Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

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Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Institutionelle und kulturelle Voraussetzungen der „offenen“ Gesellschaft – die Sicht eines Freimaurers

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Wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Vortrag für das 8. Freimaurer-Kolloquium der Loge "In Treue fest" in München
Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

Poppers Vermächtnis

„Der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft“ – so hieß es im Grußwort des Projektleiters zum 5. Münchener Freimaurer-Kolloquium im Januar 2012. Dem stimme ich zu, und ich bekenne, dass es in meiner langen Freimaurerzeit vor allem diese Schnittstelle gewesen ist, die mich immer wieder interessiert hat. Und ich vermute auch, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Denn wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Das vor allem von Karl Raimund Popper, dem zuletzt in London lehrenden Philosophen, entwickelte Konzept der Offenen Gesellschaft ist das Konzept eines demokratischen Pluralismus. Entwickelt in den frühen 1940er Jahren, in der Zeit militanter Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus, richtet sich Poppers Konzept ausdrücklich gegen alle totalitären Versuchungen und gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem großen gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit, Schutz der Minderheit vor allem im Sinne der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden und die Regierung zu übernehmen. Offen sind gesellschaftliche Verhältnisse nur dann, wenn Minderheiten auf demokratischer Basis politisch und kulturell angemessen Ausdruck finden können. Kulturell sind für die Idee der Offenen Gesellschaft Meinungsfreiheit, Dissens und Konflikt von grundsätzlicher Bedeutung. „Wahrheit“ als letzte Instanz des politischen Argumentierens ist nur denkbar bis zum Beweis des Gegenteils. Wahrheit muss offen für einen solchen Beweis sein, für die Chance ihrer Widerlegung, Hypothesen müssen falsifizierbar bleiben und Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiösen Stellungnahmen und religiöser Kritik an Politik und Zivilgesellschaft ein besonderes Gewicht zukommen dürfte. Alle Diskursteilnehmer in der öffentlichen Arena haben vielmehr den gleichen Rang, und im Diskurs gilt das vernünftige Argument.

Für mich als Freimaurer ist es selbstverständlich, Anhänger des Konzepts der Offenen Gesellschaft zu sein, und ich halte es für unverzichtbar, über ihre institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nachzudenken, und zwar laut nachzudenken. Denn wenn es so etwas gibt wie eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei, so ist es die der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Grundlagen und Praxis der Offenen Gesellschaft. Dieser Diskurs muss innerhalb der Freimaurerei geführt werden, aber auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Gesellschaft außerhalb des Freimaurerbundes. Die Freimaurer der Gegenwart sollten den Mut haben, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus. Freimaurerei im heutigen Selbstverständnis bedeutet Teil der Zivilgesellschaft zu sein und sich auch in der sozialen Praxis als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren, wobei ihr nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anwältin gesellschaftlicher Gesprächsfähigkeit zufällt.

Politik ist heutzutage verbal unter Beschuss geraten. Dabei geht es oft ebenso heftig wie ungerecht zu, und insbesondere auf der Anklagebank der sozialen Medien wird kaum Pardon gegeben. Jeder weiß die Antwort, kaum einer jedoch kennt noch die Frage. Der Freimaurer aber sollte vor allem lernen, auf sensible Weise Fragen zu stellen, und so möchte ich mich zunächst dafür interessieren, was eigentlich die Voraussetzungen einer gelingenden Politik sind.

Voraussetzungen gelingender Politik

Einerlei, ob es um innerstaatliche Entwicklungen geht, um den Fortschritt der Integration, um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Offenen Gesellschaft, um internationale Beziehungen oder um die Gestaltung des künftigen Europas: stets hat das Gelingen von Politik mindestens vier unverzichtbare Voraussetzungen:

Erstens muss ein möglichst widerspruchsfreier institutioneller Rahmen vorhanden sein, der aus verbindlichen Normen, aus Gesetzen von der Verfassung bis hin zu einzelnen Rechtsregeln und Vorschriften besteht. Ohne einen solchen Rahmen lassen sich politische Abläufe im Inneren wie in der internationalen Politik nicht zufriedenstellend regeln.

Innerhalb dieses Rahmens müssen zweitens klare, konsistente und ausreichend akzeptierte Konzeptionen für das Handeln der politischen Akteure vorhanden sein. Ohne fundierte Konzeptionen sind zieladäquate, effektive und zugleich effiziente Maßnahmen der Politik auf all ihren Feldern nicht zu gewährleisten.

Drittens muss es in allen Bereichen des politischen Nachdenkens, Entscheidens und Handelns leistungsfähige Akteure geben, Politiker, die mit „Leidenschaft und Augenmaß“ – so Max Weber – politische Konzepte im Rahmen der gegebenen Institutionen professionell und wirkungsvoll umzusetzen verstehen.

Viertens schließlich gelingt Politik nur auf der Basis von kulturellen Faktoren, zu denen in erster Linie Vertrauen, Motivationen, Überzeugungen und Wertvorstellungen gehören. Menschen müssen nicht nur wissen, was sie tun und in welchem Ordnungsgefüge sie handeln, sie müssen auch wissen, warum sie handeln, und vor allem müssen sie über innere Maßstäbe verfügen, die sie verpflichten, ethisch verantwortlich tätig zu sein.

Immer deutlicher wird, dass die Probleme der Offenen Gesellschaft nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Sie lassen vielmehr nach der Beschaffenheit der in einem Lande lebendigen Bürgerkultur fragen, und das heißt vor allem nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft, und zwar nicht im Sinne von Wertrethorik und schön formulierten, aber weitgehend unverbindlichen Wertkatalogen, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Die Kultur eines „neuen Wir“

Je mehr die westlichen Gesellschaften durch Zuwanderung multikulturell werden, desto mehr muss sich durch die Vielfalt der Kulturen hindurch eine übergreifende Kultur der Über-einstimmung entwickeln, die Kultur eines „neuen Wir“, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und der alten Bürger wird. Dabei darf es sich nicht um die Kultur eines antiquierten, völkisch geprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus handeln. Als Grundlage von Demokratie und Offener Gesellschaft zu erhoffen ist vielmehr die Entwicklung der Kultur eines demokratischen Verfassungspatriotismus, die keine deutsche, die eine europäische Leitkultur ist und in den Traditionen der Aufklärung wurzelt.2

Eine solche Gemeinschaftskultur könnte die entstehende vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten, sie könnte – um ein Wort von Bundespräsident Steinmeier aufzunehmen – zum „Kitt werden, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält“, zusammenhält, ohne irgendeine der zahlreichen ethnischen und religiösen Identitäten zu missachten, die zu unserer Gesellschaft heutzutage gehören. Diese Identitäten sind ja nicht nur die Identitäten der einwandernden Bevölkerung. Jede soziale Gruppe der Offenen Gesellschaft hat ihre eigene Identität, die auf einer jeweils spezifischen Kultur beruht und das Recht hat, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Die Kulturen dieser Gruppierungen sind im Prinzip durchaus mit einander zu vereinbaren, und jede Gruppe wie auch jeder einzelne Mensch kann Träger vieler Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. In uns allen sind sehr verschiedene kulturelle Schichten miteinander vereint. Was diesen Pluralismus sozial und politisch aushaltbar macht ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen, frei und demokratisch zugehen soll in dieser Gesellschaft.

Allerdings: Wie jede Kultur kann eine solche Grundeinstellung der Gemeinsamkeit vom Staat nicht verordnet werden. Es muss und kann aber in allen Bereichen der Zivilgesellschaft durch wohlüberlegte und koordinierte Bemühungen unablässig darauf hingewirkt werden, dass sich eine solche gemeinwohlorientierte Grundeinstellung entwickelt. Versagen wir dabei, so droht unsere Einwanderungsgesellschaft in einer Dauerkrise zu versinken.

Wie aber könnte eine neue verbindende Gemeinschaftskultur, eine Kultur des neuen Wir geschaffen werden? Es ist mittlerweile klar geworden, dass das handlungsprägende Bewusst-machen dessen, was uns in einer „bunten“ Gesellschaft miteinander verbindet, kaum durch Predigten oder Verordnungen gelingen kann. Die gesellschaftliche Praxis, die reale Teilhabe aller an den Möglichkeiten, in der Gesellschaft präsent zu sein, ist die Grundvoraussetzung: Das Einräumen von Bildungschancen, das Vorhandensein von Wohnraum ohne Gettoisierung, das Angebot von Arbeitsplätzen gehören dazu. Menschen, die täglich zusammenarbeiten, die sich in Bildungseinrichtungen, Verkehrsmitteln und sozialen Institutionen treffen und sich beim Einkaufen begegnen, brauchen keine Theorien, um einander näher zu kommen. Die Herausbildung einer solchermaßen verbindenden Alltagspraxis der Menschen gleich welcher Herkunft in den zunehmend gemischten Lebenswelten unserer Gesellschaft ist nicht nur wünschenswert und möglich, sie ist auch unverzichtbar, wenn den erkennbaren Ansätzen zur Verfestigung von Parallelgesellschaften mit dem Potential sozialer Spaltungen entgegengewirkt werden soll. Und wenn die Medien bei all dem eine flankierende Rolle spielen, dann sind die Menschen – seien sie Altbürger, seien sie Neubürger – auch weniger empfänglich für die Hetztiraden der Fremdenfeinde von rechts außen.

Ich folge Thomas Meyer darin, dass in der deutschen Zivilgesellschaft ein Schub für das „neue Wir“ erfolgen sollte, vergleichbar vielleicht in Zahl und Leidenschaft der „Willkommenskultur“ des Jahres 2015. Das damalige Engagement müsste nun in der Phase der „eigentlichen“ Integration in eine Vielzahl beständiger Gemeinschaftserfahrungen zwischen Migranten und Eingesessenen in Lebenswelt und Zivilgesellschaft verwandelt werden. Nur so kann das Notwendige erreicht werden: Aus den vielen Teilen unserer vielfältiger werdenden Gesellschaft sowohl im sozialen Bewusstsein als auch in der gesellschaftlichen Praxis zu einer Einheit zu finden, die den Grunderfordernissen einer demokratischen Ordnung entspricht.

Eine solche soziale Basiskultur, wie ich sie einmal nennen möchte, verträgt sich durchaus mit dem Prinzip der Offenen Gesellschaft, denn sie greift nicht in die privaten Bereiche der Bürger ein. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interaktionskultur, die Verständigung und Zusammenleben der Menschen über die Differenzen von Gruppenkulturen hinweg ermöglicht.

Integration auf der Basis einer Kultur der Gemeinsamkeit gelingt freilich nicht von heute auf morgen. Sie hat einen langfristigen Charakter. Aber wir sind inzwischen weiter damit vorangekommen, als die Zerrbilder der völkischen Rechten uns glauben lassen wollen, und es wäre ein Fehler, den Fortschritt der Integration und die mehr und mehr etablierte Steuerungs-funktion von kulturellen Prägungen und Wertefeldern allein an der nun wirklich beklagenswerten Ausländerkriminalität zu messen. In der Tat: Integration ist ein mühsamer, manchmal auch schmerzhafter und widersprüchlicher Prozess. Deshalb ist es jetzt auch erforderlich, eine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik mit einer zügigen Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verbinden. Dass jede Abschiebepolitik fester, grundgesetzkonformer Rechtsregeln bedarf, versteht sich für die Offene Gesellschaft von selbst.

Offene Gesellschaft und Humanistische Freimaurerei

Wenn nun wir Freimaurer uns dem Problem der Offenen Gesellschaft zuwenden und uns fragen, was zu unserer heutigen masonischen Leitkultur gehört und welche „öffentlichen“ Beiträge wir zu leisten in der Lage sind, so müssen wir zunächst einräumen, dass die freimaurerische Werteerzählung für die Gegenwart zuvor einer neuen Struktur bedarf, dass sie nicht so sehr im Allgemeinen verbleiben darf und dass sie sich vor allem auf Wertepraxis zu konzentrieren hat, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein säkularer, ein weltlicher Humanismus.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Erde sowie eine nachhaltige und gerechte Nutzung ihrer Ressourcen ist Basis jeder ethisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem, sozialem und internationalem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.

