Der gekochte Frosch

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imacture / Adobe Stock

Unsere gesellschaftlichen Werte erodieren zusehends. Vielleicht bemerken wir es, aber wir handeln nicht konsequent. Br. B.F. hat es bemerkt und mahnt mit einer Ritualaufforderung: "Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt."

Stellen wir uns vor, man wirft einen Frosch in einen Topf mit brühendheißem Wasser. Der Frosch wird die Veränderung seiner Umwelt rasch bemerken und versuchen, so schnell wie möglich wieder heraus zu kommen. Was passiert aber, wenn man ihn in einen Topf mit lauwarmen Wasser wirft? Der Frosch wird sich wohlfühlen. Erwärmt man nun das Wasser langsam, sagen wir stündlich um jeweils 1° C, so passiert überraschenderweise zunächst gar nichts. Der Frosch fühlt sich weiter wohl und bemerkt die lebensbedrohliche Temperaturerhöhung nicht. So bekommt er nicht rechtzeitig mit, dass er gekocht wird. Sobald er es bemerkt, bekommt er eine Hitzestarre und kann dann nicht mehr fliehen. Er ist verloren!

Zugegeben eine böse Geschichte, aber sie zeigt Parallelen zu unseren derzeit stattfindenden gesellschaftlichen Prozessen. Wir erkennen offensichtlich nicht, wie bedrohlich die gegenwärtige gesamtgesellschaftliche Situation für uns alle ist. Am Ende kann es uns ergehen, wie dem armen Frosch; wir begreifen erst was geschehen ist, wenn es zu spät ist.

Worum geht es?

Unübersehbar drängen solche gesellschaftlichen Kräfte in die Zentren der Macht, die grundlegende Veränderungen herbeiführen wollen. Längst überwunden geglaubte nationalistische Strömungen werden von Konservativen, Rechtspopulisten und Rechtsextremisten wieder hoffähig gemacht (… man wird ja wohl noch sagen dürfen.) Eine offene, pluralistische Gesellschaft, die in allen Bereichen vorhandene Vielfalt von Gruppen, Organisationen, Institutionen, Meinungen, Ideen, Werten und Weltanschauungen gleichberechtigt nebeneinander zulässt, wird propagandistisch und dort wo möglich auch operativ massiv bekämpft. Grundwerte, die weitgehenden verfassungsrechtlichen Schutz in Europa hatten, stehen bereits zur Disposition, oder wurden bereits abgeschafft. Im EU-Staat Polen wird die Legislative entkernt und dem Willen der Exekutive unterstellt, also faktisch abgeschafft. In einem EU-Land wird die Gewaltenteilung beseitigt und die europäischen Staaten zeigen sich völlig apathisch bis zur resignativen Handlungsunfähigkeit.

Rechte Bewegungen, Organisationen oder Parteien mögen sich an der sogenannten Migrationsfrage, an Grenzkriminalität und Asylbewerberproblemen abarbeiten, doch das sind nur die Symptome. Die eigentliche Krankheit geht sehr viel tiefer. Es geht um die grundlegende Veränderung unserer Gesellschaft, um Abschaffung einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft und die Etablierung einer autoritären, obrigkeitsstaatlichen „gottgewollten“ Ordnung. Alain de Benoist, einer der führenden Köpfe der französischen Neuen Rechten Bewegung erklärt dazu folgendes: „Mein Hauptgegner ist der Kapitalismus in ökonomischer Hinsicht, der Liberalismus in philosophischer und das Bürgertum in soziologischer Hinsicht.“ Wenn ein namhafter deutscher Politiker davon spricht, man brauche eine „konservative Revolution“, dann meint er genau das, nämlich eine autoritäre, obrigkeitsstaatliche Ordnung. Das ist keine Entgleisung, wie ein Kommentator in der „Süddeutschen Zeitung“ meinte, nein! Das politisches Ziel.

Der Ethnopluralismus soll die homogenen Völker in ihren eigenen Räumen halten, wobei Liberalismus, Toleranz und Pluralismus durch die Souveränität der Nationalstaaten ferngehalten werden soll. Der Begriff Raum ist hier sowohl als territorialer Raum, wie auch als Überbau eines gemeinsamen geistigen Raumes zu verstehen. Vergleichbare Ziele verfolgen die politische Linke und [ man beachte!] der Islamismus. Auch die politische Linke will den Kapitalismus, den Liberalismus und das Bürgertum [Bourgeoise] durch eine eigene sozialistische Gesellschaftsform ersetzen. Dabei ist das Versagen der Linken besonders kläglich, denn an Stelle des Kampfes gegen ökonomische Ausbeutung ist der Kampf gegen kulturelle Diskriminierung getreten. Die derzeit vehement betriebene Identitätspolitik vieler Linker entfernt sich in gleichem Maße vom Universalismus der Aufklärung, wie die Neue Rechte. Auch der politische Islamismus verfolgt die gleichen Ziele, weil die derzeitige Gesellschaftsform nicht „gottgewollt“ ist. Ziel der Islamisten ist der Errichtung eines Gottestaates.Die Gesellschaftsform, in der wir leben, wird also z.Zt. von drei Seiten, die sich in ihren Zielen kaum voneinander unterscheiden bedroht. Die Neue Rechte, die den größten Zulauf findet und permanent wächst, die politische Linke, die in meiner Wahrnehmung jedoch weitgehend domestiziert ist und der politische Islamismus, dessen Entwicklung schwer vorhersehbar ist. Sowohl die Neue Rechte, als auch die Linken benutzen dabei jeweils ein Opfernarrativ. Sieht die Neue Rechte die ethnische Reinheit [Rasse], das Volk, den Lebensraum, aber auch eine kulturelle Unterwanderung als Bedrohung, so sieht die Linke eher Ausbeutung, Unterdrückung und ökonomischen Imperialismus als Hauptgefahr.

