Für das Leben – Rückkehr in eine kleine Stadt in Bosnien (1)

Das vierjährige Mädchen durfte die Wohnung drei Jahre kaum verlassen. Die Mutter hatte Angst, dass es in der "UN-Schutzzone“ vor der Haustür von Granaten getötet oder verletzt wird. Dutzenden Kindern ist das passiert.

Der Journalist und Bruder Dirk Planert erzählt in einer bewegenden dreiteiligen Reportage von seiner Rückkehr nach Bosnien, von seinen humanitären Einsätzen vor 25 Jahren, den traumatischen Erlebnissen und vom Wiedersehen.

Von Br. Dirk Planert

1200 Kilometer liegen vor mir. Früh an diesem Februarmorgen ist es noch dunkel. Meine Heimatstadt Dortmund habe ich gerade verlassen. Der Wagen rollt die ersten Kilometer über die A 45 Richtung Frankfurt. Ich bin glücklich und rufe meinem Hund im Kofferraum zu: „Sam, endlich geht es los, nach Hause“! Der Rauch meines Tabaks schwebt langsam in Richtung Tacho. Der zeigt entspannte 120 km/h an. Unser Weg führt nach Osten, dem Licht entgegen. Vor mir geht jetzt die glutrote Sonne auf. In mir höre ich einen alten Freund sagen: „Hier vergeht das Leben so schnell, wie der Rauch einer Zigarette“. Ich sehe ihn, diesen Satz sagend vor mir stehen. Wenige Sekunden später hockten wir zitternd in einem Flur. Um uns herum drei Frauen und ein Kind. Ich meine nicht das leichte Zittern, das jeder kennt, der mal fast einen Autounfall hatte. Ich meine das Zittern, das so stark ist, dass man kein Glas mehr halten kann, ohne dass der Inhalt verloren geht. Es entsteht bei Todesangst. Das war an einem von 13 Tagen in einem Februar. Diese Tage waren alle so. Das Kind hieß Dzenana, ein Mädchen und gerade mal vier Jahre alt. Ich höre jetzt wie sie nach Schutz suchend meinen Namen ruft. In meinen Augen sammelt sich Wasser, der Magen zieht sich zusammen, ich beiße mir auf die Zähne, höre das Knirschen und versuche an etwas anderes zu denken.

Im April werde ich Großvater. Als ich das vor ein paar Monaten erfahren habe, hatte ich auch Wasser in den Augen. Aber die guten Tränen, die man hat, wenn man glücklich ist. Das ist der Auslöser für diese Reise. Ich möchte nicht Opa sein, und noch immer diese Bilder im Kopf haben. Ich will das reparieren, erträglicher machen. Zumindest soweit es geht. Und das wird, wenn überhaupt, nur dort gehen, wo sie entstanden sind. 25 Jahre liegen zwischen diesen Februartagen. Deshalb weiß ich das.

Und noch einen Grund gibt es für diese Reise. Es gibt Bilder, die lagen jungfräulich als Negative über 20 Jahre in meinem Keller. Vor einem Jahr habe ich sie hervorgeholt, digitalisiert, beschriftet und sortiert. 4000 aus drei Jahren Krieg, 1200 allein aus Bihac in Bosnien. Die habe ich jetzt auf Sticks dabei. Die anderen Bilder, die in meinem Kopf, sind auch in meiner Nase, meinen Ohren und unter meiner Haut. Die auf dem Stick möchte ich dem Direktor des Stadtarchives übergeben. Ich denke sie gehören den Menschen in Bihac, die all das erleben mussten. Diese Bilder sind ein Teil ihrer Geschichte. Die anderen werde ich vielleicht auch los, oder zumindest ein paar davon? Uspomena heißt es im Bosnischen, die Erinnerungen.

Die UN wurden in Bosnien Icemen genannt, weil sie herumstanden wie Eisverkäufer und nichts taten. Drei Jahre lang haben die Vereinten Nationen zugesehen, wie 120.000 Menschen mit Granaten beschossen wurden.

Bihac war „der Kessel von Bihac“, eine von sechs sogenannten „UN-Schutzzonen“ während des Krieges im ehem. Jugoslawien.  Das Wort Schutzzone verspricht etwas, das nie gehalten wurde. 120.000 Menschen waren von serbischem Militär eingeschlossen. Artilleriegeschütze, Panzer, Raketenwerfer und Mörser, auf Zivilisten ausgerichtet. Sie schossen in die Stadt rein. Ich war regelmäßig in der „UN-Schutzzone“ um humanitäre Hilfe hinein zu fahren. Aber so schlimm wie während der Februaroffensive ’94 hatte ich es noch nie erlebt. 2.000 Granaten am Tag, sagte die Statistik der Stadt damals. Das macht 13 mal 2.000, also etwa 26.000 Granaten. Ich hatte Glück, denn ich habe nicht mal einen Kratzer abbekommen. Andere hatten dieses Glück nicht. „Krieg ist, wenn Stahl Fleisch durchschlägt“, hat mal irgendwer geschrieben. Mir ist das zu platt. Mein Freund Andy Spyra, Kriegs- und Krisenfotograf, sagte während einer unserer nächtlichen Diskussionen: „Krieg ist das Fundamentalste das ein Mensch erleben kann“. Damit hat er vermutlich Recht.

