das Geheimnis nicht doch einen anderen Inhalt habe als bisher in seiner schlichten englischen Ausformung zu erkennen war.

Im Laufe der Zeit wurde das Geflecht der antimasonischen Mythen immer dichter. Doch immer wieder waren es Auffassungen, die aus der Freimaurerei selbst hervorgingen, die den Stoff dazu lieferten:

Wenn beispielsweise Herder in seiner Korrespondenz mit Schröder an der Wende zum 19. Jahrhundert die beiden Grundvoraussetzungen einer von ihm mitgetragenen Reform der Freimaurerei formuliert – nämlich Wiederherstellung des „alten Rituals in seiner reinsten Gestalt“ und eine angemessene rituelle Praxis –, und seinen Brief dann mit den Worten schließt

„Die geheimen Gesellschaften sind bisher ein fressendes Gift, Höhlen des Betrugs, der Halbwisserei und … eines despotischen, kleingeistigen Egoismus gewesen!“,

so argumentiert er gegen die damals aktuellen Formen der Freimaurerei nicht anders als viele antimasonische Schriften.

Die eigenen Mythen der Freimaurer sollten sich allerdings in den folgenden Jahrzehnten im öffentlichen Raum mehr und mehr verselbstständigen und schließlich die Freimaurerei von außen überholen.

Ich nenne nur die beiden wichtigsten Beispiele hierfür:

Erst verschärften sich von Enzyklika zu Enzyklika die Vorurteilungen aus der katholischen Kirche, die in der Enzyklika „Humanum Genus“ Leos XIII. vom 20. April 1884 schließlich ihren Höhepunkt fanden.

Dann folgten die politischen Verschärfungen der Anti-Freimaurerei unter der Einwirkung wuchernder Verschwörungsmythen. Für deren – meist im extrem rechten Spektrum der Politik angesiedelten – Vertreter war und ist der Freimaurerbund nicht nur religionsfeindlich, sondern langfristig und strategisch auf Aushöhlung der gesellschaftlichen Ordnung, auf gezielten Machterwerb, ja auf Weltherrschaft angelegt. Dabei wird die Freimaurerei meist in eine Verbindung mit anderen Gruppierungen gerückt, wobei die Behauptung einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung vor allem im Deutschland der Weimarer Republik eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte.

Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die

Freimaurer-Images oder Außenbewertungen der Freimaurerei, mit denen wir es heutzutage in Deutschland zu tun haben, und auf die die deutschen Freimaurer reagieren sollten, wenn auch auf verschiedene, der jeweiligen Herausforderung angemessene Weise.

Vielleicht lassen sich für diese Images acht wichtige Vertreter-Gruppen unterscheiden:

  • Da sind erstens die Anhänger alter und neuer Verschwörungsmythen, die das „Objekt ihrer Begierde“ – die bösen Freimaurer und ihre Bundesgenossen – keinesfalls verlieren wollen und mit denen man weder diskutieren kann noch soll.
  • Da sind zweitens die nicht wenigen Menschen, die auf irgendeine Weise immer noch Denkvorstellungen und Befürchtungen des Volksaberglaubens anhängen, woraus dann eine diffuse Abwehrhaltung und Berührungsangst gegenüber der Freimaurerei resultiert: Ein Wohltätigkeitsbuffet des Rotary-Clubs? „Prächtig, da gehen wir hin.“ Eine ebenso wohltätige Reibekuchenbude der Freimaurer? „Nein danke, lieber nicht, man kann schließlich nicht wissen, was die da alles hineinbacken.“ Da gilt es für die Freimaurer nur, mit schlichter, bürgerlicher Normalität zu überzeugen.
  • Da sind drittens die Kirchen, die – wie die katholische – entweder wissen, aber nicht mögen, wie die Freimaurerei es mit der Religion hält, oder die es – wie die evangelische – bei allem Wohlwollen doch noch etwas genauer wissen will: hier sollte die deutsche Freimaurerei auf redlich-seriöse Weise gesprächsbereit sein, zuvor allerdings das Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion in ihren eigenen Kolonnen sorgfältiger klären.
  • Da ist viertens die Wissenschaft, die sich mehr und mehr mit der Freimaurerei beschäftigt, und die Unterstützung verdient, wie und wo immer Freimaurer dazu in der Lage sind. Die externe Freimaurerforschung ist das Gewissen der Freimaurerei, weil sie hilft, Eigenverdunkelungen zu überwinden und sich selbst besser zu erkennen.
  • Da sind fünftens die Vertreter der Politik, des Staates und der Kommunen, die der Freimaurerei meist wohl gesonnen sind und deren redliche und offene Gesprächspartner Großlogen und Logen zu sein haben.
  • Da sind sechstens die Medien, in denen angemessen vertreten zu sein, Freimaurer sich auf seriöse Weise bemühen sollten, wobei im Hinblick auf die Welt der bunten und bewegten Bilder Zurückhaltung am Platze ist. Arkandisziplin heute sollte nicht zuletzt bedeuten, sich in der Öffentlichkeit nicht lächerlich zu machen.
  • Da ist siebtens die intellektuelle, die kulturelle Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit gesellschaftlich relevanter Diskurse. Hier sollten sich die Freimaurer um gehaltvolle Präsens bemühen, denn wenn sie etwas zu sagen haben, dann sollten sie es auch sagen, denn besser, als die Stimmen anderer zu prämieren, wäre es, mit eigener Stimme im gesellschaftlichen Diskurs vernehmbar zu sein.
  • Schließlich und achtens ist da so etwas wie die Gesellschaft im Allgemeinen, die u.a. aus den Menschen zusammengesetzt ist, die in die Logen kommen und fragen, wer die Freimaurer sind und was sie zu sagen haben, und die vielleicht in den Logen als zukünftige Brüder mittun wollen.

Nicht zuletzt in der Kommunikation mit diesen Menschen käme es darauf an, sich der eigenen maurerischen Identitäten klarer bewusst zu werden und ein deutliches Bild davon zu vermitteln, was Freimaurerei ist und was sie nicht ist. Gerade die „Suchenden“ müssen rechtzeitig erkennen können, dass es unterschiedliche Formen und Verständnisse von Freimaurerei gibt, die der Redlichkeit halber nicht verwischt werden und erst nach der Aufnahme sichtbar werden dürfen.

Letztlich noch etwas, was mir ganz wichtig ist: Jede Definition und jede öffentliche Darstellung der Freimaurerei, die vom Ritual ausgeht, muss in die Irre führen. Ritualpräsentationen in der Öffentlichkeit, die freimaurerische Tempelszenen und Symbole zur Schau stellen ohne den Kontext von Freundschaft und Geselligkeit, von Ethik und Moral in den Vordergrund zu stellen, führen zur Dominanz obskurer Bilderwelten und verfälschen den Charakter unseres Bundes – jedenfalls aus der Sicht eines Freimaurers, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht. Das freimaurerische Ritual ist Bestandteil eines Gesamtsystems, das es in sich aufgenommen hat, um Freundschaft und Moral im Menschen zu befestigen. Es ist Menschenwerk, es ist nicht mit göttlicher Offenbarungskraft ausgestattet, es ist nicht Element einer Ersatzreligion, trage sie christlichen, trage sie esoterischen Charakter. Aus einem solchen Verständnis ergibt sich: Erst eine klare und vernünftige Gesamtdarstellung der Freimaurerei erlaubt es, sinnvoll über das Ritual in der Öffentlichkeit zu sprechen, wobei auf die Präsentation missverständlicher Bilderwelten und – was die Brüder Freimaurer betrifft – auf schurzbekleidete Auftritte in der Öffentlichkeit soweit es immer geht verzichtet werden sollte.

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Kunst — Not me!

Foto: Kara-Kotsya / Adobe Stock

Mit der Kunst, und hier sei vor allem die Malerei gemeint, hat es seine eigene Bewandtnis: Ich kann ein Bild betrachten und die Größe, die Darstellung und die Farben beurteilen, und doch bleibt es mir verschlossen, wenn ich nicht die Interpretation des Künstlers oder Kritikers, geschweige denn den Namen des Bildes kenne. Häufig gehört auch eine Geschichte, bzw. eine geschichtliche Einordnung zu dem Gemälde, damit es sich mir erschließt.

