Hamburger Freimaurer beteiligen sich an der 20. Europawoche

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Foto: sunt / Adobe Stock

Schon zum 20. Mal beteiligt sich der Distrikt Hamburg an der Europawoche der Stadt Hamburg. Der Referent Oberst Prof. Dr. Rogg sprach zum Thema "Die Lichter am Himmel hängen alle schief — 1919 und die Neuordnung der Welt". Er sollte einen Blick auf 100 Jahre Europa geben.

Von Br. Andreas Bolte

Interessant, ja. Aber was haben wir Freimaurer mit der Europawoche zu tun, mag sich mancher fragen. Die Antwort gibt unser Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer in seiner Begrüßungsansprache.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität, Humanität und Toleranz, das sind die Ziele Europas und das sind auch unsere Ideale, die Ideale der Freimaurer. Alle demokratischen Parteien in Deutschland fördern ein gemeinsames Europa. Das auch, weil es Frieden stiftet und zukunftsfähige Lösungen für nationale wie globale Herausforderungen schafft. Auch wir Freimaurer glauben und arbeiten für ein Europa der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Humanität, der Solidarität und der Toleranz. Dafür lohnt es sich aktiv einzutreten und das wollen wir auch weiterhin verstärkt tun.

Br. (Prof. Dr.) Stephan Roth-KLeyer, Großmeister

Dies sei heute wichtiger und aktueller denn je und sei ein Ziel für die Zukunft. Inhaltlich deutet unser Distriktmeister Br. Thomas Stuwe in seiner Einführung an, was den Zuhörer erwarten würde: gewaltige Umbrüche in Technik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Relevanz für unsere Zeit würde noch mehr als deutlich werden.

Und unser Referent beginnt gleich, konkret zu werden. Der erste Radiosender, die erste Pandemie in Gestalt der Spanischen Grippe mit geschätzten 100 Millionen Toten — mehr als in beiden Weltkriegen zusammen —, die schrecklichen Kriegserfahrungen, in denen mehr als 50 Milliarden Geschosse produziert wurden. Das sind Ereignisse, die das Bewusstsein der Epoche prägen.

Dazu der erste Tabubruch der Geschichte: Der Einsatz von Giftgas. Heute ist das schon lange geächtet. Heute würden wir sagen, das erste Unwort des Jahres, “Menschenmaterial”. Diese “Entgrenzung der Gewalt” verunsicherte die Menschen tief. Dazu geriet der politische Liberalismus in die Krise und althergebrachte Rollenbilder von Mann und Frau wurden infrage gestellt. Kurzum: “Dieser Verlust der alten Kontrollsysteme führte zu Orientierungslosigkeit und Entheimatung”, so unser Referent. Ein Gefühl, das auch heute Teile der Gesellschaft kennen. Wir denken an die Anhänger von Pegida, AfD und weiteren Gruppierungen, die sich das vermeintliche Idyll der 50er Jahre zurückwünschen, das es aber so nie gegeben hat.

Für weitere Unzufriedenheit sorgte der Versailler Vertrag, der eher einem Diktat gleiche, wodurch Deutschand 13 Prozent seines Staatsgebiets verlor, die Alleinschuld am Krieg wurde Deutschland zugewiesen, die Auslieferung der Handelsflotte an die Siegermächte und Reparationszahlungen in Höhe von 269 Milliarden, was heute dem zehnfachen Betrag entspräche.

Auch geografisch änderten sich altbekannte Strukturen. Das Osmanische Reich zerfiel, die baltischen Staaten entstanden, die Arroganz der Weltmächte, die mit dem Lineal neue Ländergrenzen in Arabien zogen, zeitigt Folgen, unter denen die Weltgemeinschaft bis heute leidet und die die Araber nachhaltig tief verstimmte.

Doch aus Positives sei nachzuweisen. So diente die Weimarer Verfassung in Teilen als Vorlage für unser Grundgesetz, eine ganz neue Kunst mit Dada habe Menschen viel Kraft gegeben, das Bauhaus, das nicht nur mit seiner Architektur, sondern auch mit seinem neuen Menschenbild der großen gesellschaftlichen Komplexität eine neue Einfachheit entgegensetzte, sorgte für einen gewissen Orientierungsrahmen.

Nun könnten hier eine Reihe weiterer Details aufgezählt werden, doch schon jetzt ist offensichtlich, was diese Zeit vor hundert Jahren mit heute zu tun hat. Prof. Rogg: “Der Verlust an Gemeinsamkeit, die Vertrauenskrise der Institutionen und die Suche nach neuer Orientierung.” Ein Blick nach Polen oder Rumänien genüge, um das festzustellen. Generell gelte, unsere Probleme hätten an Komplexität zugenommen. Wer nun vermeintlich einfache Lösungen präsentiere, liege falsch. Hier komme nun die Rolle Europas ins Spiel. Drei wesentliche Aufgaben sehe er. Erstens: Europa müsse als Anker der Stabilität dienen, zweitens Europa müsse Orientierung geben und drittens Europa müsse neue Ideen haben.

Wir hörten einen etwas anspruchsvollen, aber sehr klaren Vortrag, der viele gut belegte Details enthielt. Analysen und Schlussfolgerungen waren übezeugend; sehr angenehm der ruhige Ton des Referenten und seine immer wieder sichtbare Fachkompetenz.

Entnommen aus dem “Hanseatischen Logenblatt”