Heute ist Bihac Brennpunkt der Balkanroute. In 18 Kilometern Entfernung liegt die Grenze zu Kroatien und damit zur EU. Von dort soll für mehrere tausend Flüchtlinge ein Weiterkommen extrem schwierig sein. Die meisten hängen fest. Die kleine Stadt mit ihren heute knapp 50.000 Einwohnern ist überfordert. Es soll an vielem fehlen. Mit einem leeren Auto zu fahren wäre also Verschwendung von Ressourcen. Zwei Wochen vor der Abfahrt habe ich deshalb meine Brüder der ehrwürdigen Loge „Zur alten Linde“ während eines Clubabends um das Wort gebeten und sehr kurz erklärt, dass ich Geld, Winterkleidung und Schlafsäcke brauche, um sie vor Ort zu verteilen und Lebensmittel oder andere Notwendigkeiten kaufen zu können. Am selben Abend kam ein Bündel Geld zusammen. Eine Woche später legten weitere Brüder nach und in der Loge lagen zehn Schlafsäcke und ein gutes Dutzend Taschen mit Winterkleidung bereit zur Abholung.  Brüderliches Vertrauen ermöglicht kurze Wege. Der Wagen ist also vollgepackt. Außerdem habe ich 1.700 Euro dabei, mehr als die Hälfte von Brüdern anvertraut.

Zwischen den Fronten kurz vor dem „Kessel von Bihac“. Von beiden Seiten hatten serbische Scharfschützen ein freies Schussfeld und Minen lagen auf der Straße. Deshalb wurde der UN Checkpoint mit Sandsäcken geschützt.

20 Kilometer noch. Die Landschaft ist in der Nähe des Naturparks Plitvicer Seen ist wundervoll, die Sonne strahlt und vor mir liegt die lange Ebene vor Bihac. Ich halte an, steige aus. An dieser Stelle war damals der letzte serbische Checkpoint. In der Mitte der Ebene die Pink Zone, die Pufferzone mit dem durch Sandsäcke geschütztem Checkpoint der UNPROFOR und dahinter bosnisches Territorium. Wenn wir es damals mit unseren Lkw voll mit humanitärer Hilfe bis hier hingeschafft hatten, immerhin lagen dann schon 100 Kilometer durch die serbisch okkupierte und „ethnisch gesäuberte“ Krajina und etwa zehn serbische Checkpoints hinter uns, dann wurde es jetzt besonders kritisch. Von links mögliche Scharfschützen der Krajina Serben, von rechts mögliche Scharfschützen der Karadzic Serben und auf der Straße Minen. Die Strecke hatte eine Länge von zwei bis drei Kilometern und ob die bosnische Seite dann am anderen Ende kapiert, das wir das sind, also humanitäre Hilfe anrollt, und nicht „die Cetniks“ (radikale Serben), das wusste man auch erst, wenn man durch war.

Die Häuser waren mit Holzbalken provisorisch gesichert, damit die Splitter der Granaten nicht durch die Fenster schlagen. Während der Offensive im Februar 94 traute sich kaum jemand vor die Tür.

Heute ist in der Mitte der Ebene die EU Außengrenze mit einem riesigen, modernen Gebäude. Kurz heult mein Motor auf. Das ist die Gewohnheit, der Fuß will das Gaspedal durchtreten. Das lasse ich lieber. Man muss sich jetzt an Tempolimit und Verkehrsregeln halten. In der Stadt sind Menschen unterwegs. Niemand rennt um sein Leben, es sind keine Löcher in den Häusern, nirgendwo stehen Sandsäcke oder Holzbalken schräg vor den Fenstern. Es ist ruhig. Ich habe instinktiv die Fenster runtergelassen. Jetzt erst merke ich warum. Um besser zu hören was draußen passiert. Das sitzt auch nach 25 Jahren noch. Kinder spielen am Straßenrand. Das reicht schon wieder für Tränen. Herrgott im Himmel, ist das schön: Frieden! Ich habe Gänsehaut, die Zigarette zwischen meinen Fingern zittert. Es ist das gute Zittern, wie wenn man fast einen Autounfall hatte und nichts passiert ist.

Noch ein paar Meter und ich bin dort, wo mein Herz geblieben ist. Zu Hause! Es klingt paradox, ich weiß das. Wie kann man etwas zu Hause nennen, das man seit Jahrzehnten nicht gesehen hat? Ganz einfach: Ich habe diese Menschen geliebt und tue das noch immer. Die Familie, bei der ich übernachten werde, die Nachbarn in den umliegenden Häusern, jeden Menschen dieser Stadt und besonders meine Kinder. Also alle, die damals im Krankenhaus von Bihac lagen. Für mich waren das meine Kinder. Viele mit Granatsplittern im Körper, zerfetzten Beinen oder Armen. Die anderen lagen in der Leichenhalle nebenan oder schon auf einem der Friedhöfe.

Auf der Kinderstation des Krankenhauses hatten die meisten Patienten Kriegsverletzungen. Die Versorgungslage war sehr schlecht. Ohne humanitäre Hilfe von außen hätten die Ärzte kaum arbeiten können.

Eigentlich hätte ich im Februar ’94 in der Uni gesessen und mein Studium abgeschlossen. Ich bin Deutscher, war damals, als alles begann, 25 Jahre alt und habe vor dem Krieg nie irgendetwas mit Jugoslawien zu tun gehabt. Bis zu einem Nachmittag im Juni 1992. Ich studierte Germanistik, Philosophie, Politik und Geschichte, wollte später Journalist werden und arbeitete bereits für eine Zeitung und einen kleinen Radiosender. Krieg kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Oma und meiner Mutter. Sie war drei Jahre alt, als sie Halbwaise und Flüchtlingskind wurde. Um 16 Uhr war eine Vorlesung zu Ende und beim Verlassen der Uni fiel mir ein Infostand einer christlichen Organisation auf, an dem Unterschriften gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien gesammelt wurden. Ausgestellt waren Bilder von zerbombten Städten und Kindern in Krankenhäusern, die offensichtlich nicht anständig versorgt werden konnten.

Im kroatischen Gospic spielen Kinder 1993 vor einem ausgebombten Hotel in der Innenstadt.

