Freimaurerei – eine Innenansicht

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Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland

Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland

Am 1. September 2017 luden die Vereinigten Großlogen von Deutschland, der Dachverband der deutschen Großlogen, zu einer Feierstunde nach Hannover ein. Lesen Sie abschließend nun den Vortrag des Großmeisters der VGLvD, Christoph Bosbach.

“Am 24. Juni 1717, dem Johannistag, schlossen sich in London vier bzw. fünf Logen zur ersten Großloge der Welt zusammen. Die so gegründete konstitutionelle Freimaurerei feiert im Jahr 2017 ihr 300-jähriges Bestehen.

Warum aber braucht es überhaupt Organisationsstrukturen in der Freimaurerei? Warum haben wir heute Großlogen auf dem ganzen Erdball und warum pflegen wir die Kontakte unter den Großlogen so intensiv? Am verhältnismäßig kleinen, aber dennoch auf seine Weise einzigartigen Beispiel der Geschichte der deutschen Freimaurerei können wir veranschaulichen, warum Großlogen nötig sind.

Nur zwei Jahrzehnte, nachdem die Freimaurerei den Kontinent und damit auch Deutschland erreicht hatte, gab es bereits grundverschiedene Strömungen. Besonders seit den Jahren, als das System der Strikten Observanz sich in Deutschland ausbreitete, herrschte ein heilloses Durcheinander. Nie wieder existierten so viele und so grundsätzlich unterschiedliche Systeme, die freilich alle für sich in Anspruch nahmen, die Freimaurerei zu vertreten. Kern der Auseinandersetzungen waren nicht nur die unterschiedlichen Organisationsstrukturen, sondern zumeist die verschiedenen freimaurerischen Grundsysteme und Lehrarten.

In einem seiner Bücher zitiert der erste Großmeister der VGLvD, Br. Theodor Vogel, den um die Freimaurerforschung äußerst verdienten Br. Bernhard Beyer:

‘Das aber steht am Anfang der Wiederkehr: dass die deutschen Bauhütten sich zu einer großen Loge zusammenschließen. Nicht geht der Weg über die alten Obödienzen. All die Versuche über die Jahrhunderte waren Irrwege. Ob Großmeisterverein, ob Großlogenbund, ob Verhandlungen und Konferenzen, sie waren untaugliche Mittel und führten zu keinem Ziel. Die Besten von uns sind daran gescheitert … Es gibt nur einen Weg zur Auferstehung der deutschen Freimaurerei, dass sie über die Grenzen der Rituale, der Lehrarten und Systeme hinaus sich vereint in einer Großloge, der Vereinigten Großloge von Deutschland.’

Br. Beyer sprach solche Worte im Zusammenhang mit der Gründung der Vereinigten Großloge von Deutschland AFuAM, einem Vorläufer der heutigen VGLvD.

Wirren und Durcheinander in der Freimaurerei unter den vielen deutschen Kleinstaaten des 19. Jahrhunderts und die Diversifizierung der Großlogen nach dem 2. Weltkrieg führten mit freundschaftlicher Unterstützung der alliierten Besatzungen zur Gründung der Vereinigten Großlogen von Deutschland im Jahr 1958. In ihr schlossen sich hauptsächlich die ehemaligen humanitären Großlogen zur Vereinigten „Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer“ zusammen. Was diese einte, war die Beschränkung auf die ersten drei symbolischen Grade, die sogenannten blauen Grade der Johannislogen. Später traten in mehreren Schritten der christlich orientierte Freimaurerorden der „Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland“, die älteste deutsche Großloge „Zu den 3 Weltkugeln“ und schließlich die ursprünglichen Militärgroßlogen der Besatzungsarmeen, die „Grand Lodge of British Freemasons in Germany“ und die „American-Canadian Grand Lodge“ dem Verbund zu den Vereinigten Großlogen von Deutschland bei.

Auf den genannten Plural legen wir Wert.

In einer Magna Charta gab man sich Regularien, Formen und Befugnisse, klärte die Souveränitäten der fünf Mitgliedsgroßlogen und gab sich Regeln der Zusammenarbeit und des Verbundes. Die Stärke der VGLvD liegt in der Vielfalt ihrer Lehrarten, die, einander ergänzend, ein unverwechselbares Ganzes bilden, ohne je ihr geschichtlich gewachsenes Einzelwesen preis zu geben.