6. Die Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.

7. Schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Die genannten sieben Postulate bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Damit nun die Werte eines gleichermaßen auf Herkunft wie auf Zukunft bezogenen Humanismus im Bewusstsein der Menschen heutzutage präsent sind, damit sie in der Praxis etwas wert sind, müssen sie vermittelt werden – in der Freimaurerei wie in der Gesellschaft, deren Teil der Freimaurerbund ist. Hierzu bedarf es eines individuellen und gemeinsamen Nachdenkens und Handelns.

Zunächst: Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten uns angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und vor allem auch vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren1 ganz klar darüber sein, wie bedrohlich es für Individuum und Gesellschaft ist, wenn Vernunft, Augenmaß und Werte in den Hintergrund rücken und das mörderische Potenzial von völkischen Vorurteilen und aggressiven Ressentiments gegen Ausländer an ihre Stelle tritt. Deshalb bedarf es zur Sicherung humaner Lebenswelten auch nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, einer Zivilgesellschaft, die die Menschen – einzeln und ihren verschiedenen Gruppen – kooperativ zusammenbindet.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Was sind sie in der politisch-gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit wert?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?

Nützlich sind Werte für die Gesellschaft gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern durchaus anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Hierzu fünf abschließende Überlegungen:

Arbeitsfelder der Offenen Gesellschaft – Freimaurer in der Zivilgesellschaft

Erstens: Neuorientierungen in der Politik und kultureller Wandel erfordern Zeit. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm. Die notwendige Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Wertorientierungen, es geht auch um eine im konkreten politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Harald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Denn eines der wirklich dramatischen Gegenwartsprobleme lautet doch zweifellos: Was sind Fakten in der heutigen Mediengesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Bewusstsein nicht längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesellschaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alternative Fakten“ (sprich Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, wenn wir die Offene Gesellschaft entwickeln und sichern wollen, dann brauchen wir genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all dieser Probleme und eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen sowie der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Harald Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, welcher informiert, sondern derjenige, der informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, ein kritikloses Für-wahr-Halten von Informationen ist ebenso schädlich für die Gesellschaft wie die Praxis, Wahrheit zu manipulieren. Und so bleibt das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer unserer Tage, zumal es Bestätigung findet in der skeptischen Einstellung Karls Raimund Poppers, des Anwalts der Offenen Gesellschaft.

Drittens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen“.

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen wollte – lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen – Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen. Selbstverständlich gehören muslimische Mitbürger heute zu Deutschland und zu Europa, doch das bedeutet auch, dass sich der Islam – wie alle Religionen – in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat und dass er sich dazu bereitfinden muss, dieses Regelspiel als Grundlage auch der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Praxis zustimmend und aktiv mitzugestalten. Dazu sollten sich muslimische Organisationen auch auf der Grundlage der Willensbildung ihrer Mitglieder in Deutschland entwickeln und sich nicht von außen, beispielsweise von religiösen Institutionen in der Türkei, bestimmen lassen.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeutet. Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche der Gesellschaft. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger – die Altbürger wie die Neubürger – in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien gleichsam vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Viertens ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt.

Fünftens und nicht zuletzt und auf die Freimaurer bezogen: Die Freimaurer hätten sich als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, diejenigen, die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen und auch die dazu gehörende demokratisch-zivile Verhaltenskultur, das offene und friedliche Miteinander in der Gesellschaft, und zwar nicht nur durch Erklärungen und Unterschriften unter Asylanträge, sondern auch und vor allem im Verhalten und im Handeln. Doch auch hier, so meine ich, sind wir in vielerlei Hinsicht weiter als uns die völkische Rechte in Deutschland glauben machen will. Ich erlebe immer wieder Empathie, Freundlichkeit und Zuwendung seitens unserer zugewanderten Neubürger. Auch hier gilt es, sich von der Dominanz dumpfer Parolen zu verabschieden und einzusehen, dass anhaltende Vorurteile weder taugliche Diskurselemente noch gar Grund-lagen für ein problemorientiertes Handeln sind.

Gebäudeschutz für den Tempel der Humanität

Schlusswort: Wir Freimaurer wollen Bauleute sein, Bauleute einer besseren Welt. Doch dazu müssen wir in einem neuen, engagierten Sinne wieder operativ werden, gewiss nicht ohne vorher gründlich nachzudenken, aber doch in der Erkenntnis, dass für den Fortschritt des sozialen Ganzen allein die Praxis zählt. Wie sagte doch Erich Kästner so präzise und unpathetisch knapp: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Gewiss: Freimaurerei ist keine politische Institution oder gar Bewegung. Sie ist eine Gemeinschaft, in der Menschen nach Grundlagen suchen können für Sinn in ihrem eigenen Leben und für ihr Zusammenleben mit anderen Menschen. Doch wenn die Freimaurer den Bau am Tempel der Humanität zum Grundsymbol für die Ausrichtung ihrer Arbeit gewählt haben, so müssen sie bereit sein, darauf hinzuwirken, dass unsere Gesellschaft sich als eine offene und humane Gesellschaft entwickeln kann, dass die Welt als Lebensraum erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen und dass der Tempel der Humanität nicht durch unsere eigene Schuld vorzeitig zur Ruine wird.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Steht auf, meine Brüder, und wehrt Euch !

(Bild: suju / pixabay)

"Freimaurer, Juden und Jesuiten haben sich gemeinsam verschworen gegen das national gesonnene Deutschtum. Die Freimaurer richten die Menschen ab zum künstlichen Juden." So sahen das Ludendorff und andere insbesondere in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Vortrag von Wolf Thiel bei einer Gemeinschaftsarbeit der Karlsruher Logen im Dezember 2018

Freimaurerei wurde als Ausfluss einer volklosen Weltanschauung verunglimpft (Alfred Rosenberg, Freimaurerische Weltpolitik im Lichte der kritischen Forschung, S. 4, zit. nach Franziska Böhl Freimaurerei und Diktatur. S. 86). Nein, so weit sind wir noch nicht. Aber: Wenn ich „volklos“ mit „heimatlos“ gleichsetze, gäbe es da Widerspruch bei Pegida-Demonstrationen? Es gibt schon wieder die Aufkleber mit den rot durchgestrichenen freimaurerischen Symbolen. Ähnlich wie „Atomkraft, nein danke!“ bedeutet es dann „Freimaurer, nein danke!“. Wenn dies vor dem Logenhaus an Laternenmasten klebt, hat das schon etwas Bedrohliches

Frage: Würden Sie mit einer Mütze mit erkennbaren Freimaurersymbolen an einer Pegida-Demonstration teilnehmen? Genauso wenig, wie Sie als Jude mit Kippa dorthin gingen! Pegida steht als pars pro toto. Ich könnte auch Chemnitz sagen, oder Kandel, oder …? Ist das nicht schlimm? Wir leben im 21. Jahrhundert! Das sollte schon ein Grund sein, über die Rolle nachzudenken, die die Freimaurerei in unserer heutigen Gesellschaft spielt oder spielen sollte.

Wir – damit meine ich jedenfalls die blaue Freimaurerei – leiten uns ab von den Gedanken der Aufklärung. Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung. Aufklärung bedeutet Glaube an die Kraft der Vernunft, an ihre Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien (Dorinda Outram, The Enlightenment, Cambridge University Press).

Unsere Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität kommen aus dieser Tradition. Es muss uns gelingen, diesen Wertekanon heute – und nicht in einer Rückschau auf zweifellos bedeutende freimaurerische Gepflogenheiten oder auch Persönlichkeiten – überzeugend zu leben. Nur so können wir den Beweis erbringen, dass wir auf dem richtigen Weg zum „Tempelbau der Humanität“ sind. Nur so können wir uns überzeugend in die heutige Gesellschaft einbringen (Peter Stumpe, Für die Zukunft einer aufgeklärten, humanitären Freimaurerei, Homepage der Großloge AFuAM, Zugriff 23.06.2015).

Hierzu gehört im Übrigen auch, dass wir auf Esoterik und Okkultismus oder auch mittelalterliche sakrale Magie verzichten. Damit ist natürlich nicht unsere freimaurerische Symbolsprache gemeint; sie hat mit Esoterik und Okkultismus nichts gemein. Esoterik und Okkultismus wollen über Unbekanntes und Verborgenes Aussagen machen, die unbewiesen, unwissenschaftlich und irreführend sind. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich, dass solche Aussagen auch falsch sind. Solche Paraphänomene stehen in fundamentalem Widerspruch zur Methode der heutigen Wissenschaft. Sie haben in der emanzipierten Freimaurerei des 21. Jahrhunderts keinen Platz. Dem Philosophen und elsässischem Schriftsteller Otto Flake ist zuzustimmen, wenn er sagt: „will man die Welt begrifflich bewältigen, so müssen die Begriffe der Wirklichkeit entnommen werden; das heißt, sie müssen dem Forschen, der kritischen Untersuchung standhalten.“ (Peter Stumpe a.a.O.)

Zurück zum Thema: Man könnte meinen, die Grundwerte unseres Bundes sind heute Allgemeingut. Kaum jemand wird sich als unmenschlich, intolerant oder freiheitsfeindlich bezeichnen. Die gelebte Realität sieht leider anders aus. Unsere Werte werden in einem erschreckenden Maß mit Füßen getreten. Betrachten wir die gesellschaftliche Entwicklung auch in anderen Ländern wie z.B. der Türkei, Ungarn, Polen, Brasilien oder auch den USA – die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern –, dann sehen wir Menschen an der Macht, die sich keiner unserer Tugenden verschrieben haben. Erschreckenderweise stellen wir jedoch auch fest, dass diese Menschen in vielen Fällen nicht durch Gewalt an die Macht gekommen sind. Sie wurden von Menschen gewählt, denen offensichtlich Werte wie Freiheit, Toleranz, Gleichheit, Brüderlichkeit und Humanität nicht wichtig sind. Nicht akzeptieren kann ich das Argument, man habe ja nicht die Intoleranz gewählt, sondern nur seinem Protest Ausdruck verleihen wollen. Wer mit den Wölfen heult, muss sich auch als Wolf behandeln lassen!

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung könnte der Eindruck entstehen, die Freimaurerei sei eine Art Antithese zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Ist sie ein Relikt der alten Zeiten einer im Prinzip bürgerlichen Gesellschaft, ein Anachronismus alter Männer? Die Frage tut weh! Es genügt jedoch nicht, große Reden von hehren Idealen zu schwingen oder sich nur über bedeutende Freimaurer in vergangenen Jahrhunderten auszulassen. Wir müssen da schon konkreter werden. Was können, sollen oder müssen wir tun?

Der Großredner unserer Großloge hat anlässlich des Großlogentages 2016 in Darmstadt eine Zeichnung aufgelegt mit dem Titel „Müssen wir schweigen oder müssen wir handeln?“. Das genau ist die Frage, die uns alle heute umtreiben muss.

Beginnen wir mit der ersten Alternative: „Müssen wir schweigen?“ Das Wort „müssen“ implementiert, es sei unsere freimaurerische Pflicht zu schweigen. Woraus sollte sich das ergeben? Nein, wir schauen nicht in die Alten Pflichten. Sie sind in diesen Fragen zu sehr von der damaligen innenpolitischen Situation in England geprägt. Schauen wir zunächst in die Verfassung unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. In Artikel 2 heißt es:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie (gemeint: die in den Mitgliedslogen arbeitenden Maurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Bedeutet die Verpflichtung auf Gewissens- und Denkfreiheit auch, dass ich als Ergebnis der Denkfreiheit und möglicherweise als Ausdruck meiner Toleranz respektieren muss, wenn jemand die fundamentalen Werte unseres Bundes und damit auch der Verfassung unseres Staates ablehnt? Müssen wir dann aus Gründen der Toleranz schweigen? Das kann nicht sein. Artikel 2 der Verfassung führt aus, die Freimaurer treten ein u.a. für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Toleranz. Ich kann nicht schweigend für etwas eintreten. Also muss ich in diesen Fällen reden oder handeln.

