Für das Leben – Rückkehr in eine kleine Stadt in Bosnien (3)

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Der Weg der Flüchtlinge nach Europa führt an Minenfeldern vorbei, oder mitten durch. Wer weiß das schon? Sie kennen sich hier nicht aus. Es ist ein Spiel. Mit der kroatischen Polizei und dem Leben.

Der Krieg ist vorbei. Migranten sind die neuen Notleidenden. Auch hier wird geholfen. Und auch dem Autor, dessen neue Bilder sich über die alten legen. An der Säule zur Linken habe er seinen Lohn empfangen, sagt er. Und er sei zufrieden.

Jeder Staat darf illegale Migranten abweisen. Das ist jedoch u.a. durch die „Europäische Menschenrechtskonvention“ an Bedingungen geknüpft. Das EU Mitglied Kroatien hält sich nicht daran. Illegale „Push Backs“ nennt sich das. Dazu kommt, dass die kroatische Polizei beim Vorsichhertreiben von Flüchtlingsgruppen bosnisches Territorium nicht betreten dürfte. Dass sie es doch tut, kümmert in der EU offensichtlich auch niemanden. Der Preis für die unsichtbare Mauer an der EU Außengrenze ist ein denkbar hoher: die Menschenrechte fallen, jeden Tag.

Bihac ist erneut Brennpunkt. Die Stadt wurde während des Krieges allein gelassen. Heute passiert Ähnliches. Hier werden die Flüchtlingsströme in Richtung EU komprimiert und niemanden kümmert es. Die kroatische Polizei macht mit ihren Schlagstöcken die Drecksarbeit für die EU. Deshalb kommt kaum noch ein Flüchtling in Deutschland an. Nicht, weil es keine Flüchtlinge mehr gibt. Europäische Politiker feiern das im christlichen Abendland als „erfolgreiche Flüchtlingspolitik“.

Emmanuel und die beiden anderen Schwarzafrikaner stehen noch nicht auf „Mamas Liste“, deshalb bekommen sie erst beim nächsten Mal vollgepackte Plastiktüten. Unübersehbar frieren die drei, Hunger scheinen sie auch zu haben. Ich verabschiede mich von Emmanuel und nutze den Handschlag, um ihm unsichtbar ein bisschen Geld in die Hand zu legen. „For you three“, sage ich leise. Er nickt: „Ok Sir“. „No Sir“, sage ich. „Emmanuel, my name is Dirk“. Ich lasse mir seine Telefonnummer geben. Um die Handykarten bezahlen zu können, verkaufen sie auf dem Markt Lebensmittel, die sie von der IOM bekommen. Die Smartphones sind ihr einziger Besitz und der notwendigste, um ihr Ziel zu erreichen. „Mama“ macht ihren Job hervorragend. Auf Augenhöhe spricht sie mit den Flüchtlingen, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, notiert akribisch neue Namen für ihre Liste und die Dinge, die jeder einzelne neben Lebensmitteln für sich braucht.

Zemira Gorinjac hat eine Liste, auf der sie notiert, wer etwas Besonderes braucht. Zum Beispiel Medikamente, ein Ladekabel für das Handy oder einen Schlafsack. Bei nächster Gelegenheit bringt sie die Dinge mit. Die Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak und Nigeria nennen sie „Mama“.

Nach einer Stunde fahren wir zurück. Bei dieser Frau bin ich genau richtig gelandet. Deshalb gestehe ich ihr: „Ich habe nur die halbe Wahrheit gesagt. Ich will nicht nur über Dich schreiben. Ich habe Geld dabei. Wir gehen zusammen einkaufen“. „Mama“ weiß, was die Flüchtlinge meinen, wenn sie vom Krieg in ihren Heimatländern sprechen. Sie war damals auch hier. „Ich habe viel geschrieben in dieser Zeit“, erzählt Zemira. „Nach dem Krieg habe ich alles verbrannt. Ich wollte nicht mehr daran denken“.

