Johannisfest – Mehr als Schall und Rauch?

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Foto: Swetlana Wall / Adobe Stock

Was bedeutet das Johannisfest für einen Freimaurer? Lässt es sich mit anderen Festen vergleichen? Der Frage ging in seiner Zeichnung zum Johannisfest Andreas Krieg nach.

In den meisten Freimaurerlogen der Welt wird jährlich um den 24. Juni das Johannisfest gefeiert. Unsere neuen Brüder haben sich vielleicht schon gefragt, was es damit auf sich hat. Ich möchte versuchen, darauf eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Dabei gehe ich zunächst auf das Feiern im Allgemeinen ein. Sodann berichte ich, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Zum dritten wird erklärt, was die Feier bedeutet und wie sie abläuft. Am Ende steht, wie ich diese Feier wahrnehme. Bringt das Fest etwas in mir zum Schwingen? Oder ist es für mich – um es mit Goethes „Faust“ zu sagen – nur „Schall und Rauch“?

Zunächst also ein paar Worte über Feste oder das Feiern im Allgemeinen: Ein Fund in der Quafzeh-Höhle im heutigen Israel belegt eine erstaunliche kulturelle Menschheitsleistung, die sich vor etwa 95.000 Jahren abgespielt hat. Sie fußte auf der Idee, dass es ein Reich fern der Lebenden gäbe. Um einen Verstorbenen darauf vorzubereiten, haben ihn seine Angehörigen bestattet. In dieser rituellen Handlung, die enorme Vorstellungskraft voraussetzte, sehen Wissenschaftler einen der bedeutendsten Schritte auf dem Weg zur Zivilisation. Im Laufe der Jahrtausende haben menschliche Gemeinschaften noch viele besondere Ereignisse bestimmt, zu denen sie an besonderen Tagen zusammenkommen. Häufig gehen damit gesellschaftliche oder religiöse Rituale einher.

Das für uns stark prägende römische Reich hatte für das Feiern bestimmter Zeitabschnitte den Begriff “festum”. Daraus wurde das deutsche Wort „Fest“. Das Synonym “feriae” wurde im Deutschen zu „Feier“. Beide Begriffe wurzeln in “fanum”: das Religiöse. Nicht selten ruhen an diesen Feiertagen profane Tätigkeiten. Außerdem wirken sie gemeinschaftsstiftend und -erhaltend. Durch besondere Bräuche, die auch eine hohe Emotionalität bis hin zur Ekstase erlauben können, heben sie sich aus dem Alltag heraus. Ihnen kann sogar ein wildes, anarchisches oder destruktives Moment zugrunde liegen, etwa im Karneval. Für den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, ist ein Fest „ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.“ Freilich können Feste auch sehr gemessen oder getragen daherkommen. Wir sind uns sicher einig, dass von Exzessen bei unserem Johannisfest nicht die Rede sein kann. Gemessenheit ist hier wohl das passendere Wort. Ist neben der Gemeinschaftspflege auch Emotionalität möglich? Ich komme später darauf zurück.

Der Ursprung unseres ekstasefreien Johannisfestes entstammt aus dem Dunstkreis des Religiösen. Die gründende Sitzung der ersten englischen Großloge hat laut masonischer Forschung am 24. Juni 1717 in London stattgefunden. Der 24. Juni ist nach Auslegung der christlichen Kirchen der Geburtstag des Johannes, dem der Beiname „Täufer“ gegeben wurde. Jener Johannes war vermutlich Mitglied der asketischen Essener -Sekte, predigte am Jordan und spendete die Busstaufe. Dieser Taufakt, dem sich auch Jesus Christus unterzogen haben soll, symbolisierte die Vergebung der Sünden. Er ist also nicht vergleichbar mit der Taufe als Aufnahme in eine Glaubensgemeinschaft. Die Platzierung seines Geburtstages in die Nähe zur Sommersonnenwende, die auf die Zeit zwischen dem 20. und dem 22. Juni fällt, war ganz offensichtlich ein geschickter kurialer Schachzug. Damit konnte das heidnische Sonnwend-Brauchtum christlich verbrämt werden.

