Metanoia und Miraculix

Print Friendly, PDF & Email

Foto: © Madeleine/ Adobe Stock

Eine etwas ungewöhnliche Zeichnung zum Johannisfest - ist die Loge tatsächlich mit einem kleinen gallischen Dorf vergleichbar? Der Br. Peter Welke fand in seinem Vortrag zum Johannisfest Parallelen.

Das Johannis-Fest ist ein besonderes Ereignis unter unseren alljährlichen Arbeiten. Es beendet und beginnt das Logenjahr. Es findet statt um die Zeit der Sommersonnenwende, des längsten Tages eines jeden Kalenderjahres. Das ist ein Tag voller Licht, der von allen Völkern und Religionen des Erdkreises besonders begangen wird, jedenfalls auf der Nordhalbkugel, und dort mit zunehmender Intensität mit wachsender nördlicher Lage. Das ist nachvollziehbar, denn in südlicheren Ländern schwindet der Unterschied in den Tageslängen von Sommer und Winter.

Wie zu anderen vorchristlichen Festen, die in den Völkern fest und unauslöschlich verankert waren, wurde auch dieses Ereignis mit einer christlichen Bedeutung unterlegt. Nicht genau am Tag der Sommersonnenwende, sondern drei Tage später, am 24. Juli genau so, wie dies wohl in analoger Weise zur Wintersonnenwende mit den Saturnalien geschah. Das liegt an der Kalenderreform, die Papst Gegor veranlasst hatte.

Gewissermaßen ein Standard der Zeichnungen und Reden zum Johannisfest ist das berühmte Metanoeite oder Metanoia dieses rebellischen Reformjuden Johannes, der nicht nur Wasser predigte, sondern (statt Wein) dieses auch trank. Der nicht wegen der Verkündung der Wahrheit eingekerkert wurde (und dadurch letztlich auch seinen Kopf verlor), sondern wegen des unbeirrbaren Festhaltens an seiner ureigensten Überzeugung, auch wenn sie damals eben gerade nicht mehrheitsfähig war. Auch wenn er tote Tiere, nämlich Heuschrecken, aß: was für ein prächtiges Vorbild!

Für ihn, Johannes den Täufer, gab es größere Güter als den Frieden. Er war starrköpfig, unbeugsam und bereit, für das Festhalten an seiner Auffassung, an seinem Wertekanon jeden Preis zu zahlen. Welch grausam passendes Ende, dass er seinen Kopf für ein paar Schleiertänze eines Weibes verlor, dessen Familie und Lebenswandel er so scharf kritisiert hatte. Das ist zwar nicht der Johannes unseres Rituals, aber der Johannes, der ein Stückchen weit in jedem Redner stecken muss. Um das zu verdeutlichen, möchte ich, meine Brüder, die eingefahrenen Gleise üblicher Johannis-Zeichnungen verlassen und mich auf das Terrain des Gleichnisses oder vielleicht besser des Vergleiches begeben, ausnahmsweise einmal in das Reich der Comics.

Wir vergleichen unsere Aufgabe gerne mit dem Behauen von Steinen. Der eine Bruder bearbeitet feine, kleine Steine, der andere grobe und große Steine. Ein jeder nach seiner Fasson, ein jeder nach seinen Vorlieben, Fähigkeiten und Stärken oder Schwächen. Der eine Bruder erweist sich als klein und wendig, der andere als groß und beharrend. Trotz aller Verschiedenheiten verstehen sich diese beiden Brüder bei ihrem unterschiedlichen Tun und sind einander zugewandt. Ein gewisser Uderzo hat zwei wunderbare Beispiele für solch brüderliches Verhalten trotz unterschiedlichster Charaktere und Erscheinungsbilder geschaffen, einer von beiden bestreitet sogar seinen Lebensunterhalt durch das Behauen von Steinen, Menhiren, etwas verballhornt sind das Hinkelsteine. Natürlich, meine Brüder, habt Ihr längst erkannt, dass es sich bei diesen Charakteren um Asterix und Obelix handelt. Damit aber sind die Parallelitäten zwischen jenem gallischen Dorf und unserer Loge noch bei weitem nicht erschöpft.

Jedem ist nun klar, dass der ehrwürdige Meister vom Stuhl durch den auf dem Schild stehenden Majestix, im Original übrigens treffender Abraracourcix, also etwa „mit verkürzten Amen“ oder „mit aller Gewalt“, vorzüglich repräsentiert wird. Seine Schildträger sind selbstverständlich der Erste und der Zweite Aufseher. Unser Schatzmeister kann ohne weiteres Anklänge bei Vreneli finden; dass der Musikmeister durch Troubadix dargestellt wird, bedarf keiner Erläuterung, Rohrpostix ist der wahre Name unseres Sekretärs. Unser neugewählter Zeremonienmeister füllt die Figur von Automatix, dem Dorfschmied, aus wie kein anderer! Bleibt noch der Redner, jener Bruder, der, ich zitiere unser Hausgesetz, die Aufgabe hat, die maurerische Tradition der Loge zu pflegen und das geistige Leben der Loge zu fördern. Falls ein Vorbereitender gewählt ist, unterstützt er diesen bei der Unterweisung der Lehrlinge und Gesellen, andernfalls obliegt ihm deren Einführung. Die Instruktionen für die Brüder Meister führt er ohnehin durch. Er muss also den Zaubertrank bereiten, aus dem die Bruderschaft ihre geistige Stärkung, ihr Rüstzeug für den Alltag und die Kraft für das Leben nach unseren Grundsätzen und Überzeugungen ziehen muss. Dazu muss Miraculix mit seiner Sichel nach Misteln auf Eichen suchen, ein mühseliges, zeitaufwändiges und nicht ganz einfaches Unterfangen. Und die Ausgabe seines Tranks dauert manchmal auch länger als eine Viertelstunde, wenn dieser wirken soll.