Am nächsten Morgen lade ich die Kleiderspenden der Brüder in „Mamas“ Garage ab und wir fahren mit zwei Autos, dem Volontär Rasim und Husnijas Enkel Melis in einen Supermarkt. Vier volle Einkaufswagen schiebe ich wie eine fette Schlange vor mir zur Kasse. Danach geht es in weitere Supermärkte. „Mama“ nutzt mehrere Läden, je nach Angeboten, um möglichst viele Lebensmittel kaufen zu können. Ein Laden hat Schlafsäcke im Angebot. Wir kaufen gleich zwanzig Stück und bringen alles in ihre Garage. Der Großteil des Geldes der Brüder ist jetzt gut investiert. Der Volontär Rasim beginnt sofort Plastiktüten voll zu packen. „Willst Du wieder mitkommen zum Verteilen?“, fragt mich „Mama“. „Nein“, antworte ich, „Du machst das schon. Ich kümmere mich um die drei Jungs aus Nigeria, die von gestern Abend“.

Es ist die Säule zur Linken, an der ich meinen Lohn empfange. Ich bin zufrieden.

Ich rufe die Drei an und treffe mich am Supermarkt mit ihnen. Sie brauchen Schuhe, warme Pullis, dicke Socken und Lebensmittel. Melis kennt die Läden in der Stadt. Er weiß, wo Schuhe am günstigsten sind. „Ihr sucht aus, was ihr braucht. Ich bezahle an der Kasse“, sage ich und schiebe den Einkaufswagen vor mir her. Die Wahl zu haben ist würdevoller, als sie nicht zu haben. Deshalb ist es besser, nicht für sie, sondern mit ihnen einkaufen zu gehen. „Hey brother, do you see chicken“, ruft einer von ihnen in der Lebensmittelabteilung. „Yes, it’s there“ rufe ich zurück. Statt „Sir“, jetzt „Brother“. Das ist gut so. Wir kochen ja alle mit dem selben Wasser. Natürlich kann man denken, dass diese Form der Hilfe nur ein Tropfen auf einen heißen Stein ist. Man kann aber auch denken: „Stell Dir vor, Du selbst bist dieser Stein. Wäre es dann nur ein Tropfen?

Wir laden die drei in der Nähe der Fabrikhalle ab. Melis hatte mir von zwei bosnischen Familien erzählt, die kaum genug zu Essen haben. Ich drücke ihm die letzten 100 Euro des Geldes in die Hand. Er kümmert sich darum. Bei dem Großvater wundert es mich nicht, dass auch er das mit Leidenschaft macht. Am Abend bekomme ich die Quittungen und Fotos der Familien von Melis. Auch als Privatinitiative ist der Papierkram notwendig.

Es ist ein Samstagabend. Zum ersten Mal in Bihac achte ich darauf, saubere Klamotten zu tragen. Ich bin zu einer Party eingeladen. Die Rocker von Bihac wollen feiern. Ja, ich bin selbst überrascht. Rockerparty in Bihac? Was wird das denn? Mein Ticket zu dieser Feier habe ich vor 25 Jahren geschossen, als das serbische Militär versuchte, die Stadt zu erobern. Es ist ein Foto von einer Mutter mit einem Säugling auf dem Arm. Ich hatte wohl Lebensmittel in ihre Wohnung gebracht. Man sieht auf dem Bild nur die dunklen Umrisse von Mutter und Kind, dahinter ein Fenster mit Klebebandstreifen auf dem Glas, damit die Splitter nicht wie Geschosse in den Raum fliegen, wenn die Druckwelle einer Granate sie trifft. Ich habe das Bild vor einem halben Jahr bei Facebook gepostet.

Eine Mutter mit ihrem Säugling im „Kessel von Bihac“. Auf den Fensterscheiben sind Klebestreifen. Sie sollen verhindern, dass Glassplitter schon bei leichten Druckwellen durch Granateinschläge selbst zu Geschossen werden.

Es dauerte kaum eine Stunde und dann stand darunter: „Das bin ich“. Anes Zulic, heute 25 Jahre alt und Schlagzeuger der Band „Start“. Ich habe die einzigen Babybilder von ihm. Jetzt hat er sie auch. Vor ein paar Tage habe ich mich ihm und seiner Mutter für das zweite Foto getroffen.