Seit ihrer Gründung im Jahre 1958 haben sich die VGLvD als funktionsfähige und den Nutzen der gesamten Bruderschaft mehrende einzigartige Institution bewährt. Ihre Stabilität hängt allerdings unmittelbar ab von der einfühlsamen Achtung vor der jeweils anderen Ausprägung freimaurerischer Grundwahrheiten. Toleranz und Konsens sind gefordert, wo es um Fortbestand und Stärkung unserer Gesamtvertretung geht.

Genau hier liegt nun der Übergang vom Beispiel der VGLvD hin zur Wirklichkeit der globalisierten Welt. Vom Kleinen zum Großen, von nationalem Zusammenschluss zur Globalisierung. Heute müssen wir das große Ganze im Blick behalten.

Globalisierung im Rahmen der Freimaurerei und unter Heranziehung Ihrer Grundprinzipien verlangt auch, den Blick auf den entsprechenden sozialen und philosophischen Kontext zu erweitern. Wir müssen bei allem, was wir tun, auch unsere Aufgaben in der Gesellschaft, oder zumindest die in unsere Organisationen von der Gesellschaft hineininterpretierten Aufgaben wahrnehmen, sie annehmen und im Sinne der allgemeinen Verpflichtungen einer gegebenen Globalisierung auch umsetzen. Das schaffen wir nicht alleine als Großloge, als Provinz, als Distrikt und als Loge. Das schaffen wir nur gemeinsam. Wenn wir als Weltbruderkette uns so nicht nur verstehen, sondern als solche handeln und kommunizieren, dann werden die Organisationen der Freimaurer auch wahrgenommen.

Die gegebene Souveränität jeder einzelnen regulären Großloge dieser Welt, der permanente Austausch unter den Vertretern dieser Großlogen und die immer bedeutender werdenden persönlichen Zusammenkünfte der Großmeister halten dabei ein Gedanken- und Respektgebäude aufrecht, das die Einheit in der Vielfalt und in der Gemeinschaft die Existenz jeder einzelnen Großloge sichert. Und so ist es auch innerhalb der jeweiligen nationalen Großlogengefüge. Organisierte konstitutionelle Freimaurerei hat nicht nur einen gewissen Sinn. Sie ist unerlässlicher Bestandteil des Ganzen.

In ihrer eigentlich mehr als 300 Jahre dauernden Geschichte hat die Freimaurerei ein eigenes Verständnis zu dem Miteinander der Menschen entwickelt, das im europäischen Denken eine Sonderstellung einnimmt. Das freimaurerische Menschenbild ist nicht exklusiv, es verträgt sich mit jedem religiösen oder philosophischen Weltbild, aber es gibt sich verbindliche ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sind. Die Freimaurerei verträgt sich mit allen Anschauungen, die den Menschen achten, ihn als Teil einer alles verbindenden Schöpfung sehen und in denen der Mensch sein Gegenüber als „seinen Nächsten“ anerkennt und respektiert. Die Freimaurerei versteht sich als hohe Schule der Toleranz und Brüderlichkeit und eint in diesem Ideal alle Maurer der ganzen Welt. Jedem lässt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweisen, aber jeden verpflichtet sie auf die gleichen ethischen Grundsätze.

Wie wir alle wissen, ist die moderne Freimauerei ein Kind der Aufklärung, wenn auch die philosophischen Grundlagen und die Symbole unseres Bundes bis in die Antike zurückreichen. Das Kennzeichen der Freimaurerei zu Zeiten der Aufklärung war das SAPERE AUDE von Horaz, das Immanuel Kant aufgegriffen hat.

‘Wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, tue das Gute, weil Du es als richtig erkannt hast und nicht, weil ein sittliches oder religiöses Gebot es Dir vorschreibt.’

