Das Feuer weitergeben – Freimaurerei als Zukunftswerkstatt

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Festvortrag zum 275. Stiftungsfest der zweitältesten Hamburger Loge "St. Georg zur Grünenden Fichte".

Von Hans-Hermann Höhmann

Das Beste, was wir von der Geschichte haben,“ so schreibt Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“, „ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“ Und kein Anlass wäre mehr geeignet, diesem Enthusiasmus reflektierend nachzuspüren, als das Stiftungsfest einer Loge. Denn dieses Fest verknüpft wie kein anderes Ereignis im Leben unseres Bundes aus bewusst erlebter Gegenwart heraus Tradition und Zukunft.
Versetzen wir uns 275 Jahre zurück. Es ist der 24. September 1743. Die Brüder versammeln sich zur Einsetzung der zweiten Loge in Hamburg, der „Kaiserhofloge“, die dann als Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“ auf eindrucksvolle Weise ihren Weg durch die Geschichte nahm. Es liegt kein Protokoll der ersten Arbeit vor und keine detaillierte Teilnehmerliste. Doch wir wissen, dass Namen mit einem guten Klang in Hamburg unter den Maurern der ersten Stunde sind und dass ein internationales Flair den Charakter der Gründung bestimmte.

Kaum vorstellen können wir uns, wie das Ritual gehandhabt wurde. Es ist anzunehmen, dass dabei viel kreative Improvisation geherrscht hat, und dass Mitglieder heutiger Ritualkollegien – zeitreisend 275 Jahre zurückversetzt – wohl runzelnd ihre Augenbrauen hochgezogen hätten. Doch wir können versichert sein, dass die Regularität der Herzen stimmte, dass der Zauber des Aufbruchs trug und dass eine ansteckende Freude die Stimmung beherrschte.
Die Hoffnung auf Aufklärung, auf Unterscheidungsfähigkeit „zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis“ – so die spätere Definition des Weimarer Freimaurer-Bruders Christoph Martin Wieland –, die Erwartung einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, das Erlebnis menschlicher Gleichheit, die Möglichkeit, sich jenseits der Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis als bloße Menschen zu begegnen: All das prägte Bewusstsein und Gefühl der Bruderschaft.

„Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall,
jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.“

Gewiss, dieser Text nach Mozarts Noten wurde nicht in Hamburg anno 1743 angestimmt, sondern erst knapp 50 Jahre später in Wien. Doch Text und Ton der Kantate bringen wohl mehr als Dokumente jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre in der „Kaiserhofloge“ zu Hamburg bestimmt haben mag.

Der Schwung, mit dem die zweite Hamburger Loge begann, unterstreicht, wie sehr die Freimaurerei zum sozialen Erfolgsmodell des 18. Jahrhunderts geworden war. Bis zum Ende des Gründungsjahres wurden 16 Suchende, in den folgenden beiden Jahren 27, bzw. 25 Brüder aufgenommen. Dass die Freimaurerei zur „Mode des Jahrhunderts“ geworden war – bekanntlich war es Friedrich der Große, der sie so beschrieb –, hatte mit dem Wandel von realer Geschichte und historischem Bewusstsein zu tun: Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung der Gesellschaft, das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen, die funktionale und soziale Polarisierung auch in der Adelswelt, das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung sowie die sich unter dem Vorzeichen des europäischen, vor allem des britischen Kolonialismus auch international, ja interkontinental verstärkende räumliche Mobilität: All das führte dazu, dass die Menschen im alten Europa aus ihren traditionellen Bindungen und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten. Diese Veränderungen führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja ausgesprochenen Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach veränderten Formen von gesellschaftlichen Vernetzungen, nach neuen Ausprägungen von „sozialem Kapital“, und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.

Die Freimaurerei erwies sich als attraktive Form gesellschaftlicher Einbindung.

Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes für die Befriedigung vieler unterschiedlicher sozialer und kultureller Bedürfnisse wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme mit stets neuem Enthusiasmus weiterzuentwickeln und an sich wandelnde Strukturbedingungen und Interessenlagen anzupassen.

Heute – beim 275. Stiftungsfest der Loge – sollten wir nicht zuletzt versuchen, diese Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nachzuempfinden, denn Erinnern bedeutet ja nicht nur das Bewusstmachen historischer Fakten, sondern auch das Nacherleben von Begeisterung und emotionalem Schwung.

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Es war das Bekenntnis zur Humanität als Inbegriff von „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe“, wie der Freimaurer Herder sie mit dieser Reihung fast schon hymnisch bestimmt. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn, um den Einzelmenschen, um den „bloßen“ Menschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“, so gibt der Priester in Mozarts Zauberflöte vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro erwidert: „Noch mehr, er ist Mensch.“ Und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein.“

Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt der freimaurerischen Initiation

Telos und Pathos der Aufklärung bestimmen das Denken und Dichten der Freimaurer des 18. Jahrhunderts, sind Ausdruck der mit von ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft – so erinnern wir uns ja gerne, manchmal vielleicht gar allzu gerne – gehörten den Logen an. Namen wie Lessing, Herder, Goethe, Stein, Hardenberg, Washington und Voltaire kennzeichneten das geistige Gewicht und die gesellschaftliche Kraft des Freimaurerbundes. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit.