Als ehemaliger Zivildienstleistender habe ich selbstverständlich unterschrieben und bin weitergegangen. Nach zwanzig Metern hat mich ein Gedanke festgehalten: „Da muss jemand etwas tun!“ Ich blieb stehen, drehte mich um und sah mir das an. Da standen fünf junge Männer mit verschränkten Armen hinter ihrem Tapeziertisch und warteten auf Unterschriften. „Das ist geistige Onanie, was ich hier gerade gemacht habe“, ging mir durch den Kopf. Der Einzige, der von meiner Unterschrift etwas hat, das bin ich selbst. Das gute Gefühl, gegen einen Krieg zu sein, über den ich rein gar nichts wusste, nicht einmal, dass es Kroaten, Serben und Bosnier gab. Mit dem Papier dieser Unterschriftensammlung kann man sich vermutlich im Krieg den Hintern abputzen oder ein Feuer machen, sonst nichts. Hatte vorher in einer Vorlesung nicht irgendein Professor Karl Jaspers zitiert? „Die Verantwortung der Welt liegt in der Hand des Einzelnen“, oder Sartre mit seinem Gedanken „der Mensch ist das, was er tut“. Was nutzt diese ganze Auseinandersetzung mit Philosophie, wenn sie nicht gelebt wird, im realen Leben keine Anwendung findet? Nichts! Sarajevo war schon seit fast drei Monaten eingekesselt und wurde täglich mit Granaten beschossen. Völkermord und Konzentrationslager – bis dato hieß es doch immer wieder, so etwas dürfe nie wieder passieren? Die internationale Politik, die UN, die europäische Gemeinschaft, niemand tat etwas. Man ließ die Menschen verrecken.

Ich definierte zwei Probleme. Das erste war der Krieg. Da wusste ich nicht, was ich dagegen tun könnte. Das zweite Problem: Massive Unterversorgung der Menschen. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in einer Welt der massiven Überversorgung. Eine Lösung ist also, eine Brücke zu bauen, zwischen diesen beiden Welten. Logistik ist das Zauberwort, das den Mörtel bildet. Die Steine dieser Brücke sind die Menschen, die eben eines nicht mehr wollen: Zusehen und nichts tun! Als mir das klar wurde, entschied ich mich, jetzt nicht mehr zu reden, sondern anzupacken. Erst noch eine Nacht drüber schlafen.

Am nächsten Morgen hatte sich nichts verändert. Ich war davon überzeugt, dass es jetzt das Richtige ist und das es funktionieren kann. Ich begann meinen ersten Hilfstransport zu organisieren, stand 15 Tage später das erste Mal in einer ausgebombten Stadt und verteilte Lebensmittel an Menschen, die keine hatten. Eine alte Frau ging vor mir auf die Knie und küsste meine Füße, weil ich ihr eine Bananenkiste voll mit Essen und Hygieneartikeln gegeben hatte. Ich schämte mich in Grund und Boden, wusste aber auch, dass dies nicht der letzte Transport sein wird. Ich musste effektiver werden. Über Zeitungsartikel schlossen sich 32 Studentengruppen im ganzen Bundesgebiet an. 400 ehrenamtliche Helfer sammelten in Deutschland Lebensmittel, Kleidung, Medikamente und Geld.

Zur Strategie gehörte, ein Netzwerk in Deutschland aufzubauen: Hat eine Gruppe einen LKW und eine andere eine Ladung, muss man sie nur miteinander verbinden und schon rollt ein Transport. Im Copyshop bastelte ich eine „Vereinszeitung“ zusammen, um die „Filialen“ zu informieren, wer über welche Kapazitäten und Pläne verfügt. Das Internet gab es ja noch nicht. Der Verein „Aktion Soforthilfe e.V.“ expandierte. Ich verlegte mein „Hauptquartier“ vom Studentenwohnheim im Siegerland in ein Kloster in der kroatischen Hafenstadt Rijeka, außerhalb des Kampfgebietes. Sechs Monate nach besagtem Nachmittag und meiner vermutlich sinnlosen Unterschrift waren bereits 19 Hilfstransporte angekommen, danach habe ich aufgehört sie zu zählen.

Die Caritasstelle in dem Kloster wurde geleitet von Don Ivan Pajtak, einem kroatischen Priester, der gern Schnaps trank und unter dem Fahrersitz seines VW Busses gelegentlich eine Scorpiona Maschinenpistole liegen hatte. Ein verrückter Kerl und wundervoller Mensch, mit dem eine tiefe Freundschaft entstand.

Don Ivan Pajtak war Priester und leitet die Caritasstelle in Rijeka. Mit ihm fuhr ich humanitäre Hilfe durch das Kriegsgebiet. Bis hinunter nach Mostar kannte man uns in jedem größeren Krankenhaus.

Große Lkw rollten aus Deutschland an. Wir belieferten mehrere tausend Flüchtlinge und verarmte Rentner in Rijeka und fuhren Hilfsgüter in Don Pajos VW-Bus in die Krankenhäuser und Flüchtlingslager bis hinunter nach Mostar. Der Krieg um mich herum wurde schnell zu meiner Welt. Wenn ich in Deutschland war, um Vorträge zu halten und Spenden einzusammeln, fühlte ich mich oft wie ein Fremder. Je mehr Erfahrung ich sammelte, desto besser und risikobereiter wurde ich in dem Job, aber auch umso einsamer in Deutschland. Wer von meinen Freunden sollte noch verstehen, was in mir vorgeht? Viele haben nicht einmal verstanden, warum ich das tue, obwohl die Antwort eine ganz simple war: „Für das Leben“. Ich liebe das Leben, aber eben nicht nur meines. Hätte mein Fokus darauf gelegen reich zu werden, ich wäre es geworden und niemand hätte gefragt, warum?

Es ist doch merkwürdig. Wir leben im sogenannten “christlichen Abendland” und feiern einmal im Jahr einen Mann, der Zeit seines Lebens von Liebe und Menschlichkeit gesprochen hat, schicken unsere Kinder zum St.-Martins-Umzug, wo sie das Teilen des Mantels erleben und dann werden Leute für verrückt gehalten, deren Fokus eben nicht auf Geld, sondern auf Menschlichkeit liegt? Das muss man nicht verstehen.

