Ordnung, oder: Was ich am Puzzeln schätze

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Puzzle

Winterzeit ist Puzzlezeit. Die Tage sind kurz und trüb, man geht im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln wieder heim. Wind, Kälte, Nässe und eine gut beschreibbare Ungemütlichkeit lassen uns zu Hause bleiben und selten gehen wir abends noch vor die Tür. Man liest, sieht fern, macht Dinge, die man das ganze Jahr vor sich hergeschoben hat und dann kommt es: Ein Familienmitglied geht auf den Dachboden, um eines der vielen dort aufbewahrten Puzzle zu holen, damit wir es auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten.

Die Puzzle sind nicht zu klein und nicht zu groß, meist mit 1000, 1500, aber maximal 2000 Teilen. Weniger wäre keine Herausforderung, mehr würde die Größe des Tisches nicht hergeben. Es sind, wie schon erwähnt, nicht immer neue Puzzle, denn das Neue ist nicht das Wesentliche am Puzzeln. — Was aber macht den Reiz dieses Spieles aus?

Wenn ich den Deckel des Kartons öffne, sehe ich ein Großmaß an Unordnung; Chaos. Ich schüttle den Karton, durchkämme mit den Fingerspitzen die losen Einzelteile und greife die ersten Teile, meistens die mit einer geraden Schnittkante, die sich als Randteile zu erkennen geben, heraus. Und jedes Randteil, das ich erspähe und zur Seite lege, ist ein kleiner Erfolg, eine kleine Belohnung meines Bemühens, ein kleines Glücksgefühl. Nach dem ersten Sichten werden Teile systematisch untersucht und so der gesamte Puzzlerand erst lose und dann mit der Zeit passend zusammengesetzt. Dann werden die Puzzleteile ohne Schnittkante grob in Farben sortiert und in verschiedenen Gefäßen gesammelt, um dem Ganzen eine Grobstruktur zu geben. Und immer wieder habe ich eindeutige Entscheidungen zu treffen: Es gibt eine Ober- und eine Unterseite, ein richtig und falsch. Bei den Farben aber ist es noch eine vage Unterteilung.

Jedes Puzzleteil ist individuell, kein Teil gleicht einem Zweiten, es hat Nasen oder Buchten, die ineinandergreifen. Sie haben ihren eigenen präzisen Platz in dem entstehenden Bild. Es wird probiert und probiert, aber am Ende gibt es kein „Vielleicht“, kein „Eventuell“, kein „Könnte sein“, oder mehr als eine Möglichkeit, sondern nur: passt oder passt nicht.

Wichtig ist das Licht. Ohne die richtig Ausleuchtung, damit kaum Schatten fällt, die Puzzleteile nicht spiegeln und der Kontrast für ein klares Erkennen der Einzelteile ausreicht, wird es anstrengend. Und dann kommt es: Man starrt minutenlang auf das unfertige Bild, die vielen Teile verschwimmen vor den Augen, man verliert die Konzentration und dann kommt ein Dritter, völlig Unbeteiligter, schaut kurz, nimmt ein Puzzelteil und legt es an die passende Stelle. Und man denkt: Was für ein Glückspilz und lobt ihn; nicht wirklich aufrichtig. Und wenn dann von dem Glücklichen noch ein „Passt!“ oder „Siehste?“ kommt, presst man leicht die Lippen zusammen, denn das kratzt schon am Puzzlerstolz. Und ich denke, es ist wie im richtigen Leben: Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht und in dem Moment kommt ein Laie daher, macht wenig bei viel Erfolg und du stehst da wie ein Depp.

Was nun hat das alles mit der Freimaurerei zu tun? Die Gemeinsamkeiten sind nicht offensichtlich. Der Reiz des Puzzlens ist nicht das Ergebnis, nicht das fertige Bild, an dem ich mich, wenn es denn vollendet ist, eine paar Tage erfreue, um es dann wieder zu zerstören und auf dem Dachboden zu verstauen. Ich kenne kaum einen Zeitvertreib, bei dem der Spruch vom Weg, der das Ziel sei, so passend ist. Es befriedigt gleichzeitig die Sehnsucht nach Struktur und Ordnung in einer immer chaotischer werdenden Welt. Gemeinsam puzzeln, schweigend, in einer gefühlten erholsamen Verbundenheit, ist ein Erlebnis, auf das ich mich jedes Jahr (und so geht es meiner Familie auch) wieder freue.

Hier gibt es sehr wohl Gemeinsamkeiten zur Freimaurerei.

Die Ruhe, die ich beim Puzzeln finde, in mich gekehrt, gedankenverloren, die Welt und die Zeit um mich vergessend, um dann entspannt und zufrieden wieder in die wirkliche Welt einzutauchen. Die Geduld, die ich benötige, den Eifer und den Fleiß sowie die Beharrlichkeit, die mich zum Erfolg führen; das alles läßt sich auch in unseren Lehrgesprächen der Lehrlinge wiederfinden. Hier sehe ich die Gemeinsamkeiten zu unserer rituellen Arbeit.

Gefundene Teile kann man, wie Brüder, nicht in eine vorhandene Lücke pressen, sondern muss mit Bedacht und Eifer den passenden Platz für sie finden, und die Teile müssen passgenau in die Lücken gleiten, jeder Zwang oder jedes Verformen, jedes Nötigen wäre fatal; mit Gewalt zurechtgebogene Teile fehlen an anderer Stelle und das Gesamtbild wäre krumm und schief. Hier ist die Verbindung zur Bruderkette.

Nur einen gravierenden Unterschied gibt es doch zwischen Puzzeln und Freimaurerei: Ein Puzzle ist endlich, die Maurerei ist es nicht.