Ein Beitrag von Br. Thomas Schröder aus der Loge St. Alban zum Æchten Feuer, Hoya

Meine Enttäuschung war schon groß, als ich das erste Mal die Mona Lisa im Louvre sah. Mit welch großen Erwartungen ich gekommen war, um in der Ausstellung durch die dichte sich vor dem Bild sammelnde Menschentraube einen Blick auf dieses wohl berühmteste Gemälde der Welt zu werfen. Kein Blitzschlag, kein schneller Puls, geschweige denn Hitzewallungen durchdrangen mich. Ich kam, sah und ging meines Weges durch die weiteren Räumlichkeiten, um den Tag im Museum zu genießen. Ich hätte mich besser auf den Besuch vorbereiten müssen.

1990 besuchte ich das Museum Toulouse Lautrec im französischen Albi. Ich hatte von den faszinierenden Bildern, die z.T. recht lieblos aneinandergereiht waren, wenig, hätte ich nicht um sein Leben zwischen Dirnen, Kriminellen und seiner Liebe zum Wein gewußt. Mit diesem Wissen werden die Bilder lebendig, erzählen Geschichten, man taucht ein in die damalige Zeit und die Phantasie galoppiert mit einem davon.

Ein anderes sehr einschneidendes Erlebnis mit der bildenden Kunst hatte ich vor einigen Jahren bei einer Ausstellung des Museums of Modern Art in Bonn. Nach dem ich mir die Bilder von berühmten Malern wie Picasso und Dali angesehen hatte, betrachtete ich in den unteren Stockwerken eine Bildhauerei, die man nicht nur begehen konnte, man mußte auch außerhalb des Kunstwerks einige Schritte zurückweichen, um die Dimensionen des Werkes zu erfassen. Als ich nun rückwärtsgehend meinen Kunsthorizont zu erweitern begann, stolperte ich über etwas, was sich nach genauerem Hinsehen als faustgroße Kieselsteine herausstellte. Fast ein wenig ungehalten, wie man etwas so großes achtlos und als Stolpersteine herumliegen lassen konnte, ohne es zu sichern, drehte ich mich um und sah, dass ich aus einem ca. 15 mal 1 Meter großen Rechteck aus Kieselsteinansammlungen einige Steine herausgetreten hatte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und versuchte so unauffällig wie möglich die verrückten Steine wieder in Position zu bringen, indem ich sie, teils mit dem Fuß, teils mit der Hand, wieder an Ort und Stelle bugsierte. Meine Bemühungen waren vergebens, man hatte mich ertappt. Eine mir sehr wohlgesonnene Museumsangestellte zeigte ausgiebiges Verständnis für meine peinliche Situation, half mir, den Schaden wieder zu richten, nicht ohne mich zu belehren, dass eigentlich nur der Künstler in der Lage wäre, die handverlesenen, aus einer ganz bestimmten Bergregion Japans entnommenen Kiesel, wieder an die korrekte Position zu legen. Ich sah mich bereits mit nicht genauer zu beziffernden Schadensersatzforderungen konfrontiert, doch vielleicht war es meinem sprichwörtlichen Charme zu verdanken, dass die gute Dame Gnade vor Recht ergehen ließ.

Vielleicht hatte sie aber auch ganz schnell erfaßt, dass dort ein junger Mann in der Bredouille war, der die Kunst nicht erkennt, selbst wenn er davor steht, frei nach dem Motto (und ich weiß, dass das eine alte Kamelle ist) „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Diese Form von Unwissenheit, man könnte auch sagen Dilettantismus, hat sogar noch etwa Charmantes, solange der Unwissende bereit ist, seine Wissenslücken zu füllen, sich für die Kunst interessiert zeigt und vor allem auch den Respekt vor der künstlerischen Leistung dem Künstler bezeugt.

Gemälde haben ein Momentum, sie sind Ausdruck von Gefühlen, wollen den einen Moment einfangen, den es so nicht wieder gibt, sind Impressionen, Expressionen oder auch Abbild von Situationen.

Sie sind ebenfalls Zeitdokumente, denn bis zur Erfindung der Fotographie war die Malerei und das Zeichnen eine der Möglichkeiten des zweidimensionalen Festhaltens von Begebenheiten.

Sehr zu unserem Leidwesen gab es in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen Kunst unwiederbringlich vernichtet wurde. Dem reformatorischen Bildersturm als Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert fielen Gemälde, Skulpturen und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und Heiligen, der Wut der Reformatoren zum Opfer. Die chinesische Kulturrevolution, das Entfernen und Vernichten sogenannter entarteter Kunst; 2001 sprengten Taliban die 1500 Jahre alten gigantischen Buddhastatuen in der afghanischen Bamiyan-Provinz oder die Zerstörung der Ruinen von Palmyra. Die Rechtfertigung tut nichts zur Sache, denn im Grunde haben sie alle dieselbe Gemeinsamkeit: Das Denken der Menschen in eine bestimmte Richtung zu dirigieren. Es geht um Manipulation und Zensur, koste es, was es wolle! Und es kostet vor allem die Freiheit des Andersdenkenden.

Im Pariser Musée d’Orsay hängt ein Bild von Gustav Courbet, das in vollem Naturalismus den entblößten Unterleib einer Frau zeigt. Der Titel:“ L’Origine du monde“, also „Der Ursprung der Welt“. In der z.Zt. enthemmten „me too“-Debatte kann man froh sein, dass noch niemand dem Bild mit einem Messer oder Säure zu Leibe, oder besser zur Leinwand gerückt ist. Dieses Bild wurde aber kürzlich von Facebook in vorauseilendem Gehorsam von einem Nutzerkonto gelöscht, um nicht in den Focus entfesselter Puritaner zu gelangen und die just entwickelte Gelddruckmaschine ins Stottern zu bringen. Wohlbemerkt: Courbets Bild entstand 1866. Wir haben also lockere 150 Jahre der Auseinandersetzung und Diskussion hinter uns, die dazu führt, dass ich mir von einem Netzgiganten vorschreiben lasse, was Kunst und was Pornographie ist?

Facebook hat seinen Fehler inzwischen eingesehen und korrigiert, weil ein französischer Lehrer gegen das Löschen des Bildes auf seinem Nutzerkonto geklagt hatte.

In der Art Gallery von Manchester wurde kurzfristig ein Bild ab- und, nachdem sich Kunstbegeisterte vehement beschwert hatten, flugs wieder aufgehängt. Das Bild ist betitelt mit „Hylas und die Nymphen“, gemalt 1896 von John William Waterhouse. Es zeigt sieben sehr junge Frauen, eigentlich Mädchen, Teenager würden wir heute sagen, in einem mit Seerosen bedeckten Tümpel, entblößte Brüste, lange Haare und mit laszivem Blicken einen Jüngling in ihren Bann ziehend. Und…

Ist das Pornographie? Nach der griechischen Mythologie war der Jüngling Hylas der Geliebte von Herkules. Nun haben wir es auch noch mit Pädophilie zu tun.

Es fragt sich der Kunstwissende (und nicht nur der, sondern ich mich auch), ob die politische Korrektheit die Freiheit der Kunst beschneidet, sie reguliert und wir am Ende viele leere Flächen in den Museen haben, weil die angeblich so anstößigen Gemälde nicht nur in den Lagern, sondern sehr schnell auf dem schwarzen Markt und damit in Privatarchiven reicher Kunstgönner oder auch nur in Tresoren vermögender Leuten verschwinden, die ihr Geld krisensicher anlegen wollen.

Ich warte auf den Tag, an dem Stillleben, auf denen in einer Schale zwei Äpfel und eine Banane in einem losen Arrangement zu sehen sind, in den Museumskatakomben verschwinden müssen, weil eine Weiblichkeit sich sexuell belästigt fühlt, weil sie die Darstellung mit dem männlichen Geschlechtsteil assoziiert.

Ich könnte noch weitere Beispiele enthemmten Moralismus aufzählen, der die Kunst zu einem Opfer der #Metoo Bewegung macht. So sehr die Respektlosigkeit und Machtausnutzung vor allem männlicher Zeitgenossen gegenüber Abhängigen und hier vor allem Frauen, zu verurteilen und inakzeptabel ist, so sehr wehre ich mich dagegen, dass hier in einem völlig überzogenen Maße mir die Freiheit an dem Kunstgenuß und der Selbstbestimmung der Kunstbeurteilung fremdbestimmt genommen wird. Dieser Widerstandsreflex, den nicht nur ich verspüre, bleibt, hat Bestand. Aus dem öffentlichen Raum mit viel politischer Korrektheit wird der freie Geist dichtgeklebt, eingestampft, mürbe gemacht. In öffentlicher Zurschaustellung gängelt eine selbsternannte Richtigkeits-, Wahrheits- und Moralklientel die Masse unter völliger Mißachtung dessen, was sie für sich als Elementarrecht beansprucht: die Freiheit des Geistes, oder das, was sie darunter versteht, den sie aber anderen nicht zubilligt. Diese wie ein Nebel über der Gesellschaft dahinwabende unerträgliche Kasteiung läßt viele öffentlich sprachlos zurück. Und diese Sprachlosigkeit findet ihr Ventil in geschützten Räumen: in der Familie, im Freundeskreis und auch in der Freimaurerei.