Suchen wir nun einen Namen für den speziellen Glücksfall der Hamburger Freimaurer-Reform an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, so lautet er – wer unter uns würde daran zweifeln – Friedrich Ludwig Schröder.
Schröder war der Schöpfer des nach ihm benannten Rituals. Doch gemeinsam damit schuf er zum ersten Mal in Deutschland eine überzeugende Gesamtkonzeption für die Freimaurerei, die über das Rituelle hinausgehend die Freimaurerei als eine moralisch-spirituelle Werkstatt begründet hat. Jedem Freimaurer, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht, ist Schröders Konzept bis in die Gegenwart lieb und teuer geblieben, nicht zuletzt, weil die symbolische Werkstatt Schröders unmittelbar zur Zukunftswerkstatt der Freimaurerei unserer Tage führt.

Die mit der Initiation des Freimaurers verbundenen Erwartungen, die Schröder im Aufnahmeritual mit eindrucksvollen performativen Sprechfolgen begrifflich markiert, sind ja gültig geblieben bis in die Werte-Verwirrung der Gegenwart hinein und haben nicht nur für uns Freimaurer ihre wort-wörtliche Bedeutung als Katechismus säkularer Ethik und Moral behalten.
Lassen wir Schröders Ritualerwartungen in uns aufklingen:

Anmahnung der Erfüllung moralischer Pflichten.
Festigung einer sittlichen Grundeinstellung des Menschen.
Aufforderung zur Suche nach Wahrheit, insbesondere über die eigene Person.
Beseitigung von Irrtümern, die der Humanität im Wege stehen, Überwindung von Vorurteilen.
Selbsterziehung zu aufgeklärten und verantwortungsbewussten Menschen.
Konzentration auf die Schätze des Geistes und des Herzens und (auf) keine
andere Würde als diejenige, die ein Mensch sich selbst zu geben vermag.

Um diese ethisch-moralischen Vorstellungen habituell im Menschen zu verankern, hat das Ritual nachdrücklich, aber schlicht zu sein. Es findet im Werkraum, in der Bauhütte, nicht im Tempel statt. Die Arbeit beginnt nicht mit einem feierlich-zeremoniellen Einzug oder einer esoterischen „Vorloge“, sondern mit dem Hammerschlag des Meisters. Man arbeitet nach den Verirrungen der „Strikten Observanz“ ausschließlich in den drei Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters, weil nur dies im Sinne Schröders maurerisch Sinn macht.

Entscheidend ist für Schröder die Übereinstimmung in den Werten, zu denen sich der Freimaurer bekennt. Andere Forderungen nach Übereinstimmung, insbesondere solcher religiöser Art, dürfen in der Loge keine Bedeutung haben.
Schröder im Wortlaut dazu:

„Wir sind hier also blos Menschen; wir suchen weiter nichts, als (das) was alle Menschen suchen sollten, kennen kein anderes Gesetz, als das, was alle Menschen verbindet, keine andere Richtschnur, als unsere Rechtschaffenheit, keine andere Würde, als die der Mensch sich selbst giebt. AlIes, was wir sonst sind und suchen und glauben und haben, lassen wir vor der Thüre unserer Versammlung zurück.“

Freimaurerei darf nicht zum Museum ihrer selbst werden

Das Ritual verbindet die Menschen als Mitmenschen, es ist der Kitt, der die Bruderschaft zusammenhält, und als Kitt ist es das, was auch heute in einer streitsüchtigen und auseinanderdriftenden Gesellschaft wieder so nötig ist.
Der prägenden Kraft des Rituals verwandt ist die Wirkung des Liedgesangs, der in der Hamburger Freimaurer-Geselligkeit zur Schröderzeit eine große Rolle spielte, und ich zitiere gern die folgende Strophe aus der Liedersammlung der Loge „Ferdinand zum Felsen“ von 1790, weil sie zeitüberspannend das Maurerherz erfreut:

„Das Glück, das Tausende erkaufen,
ist nicht das Ziel, nach dem wir laufen,
wir handeln nicht um Rang und Werth;
Die Gaben, die wir selbst besitzen,
verbessernd für die Welt zu nützen,
das ists was unsre Kunst uns lehrt.“

Doch so reich das Erbe unserer Tradition auch ist, wir dürfen nicht bei unserer Herkunft stehen bleiben, wir müssen nach Zukunft fragen, nicht zuletzt in der Tradition Schröders, der ja die Zukunftsfrage nach einer – wie er sagte – „vernünftigen Freimaurerei“ in Deutschland so hartnäckig gestellt hat.

Unsere vielfältigen Vergangenheiten, unsere Schatzkisten der Tradition – wie gehen wir heutigen Freimaurer damit um? Wie lassen wir aus Herkunft Zukunft werden? Was müssen wir bearbeiten, wenn Freimaurerei nicht nur Sammelplatz alter Kostbarkeiten bleiben, sondern zur Werkstatt kommender Aufgaben, zur Zukunftswerkstatt, werden soll.

