Freimaurer und berufliche Sonntagsschulen

Helmut Klemm - Mitwirkung deutscher Freimaurer beim Aufbau beruflicher Sonntagsschulen

Wenig bekannt bisher war die intensive Beschäftigung von Logen und einzelnen Freimaurern mit der Schaffung beruflicher Bildungseinrichtingen bereits ab dem 18. bis hinein ins 20. Jahrhundert. Eine Dissertation von Helmut Klemm, nunmehr Dr. phil., schließt auf bemerkenswerte Weise diese Lücke.

Unter dem sperrigen Titel „Die Mitwirkung deutscher Freimaurer beim Aufbau beruflicher Sonntagsschulen im Spannungsfeld zwischen Aufklärung und industrieller Revolution. Gezeigt an Beispielen in Preußen, Sachsen und Thüringen.“ legte Helmut Klemm seine Dissertation vor.

Auf über 500 Seiten beschäftigt er sich mit einem Thema, das auch von großen Teilen der freimaurerischen Öffentlichkeit in diesem Umfang nicht wahrgenommen wurde. „Im Sinne der auferlegten Verschwiegenheit legten sie [die Freimaurer] die Leitung und den Betrieb der Schulen überwiegend in die Hände öffentlicher, von Freimaurerlogen geschaffener Vereine; ganz nach dem Motto: ‚Tue Gutes und rede nicht darüber!‘ Infolgedessen ordnete die historische berufspädagogische Forschung nur einige wenige Sonntagsschulen ihren wahren Stiftern zu.“, so der Autor.

Wer eine sperrige wissenschaftliche Lektüre erwartet hat, darf sich auf angenehmste Weise getäuscht sehen. Neben allen notwendigen wissenschaftlichen Erkenntnissen führt der Autor den geneigten Leser behutsam in alle Themenbereiche ein.

So beschäftigen sich die ersten gut 70 Seiten beispielsweise ausschließlich mit einer sachlichen und auch für den Nichtfreimaurer gut verständlichen Einführung in die Entstehungsgeschichte, die Struktur und die Besonderheiten der Freimaurerlogen. In der Folge beleuchtet Helmut Klemm den wirtschaftlichen und politischen Wandel in den wichtigen europäischen Ländern England, Frankreich und im zaristischen Russland, um sich dann über Preußen und Sachsen seinem eigentlichen geografischen Untersuchungsgebiet zu nähern. Diese interessanten Erläuterungen sind notwendig, um sich an die Anfänge und Notwendigkeit der beruflichen Bildung heranzutasten und um zu verstehen, warum gerade die Freimaurer dieser Zeit sich mit dem ihnen eigentlich fremden Thema so intensiv und folgenreich beschäftigten. Erst nach weit über 200 Seiten einleitenden Textes beschäftigt sich Klemm mit dem eigentlichen Anliegen seiner Arbeit, den Freimaurern als Stiftern von beruflichen Bildungseinrichtungen.

„Die vorgelegte Arbeit geht der Frage nach, wer zu den Akteuren dieser Entwicklung zu zählen ist und welche politisch-weltanschaulichen Vorstellungen diese Aktivitäten getragen haben. Viele Einzelfälle – zum Beispiel in Altenburg – haben gezeigt, dass hier immer wieder Freimaurer als Loge oder als Einzelpersonen am Aufbau dieser Schulen beteiligt waren. Im Zentrum steht deshalb die Frage, ob es sich hier um Einzelereignisse und Zufälligkeiten handelt oder ob die Mitwirkung der Freimaurer ein verbreitetes Phänomen darstellt.“, bemerkt der Autor in seiner Zusammenfassung. Diese Frage war berechtigt, denn zu Beginn der Arbeit an dem Werk hatte er „keinerlei Berührung mit der Freimaurerei“. Aber er wurde fündig und berichtet ausführlich über das Freimaurerinstitut in Dresden (1773), das Philantropin in Schnepfenthal (1784), das Schulinstitut der Großen Landesloge der Freimaurer in Berlin, die Sonntagsschulen in Gotha (1805), Leipzig (1816), Dresden (1817), Freiberg (1818), Zittau (1819), Annaberg (1823), Polytechnikum Dresden (1828), Bautzen (1827) Duisburg (1832), Chemnitz (1829), die Kunst- und Handwerkerschule zu Altenburg (1824), die Baugewerkenschule zu Dresden (1837), Handwerkerschule in Dresden. Und angesichts der schwierigen Quellenlage vermutet der Autor noch weitere Schulgründungen, die durch Logen, einzelne Freimaurer oder deren Mitwirkung ins Leben gerufen wurden.

Der Autor Dr. phil. Helmut Klemm lockert alle Kapitel mit interessanten Nebeninformationen und Zitaten auf, umfassende Fußnoten erläutern viele ergänzende Begriffe, sodass das Werk ungeachtet der umfangreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch als informativ-unterhaltsame Lektüre genossen werden kann. Das mag damit zusammenhängen, dass der Autor, Jahrgang 1942, keinen ganz geradlinigen beruflichen Werdegang hatte, der ihm eine sachbezogene und schnörkellose Sprache bewahrt haben mag. Mit 14 Jahren machte er zunächst eine handwerkliche Ausbildung, studierte dann am Päd. Institut Karl-Marx-Stadt und schloss als Lehrer für Mathematik und Polytechnik ab. Es folge eine Abendstudium zum Dipl.-Ing. zum Konstrukteur für Verarbeitungsmaschinen. Durch die Wirren des Endes der DDR lag sein Schwerpunkt in der Tätigkeit als Berufsschullehrer.

Ein empfehlenswertes Buch, einziger Wermutstropfen ist der stolze Preis von 139,80 €.

Helmut Klemm, „Die Mitwirkung deutscher Freimaurer beim Aufbau beruflicher Sonntagsschulen im Spannungsfeld zwischen Aufklärung und industrieller Revolution, gezeigt an Beispielen in Preußen, Sachsen und Thüringen“, erschienen im Verlag Dr. Kovac, 532 Seiten, 139,80 €, ISBN 978-3-8300-9512-5

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