Die schöne neue Welt der Informationen

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Zu einer öffentlichen Tagung zum Thema “Die schöne neue Welt der Informationen — neue Kommunikationsformen, neue Probleme?” lud die Akademie Forum Masonicum e.V. Hinter dem sperrigen Titel verbarg sich eine geballte Ladung an Wissenswertem zu den Veränderungen, denen unsere Gesellschaft durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken ausgesetzt ist.

Die Liste der Referenten (siehe Kasten) ließ eine gewisse Qualität der Tagung erhoffen und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Prof. Dr. Eurich führte in die Verändung durch die Informations- und Kommunikationstechnologie ein, die alle Informationen über eine einzige Technologie – das Internet im weitesten Sinne – bündelt und bezeichnete diesen Wandel als Konvergenztechnologie. Er verglich dies mit der Erfindung und Einführung des Buchdruckes, der weitreichende gesellschaftliche und politische Konsequenzen hatte und unser Leben bis heute beeinflusst. Der Umgang mit der Fülle an Informationen sei es, was die moderne Wissensgesellschaft lernen müsse.

Der Anspruch auf Information gehört zu den fundamentalen Menschenrechten.

Abertausende von Nachrichten überschwemmen uns täglich, die wir kaum in Wichtig und Unwichtig unterscheiden können. Nicht nur in Arm und Reich sei die Welt zu unterscheiden, sondern auch in Informiert und Nichtinformiert, die Informationskluft nehme rapide zu. Hier käme dem Journalismus eine große Bedeutung zu, so Pr. Dr. Eurich. Jornalismus muss nicht nur informieren, er muss auch meinungsbildend sein, Kritik und Kontrolle ausüben, er müsse auch denen zu einer Stimme verhelfen, die keine haben, er müsse eine Integrationsfunktion ausüben, aber er dürfe auch unterhalten. An einem professionellen Journalismus, auch wenn er Geld koste, führe daher, besonders in der Informationsgesellschaft, kein Weg vorbei.

Sieben Grundsätze gelten nach der Auffassung des Referenten für einen ethischen Journalismus:

  • Wahrhaftigkeit, denn “die eine” Wahrheit gibt es nicht, aber das Ringen um Wahrheit.
  • Nichtverletzende Kommunikation, daher ist höchste Senibilität im Gebrauch der Sprache zu beachten.
  • Empathie als Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, “Haltung der Zeugenschaft”
  • Hören, nicht nur Zuhören, als Ausdruck von Demut und Respekt.
  • Herrschaftsfreiheit, Kommunikation nicht als Machtinstrument benutzen.
  • Ambiguitätstoleranz (Widerspruchstoleranz): sich nicht vorschnell auf eine Seite schlagen.
  • Kontextualität, denn Informationen stehen in einem Kontext.

Im weiteren Verlauf sprach Prof. Dr. Eurich über verschiedene ethische und moralische Säulen des Journalismus und der Medien. Es war doch erstaunlich, wie viele seiner Gedanken, die er an Journalisten als Grundprinzipien weitergibt, schon lange in der Methodik der Freimaurerei aufgenommen sind, was auch den Leiter der Veranstaltung, Herr Dieter Ney, zu einem entsprechenden Hinweis bewog.

Wikipedia: Wandel von der Befreiungs- zur Produktideologie

Am Nachmittag stand mehr noch als beim ersten Vortrag das Internet und die damit verbundenen Probleme im Kontext der Informationsgesellschaft im Vordergrund. Im ersten Nachmittagsvortrag von Professor Dr. Christian Stegbauer, Soziologe an der Universität Frankfurt, wurden die Ergebnisse eines soziologischen Forschungsprojektes zu Kooperationsformen bei Wikipedia vorgestellt. Schnell wird deutlich, wie differenziert die Gruppen der Beteiligten sind, Vandalismus-Jägern stehen den Autoren gegenüber, Insider grenzen sich über ein umfangreiches Regelwerk von Neulingen ab, das die unerfahrenen Autoren schlichtweg überfordert. Vor allem aber hat sich im Laufe der Jahre der ideologische Rahmen der Wikipedia geändert: Stand zu Beginn der emanzipatorische Aspekt im Vordergrund (Wissen sollte allen zugänglich sein, nicht nur denen, die sich eine teure Enzyklopädie leisten können), so wandelte sich diese Befreiungsideologie in eine Produktideoloie um, in der die Pflege eines (am Markt etablierten) Produktes im Vordergrund steht, eine Wende, die
besonders deutlich wurde, als die Parole ausgegeben wurde, dass nicht mehr die Steigerung der Zahl der Artikel im Vordergrund stehen sollte, sondern die Steigerung der Qualität schon vorhandener Artikel.