Zunächst haben wir allen Grund, uns der skizzierten Traditionen mit inspirierendem Enthusiasmus zu erinnern, und es geschieht nicht ohne Stolz, wenn ich ein Wort des bedeutenden polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auf unseren Bund beziehe: „Glücklich sind die“, so der polnische Philosoph, „denen ihre eigene Tradition den Glauben an die Gemeinschaft der menschlichen Gattung, den Glauben an Toleranz, die Bereitschaft zum Zusammenwirken und den Kritizismus überliefert hat. Andere haben aus der Tradition den National- und Rassenhaß, den Fanatismus, den Kult der Gewalt übernommen.“

Doch wir Freimaurer im Hier und Jetzt dürfen keine geschichtliche Denkmalspflege betreiben, und wir sollten keinesfalls der Gefahr erliegen, als Museum unserer selbst zu werden und hinter eindrucksvollen historischen Kulissen zu verschwinden. Herkunft ist wichtig, die Verankerung in Tradition ist unverzichtbar, doch unser Hauptinteresse hat Gegenwart und Zukunft zu gelten, denn hier allein ist der Raum für unsere weitere Existenz.

Das heißt, sich des Erbes zu erinnern, um den Gegenwartsauftrag, um das Angebot der Freimaurerei für die Menschen unserer Zeit deutlich zu machen, darauf kommt es an. Oder – wie Horkheimer und Adorno es in der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ so schön gesagt haben – „nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“. Es geht um das beharrliche Bewahren der freimaurerischen Grundidee von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, des einzelnen Menschen mit unaustauschbarer Individualität und unverlierbarem Eigenwert. Und zwar nicht als rhetorischer Denkfigur, sondern als Aufgabe der tag-täglichen Alltagspraxis. Wie heißt es doch so unüber­troffen knapp und ein­dring­lich bei Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“!

Wie kann ein bürgerlicher Bund in nachbürgerlicher Zeit überleben?

Wir suchen nach einem festen Platz in der Gesellschaft, einem Platz, wo man uns respektvoll wahrnimmt und unser Wesen nicht verkennt. Auf dem Wege dorthin sind wir bereits. Doch wir können weiter vorankommen, wenn wir wohlüberlegt daran arbeiten, die Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns immer wieder blockieren, wenn wir herausfinden, was unsere freimaurerischen Hauptaufgaben sind und uns hierauf konzentrieren, wenn wir flexibel genug sind, uns mit kreativen Lösungen auf die gegenwärtigen Strukturen der Gesellschaft einzustellen, Strukturen, die sich seit der klassischen Zeit der Freimaurerei ja so tiefgreifend verändert haben.
Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit, so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist die Grundfrage der heutigen Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja ohne Zweifel eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen.
Ich gebe ein paar Beispiele dafür:

So haben die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft und der Wandel der sozialleitenden Werte zur Notwendigkeit geführt, Profil und Identität Humanitärer Freimaurerei neu zu bestimmen. Doch wissen wir klar und in verständlicher Weise nach draußen vermittelbar, wer wir sind und wo wir stehen innerhalb der Gesellschaft? Wissen wir, wo unser Platz ist fest und selbstbewusst auch im Rahmen der deutschen Freimaurerei? Sind wir fähig zum Diskurs darüber ohne Opportunismus und ohne Angst vor Tabus?

So hat der gesellschaftliche Wandel die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft gesetzt. Welcher Ersatz steht dafür zur Verfügung? Haben wir ihn bereits gefunden? Ist das große Schleppnetz „Internet“ wirklich der Weisheit letzter Schluss? Was müssen wir beachten, um den damit verbundenen Gefahren zu entgehen?
So beeinträchtigt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt die Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge. Die Vertreter einer „Generation Praktikum“, was mag sie zu langfristiger Logenmitgliedschaft motivieren?

So bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst ja nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt auch die traditionellen Legitimierungen des Modells „Männerbund“ generell in Frage. Haben wir den Mut, Freimaurerei heute als einen „offenen Männerbund“ zu leben? Gibt es überzeugende Konzepte für das Zusammenwirken mit den Logen der Freimaurerinnen?

So bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck. Hält das Programm der Loge diesem Konkurrenzdruck stand? Ist die Suche nach immer neuen Erlebnissen und spektakulären „Events“ mit den Grundeigenschaften der Freimaurerei: Bereitschaft zu dauerhafter Bindung, Führung ethischer Diskurse und Praxis ritueller Einübung in ein wertorientiertes Verhalten heutzutage vereinbar?

So führt – schließlich – die Kultur der heutigen Moderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um. Es beschert uns minderwertige Filme und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern oft niedrigsten Niveaus. Haben wir Antworten in dieser neuen Situation? Widerstehen wir der Versuchung, auf der Fantasy-Welle mitzusurfen?

Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung unserer Zukunftsziele und gehört sicher auch auf die Agenda unserer Meister-vom-Stuhl-Seminare.