Neben Jesus Christus und seiner Mutter Maria ist der Täufer übrigens der einzige, bei dem außer dem Sterbetag auch der Geburtstag gefeiert und in der katholischen Kirche als Hochfest begangen wird. Die Kirche begründet die Terminierung mit Aussagen des Lukasevangeliums. An Mariä Verkündigung, also dem 25. März, sei Elisabeth, die Mutter des Täufers, im sechsten Monat schwanger gewesen. Drei Monate später, am 24. Juni, kam sie nieder. Das sind sechs Monate vor Weihnachten. Die Beziehung des längsten mit dem kürzesten Tag des Jahres kommt in Johannes’ Hinweis auf Jesus sehr schön zum Ausdruck: „Jener muss größer werden, ich aber geringer.“ Gemeint ist, dass die Sonne mitten im Sommer abnimmt, in der Mitte des Winters hingegen nimmt sie zu.

Die Beziehung der Freimaurer zu Johannes ergibt sich aus der Tatsache, dass unter anderem die Steinmetze in ihm ihren Schutzpatron sahen und sehen. Das heißt, sie fühlen sich dem Täufer in besonderer Weise verbunden. Mancher mag in ihm wohl auch so etwas wie den Fürsprecher und Mittler im Verhältnis zu Gott sehen. Aus diesem Patronat leitet sich auch der Begriff Johannesloge ab. So wäre hinlänglich erklärt, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Inhaltlich begreifen wir diese Feier als unser Bundesfest. Wünschenswert ist somit, dass jeder Freimaurer die Zugehörigkeit zu diesem weltweiten Bruderbund durch seine Teilnahme bekundet.

In Deutschland wird das Fest besonders durch die Rosensymbolik geprägt. Rosen sollen den Tempel verschönern und mit dieser Königin der Flur sollen sich auch die Brüder schmücken. Idealerweise hält der Zeremonienmeister für jeden Bruder einen kleinen Ansteckstrauß bereit. Die florale Majestät bringt zum Ausdruck, dass wir zu Mittsommer ein Fest der Liebe und der Lebensbejahung begehen. In ihrer farblichen Zusammenstellung rosa, rot und weiß versinnbildlichen die drei Johannisrosen die Lebensdevise des Freimaurers: Licht, Liebe, Leben.

Wir verstehen sicher alle den Ablauf vom Eintritt in die Loge bis zum Ende der Tafelloge als das Johannisfest. Rituell gesehen beginnt es aber erst nach der Einrichtung und Öffnung der Loge mit der Beendigung des alten Maurerjahres durch den Stuhlmeister. Es ist insofern auch ein maurerisches Neujahrsfest. Es gibt Logen, die ihren Neujahresempfang im Juli geben. Es folgt gegebenenfalls die Verpflichtung eines neuen Stuhlmeisters. Dieser eröffnet als erste Amtshandlung das neue Maurerjahr. Danach überreicht er die Rosen. Sodann werden die alten Beamten entlassen und die Neugewählten durch ihre Verpflichtung in das Amt eingeführt. Mit der nun folgenden Zeichnung ist das rituelle Johannisfest schon wieder beendet. So dürfen wir es aber nicht sehen. Natürlich gehört alles was folgt auch dazu, insbesondere die Tafelloge. Nach Johanni schicken sich die meisten Logen an, in eine längere Sommerpause einzutreten. Guter Brauch ist es deshalb, diese Vakanz durch eine besonders reichhaltige Armenspende auszugleichen. Natürlich gilt auch hier der alte Grundsatz: “Ultra posse nemo obligatur”. Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet. So wäre hinlänglich erklärt, was das Johannisfest bedeutet und wie es abläuft.