Es wird unter Brüdern immer wieder behauptet, Fragen der Religion oder der Politik dürften in der Loge nicht behandelt werden. Die Alten Pflichten würden dies verbieten. Das ist in dieser Allgemeinheit nicht zutreffend. Die Alten Pflichten Andersons führen zwar in Abschnitt III aus: Wir Maurer „sind entschieden gegen politische Erörterungen, die noch nie zur Wohlfahrt der Loge gereicht haben und nie reichen werden.“

Im englischen Original heißt es hier „politics“. Die Historikerin Margaret Jacob erläutert zum politischen Umfeld der Entstehung der Alten Pflichten in England:

„Wenn sie von ‚politics‘ spricht, so meint die freimaurerische Konstitution die Parteipolitik, das Wüten der Partei, wie es durch die Schaffung einer neuen politischen Nation entstand, als Ergebnis der Revolution von 1688/89. Politik war der Kampf um die Macht zwischen Whigs und Tories, zwischen Hof und Land.“

Die Aussage, Gespräche über Politik seien in der Loge verboten, ist schlichtweg falsch. Aus gutem Grund reden wir nicht über Parteipolitik. Aber ein Bund, der sich die freiheitlichen Ideale der Aufklärung auf die Fahnen geschrieben hat, ist zutiefst politisch, nicht parteipolitisch, aber eben gesellschaftspolitisch. Darüber wollen und müssen wir sprechen und Position beziehen. Auch die Alten Pflichten verbieten nicht, über Politik zu reden. Wir dürfen uns nicht über Politik streiten; das ist etwas ganz anderes, so ausdrücklich Wolfgang Kreis auf dem Großlogentag in Darmstadt.

Ich werde immer wieder gefragt, ob die Aufforderung, klar Position zu beziehen, nicht im Widerspruch zum freimaurerischen Postulat nach Toleranz im Umgang miteinander stehe. Diese Fragte lässt sich ganz klar mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit der eigenen Meinung. Es besteht immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen Meinung und Unfug (Thomas Bierling, Freimaurerei im postfaktischen Zeitalter, Humanität 6/2018, S. 22) oder zwischen Meinung und Unwahrheit. Das kann nicht nur, das muss in der Loge deutlich angesprochen werden. Freimaurerei war immer ein Rahmen, in dem vieles möglich war (Monika Neugebauer-Wölk, zit. nach Höhmann, Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz, Einleitungsvortrag 54. Arbeitstagung QC ). Ein Rahmen ist immer zugleich auch eine Begrenzung. Wer sich außerhalb dieser Grenzen aufstellt, hat keinen Anspruch auf freimaurerische Toleranz.

Die Freimaurerei muss die Unverbindlichkeit und Verschwommenheit ihrer hergebrachten Wertvorstellungen überwinden und sich sowohl geistig als auch in ihrer gesellschaftlichen Aktivität als humanitäre, soziale, demokratisch-pluralistische und antiideologische Kraft profilieren.( Hans Hermann Höhmann, Vier Thesen zur Erneuerung der Freimaurerei (1971) in Plädoyer für eine verantwortliche Freimaurerei in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven S. 249). Das beginnt in den Logen.

Die Zeichnung des Großredners hätte zutreffend als Titel haben müssen: „Dürfen wir schweigen oder müssen wir handeln? Auch das ist eine rhetorische Frage, natürlich müssen wir handeln! Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, ein entfesselter Mob zur Seenotrettung von Flüchtlingen „Absaufen“ grölt, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für andersdenkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der angeblichen Lügenpresse gefordert wird und Journalisten bei ihrer Arbeit körperlich bedroht und behindert werden, für Flüchtlinge und Asylbewerber eine Eisenbahnfahrkarte (ohne Rückfahrt) nach Ausschwitz gefordert wird, dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Die Freimaurer müssen zumindest Wortführer des Aufschreis sein, der durch unsere Gesellschaft hallt oder leider besser gesagt hallen sollte!

Was bedeutet das konkret? Durch den Tempel hallt der Ruf „Zu den Waffen, meine Brüder“? Oder sollen wir Barrikaden errichten? Natürlich ist das Unfug. Niemand verlangt, dass ein Bruder sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schweigen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. Mitgehen zur Demonstration nur als Zeichen des Protests (gegen was auch immer?) unter Distanzierung von etwaigen Auswüchsen? Man stand zwar dabei, hat aber nicht „Absaufen“ gegrölt und ist deshalb ein guter Freimaurer? So geht es auch nicht! Wir kennen den Spruch: „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“, jur. nennt man das im Zweifel Mittäterschaft.

Innere Emigration war noch nie glaubwürdig. Wir müssen den Mund aufmachen und Position beziehen. Wir bedeutet nicht „die Großloge“ oder ein abstrakter Begriff wie „die Freimaurer“. Wir heißt ganz konkret „Du“ und „ich“! Position beziehen vielleicht nicht in einer potentiell gewaltbereiten Demonstrationsumgebung, aber im privaten Umfeld und vor allem auch in der Loge.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz

Foto: Djordje Radosevic / Adobe Stock

Mit der Frage nach dem Freimaurerbild der deutschen Öffentlichkeit und der Präsenz des Bundes im öffentlichen Raum beschäftigte sich der Einleitungsvortrag der 54. Arbeitstagung der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft "Quatuor Coronati" in Hannover.

Von Br. Hans-Hermann Höhmann, Köln

Das Nebeneinander des „Geheimen“ und des „Öffentlichen“ hat in den Diskursen der Freimaurer wie in der Freimaurerei insgesamt von Anfang an eine große, ja bestimmende Rolle gespielt, und es war das für die Logen typische Verhältnis von Geschlossenheit und Öffnung, das die Freimaurerei – wie zuerst von Georg Simmel aufgezeigt wurde – zu einer „geheimen Gesellschaft“ spezifischen und von Anbeginn stark eingeschränkten Typs gemacht hat. Ich möchte deshalb meiner Skizze das einschlägige Simmel-Zitat voranstellen. In seiner „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ von 1908 schreibt Simmel:

„Das Freimaurertum betont, dass es die allgemeinste Gesellschaft sein will, der ‚Bund der Bünde‘, der einzige, der jeden Sonderzweck und mit ihm alles partikularistische Wesen ablehnt und ausschließlich das allen guten Menschen Gemeinsame zu seinem Material machen will. Und Hand in Hand mit dieser, immer entschiedener werdenden Tendenz wächst die Vergleichgültigung des Geheimnischarakters für die Logen, seine Zurückziehung auf die bloßen formalen Äußerlichkeiten ... Der Freimaurerbund konnte seine neuerdings stark betonte Behauptung, dass er kein eigentlicher ‚Geheimbund‘ wäre, nicht besser stützen, als durch sein gleichzeitig geäußertes Ideal, alle Menschen zu umfassen und die Menschheit als ganze darzustellen“.

Georg Simmel

Um das „davor“ und das „danach“ der Simmelschen These geht es mir in den folgenden Ausführungen.

Einerseits war das „Geheime“ und das „Öffentliche“ seit Beginn der institutionalisierten Freimaurerei stets gleichsam geschwisterhaft präsent, anderseits gab es nie einen dauerhaften Konsens über ihr gegenseitiges Verhältnis, und die Diskurse darüber sowohl innerhalb des Bundes als auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Öffentlichkeit sowie innerhalb der Öffentlichkeit über die Freimaurerei haben die Geschichte des Bundes begleitet.

Oft waren diese Diskurse aufeinander bezogen, und das Bild der Freimaurerei in der Öffentlichkeit war zu keiner Zeit vom inneren Diskurs der Freimaurer zu trennen. Was immer in der Öffentlichkeit über den Bund gesagt wurde und wird, es war und ist – selbst noch im Zerrspiegel der Verschwörungs“theorien“ – nicht unabhängig von den Selbstdarstellungen des Bundes und seiner Mitglieder.

Selbstbilder und Fremdbilder der Freimaurerei, Innen- und Außensichten des Bundes bedingten und bedingen sich gegenseitig und bilden trotz aller Widersprüche einen Gesamtkomplex, von dem jede, das Verhältnis von Freimaurerei und Öffentlichkeit thematisierende Analyse auszugehen hat.

Dieser Dialektik von Selbstbildern und Fremdbildern liegen wiederum drei von Anfang an gegebene Grundbefindlichkeiten der Freimaurerei zugrunde, deren Auswirkungen gleichfalls analytischer Aufarbeitung bedürfen:

Da ist zuerst die seit ihrem Beginn bestehende inhaltliche und formale Unbestimmtheit der Freimaurerei.

Gewiss hat der Bund einige zentrale Merkmale, die ihn als Freimaurerei konstituieren und von anderen Assoziationen unterscheidbar machen.

Dazu gehören insbesondere

  • die auf den Eid bzw. das Gelöbnis der Verschwiegenheit gegründete Logengemeinschaft,
  • die Aufnahme der Mitglieder durch feierliche Initiationen in den Bund und seine einzelnen Grade,
  • die Verwendung von Metaphern, Symbolen und Ritualen als Projektionsflächen, Deutungsmuster und Formen kultureller Performanz sowie
  • der jeweilige Kanon von spezifischen Werten und Überzeugungen, teils niedergelegt in grundlegenden Urkunden, Überlieferungen und Ritualen, teils präsent als Bestandteil der von wortmächtigen Brüdern in Logen und Logensystemen geführten Diskurse, und inhaltlich entweder esoterisch, oder christlich-gnostisch oder humanistisch-aufklärerisch profiliert.

Dennoch existierte von Anfang an eine zur Auffüllung einladende, gleichsam „fordernde“ Leere der Freimaurerei im Hinblick auf die Ausgestaltung der Rituale, die organisatorischen Strukturen des Bundes, seine Gradhierarchien sowie seine konkreten Aufgaben und Zwecke. Dies gilt in einer durch harmonisierende Formeln und Interventionen freimaurerischer Leitungsorgane freilich oft überdeckten Weise auch noch für die Freimaurerei der Gegenwart. Die Freimaurerei war und ist immer auf der Suche nach sich selbst.

Um es mit einem Wort von Monika Neugebauer-Wölk zu sagen: „Freimaurerei war immer ein Raum, in dem vieles möglich war“. In diesem Raum entwickelten sich mannigfaltige Spielarten des Bundes teils esoterischer, teils christlicher, teils ethisch-moralischer Orientierung, teils mit einfachen, teils mit weit aufgefächerten Gradstrukturen. Reformen standen immer wieder auf der Tagesordnung, und im Grunde genommen befindet sich die Freimaurerei bis heute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Da ist zweitens der von Anfang an in Verbergen und Mitteilen, Verschweigen und Ausplaudern gespaltene halböffentliche Charakter der Freimaurerei. Trotz ihres Rückzugs in die Sphäre des Geheimnisvollen, fand Freimaurerei stets unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Von Anbeginn bis heute existiert dieser Spagat von drinnen und draußen, von Bestrebungen geheim zu bleiben und sich gleichzeitig öffentlich zu zeigen.

Hinweise auf Logentreffen in der Londoner Presse, Theaterbesuche und Prozessionen in maurerischer Bekleidung, öffentlich zugängliche Publikationen in großer Zahl, Abbildungen prominenter Mitglieder in masonischem Outfit waren an der Tagesordnung, und im Grunde genommen ist das ja auch bis heute so geblieben.

Allerdings: Es sind nicht mehr deutsche Kaiser und amerikanische Präsidenten, deren Portraits die Öffentlichkeit als Ausdruck korporativen Stolzes erreichen sollen, sondern beispielsweise Abbildungen des Vorsitzenden des Obersten Gerichts der VGLvD in schwarz mit Schurz in der Zeitschrift „Focus“, oder einer Gruppe gleichfalls schurzbekleideten Berliner Freimaurer mit einem Anflug von „wir sind die glorreichen Fünf“ vor einiger Zeit im Berliner Tagesspiegel. Auch das in unserer Einladung wiedergegebene Bild mit der Unterschrift: „Brüder der Kieler Loge ‚Alma an der Ostsee‘ laufen im Jahre 2016 in voller maurerischer Bekleidung durch die Stadt“ gehört in diese Kategorie freimaurerischer Enthüllungs-Selbstdarstellung.

Ebenso sind geordnete freimaurerische Prozessionen nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie finden zumindest halböffentlich statt und sind dann in Fernsehfilmen zu sehen, wie etwa in der von Freimaurern mitgestalteten ARD-Produktion „Tempel, Logen, Rituale“, die die Brüder wiederum in schwarz, wiederum mit Schurz und hohem Hut beim Einzug in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals zeigt.

Zu diesen optisch wahrnehmbaren Demonstrationen der Freimaurerei kam seit ihrer Begründung als moderner Assoziation ein reichhaltiges Schrifttum hinzu. Um dem „Geheimnis der Freimaurerei“ selbst auf die Spur zu kommen und die Gesellschaft darüber zu informieren, haben die Freimaurer immer außerordentlich viel publiziert, gedruckte Texte waren ein wesentliches Medium ihrer Selbstverständigung, und die Öffentlichkeit war meist als Leser dabei.