Freimaurerei ist, was Freimaurer tun!

Doch ich bin bei aller Skepsis fest davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der Gegenwart nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen zu entdecken. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen – wenn wir es nur richtig machen mit unserer Öffnung zur Gesellschaft – kräftig anwachsen zu lassen.

Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder:

Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wol­­len ihre per­sön­lich­en Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wol­len teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt ist sie doch da, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.
Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe können wir Freimaurer unsere konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis können wir die Stimmigkeit unserer inneren Strukturen überprüfen, und von hierher können wir auch unser Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit und Friedensliebe – einerseits längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, andererseits aber oft in erschreckenden Maße mit den Füßen getreten werden, besteht die Aufgabe unseres Bundes nicht im Propagieren liebgewordener Parolen. Sie besteht in der Einübung in eine wertverpflichtete Praxis, Praxis des einzelnen Bruders und Praxis der Logengemeinschaft. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr!

Gewiss: Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, dabei muss es bleiben, aber sie kann – wie es im Ritual vermittelt wird – zu einer „sicheren Stätte“ werden für Menschen, die in einem konzentrierten, sensiblen und wertorientierten Diskurs Klarheit über handlungsrelevante Fakten und Verhaltensoptionen in der Welt von heute und morgen suchen. Die Loge kann zum Handlungsvorbereiter werden und hierdurch auch an politischer Relevanz gewinnen. Sie kann, wenn sie ihr Potential ausschöpft, zur Entwicklung einer politischen Kultur des gesellschaftlichen Miteinanders beitragen, an der hierzulande doch wirklich Mangel herrscht, wie wir tagtäglich und zuweilen auf erschütternde Weise erleben.

Mut zum gesellschaftlichen Diskurs, zum hörbaren Wort

Arkandisziplin heute hätte dann vor allem die Funktion, den Raum für einen solchen Prozess der Klärung und Abklärung unserer Positionen, der Stiftung einer lebenskräftigen freimaurerischen Identität abzusichern. Arkandisziplin ist insofern weit mehr als eine Angelegenheit des Verhüllens. Arkandisziplin ist eine Angelegenheit des Vertrauens, der Offenheit von Mensch zu Mensch. Das Geheimnis macht wenig Sinn, wenn es nicht zum Heim wird für uns und unsere Brüder.

Im Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit ist Redlichkeit am Platz: Es gab Licht und Schatten, Leistung und Versagen im Entwicklungsprozess der deutschen Freimaurerei. Dies einzuräumen, wirkt auf Außenstehende viel sympathischer und interessanter, als das unendlich langweilige Posieren als selbsternannte „Weltmeister in Sachen Humanität“. Allerdings: Für die Information nach außen wie für den Klärungsprozess im Inneren muss das freimaurerische Wissen in der Bruderschaft verbessert werden. Wer nach dem „Wohin“ der Freimaurerei fragt, muss über das „Wie“ und das „Woher“ der Freimaurerei gründlich Bescheid wissen.

Und ein Letztes: Wir Freimaurer hätten uns – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – viel öfter an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie sich auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer „reflexiven Aufklärung“, auf die „Ethosproblematik“ (Stichwort „Weltethos“), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten (Stichwort „Einübungsethik) beziehen, oder mögen sie auf Reflexionen über Lebenskunst konzentriert sein, denn wenn Freimaurerei sich seit jeher als eine „Königliche Kunst“ verstand, so meinte sie damit doch vor allem die Kunst, das Leben recht zu führen. Also Mut zum Diskurs, zum hörbaren Wort. Es genügt nicht, die Stimmen anderer zu prämieren, dazukommen muss für uns Freimaurer, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt, die auf Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus.

Insgesamt hat – davon bin ich vollkommen überzeugt – die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz zuweilen kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu diesem Zweck zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen:

  • Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben.
  • Die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zur Zukunftswerkstatt für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen.
  • Unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von schaler Rhetorik oder – schlimmer noch – von obskuren Missverständnissen überlagert wird.
  • Unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern als Gestaltungsfaktor der Gegenwart, als schlichte und unpathetische Wahrnehmung mitmenschlicher Pflichten zu erkennen ist.
  • Schließlich: Unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld erlebt und verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder – schlimmer noch – mit den Wahnvorstellungen der Verschwörungs-„theoretiker“ verwechselt wird.

Eine erfolgreiche Freimaurerei lebt nun weitgehend von jenen Logen, die die zukunftsfähigen Strukturelemente der Freimaurerei überzeugend verkörpern, wo – salopp gesagt – das heute und morgen gesellschaftlich wirksame Angebot stimmt, wo es Freimaurer gibt, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte, wo die Loge als Logengruppe so attraktiv ist, dass der Suchende gern dazu gehören würde, und wo die Originalität der praktizierten freimaurerischen Konzepte den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, das passt in die Zeit, und das vermittelt meinem Leben Sinn“.