Selbstdenken, Selbstbestimmung und damit Selbstbefreiung sind zentrale Anliegen der Aufklärung und prägen bis heute die Freimaurerei. Freimaurerei will somit nicht den fremdbestimmten, sondern den autonomen, den sittlich freien Menschen. Wir arbeiten am Tempel der Humanität und der Menschlichkeit, nicht, weil ein Gebot oder eine Religion uns dies vorschreiben, sondern wir bauen ihn, weil unser Verstand uns sagt, dass es um des Wohles der Menschheit willen vernünftig ist. Die Freimaurerei bietet ihren Mitgliedern sicherlich eine spirituelle und moralische Perspektive, welche nicht notwendigerweise religiös ist, aber immer jedoch einen aktiven Gedankenaustausch unter den Brüdern erfordert.

Es mag uns dabei überraschen, dass die Freimaurerei in den letzten 40 Jahren fast die Hälfte der Mitglieder verloren hat – besonders in den Vereinigten Staaten. Parallel hat sich die Weltbevölkerung im gleichen Zeitrahmen durch Wohlstand und Fortschritt von 3,9 Mrd. auf ca. 7,4 Mrd. fast verdoppelt. Die Digitalisierung durch den technischen Fortschritt hat das „KnowHow“-Erlebnis vom geistigen auf ein materielles Level gehoben. Die Freimaurerei hat es offenbar lange Zeit hierbei nicht verstanden, sich wenigstens in der kommunikativen Präsentation und Außendarstellung auf einen modern verständlichen Pfad zu begeben.

Unseren Bund selbst konnte man heutzutage schon fast als „soziales Netzwerk“ bezeichnen. Es werden auch bei uns Informationen offen und über Grenzen hinweg ausgetauscht. In modernen digitalen Netzwerken stellt diese zeitnahe Vernetzung im technischen Raum alle Inhalte jederzeit und überall abrufbar zur Verfügung. Die Freimaurerei als solche hingegen, besitzt alleinig den rituellen Wissens-Transfer von Generation zu Generation und hat den technischen Anschluss in der Gesellschaft damit verpasst, dass die freimaurerischen Gedanken nicht qualitativ nachgehalten werden und somit das freimaurerische Element nur ein singuläres und sehr persönliches ist, jedoch für Außenstehende nicht verständlich wird. Im Grunde genommen hat hier klassisch unser “Marketing” versagt: Es wurde zu lange auf ein Konzept vertraut, ohne es den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.

Erschwert wurde dies unter anderem auch dadurch, dass fast gleichzeitig mit Gründung der modernen Freimaurerei die Befürworter zentralistischer und autoritärer Gedanken ihre Feindseligkeit, wenn nicht gar ihren Hass gegenüber der humanistischen und egalitären Natur und dem freidenkenden Geist der Freimaurerei zum Ausdruck gebracht haben. Die erste päpstliche Bulle gegen die Freimaurerei wurde im Jahr 1738 veröffentlicht. Ihr folgten in über zwei Jahrhunderten zahlreiche Versuche der Verleumdung und der Destabilisierung, die das Bild der Freimaurerei immer weiter verzerrten. Diese Angriffe auf die Freimaurer brannten sich während ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten und die Kommunisten des Sowjetblocks in das Gedächtnis der Europäer ein. So ist es nicht überraschend, dass Uneingeweihte die tiefe Bedeutung und den besonderen Sinn dieser Bewegung nicht mehr verstehen oder gar missdeuten. Tatsächlich ranken sich unzählige Mythen um die Freimaurerei. Die selbstauferlegte Verpflichtung zur Verschwiegenheit hat die Bruderschaft zum Bestandteil zahlreicher Verschwörungstheorien gemacht. Dabei hat die einst aus der Tradition der Dombauhütten entstandene Bewegung schon lange ihren festen Platz in der Geschichte der abendländlichen Kultur. Die moderne Freimaurerei fordert ihre Mitglieder auf, an sich selbst zu arbeiten und Verantwortung gegenüber der Menschheit zu übernehmen. Sie bietet ihren Adepten eine ganz besondere Methode der Einführung und Anleitung. Um aber zu erkennen, ob die Freimaurerei auch im 21. Jahrhundert wirklich noch Sinn macht, müssen wir das Wesentliche betrachten.