Im April 1785 richtete die angesehene Jenaische Allgemeine Litteratur Zeitung eine eigene Sparte für die Besprechung freimaurerischer Schriften ein. Die Herausgeber begründeten ihre Entscheidung damit, dass

„die innern Angelegenheiten des ehrwürdigen Ordens der Freymaurer seit einiger Zeit eine ganz besondere Publicität bekommen haben, und mehr als eine Ihrer öffentlichen Schriften … das Publikum … gleichsam auffordern, Theil an ihren Fehden über das Wesentliche ihres Ordens zu nehmen.“

Schon ein Jahr zuvor hatte die Berliner „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ ihr bisheriges Schweigen in freimaurerischen Dingen gebrochen und zwar mit einer deutlich kritischen Tendenz:

„Wir haben uns bisher enthalten, eigentliche Freymaurerschriften in unserer Bibliothek anzuführen … Aber es fängt doch an nöthig zu werden, von einigen dieser Schriften zu reden, besonders von solchen, worin mit unerhörter Unverschämtheit Unsinn und Aberglauben unter dem Scheine von großen Geheimnissen fortgepflanzt, und noch dazu Katholicismus unter einer verdeckten … geheimnißvollen Sprache empfohlen wird.“

Zu den Essays und Freimaurerreden, zu den Texten der Lessing, Knigge, Herder und Fichte kamen bald die belletristischen Schriften hinzu, die Freimaurer- und Geheimbundromane, die Außenstehende an der emotionalen Wirkung der Rituale und an den mit den höheren Graden verbundenen subjektiven Selbstwertsteigerungen der Brüder teilnehmen ließen.

1782 veröffentlichte August Siegfried Friedrich von Goué einen Freimaurerroman mit dem Titel „Ueber das Ganze der Maurerey“ und dem bezeichnenden Untertitel „Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“.

Einer der Helden des Romans, Stralenberg, schreibt an einen Freund:

„Aber die Aufnahme ist so schön, so feierlich, daß ich drey Tage gebrauchte mich in meine vorige Fassung zurück zu setzen … Die Maurerey muß gut seyn, und erhabene Vorwürfe haben, das beweiset die Meister=Aufnahme.“

Sein Freund Fürstenberg sekundiert nach der Einweihung in einen Hochgrad:

„Als ich mit dem Ringe zurück kam, mein lieber Stralenberg, o! wie feierten mich die hiesigen Brüder der untern Stufen. Sie tragen eine wahre Verehrung für diesen Ring, und wenn mich der Kayser in den Grafen-Stand erhoben hätte, so wäre ich dadurch das in ihren Augen nicht geworden, wozu ich in Frankfurt gestiegen bin.“

Die Belletristik behielt die Freimaurerei auch später fest im Griff. Dan Browns „Lost Symbol“ war ein bemerkenswerter Höhepunkt. Und ich konnte kürzlich dem Erwerb des 2017 erschienenen Kriminalromans „Inspector Swanson und das schwarze Museum“ nicht widerstehen, angesiedelt im Freimaurermilieu des viktorianischen Zeitalters und von einem britischen Freimaurer verfasst.

Eine besondere Kategorie bildeten und bilden die „Verräterschriften“ – oder besser vielleicht „Enthüllungsschriften“ – ehemaliger Freimaurer von Samuel Pritchard über Leo Taxil bis hin zu Burkhardt Gorissen. Diese Schriften versuchen nach dem Motto „Ich bin dabei gewesen und ich weiß, wovon ich rede“ den Anschein authentischer Erfahrung zu vermitteln, und wenn sich heutzutage kritische, skeptische oder amüsierte Beobachter der Freimaurerei im „Focus“ oder in der FAZ auf Gorissens Buch berufen, zu folgen sie einem ebenso alten wie naheliegenden anti-masonischen Enthüllungsschema.

Von welcher Seite man es betrachtet: Die Freimaurerei war nie ein Geheimbund im strikten Sinne, aber sie war auch nie lediglich ein schlicht geselliger Verein oder ein Service-Club vom Rotary-Lions-Typ. Sie war immer eine Assoziation zwischen Geheimbund und geselliger Institution. Das bedeutete, dass sie im Inneren auf einer breiten Skala unterschiedlicher Gewichte von Geheimnis und Geselligkeit gestaltet werden konnte und auf der gleichen Skale auch von Außen eingeschätzt wurde.

So galt für die Freimaurerei nicht nur in Bezug auf ihre rituellen, konzeptionellen und organisatorischen Inhalte, sondern auch im Hinblick auf die relativen Gewichte von Geheimnis und Öffentlichkeit – sei es bei der inneren Gestaltung, sei es bei der Betrachtung von Außen – immer ein Element von „Wie es Euch gefällt“.

Und dennoch gab und gibt es – dies ist mein dritter Gesichtspunkt – trotz Präsens in der Öffentlichkeit und trotz aller Inkonsequenz bei seiner Handhabung stets das sowohl von den Freimaurern selbst als auch von Außenstehenden – Freunden wie Gegnern – reklamierte und proklamierte freimaurerische Geheimnis.

Weder lassen die Freimaurer davon und flüchten notfalls in Formeln wie die Freimaurerei hat kein Geheimnis, die Freimaurerei ist ein Geheimnis, noch wollen die Gegner der Freimaurerei darauf verzichten, die den Freimaurern in ihren extremen Verschwörungsvarianten vorhalten, dass es gerade die vermeintliche Offenheit der Freimaurerei ist, die ihren Charakter als geheime Verschwörung verbergen soll, ihn aber gerade hierdurch – dass wissen natürlich die schlauen Verschwörungstheoretiker – erst recht klar erkennbar macht.

Das maurerische Geheimnis ist nun vor allem das Geheimnis der verschwiegenen Rituale, und nicht nur die positiven Selbstzuschreibungen der Freimaurerei, auch alle Formen von Kritik, Ablehnung und Verurteilung machen sich am Geheimnis der Rituale fest:

  • Für die Kirchen verhüllen sich in den Ritualen Elemente einer alternativen Religiosität, wenn nicht gar einer anderen Religion, zumindest aber verkörpern sie den Ungeist des religiösen Relativismus.
  • Für die Vertreter der Verschwörungsmythen bietet der geheime Raum des Rituals den Rahmen für das Aushecken mannigfaltiger Verbrechen und Anschläge gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen Volk und Staat.
  • Für den Volksaberglauben konstituiert das Ritual die besser strikt zu meidende Welt des Makaber-Gruse-ligen, in der vielleicht gar Satanisches im Spiele ist.
  • In der Sicht intellektuelle Kritiker kaschieren Ritual und Geheimnis Ansprüche auf Selbsterhöhung und persönliches symbolisches Kapital, wenn sie nicht gar als Ausdruck des Lächerlichen gelten, in vielen Variationen der Charakterisierung durch den Philosophen Ernst Bloch, Freimaurerei sei nichts als eine „wahnhaft gesittete Mummerei“.

Sowohl für die freimaurerische Gruppenbildung als auch für das Spannungsfeld zwischen Freimaurerei und Öffentlichkeit war und ist das maurerische Geheimnis von großer Bedeutung. Unter seinen teils bewusst gesetzten, teils implizit praktizierten Funktionen können in meiner Sicht bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden acht unterschieden werden, die sich zeitlich nicht ablösten, sondern stets nebeneinander, ja oft auch gegeneinander standen und in den Diskursen der Freimaurer bis heute eine beträchtliche Bedeutung haben. Mit ein paar Anmerkungen möchte ich diese Funktionen charakterisieren, zumal jede Erörterung der heute um Arkandisziplin angesiedelten Probleme von ihnen auszugehen hätte. Ich unterscheide

1. Die schützende Funktion: Die Geheimhaltung der Logenaktivitäten – wie auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – schien Bedingung zu sein für die Absicherung einer von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freien Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen. Um die vielzitierte Feststellung Reinhart Kosellecks zu variieren: Das „Geheimnis der Freiheit“ war nur als „Freiheit im Geheimen“ zu antizipieren.

2. Die bewahrende Funktion: Hier gilt die Bewahrung des Geheimnisses als Voraussetzung für die Sicherung einer – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens als Quelle von Wahrheit und Erkenntnis, was vor allem für esoterische und christlich-gnostische Freimaurersysteme und weniger für die humanitäre Freimaurerei von Bedeutung war und ist.

3. Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente und dient der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Winkelwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge zumindest ab.

4. Die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.

5. Die pädagogische Funktion: Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit und Bereitschaft für persönliche Veränderung („Selbstvervollkommnung“, „Arbeit am rauen Stein“ des eigenen Selbst) dient der Einübung von Tugenden, die sich auch im „profanen“ Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken, findet sich in vielen Texten, Liedern und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.

Das freimaurerische Geheimnis besaß (und besitzt) jedoch auch Funktionen, die mehr oder weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:

6. Die illusionsstiftende Funktion: Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger „Selbstverwirklichungs- und Selbsterhöhungsambitionen“. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer besonderen, von der Welt des Profanen verstärkt abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit sowie die Durchführung aufwendiger Zeremonien, nicht zuletzt, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.

7. Die Lockfunktion: Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen „Mantel des Geheimnisvollen“ kann die Attraktivität der Freimaurerei und ihrer Sonderformen erhöhen und wird gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen. Zum Zuge kommt diese Funktion auch im Verhältnis zwischen Angehörigen „höherer“ Grade und den Mitgliedern der „blauen“ Logen.

8. Die Funktion der „inneren Hierarchisierung“: Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei über die traditionellen Stufen „Lehrling“, „Geselle“ und „Meister“ hinaus im Sinne einer „Hierarchie von Einweihungen“ schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen, die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.

Schließlich muss auf eine Praxis hingewiesen werden, die in direktem Widerspruch zu allen freimaurerischen Zielvorstellungen und Prinzipien steht: die Instrumentalisierung freimaurerischer Formen für politisch agierende Eliten, die nichts (oder nichts mehr) mit der Freimaurerei zu tun haben, woran sich dann aber gern allerlei Verschwörungsvorstellungen anschließen (Beispiel: Die Organisation „Propaganda Due“, P2, die an eine ehemalige italienische Freimaurerloge anknüpfte und – ohne Beziehung zur regulären italienischen Freimaurerei – in den 1970er Jahren zur politischen Geheimorganisation wurde).

Auf dem skizzierten Hintergrund

  • der inhaltlichen Unbestimmtheit der Freimaurerei,
  • ihres halböffentlichen Charakters und
  • des dennoch mit ihr verbundenen Mythos vom Geheimnis

vollzog sich nun nicht nur die Geschichte der Freimaurerei und ihrer Verurteilungen, sondern – gleichsam als Ausdruck eines historischen Pingpong-Spiels – auch die Geschichte der Erwiderungen und Apologien, mit der die Freimaurer auf Angriffe und Verurteilungen reagierten.

1770 fasste eine zunächst anonym erschienene, wiederholt aufgelegte kleine Schrift von Johann August von Starck unter dem Titel „Apologie des Ordens der Frey Maurer“ die Antworten der Freimaurerei auf folgende – im Prinzip bis heute unverändert gebliebenen – Hauptpunkte der Kritik zusammen:

  • Das Geheimnis der Freimaurer als solches widerspräche der Aufklärung, denn was nützlich und gut sei, könne offen und klar dargelegt werden,
  • die Freimaurerei bilde einen Staat im Staate (statum in statu),
  • der Eid der Maurer sei schrecklich, er schränke durch die angedrohten, unmenschlichen Sanktionen die natürliche Freiheit des Menschen ein,
  • das Abfordern eines Eides sei zudem ein Monopol der Obrigkeit, und die Freimaurerei verbreite unter seinem Schutz eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Nation und Religion,
  • schließlich sei der Orden der Freimaurer ohne wahren Nutzen und daher überflüssig, es sei denn, er betreibe unerlaubte Zusammenkünfte, die einen Herd für Verschwörungen bilden könnten.