Die Logen hier in Hamburg, darunter heute besonders hervorzuheben die Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“, deren eindrucksvollem Gang durch die Geschichte wir dieses schöne Jubiläumsfest verdanken, gehören zu den Bauhütten in Deutschland, die uns nicht zweifeln lassen am Wert ihrer Arbeit und an ihren Erfolgen. Und wir alle wünschen diesen Logen – und wiederum besonders der alten und zugleich jungen „Kaiserhofloge“ – um ihretwillen, aber auch zum Besten der Freimaurerei in Deutschland, viel Glück auf ihren weiteren Wegen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

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Podcast: 16 gute Gründe, ein Freimaurer zu sein

NOTHING FOUND!

Wie wird man eigentlich Freimaurer? Diese Frage ist berechtigt, denn es spukt allerhand Irreführendes und Unsinniges über den weltumspannenden Bruderbund durch die Welt. Der Nimbus des „Geheimbundes“ und der „Weltverschwörung“ liegt wie uralter Staub über den Logen.

Also: Kann man so einfach Freimaurer werden und wenn ja, wie? Im englischen Sprachgebrauch gibt es eine sehr schöne Floskel, die diese Frage auf einfache und schöne Art vollständig beantwortet: „To be one, ask one!“ – „Möchten Sie einer werden, fragen Sie einen!“

Und so einfach ist es in der Tat: Im Internet finden Sie problemlos die Homepages der Logen in Ihrer Nähe, mit Adresse, E-Mail-Kontakt und oft auch Telefonnummer versehen. Wenn nicht – oder wenn Sie sich nicht sicher sind –, fragen Sie einfach bei der Kanzlei der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland unter kanzlei@freimaurerei.de nach. Dort kann man Ihnen in jedem Falle weiterhelfen.

Bleibt darüber nur noch die Frage: Warum sollte man eigentlich Freimaurer werden? Carlos Urban, Autor, Cartoonist, Medienmensch und seit vielen Jahren Freimaurer hat die wichtigsten Gründe in seinem Buch „Warum gute Leute Freimaurer werden sollten. Und wie.“ zusammengetragen.

Die nachfolgenden Argumente stellen in ihrer Reihenfolge keine Wertung dar. Sie finden sicherlich das eine oder andere, das Sie für sich als wichtig erachten. Ob es für den Wunsch
zu einer Mitgliedschaft reicht, entscheiden immer Sie selbst. Niemand wird Sie zu etwas drängen.

1. Vermittlung von Werten

In vielen Bereichen bemüht man sich zweifellos um die Vermittlung von Werten: In Schulen, Kirchen, Vereinen, bei Seminaren, Parteien, in Klubs und selbstverständlich in den Familien und im Freundeskreis. Mir ist jedoch keine Gruppe bekannt, in der die Wertevermittlung so ganzheitlich und tiefgreifend geschieht wie in einer gut geleiteten Freimaurerloge. Es ist die einzigartige Mischung zwischen Gespräch, Ritual und dem Handeln in der Gruppe, die Werte erfolgreich vermittelt.

2. Netzwerke

Netzwerke gibt es überall: in Vereinen, im Beruf, der Politik, im Kulturbereich. Sie sind für gewöhnlich dazu da, berufliche oder private Karrieren zu befördern, sich gegen andere Meinungen abzuschotten und werden gern auch abfällig als „Seilschaften“ bezeichnet. Was man in der Freimaurerei kaum findet, sind die immer wieder kolportierten beruflichen Netzwerke. Sie sind in den Logen als abfällig bezeichnete „Geschäftsmaurerei“ im Gegenteil verpönt. Wenn Sie sich durch eine Mitgliedschaft also berufliche Vorteile versprechen: Vergessen Sie es! In den Logen finden sich ganz andere Netzwerke, die Ähnlichkeiten mit den modernen „Sozialen Netzwerken“ im Internet haben. Wenn man für eine bestimmte Aufgabenstellung Mitstreiter oder Ratgeber, Zuhörer, Unterstützer, auch Mahner, kreative Anregungen und Kontakte benötigt, wird man hier relativ schnell fündig. In den Logen sind die Netzwerke nicht zielgerichtet, dafür vielseitig.

3. Berufliche Vorteile

Nun mag es seltsam erscheinen, dass ich gleich nach dem Abstreiten beruflicher freimaurerischer Netzwerke die Mitgliedschaft in einer Loge mit beruflichen Vorteilen verbinde. Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, lässt sich leicht auflösen. Ich versuche es mit einem Zitat von Adam Grant: „Die guten Typen schaffen es überdurchschnittlich oft bis ganz nach oben – Menschen, die ohne Gegenleistung geben, die Freunden helfen und Fremden Ratschläge anbieten. Sie schauen darauf, was andere brauchen und wie sie ihnen helfen kön-
nen. Sie teilen ihr Wissen, ihre Energie, ihre Verbindungen mit anderen. Und sie sind gerade deswegen erfolgreich.“

Die Theorie Grants „Erfolgreich sein zum Vorteil aller“ deckt sich durchaus mit den Ansprüchen der Freimaurer und wird schon lange praktiziert. Aber noch mehr spricht nach meiner Beobachtung dafür, dass sich unter den Freimaurern vermutlich mehr beruflich erfolgreiche Menschen befinden als im Durchschnitt der Gesellschaft: In den Logen lernen und vertiefen die Mitglieder soziale Kompetenz, sie verinnerlichen fairen und angenehmen Umgang mit anderen Menschen und sie gewinnen durch die Gespräche mit den Logenbrüdern, die bewusst aus den unterschiedlichsten Kreisen und Berufen kommen, ein deutlich umfassenderes Weltbild als ihre Kollegen und können auf das kollektive Wissen und Erfahrungen
der Bruderschaft zurückgreifen. Freimaurer haben also gute Voraussetzungen, aus eigener Kraft erfolgreich und gleichzeitig zufrieden zu sein.