Anfang ’93 haben die Kämpfe zwischen Kroaten und Muslimen begonnen. Für die Caritas in Rijeka hieß das: keine Lebensmittel mehr an Serben und Muslime. Für mich hieß das: weitergehen. Ich packte am nächsten Morgen meine Sachen, fuhr drei Stunden in Richtung Front bis nach Karlovac und arbeitete mehrere Monate im sogenannten Transitcamp. 2.500 bosnische Muslime lebten dort, alle aus Konzentrationslagern oder eingekesselten Städten vom roten Kreuz oder den UN evakuiert. Sie warteten auf den „Transit“ in ein Drittland. Männer, Frauen und Kinder. Traumatisiert, vergewaltigt, geschundene Gestalten. Bis zu 100 Menschen schliefen in manchen Räumen. Insgesamt gab es 10 Toiletten.

Das Transitcamp Karlovac war eine alte Kaserne. Hier lebten 2500 Flüchtlinge, die vom roten Kreuz und der UN aus eingekesselten Städten und Konzentrationslager herausgeholt worden waren. Hier warteten sie auf ihre Ausreise in ein Drittland.

Hier in Karlovac, nur 800 Meter vor der Frontlinie und den serbischen Granatwerfern, öffnete sich für mich die Tür nach Bihac. Natürlich hatte ich mich schon überall erkundigt, ob es möglich ist, eine Lieferung in den Kessel zu fahren. Es waren von Karlovac aus „nur“ noch 100 Kilometer. Die UN Konvois wurden oft von den Serben gestoppt, es kamen kaum Lebensmittel nach Bihac, das Krankenhaus war entsprechend unterversorgt. Von der UN, dem roten Kreuz und dem kroatischen Militär hieß es immer, es sei unmöglich, hinein zu kommen. Bis eines Tages ein blauer VW Bus und ein gelber Post-Lkw auf den Marktplatz vor dem Transitcamp ankamen. Ich lernte Tom Sauer und Dieter Höhnel aus Kronach kennen.

Dieter Höhnel und Tom Sauer waren die ersten, die es geschafft haben humanitäre Hilfe nach Bihac hinein zu fahren. Dieter war Trucker, Tom Sozialarbeiter in einer Behinderteneinrichtung in Deutschland.

Die Beiden waren tatsächlich unterwegs nach Bihac und wollten das Unmögliche versuchen. Tom hatte acht Jahre vor dem Krieg auf einem Campingplatz in Zadar den bosnischen Lehrer Husnija Kapic, seine Frau Visa und die Töchter Mira und Alisa kennengelernt. Es entstand eine Freundschaft und als der Krieg losging, wollte Tom Familie Kapic nicht im Stich lassen. Mehrfach versuchte er allein nach Bihac durchzukommen, aber spätestens in Karlovac an der Front zu den Serben war immer das Ende seiner Reise. Bis er den Trucker Dieter mit ins Boot holte. Der hatte bereits in mehreren Kriegen humanitäre Hilfe gefahren und wusste wie es funktionieren könnte. 24 Stunden nach unserem Kennenlernen waren sie zurück aus Bihac. Sie hatten das Unmögliche tatsächlich geschafft und sogar noch „Rückfracht“ dabei. Zum ersten Mal sah ich einen Menschen, der drei Stunden unter Todesangst hinter einer Zwischenwand in einem Lkw gezittert hatte. Nicht das „knapp am Autounfall vorbei“ zittern, ich meine das andere. Die beiden hatten tatsächlich eine junge Frau herausgeschmuggelt. Es war Husnijas Tochter Alisa. Die Versorgungssituation in Karlovac hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt deutlich verbessert. Ich schloss mich also Tom und Dieter an, um beim nächsten Transport nach Bihac dabei zu sein. Tom und Dieter fuhren Lebensmittel. Ich konzentrierte mich auf eine perfekte Ladung für das Krankenhaus. Um all das zu organisieren ging ich nach Deutschland zurück. Von da an fuhren wir alle sechs Wochen im Konvoi nach Bihac.  Auf den Seiten meines alten, aber allradgetriebenem Hanomag stand in riesigen Buchstaben: „Humanitarna Pomoc“ und darüber „Za zivot“. Also „Humanitäre Hilfe“ und „Für das Leben“. Außerdem Originalaufkleber des UNHCR und der Satz: „Mitleid kann niemand essen“. Vorne an der Stoßstange die weiße Fahne und die blaue der UN.

Am UN-Checkpoint zwischen Kroaten und Serben unterwegs nach Bihac war Fotografieren verboten. Der Hanomag Lkw war mit Panzerglas ausgestattet. In den Türen Polykarbonat zum Schutz vor Splittern.

Wir hatten nicht nur Hilfsgüter geladen, sondern etwas, das ebenso wichtig war: Hoffnung. Viele Jahre später hat mir eine Frau aus Bihac geschrieben. Sie war damals, als es passierte, 14 Jahre alt. Heute lebt sie in den USA: „Ihr wart unser Licht. Ihr habt uns gezeigt, dass die Welt da draußen uns nicht vergessen hat“. Eine solche Nachricht zu verarbeiten ist nicht leicht. Zumindest für mich nicht. Die Erinnerungen sind dann wie eine Welle, die einen umreißen kann. Ich habe viel geweint an dem Abend.

Im Januar ’93 war es mir gelungen, eine 16jährige unentdeckt durch elf serbische Checkpoints zu schmuggeln. Am Letzten haben sie uns fast erwischt. Drei Tage später durfte ich erleben, wie sich Mutter und Tochter nach fast drei Jahren Trennung in einem Flüchtlingslager in Deutschland wieder in den Armen halten konnten. Das war der beste Job meines Lebens. Zwei Monate später folgten ein 14-jähriger Junge und eine junge Frau. Insgesamt kommen wir auf sieben Menschen, die wir aus dem Kessel geholt haben. Sieben Leben.