Als Freimaurer ist uns mit diesem geschützten Raum eine Kostbarkeit gegeben, die wir, wenn wir sie jetzt vielleicht nur gering zu schätzen wissen, sie eines Tages für uns mit das Wertvollste sein wird, was die Freimaurerei uns zu bieten hat.

Denn hier sind wir in der Lage, die Sinnhaftigkeit des ach so politisch Korrekten kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns diesen mit Respekt geführten Diskurs erhalten. Streiten wir weiter im positiven Sinne um die Vielschichtigkeit der Meinungen, lassen wir es zu, dass ein freier Geist die Freimaurerei durchströmt, und dass, nicht nur in der Kunst und Schönheit, sondern in allen Belangen der uns interessierenden Themen die Neugier und der Wissensdurst und nicht die Meinungszwangsjacke das Logenleben begleitet.

Wir benötigen eine neue von Respekt gegenüber der abweichenden Meinung und dem individuellen Gegenüber getragene Debattenkultur. Sie würde nicht nur der Freimaurerei gut zu Gesicht stehen, sondern auch ein Anziehungspunkt für Suchende und die profane Welt sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Am freimaurerischen Wesen soll die Welt genesen?

Foto: Mondela / Adobe Stock

Durch unsere Gesellschaft geht ein sich vertiefender Spalt zwischen einer Haltung, die Toleranz mit Beliebigkeit verwechselt und dem immer unverhohleneren Ruf nach einer "starken Führung". Die Freimaurerei steht dazwischen: sie lehrt ehrliche Verantwortungsübernahme. Aber kann sie deswegen auch gesellschaftspolitisch relevant sein?

Von Br. Walter Plassmann aus der Loge "Die Brückenbauer", Hamburg

“Nein, sie brauchen keinen Führer“, stellte Udo Lindenberg 1987 auf seinem Album “Horizont” fest, „Nein, sie können’s jetzt auch alleine.“ Lindenberg nahm mit diesem Lied die „neuen Nazi-Schweine“ aufs Korn, die extremen Rechtsradikalen, die sich in jenen Jahren zu formieren begannen. Und in der Tat gibt es bis auf den heutigen Tag keinen von allen anerkannten Sprecher für die deutlich angewachsene Schar der Rechtsradikalen.

Viele Deutsche scheinen sich dagegen nach einer Führerfigur zu sehnen. Eine vor einigen Monaten veröffentlichte Umfrage brachte die erschütternde Nachricht, daß nur jeder zweite Deutsche die Forderung “Wir sollten einen Führer haben, der in Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert” komplett ablehnte . In Österreich sind es sogar 43 Prozent, also fast jeder Zweite, die einen starken Mann an der Spitze für wünschenswert halten .

Die Sehnsucht vieler Menschen nach dem „guten Führer“ ist uralt und offenbar nicht auszurotten. Da ist zum einen der Reflex, daß die Drecksarbeit gegen die „verhaßten Anderen“ bitte jemand anders übernehmen soll; man will sich da selbst nicht die Finger schmutzig machen. Aber weiter verbreitet dürfte ein naiver Wunsch sein: Das Leben ist schon kompliziert genug, da wäre es doch schön, man könnte die Politik und die Staatsverwaltung ruhigen Herzens an eine Art Übervater geben, der mit ruhiger Hand für Gerechtigkeit und Wohlstand sorgt.

Dass eine solche Einstellung weltfremd ist, muß nicht weiter diskutiert werden. Aber die Haltung hinter dieser Einstellung ist es, mit der wir uns beschäftigen sollten – gerade als Freimaurer. Denn sie berührt eine zentrale Aufgabe, der wir uns im Bruderbund stellen.

Die Abneigung, Verantwortung zu übernehmen und damit auf einfache Fragen keine einfachen Antworten mehr geben zu können, ist dem Menschen offenbar tief eingeprägt. Je abstrakter die Verantwortung wird, je mehr sie sich also vom täglich Erfahrbaren entfernt, umso stärker wächst der Widerstand dagegen, Verantwortung auch zu tragen. Verantwortung dafür zu übernehmen, was man einkauft, ist einfach; Verantwortung für seinen unmittelbaren Nachbarn geht vielleicht auch noch; aber Verantwortung für eine abstrakte Idee wie die Demokratie zu tragen, das ist für viele nur schwer vorstellbar.

Im Idealfall wird diese Verantwortung – beispielsweise per Wahl – an Menschen übertragen, die damit nicht so große Probleme haben. Allerdings wird deren Legitimität unmittelbar wieder in Frage gestellt, falls diese sich erdreisten, die in sie gesetzten (individuellen) Erwartungen nicht zu erfüllen.

Die Freimaurerei will das genaue Gegenteil. Sie hat ihre gesellschaftspolitischen Wurzeln in der Aufklärung. Sie vertritt den Standpunkt, daß der Mensch vernunftbegabt ist und sich ausreichend Wissen aneignen kann, um vernünftige, objektiven Maßstäben standhaltende Entscheidungen zu treffen. Und diese soll er dann auch treffen sowie hierzu stehen. Verantwor-tung übernehmen eben.

Voraussetzung hierfür ist ein starker innerer Kompaß. Dieser gibt den Mut, Entscheidungen zu treffen, er gibt die Kraft, sie auch durchzuhalten und durchzusetzen und er verhindert widersprüchliches Verhalten. „Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer sein Weg“, heißt es im Aufnahmeritual, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“.

In dieser schönsten Passage im Aufnahmeritual ist alles zusammengefaßt, was Verantwortungsübernahme ausmacht: das an „hohen Zielen“ festgemachte Wertegerüst, an dem die Handlungen gemessen werden; die Ruhe und Sicherheit, die dieses Wertegerüst gibt; die Furchtlosigkeit, zu dem einmal für richtig Erkannten auch zu stehen.

Solche Wertegerüste haben allerdings viele. Es gibt sie in der Politik in Form von Ideologien (von der Demokratie bis zur Diktatur), es gibt sie im sozialethischen Kontext und in Religionen, die das Gerüst bis in die Transzendenz hinein weiterbauen. Von diesen Wertesystemen unterscheidet sich die Freimaurerei in zwei wesentlichen Punkten. Da ist zum einen der geradezu geniale Einfall, das Gerüst sehr offen zu lassen. Dem Freimaurer ist vorgegeben, eine Haltung der Toleranz und der Menschenliebe in einem Umfeld zu leben, das vom Großen Baumeister aller Welten geschaffen und gehalten wird. Das war es aber auch schon. Vor allem die Frage, wie das Symbol des Großen Baumeister aller Welten übersetzt wird, ist jedem Freimaurer freigestellt.

Damit entzieht die Freimaurerei ihrem Wertesystem das Ideologische, ohne in die Beliebigkeit abzugleiten. Denn unmißverständlich wird verlangt, das Wertesystem der Toleranz und Menschenliebe mit einem „supreme beeing“ auszufüllen. Aber wie dieses konkret geschaffen ist, bleibt der Überzeugung und dem Glauben des Einzelnen überlassen. Er kann an die Stelle der Großen Baumeisters aller Welten den Kosmos setzen oder eine andere Ordnung, die die Welt durchwaltet, er kann aber auch den Gott nehmen, der sich mit seinem Glauben deckt.

Auf diese Weise wird der Freimaurer gezwungen, sich über die Basis der Verantwortungsübernahme nicht nur Gedanken zu machen, sondern sie auch wirklich zu leben. Die aktuelle Haltung der kompletten Beliebigkeit („anything goes“) wird er nicht durchhalten können, denn immer wenn er im Tempel sitzt, wenn er mit Brüdern spricht, wenn er sich mit der Freimaure-rei beschäftigt, wird er mit dieser Forderung konfrontiert. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, er muß sich dieses Wertesystem erarbeiten – oder die Freimaurerei verlassen, weil sie ihm nichts anderes bieten kann.

