Frankfurter Freimaurer laden zum Empfang im Jubiläumsjahr

15. Januar 2017
Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer, Großmeister der Großloge A.F.u.A.M.v.D beim Frankfurter Meisterzirkel

Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer, Großmeister der Großloge A.F.u.A.M.v.D beim Frankfurter Meisterzirkel

Der seit 1894 bestehende Frankfurter Meisterzirkel vereint die Stuhl- und Logenmeister aller Logen aus Frankfurt und einiger Logen aus dem Umland. Am 7.Januar trafen sich erstmals Brüder aus allen Logen des Meisterzirkels zu einem gemeinsamen Neujahrsempfang im Logenhaus in der Finkenhofstr. in Frankfurt.

Der Stadtverordnetenvorsteher der Stadt Frankfurt, Herr Stephan Siegler, ging in seinem Grußwort auf die lange Geschichte der Freimaurerei in Frankfurt ein, die bereits vor 275 Jahren mit der Gründung der Loge zur Einigkeit begann. Er betonte die Aktualität der freimaurerischen Grundwerte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für den Bestand und die Weiterentwicklung der demokratischen Gesellschaft.

Der Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Prof.Dr. Stephan Roth-Kleyer, nahm in seinem Grußwort Bezug auf einen Satz des von den Nationalsozialisten ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“ Nach einem knappen Abriss über Wesen und Bedeutung der Freimaurerei heute formulierte Bruder Stephan-Roth-Kleyer einige konkrete Ziele, die dazu dienen sollen, der Freimaurerei „den Weg in Richtung Mitte der Gesellschaft“ zu bahnen. Diese Teilziele geben wir ungekürzt wieder, weil wir der Auffassung sind, dass sie für unsere Arbeit in den Logen handlungsleitend sein sollten.

„Unsere kurz- bis mittelfristigen Teilziele lauten (aus meiner Sicht) stark verkürzt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Priorität:

  • Die GL der AFuAMvD, wie auch unsere Tochterlogen verfolgen auch weiterhin hohe humanitäre Ziele als Wertegemeinschaft.
  • Wir bieten unseren Brüdern, unterschiedlicher Berufe, Religionen, Nationalitäten, unterschiedlichen Alters einen „geschützten Raum, das sind unsere Logen“. Dies, um gemeinsam Gedanken und Informationen auszutauschen, Zusammenhänge zu erkennen, an sich selbst zu arbeiten und sich frei Meinungen zu bilden. Wir bieten Raum und Gelegenheit zum offenen Meinungsaustausch. Das kann am Ende auch der Meinungsbildung des Einzelnen dienlich sein.
  • Wir bemühen uns damit auch um die geistige Entfaltung und ethische Entwicklung der Brüder.
  • Wir schaffen Gelegenheiten für Geselligkeit und Freundschaften.
  • Wir bieten Chancen und Raum, zur Orientierung in der komplexen Entwicklung der Digitalisierung der Umwelt (Stichwort Großlogentreffen 2015, Osnabrück mit dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“).
  • Wir bieten Chancen und Möglichkeiten, zur Orientierung in der Zeit des zunehmenden Populismus, des wachsenden Nationalismus und der Globalisierung, sowie vor dem Hintergrund weiterer politischer und kultureller weltweiten Veränderungen.
  • Wir Freimaurer befassen uns durchaus mit aktuellen kulturellen und politischen Themen, das jedoch ergebnisoffen, das jedoch ohne Dogma, das ohne Streitgespräche.
  • Unsere Logen legen bei der Auswahl ihrer Mitglieder weiter oder besser noch zunehmend Wert auf Qualität, so auf z. B. auf die Attribute Ritualfähigkeit, auf die Werteüberzeugung, auf Verhaltensqualitäten. Diese Qualitäten lassen sich durch geeignete Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung steigern. Das ist mir persönlich ein wichtiges Ansinnen.
  • Unsere Logen partizipieren wieder mehr am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Regionen und lassen die Gesellschaft die Freimaurerei in ihrer Herkunft, ihren Anliegen und Zielen besser verstehen. Lasst uns auch sozial und im weitesten Sinne gesellschaftlich (so auch mit anderen Trägern/Vereinigungen) zunehmend aktiv sein und werden. Hierzu fordert unser Ritual recht deutlich auf. Denkt dabei zum Beispiel an den Satz: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst“.
  • Unsere Logen entwickeln sich weiter zu einem kalkulierbaren und bedeutenden Träger sozialer Werte in ihren Regionen. Auch das ist mir eine wichtige Zielsetzung, die es einzulösen gilt.
  • Unsere Logen bilden Plattformen für den kulturellen, geistigen und sozialen Austausch und initiieren entsprechende Projekte mit anderen Trägern in ihren Regionen.
  • Unsere Logen fördern die Freundschaften der Brüder untereinander und machen so aus Mitgliedern „Brüder“ und „Freunde“.
  • Nationale und internationale Kontakte sind im Sinne der Weltbruderkette auszubauen und zu intensivieren. Das geschieht in enger Kooperation mit den Vereinigten Großlogen von Deutschland.
  • Jeder von uns, meine Brüder, ist Botschafter in Sachen Freimaurerei. Wir sollten, jeder einzelne von uns, als Imageträger in unserer Sache „Das Mehr“, das die Freimaurerei zweifelsohne zu bieten hat, „Das Mehr der Freimaurerei“ aktiv kommunizieren.
  • Und vergesst es nicht liebe Brüder, Freimaurerei muss gelebt werden. Freimaurerei muss immer gelebt werden, ansonsten ist sie wirkungslos.“

