Das große Jubiläum der Freimaurer

(Foto: Thomas Reimer / Fotolia)

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In diesem Jahr feiern viele Logen mit zahlreichen Veranstaltungen den 300-sten Geburtstag der Freimaurerei. Anlass genug, nicht nur über die glorreiche Vergangenheit der Freimaurerei nachzudenken, sondern auch darüber, welche Zukunft sie unter stark veränderten Bedingungen haben kann.
VON UNSEREM GASTAUTOR HANS-HERMANN HÖHMANN

Wie immer wir mit dem Großen Jubiläum der Freimaurerei im kommenden Jahr umgehen, ob wir es auch als unser Jubiläum verstehen und mitfeiern, oder ob wir es eigentlich als das Große Jubiläum der englischen Freimaurerei, und da ist für uns doch eher Zurückhaltung am Platze: Allein schon durch das wachsende Interesse von Öffentlichkeit und Medien sind wir auch hierzulande auf eine herausfordernde Weise mit dem Ereignis 2017 konfrontiert.

Teilweise ist dieses Interesse mit Respekt und Anerkennung verbunden und beruht auf einer – freilich oft ratlos-uninformierten – Wertschätzung der Freimaurerei als Aktivposten der europäischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Oft aber hat die Aufmerksamkeit, mit der wir im Zeichen von 2017 wohl gehäuft zu rechnen haben, einen düsteren und obskuren Hintergrund, und wir haben mit Neuinszenierungen vieler jener entstellenden und verzerrenden Mythen zu rechnen, die uns durch große Teile der Geschichte der Freimaurerei begleitet haben, und die ja auch so prächtig hineinpassen in die Phantasie- und Fabelwelt, die seit dem Einsetzen der Postmoderne reüssiert.

Gerade ist das Oktober-November Heft der Zeitschrift „Hörzu – Wissen“ erschienen, und zwar mit dem bezeichnenden Aufmacher auf der Titelseite: „Die dunkle Macht der Geheimbünde. So lenken Freimaurer, Illuminaten & Co unsere Welt“. Schlagen wir das Heft auf, so finden wir z.B. unter einem Portrait des amerikanischen Freimaurers Albert Pike folgenden Text: „Verdacht. Albert Pike gilt unter Verschwörungstheoretikern als Satanist, der die Weltherrschaft anstrebte.“ Der weitere Text geht dann nicht mehr ganz so weit an der Realität vorbei, doch Thema und Tendenz sind markiert, und Ähnliches wird folgen, ins Jubiläumsjahr hinein und sicherlich auch darüber hinaus.

Die Frage nach den Mythen, den fremden, uns immer wieder übergestülpten, aber auch den eigenen Mythen und Erzählungen wird mich gleich weiter beschäftigen. Doch zunächst ein paar Bemerkungen zu den Möglichkeiten, mit dem Jubiläum der Freimaurerei umzugehen.

Vier unterschiedliche, wenn sich auch teilweise überschneidende Modelle – „Jubiläumstypen“ gleichsam – lassen sich erkennen: Erstens der museale Ansatz, bei dem Freimaurerei dargestellt wird, wie unser Wissen und die uns zur Verfügung stehenden vorzeigbaren Objekte es zulassen. Zweitens der glorifizierende Ansatz, bei dem Freimaurerei als Inbegriff des Guten und Fortschrittlichen gepriesen wird nach dem impliziten oder gar expliziten Motto: Freimaurer waren und sind Weltmeister in Sachen Humanität. Drittens der faktengerechte Ansatz, bei dem Freimaurerei, so wie sie unserem redlich ermittelten Wissen nach war und ist, in ihren Bezügen zu gesellschaftlicher Entwicklung und Zeitgeist mit ihren Höhen und Tiefen beschrieben, analysiert und dokumentiert wird. Schließlich viertens der produktive Ansatz, bei dem auf der Basis einer redlichen Beschreibung und Analyse von Herkunft und gegenwärtigem Zustand Freimaurerei in die Zukunft weitergedacht wird und gefragt wird, welche masonischen Erzählungen für Konzept und Praxis der Freimaurerei im 21. Jahrhundert taugen.