Mein Auto rollt auf das Haus zu, in dem ich meist gelebt habe, wenn ich dort war. Das Haus des Lehrers Husnija. Jetzt ist es nicht mehr der kleine Flachbau, sondern hat zwei Stockwerke. Alisa ist zurückgekehrt nach Bihac und für sie, ihren Mann Mensur und die Kinder haben sie einfach eine Etage oben draufgesetzt. Jetzt wohnt die Familie wieder zusammen. Nur die älteste Tochter Mira lebt noch in Stuttgart. Die euphorische Vorfreude weicht einer wohligen Entspannung. Ich spüre schon bei den ersten Umarmungen nach der Ankunft: es ist wie immer. Ich bin hier kein normaler Gast, sondern Teil der Familie. 25 Jahre, vieles hat sich hier verändert. Das nicht. Tatsächlich war es keine „Wahnvorstellung“. Ich fühle mich zu Hause und angekommen. Nichts in meinem Leben, abgesehen von meinen Töchtern, sitzt tiefer in mir, als diese Menschen, dieser Straßenzug, diese Stadt.

Natürlich war ich als humanitärer Helfer immer in einer Sonderrolle, hatten einen deutschen Pass, einen einigermaßen gepanzerten Lkw, eine schusssichere Weste, Stahlhelm und hätte jederzeit sagen können: ich gehe jetzt nach Hause. Die Bosnier konnten das nicht. Aber im Februar ’94 haben die Granaten nicht gefragt, ob man Helfer oder Bosnier ist. Ich bin dringeblieben, um den Jungen und die Frau herauszubekommen. Das musste vorbereitet werden. In dieser Zeit war ich einer von ihnen. Ich war bereit zu sterben, um diesen Menschen zu helfen. Mehr geben geht nicht. Das klingt lebensmüde, ist es aber nicht. Es ist genau das Gegenteil. Offensichtlich haben sie das nicht vergessen. Wie auch. All das vergisst man nicht, nie.

Alle Nachbarn haben im Februar 1994 im Haus des Schusters Suljo gelebt, schräg gegenüber. Genauer im Wohnzimmer. Es war der sicherste Raum der Straße, denn es gab drei Stockwerke darüber. Da würde ein Treffer nicht bis unten durchgehen, zumindest vermutlich nicht. Es war eng, aber gestört hat das nicht. Ganz im Gegenteil. Wir wussten ja, hier haben wir alle die besten Chancen, nicht von Granaten zerrissen zu werden. Ich schlief an der Außenwand. Die Splitter der Granaten schlugen manchmal in der Hauswand ein und Erde spratzte gegen die Holzbalken, wenn sie 15 oder 20 Meter neben dem Haus explodierten. Das Geräusch, wenn sie sehr nah einschlagen, klingt etwa so als würden 1.000 tollwütige Elefanten auf einen zugerast kommen und das in einem Zeitfester von unter einer Sekunde. In der Not hauen sich die Menschen nicht für das letzte Pfund Mehl oder den sichersten Platz im Raum die Köpfe ein. Zumindest hier nicht. In der überschaubaren Einheit dieser Straße wurde füreinander gesorgt. Das hat sie so stark gemacht. Husnija ist jetzt 73, hört etwas schlecht aber ist noch fit. Ohne ihn und seine Frau Visa wäre unsere humanitäre Hilfe unter diesen Umständen nicht möglich gewesen.

Der Lehrer Husnija Kapic und seine Frau Visa im Februar 94. Draußen schlugen Granaten ein. Die Beiden verteilten unsere Hilfsgüter. Bis zu 1000 Menschen standen dann vor ihrer Haustür. In der Stadt kosteten 25 Kilo Mehl damals 1000 deutsche Mark.

Nur ihm konnten wir vertrauen. Deshalb verteilten die Beiden und ein paar Freunde unsere Lebensmittel. Bis zu eintausend Menschen standen nach unserer Ankunft vor seinem Haus, und hofften auf Mehl, Öl, Zucker und Konserven. Nur im Februar ’94, da stand kaum jemand dort um Lebensmittel zu bekommen. Es gab zu viele Granaten. In Feuerpausen kamen die nah Wohnenden dann schnell vorbei. Manchen habe ich ihre „Bananenkisten“ nach Hause gebracht. Zum Glück ist mir etwas erspart geblieben, das immer eine meiner schlimmsten Ängste war. Der Einschlag einer Granate in einer Gruppe von Menschen in unmittelbarer Nähe.

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Vernissage im Hamburger Logenhaus

Am 20. März fand im Logenhaus in der Welckerstraße eine Vernissage des Künstlers Hans Jürgen Gottschalk statt. Eingeladen hatte zu dieser Veranstaltung die Freimaurer Loge Roland und rund 100 Interessierte hatten sich eingefunden.

Hamburg (hjs) Hans Jürgen Gottschalk, Jahrgang 1940, lebt und arbeitet seit 43 Jahren in Hamburg. Er hat Graphik Desiegn an der renommierten Alsterdamm Kunstschule in Hamburg studiert und war Schüler von Oskar KoKoschka. Zu Beginn seiner Tätigkeit war er allerdings als Creativ Director, Designer und Illustrator für Werbung bei internationalen Konzernen und Verlagen in Nürnberg, Frankfurt, New York und Hamburg tätig.  Mit 7 Jahren hat er die ersten Gehversuche in die Malerei gemacht, aber erst seit 2009 hat sich dann nur noch der Kunst und damit der Malerei gewidmet.

