Prioritäten setzen durch Selbsterkenntnis

Print Friendly, PDF & Email

Foto: Scott Griessel / Adobe Stock

Warum der Weg der Freimaurer "Gurus" überflüssig macht.

Von Stefan Lohr

Endlich! Die „dunkle Zeit“ ist vorbei und ein neues Maurerjahr liegt vor uns. Wie ein abweichendes Wirtschaftsjahr eines Unternehmens hat das Maurerjahr mit dem Kalenderjahr nicht viel gemein. Auch unsere höchsten Feste liegen nicht auf den höchsten Festen des gregorianischen Kalenders und manchmal stehen unsere Prioritäten sogar im Konflikt mit den terminlichen Anforderungen des profanen Lebens. Wer kennt zu Hause nicht die Frage: „Ach, gehst Du wieder in die Loge? Aber wir wollten doch heute Abend …?!

Und jeder von uns kennt das Dilemma, sowohl im profanen, als auch im Freimaurerleben: Eigentlich müssen wir etwas Wichtiges erledigen: Steuererklärung, die Präsentation für das Meeting, die nächste Agenda, die nächste Zeichnung vorbereiten, Garteneinsatz am Logenhaus etc. Man macht es schon irgendwann, bloß eben jetzt noch nicht – denn es ist ja noch Zeit … Lieber blättert man durch die scheinbar unendlichen Bilderreihen von Instagram, hangelt sich von einem Wikipedia-Artikel zum nächsten, schaut die 527. Staffel einer schlecht synchronisierten US-Krimiserie oder geht sogar lieber zum Zahnarzt, als für eine anstehende Prüfung zu lernen oder an einer Facharbeit zu schreiben.

Aufschieben heißt auch Auszeiten verschaffen

Für diese „Aufschieberitis“ gibt es ein schönes Fremdwort: Prokrastination, die sichere Basis für Stress, Überstunden, Verzweiflung, Nachtschichten und Lebensgrundlage von Kindermädchen und Management-Gurus. So weit, so bekannt. Doch kann man dieses Phänomen auch sehr elegant ins Positive drehen: Prokrastination ist nämlich nicht verwerflich, sondern oft gut. Denn in einer Welt, in der hinter jeder erledigten Aufgabe, ob in Beruf oder Privatleben, immer gleich die nächste wartet und jede beantwortete SMS von zwei neuen ersetzt wird, ist Aufschieben eine wichtige Form des Priorisierens.

Prokrastination kann zudem eine Auszeit verschaffen, die es einem erlaubt, den mentalen Akku wieder aufzuladen. Mehr noch: Wer eine kreative Aufgabe aufschiebt, kommt dabei manchmal auf ganz neue Ideen, schreibt zum Beispiel die „Wirtschaftswoche“ in einem „ada – Brief aus der Zukunft“. Ich freue mich schon auf meine nächste Rechtfertigung gegenüber meiner Frau, wenn ich wieder einmal vergessen habe, den Rasen zu mähen und dann sage: „Schatz, ich priorisiere!“

Also sollten wir uns beim Priorisieren auch Gedanken darüber machen, welche Themen, welche Menschen, welche Arbeiten in unserem Leben an erster, zweiter oder auch an letzter Stelle stehen sollten.

„Technostress“ belastet den modernen Menschen

Wie lässt sich im Lärm der Welt ein Moment der Stille finden? Wie im Chaos des Alltags ein Moment der inneren Ordnung? Wie kann ich die Arbeit an meinem Rauen Stein parallel in meinen Alltag, meine Arbeitswelt, meine Familie, meinen Freundeskreis integrieren? Das sind nicht nur die Fragen, die Trans­zendental-Gurus sich selbst und ihren Anhängern stellen. Sie entscheiden auch über unsere Zukunft. Alle Mitmenschen sind laufend in Betrieb, aber keiner weiß so richtig warum? Die Organisation, die Familie, das Unternehmen dreht im Leerlauf und der Einzelne dreht bald durch. Wenn im Kopf Reizklima herrscht, gibt‘s im Umfeld Gewitter. Meditation und Yoga als Mittel zu mehr Produktivität und Wohlbefinden in Organisationen und Unternehmen sind ja derzeit der absolute Renner. Große Unternehmen und Konzerne haben das längst begriffen und bieten ihren Managern und Mitarbeitern entsprechende Programme und Seminare an. So langsam sickert diese Erkenntnis auch in der Managementlehre durch, beobachtet das Managerblatt „Wirtschaftswoche“. Ein eindrückliches Beispiel lieferte die diesjährige Konferenz der „Academy of Management“ in Chicago. Dort beschäftigten sich überraschend viele Vorträge und Workshops mit „Technostress“, der immer häufiger durch die Informations- und Reizüberflutung einem guten, ausgeglichenen und selbstbestimmten Leben im Wege steht. Natürlich wäre es für Unternehmen nicht notwendig, sich damit zu befassen, hätten sie nicht bemerkt, dass durch „Technostress“ das Wohlbefinden und somit auch Produktivität, Kreativität und Gewinnmaximierung leiden. Dafür haben aber die neuen selbsternannten Management-Gurus eine tolle Lösung parat: das „Inner Engineering“ – der neueste Trendbegriff, die nächste Sau, die Geld generierend durchs Dorf der einkommensmaximierenden Managementberater getrieben wird. Ein Raum voller Führungskräfte, die konzentriert mit geschlossenen Augen atmen und meditativ ihre Muskulatur dehnen, während sie laute „Ommmms“ an die Decke singen? Natürlich funktioniert so etwas, auch ohne sich dabei zum Idioten zu machen. Nämlich dann, wenn man einmal für eine Stunde unerreichbar für Chefs, Kollegen und Internet-Freunde ist, das Smartphone weglegt und sich auf sich selbst einlässt. Dann entsteht doch tatsächlich tief im Innern eine spürbare Veränderung – und eine innere Ruhe findet ihren Platz in unserem Universum. Mensch, was für eine Erkenntnis, die uns zeigt, dass das „Inner Engineering“ der modernen Gurus doch nur sehr teurer alter Wein in noch älteren Schläuchen ist …

Kampf dem Selbstbetrug!

