Freimaurerei ist Jazz!

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© Punnarong / Adobe Stock

Freimaurerei ist Jazz!

Von Leander Mangelsdorf

Diese Zeichnung soll einen wichtigen Aspekt der Tempelarbeit auf besondere Weise beleuchten: die Musik.

Nach den physischen Gegebenheiten (Anwesenheit und Handlungen im Tempel) und den geistigen (die feierliche, kontemplative Stimmung) ist die Musik für mich eine Art dritte Dimension, die der Arbeit im Tempel – eben wie die dritte Dimension – Tiefe gibt. Was Schnee für den Winter ist, Farbe für ein Bild oder Butter für ein Nutellabrot, ist Musik für eine Tempelarbeit – es ginge auch ohne, aber erst durch diese besondere Zugabe erlangt man eine zusätzliche Facette, eine Würze und eine weitere Ebene von Eindrücken. Die Musik begleitet und ergänzt die Arbeit, so wie ein guter Wein ein gutes Essen unterstützt. Hierfür ist unser Musikmeister zuständig, der für jede einzelne Tempelarbeit feierliche, zur Stimmung passende Stücke auswählt und uns die Arbeit versüßt.

Wir stellen uns vor, dass die uns gewohnte klassische Musik ausnahmsweise etwas Anderem weicht, etwas in dieser Umgebung Fremdartigem: dem Jazz.

Dies hier soll freilich keine Revolution werden. Vielmehr soll es eine andere Betrachtungsweise sein, eine Überlegung, eine andere Perspektive geben. Aber wozu? Und warum ausgerechnet Jazz, dieses Genre, mit dem viele so überhaupt nichts anfangen können? Der Grund: In meinen Augen sind Jazz und Freimaurerei nur verschiedene Umsetzungen der gleichen Sache. Dafür möchte im Folgenden Beispiele geben:

Die Geselligkeit.

Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, keine Frage. Wir treffen uns allwöchentlich, um in den Tempel zu gehen, Vorträge zu hören oder einfach nur nett beisammen zu sitzen und zu tratschen. Wir sind Brüder, wir sind Freunde, wir arbeiten Hand in Hand an einem großen Werk und haben Spaß daran. Jazz und die Bühnen, auf denen Jazz gespielt wird, sind schon seit der Geburt dieser Musikrichtung vor ungefähr einhundert Jahren ein Symbol für gemeinsame Leistung sowie für die Gemeinsamkeit und Geselligkeit an sich. Ich komme aus einer Familie von überwiegend klassischen Musikern, bin mit Rock und Heavy Metal groß geworden und in verschiedenen Musikerszenen unterwegs. Aber ich habe in keinem anderen musikalischen Umfeld jemals ein solches „Wir“-Gefühl erlebt.

Bei einer Jamsession oder einem Konzert arbeitet man zusammen gewissermaßen – wie wir Freimaurer auch – an einem Bauwerk: Wir bauen den Tempel der Harmonie. Die Steine, derer wir bedürfen, sind die Musiker. Und wenn sich diese auf der Bühne nicht in das Werk einfügen und nicht „um sich schauen“, gelingt das Werk nicht. Im Jazz ist auf der Bühne kein Platz für einsame Wölfe – für Leute, die nur stur in ihre Noten schauen, nur auf sich hören oder nur für sich selbst spielen. Es gilt – und wird zu Recht von jedem Dozenten gebetsmühlenartig gepredigt –, nicht auf sich allein zu hören, sondern auf das Ganze – mit sich selbst als Teil davon. Als kubischen Stein im großen Gefüge sozusagen. Auf der Bühne wird gemeinsam gelacht, gefeiert und Spaß gemacht, was der gebotenen Ernsthaftigkeit keinen Abbruch tut. Es ist in den meisten Fällen ein Fest der Herzlichkeit und des Ausdrucks von Gefühlen. Die Geselligkeit und das Miteinander sind allgegenwärtig.