So sehr ich auch dem Ansatz „Freimaurer-Museum“ mit Sympathie begegne, zumal er uns erfreulich häufig mit den öffentlichen Museen und damit einem wichtigen Teil der kulturellen Öffentlichkeit in Berührung bringt, und so sehr ich hoffe, dass die deutschen Freimaurer der Versuchung von Ansatz 2, dem unkritisch-flachen Hochjubeln widerstehen, so sehr liegt mir doch vor allem an einer kreativen Mischung der Ansätze 3 und 4: der sauberen Aufarbeitung masonischer Fakten und dem kreativen Weiterdenken der Freimaurerei.

Wenn dieses aber das Ziel ist, so haben wir nach den leeren Feldern unseres Wissens zu fragen, auf Wunschdenken und gefällige Erfindungen zu verzichten, ernsthaft zu forschen und zur Füllung der Leerstellen auch intensiv mit der externen Forschung zu kooperieren. Des weiteren haben wir uns mit den Unterschieden, Widersprüchen und Konflikten in der Freimaurerei zu beschäftigen, die die maurerischen Wirklichkeiten durch drei Jahrhunderte hindurch nachhaltig bestimmt haben und heute noch bestimmen. Und schließlich müssen wir den verschiedenen Bilderwelten und Mythen kritisch nachgehen, die die Entwicklung der Freimaurerei begleitet haben, und die – oft von uns mit verschuldet – in verzerrter Form auf uns zurückkommen.

Dies alles bedeutet unter anderem auch, dass wir aufhören müssen, Freimaurerei als Einheit, als etwas Einheitliches gar zu verstehen und darzustellen.

Sicherlich gibt es durch die Geschichte hindurch den beschreibbaren, organisatorisch-kulturellen Formenkreis „Freimaurerei“, – angesiedelt um Elemente wie Logengruppe, Initiation, Bausymbolik und moralische Lehren. Aber innerhalb dieses Formenkreises waren und sind viele Freimaurereien möglich, die sich unterscheiden und die sich auch oft gar nicht so geliebt haben und lieben, wie es dem Gebot der Bruderliebe entspricht. Und dies hängt wiederum nicht zuletzt mit den widersprüchlichen Mythen und Erzählungen der Freimaurerei zusammen, die den Weg des Bundes begleitet haben.

Wenn wir uns diese Mythen anschauen, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, sich aber trotzdem voneinander unterschieden, ja im Konflikt zueinander gestanden haben. Erstens die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, mit denen sich die Geheimnisse der Welt entschlüsseln lassen, zweitens die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters der Freimaurerei, und von der durch ihn offenbar gewordenen, stufenweise erkennbaren Weisheit und drittens die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, vom Freimaurer, der allein dem Sittengesetz verpflichtet ist.

Im Verständnis nach Innen, aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese – mit sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei verbundenen – Erzählstränge oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Resultat sind dann nicht selten diffuse organisatorische Strukturen, Ideen und Rituale. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns wieder in den Geschichten, die andere in Form von obskuren Phantasien und Verschwörungsgeschichten, oft schön gruselig bebildert und filmisch in Szene gesetzt, über uns erzählen.

Hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme: Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, was und wer wir sind, und weil wir die „Arbeit am Mythos“ – um es mit einem Begriff des Philosophen Hans Blumenberg zu sagen – so sträflich vernachlässigen, dass uns klare Aussagen gegenüber der uns umgebenden Gesellschaft und der sich für uns interessierenden Öffentlichkeit nicht gelingen. „Arbeit am Mythos“ ist also nötig, und „Arbeit am Mythos“ hieße für die deutsche Freimaurerei der Gegenwart zunächst einmal zu ordnen, zu klären, zu unterscheiden und auszuwählen. Gleichzeitig hieße „Arbeit am Mythos“, Vergangenes zu prüfen im Hinblick auf Orientierungstauglichkeit für Gegenwart und Zukunft. Dabei geht es um Wertschätzung und Kritik zugleich. Zukunft braucht Herkunft, gewiss. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, verfehlt die Zukunft, und wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.

Vergangenheit darf nicht fesseln, Wurzeln müssen sich mit Flügeln verbinden und beim Neuaufbruch muss es erlaubt sein, Veraltetes und Überholtes hinter sich zu lassen.

Das heißt: Mit der Beschwörung vergangenen Zaubers, mit dem Erzählen früherer Geschichten und mit der gebetsmühlen-artigen Benennung alter Helden kommen wir heutzutage nicht aus. Die freimaurerischen Erzählungen für die Gegenwart bedürfen einer neuen Struktur, und haben sich vor allem auf Wirksamkeit, auf Deutlichkeit, auf Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft und auf Praxis zu konzentrieren, und zwar jeweils in und aus der Sicht der unterschiedlichen freimaurerischen Lehrarten.