Freimaurerei muss immer gelebt werden, ansonsten ist sie wirkungslos.“

Stephan Roth-Kleyer

Diese Aufforderung zur Tat wurde auch durch den Festvortrag – eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Beauftragten des Meisterzirkels Rolf Keil und Eberhard Panne – unterstrichen. Rolf Keil widmete sich kurz der Vergangenheit und verschwieg auch das Versagen der Freimaurerei in der zu Ende gehenden Weimarer Republik nicht. Im programmatischen Teil seines Vortrages stellte Keil die Punkte dar, die aus Sicht der Autoren für eine Weiterentwicklung der Freimaurerei unverzichtbar sind:

„Die Freimaurerei darf sich nicht in falsch angewandter Exklusivität darauf beschränken, ein jedes ihrer Mitglieder besser zu machen. Denn die Aufgabe, die bereits der Konvent von Wilhelmsbad 1782 formulierte, einen jeden Bruder der menschlichen Gesellschaft nützlicher zu machen, bleibt bestehen. Die Freimaurerei ist das, was wir aus ihr machen. So ist auch die uns umgebende Gesellschaft das, was wir – hier im Zusammenspiel mit allen Anderen – aus ihr machen. Unsere Erziehung ist die schon zitierte: „Arbeit am rauen Stein“.

Der Freimaurer sieht nun seine Erziehungsarbeit dann als gelungen an, wenn nicht nur seine Mitbrüder ihn anerkennen, sondern wenn er darüber hinaus Nicht-Freimaurern durch sein Verhalten und sein Handeln mindestens als „edel, hilfreich und gut“ auffällt, ohne dass er ein Schild mit der Aufschrift „Freimaurer“ vor sich herträgt. Wenn wir in unseren Ritualen erklären: Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer, dann verbindet sich die Arbeit am rauen Stein des eigenen Ich’s mit dem Auftrag, durch Beispiel zu wirken und somit den Bau des Tempels der Humanität voranzutreiben.

Was kann jeder einzelne eigentlich bewirken? Nun, im Ritual verpflichten wir uns allezeit zu erkennbarer, unbedingter Treue, zu Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit, nicht nur unseren Brüdern gegenüber, sondern auch in der Welt. Indem wir in unseren Ritualen vor den versammelten Brüdern als unseren Zeugen immer wieder laut und vernehmbar zu jenen Tugenden bekennen, versichern wir, dass das, wozu wir uns verpflichten, für uns Gültigkeit besitzt, dass es unverrückbar ist und dass jeder Bruder es für sich vorbehaltlos übernimmt.

Die Freimaurerei mag ein Spiel im Sinn der Spieletheorie sein. Sie ist es nicht nach dem landläufigen Verständnis des Wortes „Spiel“. Denn wir verändern durch die ständigen Wiederholungen in unseren Ritualen unser Bewusstsein und unsere Psyche. Richtig verstanden – und bewusst poetisch ausgedrückt – führt sie zu einer Haltung, mit der jeder von uns den Zauber aktivieren kann, mit dem er – nach Schiller – wieder zu binden vermöchte, „was die Mode streng geteilt“ („Ode an die Freude“/„Europahymne“ und immer brandaktuell!).

Ich bin davon überzeugt, dass die Freimaurerei auch in den nächsten 300 Jahren noch eine Notwendigkeit sein wird.