Neben dem Dauerthema „Fremde und Überfremdung“ eint die Neue Rechte ein weiterer gemeinsamer Feind: Die Europäische Union. Die EU mit einer multikulturellen Gesellschaft ist für die Dansk Folkeparti aus Dänemark, die LEGA Nord aus Italien, die AfD aus Deutschland, die FPÖ aus Österreich, die BREXIT Befürworter in England, die katalanischen Separatisten und den FRONT National in Frankreich, ein internationaler Moloch, der mit Beschlüssen und Entscheidungen die einzelnen Nationen fremdbestimmt und diese letztlich auflösen will. Dieses Feindbild verbindet die gesamte Europäische Rechte.

Nicht wegen tausender Flüchtlinge an den europäischen Grenzen droht die EU zu zerbrechen, sondern weil ihr die Kraft fehlt sich innerlich zu erneuern und den Kerngedanken der europäischen Integration weiter zu entwickeln.
Die „America-first-Politik“ des US Präsidenten ist die amerikanische Version der gleichen Denkart und somit eine Abbildung der Ziele der europäischen Neuen Rechten. Bei der amerikanischen All-Right Bewegung kommt zum nationalistischen ein sehr stark ausgeprägtes rassistisches Moment hinzu. Auch die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland beruht auf dem gleichen nationalistischen Weltbild. Der russische Nationalist Alexander Dugin, Lehrstuhlinhaber an der Lomossow-Universität in Moskau, spricht bei einer Zusammenkunft der Neuen Rechten in Wien 2014 dann auch folgerichtig von „russischem Boden, russischem Blut und russischem Raum.“

Wir haben es hier also mit einer breit aufgestellten, supranational agierenden Neuen Rechten-Bewegung zu tun. Wir erleben gegenwärtig die Erosion unserer Gesellschaftsordnung – einer Gesellschaftsordnung, die ihre geistigen Fundamente in der Aufklärung hat und die mit Blut, Schweiß und Tränen von vielen Generationen vor uns mühsam erkämpft wurde.

Transportmittel und Beschleuniger der Werte-Erosion sind die schönen neuen Medien mit den sogen. sozialen Netzwerken. Facebook, Twitter, Instagram und zahlreiche Blogs im Internet sind zu Plattformen von Hassverbreitung, gezielten Falschinformationen, dreisten Lügen und Agitation geworden. Nahezu unkontrolliert kann jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort die neuen Medien nutzen, um seine Interessen und Ziele ohne jegliche Rücksichten zu verfolgen.

In Art. 21 GG heißt es u.a.“ Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Die Parteien haben also den verfassungsmäßigen Auftrag, die politische Willensbildung durchzuführen. Aber wo findet heute die politische Willensbildung statt? In Talkshows, in Blogs und in sozialen Netzwerken. Eigentlich ein Skandal, denn unser Grundgesetz wird ausgehöhlt. Das alles geschieht heute vor unseren Augen. Damit sind wir dann auch wieder bei dem „gekochten Frosch“. Bis sich eine gesellschaftlich relevante Gegenbewegung aufgebaut hat und wirkungsvoll agiert, ist es vielleicht für uns und unsere Kinder zu spät. Unsere Gesellschaftsordnung, die sich auf Liberalität, auf Recht und Gleichberechtigung gründet wird in diesen Tagen zerstört. Wir verspielen unser Werte.

Die metaphysische Aufladung und die mythische Überhöhung aller dieser genannten Begriffe der Neuen Rechten (Volk, Umvolkung, ethnische Reinheit, Raum, Lebensraum, Blut, etc.), aber auch die abstoßende Verrohung der Sprache durch Hetzparolen wie Asyltourismus oder Abschiebeindustrie stehen in diametralem Widerspruch zu einer aufgeklärten Gesellschaftsform, die sich auf freie Information, auf Wissen und Erkenntnis bezieht und daraus unverzichtbare Werte wie Toleranz, Offenheit und Brüderlichkeit ableitet. Es widerstrebt meinem moralischen Kompass und meinem freimaurerischen Ethos zutiefst, dass die Errungenschaften der Aufklärung, die auch unsere freimaurerischen Ideale sind, auch deshalb zerstört werden, weil wir sie unseren Feinden überlassen.

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