Doch auch dies gilt bis heute: Die Freimaurer litten nicht nur an der sie umgebenden Mythologie, der faszinierenden Aura des Geheimen, sie profitierten auch davon. Denn die Mythen hielten die Freimaurerei im Gespräch, führten ihnen – bis hin zu den Dan-Brown-Fans – viele Neugierige zu und veranlassten die Maurer selbst, immer wieder darüber nachzudenken, ob hinter ihrem Orden nicht doch mehr stecke, ob das Geheimnis nicht doch einen anderen Inhalt habe als bisher in seiner schlichten englischen Ausformung zu erkennen war.

Im Laufe der Zeit wurde das Geflecht der antimasonischen Mythen immer dichter. Doch immer wieder waren es Auffassungen, die aus der Freimaurerei selbst hervorgingen, die den Stoff dazu lieferten:

Wenn beispielsweise Herder in seiner Korrespondenz mit Schröder an der Wende zum 19. Jahrhundert die beiden Grundvoraussetzungen einer von ihm mitgetragenen Reform der Freimaurerei formuliert – nämlich Wiederherstellung des „alten Rituals in seiner reinsten Gestalt“ und eine angemessene rituelle Praxis –, und seinen Brief dann mit den Worten schließt

„Die geheimen Gesellschaften sind bisher ein fressendes Gift, Höhlen des Betrugs, der Halbwisserei und … eines despotischen, kleingeistigen Egoismus gewesen!“,

so argumentiert er gegen die damals aktuellen Formen der Freimaurerei nicht anders als viele antimasonische Schriften.

Die eigenen Mythen der Freimaurer sollten sich allerdings in den folgenden Jahrzehnten im öffentlichen Raum mehr und mehr verselbstständigen und schließlich die Freimaurerei von außen überholen.

Ich nenne nur die beiden wichtigsten Beispiele hierfür:

Erst verschärften sich von Enzyklika zu Enzyklika die Vorurteilungen aus der katholischen Kirche, die in der Enzyklika „Humanum Genus“ Leos XIII. vom 20. April 1884 schließlich ihren Höhepunkt fanden.

Dann folgten die politischen Verschärfungen der Anti-Freimaurerei unter der Einwirkung wuchernder Verschwörungsmythen. Für deren – meist im extrem rechten Spektrum der Politik angesiedelten – Vertreter war und ist der Freimaurerbund nicht nur religionsfeindlich, sondern langfristig und strategisch auf Aushöhlung der gesellschaftlichen Ordnung, auf gezielten Machterwerb, ja auf Weltherrschaft angelegt. Dabei wird die Freimaurerei meist in eine Verbindung mit anderen Gruppierungen gerückt, wobei die Behauptung einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung vor allem im Deutschland der Weimarer Republik eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte.

Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die

Freimaurer-Images oder Außenbewertungen der Freimaurerei, mit denen wir es heutzutage in Deutschland zu tun haben, und auf die die deutschen Freimaurer reagieren sollten, wenn auch auf verschiedene, der jeweiligen Herausforderung angemessene Weise.

Vielleicht lassen sich für diese Images acht wichtige Vertreter-Gruppen unterscheiden:

  • Da sind erstens die Anhänger alter und neuer Verschwörungsmythen, die das „Objekt ihrer Begierde“ – die bösen Freimaurer und ihre Bundesgenossen – keinesfalls verlieren wollen und mit denen man weder diskutieren kann noch soll.
  • Da sind zweitens die nicht wenigen Menschen, die auf irgendeine Weise immer noch Denkvorstellungen und Befürchtungen des Volksaberglaubens anhängen, woraus dann eine diffuse Abwehrhaltung und Berührungsangst gegenüber der Freimaurerei resultiert: Ein Wohltätigkeitsbuffet des Rotary-Clubs? „Prächtig, da gehen wir hin.“ Eine ebenso wohltätige Reibekuchenbude der Freimaurer? „Nein danke, lieber nicht, man kann schließlich nicht wissen, was die da alles hineinbacken.“ Da gilt es für die Freimaurer nur, mit schlichter, bürgerlicher Normalität zu überzeugen.
  • Da sind drittens die Kirchen, die – wie die katholische – entweder wissen, aber nicht mögen, wie die Freimaurerei es mit der Religion hält, oder die es – wie die evangelische – bei allem Wohlwollen doch noch etwas genauer wissen will: hier sollte die deutsche Freimaurerei auf redlich-seriöse Weise gesprächsbereit sein, zuvor allerdings das Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion in ihren eigenen Kolonnen sorgfältiger klären.
  • Da ist viertens die Wissenschaft, die sich mehr und mehr mit der Freimaurerei beschäftigt, und die Unterstützung verdient, wie und wo immer Freimaurer dazu in der Lage sind. Die externe Freimaurerforschung ist das Gewissen der Freimaurerei, weil sie hilft, Eigenverdunkelungen zu überwinden und sich selbst besser zu erkennen.
  • Da sind fünftens die Vertreter der Politik, des Staates und der Kommunen, die der Freimaurerei meist wohl gesonnen sind und deren redliche und offene Gesprächspartner Großlogen und Logen zu sein haben.
  • Da sind sechstens die Medien, in denen angemessen vertreten zu sein, Freimaurer sich auf seriöse Weise bemühen sollten, wobei im Hinblick auf die Welt der bunten und bewegten Bilder Zurückhaltung am Platze ist. Arkandisziplin heute sollte nicht zuletzt bedeuten, sich in der Öffentlichkeit nicht lächerlich zu machen.
  • Da ist siebtens die intellektuelle, die kulturelle Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit gesellschaftlich relevanter Diskurse. Hier sollten sich die Freimaurer um gehaltvolle Präsens bemühen, denn wenn sie etwas zu sagen haben, dann sollten sie es auch sagen, denn besser, als die Stimmen anderer zu prämieren, wäre es, mit eigener Stimme im gesellschaftlichen Diskurs vernehmbar zu sein.
  • Schließlich und achtens ist da so etwas wie die Gesellschaft im Allgemeinen, die u.a. aus den Menschen zusammengesetzt ist, die in die Logen kommen und fragen, wer die Freimaurer sind und was sie zu sagen haben, und die vielleicht in den Logen als zukünftige Brüder mittun wollen.

Nicht zuletzt in der Kommunikation mit diesen Menschen käme es darauf an, sich der eigenen maurerischen Identitäten klarer bewusst zu werden und ein deutliches Bild davon zu vermitteln, was Freimaurerei ist und was sie nicht ist. Gerade die „Suchenden“ müssen rechtzeitig erkennen können, dass es unterschiedliche Formen und Verständnisse von Freimaurerei gibt, die der Redlichkeit halber nicht verwischt werden und erst nach der Aufnahme sichtbar werden dürfen.

Letztlich noch etwas, was mir ganz wichtig ist: Jede Definition und jede öffentliche Darstellung der Freimaurerei, die vom Ritual ausgeht, muss in die Irre führen. Ritualpräsentationen in der Öffentlichkeit, die freimaurerische Tempelszenen und Symbole zur Schau stellen ohne den Kontext von Freundschaft und Geselligkeit, von Ethik und Moral in den Vordergrund zu stellen, führen zur Dominanz obskurer Bilderwelten und verfälschen den Charakter unseres Bundes – jedenfalls aus der Sicht eines Freimaurers, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht. Das freimaurerische Ritual ist Bestandteil eines Gesamtsystems, das es in sich aufgenommen hat, um Freundschaft und Moral im Menschen zu befestigen. Es ist Menschenwerk, es ist nicht mit göttlicher Offenbarungskraft ausgestattet, es ist nicht Element einer Ersatzreligion, trage sie christlichen, trage sie esoterischen Charakter. Aus einem solchen Verständnis ergibt sich: Erst eine klare und vernünftige Gesamtdarstellung der Freimaurerei erlaubt es, sinnvoll über das Ritual in der Öffentlichkeit zu sprechen, wobei auf die Präsentation missverständlicher Bilderwelten und – was die Brüder Freimaurer betrifft – auf schurzbekleidete Auftritte in der Öffentlichkeit soweit es immer geht verzichtet werden sollte.

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Kunst — Not me!

Foto: Kara-Kotsya / Adobe Stock

Mit der Kunst, und hier sei vor allem die Malerei gemeint, hat es seine eigene Bewandtnis: Ich kann ein Bild betrachten und die Größe, die Darstellung und die Farben beurteilen, und doch bleibt es mir verschlossen, wenn ich nicht die Interpretation des Künstlers oder Kritikers, geschweige denn den Namen des Bildes kenne. Häufig gehört auch eine Geschichte, bzw. eine geschichtliche Einordnung zu dem Gemälde, damit es sich mir erschließt.

Ein Beitrag von Br. Thomas Schröder aus der Loge St. Alban zum Æchten Feuer, Hoya

Meine Enttäuschung war schon groß, als ich das erste Mal die Mona Lisa im Louvre sah. Mit welch großen Erwartungen ich gekommen war, um in der Ausstellung durch die dichte sich vor dem Bild sammelnde Menschentraube einen Blick auf dieses wohl berühmteste Gemälde der Welt zu werfen. Kein Blitzschlag, kein schneller Puls, geschweige denn Hitzewallungen durchdrangen mich. Ich kam, sah und ging meines Weges durch die weiteren Räumlichkeiten, um den Tag im Museum zu genießen. Ich hätte mich besser auf den Besuch vorbereiten müssen.

1990 besuchte ich das Museum Toulouse Lautrec im französischen Albi. Ich hatte von den faszinierenden Bildern, die z.T. recht lieblos aneinandergereiht waren, wenig, hätte ich nicht um sein Leben zwischen Dirnen, Kriminellen und seiner Liebe zum Wein gewußt. Mit diesem Wissen werden die Bilder lebendig, erzählen Geschichten, man taucht ein in die damalige Zeit und die Phantasie galoppiert mit einem davon.

Ein anderes sehr einschneidendes Erlebnis mit der bildenden Kunst hatte ich vor einigen Jahren bei einer Ausstellung des Museums of Modern Art in Bonn. Nach dem ich mir die Bilder von berühmten Malern wie Picasso und Dali angesehen hatte, betrachtete ich in den unteren Stockwerken eine Bildhauerei, die man nicht nur begehen konnte, man mußte auch außerhalb des Kunstwerks einige Schritte zurückweichen, um die Dimensionen des Werkes zu erfassen. Als ich nun rückwärtsgehend meinen Kunsthorizont zu erweitern begann, stolperte ich über etwas, was sich nach genauerem Hinsehen als faustgroße Kieselsteine herausstellte. Fast ein wenig ungehalten, wie man etwas so großes achtlos und als Stolpersteine herumliegen lassen konnte, ohne es zu sichern, drehte ich mich um und sah, dass ich aus einem ca. 15 mal 1 Meter großen Rechteck aus Kieselsteinansammlungen einige Steine herausgetreten hatte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und versuchte so unauffällig wie möglich die verrückten Steine wieder in Position zu bringen, indem ich sie, teils mit dem Fuß, teils mit der Hand, wieder an Ort und Stelle bugsierte. Meine Bemühungen waren vergebens, man hatte mich ertappt. Eine mir sehr wohlgesonnene Museumsangestellte zeigte ausgiebiges Verständnis für meine peinliche Situation, half mir, den Schaden wieder zu richten, nicht ohne mich zu belehren, dass eigentlich nur der Künstler in der Lage wäre, die handverlesenen, aus einer ganz bestimmten Bergregion Japans entnommenen Kiesel, wieder an die korrekte Position zu legen. Ich sah mich bereits mit nicht genauer zu beziffernden Schadensersatzforderungen konfrontiert, doch vielleicht war es meinem sprichwörtlichen Charme zu verdanken, dass die gute Dame Gnade vor Recht ergehen ließ.

Vielleicht hatte sie aber auch ganz schnell erfaßt, dass dort ein junger Mann in der Bredouille war, der die Kunst nicht erkennt, selbst wenn er davor steht, frei nach dem Motto (und ich weiß, dass das eine alte Kamelle ist) „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Diese Form von Unwissenheit, man könnte auch sagen Dilettantismus, hat sogar noch etwa Charmantes, solange der Unwissende bereit ist, seine Wissenslücken zu füllen, sich für die Kunst interessiert zeigt und vor allem auch den Respekt vor der künstlerischen Leistung dem Künstler bezeugt.

Gemälde haben ein Momentum, sie sind Ausdruck von Gefühlen, wollen den einen Moment einfangen, den es so nicht wieder gibt, sind Impressionen, Expressionen oder auch Abbild von Situationen.