Das sind Anes Zulic und seine Mutter Leyla, die Beiden vom vorherigen Bild. 25 Jahre liegen zwischen den Fotos. Anes arbeitet heute für die Justiz in Bihac und ist Schlagzeuger einer Band. Auch der Vater hat den Krieg überlebt.

An diesem Abend sehe ich ihn wie ein Wahnsinniger auf seinem Schlagzeug spielen. Manchmal schreit er dabei. Ich lehne mich an eine Säule, die nur wenige Meter neben dem Schlagzeug steht und sehe mir das an. Gänsehaut! Meine Kinder von damals – sie leben, und wie! Als mir ein Kerl so groß wie ein Schrank gerade einen Whisky nachkippt, brüllt Anes mit aller Kraft und lachend in meine Richtung: „Ich liebe Dich“!  Es ist die Säule zur Linken, an der ich meinen Lohn empfange. Lehrling bleiben wir ja immer. Ich bin zufrieden. Der Schrank kommt plötzlich auf mich zu. Er will ein Selfie mit mir und muss dafür in die Knie gehen, um auf meine Kopfhöhe zu kommen. „Der ist Serbe“, ruft mir einer von der Theke lachend rüber. „Aber heute interessiert das keinen mehr. Wir sind alle Bihac Biker“. Gegen 4 Uhr ist die Party zu Ende. Anes hat nichts getrunken und nimmt mich mit nach Hause. Als wir gerade gehen wollen steht plötzlich eine Frau sehr dicht vor mir und sieht mir direkt in die Augen. Blonde Haare, Mitte 30 und Tränen laufen an ihren Wangen runter. Sie nimmt mich in den Arm. Ich sie auch. Warum auch immer? Als sie mich wieder loslässt, frage ich: „Was ist los?“. „Ich war Anfang 1994 im Krankenhaus, schwer verletzt. Irgendwer hat mir gesagt, dass ein Deutscher hier war und das gebracht hat, was sie für die OP brauchten. Gerade habe ich erfahren: Das warst Du“! Jetzt weinen wir beide. Jetzt muss ich sie in den Arm nehmen. Es gibt tausende Augenblicke aus meiner Zeit in Kroatien und Bosnien, über die ich oft gedacht habe: „Das werde ich nie vergessen, nie“. Jetzt ist es wieder einer mehr. Der aber riecht nach Liebe und Leben, nicht nach Hass und Tod und er ist jetzt auch unter meiner Haut.

Die Abreise naht. Am vorletzten von 13 Tagen feiert die Stadt Bihac ihren 759. Geburtstag. Heute soll ich in das „Haus der Kultur“ kommen, eine Art Bürgerhalle. Das Stadtparlament hat entschieden mir die „Plakette der Stadt“ zu übergeben. Ich habe überlegt, ob ich das überhaupt annehmen soll. Das abzulehnen wäre jedoch unhöflich. Also gehe ich hin. Husnija ist natürlich dabei, die ganze Familie. Es ist die höchste Auszeichnung der Stadt. Mit mir auf der Bühne steht Aldijana. Sie war 13 Jahre alt, als wir uns kennen lernten. Ich hatte ihr eine gefütterte Jacke gegeben, als sie trotz des extrem kalten bosnischen Winters keine hatte.

Jedes Mal nach der Ankunft kamen ein ganzer Haufen Kinder an unsere Lkw, um Schokolade zu bekommen. Eines dieser Kinder war die damals 13jährige Aldijana. Sie hat mir erzählt, dass ich ihr nach diesem ersten Foto im schneidend kalten Winter eine dicke Jacke gegeben habe. Ich wusste das nicht mehr.

Ich hatte das vergessen. Sie hat mir das erzählt. Seitdem stand sie jedes Mal am Lkw, wenn wir abluden und bekam immer Schokolade, wie alle anderen Kinder auch. Sie ist heute Moderatorin des bosnischen Fernsehens und kümmert sich um 2500 Kinder in ganz Bosnien, für die medizinische Behandlungen finanziert oder Medikamente gekauft werden müssen.