Von der Internetzensur bis zur Monopolisierung durch Technologiehersteller

Der zweite Nachmittagsvortrag wandte sich noch konkreteren Problem zu. Der Internet-Aktivist Falk Lüke, neben dem Netzpolitik-Pionier Markus Beckedahl Mitgründer der Berliner Lobbygruppe Digitale Gesellschaft (beide haben jüngst das Buch “Digitale Gesellschaft” publiziert), widmete sich konkreten Problembereichen, die durch die moderne Informationsinfrastruktur mitkonstituiert wurden, von den Versuchen der Internetzensur über die Monopolisierung der Technologiehersteller. Antworten gleichwohl kann der aktuelle Diskurs fast keine liefern, zu neu sind die Themen, zu komplex die Konsequenzen. In diesem Sinne ging es in den Ausführungen weit weniger um konkrete Lösungsvorschläge als
vielmehr für eine allgemeine Sensibilisierung für ein politisches Feld, das, vielleicht mehr noch als andere Felder, durch sehr komplexe  technische Bedingungen geprägt und dennoch ganz praktische Konsequenzen für uns alle hat.

Insgesamt eine gelungene Veranstaltung. Schade lediglich für die Veranstalter – die Akademie Forum Masonicum wie auch die gastgebende Loge “Zum hellleuchtenden Stern” –, dass die Anzahl der Besucher doch in einem überschaubaren Rahmen blieb. Auf der Internetseite der Akademie soll nach Fertigstellung ein Tonmitschnitt der Veranstaltung zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Claus Eurich lehrt am Institut für Journalistik der TU Dortmund mit dem Schwerpunkt Kommunikationswissenschaft und Ethik. Er ist zudem Meditationslehrer und Leiter der neugegründeten Akademie für Führungskompetenz der Stiftung West-Östliche-Weisheit / Benediktushof.

Priv-Doz. Dr. Christian Stegbauer lehrt als Soziologe an der Goethe-Universität Frankfurt/Main; einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt im Bereich der Kooperationsforschung. In seiner Publikation “Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation” dient ihm die Wikipedia als besonderes Beispiel für die Chancen und Risiken in Kooperationsprozessen.

Falk Lüke ist Mitglied von “Digitale Gesellschaft e.V.” in Berlin, einer Initiative für eine bürgerrechts- und verbraucherfreundliche Netzpolitik. Sie ist entstanden auf Initiative Markus Beckedahls, des Gründers des Weblogs netzpolitik.org. Zusammen mit Beckedahl hat Falk Lüke ein Buch mit dem Titel “Digitale Gesellschaft” publiziert, das noch einmal sehr kompakt die wichtigsten Probleme in den Bereichen Netzpolitik und -kultur auf den Punkt bringt.

Die Akademie forum masonicum wurde 1979 von Freimaurern als gemeinnütziger Verein gegründet. Sie behandelt auf ihren öffentlichen Akademietagungen und Seminaren in Vorträgen, Gesprächen und Foren Probleme der Menschen und Gesellschaft unserer Zeit. Sie will dadurch mitwirken am freimaurerischen Auftrag zur Verwirklichung von Humanität. Die Teilnahme an den Veranstaltungen in der Akademie setzen die Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge nicht voraus.

Die Existenz einer Loge lässt sich in Celle seit dem Jahr 1745 nachweisen. Nach etlichen Veränderungen wurde im Jahre 1811 die heute noch existierende Loge “Zum hellleuchtenden Stern” gegründet. Eine Vielzahl von in der Stadt nennenswerten Personen ist im Laufe der Logegeschichte Mitglied des Bundes gewesen. Heute gehört die Celler Loge nit rund 120 Mitgliedern zu den größten Logen in Deutschland. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite http://www.freimaurer-celle.de/