Zu seiner  Ausstellung hat Hans Jürgen Gottschalk 32 Bilder aus einer Serie von 56 ausgewählt, die sich mit dem Thema Ausgrenzung Vernachlässigung, Erniedrigung, Verführung, Ausbeutung und Alterseinsamkeit und anderen sozialen Ungerechtigkeiten beschäftigen. Die Überschrift zu der Ausstellung lautet „die im Dunkeln sieht man nicht“ und die Bilder sind ausnahmslos auf großformatigem Karton in Öl mit schwarzem Untergrund, in einer Größe und grobem Pinselstrich gemalt. Keines der Bilder hat einen Titel, doch jedes Bild spricht für sich und macht nachdenklich.  Der Titel der Ausstellung ist übrigens einem Zitat von Berthold Brecht entliehen, in dem es heißt „Man siehet die im Lichte…die im Dunkeln sieht man nicht.“ Hans Jürgen Gottschalk bezeichnet seinen Malstil als Realistisch/ Impressionistisch. Nach der Ausstellung war auch reichlich Gelegenheit zu Gesprächen.

Hans Jürgen Gottschalk (Mitte) begleitet von Axel Kinast von der Loge Roland (Links) und Thomas Stuwe, Distriktmeister Hamburg (Rechts)
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Bruder Rolf Appel verstorben

Bruder Rolf Appel

Der bedeutende Freimaurer Br. Rolf Appel ist am 3. April 2019 im Alter von 99 Jahren in Hamburg gestorben oder, wie Freimaurer sagen: in den Ewigen Osten vorausgegangen.

Geboren wurde Rolf Appel 1920 im schleswig-holsteinischen Süderbrarup. Die weiteren 25 Jahre kann man im Grunde nur in drei Worten beschreiben: Kindheit, Schule, Krieg. Direkt nach dem Abitur wurde er an die Front eingezogen, wurde als Panzeroffizier drei Mal schwer verwundet und fand sich nach dem Krieg in der Druckerei wieder, die er von seinem Vater übernahm. 1945 war er einer der ersten Buchverleger, der von der britischen Militärführung eine Lizenz erhielt.

Schon 1948 wurde er Freimaurer. Sein Vater, dessen Unerschütterlichkeit als Freimaurer auch während der Nazizeit ihm ein großes Vorbild war, wurde sein Bürge. Neben der Freimaurerei engagierte er sich in vielen anderen Bereichen, beispielsweise in der Herrnhuter Brüdergemeine und dem CVJM, sowie beruflich in der Handelskammer, Buchhändler- und Verlegerverband u.a.

Seine Aktivitäten in der Freimaurerei sind in ihrem ganzen Umfang kaum zu benennen. Er war Meister vom Stuhl in verschiedenen Logen, Distriktmeister des Distriktes Hamburg, Zugeordneter Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Mitbegründer der freimaurerischen Künstler- und Publizistenvereinigung “Pegasus”, er arbeitete wesentlich an der Entwicklung des bis heute gültigen Rituales unserer Großloge mit und war Ehrenmitglied etlicher Logen im In- und Ausland.

Von 1968 bis 1981 war er er Mitglied des Dialogforums zur Beratung der Katholischen Kirche und leistete einen wesentlichen Anteil zur Annäherung und Verständnis zwischen Theologie und Freimaurerei in Deutschland.

"Goethe war Freimaurer, Herder war Freimaurer, Lessing war Freimaurer, Carl von Ossietzky war Freimaurer — dann sag ich mir immer: Und Du? — Was hier und heute geschieht, das ist das Entscheidende!"

Rolf Appel

Mehr als 35 Bücher freimaurerischen Inhaltes stammen aus seiner Feder, auch sonst war er in der Freimaurerei in hohem Maße publizistisch tätig. Mit Unterbrechungen war er 44 Jahre Redakteur des “Hanseatischen Logenblattes”, war am Aufbau und der Erweiterung des Bauhüttenverlages engagiert, war Redakteur der freimaurerischen Zeitschrift “Die gelben Blätter”, der Zeitschrift “Euro Mason”, der Zeitschrift “Die Bruderschaft” und der “Humanität”.

Rolf Appel war in seinen mehr als 70 Jahren überaus tätiger Mitgliedschaft in der Freimaurerei zahllosen Brüdern Leitfigur und Vorbild, das mehrere Generationen nachhaltig prägte und weiter prägen wird. Eine Vielzahl von Preisen, Ehrungen und Ehrenmitgliedschaften sind dafür nur äußerer Ausdruck. Wichtiger ist, dass sich seinem nachhaltig positivem Eindruck kaum ein Mitglied unserer Logen entziehen kann und will.

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Wettbewerb der Gymnasien im Landkreis Nienburg

Alle Preisträger des Logenwettbewerbs

Die Nienburger Loge "Georg zum Silbernen Einhorn" und die Hoyaer Loge "St. Alban zum Æchten Feuer" vergaben gemeinsam Preise und Urkunden für die besten Facharbeiten an den Gymnasien im Landkreis Nienburg.

Nienburg. (dh) Insgesamt 35 Schülerinnen und Schüler der Nienburger Gymnasien, des Gymnasiums Stolzenau und des Johann-Beckmann-Gymnasiums Hoya haben mit 18 Facharbeiten an dem bereits zum 5. Male ausgeschriebenen Wettbewerb der Freimaurerlogen „Georg zum silbernen Einhorn“ und „St. Alban zum Aechten Feuer“ teilgenommen.

Die Themen, mit denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 11. und 12. Jahrgangsstufe beworben haben, reichen von Untersuchungen der Bedeutung von Filmmusik über Auswirkungen des Massentourismus bis zur Realisierung eines Digitaltrainers für Schülerversuche oder zur Anwendung eines Drucksensors in modernen Kommunikationsgeräten.

Alles sehr anspruchsvolle Themen, für deren Ausarbeitung sich die Schülerinnen und Schüler sehr spezielle Kenntnisse angeeignet haben. Dabei mussten die nicht alltäglichen Fragen umfassend recherchiert und analysiert, fachlich korrekt beschrieben und gleichzeitig allgemein verständlich in einer Facharbeit aufbereitet werden.