Rolf Keil

Um in der Welt zu wirken, müssen wir uns zu einem gewissen Teil auf sie einlassen, wir müssen die Welt aber auch bis zu einem bestimmten Grad bei uns einlassen, wie wir es z. B. mit den Suchenden tun, aber auch mit der Befassung von Themen, die in der Gesellschaft relevant sind. Die Freimaurerei darf sich nicht als eine Organisation zur Pflege gehobener Geselligkeit umrahmt von ehrwürdigen Gebräuchen begreifen, sondern wir müssen uns immer gewiss sein, dass es um Arbeit an uns selbst geht und damit um den Bau am Tempel der Humanität, dessen Baustein und Baumeister der Freimaurer sein will. Die Freimaurerei darf nicht der Versuchung erliegen, aus dem Bedürfnis nach Frieden und Ruhe heraus, alles aus den Leben der Logen fernzuhalten, was auch nur im Geringsten geeignet erscheint, gegensätzliche Auffassungen in Erscheinung treten zu lassen und so die Gemüter in Wallung kommen zu lassen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Freimaurerei auch in den nächsten 300 Jahren noch eine Notwendigkeit sein wird. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Freimaurerei in der heutigen Form eine Zukunft haben wird, wenn sie sich ihr stellt.

Die Chancen sind gut, denn die Logen haben ein Alleinstellungsmerkmal: Ganz gleich ob Wirtschaftsklub, Gewerkschaft, politische Partei oder Religionsgemeinschaften, sie alle machen sich der gleichen Sünde schuldig: der Sünde des Selbstgesprächs. Sozialdemokraten gehen in sozialdemokratische Versammlungen, CDUler zur CDU, Gewerkschaftler besuchen ihre Zusammenkünfte und Geschäftsleute die ihren. Dort hören sie Rednern zu, deren Ansichten sie ohnehin teilen, und die Redner freuen sich, weil sie so herzlichen Beifall finden. Aber ein Austausch findet nicht statt, ihre Glaubenssätze werden nicht hinterfragt.

So einfach darf es sich die Freimaurerei nicht machen. Wir müssen weiterhin versuchen die Angehörigen aller der genannten Gruppen zusammenzuführen. In großer Weisheit hat Anderson es schon in den Alten Pflichten aufgezeigt, wenn er schreibt, die Freimaurerei sei eine Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.

Politischer Streit ist in der Loge tabu, ebenso wie ein Streit über die Konfessionen. Aber, wo wenn nicht in unseren Logen können wir in Offenheit sprechen, unsere Standpunkte überprüfen und das tun, was laut Lessing eine der größten Freuden ist: Laut Nachdenken mit einem Freund! Die Loge bietet einen geschützten Raum, der erst Entwicklung und das Aufeinander zubewegen ermöglicht. Der geschützte Raum der Logen ermöglicht es, die eigene Position zu hinterfragen, ohne das dies als Schwäche ausgelegt wird. In unseren Diskursen geht es nicht darum zu gewinnen, sondern es geht darum möglichst viele Sichtweisen kennenzulernen, sie abzuwägen und vielleicht den eigenen Standpunkt weiter zu entwickeln.

Lasst uns also mutig sein und uns auch dem zuwenden, was uns und der Gesellschaft auf den Nägeln brennt. Sind wir politisch in diesem Sinn. Betrachten wir die Gesellschaft, üben wir Kritik. Trauen wir uns auch die Felder zu beackern, bei denen wir am Ende nur darin übereinstimmen, dass wir nicht übereinstimmen. Grade in einer Zeit in der die Zentrifugalkräfte an Stärke gewinnen, braucht es einen Raum, in dem der Mensch dem Menschen begegnet. Und tragen wir unseren Standpunkt wieder und wieder in die Gesellschaft zurück!

Wenn wir weiter darauf achten, dass wir einander in brüderlicher Liebe begegnen, den geistigen Kampf nicht zum Streit missbrauchen, die Diskussion nicht zur Disharmonie werden lassen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Wenn wir dann auch noch daran festhalten, der Freude, dem Spaß und der offenen Herzlichkeit einen Platz in der Arbeit und in unseren Herzen einzuräumen, dann mache ich mir keine Sorgen.

Meine Mutterloge Lessing eröffnet jede rituelle Arbeit mit den drei programmatischen Sätzen aus Ernst und Falk. Sie beschreiben unsere Aufgabe treffend: „Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaften hinweg wären und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört.“

Wie ungeheuer aktuell sind jene Zeilen heute, wo der große Verführer, der Nationalismus wieder sein Haupt erhebt.

„Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angeborenen Religion nicht unterlägen, nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsste, was sie für gut und wahr erkennen.“

Auch hier liegt die Aktualität auf der Hand. Wir Freimaurer sind aufgerufen, Brücken zu bauen.

„Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe sich dreist erhebet.“

Lasst uns in diesem Sinne miteinander feiern und lasst uns anschließend die Ärmel hochkrempeln und gemeinsam an die Arbeit gehen.“

Einen würdigen musikalischen Rahmen des Neujahrsempfangs setzte der Eberhard Panne am Klavier.

Eberhard Panne und Rolf Keil beim Empfang des Frankfurter Meisterzirkels 2017

Eberhard Panne und Rolf Keil beim Empfang des Frankfurter Meisterzirkels 2017

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