4. Gesprächskultur

Die angenehme Diskussionskultur ist häufig das erste, was Gästen beim Besuch einer Loge auffällt. Und auch die Brüder schätzen dieses „Laut denken mit dem Freunde“, wie es Lessing formulierte, das sich als Konsequenz der „Gesamtmethodik“ in der Freimaurerei ergibt. Für eine erfolgreiche Kommunikation untereinander muss man sich sicher fühlen, muss seinen Platz in der Gruppe gefunden haben. Das brüderliche Miteinander, das keinesfalls zwangsläufig in Schönfärberei enden muss, der Respekt vor dem Recht einer anderen Meinung unterstützen dies.

Hin und wieder holen sich Logen externe Referenten zu unterschiedlichsten Themen. Die Referenten kommen gerne, und sie kommen gerne wieder, weil sie von der Offenheit und der Toleranz der Bruderschaft angetan sind, wie sie in einer gut aufgestellten und arbeitenden Loge vorgefunden werden. Nicht selten ist das der Beginn einer Mitgliedschaft.

5. Geselligkeit

Ein Mindestmaß an Geselligkeit braucht wohl jeder Mensch. Die Logen lösen auch dieses Bedürfnis, denn neben den – im Übrigen gar nicht so trockenen, sondern unterhaltsamen und humorvollen – Gesprächen über Ethik oder verwandte Themen, dient die Loge auch dem lockeren Gespräch in der Gruppe oder vertraulichen Gesprächen unter Freunden. Darüber hinaus unternehmen viele Logen gelegentlich Ausflüge mit den Partnerinnen und Gästen oder führen interne wie öffentliche Veranstaltungen durch. Zudem gibt es zahlreiche Kontakte und Zusammenarbeiten mit anderen Logen, aber auch mit nichtfreimaurerischen Gruppen und Organisationen. Geselligkeit in der Loge findet im rechten Maß statt, in guter Balance zwischen Anspruch und Entspannung.

6. Freunde finden statt „Buddies“

Viele haben hunderte, sogar Tausende „Buddies“, etwa bei Facebook. Doch das sind zunächst digitale Bekannte. Was aber jeder Mensch braucht, sind echte Freunde, mit denen man über alles reden kann, die Zeit und ein Ohr für Sorgen und Nöte haben, die auch Spaß und Freude teilen, die man zu unmöglichen Zeiten anrufen oder treffen kann, die uneigennützig helfen, wenn man sie braucht. Statistisch gesehen hat jeder Mensch nur ein bis drei gute Freunde. Wie wäre es, wenn Sie davon mehr haben könnten?

In den Logen kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Entstehen von Freundschaften begünstigen: Eine gleiche Interessenlage als verbindendes Element, die Häufigkeit des Kontaktes, die Offenheit, auf andere zuzugehen, der Wille zum Zuhören und Verstehen sowie die Bereitschaft zur Freundschaft. Und es kommt ein Typus der Freundschaft hinzu: der „brüderliche Freund“. Das sind Freimaurer, die ohne eine ausdrückliche Freundschaft Hilfe leisten, wenn ein Logenbruder sie benötigt, mit Rat und Tat zur Seite stehen, auch von sich aus auf andere zugehen, wenn sie eine Notwendigkeit sehen.

Die Freimaurer sind sich einander menschlich näher als dies vielleicht in der Gesellschaft üblich ist. Deswegen ist hier das Potenzial für Freundschaften größer. Beachten Sie: wie im normalen Leben kommen auch in der Freimaurerei Freunde nicht von selbst. Man muss einiges dafür tun.

7. Selbsterfahrung

Wenn Interessenten sich an eine Loge wenden, suchen sie oft nach dem Sinn ihres persönlichen Lebens. „Das kann doch nicht alles gewesen sein?“, ist eine der häufigen Fragen. Diese Menschen, die wir „Suchende“ nennen, erwarten fertige Antworten von der Freimaurerei, die sie sich aber nur selbst geben können. Aus gutem Grund beginnt daher der freimaurerische Weg im Lehrlingsgrad mit der Suche nach dem eigenen Ich, den eigenen Fragen, Stärken, Schwächen, Ansprüchen, Wünschen und Möglichkeiten.

Dem Prinzip der Freimaurerei als einer Art „westlicher Lebenskunst“ folgend werden die Antworten nicht durch Versenkung, Yoga, Meditation gesucht, sondern durch Nachdenken, durch ein ausgewogenes Verhältnis von Vernunft und Emotionalität, durch Rituale und Gespräche mit Freunden.