Von den betreuenden Fachlehrern war zu erfahren, dass die Begeisterung und der Einsatz der Schüler jeweils überdurchschnittlich gewesen ist und deutlich über das geforderte Maß für eine Facharbeit hinausgehen. Die Freude an selbstständigem, wissenschaftlichem Arbeiten spiegelt sich dann auch eindrucksvoll in allen Arbeiten wider.

„Die Jury der beiden Logen hat sich die Entscheidungen nicht leicht gemacht“, sagte der Vorsitzender der Nienburger Loge, Dr. med. Wilhelm Cohrs. „Wir wollten in jedem Fall die Arbeit, die sich diese jungen Menschen gemacht haben, wertschätzen. Ich hoffe, dass uns das gelungen ist. Außerdem haben wir etliche Impulse für uns selbst gewinnen können – herzlichen Dank dafür!“.

Der ebenfalls anwesende Stuhlmeister der Hoyaer Loge, Andreas Jonda, wies in seiner Begrüßung auf die Bedeutung von Bildung, Wissensgewinn, Persönlichkeitsbildung und lebenslangem Lernen hin. „Stay hungry!“ ermunterte er die Schülerinnen und Schüler.

Die vierköpfige Jury aus Mitgliedern der Logen in Nienburg und Hoya hat bei der Bewertung etwas andere als nur rein schulische Maßstäbe zugrunde gelegt. Besonderes Augenmerk wurde gelegt auf einen guten Aufbau der Facharbeiten, eine klare und logische Struktur. Entscheidend war auch, ob das Thema von Bedeutung ist für die Gesellschaft und für den Leser.

„Als ein Bund mit ausgeprägter humanistischer Zielsetzung wollen die Logen bei jungen Menschen besonders auch kritisches Denken und die Auseinandersetzung mit negativen Umgangsformen für unser Zusammenleben fördern“, sagte Dr. Cohrs. „Dafür öffnen sich die Freimaurerlogen auch stärker als in der Vergangenheit, denn sie wollen ihre wesentlichen Ziele, wie Toleranz und humanitäres Miteinander, einer breiten Öffentlichkeit und eben auch jungen Menschen näherbringen.“

Für die Erstplatzierten gab es jeweils 300 Euro und eine Urkunde. Die weiteren Preisträger erhielten Urkunden und Bücher. Als bestes der fünf teilnehmenden Gymnasien wurde das Johann-Beckmann-Gymnasien aus Hoya mit einer Extra-Urkunde und einem Sonderpreis geehrt.

Preisträger, Lehrkräfte, Eltern, Freunde und Mitglieder der beiden Logen blieben noch für geraume Zeit im Nienburger Logenhaus in der Cretschmarstraße zu angeregten Gesprächen.

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Konzert mit freimaurerischen “Gebrauchsliedern” in Görlitz

"Geheimnisumwoben" — so lautete die Ankündigung zu einem Konzert des Kammerchores „Vocal Concert Dresden“. Ein öffentlicher Gästeabend der besonderen Art, zu dem die Freimaurerloge „Zur gekrönten Schlange“ Görlitz den Chor einlud.

Görlitz. (hw) Ein Konzert im Rang einer Uraufführung. Es wurden Lieder präsentiert, die für Freimaurerlogen zum Gebrauch geschaffen wurden und bisher noch nicht zu hören waren. Lieder, die zum größten Teil aus den Federn von Freimaurern stammen. Lieder, die hier mit Sicherheit vor 100 Jahren und mehr zum letzten Mal ertönten.

Haben denn nun die neun ehemaligen Dresdner Kruzianer den mehr als 60 Besuchern des Konzertes mit ihren vorgetragenen Freimaurerliedern aus dem 18. Jahrhundert eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage gegeben?

Die Reaktionen der Besucher nach dem 90-minütigem Konzert brachten ein eindeutiges Ja. Nicht nur einmal äußerten Zuschauer „Ich habe sehr viel über die Freimaurerei erfahren!“. So erklangen Lieder zur Eröffnung einer Loge, zu Wechselgesprächen innerhalb einer Tempelarbeit. Die Zuschauer konnten aber auch erleben, was bei einer festlichen Tafelloge passiert, wie bereits im 18. Jahrhundert die Freimaurer an ihre Frauen denken, denen der Zutritt zur Loge verwehrt wird und die sie Schwestern nennen: „Seid gegrüßt, verehrte Schönen, mit dem Gruß der Zärtlichkeit!“

Ein Erlebnis war für alle, dass der Chor nicht starr auf der Bühne stand, sondern sich, dem jeweiligen Anlass gerecht werdend, im gesamten Konzertsaal bewegte; eine gelungene Choreografie. Der Chor wurde begleitet von zwei Musikinstrumenten, die die Musik des 18. Jahrhunderts prägten. Der Leiter des Chores, Prof. Peter Kopp – Rektor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle/Saale – selbst ehemaliger Kruzianer, saß am Hammerflügel. Dieser wurde von Roy Amotz (Berlin) mit seiner barocken Traversflöte hervorragend ergänzt. Dieses Holzblasinstrument, das der Vorläufer der heutigen Querflöte war, konnte man trotz der zarten Töne nicht überhören. Der Dresdner Musikwissenschaftler Dr. Kornél Magvas trug zwischen den einzelnen Liedern freimaurerische Texte des 18. Jahrhunderts vor.

Erwähnt werden soll, dass das Konzert im Evangelischen Jugendhaus „Wartburg“ selbst für den Chor ein einmaliges Erlebnis war. Die Künstler waren davon beeindruckt, dass sie in dem ehemaligen Haus der Loge „Zur gekrönten Schlange“ freimaurerische Lieder singen durften.

Ein Höhepunkt für die “Schlangen-Brüder” war es, die bereits 1786 unserer Loge gewidmete Vertonung Schillers „Ode an die Freude“ zu hören. Übrigens die weltweit zweite Vertonung. Neben der„Görlitzer“ Hymne wurden drei weitere Vertonungen von C.G. Körner, J.G. Naumann und F.F. Hurka zu Gehör gebracht.