Es bleibt jetzt noch die Frage, ob dieses Fest in uns etwas bewirken kann – oder, wie es neuerdings die Sprachavantgardisten sagen: „Macht es etwas mit uns?“ Auf alle, die christlich sozialisiert wurden, macht sicher das Oster- und vor allem das Weihnachtsfest Eindruck. Selbst wenn man dem christlich-religiösen Inhalt nicht viel abgewinnen kann und nur den Charakter des Geschenk- und Familienfestes wahrnimmt, kann man sich der Zeit kaum entziehen. Es liegt davor und währenddessen ein eigenartiges, kaum beschreibbares Gefühl in der Luft. Vorfreude? Lebensfreude? Erlösung? Diese Feste wecken also durchaus bei vielen Menschen Emotionen, bringen nota bene etwas zum Schwingen. Faustisch gesprochen: „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“

Ich habe vor Jahren den Versuch gemacht, dieses besondere Gefühl auch am Johannistag hervorzurufen. Erreichen wollte ich das, indem ich an diesem Tag etwas Besonderes unternommen habe. Dennoch konnte das Gesuchte nicht gefunden werden. Vielleicht hätte ich – gemäß Freud – die festliche Stimmung durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugen müssen? Doch im Ernst: Mir ist klar geworden, dass es ohne entsprechende Sozialisation und Gemeinschaft nicht geht. Was ich nicht teilen kann, das setzt keine großen Emotionen frei. Wenn ich eine gute Flasche Wein ohne einen Freund trinken muss, ist das nur die halbe Freude.

Bleibt also das Fest mit den Brüdern. Eine Weihnachtstimmung kommt auch hier nicht auf. Aber immerhin ist mir bewusst, dass diese heutige Zusammenkunft aus dem Kanon maurerischer Aktivitäten heraussticht. Weniger durch den rituellen Johannisfest-Teil. Dafür aber durch die Anwesenheit vieler sehr geschätzter Brüder. Hinzu kommen die besonders festliche Ausschmückung des Tempels und die Tafelloge. Emotionalität im Gewande der Vorfreude liegt für mich auf der Hand. Zugleich ist da das Wissen, dass nun die lange Zeit der Sommervakanz beginnt. Das stimmt mich einerseits etwas wehmütig, doch zugleich keimt erneut die Vorfreude auf den September hoch. Also Vorfreude und Wehmut. Süße und Bitterkeit. Polarität!

Und darüber hinaus?

Von Gretchen zu seinem Glauben befragt, windet sich der zweifelnde „Faust“ wie ein Aal, versucht, sich um eine klare Antwort zu drücken (Vers 3453 ff.): „Nenn es dann, wie du willst, / Nenn ́s Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.“ Während Faust fürs Erste mit seiner Antwort durchkommt, muss ich aber wohl doch Farbe bekennen und meine Karten ausspielen. Ja, der Name ist sicher nicht so wichtig. Das Patronat des Johannes, ich sehe es als Teil des Brauchtums und respektiere es. Das Bewusstsein jedoch, diesem großartigen, altehrwürdigen Bruderbund anzugehören und gemeinsam mit Geistesverwandten in dieser warmen, lichtdurchfluteten und rosengesegneten schönen Jahreszeit zu feiern, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Aber da ist noch ein anderes, das hinter Rosenpracht und Lebensbejahung hervorspäht. Ein türkisches Sprichwort sagt, „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Und so erfüllt mich an Johanni, wenn die Sonne in ihrer ganzen Kraft steht, auch immer eine Ehrfurcht vor dem Walten der ewigen Gesetzmäßigkeiten, dem ewigen stirb und werde. Dann spüre ich den besonderen Wert von Gesundheit und Leben. Und hier schließt sich für mich auch der Kreis und ich bin wieder bei der eingangs erwähnten Quafzeh-Höhle. Ich denke, die Menschen haben Feste erfunden, um Verlustängste zu verarbeiten. Sie feiern also immer im oder sogar nur wegen des Bewusstseins, dass es ein Reich fern der Lebenden gibt, das auch wir einst sehen werden.

Unser schönes Johannisfest. Mögen uns noch viele in Gesundheit, Frieden und Wohlstand vergönnt sein. Keine Frage, da ist etwas, das die Gefühle in Schwingung bringt. „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“ – aber
nenn es niemals „Schall und Rauch“.

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