Das Wesentliche meint aber nicht, immer wieder die Geschichte mit ihren berühmten Mitgliedern heranzuziehen, sondern die überaus wertvollen Inhalte der Freimaurerei nach nunmehr mehr als 300 Jahren in die kommenden Jahrzehnte zu führen. Es geht um Sinn und Zweck einer Freimaurerei in der Zukunft. Was ist ihre Aufgabe? Warum ist sie wichtig und wie erneuert sie ihre Anziehungskraft für Suchende?

Drei Grundprinzipien bestimmen die Freimaurerei. Das Prinzip der Arbeit am rauen Stein, die das Bild für eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung ist. Das Prinzip des Engagements des Einzelnen in der Gemeinschaft, inklusive des Willens zum friedlichen Dialog im persönlichen Gespräch wie auch in der interkulturellen Auseinandersetzung. Das Prinzip der Entwicklung eines Bewusstseins der eigenen Verantwortung vor Gott oder einer höheren Transzendenz.

Freimaurerei ist eine Art System oder Anleitung zur Selbstverwirklichung im Rahmen von Philosophien und Symbollehren. Alles einzig dafür gewachsen, jedem Einzelnen die besten Optionen zur Verfügung zu stellen, sich selbst einer Ausbildung zu unterziehen, die es ihm am Ende erlaubt zu erkennen, was im Kant‘schen Sinne richtig sein mag und zur eigenen Motivation zu guten und richtigen Taten und Handlungen führt.

Sapere Aude, wage es weise zu sein …

Das freimaurerische Erlebnis ist ein individuelles Erlebnis. Das macht es nicht einfach darüber zu sprechen. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade dieses individuelle Erlebnis das mit vielen Spekulationen behaftete Geheimnis der Freimaurerei ist. Dies zeigt auch Gotthold Ephraim Lessing in seinem Dialog über die Freimaurerei „Ernst und Falk“ auf: Zum einen sieht Lessing das Geheimnis, das nicht mittelbar ist, und zum anderen die Heimlichkeiten, die sich offensichtlich auf das Ritual und die Symbolik der Freimaurerei beziehen. So heißt es im Dialog zwischen Ernst und Falk: „Das Geheimnis der Freimaurerei, wie ich Dir schon gesagt habe, ist das, was der Freimaurer nicht über seine Lippen bringen kann, wenn es auch möglich wäre, dass er es wollte. Aber Heimlichkeiten sind Dinge, sie sich wohl sagen lassen und die man nur zu gewissen Zeiten in gewissen Ländern teils aus Neid verhehlte, teils aus Furcht verbiss, teils aus Klugheit verschwieg.“

Wozu aber überhaupt dieses ganze esoterisch und philosophisch anmutende Theater, die Symbole, das Schauspiel, die Rituale und Allegorien? Wenn die Freimaurer ihre Lehren und ihr Lernen in symbolisches Handeln und Werkzeuge verpacken, so zeugt dies davon, dass sie eines sehr früh begriffen und verstanden haben: Der Mensch ist alles andere als ein rein rationales Wesen. Lehren, die er wirklich verinnerlichen und zum Teil seines Lebens machen will, muss er erleben, muss er erfahren, und zwar möglichst intensiv und emotional. Ein solches Erleben ist natürlich nicht durch reine Lektüre oder Vorträge zu erreichen. Wenn ein Mensch begreifen und verstehen soll, was es bedeutet, sich selbst zu beherrschen und sich selbst zu erziehen, dann muss er tatsächlich zum Lehrling gemacht werden, muss sich all seiner Statussymbole entledigen und muss seine Triebe und Bedürfnisse spüren, um sich dann mit den ihm überreichten Werkzeugen sich selbst untertan machen zu können. Ganz alleine das ist das Erlebnis des Rituals, das Erlebnis der Königlichen Kunst!

Hat die Königliche Kunst in einer modernen Welt aber noch eine Existenzberechtigung?