Offenheit und Kommunikation.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Logenaktivität sind Vorträge, bei denen ein Bruder sein Wissen mit uns teilt und es an uns weitergibt, im Anschluss wird darüber diskutiert und die Brüder tauschen sich über das neu Gelernte und die neuen Denkansätze aus. Danach geht jeder mit etwas Neuem im Kopf nach Hause, etwas, über das man nachdenken kann. Die Suche nach Licht, nach Erkenntnis, das Streben nach neuem Wissen sowie offen für Neues zu sein sind Dinge – zumindest nach meinem Verständnis –, die einen Freimaurer auszeichnen sollten. So ist auch Jazz ein Konstrukt aus verschiedenen Einflüssen. Ursprüngliche Wurzeln waren Blues, Worksongs der afroamerikanischen Sklaven, Ragtime und auch klassische Musik.
Kaum ein Genre enthält so viele äußere Einflüsse, seien es kulturelle oder musikstilistische. Der klassisch ausgebildete Jazzpianist Dave Brubeck beispielsweise bezog viel Inspiration aus klassischer Musik. Bill Evans wäre ein weiteres Beispiel oder der vor kurzem verstorbene Jacques Loussier, der mit seiner Verjazzung von Bachstücken bekannt wurde. Viele Jazzer ließen sich von traditioneller afrikanischer Musik beeinflussen und bezogen sie in ihre Musik mit ein. Sun Ra ließ in seine Musik sowie in seine gesamte Identität ägyptische Kultur mit einfließen, Al DiMeola spanische Flamencomusik und so weiter. Latin Jazz, wie beispielsweise Bossa Nova, ist ein ganzes Subgenre, das Jazz mit traditioneller lateinamerikanischer Musik vermischt. Die Fusionbands der 70er- und 80er-Jahre, wie die Brecker Brothers oder Weather Report, vermischten traditionellen Jazz mit damals zeitgenössischer Rockmusik. Moderne Jazzmusiker wie Robert Glasper oder Snarky Puppy beziehen unter anderem Inspiration von Hiphop oder Soul. Kurzum: Jazz wäre nicht halb so interessant und so lebendig ohne diese Weltoffenheit, dieses Willkommenheißen von Neuem und das Annehmen von anderen Ansichten, allerdings ohne dabei den eigenen Charakter und Ursprung zu vergessen.

Zudem ist die Kommunikation ein wichtiges Stilmittel. Sei es zwischen zwei oder mehreren Musikern beim sogenannten „Call and Response“, bei dem sich Instrumente mittels musikalischer Phrasen gewissermaßen „unterhalten“ und Motive von einem anderen Instrument musikalisch beantwortet werden, wie auch bei der Kommunikation zwischen Solist und einer unbekannten Instanz. Wie ein Sänger in einem Lied beispielsweise seine Geliebte anspricht, kann man in gewissen Stücken eine gewisse Form von Anrede wahrnehmen. Der Musiker spielt sein Instrument für eine meist unbekannte, dritte Person und als Zuhörer darf man dieser beinahe intimen Unterhaltung lauschen.

Wenn man auf der Internetplattform YouTube Coltranes „Spiritual“ anhört, findet man unter dem Video den folgenden Kommentar eines Nutzers: „The sound of Coltrane speaking to God.“ Diese Formulierung finde ich sehr treffend. Man hört dabei zu, wie jemand sich mittels eines Werkzeugs immer weiter und weiter in einen Monolog verstrickt, der aussagen mag, was auch immer der Hörer hineininterpretiert, und dessen wahre Bedeutung wahrscheinlich einzig John Coltrane bekannt ist.
Oder ein persönlicher Moment, der mir stark in Erinnerung geblieben ist: Mein Onkel, der bei der Beerdigung meines Großvaters, also seines Vaters, im Regen am noch offenen Grab stand und dort Saxophon spielte – eine Improvisation in das Grab hinab, und ein letztes Mal das Wort an seinen Vater richtete, in der Sprache, die sie beide so gut sprachen. Was er ihm genau gesagt hat, weiß nur er, aber alle Anwesenden hörten und verstanden. Kommunikation ist ein grundlegendes Werkzeug des Menschen und für uns Freimaurer ganz besonders wichtig. Nur durch Austausch untereinander und durch Miteinanderreden können wir gemeinsam wachsen.