Zum zweiten wird der Freimaurer in geradezu penetranter Weise dazu angehalten, sein Wertesystem immer wieder zu hinterfragen und es gegebenenfalls anzupassen. Das ist genau der Unterschied zu den ideologisch geprägten Wertesystemen, die mit Gesetzen, Verboten und Dogmen arbeiten. An sie muß sich der Anhänger sklavisch halten, und wenn sie geändert werden sollen, ist dies immer ein langer, quälender Prozeß, der an den Grundfesten der jeweiligen Ideologie rüttelt.
Die Grundfesten der Freimaurerei dagegen sind schon so angelegt, daß sie einem permanenten Veränderungsprozeß unterworfen sind. Der Tempel der Humanität wird niemals fertig sein, der Maurer wird niemals vollkommen werden, die Ecken seines rauhen Steines bedürfen einer nicht enden wollenden Bearbeitung. „Der Spitzhammer bleibt unser Werkzeug bis ans Lebensende“, mahnt der Meister vom Stuhl in der Beförderungsarbeit.

Auf diese Weise ist der Freimaurer in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Dies gilt nicht nur für sein engeres persönliches Umfeld und für seine Loge, sondern auch für übergeordnete Dinge. Deshalb sind wir in der Lage, über Werte zu sprechen, ohne in ideologische Schlachten abzugleiten. Dies gilt bis in politische und religiöse Fragestellungen, denn das Verbot der Alten Pflichten bezieht sich auf Parteipolitik und kirchliche Positionen, nicht darauf, politische und religiöse Themen zu bearbeiten.

Das bedeutet nun aber nicht, daß am freimaurerischen Wesen die Welt genesen könne. Dem inneren Aufbau der Freimaurerei ist immanent, daß sie auf den einzelnen Bruder wirkt. Übersetzte man sie auf eine Gesellschaft, würde sie doch wieder zur politischen Ideologie, denn mit einem permanenten Diskurs, so wie ihn die Freimaurerei pflegt, läßt sich keine Gesellschaft steuern. Dazu würde es doch fester Regeln bedürfen, die automatisch in ein starres Gerüst mündeten – also genau das Gegenteil dessen, was die Freimaurerei bezweckt.

Diesem Irrtum unterliegen aktuell viele – auch prominente – Freimaurer. Es stimmt zwar, daß die Werte der Freimaurerei und vor allem der Umgang mit ihnen wertvolle Bezugspunkte geben können für eine Gesellschaft, die im großen Meer der Beliebigkeit unterzugehen droht. Aber sie wird dies immer nur auf der individuellen Ebene vollziehen können. Die „gesellschaftspolitische Relevanz“ der Freimaurer endet an den Tempeltüren. Wer mehr möchte, muß den freimaurerischen Kontext verlassen, seine Überzeugungen in ein festes Wertegerüst packen und mit diesem politisch arbeiten. Das ist weder verboten noch zu kritisieren, aber es darf nicht mit der Freimaurerei legitimiert werden.

Dieser Kern der Freimaurerei ist seit Jahrhunderten das Faszinierende unseres Bundes. Er ist anspruchsvoll und fordert viel von jedem Bruder. Nicht umsonst lautet die letzte Mahnung des Meisters zum Ende des Rituals: „Seid wachsam auf Euch selbst.“ Aber der Lohn ist groß. Geborgen im Gerüst der freimaurerischen Werte wächst die Sicherheit. Je häufiger der Maurer bemerkt, daß gerade das Infragestellen und gegebenenfalls Neuausrichten dieser Werte weitere Sicherheit verleiht, umso stärker wird sein Vertrauen. Diese „initiatische Unerschütterlichkeit“ verleiht ihm die Kraft, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“ den Weg zu gehen. Einen irdischen Führer braucht er hierfür nicht.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Das Feuer weitergeben – Freimaurerei als Zukunftswerkstatt

© Jonas Weinitschke/ Adobe Stock

„Das Beste, was wir von der Geschichte haben,“ so schreibt Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“, „ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“ Und kein Anlass wäre mehr geeignet, diesem Enthusiasmus reflektierend nachzuspüren, als das Stiftungsfest einer Loge. Verknüpft doch dieses Fest wie kein anderes Ereignis im Leben einer Loge aus bewusst erlebter Gegenwart heraus Tradition und Zukunft.

Zeichnung von Br. Hans-Hermann Höhmann zur Festarbeit der Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“ am 22. September 2018 im Haus der Patriotischen Gesellschaft zu Hamburg

Versetzen wir uns 275 Jahre zurück. Es ist der 24. September 1743. Die Brüder versammeln sich zur Einsetzung der zweiten Loge in Hamburg, der „Kaiserhofloge“, die dann als Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“ auf eindrucksvolle Weise ihren Weg durch die Geschichte nahm. Es liegt kein Protokoll der ersten Arbeit vor und keine detaillierte Teilnehmerliste. Doch wir wissen, dass Namen mit einem guten Klang in Hamburg unter den Maurern der ersten Stunde sind und dass ein internationaler Flair den Charakter der Gründung bestimmte. Kaum vorstellen können wir uns, wie das Ritual gehandhabt wurde. Es ist anzunehmen, dass dabei viel kreative Improvisation geherrscht hat, und dass Mitglieder heutiger Ritualkollegien – zeitreisend 275 Jahre zurück-versetzt – wohl runzelnd ihre Augenbrauen hochgezogen hätten. Doch wir können versichert sein, dass die Regularität der Herzen stimmte, dass der Zauber des Aufbruchs trug und dass eine ansteckende Freude die Stimmung beherrschte.

Die Hoffnung auf Aufklärung, auf Unterscheidungsfähigkeit „zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis“ – so die spätere Definition des Weimarer Freimaurer-Bruders Christoph Martin Wieland –, die Erwartung einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, das Erlebnis menschlicher Gleichheit, die Möglichkeit, sich jenseits der Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis als bloße Menschen zu begegnen, all das prägte Bewusstsein und Gefühl der Bruderschaft.

„Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall,
jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.“

Gewiss, dieser Text nach Mozarts Noten wurde nicht in Hamburg anno 1743 angestimmt, sondern erst knapp 50 Jahre später in Wien. Doch Text und Ton der Kantate bringen wohl mehr als Dokumente jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre in der „Kaiserhofloge“ zu Hamburg bestimmt haben mag. Der Schwung, mit dem die zweite Hamburger Loge begann, unterstreicht, wie sehr die Freimaurerei zum sozialen Erfolgsmodell des 18. Jahrhunderts geworden war. Bis zum Ende des Gründungsjahres wurden 16 Suchende, in den folgenden beiden Jahren 27, bzw. 25 Brüder aufgenommen.

Dass die Freimaurerei zur „Mode des 18. Jahrhunderts“ geworden war – so bekanntlich Friedrich der Große –, hatte mit dem Wandel von realer Geschichte und historischem Bewusstsein zu tun: Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung der Gesellschaft, das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen, die funktionale und soziale Polarisierung auch in der Adelswelt, das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung sowie die sich unter dem Vorzeichen des europäischen, vor allem des britischen Kolonialismus auch international, ja interkontinental verstärkende räumliche Mobilität: All das führte dazu, dass die Menschen im alten Europa aus ihren traditionellen Bindungen und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten. Diese Veränderungen führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja ausgesprochenen Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach veränderten Formen von gesellschaftlichen Vernetzungen, nach neuen Formen von „sozialem Kapital“, und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.

Die Freimaurerei erwies sich nun offensichtlich als eine besonders attraktive Form neuer gesellschaftlicher Einbindung. Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes für die Befriedigung vieler unterschiedlicher sozialer und kultureller Bedürfnisse wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme mit stets neuem Enthusiasmus weiter zu entwickeln und an sich wandelnde Strukturbedingungen und Interessenlagen anzupassen.

Heute – beim 275. Stiftungsfest der Loge – sollten wir nicht zuletzt versuchen, diese Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nachzuempfinden, denn Erinnern bedeutet ja nicht nur das Bewusstmachen historischer Fakten, sondern auch das Nacherleben von Begeisterung und emotionalem Schwung.

"Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrecht, Menschenpflicht, Menschenwürde und Menschenliebe."

Herder

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Es war das Bekenntnis zur Humanität als Inbegriff von „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe“, wie der Freimaurer Herder sie mit dieser Reihung fast schon hymnisch bestimmt. Nicht um den Mensch als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen, um den „bloßen“ Menschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ gibt der Priester in Mozarts Zauberflöte vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro erwidert „noch mehr, er ist Mensch”, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein”.

