Kunst — Not me!

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Foto: Kara-Kotsya / Adobe Stock

Mit der Kunst, und hier sei vor allem die Malerei gemeint, hat es seine eigene Bewandtnis: Ich kann ein Bild betrachten und die Größe, die Darstellung und die Farben beurteilen, und doch bleibt es mir verschlossen, wenn ich nicht die Interpretation des Künstlers oder Kritikers, geschweige denn den Namen des Bildes kenne. Häufig gehört auch eine Geschichte, bzw. eine geschichtliche Einordnung zu dem Gemälde, damit es sich mir erschließt.

Ein Beitrag von Br. Thomas Schröder aus der Loge St. Alban zum Æchten Feuer, Hoya

Meine Enttäuschung war schon groß, als ich das erste Mal die Mona Lisa im Louvre sah. Mit welch großen Erwartungen ich gekommen war, um in der Ausstellung durch die dichte sich vor dem Bild sammelnde Menschentraube einen Blick auf dieses wohl berühmteste Gemälde der Welt zu werfen. Kein Blitzschlag, kein schneller Puls, geschweige denn Hitzewallungen durchdrangen mich. Ich kam, sah und ging meines Weges durch die weiteren Räumlichkeiten, um den Tag im Museum zu genießen. Ich hätte mich besser auf den Besuch vorbereiten müssen.

1990 besuchte ich das Museum Toulouse Lautrec im französischen Albi. Ich hatte von den faszinierenden Bildern, die z.T. recht lieblos aneinandergereiht waren, wenig, hätte ich nicht um sein Leben zwischen Dirnen, Kriminellen und seiner Liebe zum Wein gewußt. Mit diesem Wissen werden die Bilder lebendig, erzählen Geschichten, man taucht ein in die damalige Zeit und die Phantasie galoppiert mit einem davon.

Ein anderes sehr einschneidendes Erlebnis mit der bildenden Kunst hatte ich vor einigen Jahren bei einer Ausstellung des Museums of Modern Art in Bonn. Nach dem ich mir die Bilder von berühmten Malern wie Picasso und Dali angesehen hatte, betrachtete ich in den unteren Stockwerken eine Bildhauerei, die man nicht nur begehen konnte, man mußte auch außerhalb des Kunstwerks einige Schritte zurückweichen, um die Dimensionen des Werkes zu erfassen. Als ich nun rückwärtsgehend meinen Kunsthorizont zu erweitern begann, stolperte ich über etwas, was sich nach genauerem Hinsehen als faustgroße Kieselsteine herausstellte. Fast ein wenig ungehalten, wie man etwas so großes achtlos und als Stolpersteine herumliegen lassen konnte, ohne es zu sichern, drehte ich mich um und sah, dass ich aus einem ca. 15 mal 1 Meter großen Rechteck aus Kieselsteinansammlungen einige Steine herausgetreten hatte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und versuchte so unauffällig wie möglich die verrückten Steine wieder in Position zu bringen, indem ich sie, teils mit dem Fuß, teils mit der Hand, wieder an Ort und Stelle bugsierte. Meine Bemühungen waren vergebens, man hatte mich ertappt. Eine mir sehr wohlgesonnene Museumsangestellte zeigte ausgiebiges Verständnis für meine peinliche Situation, half mir, den Schaden wieder zu richten, nicht ohne mich zu belehren, dass eigentlich nur der Künstler in der Lage wäre, die handverlesenen, aus einer ganz bestimmten Bergregion Japans entnommenen Kiesel, wieder an die korrekte Position zu legen. Ich sah mich bereits mit nicht genauer zu beziffernden Schadensersatzforderungen konfrontiert, doch vielleicht war es meinem sprichwörtlichen Charme zu verdanken, dass die gute Dame Gnade vor Recht ergehen ließ.

Vielleicht hatte sie aber auch ganz schnell erfaßt, dass dort ein junger Mann in der Bredouille war, der die Kunst nicht erkennt, selbst wenn er davor steht, frei nach dem Motto (und ich weiß, dass das eine alte Kamelle ist) „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Diese Form von Unwissenheit, man könnte auch sagen Dilettantismus, hat sogar noch etwa Charmantes, solange der Unwissende bereit ist, seine Wissenslücken zu füllen, sich für die Kunst interessiert zeigt und vor allem auch den Respekt vor der künstlerischen Leistung dem Künstler bezeugt.

Gemälde haben ein Momentum, sie sind Ausdruck von Gefühlen, wollen den einen Moment einfangen, den es so nicht wieder gibt, sind Impressionen, Expressionen oder auch Abbild von Situationen.

Sie sind ebenfalls Zeitdokumente, denn bis zur Erfindung der Fotographie war die Malerei und das Zeichnen eine der Möglichkeiten des zweidimensionalen Festhaltens von Begebenheiten.

Sehr zu unserem Leidwesen gab es in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen Kunst unwiederbringlich vernichtet wurde. Dem reformatorischen Bildersturm als Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert fielen Gemälde, Skulpturen und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und Heiligen, der Wut der Reformatoren zum Opfer. Die chinesische Kulturrevolution, das Entfernen und Vernichten sogenannter entarteter Kunst; 2001 sprengten Taliban die 1500 Jahre alten gigantischen Buddhastatuen in der afghanischen Bamiyan-Provinz oder die Zerstörung der Ruinen von Palmyra. Die Rechtfertigung tut nichts zur Sache, denn im Grunde haben sie alle dieselbe Gemeinsamkeit: Das Denken der Menschen in eine bestimmte Richtung zu dirigieren. Es geht um Manipulation und Zensur, koste es, was es wolle! Und es kostet vor allem die Freiheit des Andersdenkenden.