Für mich als humanitären Maurer steht die Konzentration auf Konzept und Praxis einer humanitären Freimaurerei im Zentrum, die – aufbauend auf den alten Erzählungen von Freiheit, von Selbstbestimmung, von Wert und Würde des Menschen – einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Was aber heißt das konkret und im Detail? Diese Frage müssen wir ja stellen, dringlich stellen, denn die in meiner Großloge üblich gewordene Aussage „Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“ ist ja längst zu einem zwar herzerwärmenden, doch konzeptionell dürftigen Mantra geschrumpft. Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein Humanismus, der Aufgaben im hier und jetzt begründet, ein säkularer Humanismus, ein Denken und Fühlen, das sich an der Würde des heutigen, konkreten, einzelnen Menschen orientiert, das den Aufbau humaner Lebenswelten zum Ziel erklärt und das sich durch moralisches Handeln in humanitäre Praxis umsetzt.

Freilich wäre dieser Humanismus ohne die spirituelle Dimension des freimaurerischen Rituals einseitig, flach und sowohl emotional als auch intellektuell verkürzt. Freundschaft, Ethik und Ritual – so habe ich immer wieder zu begründen versucht – gehören untrennbar zusammen. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, und wenn es etwas gibt, das Wesen, Charme und Alleinstellung der Freimaurerei ausmacht, so ist es dieses „Drei-in-eins“ von Gemeinschaft, ethisch-moralischer Orientierung und ritueller Spiritualität.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden von besonderer Bedeutung, die ich als Anstoß für Überlegung und Diskurs in fünf Thesen zusammengefasst habe: 1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen heutigen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns. 2. Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft. 3. Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der Gesellschaft voran gebracht werden kann. 4. Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist vorrangiges Grundelement menschlicher Orientierung. 5. Schließlich: Das Prinzip Aufklärung hat auch heute noch zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Diese fünf Orientierungen bestimmen allerdings nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln. Wenn wir uns nicht mit Schlagwörtern, Allgemeinplätzen und Platituden begnügen wollen, so ist es höchste Zeit dafür, diesen Rahmen im Diskurs der Brüder mit konkreten, zeitbezogenen Vorstellungen zu füllen, und hierzu mag das „Laut denken mit dem Freunde“, das Lessing empfohlen hat, auch für den Maurer von heute eine vorzügliche Methode sein.

Ihr betont säkularer Charakter bedeutet gleichzeitig, dass sich eine humanistisch orientierte Freimaurerei sowohl gegenüber den hermetisch-esoterischen als auch gegenüber den christlich-gnostischen Traditionen und Mythen der Freimaurerei skeptisch verhält. Gewiss können freimaurerische Rituale auch in der Humanistischen Freimaurerei esoterisch verstanden werden, und die Freimaurerei kann Ort esoterischer Diskurse sein. Diese dürften um so fruchtbarer ausfallen, je mehr man sich von der in alten Ritualen geronnenen, oft wenig authentischen Esoterik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts befreit und den heute zugänglichen ursprünglichen Quellen der Esoterik zuwendet und auch Nutzen zieht aus den mittlerweile beachtlichen Resultaten der Esoterikforschung. Die Beschäftigung mit Esoterik als einer Denktradition und überlieferten religiösen Sichtweise bedeutet jedoch nicht, dass die Verheißung einer Entschlüsselung geheimer Codes und „verlorener Symbole“ im Mittelpunkt der Freimaurerei und ihrer Rituale stehen dürfte.

Denken wir in diesem Sinne kreativ nach, so können wir durchaus darauf hoffen, dass es zum Auslösen notwendiger Aktivitätsimpulse kommt: Impulse für überzeugende freimaurerischen Konzepte, Impulse für eine gute Gruppenqualität der Bruderschaft sowie Impulse für eine überzeugende humanitäre Praxis nach innen und außen.

Und ich bin davon überzeugt, dass Erfolge möglich sind, wenn wohl überlegt daran gearbeitet wird, die mannigfaltigen Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns bisher blockieren, und wenn wir gleichermaßen deutlich und sensibel genug sind, mit kreativen Gedanken in den gegenwärtigen Diskursen der Gesellschaft präsent zu sein. Denn wichtiger als ein Sich-Anhängen an die Bedeutung anderer – durch Preisverleihungen etwa oder durch Einladungen prominenter Nicht-Freimaurer als Redner zu unseren Veranstaltungen – wäre es, mit eigener Stimme in der Gesellschaft vernehmbar zu sein.