Telos und Pathos der Aufklärung bestimmen das Denken und Dichten der Freimaurer des 18. Jahrhunderts, sind Ausdruck der mit von ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft – so erinnern wir uns ja gerne, manchmal vielleicht gar allzu gerne – gehörten den Logen an. Namen wie Lessing, Herder, Goethe, Stein, Hardenberg, Washington und Voltaire kennzeichneten das geistige Gewicht und die gesellschaftliche Kraft des Freimaurerbundes. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit.

Suchen wir nun einen Namen für den speziellen Glücksfall der Hamburger Freimaurer- Reform an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, so lautet er – wer unter uns würde daran zweifeln – Friedrich Ludwig Schröder. Schröder war der Schöpfer des nach ihm benannten Rituals. Doch gemeinsam damit schuf er zum ersten Mal in Deutschland eine überzeugende Gesamtkonzeption für die Freimaurerei, die über das Rituelle hinausgehend die Freimaurerei als eine moralisch-spirituelle Werkstatt begründet hat. Jedem Freimaurer, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht, ist Schröders Konzept bis in die Gegenwart lieb und teuer geblieben, nicht zuletzt, weil die symbolische Werkstatt Schröders unmittelbar zur Zukunftswerkstatt der Freimaurerei unserer Tage führt.

Die mit der Initiation des Freimaurers verbundenen Erwartungen, die Schröder im Aufnahmeritual mit eindrucksvollen performativen Sprechfolgen begrifflich markiert, sind ja gültig geblieben bis in die Werte-Verwirrung der Gegenwart hinein:

  • Anmahnung der Erfüllung moralischer Pflichten.
  • Festigung einer sittlichen Grundeinstellung des Menschen.
  • Aufforderung zur Suche nach Wahrheit, insbesondere über die eigene Person.
  • Beseitigung von Irrtümern, die der Humanität im Wege stehen, Überwindung von Vorurteilen.
  • Selbsterziehung zu aufgeklärten und verantwortungsbewussten Menschen.
  • Konzentration auf die Schätze des Geistes und des Herzens und (auf) keine andere Würde als diejenige, die ein Mensch sich selbst zu geben vermag.

Um diese ethisch-moralischen Vorstellungen habituell im Menschen zu verankern, hat das Ritual nachdrücklich, aber schlicht zu sein. Es findet im Werkraum, in der Bauhütte, nicht im Tempel statt. Die Arbeit beginnt nicht mit einem feierlich-zeremoniellen Einzug oder einer esoterischen „Vorloge“, sondern mit dem Hammerschlag des Meisters. Man arbeitet nach den Verirrungen der „Strikten Observanz“ ausschließlich in den drei Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters, weil nur dies im Sinne Schröders maurerisch Sinn macht.

Entscheidend ist für Schröder die Übereinstimmung in den Werten, zu denen sich der Freimaurer bekennt. Andere Forderungen nach Übereinstimmung, insbesondere solcher religiöser Art dürfen in der Loge keine Bedeutung haben.

Schröder im Wortlaut dazu:

„Wir sind hier also blos Menschen;
wir suchen weiter nichts, als was alle Menschen suchen sollten;
kennen kein anderes Gesetz, als das, was alle Menschen verbindet;
keine andere Richtschnur, als unsere Rechtschaffenheit;
keine andere Würde, als die der Mensch sich selbst giebt.
AlIes, was wir sonst sind und suchen und glauben und haben, lassen wir vor der Thüre unserer Versammlung zurück.“

Das Ritual verbindet die Menschen als Mitmenschen, es ist der Kitt, der die Bruderschaft zusammenhält, und damit ist es das, was auch heute in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft wieder so nötig ist.

Doch so reich das Erbe unserer Tradition auch ist, wir dürfen nicht bei unserer Herkunft stehen bleiben, wir müssen nach Zukunft fragen, nicht zuletzt in der Tradition Schröders, der ja die Zukunftsfrage nach einer – wie er sagte – „vernünftigen Freimaurerei“ in Deutschland so hartnäckig gestellt hat.

Unsere vielfältigen Vergangenheiten, unsere Schatzkisten der Tradition – wie gehen wir heutigen Freimaurer damit um? Wie lassen wir aus Herkunft Zukunft werden? Was müssen wir bearbeiten, wenn Freimaurerei nicht nur Sammelplatz alter Kostbarkeiten bleiben, sondern zur Werkstatt kommender Aufgaben, zur Zukunftswerkstatt, werden soll.

Zunächst haben wir allen Grund, uns der skizzierten Traditionen mit inspirierendem Enthusiasmus zu erinnern, und es geschieht nicht ohne Stolz, wenn ich ein Wort des bedeutenden polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auf unseren Bund beziehe: „Glücklich sind die,“ – so der polnische Philosoph – „denen ihre eigene Tradition den Glauben an die Gemeinschaft der menschlichen Gattung, den Glauben an Toleranz, die Bereitschaft zum Zusammenwirken und den Kritizismus überliefert hat. Andere haben aus der Tradition den National- und Rassenhaß, den Fanatismus, den Kult der Gewalt übernommen.“

Doch wir Freimaurer im Hier und Jetzt dürfen keine geschichtliche Denkmalspflege betreiben, wir sollten auch nicht daran interessiert sein, zu einem Museum unserer selbst zu werden, und hinter eindrucksvollen historischen Kulissen zu verschwinden. Herkunft ist wichtig, die Verankerung in ihr ist unverzichtbar, doch unser Hauptinteresse hat Gegenwart und Zukunft zu gelten, denn hier allein ist der Raum für unsere weitere Existenz.

Das heißt, sich des Erbes zu erinnern, um den Gegenwartsauftrag, um das Angebot der Freimaurerei für die Menschen unserer Zeit deutlich zu machen, darauf kommt es an. Oder – wie Horkheimer und Adorno es so schön gesagt haben – „nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“. Es geht um das beharrliche Bewahren der freimaurerischen Grundidee von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, des einzelnen Menschen mit unaustauschbarer Individualität und unverlierbarem Eigenwert. Und zwar nicht als rhetorische Denkfigur, sondern als Aufgabe der tag-täglichen Alltagspraxis. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“!

Wir suchen nach einem festen Platz in der Gesellschaft, einem Platz, wo man uns respektvoll wahrnimmt und unser Wesen nicht verkennt. Auf dem Wege dorthin sind wir bereits. Doch wir können weiter vorankommen, wenn wir wohl überlegt daran arbeiten, die Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns immer wieder blockieren, wenn wir herausfinden, was unsere freimaurerischen Hauptaufgaben sind und uns hierauf konzentrieren; wenn wir flexibel genug sind, uns mit kreativen Lösungen auf die gegenwärtigen Strukturen der Gesellschaft einzustellen, Strukturen, die sich seit der klassischen Zeit der Freimaurerei ja so tief greifend verändert haben.

Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit, so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist die Grundfrage heutiger Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja ohne Zweifel eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen.

Ich gebe ein paar Beispiele dafür:

So haben die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft und der Wandel der sozialleitenden Werte zur Notwendigkeit geführt, Profil und Identität Humanitärer Freimaurerei neu zu bestimmen. Wissen wir, wo wir stehen innerhalb der Gesellschaft? Wissen wir, wo unser Platz ist auch im Rahmen der deutschen Freimaurerei? Sind wir fähig zum Diskurs darüber ohne Opportunismus und ohne Angst vor Tabus?

So hat der gesellschaftliche Wandel die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft gesetzt. Welcher Ersatz steht dafür zur Verfügung? Haben wir ihn bereits gefunden? Ist das große Schleppnetz „Internet“ wirklich der Weisheit letzter Schluss?

So beeinträchtigt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt die Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge. Die Vertreter einer „Generation Praktikum“, was mag sie zu langfristiger Logenmitgliedschaft motivieren?

So bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst ja nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt auch die traditionellen Legitimierungen des Modells Männerbund generell in Frage. Haben wir den Mut, Freimaurerei heute als einen „offenen Männerbund“ zu leben? Gibt es überzeugende Konzepte dafür?

So bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck. Hält das Programm der Loge diesem Konkurrenzdruck stand? Ist die Suche nach immer neuen Erlebnissen und spektakulären „Events” mit den Grundeigenschaften der Freimaurerei: Bereitschaft zu dauerhafter Bindung, Führung ethischer Diskurse und Praxis ritueller Einübung in ein wertorientiertes Verhalten heutzutage vereinbar?

So führt – schließlich – die Kultur der heutigen Moderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern oft niedrigsten Niveaus. Haben wir Antworten in dieser neuen Situation? Widerstehen wir der Versuchung, auf der Fantasy-Welle mitzusurfen?

Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung unserer Zukunftsziele und gehört sicher auch auf die Agenda unserer Meister-vom-Stuhl-Seminare.

Doch ich bin bei aller Skepsis fest davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der Gegenwart nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen zu entdecken.

Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen – wenn wir es nur richtig machen mit unserer Öffnung zur Gesellschaft – kräftig anwachsen zu lassen.

Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppen-geschützten und gruppengestützten Erfahrungs-möglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Sie ist doch da, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe kann die Freimaurerei ihre konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis kann sie die Stimmigkeit ihrer inneren Strukturen überprüfen, und von hierher kann sie auch ihr Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz – einerseits längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, andererseits aber oft in erschreckenden Maße mit den Füßen getreten werden, besteht die Aufgabe unseres Bundes nicht im Propagieren lieb gewonnener Parolen. Sie besteht in der Einübung in eine wertverpflichtete Praxis, Praxis des einzelnen Bruders und Praxis der Logengemeinschaft. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr!

Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, dabei muss es bleiben, aber sie kann – wie es im Ritual vermittelt wird – zu einer „sicheren Stätte“ werden für Menschen, die in einem konzentrierten, wertorientierten und sensiblen Diskurs Klarheit über handlungsrelevante Fakten und Optionen in der Welt von heute und morgen suchen. Die Loge kann zum Handlungsvorbereiter werden und hierdurch auch an politischer Relevanz gewinnen. Sie kann, wenn sie ihr Potential ausschöpft, zur Entwicklung einer politischen Kultur des gesellschaftlichen Miteinanders beitragen, an der hierzulande doch wirklich Mangel herrscht, wie wir tagtäglich und zuweilen auf erschütternde Weise erleben.

Arkandisziplin heute hätte dann vor allem die Funktion, den Raum für einen solchen Prozess der Klärung und Abklärung unserer Positionen, der Stiftung einer lebenskräftigen freimaurerischen Identität abzusichern. Arkandisziplin ist insofern weit mehr als eine Angelegenheit des Verhüllens. Arkandisziplin ist eine Angelegenheit des Vertrauens, der Offenheit von Mensch zu Mensch.

Im Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit ist Redlichkeit am Platz: Es gab Licht und Schatten, Leistung und Versagen im Entwicklungsprozess der deutschen Freimaurerei. Dies einzuräumen, wirkt auf Außenstehende viel sympathischer und interessanter, als das unendlich langweilige Posieren als selbsternannte „Weltmeister in Sachen Humanität“. Allerdings: Für die Information nach außen wie für den Klärungsprozess im Inneren muss das freimaurerische Wissen in der Bruderschaft verbessert werden. Wer nach dem „wohin“ der Freimaurerei fragt, muss über das „wie“ und das „woher“ der Freimaurerei gründlich Bescheid wissen.

Und ein letztes: Wir Freimaurer hätten uns – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – viel öfter an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie sich auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer „reflexiven Aufklärung“, auf die „Ethosproblematik“ (Stichwort „Weltethos“), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten (Stichwort „Einübungsethik) beziehen, oder mögen sie auf Reflexionen über Lebenskunst konzentriert sein, denn wenn Freimaurerei sich seit jeher als eine „Königliche Kunst“ verstand, so meinte sie damit doch vor allem die Kunst, das Leben recht zuführen. Also Mut zum Diskurs, zum hörbaren Wort. Es genügt nicht, die Stimmen anderer zu prämieren, dazu kommen müsste für uns Freimaurer, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein.

Insgesamt hat – davon bin ich vollkommen überzeugt – die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz zuweilen kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu diesem Zweck zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen:

Menschen
Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben.
Loge
Die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zum Werkraum für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen.
Konzeption
Unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von obskuren Mythen überlagert wird.
Wirken
Unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern als Gestaltungsfaktor der Gegenwart, als schlichte und unpathetische Wahrnehmung mitmenschlicher Pflichten zu erkennen ist.
Ritual
Unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld erlebt und verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder, schlimmer noch, mit obskuren Mythen verwechselt wird.

Eine erfolgreiche Freimaurerei lebt nun weitgehend von jenen Logen, die die zukunftsfähigen Strukturelemente der Freimaurerei überzeugend verkörpern, wo – salopp gesagt – das heute und morgen gesellschaftlich wirksame Angebot stimmt, wo es Freimaurer gibt, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte; wo die Loge als Logengruppe so attraktiv ist, dass der Suchende gern dazu gehören würde, und wo die Originalität der praktizierten freimaurerischen Konzepte den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, das passt in die Zeit und es vermittelt meinem Leben Sinn“.

Die Logen hier in Hamburg, darunter heute besonders hervorzuheben die Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“, deren eindrucksvollen Gang durch die Geschichte wir dieses schöne Jubiläumsfest verdanken, gehören zu den Bauhütten in Deutschland, die uns nicht zweifeln lassen am Wert ihrer Arbeit und an ihren Erfolgen. Und wir alle wünschen diesen Logen – und wiederum besonders der alten und zugleich jungen „Kaiserhofloge“ – um ihretwillen aber auch zum Besten der Freimaurerei in Deutschland viel Glück auf ihren weiteren Wegen.

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Erkenne und achte Dich selbst

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"Erkenne Dich selbst" ist beginnend mit der Aufnahme die vornehmliche Aufgabe eines Freimaurers. Für unseren Autor ist die "Psychologie der Selbstachtung" dabei ein wichtiges Element.

Von Br. Harald E. Meyer aus der Berliner Loge "Avantgarde"

Vor einiger Zeit bin ich einmal wieder auf den Begriff “Selbstachtung” aufmerksam geworden. In einem Artikel im “Tagesspiegel” wurde eine neuere Richtung der Psychologie angesprochen, die als “Psychologie der Selbstachtung” bezeichnet wird.

Viele Selbst-Wörter, gerade wenn sie das “Ich” betonen, haben ja einen negativen Beigeschmack: Selbstzufriedenheit, Selbstüberschätzung, Selbstverliebtheit, Selbstherrlichkeit – all diesem stehen wir skeptisch bis sehr kritisch gegenüber. Und wenn einmal eines dieser Selbst-Wörter positiv besetzt ist, wie z.B. die Selbstlosigkeit, dann legt es uns nahe, besser auf unser Selbst zu verzichten. Denn es ist eher angesagt, selbstkritisch zu sein als sich zu sehr zu mögen. Und die Psychologie der Selbstachtung sagt uns nun, dass wir mit Problemen des täglichen Lebens oder mit Krisen besser fertig werden, wenn wir positiv zu uns selber stehen.

Mein erster Gedanke war: Interessanter Begriff, interessantes Thema, könnte das etwas mit Freimaurerei zu tun haben? Mit der Arbeit an uns selbst und ihren Wirkungen? Und eine weitere Assoziation war die Behauptung von Br. Philip Militz, Freimaurerei sei das wohl erfolgreichste Persönlichkeitstraining der Weltgeschichte.

Wenn wir uns selbst achten sollen, müssen wir uns selbst kennen. Und die Aufforderung zur Selbsterkenntnis ist das Wichtigste, was uns allen in der Freimaurerei begegnet. Bei unserer Aufnahme hörten wir in der Mitte der dritten Reise nach einem überraschenden Hammerschlag aus dem Munde des Meisters: “ERKENNE DICH SELBST!”

Hier geht es nicht nur um die Stellung des Menschen im Weltgefüge und die Erkenntnis unserer Begrenztheiten. Nein, es handelt sich ganz konkret um die Aufforderung, mich selbst zu prüfen und die eigenen menschlichen Stärken und Schwächen anzuschauen. In unserem Ritualkontext ausgedrückt: nicht nur die Ecken und Kanten unseres Rauen Steines zu betrachten, sondern auch die Strukturen dieses Steines zu erkennen. Denn wenn wir im Anschluss mit der Bearbeitung dieses Rauen Steines – mit der Entwicklung unserer Persönlichkeit – beginnen, dann hilft es nicht, sinnlos drauflos zu hämmern. Sonst erzeugen wir ganz schnell Bruch. Unser Stein, unsere Persönlichkeit, will erst genau erkannt und gekannt sein, muss in seinen Strukturen beachtet und geachtet werden, damit bei der folgenden Bearbeitung kein Unglück, kein Bruch, geschieht. Außerdem wollen wir in den Logen die Einzigartigkeit jedes Bruders bewahren und sie nur weiterentwickeln, nicht brechen. Wir legen Wert auf bleibende Individualität, möchten im freimaurerischen Prozess keine gleichförmigen Backsteine erzeugen, sondern in der Tradition der Freestone Masons einzigartige Kunstwerke, die sich dennoch in den großen Bau der Humanität einfügen. Und die Stein-Künstler achteten schon seit jeher sorgsam auf die Struktur ihrer Steinblöcke, umrundeten sie zuerst aufmerksam und bekamen mit ihrer Erfahrung bald einen Eindruck davon, was für ein Kunstwerk in diesem rohen Stein verborgen war und eigentlich nur noch herausgearbeitet werden musste.

