Die drei Kerzen

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Foto: gudrun / Adobe Stock

Die nachfolgende Zeichnung, gespickt mit Dutzenden von Zitaten aus der Weltliteratur, wurde zum Johannisfest einer Berliner Loge gehalten und beschreibt augenzwinkernd Aspekte der freimaurerischen "Tempelarbeit".

Von Br. A.S.K., Berlin

Es ergab sich einst, dass fünf Ritualbeamte sich zu einer Arbeit im Tempel trafen. Sie hatten schon alles nett und nach Gesetz eingerichtet und breiteten den Teppich aus. Nun begab sich der Meister zu dem Ersten Schaffner um die Kerze der Weisheit anzuzünden. Kaum hatte der Meister das Licht der Weisheit entflammt, da meldeten sich die Geister der Kerze.

„Na, das war schon wirklich an der Zeit, uns aus dieser Dunkelheit zu befreien. Warum lassen die uns immer so lange warten?“, sprach die erste Stimme. „Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten ‚Harren und Hoffen!‘“, gab ihr jemand mit müder Stimme zu Antwort. Und eine andere Stimme entgegnete versöhnend: „Darin aber liegt die höchste Weisheit (…) bekümmert euch nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern dass ihr viel liebet, so wird euch die Liebe geben, was euch kein Wissen je geben kann!“

„Wie wahr, wie wahr”, sprach jemand mild: „Das Unglück derer, die nichts begreifen, ist, dass sie sich selbst für klug halten, sodass sie wahre Weisheit sicher nicht begreifen.“ „Traurig, aber so ist das wohl“, stimmte auch ein anderer Geist zu. „Doch bedenkt: ‚Das Volk liebt den Mann, der die Gerechtigkeit bringt, dem Weisen schenkt es eher Ehrfurcht als Liebe‘.‘“ „So war das wohl schon immer“, fügte jemand bestätigend hinzu: „Der Menge gefallen heißt den Weisen missfallen.“ „Ich bin mir jedenfalls bewusst, dass ich keine Weisheit besitze, weder groß noch klein“, sagte daraufhin einer, den alle anderen für besonders weise hielten. „Na und: ‚Ein Dummkopf, der arbeitet, ist besser als ein Weiser, der schläft‘“, erwiderte jemand bauernschlau. „Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen“, stellte ein weiterer Geist fest. „Und wer ein Ding zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen“, fügte scherzhaft jemand hinzu. „Ja … Der Kluge lernt nach dem ersten Fehler, der Dumme nach dem x-ten Fehler, der Weise lernt nie aus‘“, warf fast traurig der Bauernschlaue ein. Und fast für sich seufzte jemand aus dem Hintergrund: „Was nützt mir meine Weisheit, wenn die Dummheit regiert.“ Die Art wie er es sagte lies keinen Zweifel daran, dass der Unbekannte wusste, wovon er sprach.

Indes entzündete der Erste Aufseher die Kerze der Stärke an seinem Tisch, und auch diese begann mit vielerlei Stimmen zu sprechen. „Die Stärke ist die Grundlage aller Tugend“, sagte jemand mit einem deutlichen französischen Akzent. Ja, aber erst „Anstrengungen machen gesund und stark“, erwiderte von sich überzeugt eine andere unerbittlich klingende Stimme. Doch bedenkt: „Das Weiche besiegt das Harte, das Schwache triumphiert über das Starke“,
entgegnete fast vorsichtig eine weitere und sehr milde Stimme. „Der Kern des Problems, vor dem wir (…) stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben?“, fügte nachdenklich eine vierte Stimme hinzu. Stimmt. „Der Starke ist am mächtigsten allein“, bestätigte eine weitere Stimme, die dabei fast traurig erklang. „Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen“, erwiderte jemand, der offensichtlich ein Poet gewesen sein muss. „Papperlapapp. ‚Die Natur passt sich ebenso gut unserer Schwäche wie unserer Stärke an‘“, entgegnete herausfordernd ein weiterer Geist. Und ein anderer erwiderte dem „Poeten“ philosophisch: „Die Stärke der Gefühle kommt nicht so sehr vom Verdienst des Gegenstandes, der sie erregt, als von der Größe der Seele, die sie empfindet.“ „Für die Moral ist es sehr gefährlich, der Stärkere zu sein“, ermahnte eine weitere Stimme. „Wie wollen wir denn nun sein: stark, schön und erfolgreich – oder edel, hilfreich und gut?“, meldete sich provokant eine junge Stimme.