Wir Görlitzer Brüder sind sich einig, dass alle Anwesenden einen außergewöhnlichen Logenabend erleben durften. Die szenische Präsentation von Freimaurerliedern mit ihren verschiedensten Facetten ist hervorragend geeignet, bedeutsamen maurerischen Ereignissen einen würdigen Rahmen zu geben.

All diese Erstvertonungen und 26 weitere Lieder sind auf einer CD enthalten, die bei dem Görlitzer Konzert angeboten wurde. Ein sehr informativ gestaltetes Booklet in Deutsch und Englisch (54 Seiten) informiert über den Inhalt der CD. „Berlin Classics“ plant, das Album im Herbst 2019 in den freien Handel zu geben. In begrenzter Anzahl kann das Album bereits jetzt bei unserer Loge zum Vorzugspreis von 16,00 € über mvst@loge49.de bestellt werden.

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Raoul Wallenberg, B‘nai B’rith Berlin, zu Gast bei der Loge Victoria

V. l. n. r.: Dr. András Kain (Präsident der Raoul Wallenberg Loge, B’nai B’rith Berlin), Kenan Yilmaz (Meister vom Stuhl der Freimaurerloge Victoria in Berlin), Lala Süsskind (Schwester der B’nai B’rith Raoul Wallenberg Loge, ehem. Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.)

Über 40 Brüder und Gäste hörten aufmerksam zu, als Dr. András Kain am 26. Februar im Logenhaus der Peter-Lenné-Str. über das humanitäre Engagement der B’nai B’rith - der „Kinder des Bundes“ - im Allgemeinen und der Berliner Raoul Wallenberg Loge berichtete.

Berlin. (ab/cmc) Der Gästeabend mit Gastvortrag des Präsidenten der B’nai B’rith Raoul Wallenberg Loge fand im Rahmen der Themenreihe der Berliner Loge “Victoria” statt, die in diesem Maurerjahr unter der Überschrift „Freimaurerei und Religion“ steht. Der Abend ermöglichte es den Anwesenden, sowohl Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen B’nai B’rith und der Freimaurer-Loge “Victoria” als auch Unterschiedliches und Trennendes kennen zu lernen.

B’nai B’rith wurde im Jahre 1843 in New York von zwölf jüdischen Freimaurern aus Deutschland gegründet und widmet sich der Förderung von Toleranz, Humanität und Wohltätigkeit sowie jüdischer Identität. Obwohl sie von Freimaurern gegründet wurde, ist B’nai B’rith keine freimaurerische Vereinigung, sondern ein “freimaurerähnlicher”, karitativ und gesellschaftspolitisch tätiger Orden. Mit seinem karitativen Schwerpunkt ist B’nai B’rith eher mit den Odd Fellows und als jüdische Organisation zur Förderung jüdischer Identität eher mit dem evangelisch-christlichen Johanniter-Orden oder dem katholisch-christlichen Malteser-Orden vergleichbar. Wie bei den Odd Fellows gibt es auch bei B’nai B’rith Männer- und gemischte Logen. Zu Letzteren gehört die Berliner Raoul Wallenberg Loge.

Die Gründung der ersten deutschen B’nai-B’rith-Loge erfolgte 1882 in Berlin. Dies geschah in einer Zeit, als der Antisemitismus, den der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm – der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III. – als „Schmach des Jahrhunderts“ bezeichnete, bis in die Freimaurerei reichte und die altpreußischen Freimauererlogen keine Juden aufnahmen.

Aufgrund der beschriebenen Unterschiede zu Freimaurerlogen konnte B’nai B’rith aber jüdischen Freimaurern in Preußen keine freimaurerische Heimat bieten. Dazu bedurfte es der Öffnung der Freimaurerei in Preußen für Nichtchristen, die zehn Jahre später, im Jahre 1892, durch die Gründung der humanitären Freimaurerloge Victoria erfolgte. Durch ihre Geschichte hat die Freimaurerloge Victoria wiederum mit B’nai-B’rith mehr als nur die humanitäre Zielsetzung und die Organisation in einer Loge gemeinsam: Da die Victoria die erste Freimauerloge in Preußen war, die Juden aufnahm und auch bis 1933 zu den wenigen Berliner Logen gehörte, die Nichtchristen offenstanden, waren in ihrer Bruderschaft vor der Shoah die jüdischen Brüder in der Mehrheit. Entsprechend hart traf die Nazi-Barbarei auch die Victoria, die in der Shoah mindestens 45 Brüder verlor.

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Schottische Tradition hält Einzug in Gummersbach

Burns Supper in der Tenne des Wyndham Garden Hotel Gummersbach, Foto: Friederike Römer

Am 25. Januar veranstaltete die Loge „Zur oberbergischen Treue“ ihr erstes Burns Supper.

(Gummersbach /gl/ml) Mit dieser Veranstaltung begehen Schottlandbegeisterte und Freunde der Dichtkunst auf der ganzen Welt den Geburtstag von „Caledonias Barden“, dem schottischen Nationaldichter Robert Burns.

Was hat das ganze aber mit Freimaurerei zu tun? Nun, Robert Burns selbst ebenso wie seine Freunde, welche die Tradition ins Leben riefen, waren Freimaurer und der festgelegte Ablauf des Abends ist frei an maurerische Traditionen angelehnt. Neben schottischer Musik und echtem schottischen Haggis, natürlich präsentiert mit der Ode an diese Spezialität aus Burns eigener Feder, konnten sich die Gäste auch an mehreren Sorten Whiskey erfreuen.

Abgerundet wurde der Abend durch einige von Burns Gedichten und die Rede von Br. Roland Schultz, der den Lebensweg des Barden nachzeichnete.

Mit über 60 Gästen war das erste Burns Supper in Gummersbach ein voller Erfolg und wird auch 2020 wieder stattfinden – dann schon als Tradition.

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