Saure-Gurken-Zeit während der Logenferien

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Foto: Galyna_Andrushko / Envato

Auf den Aufruf der Redaktion, zur Überbrückung der Sommerpause in der Loge zum Johannisfest gehalten Vorträge zu schicken, gab es eine erfreuliche Flut von Einsendungen. Ein Bruder beschäftigte sich mit der Bitte auf besondere Weise.

Als mich die Rundmail des Internet-Redakteurs unserer Großloge erreichte, in dem er von „Saure-Gurken-Zeit“ in den Logen sprach und er einige „von den vielen schönen Zeichnungen“ die gerade zu den Johannisfesten in den Logen gehalten wurden“ einforderte, saß ich gerade auf unserem Balkon. Bei mir waren die Sonne, ein Hörbuch und ein Roséwein mit Erdbeere incl. Eiswürfeln.

„Tja, Carlos mal wieder. Weiß die Redaktion des Newsletter denn nicht, dass man sich des Beifalls enthält und auch keine Wertung vornimmt, um so auch jenen Brüdern Mut zu machen sich zu äußern, die nicht so geschliffen artikulieren und vortragen können? So steht es doch sowohl im Ritual und auch in der Neuauflage der Unterweisungen. Wer soll dann bitte festlegen ob eine Zeichnung zu den vielen schönen oder wenigen nicht so schönen gehört?

Und zudem ist diese Anfrage in den Logenferien eine Unverschämtheit. Auch als Freimaurer braucht man mal Urlaub.

„Bin ja mal gespannt, was da so kommt. Ich bin ja sowieso raus. Ich habe noch nie eine Zeichnung zum Johannisfest gehalten, also kann ich auch nichts schicken. Aber das mit der Störung der Logenferien, das werde ich ihm schreiben“, so meine Gedanken bevor ich mich ein wenig durch die Medien scrollte.

Vor Europas Küsten ertrinken täglich ein paar Migrationtouristen.

Würde ich mich wie üblich an einem Mittwoch mit meinen Brüdern austauschen würde ich das Ritual zitieren. „Kehret niemals der Not und dem Elend den Rücken“ würde ich sagen „Wir diskutieren hier nicht politisch und Flüchtlingspolitik ist auch Politik“, würde ein anderer Bruder erwidern. Wir würden uns anlächeln und uns freuen das wir in Europa die europäischen Werte verteidigen dürfen, während anderswo Despoten die Freimaurerei kurz halten oder gar verbieten.

Aber wie gesagt: Logenferien!

Deutschland ist bei der WM ausgeschieden. Mesut Özil trägt ja die Hauptschuld daran, das hat ja sogar der Teammanager „der Mannschaft“ geäußert.

Würde ich wie üblich an einer Tafelloge teilnehmen und mich dort mit meinen Brüdern austauschen, wäre ich erzürnt gewesen über die Aussagen von Bierhoff. „Sorgen Sie für die Reinheit der Seele“, hätte ich geschmettert. Ein anderer Bruder hätte erwidert: „Naja, den Özil können wir nicht einmal aufnehmen, der wäre ja schon nach dem ersten Toast gescheitert“. Wir hätten uns zugeprostet, die Hymne gesungen und uns der Suppe zugewandt.
Aber wie gesagt: Logenferien!

Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur durch mich Kanzlerin geworden ist, soll der Bundesinnenminister sinngemäß geäußert haben.

Würde ich wie üblich an einer Aufnahme teilnehmen, hätte ich gewettert: „Hier hat derjenige seinen Platz, den unsere freie Wahl zum Hüter der Gesetze bestimmt hat (…) Ich empfehle Ihnen Achtung (…)“. Ein Bruder würde erwidern „Die Bundestag ist ja keine Loge; wie naiv anzunehmen, es können die gleichen Regeln herrschen. Wir würden uns an die Hand nehmen und zur Melodie der österreichischen Nationalhymne etwas von ewiglicher Harmonie sowie fester Freundschaft singen in dem Bewusstsein, dass soetwas die Welt verändern kann.

Aber wie gesagt: Logenferien!

Ich schenkte mir Wein nach. Man muss ich auch mal eine Auszeit gönnen von diesem ganzen Humanismusgedöns, sonst wird man noch verrückt. Und schließlich sind die Logenferien ja auch nur zwei Monate. Die Welt wird zwischenzeitlich schon nicht untergehen.

Ich nahm meinen Laptop, um dem Redakteur zu schreiben. Doch so richtig fiel mir nichts ein, ich wollte ihn ja, weil mir das Gute in seinem Ansinnen klar war, auch nicht vor den Kopf stoßen. Ich döste in der Sonne weg.

Plötzlich hörte ich ihn, den Ruf des Johannes: „Ändert euren Sinn!“ Bekanntlich ist er für Brüder Freimaurer Mahnung zu Selbsterkenntnis und Demut. Er feuert uns zur Arbeit an und fordert uns auf, Winkelmaß und Zirkel anzulegen.

Ich schreckte hoch und dachte. „Selber schuld, das diese Mahnung immer direkt vor den Logenferien kommt. Strategisch unklug“.

„Ich gelobe bei meiner Ehre und meinem Gewissen, mich der Humanität aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft zu widmen“, so schallte es durch meinen Kopf, bevor ich erneut einschlief.

Nachdem ich wieder wach wurde war mir schnell klar, dass meine Gedanken tendenziös waren und ganz bestimmt keinem unserer Brüder auch nur im Ansatz gerecht würden, da sich ja jeder Einzelne, nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, auf seinem maurerischen Weg weiter zu entwickeln. Wer bin ich, dass ich mir anmaße zu behaupten, wir würden mehr unsere liberal humanistische Folklore pflegen, statt wirklich am Tempel der Humanität und einer Weltbruderkette zu bauen.

Vielleicht denke ich ja auch wirklich zu tagesspezifisch. Weiß ich doch, dass Freimaurerei langfristig wirkt, eben in einer ganz anderen Zeitrechnung. Nicht umsonst geht ein Freimaurer ja „unbeirrt vom Lärm der Welt“ seinen Weg. Haben wir sie nicht letztlich alle überlebt? Wen? Na, die NS-Diktatur, die DDR-Diktatur, den Ostblock im Ganzen, die Regimes in Chile und Argentinien etc. etc. – zumindest die meisten von uns.

Ob es daran lag, dass wir den Lärm der Welt einfach geschickt umschifften oder einfach ignorierten und weiter gingen, ist abschließend noch nicht erforscht und daher offen. Nicht offen ist allerdings, das der Lärm der Welt wieder lauter wird.

Bald werde ich der Redaktion schreiben, dass es keine gute Idee ist, Brüder aufzufordern sich in den Logenferien maurerische Gedanken zu machen. Man denkt sich dabei um Kopf und Kragen.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.