Während sie noch sprach, entzündete der Zweite Aufseher die Kerze der Schönheit an seinem Tisch, doch ihre Geister blieben still. Sie wussten wie zerbrechlich und vergänglich ihr Wesen war. Im Unterschied zu den Geistern der Weisheit und der Stärke mussten sie zeit ihres Lebens auch niemals etwas beweisen, erdenken oder gar erschaffen. Es genügte ihnen immer einfach zu sein, was sie waren: schön. Etwas von sich Preis zu geben durch bloßes Gerede, hätte nur von dem Glanz ihres Daseins abgelenkt und damit unweigerlich ihre Schönheit geschmälert. Außerdem wussten sie genau: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Im Auge wohl gemerkt, nicht im Ohr. Und sie konnten sich noch viel zu gut daran erinnern, wie einst ein Jüngling zu einer holden Magd sagte: „Deine Schönheit ist nichts wert, ohne meiner Liebe.“

Die fünf Beamten hatten nichts davon mitbekommen. Obwohl eine feierliche Stille in dem kleinen Tempel herrschte, drang keine der Stimmen bis in ihr Ohr hinein. Die beiden Aufseher und der Meister begaben sich also völlig ungerührt zu den drei Säulen im Westen, Süden und Osten, um dort ihre Kerzen aufzustellen. Der Meister hatte einen schweren Tage hinter sich gebracht und die Ausführung seines Amtes begann ihn langsam zu ermüden. Tief in seinem Inneren fragte er sich ob es wirklich weise war sich damals wählen zu lassen. Doch er stellt seine Kerze auf und sprach: „Weisheit leite unseren Bau!“

Auch der Erste Aufseher schwächelte ein wenig. Bereits seit Wochen leistete er Überstunden und nahm die Arbeit dennoch mit nach Hause. Selbst sein Arzt riet ihm, ein wenig Auszeit zu nehmen, um seine Kräfte zu sammeln, doch daran war im Augenblick nicht zu denken. Nach einer kurzen Pause stellte auch er seine Kerze auf und sprach: „Stärke führe ihn aus!“

Der Zweite Aufseher war jung und kräftig, selbstverständlich von gutem Rufe und leider noch buchstäblich frei. Schon viel zu lange, wie er empfand. Ausgerechnet heute, auf dem Weg zur Loge, war ihm ein wunderschönes Mädchen begegnet. Ihre Blicke trafen sich und sie lächelte ihn sogar verlegen an. Och, wie gerne hätte er sie angesprochen, doch er war spät dran und musste pünktlich im Tempel erscheinen. Er fragte sich gerade, ob er sie jemals wiedersehen würde, als ihm die verwunderten Blicke des Meisters und des ersten Aufsehers begegneten. Schnell stellt er seine Kerze auf und sprach überzeugt: „Schönheit ziere ihn!“

Mit diesen Worten begaben sich nun die Hammerführenden an ihre Plätze zurück, und sobald der Meister wieder hinter dem Meistertisch stand, schlug er mit dem Hammer einmal auf. Der Zweite und dann der Erste Aufseher wiederholten den Schlag. „In Ordnung, meine Brüder“, rief der Meister auf und alle versammelten Brüder verjagten die vielen kleinen Stimmen, die in ihrem Inneren voneinander unbemerkt auf sie einredeten und traten wie einer in das Zeichen. Ob Wichtiges oder Nichtiges da besprochen wurde, spielte keine Rolle mehr. Die Loge war gedeckt, die profane Welt ausgesperrt und das altbekannte Ritual nahm seinen Lauf ohne irgendwelche Überraschungen in Sicht. Das einzig Unbekannte, wovon sie sich aber auch nichts Neues versprachen, würde wohl die Zeichnung des Bruder Redners sein.

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