Wie kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten?

Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist eine der Grundfragen heutiger Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen. Ich gebe ein paar Beispiele dafür: So setzt etwa die gegenwärtige Heterogenität der Gesellschaft die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft; so vermittelt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt wenig Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge, so bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt ja auch die traditionellen Legitimierungen des Männerbundes in Frage; so bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck; so führt – schließlich – die Kultur der Postmoderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern niedrigsten Niveaus. Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung freimaurerischer Zukunftsziele.

Doch ich bin bei aller Skepsis davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der heutigen Moderne nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen auszumachen. Um diese Möglichkeiten zu nutzen, müssen allzu rasche und gedankenlose Anpassungen an die Strukturen der Gegenwart vermieden und Chancen gleichsam „quer zum Zeitgeist“ ergriffen werden. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen kräftig anwachsen zu lassen. Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen suchen einen Raum, um sich zu öffnen, Probleme auszutauschen, Hilfe zu finden; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt: Es gibt sie doch, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe kann und muss die Freimaurerei ihre konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis kann sie die Stimmigkeit ihrer inneren Strukturen überprüfen, ihre Spannungen und Eitelkeiten überwinden und von hierher kann sie auch ihr Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz – längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, besteht der besondere Wert des Bundes nicht mehr im Propagieren lieb gewonnener Parolen. Er besteht in der Methode einer fortgesetzten Arbeit an den faktischen und an den konzeptionellen Details, sowie in einer beständigen Einübung in eine wertverpflichtete Praxis. Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, aber sie kann – wie es im Ritual meiner Loge heißt – zu einer „sicheren Stätte“ werden „für Menschen, die Wahrheit suchen“, für Menschen, die in einem konzentrierten, wertorientierten und sensiblen Diskurs Klarheit über sich selbst und über die handlungsrelevanten Fakten und Optionen in der Welt von heute und morgen suchen.

Bei alldem und insgesamt müssen die jeweiligen Strukturen und Prinzipien der deutschen Großlogen klarer herausgearbeitet werden. Im Falle meiner eigenen Großloge, der Großloge AFuAM etwa muss deutlicher werden, was Humanismus und Aufklärung heute für sie bedeuten, als den bestimmenden Eigenschaften der deutschen Großloge, die sowohl fest in der Tradition der humanitären deutschen Freimaurerei steht als auch in der von den „Alten Pflichten bestimmten Tradition der Weltfreimaurerei.

Die Forschungsloge „Quatuor Coronati“ gehört unmittelbar zur VGLvD, und deshalb können wir – im quasi eigenen Haus – einmal ganz entspannt feststellen: Ob wir es wollen oder nicht: die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ sind ein Dachverband mit begrenzten Wirkungsmöglichkeiten. Die VGLvD dürfen folglich weder aus der Bruderschaft heraus überfordert werden, noch dürfen sie sich selbst an Aufgaben überheben, für die sie nicht geschaffen sind und die sie auch nicht lösen können. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland sollten aus der Not, sich nicht einmischen zu dürfen in Organisation, Selbstverständnis und Rituale der Vertragspartner, eine Tugend machen und sich vor allem als Raum begreifen, der Freiheit gibt. In diesem Raum der Freiheit müssen die Maurer der einzelnen Partner-Großlogen selber sagen, wer sie sind und wie sie sein wollen. Dabei können – wie gesagt – die Wege auseinander gehen. Doch klares Profil ist gefragt, masonischer Schmusekurs hilft nicht weiter und ein Jubiläum des Jubels reicht nicht aus. Ein Jubiläum innerer und äußerer Profilierung ist erforderlich.

Insgesamt – davon bin ich vollkommen überzeugt – hat die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz des kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen. Dass die deutsche Freimaurerei entgegen vielen historischen Hoffnungen keine Einheit ist, dass in ihr unterschiedliche, ja gegensätzliche Meinungen vertreten werden, ist kein Nachteil. Nachteilig wäre, wenn so getan würde, als gäbe es diese Unterschiede nicht und wenn sich die deutsche Freimaurerei im Jubiläumsjahr als eine „Freimaurerei des als ob“ präsentierte. Ihre Vielfalt sollte sichtbar werden, und auf die Freiräume sollte sie stolz sein können, die für die Weiterentwicklung dieser Vielfalt zur Verfügung stehen.

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