Wer sich diese Frage stellt, übersieht die eigentliche Natur der Freimaurerei, die auf der Basis von Initiationen ruht und sich nicht auf einen Lebensabschnitt beschränken lässt, gleich ob sie nun eine politische und/oder soziale Aktivität in ihrer bisherigen Geschichte entfaltet hat oder nicht. Alle nach außen gerichteten Aktivitäten treten in den Hintergrund, wenn es um das eigentliche Wesen der Freimaurerei geht, nämlich um die ethischen Zielsetzungen. Die Beantwortung der Frage – „Was ist die Aufgabe der Freimaurerei in unserer Welt?“ – setzt Kenntnisse über diese Welt in allen ihren wesentlichen Aspekten voraus.

Uns ist allen vollkommen klar, dass die Freimaurerei niemals als Institution in der profanen Welt auftreten wird. Aber können wir deshalb zu allem was geschieht schweigen? Die Welt ist im Aufbruch. Informationen verbreiten sich mit modernen Technologien in Millisekunden über den ganzen Erdball. Menschen kommunizieren miteinander, die, wenn sie sich überhaupt persönlich kennen, teils Tausende von Meilen voneinander entfernt leben. Für fast jeden Menschen in unserer modernen Gesellschaft ist die moderne Kommunikation ein normaler Bestandteil seines Lebens. Die digitale Revolution ist mittlerweile Realität und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Unsere Kinder gehen mit dem, was wir neue Technologien oder neue Medien nennen, in einer Selbstverständlichkeit um, die es uns nicht erlauben wird, dies nicht auch zu tun, wenn wir denn aus dieser jungen Generation unsere zukünftigen Mitglieder gewinnen wollen.

Man wird in ein paar Jahren, und damit meine ich maximal in 8-10 Jahren, nicht mehr den Sinn einer Information verstehen, wenn man nicht den Kontext der „sozialen“ Netzwerke dazu kennt. Der moderne Mensch ist es gewohnt, sehr schnell Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Die Reaktionsquote freimaurerischer Organisationen auf externe Fragen und Ansinnen ist hier leider bislang nicht allzu schnell. Dies führt unwillkürlich zu Stirnrunzeln und Missverständnissen.

Wir werden heute gefragt werden, was unser Zweck in der Gesellschaft ist. Wir werden gefragt werden, wem es nutzt, dass es die Freimaurer gibt. Wir werden um unsere Meinung gefragt werden und wir werden aufgefordert werden Stellung zu beziehen.

Erkenne Dich selbst. Gehe in Dich. Ändere Deinen Sinn. Arbeite an Deiner Vervollkommnung zu größerer Mitmenschlichkeit. Das sind die Dinge, die alle Brüder als junge Freimaurer gelernt haben. Nur in einer Gemeinschaft wie der der Freimaurer, die nicht nur von Brüderlichkeit redet, sondern die sich bemüht, Brüderlichkeit tatsächlich zu leben und zu verwirklichen, kann Brüderlichkeit selbst Gestalt annehmen. Brüderlichkeit und Humanität sind nun aber nicht nur auf die Loge zu beschränken, sondern sind in die ganze Welt hinauszutragen, genau dazu erzieht das freimaurerische Ritual und die maurerische Symbolik.

Ein jeder Freimaurer ist angehalten, dies zu versuchen, jeder an der ihm zugewiesenen Stelle. Zwar ist es kaum möglich, Brüderlichkeit und Humanität zu institutionalisieren und sie auf diese Weise als Handlungen bei anderen hervorzubringen, aber der Freimaurer kann und soll durch sein gelebtes Beispiel wirken. Er kann zwar soziale Kälte und Egoismus nicht beseitigen, aber er kann dem entgegenwirken und Not lindern. Wenn der Freimaurer schon nicht die Menschen menschlicher machen kann als sie sind, so kann er doch mithelfen, die äußeren Verhältnisse zu humanisieren. In jedem Bereich, so klein er auch sein mag, in der Familie, im Beruf, in der Politik ist ein Hinarbeiten auf humanere, dem Menschen wirklich dienende Strukturen und Verhaltensweisen möglich und im freimaurerischen Sinne ebenso notwendig, wie geboten. Ob Freimaurerei nun eher humanistischer, christlicher, anders religiöser oder sonstiger Interpretation unterliegt, ist im Hinblick auf das Verbindende vollkommen unerheblich.