Ich spreche hier vom Achten auf Strukturen, von der Achtsamkeit der Stein-Künstler vor und bei der Arbeit. Und wenn es in der Freimaurerei um die Bearbeitung der eigenen Persönlichkeit geht, dann sprechen wir von Achtung auf uns selbst – und dies ist für mich der erste wesentliche Aspekt der Selbstachtung: Achtung auf mich selbst. In diesem Sinne heißt Selbstachtung, achtsam und vorsichtig mit mir selbst umzugehen. Hierfür kennen wir auch den Begriff der Nachhaltigkeit im Umgang mit uns.

Wir sollten uns nicht überschätzen und uns nicht auf Dauer zu viel zumuten. Bezogen auf die Zeit haben wir als Freimaurer das Symbol des 24-zölligen Maßstabs, mit dessen Hilfe wir unsere Zeit mit Weisheit einteilen sollen. Doch natürlich gilt diese Forderung nach weiser Einteilung auch für unsere anderen begrenzten Ressourcen: Unsere körperlichen und seelischen Kapazitäten sind begrenzt und brauchen Zeit zur Regeneration. Plötzliche starke Belastung kann zum Zusammenbruch führen, aber auch langsamer Raubbau macht sich auf Dauer in Erschöpfung bemerkbar. Nicht nachhaltig.

Doch machen wir uns nichts vor: Auch das Gegenteil, die dauerhafte Unterforderung, tut uns nicht gut. Wir wissen, dass Menschen in ihrer geistigen und körperlichen Kondition abbauen, wenn sie sich gehen lassen und nicht aktiv sind. Dies ist wohl das Problem vieler Berufstätiger in ihrem Ruhestand, wenn sie nicht rechtzeitig für erfüllende und anregende weitere Beschäftigung gesorgt haben. Nicht nachhaltig.

Vielleicht könnten wir die Schlussworte des Meisters am Ende der Arbeit, wenn er uns auffordert: “Seid wachsam auf Euch selbst!”, auch einmal unter dem Gesichtspunkt bedenken, achtsam mit uns selber umzugehen.

Der zweite Aspekt der Selbstachtung, den ich ansprechen möchte, ist die Achtung vor mir selbst, der Respekt und die (wohlwollende) Wertschätzung der eigenen Person. Dies ist wohl die übliche Vorstellung, wenn wir an den Begriff “Selbstachtung” denken. Und diese Interpretation liegt auch der Psychologie der Selbstachtung zugrunde. Wenn wir positiv zu uns stehen, werden wir nicht nur mit all den kleinen und größeren alltäglichen Problemen besser fertig, als wenn wir uns immer kritisch sehen und eigentlich nichts zutrauen. Das hat viel mit Zuversicht und positivem Denken zu tun. Das strahlt aus – nach innen wie auch nach außen. Wir alle kennen den Spruch: “Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.”. Wer bei jeder neuen Aufgabe zuerst denkt: “Das schaffe ich wohl nicht!”, konzentriert sich automatisch auf die Hindernisse und Schwierigkeiten, sieht jede Aufgabe als Problem und braucht doppelte Kraft, sich dennoch zu motivieren und Lösungen zu suchen. Wer dagegen positiv zu sich selber und seinen Fähigkeiten und Ressourcen steht und eine neue Aufgabe vor allem als Chance begreift, konzentriert sich viel leichter auf Lösungen und ist deshalb auch erfolgreicher. Und nebenbei: sowohl kreativer als auch zufriedener.

Doch nur positiv zu sich selber zu stehen, reicht nicht ganz. Diese Wertschätzung des Selbst muss schon hinterlegt sein mit Werten von uns, damit sie nicht ins Leere läuft. Die Maurerei im Allgemeinen und unser Ritual im Besonderen geben uns ja ausreichend Anlässe, über Werte nachzudenken und Tugenden einzuüben, im Tempel eher theoretisch, aber gedacht ganz praktisch für unser normales profanes Leben. Und wer sich “gut”, d.h. moralisch verhält in seinen täglichen Situationen der Entscheidung und des Umgangs mit anderen Menschen, der kann auch beruhigt “in den Spiegel schauen”. Er hat Grund, sich zu achten und wertzuschätzen, er kann mit sich im Reinen sein.

Ist es nicht dies, was Freimaurerei erstrebt, wenn sie sich als Aufgabe stellt, gute Männer besser zu machen (“to make good men better”)?

“Gut” heißt hier: Ein Bewusstsein für menschliche Werte zu haben und den Wunsch, im Kreise ähnlich denkender Menschen sich weiterentwickeln zu wollen. Wir sagen hierzu: Suchender zu sein. “Besser” heißt hier: An sich zu arbeiten und dabei hohe, aber nicht unrealistische Ziele zu verfolgen. Wir sind alle fehlbar, nicht jede Arbeit gelingt uns und wir wissen auch, dass ideale Werte nur näherungsweise erreichbar sind. Doch ich schätze sehr den Ausspruch: “Wir können die Sterne nicht erreichen. Doch wer sich nach ihnen ausrichtet, kann nicht gleichzeitig mit den Händen im Dreck wühlen.”

Wir haben in unseren Tempeln das Buch des Heiligen Gesetzes als Symbol für alle Regeln, nach denen wir uns ausrichten. Gleichzeitig kennen wir viele Symbole aus der Werkmaurerei, die uns in konkreteren Situationen Anleitung für unser Handeln geben können und sollen. Wenn wir auf diese Symbole achten, handeln wir ehrenhaft und haben allen Grund zu Selbstachtung. Und das Schöne ist: Wer sich selbst achtet, ist sich seiner selbst sicher und kann auch sein Gegenüber, seinen Gesprächs- oder Geschäftspartner, achten, respektieren und wertschätzen, auch bei unterschiedlichen Interessen und Meinungen.

Das bisher Gesagte gilt ebenso für unsere Loge Avantgarde. Wir setzen uns ehrgeizige Ziele, wir arbeiten an uns, nicht nur persönlich als Brüder, sondern auch als Loge Avantgarde, an unseren Bruderabenden und mit dem Ritual – und auch hier gilt das Gebot, sich nicht zu überfordern, aber auch nicht zu unterfordern. Das durch unsere aktive Arbeit entstehende Selbstbewusstsein, unsere Selbstachtung, strahlt dann aus jeder unserer Arbeiten und Bruderabende sowie aus uns Brüdern aus und verstärkt in der Folge wiederum unsere Reihen. Mit dieser durch eigene Arbeit begründeten Selbstachtung können wir als Vertreter unserer Loge überzeugt sprechen.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Chemnitzer Brüder verdienen Solidarität

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz

Foto: ArTo / Adobe Stock

"Gemeinsam gegen Menschenverachtung, Intoleranz und Hass": Die Brüder der Freimaurerloge "Zur Harmonie" i. O. Chemnitz nehmen mit deutlichen Worten Stellung zu den Geschehnissen in ihrer Stadt.

Von Br. S.L., Redner der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade"

In ihrer Erklärung betrauern sie den Chemnitzer, der bei einer Auseinandersetzung auf dem Stadtfest sein Leben verloren hat, verwahren sich aber dagegen, dass sein schrecklicher Tod für Hasskampagnen missbraucht wird.

Die Erklärung der Chemnitzer Brüder macht deutlich, dass die Werte der Freimaurerei gerade jetzt orientierende Kraft entfalten können und dass es angesichts der krawallartigen Szenen, die sich in Chemnitz und zuletzt auch in Köthen zugetragen haben, wieder Mut erfordert, sich zu ihnen zu bekennen. Denn der Aufruf zu Toleranz und Mäßigung bedeutet, sich denen in den Weg zu stellen, die noch aufzuklärende Todesfälle zum Anlass nehmen, um zum Hass aufzurufen, Menschen auf offener Straße zu bedrängen und, wie in Köthen geschehen, in Sprechchören nach einem neuen Nationalsozialismus zu rufen.