Im Pariser Musée d’Orsay hängt ein Bild von Gustav Courbet, das in vollem Naturalismus den entblößten Unterleib einer Frau zeigt. Der Titel:“ L’Origine du monde“, also „Der Ursprung der Welt“. In der z.Zt. enthemmten „me too“-Debatte kann man froh sein, dass noch niemand dem Bild mit einem Messer oder Säure zu Leibe, oder besser zur Leinwand gerückt ist. Dieses Bild wurde aber kürzlich von Facebook in vorauseilendem Gehorsam von einem Nutzerkonto gelöscht, um nicht in den Focus entfesselter Puritaner zu gelangen und die just entwickelte Gelddruckmaschine ins Stottern zu bringen. Wohlbemerkt: Courbets Bild entstand 1866. Wir haben also lockere 150 Jahre der Auseinandersetzung und Diskussion hinter uns, die dazu führt, dass ich mir von einem Netzgiganten vorschreiben lasse, was Kunst und was Pornographie ist?

Facebook hat seinen Fehler inzwischen eingesehen und korrigiert, weil ein französischer Lehrer gegen das Löschen des Bildes auf seinem Nutzerkonto geklagt hatte.

In der Art Gallery von Manchester wurde kurzfristig ein Bild ab- und, nachdem sich Kunstbegeisterte vehement beschwert hatten, flugs wieder aufgehängt. Das Bild ist betitelt mit „Hylas und die Nymphen“, gemalt 1896 von John William Waterhouse. Es zeigt sieben sehr junge Frauen, eigentlich Mädchen, Teenager würden wir heute sagen, in einem mit Seerosen bedeckten Tümpel, entblößte Brüste, lange Haare und mit laszivem Blicken einen Jüngling in ihren Bann ziehend. Und…

Ist das Pornographie? Nach der griechischen Mythologie war der Jüngling Hylas der Geliebte von Herkules. Nun haben wir es auch noch mit Pädophilie zu tun.

Es fragt sich der Kunstwissende (und nicht nur der, sondern ich mich auch), ob die politische Korrektheit die Freiheit der Kunst beschneidet, sie reguliert und wir am Ende viele leere Flächen in den Museen haben, weil die angeblich so anstößigen Gemälde nicht nur in den Lagern, sondern sehr schnell auf dem schwarzen Markt und damit in Privatarchiven reicher Kunstgönner oder auch nur in Tresoren vermögender Leuten verschwinden, die ihr Geld krisensicher anlegen wollen.

Ich warte auf den Tag, an dem Stillleben, auf denen in einer Schale zwei Äpfel und eine Banane in einem losen Arrangement zu sehen sind, in den Museumskatakomben verschwinden müssen, weil eine Weiblichkeit sich sexuell belästigt fühlt, weil sie die Darstellung mit dem männlichen Geschlechtsteil assoziiert.

Ich könnte noch weitere Beispiele enthemmten Moralismus aufzählen, der die Kunst zu einem Opfer der #Metoo Bewegung macht. So sehr die Respektlosigkeit und Machtausnutzung vor allem männlicher Zeitgenossen gegenüber Abhängigen und hier vor allem Frauen, zu verurteilen und inakzeptabel ist, so sehr wehre ich mich dagegen, dass hier in einem völlig überzogenen Maße mir die Freiheit an dem Kunstgenuß und der Selbstbestimmung der Kunstbeurteilung fremdbestimmt genommen wird. Dieser Widerstandsreflex, den nicht nur ich verspüre, bleibt, hat Bestand. Aus dem öffentlichen Raum mit viel politischer Korrektheit wird der freie Geist dichtgeklebt, eingestampft, mürbe gemacht. In öffentlicher Zurschaustellung gängelt eine selbsternannte Richtigkeits-, Wahrheits- und Moralklientel die Masse unter völliger Mißachtung dessen, was sie für sich als Elementarrecht beansprucht: die Freiheit des Geistes, oder das, was sie darunter versteht, den sie aber anderen nicht zubilligt. Diese wie ein Nebel über der Gesellschaft dahinwabende unerträgliche Kasteiung läßt viele öffentlich sprachlos zurück. Und diese Sprachlosigkeit findet ihr Ventil in geschützten Räumen: in der Familie, im Freundeskreis und auch in der Freimaurerei.

Als Freimaurer ist uns mit diesem geschützten Raum eine Kostbarkeit gegeben, die wir, wenn wir sie jetzt vielleicht nur gering zu schätzen wissen, sie eines Tages für uns mit das Wertvollste sein wird, was die Freimaurerei uns zu bieten hat.

Denn hier sind wir in der Lage, die Sinnhaftigkeit des ach so politisch Korrekten kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns diesen mit Respekt geführten Diskurs erhalten. Streiten wir weiter im positiven Sinne um die Vielschichtigkeit der Meinungen, lassen wir es zu, dass ein freier Geist die Freimaurerei durchströmt, und dass, nicht nur in der Kunst und Schönheit, sondern in allen Belangen der uns interessierenden Themen die Neugier und der Wissensdurst und nicht die Meinungszwangsjacke das Logenleben begleitet.

Wir benötigen eine neue von Respekt gegenüber der abweichenden Meinung und dem individuellen Gegenüber getragene Debattenkultur. Sie würde nicht nur der Freimaurerei gut zu Gesicht stehen, sondern auch ein Anziehungspunkt für Suchende und die profane Welt sein.

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