Progressivität.

Wir Freimaurer möchten die Welt besser machen, wir bemühen uns, eine Gesellschaft voller Liebe, Toleranz und Humanität zu schaffen und zu erhalten. Jazz wollte schon immer verändern, revolutionieren, Neues in die Welt bringen.
Sei es ein politischer Wandel für mehr Gerechtigkeit (damals insbesondere die Gleichberechtigung für Afroamerikaner) oder ein musikalisches Umdenken. Jazz war nach der Dixieland-Ära nicht mehr einfache Unterhaltungsmusik, sondern ein Statement. Er war Protest, er war Demonstration von Meinungen und Forderung nach Wandel.

Auf der musikalischen Ebene: Aus gutem Grund nennt man die teilweise vom Jazz beeinflusste Rockmusik, die in den späten 60er Jahren entstand „Progressive Rock“. Bands wie King Crimson, Yes, EL&P, Gentle Giant etc. zeichneten sich dadurch aus, dass sie die harmonisch, rhythmisch und thematisch relativ einfache Rockmusik mit komplexeren Harmonien, Taktarten und motivischer Arbeit anreicherten. Diese Musik ist progressiv, fortschrittlich, und wurde demnach auch so genannt. Sie ging über die Grenzen der Rockmusik hinaus und stellte eine Weiterentwicklung dar. Auch Jazz selbst entwickelte das bis dato Bekannte weiter – die Pioniere des Jazz drangen in ganz neue harmonische Tiefen vor und experimentierten, was das Zeug hielt.
Diesen Punkt könnte man so zusammenfassen: Sowohl die Freimaurerei als auch Jazz haben ihren Ursprung in dem Wunsch, die Dinge in die Hand zu nehmen und Wandel hervorzubringen.

Freiheit.

Schon der Name unserer Bruderschaft bezieht sich darauf. Sowohl die physische Freiheit im Sinne von uneingeschränkter Bewegungsfreiheit als auch die geistige Freiheit (freie Religionswahl, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit etc.) sind grundlegende Menschenrechte und ein Bestreben der Freimaurerei. Freiheit war (und ist) nicht nur ein musikalisches Bestreben, das sich in freier Improvisation, freierer Harmonik und Rhythmik und irgendwann auch im Free Jazz äußerte.
Zu den Ursprüngen des Jazz gehört der Blues. Der Wunsch nach Freiheit benachteiligter Afro-Amerikaner spiegelte sich oft in den Texten wider. Blues war schon immer stark politisch, und der Tenor der Unzufriedenheit übertrug sich später auch auf den Jazz. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark diskriminierten Afroamerikaner fanden mithilfe des Jazz Gehör, Anschluss und Bewunderung.

Barack Obama sagte bei seiner Rede am International Jazz Day 2016 folgendes: „Jazz ist in so vielen Punkten die Geschichte des Fortschritts unserer Nation. Geboren aus den Schwierigkeiten der Afroamerikaner, die sich nach Freiheit sehnten. Jazz hat etwas Furchtloses und Wahres an sich. Es ist Wahrheit erzählende Musik.“

Duke Ellington sagte, von Barack Obama in eben jener Rede zitiert: „Jazz ist ein Barometer der Freiheit.“ Ebenfalls beim International Jazz Day 2016 sagte Herbie Hancock: „Jazz stand immer schon für Hoffnung in der Welt.“

Diese Hoffnung auf eine bessere Welt, diese Herzlichkeit und Liebe und dieser Drang, Neues zu finden – all das waren vermutlich Gründe, warum so viele Jazzmusiker selbst Freimaurer sind und waren. Duke Ellington, Nat King Cole, Count Basie, Fats Waller, Lionel Hampton, Irving Berlin, um nur einige zu nennen. Sie alle waren Freimaurer, sie alle waren Jazzmusiker und sie alle versuchten, die Welt ein wenig besser zu machen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.