Aldijana Hadzihajdarevic ist heute verheiratet, hat zwei Kinder und ist Moderatorin beim bosnischen Fernsehen in Bihac. Außerdem hat sie eine Privatinitiative gegründet und kümmert sich um Kinder, die medizinische Hilfe brauchen. Als Journalistin setzt sie sich in ihren Kommentaren für die Flüchtlinge in Bihac ein.

Die Versicherungen weigern sich oft, das zu bezahlen. Dafür bekommt sie heute diese verdiente Ehrung. Nach der sehr feierlichen Übergabe der „Plakette“ mit etwa 500 Gästen lädt uns der Bürgermeister zum Essen ein. Aldijana ist jetzt 38 Jahre alt. Es ist die Frau mit den zwei Kindern, die mich vor ein paar Tagen „Freund bis zum Ende Lebens“ genannt hatte. Im Restaurant sitzt Kameramann Muhammed neben ihr. Die beiden sprechen über Aldijanas humanitäre Aktionen für kranke Kinder. „Ich hatte einen guten Lehrer“, sagt sie und ruft dann laut, während sie mit dem Finger auf mich zeigt: „Er ist schuld“. „Das freut mich“, rufe ich zurück. „Der Virus kann ansteckend sein, ich hätte Dich warnen müssen“.

Muhammed will das letzte Interview vor der Abfahrt mit mir. In seine Dokumentation will er viel Archivmaterial aus Bihac einbauen. Auch Videofilme, die ich damals gedreht habe und einige der Bilder. Ich bitte Aldijana in einen anderen Raum zu gehen. Wenn sie neben mir steht, dann bekomme ich keinen Ton raus, ohne dass es mit den Tränen schon wieder losgeht. Ihr geht es genauso. Deshalb versteht sie das. Natürlich. Hier versteht das jeder. „Ok“, sagt Muhammed“, „ich frage Dich nichts. Sag bitte etwas, was Du den Menschen in Bihac noch sagen möchtest? Bitte in unserer Sprache“. Ich muss es so formulieren, wie ich es mit meinen beschränktem Bosnisch hinbekomme: „Die jungen Leute denken vielleicht, wir brauchen die Erinnerungen nicht. Die Älteren wollen sie nicht mehr. Das verstehe ich. Aber wir brauchen sie: Wenn eines Tages die Politiker wieder sagen der Krieg muss wiederkommen, dann muss jeder Einzelne sagen: „Nein“. Dafür brauchen wir die Erinnerungen.“

Am nächsten Morgen steht meine bosnische Familie auf dem Hof vor dem Haus. Abschied! Eigentlich wollte ich längst unterwegs sein, aber alle fünf Minuten kommen Menschen und bringen selbstgebrannten Slivovic für mich und Geschenke für mein Enkelkind. „Alisa, so viele Menschen haben sich bei mir bedankt für etwas, das schon lange her ist. Jetzt muss ich mich bei Euch bedanken für die letzten 13 Tage. Heute habt ihr mir geholfen. Die Reparatur, Du verstehst was ich meine“. Sie nickt. Ich steige ein und der Wagen rollt an. Ein gutes Dutzend Menschen fängt an zu winken und ich trete noch mal voll auf die Bremse, lasse das Fenster herunter und rufe aus dem Fenster Husnija zu: „Opet spremni“. „Immer bereit“ heißt das. Mein „bosnischer Vater“ und der Rest meiner Familie wissen, was ich damit meine.

Als ich mit zwölf Pullen Schnaps im Auto auf die EU Grenze in der Ebene vor Bihac zu Rolle fällt mir eine bemerkenswerte Kleinigkeit auf. Die Fenster im Auto sind oben. Ich habe sie nicht mehr heruntergelassen, um zu hören was draußen passiert. Auf dem Rückweg Richtung Deutschland merke ich, das es funktioniert hat: Ich denke an Husnija und seine Frau Visa. Aldijana mit ihren zwei Töchtern und Alisa mit einer riesen Portion Kuchen in der Hand. Sie arbeitet bei einem Bäcker und hat mich vollgestopft damit.

Die neuen Bilder haben sich über die alten gelegt. Sie sind jetzt vorne.

Enkelsohn Melis, Husnija und Visa Kapic an einem der fröhlichen Abende im Februar 2019. Die neuen Bilder haben sich über die alten gelegt.