Voraussetzung eines solchen gesellschaftlichen Wirkens ist lediglich die Arbeit des Freimaurers an sich selbst, die Arbeit am rauen Stein. Die Werkzeuge und Leitlinien einer solchen Arbeit stellt ihm die Freimaurerei in Gestalt der Symbolik und des Rituals zur Verfügung. Nur wer eigene Fehler an sich erkennt und bereit ist, aus ihnen zu lernen, nur wer an sich selbst erfährt, wie schwer es ist, an der eigenen Person zu arbeiten und sich dabei einem Ideal allmählich anzunähern, nur der kann auch seinen Mitmenschen gegenüber brüderliche Nachsicht üben.

Doch, was nutzt uns alle Selbstveredelung, wenn niemand sie bemerkt?

Dieser heutige Festakt in Hannover ist der Höhepunkt zahlreicher Veranstaltungen, die die fast 500 Logen der Freimaurer in Deutschland im Jubiläumsjahr anbieten. Als deutsche Freimaurerei setzen wir damit einen eingeschlagenen Weg fort und öffnen uns der Öffentlichkeit noch stärker als bisher. Das wird sicher viele überraschen, da unser Traditionsbund eigentlich für Verschwiegenheit bekannt war. Ich habe in den letzten Jahren in Europa und der Welt feststellen können, dass die Form und der Grad der Öffnung in der Freimaurerei sehr oft im Einklang mit Form und Grad der Liberalität in den jeweiligen Gesellschaften stehen. Je liberaler die Menschen eines Landes eingestellt sind, desto offener gehen dort die Freimaurer mit ihren Themen um und umso mehr tragen sie diese in die Gesellschaft.

Wir haben in der jüngeren Vergangenheit bereits an der einen oder anderen Stelle zu gegebenen Anlässen unsere Öffentlichkeitsarbeit deutlich vermehrt und ich meine auch verbessert. Hervorzuheben sind hier der Festakt im historischen Rathaus in Hamburg, öffentliche Preisverleihungen, ein neuer moderner und informativerer Internetauftritt und mehrere aktuelle Zeitungsartikel die aus Festaktivitäten und persönlichen Interviews entstanden sind. Viele Logen im ganzen Land haben das 300-ste Jubiläum zum Anlass genommen, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wir sind in der Lage, die Aufrufe unserer Homepage nachzuvollziehen und wissen daher sehr genau, dass noch nie so viele Interessierte mit einem Besuch im Netz auf unsere Öffentlichkeitsarbeit reagiert haben. Auf diesem Weg wollen wir weiter fortschreiten und so auch den anstehenden Aufgaben in der Zukunft offensiv, selbstbewusst und offen entgegentreten.

Die Freimaurerei hat also Antworten. Vielleicht sogar die besten Antworten, zumindest aber sehr gute …

„Freimaurerei war immer!” – das ist ein etwas älteres Zitat und von Lessing, aber es stimmt. Freimaurerei war immer – und ich ergänze: Und sie wird auch immer sein. Ihr Anspruch, im Menschen ein hohes Moralverständnis auszubilden und aufrecht – winkelgerecht – mit seinem Nächsten umzugehen, ist moderner und aktueller denn je.

Wir haben 300 Jahre Erfahrung, uns in einen Kokon einzuspinnen und nichts nach außen dringen zu lassen. Wir müssen uns öffnen. Wir wissen aber leider nicht genau, wie das geht. Wie viel muss man preisgeben, um interessant zu werden? Und wie viel muss man verbergen, um interessant zu bleiben? Wir müssen also irgendwann den Mut aufbringen, über die eigene Zugehörigkeit zum Bund der Freimaurer zu sprechen. Eine unaufdringliche, nicht werbliche, aber moderne und gleichzeitig eine dem sich wandelnden Zeitgeist angemessene Art zu finden, wie wir diese Antworten verpacken und selbstbewusst darstellen – das ist die Aufgabe einer modernen Freimaurerei der Zukunft. Wenn wir das als Freimaurer erkennen, und wenn wir darüber hinaus sehen, was unsere Aufgabe ist, dann sehen wir auch, dass diese immer schon die gleiche war.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!”