Diese Erkenntnis hatten Freimaurer nämlich bereits vor 300 Jahren (zwar ohne Handy und Internet, aber dafür mit anderen Problemen ihrer Zeit konfrontiert). Und auch heute kann ich als Freimaurer sagen, dass ich diese ganzen Lebensbereicherungs-, Zeitmanagement-, Persönlichkeitsentwicklungs- und BlaBla-Seminare getrost in die Ecke werfen kann, wenn ich die Loge besuche, mich mit Gleichgesinnten auf der Winkelwaage treffen und mich in der Tempelarbeit auf mich selbst einlassen kann. Hier kann ich mich für eine gewisse Zeit vom Irrsinn der Welt zurückziehen, kann angesichts unserer Symbole, des Arbeitsteppichs und des Rituals über mein Leben, mein Verhalten, meine Stellung in der Loge, der Welt und im Universum, über meinen Rauen Stein reflektieren und meditieren. Ich kann mir die Fragen stellen: Hast Du Deine Zeit mit Weisheit eingeteilt? Hast Du ausreichend an Deinem Rauen Stein gearbeitet? Hast Du so am Tempelbau der Humanität mitgewirkt, wie Du es als Freimaurer solltest? Bist Du zufrieden? Hast Du zum Wohl Deiner Loge im Besonderen und der Freimaurerei im Allgemeinen gehandelt? Warst Du ein Vorbild für Deine Brüder, Deine Kinder, Deine Freunde und Kollegen? Waren wir Meister den Lehrlingen und Gesellen ein Vorbild und haben wir Lehrlinge und Gesellen an den uns gestellten Aufgaben unseres Grades ausreichend gearbeitet? Wenn ja, dann gut – aber wenn nein, wieso nicht? Was hat mich davon abgehalten? Waren es Dinge, die mir in dem Moment wichtiger waren? Habe ich richtig „priorisiert“? Ausreden finden wir viele, doch als Freimaurer haben wir uns auch der Wahrheit verpflichtet. Wir alle sollten also dem Selbstbetrug den Kampf ansagen und uns ernsthaft fragen, was gut, aber auch was schiefgelaufen ist und was wir im kommenden Maurerjahr besser machen können!

Sokrates und seine drei Siebe

Zur Anregung eine kleine Geschichte: Einst wandelte Sokrates durch die Straßen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu und rief: „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der …“
„Warte einmal“, unterbrach ihn Sokrates, „bevor du weitererzählst: Hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“, fragte der Mann überrascht.
„Lass es uns ausprobieren“, schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“
„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“
„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“
Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil …“
„Hm“, sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“
„Nein, nicht wirklich notwendig“, antwortete der Mann.
„Nun“, sagte Sokrates lächelnd, „wenn Du von der Geschichte, die du mir erzählen willst nicht weißt, ob sie wahr ist, sie nicht gut ist und sie nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“
Diese drei Siebe entstammen der Apologie des Sokrates, nach der die menschliche Weisheit und das Wissen in wenigen fundamentalen Aspekten begründet liegen, nämlich der Nichtigkeit menschlichen Wissens. Denn nur die Götter sind weise und die menschliche Weisheit ist nichts im Vergleich zur Weisheit des Universums. Ein weiser Mensch, der das erkennt! Doch den meisten Menschen fehlt diese Einsicht, denn Problembewusstsein, Bewusstsein der eigenen Grenzen, Bewusstsein des Nicht-Wissens und die vielen offenen Fragen sind der Anfang der Selbsterkenntnis. Wir müssen für die Seele sorgen, dass sie nicht verarmt, sondern möglichst reich wird, während die in unserer Gesellschaft so hoch bewerteten materiellen Dinge wie Geld, Besitz, Ehre, Macht und Ruhm in Wahrheit erst an zweiter Stelle stehen sollten. Seid achtsam auf Euch selbst, heißt es im Ritual – und wir sollten dabei nie vergessen, dass der größte Schaden, den wir erleiden können, der Schaden an der Seele ist. Wir Freimaurer sollten das wissen und uns darüber klar werden, immer auf unsere Seele zu achten und darauf, welchen Weg wir nehmen, beziehungsweise genommen haben!

„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar …“

Im Jahre 1916 schrieb der amerikanische Dichter Robert Frost:

Es könnte sein, dass ich dies seufzend einst gedacht,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,
Und ich nahm den, der weniger betreten war.
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Wir haben uns als Freimaurer für einen Weg entschieden, den nicht jeder gehen kann. Es ist kein leichter Weg und viele Versuchungen liegen auf ihm, die uns von der Arbeit an unserem Rauen Stein ablenken und sogar abhalten können – da nehme ich mich selbst nicht aus. Genau deshalb ist dieser Weg der weniger beschrittene! Wir haben aber diesen Weg gewählt – und so sollten wir ihn als Freimaurer auch gehen!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

Die Humanität kann man abonnieren.