Sie sind ebenfalls Zeitdokumente, denn bis zur Erfindung der Fotographie war die Malerei und das Zeichnen eine der Möglichkeiten des zweidimensionalen Festhaltens von Begebenheiten.

Sehr zu unserem Leidwesen gab es in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen Kunst unwiederbringlich vernichtet wurde. Dem reformatorischen Bildersturm als Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert fielen Gemälde, Skulpturen und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und Heiligen, der Wut der Reformatoren zum Opfer. Die chinesische Kulturrevolution, das Entfernen und Vernichten sogenannter entarteter Kunst; 2001 sprengten Taliban die 1500 Jahre alten gigantischen Buddhastatuen in der afghanischen Bamiyan-Provinz oder die Zerstörung der Ruinen von Palmyra. Die Rechtfertigung tut nichts zur Sache, denn im Grunde haben sie alle dieselbe Gemeinsamkeit: Das Denken der Menschen in eine bestimmte Richtung zu dirigieren. Es geht um Manipulation und Zensur, koste es, was es wolle! Und es kostet vor allem die Freiheit des Andersdenkenden.

Im Pariser Musée d’Orsay hängt ein Bild von Gustav Courbet, das in vollem Naturalismus den entblößten Unterleib einer Frau zeigt. Der Titel:“ L’Origine du monde“, also „Der Ursprung der Welt“. In der z.Zt. enthemmten „me too“-Debatte kann man froh sein, dass noch niemand dem Bild mit einem Messer oder Säure zu Leibe, oder besser zur Leinwand gerückt ist. Dieses Bild wurde aber kürzlich von Facebook in vorauseilendem Gehorsam von einem Nutzerkonto gelöscht, um nicht in den Focus entfesselter Puritaner zu gelangen und die just entwickelte Gelddruckmaschine ins Stottern zu bringen. Wohlbemerkt: Courbets Bild entstand 1866. Wir haben also lockere 150 Jahre der Auseinandersetzung und Diskussion hinter uns, die dazu führt, dass ich mir von einem Netzgiganten vorschreiben lasse, was Kunst und was Pornographie ist?

Facebook hat seinen Fehler inzwischen eingesehen und korrigiert, weil ein französischer Lehrer gegen das Löschen des Bildes auf seinem Nutzerkonto geklagt hatte.

In der Art Gallery von Manchester wurde kurzfristig ein Bild ab- und, nachdem sich Kunstbegeisterte vehement beschwert hatten, flugs wieder aufgehängt. Das Bild ist betitelt mit „Hylas und die Nymphen“, gemalt 1896 von John William Waterhouse. Es zeigt sieben sehr junge Frauen, eigentlich Mädchen, Teenager würden wir heute sagen, in einem mit Seerosen bedeckten Tümpel, entblößte Brüste, lange Haare und mit laszivem Blicken einen Jüngling in ihren Bann ziehend. Und…

Ist das Pornographie? Nach der griechischen Mythologie war der Jüngling Hylas der Geliebte von Herkules. Nun haben wir es auch noch mit Pädophilie zu tun.

Es fragt sich der Kunstwissende (und nicht nur der, sondern ich mich auch), ob die politische Korrektheit die Freiheit der Kunst beschneidet, sie reguliert und wir am Ende viele leere Flächen in den Museen haben, weil die angeblich so anstößigen Gemälde nicht nur in den Lagern, sondern sehr schnell auf dem schwarzen Markt und damit in Privatarchiven reicher Kunstgönner oder auch nur in Tresoren vermögender Leuten verschwinden, die ihr Geld krisensicher anlegen wollen.

Ich warte auf den Tag, an dem Stillleben, auf denen in einer Schale zwei Äpfel und eine Banane in einem losen Arrangement zu sehen sind, in den Museumskatakomben verschwinden müssen, weil eine Weiblichkeit sich sexuell belästigt fühlt, weil sie die Darstellung mit dem männlichen Geschlechtsteil assoziiert.

Ich könnte noch weitere Beispiele enthemmten Moralismus aufzählen, der die Kunst zu einem Opfer der #Metoo Bewegung macht. So sehr die Respektlosigkeit und Machtausnutzung vor allem männlicher Zeitgenossen gegenüber Abhängigen und hier vor allem Frauen, zu verurteilen und inakzeptabel ist, so sehr wehre ich mich dagegen, dass hier in einem völlig überzogenen Maße mir die Freiheit an dem Kunstgenuß und der Selbstbestimmung der Kunstbeurteilung fremdbestimmt genommen wird. Dieser Widerstandsreflex, den nicht nur ich verspüre, bleibt, hat Bestand. Aus dem öffentlichen Raum mit viel politischer Korrektheit wird der freie Geist dichtgeklebt, eingestampft, mürbe gemacht. In öffentlicher Zurschaustellung gängelt eine selbsternannte Richtigkeits-, Wahrheits- und Moralklientel die Masse unter völliger Mißachtung dessen, was sie für sich als Elementarrecht beansprucht: die Freiheit des Geistes, oder das, was sie darunter versteht, den sie aber anderen nicht zubilligt. Diese wie ein Nebel über der Gesellschaft dahinwabende unerträgliche Kasteiung läßt viele öffentlich sprachlos zurück. Und diese Sprachlosigkeit findet ihr Ventil in geschützten Räumen: in der Familie, im Freundeskreis und auch in der Freimaurerei.

Als Freimaurer ist uns mit diesem geschützten Raum eine Kostbarkeit gegeben, die wir, wenn wir sie jetzt vielleicht nur gering zu schätzen wissen, sie eines Tages für uns mit das Wertvollste sein wird, was die Freimaurerei uns zu bieten hat.

Denn hier sind wir in der Lage, die Sinnhaftigkeit des ach so politisch Korrekten kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns diesen mit Respekt geführten Diskurs erhalten. Streiten wir weiter im positiven Sinne um die Vielschichtigkeit der Meinungen, lassen wir es zu, dass ein freier Geist die Freimaurerei durchströmt, und dass, nicht nur in der Kunst und Schönheit, sondern in allen Belangen der uns interessierenden Themen die Neugier und der Wissensdurst und nicht die Meinungszwangsjacke das Logenleben begleitet.

Wir benötigen eine neue von Respekt gegenüber der abweichenden Meinung und dem individuellen Gegenüber getragene Debattenkultur. Sie würde nicht nur der Freimaurerei gut zu Gesicht stehen, sondern auch ein Anziehungspunkt für Suchende und die profane Welt sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Am freimaurerischen Wesen soll die Welt genesen?

Foto: Mondela / Adobe Stock

Durch unsere Gesellschaft geht ein sich vertiefender Spalt zwischen einer Haltung, die Toleranz mit Beliebigkeit verwechselt und dem immer unverhohleneren Ruf nach einer "starken Führung". Die Freimaurerei steht dazwischen: sie lehrt ehrliche Verantwortungsübernahme. Aber kann sie deswegen auch gesellschaftspolitisch relevant sein?

Von Br. Walter Plassmann aus der Loge "Die Brückenbauer", Hamburg

“Nein, sie brauchen keinen Führer“, stellte Udo Lindenberg 1987 auf seinem Album “Horizont” fest, „Nein, sie können’s jetzt auch alleine.“ Lindenberg nahm mit diesem Lied die „neuen Nazi-Schweine“ aufs Korn, die extremen Rechtsradikalen, die sich in jenen Jahren zu formieren begannen. Und in der Tat gibt es bis auf den heutigen Tag keinen von allen anerkannten Sprecher für die deutlich angewachsene Schar der Rechtsradikalen.

Viele Deutsche scheinen sich dagegen nach einer Führerfigur zu sehnen. Eine vor einigen Monaten veröffentlichte Umfrage brachte die erschütternde Nachricht, daß nur jeder zweite Deutsche die Forderung “Wir sollten einen Führer haben, der in Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert” komplett ablehnte . In Österreich sind es sogar 43 Prozent, also fast jeder Zweite, die einen starken Mann an der Spitze für wünschenswert halten .

Die Sehnsucht vieler Menschen nach dem „guten Führer“ ist uralt und offenbar nicht auszurotten. Da ist zum einen der Reflex, daß die Drecksarbeit gegen die „verhaßten Anderen“ bitte jemand anders übernehmen soll; man will sich da selbst nicht die Finger schmutzig machen. Aber weiter verbreitet dürfte ein naiver Wunsch sein: Das Leben ist schon kompliziert genug, da wäre es doch schön, man könnte die Politik und die Staatsverwaltung ruhigen Herzens an eine Art Übervater geben, der mit ruhiger Hand für Gerechtigkeit und Wohlstand sorgt.

Dass eine solche Einstellung weltfremd ist, muß nicht weiter diskutiert werden. Aber die Haltung hinter dieser Einstellung ist es, mit der wir uns beschäftigen sollten – gerade als Freimaurer. Denn sie berührt eine zentrale Aufgabe, der wir uns im Bruderbund stellen.

Die Abneigung, Verantwortung zu übernehmen und damit auf einfache Fragen keine einfachen Antworten mehr geben zu können, ist dem Menschen offenbar tief eingeprägt. Je abstrakter die Verantwortung wird, je mehr sie sich also vom täglich Erfahrbaren entfernt, umso stärker wächst der Widerstand dagegen, Verantwortung auch zu tragen. Verantwortung dafür zu übernehmen, was man einkauft, ist einfach; Verantwortung für seinen unmittelbaren Nachbarn geht vielleicht auch noch; aber Verantwortung für eine abstrakte Idee wie die Demokratie zu tragen, das ist für viele nur schwer vorstellbar.

Im Idealfall wird diese Verantwortung – beispielsweise per Wahl – an Menschen übertragen, die damit nicht so große Probleme haben. Allerdings wird deren Legitimität unmittelbar wieder in Frage gestellt, falls diese sich erdreisten, die in sie gesetzten (individuellen) Erwartungen nicht zu erfüllen.

Die Freimaurerei will das genaue Gegenteil. Sie hat ihre gesellschaftspolitischen Wurzeln in der Aufklärung. Sie vertritt den Standpunkt, daß der Mensch vernunftbegabt ist und sich ausreichend Wissen aneignen kann, um vernünftige, objektiven Maßstäben standhaltende Entscheidungen zu treffen. Und diese soll er dann auch treffen sowie hierzu stehen. Verantwor-tung übernehmen eben.

Voraussetzung hierfür ist ein starker innerer Kompaß. Dieser gibt den Mut, Entscheidungen zu treffen, er gibt die Kraft, sie auch durchzuhalten und durchzusetzen und er verhindert widersprüchliches Verhalten. „Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer sein Weg“, heißt es im Aufnahmeritual, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“.

In dieser schönsten Passage im Aufnahmeritual ist alles zusammengefaßt, was Verantwortungsübernahme ausmacht: das an „hohen Zielen“ festgemachte Wertegerüst, an dem die Handlungen gemessen werden; die Ruhe und Sicherheit, die dieses Wertegerüst gibt; die Furchtlosigkeit, zu dem einmal für richtig Erkannten auch zu stehen.

Solche Wertegerüste haben allerdings viele. Es gibt sie in der Politik in Form von Ideologien (von der Demokratie bis zur Diktatur), es gibt sie im sozialethischen Kontext und in Religionen, die das Gerüst bis in die Transzendenz hinein weiterbauen. Von diesen Wertesystemen unterscheidet sich die Freimaurerei in zwei wesentlichen Punkten. Da ist zum einen der geradezu geniale Einfall, das Gerüst sehr offen zu lassen. Dem Freimaurer ist vorgegeben, eine Haltung der Toleranz und der Menschenliebe in einem Umfeld zu leben, das vom Großen Baumeister aller Welten geschaffen und gehalten wird. Das war es aber auch schon. Vor allem die Frage, wie das Symbol des Großen Baumeister aller Welten übersetzt wird, ist jedem Freimaurer freigestellt.

Damit entzieht die Freimaurerei ihrem Wertesystem das Ideologische, ohne in die Beliebigkeit abzugleiten. Denn unmißverständlich wird verlangt, das Wertesystem der Toleranz und Menschenliebe mit einem „supreme beeing“ auszufüllen. Aber wie dieses konkret geschaffen ist, bleibt der Überzeugung und dem Glauben des Einzelnen überlassen. Er kann an die Stelle der Großen Baumeisters aller Welten den Kosmos setzen oder eine andere Ordnung, die die Welt durchwaltet, er kann aber auch den Gott nehmen, der sich mit seinem Glauben deckt.

