Dr. Gregor Gysi spricht bei Passauer Freimaurern

Auf Einladung der Passauer Loge „Zu den vereinigten drei Flüssen“ sprach der bekannte Politiker Dr. Gregor Gysi zum Thema „Wege in eine neue Gesellschaft“ im vollbesetzten Audimax der Passauer Universität.

Franz-Josef Gotzler, derzeitiger Vorsitzender der Passauer Loge und Mitinitiator der Salon-Idee begrüßte die Gäste und erklärte die Tradition der freimaurerischen Salons, die in erster Linie der Meinungsbildung und der intensiven und qualifizierten Meinungsfindung über die Probleme unserer Zeit dienen sollten.

Zu Beginn verteidigte Franz-Josef Gotzler die vor allem im Internet heftig kritisierte Wahl Gysis als Gastredner der Reihe „Salon Batavis“ energisch. Er stellte klar, dass es in den Statuten heiße, nicht über Politik und Religion streiten zu dürfen. Das bedeute nicht, nicht darüber sprechen zu dürfen, sagte Gotzler sinngemäß, der sich über den so gar nicht freimaurerischen Wortlaut zahlreicher Online-Kommentare im Vorfeld verwundert zeigte. Offensichtlich nähme die oft beschworene „freimaurerische Toleranz“ direkt proportional mit der Anzahl an getätigten „postings“ ab und ginge irgendwo im Web verloren.

Wolfgang Böhm als Redner des Distriktes Bayern erläuterte in seinem Vortrag „Gesellschaft im Umbruch – Geht uns der Kompass verloren?“ dass wir in Zeiten des Umbruchs leben. Eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft führe dazu, dass die Extreme immer mehr Zuspruch fänden. Gerade auf diesem Feld brächten Populisten ihre Saat aus. „Angst mach manipulierbar, das ist das Kalkül.“ Wir leben in Zeiten in denen mehr Vordenker und Querdenker gefragt seien, denn Ideen
schaffen schließlich Wirklichkeiten. Leider ist es der Fall, dass große Teile der Bevölkerung den regierenden Eliten nicht mehr vertrauten und es so zu einer Bildung
von „Wutbanken“ käme. Und wenn sich diese Wut einmal aufgestaut und dann Bahn bricht, dann wären auch die mühsam errungenen europäischen Werte, für die auch Freimaurer gekämpft haben, in Gefahr. Freimaurer seien keine Weltverbesserer, aber Menschen, die sich immer wieder ihrer ethischen Verantwortung vergewisserten.

Dr. Gregor Gysi machte seinem Ruf als brillanter Redner selbstverständlich auch im Salon BATAVIS alle Ehre. Er hielt sich auch an die Anforderung, keine parteipolitischen Themen aufzugreifen und konnte sich lediglich einige zwar politische, aber humorvoll verpackte Seitenhiebe nicht verkneifen.

Eingangs hatte Dr. Gysi selbst über sein Vortragsthema geflachst: „Wege in eine neue Gesellschaft – Herausforderung Europa 2050.“ Der gebürtige Berliner witzelte, es sei einfach darüber zu reden, weil die wenigsten im Saal befindlichen Personen die von ihm aufgezeigten Ziele wohl nachprüfen könnten.

Mit Leidenschaft appellierte er für den Kampf um den EU-Fortbestand, der schließlich ebenfalls den dauerhaften Frieden zwischen den Mitglieds-Nationen gewährleisten würde. Nicht zuletzt auch weil die Jugend europäisch sei, müsse an der EU festgehalten werden. Auch ökonomische Gründe, wie die Tatsache, dass die alten Nationalstaaten der EU kein Gewicht gegenüber den USA und China hätten und auch das fehlende militärische Potential bei einem Zerfall der EU blieb nicht unerwähnt.
Natürlich wurden auch gesellschaftlich heiß diskutierte Themen wie die „Flüchtlingsfrage“ angesprochen, wobei Gysi vor allem das unsolidarische Verhalten der EU-Staaten untereinander scharf kritisierte. Abschließend appellierte er an die Jugend „Ihr müsst rebellischer werden – ihr seid nicht nur die Zukunft, ihr müsst auch dafür sorgen!“, nur ein Recht hätte die Jugend nicht – unsere Fehler zu wiederholen.

Alles in allem ein mehr als einstündiger Vortrag, der hochinteressante Einblicke gewährte und viele Zuhörer inspirierte und auch nachdenklich machte, was dem individuellen Gesprächsbedarf am Ende der Veranstaltung deutlich zu entnehmen war. Was bei der Abmoderation durch Br. Franz-Josef Gotzler nicht unerwähnt
blieb, war die Tatsache, dass Dr. Gysi ohne Honorar dieser Veranstaltung zugesagt hatte. Damit er nicht mit „leeren Händen“ nach Hause gehen musste, erhielt er als Geschenk eine Flasche Riveslates Rotwein seines Jahrgangs (1948).

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