Das freimaurerische Bekenntnis zur Humanität mag noch vor wenigen Jahren für manche Beobachter nach bequemer Allgemeinheit geklungen haben. Jetzt erweist es sich als dringlich. Die Chemnitzer Brüder verdienen allen Respekt und jede brüderliche Unterstützung dafür, dass sie sich in diesen Tagen so klar positionieren.

Dabei kann es nicht um parteipolitische Statements gehen, kann das Für und Wider der Migrations- und Flüchtlingspolitik nicht im Mittelpunkt stehen. Freimaurern geht es um das von Respekt, Toleranz und gegenseitiger Hilfe geprägte Zusammenleben der Menschen. Sie fassen dieses Ziel im Symbol des Tempelbaus der Humanität zusammen. Freimaurer leben in ihren Logen vor, wie Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen, Bekenntnisse und Herkünfte respektvoll miteinander umgehen und sich in gemeinsamer Arbeit für eine bessere Zukunft vereinigen können. Die so mit Leben erfüllte Bauhütte ist der Aufriss für eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der Hass, Angst, Intoleranz und Gewalt keinen Platz haben. 

In diesem Sinn sollten gerade Brüder Freimaurer aktiv für Freiheit, Respekt und Gewaltlosigkeit eintreten und sich dabei gegenseitig ermutigen und unterstützen. Dieses Signal der Unterstützung gilt aktuell den Chemnitzer Brüdern – und weiter all jenen Freimaurern, die sich gerade dort für Menschenliebe engagieren, wo Hassparolen gegrölt werden. Das gesellschaftspolitische Klima wird in unserem Land mehr und mehr von hässlichen Kontroversen geprägt, mit denen am Ende niemandem geholfen ist. Das Engagement gegen gesellschaftliche Spaltung ist gefragt. Wir Brüder Freimaurer haben darin unsere derzeit dringlichste Aufgabe.

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Die erste Stunde

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Der Autor beschäftigt sich in mehreren Zusammenhängen mit "der ersten Stunde" und mahnt wie einer der Logengründer nach der "dunklen Zeit" des Unrechts, die Erkenntnisse der Freimaurerei zu nutzen statt sie zu verspielen.

Von Br. Bernd Soyke aus der Loge “Zur königlichen Eiche” in Hameln

Wer kann sich kann sich an seinen ersten Lebensmoment erinnern? An den ersten Augenblick unseres Lebens, das erste Licht und unseren allerersten Atemzug können wir uns nicht entsinnen. Die schützende Hand der Eltern, den warmen ruhigen Atem der Mutter und die Freude um uns herum haben wir vielleicht gespürt, sie hat uns möglicherweise auch geprägt, aber eine aktive Erinnerung an unseren ersten Schritt ins Leben haben wir nicht.

An die erste Stunde einer Aufnahme zum Freimaurer wohl aber schon. Und diese Erinnerung wird jedes Mal aufs Neue geweckt, wenn ein Suchender hereingeführt und dem in diesem Raum, der für uns eine ganz besondere Bedeutung hat, ebenfalls das Licht gegeben wird. Und mit dieser Initiation ein neuer Bruder in unserem Bunde seine Aufnahme erlangt.

Doch auch wenn mancher von uns diesen Augenblick mit einer „zweiten Geburt“ vergleicht, ist doch so vieles verschieden. Gleich wie unser junger Bruder, der eben aufgenommen wurde, haben auch wir voller Hoffnung und Erwartungen auf jenem Stuhl Platz genommen, der dem Jüngsten unter uns vorbehalten ist. Und zwar vollkommen bewusst über unser Tun, die konsequente Umsetzung einer reiflich überlegten Entscheidung. Ich denke, uns war in diesem Moment klar, daß diese Stunde unser Leben ändern wird.

Überwältigt von vielen Eindrücken, deren tieferer Sinn sich uns erst zu einem späteren Zeitpunkt erschließt, haben wir uns – bewußt oder unbewußt – manche Fragen gestellt. Werden meine Erwartungen und Wünsche erfüllt, was wird von mir erwartet, kann ich dem allem gerecht werden? Und auch in den Kolonnen stellt mancher Bruder sich ähnlichen Fragen: Wurden meine Erwartungen erfüllt, konnte ich den Anforderungen meiner Brüder gerecht werden, was bleibt zu tun?

Nun, im Laufe unserer freimaurerischen Entwicklung lernen wir vor allem Eines: uns selbst zu erkennen! Diese recht einfache Aufgabenstellung, doch oft diese so schwer zu erlangende Erkenntnis, kann durch brüderliche Hilfe unterstützt werden. Oftmals stellen wir fest, daß diese Selbsterkenntnis eine recht widerspenstige Persönlichkeit besitzt, sie wandelt sich und versteckt sich gerne in den Wirren des Alltags. Wir können aber das Licht nutzen, welches uns an einem Tag wie dem heutigen gegeben wurde und, Diogenes gleich, den Menschen in uns suchen. Selbsterkenntnis setzt die Achtung vor sich selbst voraus, ich muß mit mir im Reinen sein, um das Licht nutzen zu können. Und wenn ich dann bei mir einkehren kann, meinen Tempel in mir aufsuche, dann habe ich die Kraft, die Aufgabe anzugehen.

Vielleicht hatten die Brüder, welche im Jahr 1778 in Hameln die Loge „Zur Eiche“ gründeten ähnliche Absichten. Eventuell aber waren es ganz andere Beweggründe, welche die Brüder Avenarius, Brauns und Andere dazu bewogen haben, nun auch in Hameln eine Freimaurerloge zu gründen. Es war jene Zeit der Aufklärung, in welcher die Freimaurerei ihre erste große Entwicklung nahm. Vieles, was wir heute als selbstverständlich annehmen war damals noch völlig im Ungewissen. Neben den Aufklärern tat sich mancher Scharlatan hervor und so wurde kurz nach der Lichteinbringung in unserer Bauhütte ein Kongreß in Wilhelmsbad einberufen, welcher der Freimaurerei ihre Würde zurückgab.

Zweimal noch mußte das Licht in die Hamelner Loge wieder eingebracht werden, weil die politischen Umstände ein zeitweises Ruhen der Arbeiten erforderlich machen. Zu Beginn des Jahres 1946, also gleichsam in der „Stunde Null“ Deutschlands, kamen die Hamelner Brüder wieder zusammen und erlebten hier ihre „erste Stunde“ der Freimaurerei nach all dem Grauen. Und da legte Bruder Wilhelm Fischdick seine Zeichnung auf, welche glücklicherweise erhalten geblieben ist. Dieser als „Bußzeichnung“ uns vorgehaltene Spiegel beeindruckt noch heute durch die Kraft der Worte und Tiefe des Sinns. Vor allem aber durch die in weiten Teilen durchaus aktuelle Mahnung an die Brüder, sich stets dem tieferen Sinn von Ritual und der Arbeit an uns selbst zu vergewissern.

Wir leben in guten Zeiten. Und gute Zeiten machen sorglos und träge.

Heute stehen wir als Bauhütte wieder „in vollem Saft“, die Loge arbeitet im besten Sinne, unser Haus steht gut bestellt da und bietet den Brüdern eine komfortable Heimstatt für unsere Zusammenkünfte. Jedoch möchte ich gerade deshalb Bruder Fischdick zitieren: „Was haben wir noch aus eigener Anschauung gewusst von der Gegnerschaft alter Zeiten, so daß man zu geheimer Stunde um Hochmitternacht, auf der Flucht vor der Sonne des Tages, in den Bauhütten zusammenkommmen mußte, zu einer Gemeinsamkeit, die gerade darum aus Verschwiegenheit ihren festen Bestand schöpfte?“

Wir leben in guten Zeiten. Und gute Zeiten machen sorglos und träge. Die Geschichte unserer eigenen Loge sei uns hierbei Lehre und Richtschnur. Ich wünsche mir, daß auch die nachfolgenden Generationen unser Arbeiten als würdig achten. Dazu gehört auch, daß wir unsere Wünsche und Träume beizeiten – also zu Lebzeiten – umsetzen.

„Die with memories, not with dreams“ sagt man in England. “Sterbe mit Erinnerungen, nicht mit Träumen” heißt auch, daß es unsere Taten sind, die zählen. Selbst ein noch so gut gefaßter Vorsatz bleibt ein Traum, wenn wir es unterlassen, ihn zu realisieren. Arbeiten wir daran – in uns, mit unseren Brüdern – und besser heute noch als morgen!

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