Meine Brüder, wir sind nicht Bewohner dieses gallischen Dorfes Loge geworden, weil der Wein des Saingesix oder der Fisch des Verleihnix so trefflich munden. Am heutigen Johannisfest wollen wir uns alle vielmehr daran erinnern, dass das Motto jenes Rebellen Johannes Metanoeite war. Im Freimaurerorden übersetzt der Redner diesen Aufruf mit: „Kehret um zu Gott“. Bei uns aber, in der humanitären Freimaurerei, wählen wir die wörtliche Übersetzung: „Ändert Euren Sinn! Denket um!“

Die Beamtenschaft kann und wird Euch den Zaubertrank bereiten, aber nur Ihr selbst könnt ihn zu Euch nehmen und vor allen Dingen auch verdauen. Versucht es einmal, es wird sich lohnen. Es ist so leicht, Wasser zu predigen, solange man es bei sich selbst beim Weintrinken belässt. Und groß ist die Gefahr, sich in organisatorischen Fragen zu verlieren, ohne die es nicht geht, die aber stets nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck sein dürfen. Unsere Rituale sind niemals nur leere Hülle, sondern unverzichtbare Bühne unseres eigentlichen Handelns. Aber schon 1962, als sich der große Einiger der deutschen Freimaurerei, der damals 71jährige Ingenieur Theodor Vogel aus der Großloge Zur Sonne im Orient von Bayreuth bereits jenseits des Zenits seines Wirkens befand, warf ihm nicht ganz ohne Grund die in der Paulskirche von Frankfurt versammelte Bruderschaft vor, sich weniger der praktischen Freimaurerarbeit in der Stille als vielmehr der Freimaurerpolitik zu widmen.

Genau diese Balance zu finden, ist die große Herausforderung der Beamtenschaft. Nicht eine Handbreit abweichen von den vorgezeichneten Pfaden des Rituals, durch engagiertes und mutiges Handeln die Existenz und das wirtschaftliche Gedeihen der Loge zu sichern, aber gleichzeitig unser geistiges Ziel und unsere geistige Aufrüstung nicht nur nicht aus den Augen zu verlieren, sondern gerade innerhalb der Bruderschaft zu fördern und durchzusetzen, seien die äußeren und inneren Widerstände noch so groß.

Meine Brüder, wir wissen alle, dass uns dies in der Vergangenheit oftmals gar nicht oder aber nicht in wünschenswertem Umfange gelungen ist. Das dabei gezahlte Lehrgeld darf aber nicht umsonst gewesen sein. Die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen muss deshalb die Devise des neuen Beamtenrates lauten. Dabei muss und wird er auch unbequem sein dürfen und tatsächlich auch sein. Große und schwierige Aufgaben liegen vor uns, in deren Angesicht wir aber nicht verzweifeln müssen. Sie sind für die Bruderschaft als Ganzes zu bewältigen, aber eben nur als Ganzes. Persönliche Vorlieben und Interessen, liebgewordene Gewohnheiten und eingefahrene Gleise gilt es jetzt zu verlassen. Jeder, ohne Ausnahme jeder ist aufgerufen, auch persönliche Opfer zu bringen.

Das kostbarste Opfer ist die Zeit, die sich ein jeder Bruder zum Wohle seiner Loge abzuringen bereit sein muss. Und zu all diesem muss er auch noch bereit sein, Nachsicht zu üben mit seinem Mitbruder, dessen abweichende Meinung zu tolerieren, zu erdulden und dennoch nicht nachzulassen in seinen Anstrengungen. Sicherlich nicht nur mir deucht dieser Katalog an Forderungen wie eine schier unlösbare, ja fast übermenschliche Aufgabe. Für die geschlossen stehende Bruderschaft ist sie es aber nicht: Seid einig, einig, einig! Die letzten Worte des sterbenden von Attinghausen in Schillers Wilhelm Tell, den älteren unter uns aus dem Schulunterricht unvergessen, sollen uns auch heute Mahnung sein:

Drum haltet fest zusammen-fest und ewig –
Kein Ort der Freiheit sei dem anderen fremd –
Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,
dass sich der Bund zum Bunde rasch versammle –
Seid einig – einig – einig –

Die Sprache ist etwas gewählter, aber die Aussage passt wiederum zum kleinen gallischen Dorf, als das ich heute einmal unsere Loge sehe, wenn es sich geschlossen auf macht in den Kampf gegen die Römer, übrigens gestärkt durch den Trank des Miraculix, ohne den kein Kampf gewonnen wurde. Unsere Römer sind Eigennutz, Trägheit, Bequemlichkeit, Konfliktscheu, Ungeduld, Intoleranz, um nur einige unserer „Feinde“ zu nennen.

Ich möchte mit den Worten einer Johanniszeichnung meines Vorgängers an uns alle (ohne jede Ausnahme!) schließen, der genau an dieser Stelle der Bruderschaft vor fünfzehn Jahren die Worte zurief: „Ändert endlich Euren Sinn!“.
Was wäre dem hinzuzufügen?

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.