Zu wollen, wer man ist, was man kann, was man will und wie man es umsetzt, wofür der Grad des Gesellen ins sprichwörtliche Spiel kommt, gehört zu den ureigenen Aufgaben der Freimaurerei, ihren Mitgliedern zu einem Standpunkt, zu einer Sichtweise, zu Zielen und einer persönlichen Erkenntnis zu verhelfen. Das ist zunächst einmal wichtig, um sich im Anschluss in der und für eine Gesellschaft bewähren zu können.

8. Religiosität und Spiritualität

Die humanistische Freimaurerei ist zwar den Religionen gegenüber tolerant und vertritt auch keine eigene Glaubensüberzeugung, sie ist auch nicht im eigentlichen Sinne spirituell, sie bietet aber in ihren Ritualen Gedanken aus verschiedenen religiösen, spirituellen und philosophischen Systemen an, die der Teilnehmer als Anregungen und Teil seiner persönlichen Weltanschauung aufnehmen kann, aber nicht muss.

Diese gedankliche Freizügigkeit rührt aus der Frühgeschichte der modernen Freimaurerei her, und besonders die Einbeziehung zum Teil gegensätzlicher Weltbilder ermöglicht den Prozess des gegenseitigen Achtens und Verstehens, auch auf anderen Themenfeldern als der Religion. Das religiöse Bild der humanitären Freimaurerei, ihres Zeichens ein Kind der
Aufklärung, ist sehr freizügig und hat Platz für alle religiösen oder weltanschaulichen Sichtweisen.

9. Toleranz üben

Toleranz ist alles andere als Gleichgültigkeit. Man kann anderen Menschen gegenüber gleichgültig sein, weil man sich mit ihren Problemen oder Besonderheiten nicht beschäftigen will. Das kann eine sogar libertäre Form der Ausgrenzung sein, Toleranz ist es nicht. Toleranz geht immer einher mit einer anderen Meinung, die man nicht teilt, aber duldet im Sinne des „Ertragens“, weshalb Toleranz nicht geeignet ist, ein Dauerzustand zu sein. Schon Goethe erkannte: „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen.“ Das ist leicht gesagt, aber Toleranz ist eine der schwierigsten Aufgaben, mit denen sich ein Mensch beschäftigen kann.

In den Logen wird der Boden für Toleranz bereitet, nicht nur aus der Bereitschaft zur humanistischen Lebensgestaltung. Man trifft in den Logen auf unterschiedlichste Menschen, Sichtweisen und Erfahrungen, die auf dem Weg von der Gleichgültigkeit über die Toleranz zur Anerkennung und Einsicht führen können.

10. Meinungsbildung

Fraglos sind zur Meinungsbildung die verschiedenen Medien wichtig. Gelebte Meinungsbildung findet allerdings erst im Gespräch mit anderen Menschen statt. Dabei besteht die Gefahr, mit „Gleichgesinnten“ eine Meinung nicht zu erarbeiten, sondern nur zu verfestigen oder sogar zu Vorurteilen zu kommen. Eine Loge, die vorzugsweise aus den unterschiedlichsten Menschen besteht, der „Gemeinschaft Ungleicher“, wie sich der Bruderbund auch nennt, bildet ein ungeahntes Meinungsspektrum. Für viele Brüder ist es erfrischend, was sie beispielsweise an einem Bruderabend nach einem Impulsvortrag und nur einer knapp einstündigen, ergebnisoffenen Diskussion, an unterschiedlichen Meinungen und Standpunkten gehört haben, die zu einer umfassenden Meinungsbildung beitragen.

11. Informelle Selbstbeschränkung

In einer Zeit, in der beinahe täglich durch die Medien „eine neue Sau durchs Dorf gejagt“ wird, in der jedes Gerücht zur Meldung gemacht wird, in den sozialen Netzwerken jede Privatheit zur öffentlichen Verlautbarung verkommt, ist es tröstlich zu wissen, dass es auch noch „informelle Schutzzonen“ gibt, in denen nicht jeder zu jedem eine Meinung zu
haben sich veranlasst sieht, in denen vertrauliche Gespräche auch vertraulich sind, wo man aber auch Meinungen und Gedanken in einer Art meinungsbildendem Labor ausprobieren kann, wo Freiheit für Gedanken gilt, selbst wenn sie noch nicht ausgereift sind oder die Zeit noch nicht reif. Hier gilt Verschwiegenheit als charakterstärkende „Mannestugend“, bildet die Grundlage für Vertrauen, Freundschaft – und außergewöhnliche Gedanken.

12. Idealismus

Wenn Sie Idealist sind, die Welt retten wollen, wenn Sie eine „Verschwörung zum Guten“ suchen, wenn Sie anderen Menschen helfen möchten: dann sind Sie bei den Freimaurern richtig. Hier werden Sie – nicht nur, aber doch – viele Gleichgesinnte treffen, mit denen Sie über die Loge oder außerhalb Ihren Idealismus umsetzen können. Die Bruderschaft wird
Ihnen dabei mit großer Wahrscheinlichkeit Anerkennung, Hilfe und moralische Stütze sein können.