Auf diese Weise wird der Freimaurer gezwungen, sich über die Basis der Verantwortungsübernahme nicht nur Gedanken zu machen, sondern sie auch wirklich zu leben. Die aktuelle Haltung der kompletten Beliebigkeit („anything goes“) wird er nicht durchhalten können, denn immer wenn er im Tempel sitzt, wenn er mit Brüdern spricht, wenn er sich mit der Freimaure-rei beschäftigt, wird er mit dieser Forderung konfrontiert. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, er muß sich dieses Wertesystem erarbeiten – oder die Freimaurerei verlassen, weil sie ihm nichts anderes bieten kann.

Zum zweiten wird der Freimaurer in geradezu penetranter Weise dazu angehalten, sein Wertesystem immer wieder zu hinterfragen und es gegebenenfalls anzupassen. Das ist genau der Unterschied zu den ideologisch geprägten Wertesystemen, die mit Gesetzen, Verboten und Dogmen arbeiten. An sie muß sich der Anhänger sklavisch halten, und wenn sie geändert werden sollen, ist dies immer ein langer, quälender Prozeß, der an den Grundfesten der jeweiligen Ideologie rüttelt.
Die Grundfesten der Freimaurerei dagegen sind schon so angelegt, daß sie einem permanenten Veränderungsprozeß unterworfen sind. Der Tempel der Humanität wird niemals fertig sein, der Maurer wird niemals vollkommen werden, die Ecken seines rauhen Steines bedürfen einer nicht enden wollenden Bearbeitung. „Der Spitzhammer bleibt unser Werkzeug bis ans Lebensende“, mahnt der Meister vom Stuhl in der Beförderungsarbeit.

Auf diese Weise ist der Freimaurer in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Dies gilt nicht nur für sein engeres persönliches Umfeld und für seine Loge, sondern auch für übergeordnete Dinge. Deshalb sind wir in der Lage, über Werte zu sprechen, ohne in ideologische Schlachten abzugleiten. Dies gilt bis in politische und religiöse Fragestellungen, denn das Verbot der Alten Pflichten bezieht sich auf Parteipolitik und kirchliche Positionen, nicht darauf, politische und religiöse Themen zu bearbeiten.

Das bedeutet nun aber nicht, daß am freimaurerischen Wesen die Welt genesen könne. Dem inneren Aufbau der Freimaurerei ist immanent, daß sie auf den einzelnen Bruder wirkt. Übersetzte man sie auf eine Gesellschaft, würde sie doch wieder zur politischen Ideologie, denn mit einem permanenten Diskurs, so wie ihn die Freimaurerei pflegt, läßt sich keine Gesellschaft steuern. Dazu würde es doch fester Regeln bedürfen, die automatisch in ein starres Gerüst mündeten – also genau das Gegenteil dessen, was die Freimaurerei bezweckt.

Diesem Irrtum unterliegen aktuell viele – auch prominente – Freimaurer. Es stimmt zwar, daß die Werte der Freimaurerei und vor allem der Umgang mit ihnen wertvolle Bezugspunkte geben können für eine Gesellschaft, die im großen Meer der Beliebigkeit unterzugehen droht. Aber sie wird dies immer nur auf der individuellen Ebene vollziehen können. Die „gesellschaftspolitische Relevanz“ der Freimaurer endet an den Tempeltüren. Wer mehr möchte, muß den freimaurerischen Kontext verlassen, seine Überzeugungen in ein festes Wertegerüst packen und mit diesem politisch arbeiten. Das ist weder verboten noch zu kritisieren, aber es darf nicht mit der Freimaurerei legitimiert werden.

Dieser Kern der Freimaurerei ist seit Jahrhunderten das Faszinierende unseres Bundes. Er ist anspruchsvoll und fordert viel von jedem Bruder. Nicht umsonst lautet die letzte Mahnung des Meisters zum Ende des Rituals: „Seid wachsam auf Euch selbst.“ Aber der Lohn ist groß. Geborgen im Gerüst der freimaurerischen Werte wächst die Sicherheit. Je häufiger der Maurer bemerkt, daß gerade das Infragestellen und gegebenenfalls Neuausrichten dieser Werte weitere Sicherheit verleiht, umso stärker wird sein Vertrauen. Diese „initiatische Unerschütterlichkeit“ verleiht ihm die Kraft, „ruhig und sicher, furchtlos in Gefahren, hohe Ziele vor Augen“ den Weg zu gehen. Einen irdischen Führer braucht er hierfür nicht.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Das Feuer weitergeben – Freimaurerei als Zukunftswerkstatt

Foto: taddle / Adobe Stock

Festvortrag zum 275. Stiftungsfest der zweitältesten Hamburger Loge "St. Georg zur Grünenden Fichte".

Von Hans-Hermann Höhmann

Das Beste, was wir von der Geschichte haben,“ so schreibt Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“, „ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“ Und kein Anlass wäre mehr geeignet, diesem Enthusiasmus reflektierend nachzuspüren, als das Stiftungsfest einer Loge. Denn dieses Fest verknüpft wie kein anderes Ereignis im Leben unseres Bundes aus bewusst erlebter Gegenwart heraus Tradition und Zukunft.
Versetzen wir uns 275 Jahre zurück. Es ist der 24. September 1743. Die Brüder versammeln sich zur Einsetzung der zweiten Loge in Hamburg, der „Kaiserhofloge“, die dann als Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“ auf eindrucksvolle Weise ihren Weg durch die Geschichte nahm. Es liegt kein Protokoll der ersten Arbeit vor und keine detaillierte Teilnehmerliste. Doch wir wissen, dass Namen mit einem guten Klang in Hamburg unter den Maurern der ersten Stunde sind und dass ein internationales Flair den Charakter der Gründung bestimmte.

Kaum vorstellen können wir uns, wie das Ritual gehandhabt wurde. Es ist anzunehmen, dass dabei viel kreative Improvisation geherrscht hat, und dass Mitglieder heutiger Ritualkollegien – zeitreisend 275 Jahre zurückversetzt – wohl runzelnd ihre Augenbrauen hochgezogen hätten. Doch wir können versichert sein, dass die Regularität der Herzen stimmte, dass der Zauber des Aufbruchs trug und dass eine ansteckende Freude die Stimmung beherrschte.
Die Hoffnung auf Aufklärung, auf Unterscheidungsfähigkeit „zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis“ – so die spätere Definition des Weimarer Freimaurer-Bruders Christoph Martin Wieland –, die Erwartung einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, das Erlebnis menschlicher Gleichheit, die Möglichkeit, sich jenseits der Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis als bloße Menschen zu begegnen: All das prägte Bewusstsein und Gefühl der Bruderschaft.

„Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall,
jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.“

Gewiss, dieser Text nach Mozarts Noten wurde nicht in Hamburg anno 1743 angestimmt, sondern erst knapp 50 Jahre später in Wien. Doch Text und Ton der Kantate bringen wohl mehr als Dokumente jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre in der „Kaiserhofloge“ zu Hamburg bestimmt haben mag.

Der Schwung, mit dem die zweite Hamburger Loge begann, unterstreicht, wie sehr die Freimaurerei zum sozialen Erfolgsmodell des 18. Jahrhunderts geworden war. Bis zum Ende des Gründungsjahres wurden 16 Suchende, in den folgenden beiden Jahren 27, bzw. 25 Brüder aufgenommen. Dass die Freimaurerei zur „Mode des Jahrhunderts“ geworden war – bekanntlich war es Friedrich der Große, der sie so beschrieb –, hatte mit dem Wandel von realer Geschichte und historischem Bewusstsein zu tun: Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung der Gesellschaft, das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen, die funktionale und soziale Polarisierung auch in der Adelswelt, das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung sowie die sich unter dem Vorzeichen des europäischen, vor allem des britischen Kolonialismus auch international, ja interkontinental verstärkende räumliche Mobilität: All das führte dazu, dass die Menschen im alten Europa aus ihren traditionellen Bindungen und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten. Diese Veränderungen führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja ausgesprochenen Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach veränderten Formen von gesellschaftlichen Vernetzungen, nach neuen Ausprägungen von „sozialem Kapital“, und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.

Die Freimaurerei erwies sich als attraktive Form gesellschaftlicher Einbindung.

Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes für die Befriedigung vieler unterschiedlicher sozialer und kultureller Bedürfnisse wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme mit stets neuem Enthusiasmus weiterzuentwickeln und an sich wandelnde Strukturbedingungen und Interessenlagen anzupassen.

Heute – beim 275. Stiftungsfest der Loge – sollten wir nicht zuletzt versuchen, diese Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nachzuempfinden, denn Erinnern bedeutet ja nicht nur das Bewusstmachen historischer Fakten, sondern auch das Nacherleben von Begeisterung und emotionalem Schwung.

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Es war das Bekenntnis zur Humanität als Inbegriff von „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe“, wie der Freimaurer Herder sie mit dieser Reihung fast schon hymnisch bestimmt. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn, um den Einzelmenschen, um den „bloßen“ Menschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“, so gibt der Priester in Mozarts Zauberflöte vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro erwidert: „Noch mehr, er ist Mensch.“ Und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein.“

Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt der freimaurerischen Initiation

Telos und Pathos der Aufklärung bestimmen das Denken und Dichten der Freimaurer des 18. Jahrhunderts, sind Ausdruck der mit von ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft – so erinnern wir uns ja gerne, manchmal vielleicht gar allzu gerne – gehörten den Logen an. Namen wie Lessing, Herder, Goethe, Stein, Hardenberg, Washington und Voltaire kennzeichneten das geistige Gewicht und die gesellschaftliche Kraft des Freimaurerbundes. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit.

Suchen wir nun einen Namen für den speziellen Glücksfall der Hamburger Freimaurer-Reform an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, so lautet er – wer unter uns würde daran zweifeln – Friedrich Ludwig Schröder.
Schröder war der Schöpfer des nach ihm benannten Rituals. Doch gemeinsam damit schuf er zum ersten Mal in Deutschland eine überzeugende Gesamtkonzeption für die Freimaurerei, die über das Rituelle hinausgehend die Freimaurerei als eine moralisch-spirituelle Werkstatt begründet hat. Jedem Freimaurer, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht, ist Schröders Konzept bis in die Gegenwart lieb und teuer geblieben, nicht zuletzt, weil die symbolische Werkstatt Schröders unmittelbar zur Zukunftswerkstatt der Freimaurerei unserer Tage führt.

Die mit der Initiation des Freimaurers verbundenen Erwartungen, die Schröder im Aufnahmeritual mit eindrucksvollen performativen Sprechfolgen begrifflich markiert, sind ja gültig geblieben bis in die Werte-Verwirrung der Gegenwart hinein und haben nicht nur für uns Freimaurer ihre wort-wörtliche Bedeutung als Katechismus säkularer Ethik und Moral behalten.
Lassen wir Schröders Ritualerwartungen in uns aufklingen:

Anmahnung der Erfüllung moralischer Pflichten.
Festigung einer sittlichen Grundeinstellung des Menschen.
Aufforderung zur Suche nach Wahrheit, insbesondere über die eigene Person.
Beseitigung von Irrtümern, die der Humanität im Wege stehen, Überwindung von Vorurteilen.
Selbsterziehung zu aufgeklärten und verantwortungsbewussten Menschen.
Konzentration auf die Schätze des Geistes und des Herzens und (auf) keine
andere Würde als diejenige, die ein Mensch sich selbst zu geben vermag.

Um diese ethisch-moralischen Vorstellungen habituell im Menschen zu verankern, hat das Ritual nachdrücklich, aber schlicht zu sein. Es findet im Werkraum, in der Bauhütte, nicht im Tempel statt. Die Arbeit beginnt nicht mit einem feierlich-zeremoniellen Einzug oder einer esoterischen „Vorloge“, sondern mit dem Hammerschlag des Meisters. Man arbeitet nach den Verirrungen der „Strikten Observanz“ ausschließlich in den drei Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters, weil nur dies im Sinne Schröders maurerisch Sinn macht.