13. Weltbruderkette

Wer oft auf Reisen ist, wünscht sich vielleicht das Gefühl, ein wenig Zuhause zu sein, egal, wo er sich befindet. Über die sogenannte „Weltbruderkette“ ist dies möglich, denn Freimaurer einer regulären Loge haben das Recht, jede andere reguläre Loge der Welt zu besuchen. Reisende Brüder berichten immer wieder von den freundlichen Aufnahmen in fremden Logen, den angenehmen Erlebnissen und den teilweise langjährigen Freundschaften und Kontakten, die sich daraus ergeben. Es muss gar nicht die Weltbruderkette sein. Auch die Nachbarloge freut sich über Besuch und kann eine willkommene Abwechslung und Erweiterung des Horizontes bieten.

14. Humanität im täglichen Leben

Stéphane Hessel ruft in seiner Schrift „Engagiert euch!“ zum umfassenden Engagement im Alltag auf. „Es genügt nicht, sich aufzuregen, wie ungerecht die Welt ist. Ungerechtigkeit ist sehr konkret. Sie lauert an meiner Tür, hier und jetzt. […] Was wird da von mir gebraucht? Zur Stelle sein mit Worten und Taten, mit Herz und Verstand. Dem Betroffenen Unterstützung gewähren. So kann mich diese Kluft zwischen sehr reich und sehr arm, die meine Empörung geweckt hat, zu konkretem Handeln führen.“

Das Schöne an der Freimaurerei ist: Ihre Werte lassen sich auch im Kleinen und unspektakulär durchsetzen. Freimaurer stellen keine Forderungen an ihre Mitglieder, sie überlassen es dem Einzelnen, wie weit er diese Forderungen in seinem Leben umsetzt. Sie betrachten es bereits als großen Gewinn, wenn jedes Mitglied Menschlichkeit in der Familie, der Verwandtschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz umsetzt, so gut es geht. Dabei muss man die Freimaurerei nicht vor sich hertragen, man kann ganz diskret einfach handeln.

Nicht wenige Brüder engagieren sich für dieses Ziel auch in und mit den Logen, sie tragen die freimaurerischen Tugenden ihren Möglichkeiten entsprechend in Vereine, Parteien, Organisationen und wirken dort für Menschlichkeit. Die humanistischen Tugenden sind universell und können ohne jedes Sendungsbewusstsein im Kleinen wie im Großen umgesetzt
werden.

15. Innerer Friede und Ausgeglichenheit

Freimaurerei, insbesondere durch den wöchentlichen Logenabend, mehr noch durch das monatliche Ritual, bedeutet ein wiederkehrendes Innehalten, einen bewussten Moment der Entschleunigung. Wer bewusster wahrnimmt, sein Leben reflektiert und ordnet, wer Freunde hat, sein Verhältnis in der Welt und zum Numinosen klären kann, wird auch im rauen
Alltag mit größerer Ausgeglichenheit und Standhaftigkeit bestehen können.

16. Äußere Befreiung des Menschen wahren

Jürgen Holtorf bemerkt in seiner Schrift „Verschwörung zum Guten“, „dass der freimaurerische Auftrag der äußeren Befreiung des Menschen als erfüllt betrachtet werden kann“. Man mag das für den Kern der westlichen Welt so annehmen, aber diese Aussage war schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung selbst für Europa nicht vollumfänglich zutreffend. Die „Befreiung des Menschen“ ist beileibe nicht einmal in der westlichen Welt erreicht. Und dort, wo sie zumindest ansatzweise umgesetzt werden konnte, ist sie nicht auf ewig gesichert und muss jeden Tag erneut gegen anders gerichtete Interessenlagen verteidigt und bestärkt werden.

Warum gute Leute Freimaurer werden sollen. Und wie.

Dieser Text wurde mit Genehmigung des Autors aus dem Buch “Warum gute Leute Freimaurer werden sollten. Und wie.” entnommen. Erhältlich unter www.freimaurer-werden.de oder im Buchhandel unter der ISBN 9783735792433, 128 Seiten, 13,80 €

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Es gibt viele Missverständnisse über die Bruderschaft der Freimaurer. Dieser Text von Hans-Hermann Höhmann klärt darüber auf, was Freimaurerei ist: ein Freundschaftsbund, ein ethisch orientierter Bund, eine Initiationsgemeinschaft und symbolischer Werkbund, der aus der Tradition der europäischen Aufklärung entstanden ist. Mit ihren Wertpositionen Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Friedensliebe und Toleranz gibt sie Orientierungen und Maßstäbe für das Denken und Handeln ihrer Mitglieder.

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Das “Ritual 43” kann gegen eine Schutzgebühr von 20 € über die Redaktion der Zeitschrift HUMANITÄT (redaktion.humanitaet@freimaurerei.de) erworben werden (nur Freimaurer!). Der Reinerlös kommt dem Freimaurerischen Hilfswerk zugute.

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