Entscheidend ist für Schröder die Übereinstimmung in den Werten, zu denen sich der Freimaurer bekennt. Andere Forderungen nach Übereinstimmung, insbesondere solcher religiöser Art, dürfen in der Loge keine Bedeutung haben.
Schröder im Wortlaut dazu:

„Wir sind hier also blos Menschen; wir suchen weiter nichts, als (das) was alle Menschen suchen sollten, kennen kein anderes Gesetz, als das, was alle Menschen verbindet, keine andere Richtschnur, als unsere Rechtschaffenheit, keine andere Würde, als die der Mensch sich selbst giebt. AlIes, was wir sonst sind und suchen und glauben und haben, lassen wir vor der Thüre unserer Versammlung zurück.“

Freimaurerei darf nicht zum Museum ihrer selbst werden

Das Ritual verbindet die Menschen als Mitmenschen, es ist der Kitt, der die Bruderschaft zusammenhält, und als Kitt ist es das, was auch heute in einer streitsüchtigen und auseinanderdriftenden Gesellschaft wieder so nötig ist.
Der prägenden Kraft des Rituals verwandt ist die Wirkung des Liedgesangs, der in der Hamburger Freimaurer-Geselligkeit zur Schröderzeit eine große Rolle spielte, und ich zitiere gern die folgende Strophe aus der Liedersammlung der Loge „Ferdinand zum Felsen“ von 1790, weil sie zeitüberspannend das Maurerherz erfreut:

„Das Glück, das Tausende erkaufen,
ist nicht das Ziel, nach dem wir laufen,
wir handeln nicht um Rang und Werth;
Die Gaben, die wir selbst besitzen,
verbessernd für die Welt zu nützen,
das ists was unsre Kunst uns lehrt.“

Doch so reich das Erbe unserer Tradition auch ist, wir dürfen nicht bei unserer Herkunft stehen bleiben, wir müssen nach Zukunft fragen, nicht zuletzt in der Tradition Schröders, der ja die Zukunftsfrage nach einer – wie er sagte – „vernünftigen Freimaurerei“ in Deutschland so hartnäckig gestellt hat.

Unsere vielfältigen Vergangenheiten, unsere Schatzkisten der Tradition – wie gehen wir heutigen Freimaurer damit um? Wie lassen wir aus Herkunft Zukunft werden? Was müssen wir bearbeiten, wenn Freimaurerei nicht nur Sammelplatz alter Kostbarkeiten bleiben, sondern zur Werkstatt kommender Aufgaben, zur Zukunftswerkstatt, werden soll.

Zunächst haben wir allen Grund, uns der skizzierten Traditionen mit inspirierendem Enthusiasmus zu erinnern, und es geschieht nicht ohne Stolz, wenn ich ein Wort des bedeutenden polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auf unseren Bund beziehe: „Glücklich sind die“, so der polnische Philosoph, „denen ihre eigene Tradition den Glauben an die Gemeinschaft der menschlichen Gattung, den Glauben an Toleranz, die Bereitschaft zum Zusammenwirken und den Kritizismus überliefert hat. Andere haben aus der Tradition den National- und Rassenhaß, den Fanatismus, den Kult der Gewalt übernommen.“

Doch wir Freimaurer im Hier und Jetzt dürfen keine geschichtliche Denkmalspflege betreiben, und wir sollten keinesfalls der Gefahr erliegen, als Museum unserer selbst zu werden und hinter eindrucksvollen historischen Kulissen zu verschwinden. Herkunft ist wichtig, die Verankerung in Tradition ist unverzichtbar, doch unser Hauptinteresse hat Gegenwart und Zukunft zu gelten, denn hier allein ist der Raum für unsere weitere Existenz.

Das heißt, sich des Erbes zu erinnern, um den Gegenwartsauftrag, um das Angebot der Freimaurerei für die Menschen unserer Zeit deutlich zu machen, darauf kommt es an. Oder – wie Horkheimer und Adorno es in der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ so schön gesagt haben – „nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“. Es geht um das beharrliche Bewahren der freimaurerischen Grundidee von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, des einzelnen Menschen mit unaustauschbarer Individualität und unverlierbarem Eigenwert. Und zwar nicht als rhetorischer Denkfigur, sondern als Aufgabe der tag-täglichen Alltagspraxis. Wie heißt es doch so unüber­troffen knapp und ein­dring­lich bei Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“!

Wie kann ein bürgerlicher Bund in nachbürgerlicher Zeit überleben?

Wir suchen nach einem festen Platz in der Gesellschaft, einem Platz, wo man uns respektvoll wahrnimmt und unser Wesen nicht verkennt. Auf dem Wege dorthin sind wir bereits. Doch wir können weiter vorankommen, wenn wir wohlüberlegt daran arbeiten, die Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns immer wieder blockieren, wenn wir herausfinden, was unsere freimaurerischen Hauptaufgaben sind und uns hierauf konzentrieren, wenn wir flexibel genug sind, uns mit kreativen Lösungen auf die gegenwärtigen Strukturen der Gesellschaft einzustellen, Strukturen, die sich seit der klassischen Zeit der Freimaurerei ja so tiefgreifend verändert haben.
Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit, so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist die Grundfrage der heutigen Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja ohne Zweifel eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen.
Ich gebe ein paar Beispiele dafür:

So haben die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft und der Wandel der sozialleitenden Werte zur Notwendigkeit geführt, Profil und Identität Humanitärer Freimaurerei neu zu bestimmen. Doch wissen wir klar und in verständlicher Weise nach draußen vermittelbar, wer wir sind und wo wir stehen innerhalb der Gesellschaft? Wissen wir, wo unser Platz ist fest und selbstbewusst auch im Rahmen der deutschen Freimaurerei? Sind wir fähig zum Diskurs darüber ohne Opportunismus und ohne Angst vor Tabus?

So hat der gesellschaftliche Wandel die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft gesetzt. Welcher Ersatz steht dafür zur Verfügung? Haben wir ihn bereits gefunden? Ist das große Schleppnetz „Internet“ wirklich der Weisheit letzter Schluss? Was müssen wir beachten, um den damit verbundenen Gefahren zu entgehen?
So beeinträchtigt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt die Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge. Die Vertreter einer „Generation Praktikum“, was mag sie zu langfristiger Logenmitgliedschaft motivieren?

So bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst ja nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt auch die traditionellen Legitimierungen des Modells „Männerbund“ generell in Frage. Haben wir den Mut, Freimaurerei heute als einen „offenen Männerbund“ zu leben? Gibt es überzeugende Konzepte für das Zusammenwirken mit den Logen der Freimaurerinnen?

So bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck. Hält das Programm der Loge diesem Konkurrenzdruck stand? Ist die Suche nach immer neuen Erlebnissen und spektakulären „Events“ mit den Grundeigenschaften der Freimaurerei: Bereitschaft zu dauerhafter Bindung, Führung ethischer Diskurse und Praxis ritueller Einübung in ein wertorientiertes Verhalten heutzutage vereinbar?

So führt – schließlich – die Kultur der heutigen Moderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um. Es beschert uns minderwertige Filme und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern oft niedrigsten Niveaus. Haben wir Antworten in dieser neuen Situation? Widerstehen wir der Versuchung, auf der Fantasy-Welle mitzusurfen?

Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung unserer Zukunftsziele und gehört sicher auch auf die Agenda unserer Meister-vom-Stuhl-Seminare.

Freimaurerei ist, was Freimaurer tun!

Doch ich bin bei aller Skepsis fest davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der Gegenwart nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen zu entdecken. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen – wenn wir es nur richtig machen mit unserer Öffnung zur Gesellschaft – kräftig anwachsen zu lassen.

Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder:

Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wol­­len ihre per­sön­lich­en Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wol­len teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt ist sie doch da, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.
Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe können wir Freimaurer unsere konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis können wir die Stimmigkeit unserer inneren Strukturen überprüfen, und von hierher können wir auch unser Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit und Friedensliebe – einerseits längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, andererseits aber oft in erschreckenden Maße mit den Füßen getreten werden, besteht die Aufgabe unseres Bundes nicht im Propagieren liebgewordener Parolen. Sie besteht in der Einübung in eine wertverpflichtete Praxis, Praxis des einzelnen Bruders und Praxis der Logengemeinschaft. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr!

Gewiss: Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, dabei muss es bleiben, aber sie kann – wie es im Ritual vermittelt wird – zu einer „sicheren Stätte“ werden für Menschen, die in einem konzentrierten, sensiblen und wertorientierten Diskurs Klarheit über handlungsrelevante Fakten und Verhaltensoptionen in der Welt von heute und morgen suchen. Die Loge kann zum Handlungsvorbereiter werden und hierdurch auch an politischer Relevanz gewinnen. Sie kann, wenn sie ihr Potential ausschöpft, zur Entwicklung einer politischen Kultur des gesellschaftlichen Miteinanders beitragen, an der hierzulande doch wirklich Mangel herrscht, wie wir tagtäglich und zuweilen auf erschütternde Weise erleben.

Mut zum gesellschaftlichen Diskurs, zum hörbaren Wort

Arkandisziplin heute hätte dann vor allem die Funktion, den Raum für einen solchen Prozess der Klärung und Abklärung unserer Positionen, der Stiftung einer lebenskräftigen freimaurerischen Identität abzusichern. Arkandisziplin ist insofern weit mehr als eine Angelegenheit des Verhüllens. Arkandisziplin ist eine Angelegenheit des Vertrauens, der Offenheit von Mensch zu Mensch. Das Geheimnis macht wenig Sinn, wenn es nicht zum Heim wird für uns und unsere Brüder.

Im Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit ist Redlichkeit am Platz: Es gab Licht und Schatten, Leistung und Versagen im Entwicklungsprozess der deutschen Freimaurerei. Dies einzuräumen, wirkt auf Außenstehende viel sympathischer und interessanter, als das unendlich langweilige Posieren als selbsternannte „Weltmeister in Sachen Humanität“. Allerdings: Für die Information nach außen wie für den Klärungsprozess im Inneren muss das freimaurerische Wissen in der Bruderschaft verbessert werden. Wer nach dem „Wohin“ der Freimaurerei fragt, muss über das „Wie“ und das „Woher“ der Freimaurerei gründlich Bescheid wissen.

Und ein Letztes: Wir Freimaurer hätten uns – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – viel öfter an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie sich auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer „reflexiven Aufklärung“, auf die „Ethosproblematik“ (Stichwort „Weltethos“), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten (Stichwort „Einübungsethik) beziehen, oder mögen sie auf Reflexionen über Lebenskunst konzentriert sein, denn wenn Freimaurerei sich seit jeher als eine „Königliche Kunst“ verstand, so meinte sie damit doch vor allem die Kunst, das Leben recht zu führen. Also Mut zum Diskurs, zum hörbaren Wort. Es genügt nicht, die Stimmen anderer zu prämieren, dazukommen muss für uns Freimaurer, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt, die auf Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus.

Insgesamt hat – davon bin ich vollkommen überzeugt – die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz zuweilen kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu diesem Zweck zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen:

  • Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben.
  • Die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zur Zukunftswerkstatt für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen.
  • Unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von schaler Rhetorik oder – schlimmer noch – von obskuren Missverständnissen überlagert wird.
  • Unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern als Gestaltungsfaktor der Gegenwart, als schlichte und unpathetische Wahrnehmung mitmenschlicher Pflichten zu erkennen ist.
  • Schließlich: Unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld erlebt und verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder – schlimmer noch – mit den Wahnvorstellungen der Verschwörungs-„theoretiker“ verwechselt wird.

Eine erfolgreiche Freimaurerei lebt nun weitgehend von jenen Logen, die die zukunftsfähigen Strukturelemente der Freimaurerei überzeugend verkörpern, wo – salopp gesagt – das heute und morgen gesellschaftlich wirksame Angebot stimmt, wo es Freimaurer gibt, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte, wo die Loge als Logengruppe so attraktiv ist, dass der Suchende gern dazu gehören würde, und wo die Originalität der praktizierten freimaurerischen Konzepte den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, das passt in die Zeit, und das vermittelt meinem Leben Sinn“.

Die Logen hier in Hamburg, darunter heute besonders hervorzuheben die Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“, deren eindrucksvollem Gang durch die Geschichte wir dieses schöne Jubiläumsfest verdanken, gehören zu den Bauhütten in Deutschland, die uns nicht zweifeln lassen am Wert ihrer Arbeit und an ihren Erfolgen. Und wir alle wünschen diesen Logen – und wiederum besonders der alten und zugleich jungen „Kaiserhofloge“ – um ihretwillen, aber auch zum Besten der Freimaurerei in Deutschland, viel Glück auf ihren weiteren Wegen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

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