Zum 70-jährigen Freimaurerjubiläum von Rolf Appel

Rolf Appel im Jahre 2015 (Foto: Jens Oberheide)

Rolf Appel im Jahre 2015 (Foto: Jens Oberheide)

Das gibt es wohl höchst selten: ein 70-jähriges Freimaurerjubiläum. Rolf Appel, ein Urgestein der deutschen Freimaurerei, gehört seit 1948 dem Bund an. Eine für das Wochenende geplante Feierlichkeit muss aus gesundheitlichen Gründen leider ausfallen.

Statt des geplanten Berichtes über die Feier anlässlich des einzigartigen Jubiläums bringen wir an dieser Stelle eine Würdigung, die in der HUMANITÄT 1/2018 unter dem Titel “Als Rolf ‘etwas Gültiges’ in sein Leben brachte” erschienen ist und den Sie nachfolgend auch als Podcast finden können.

Von Jens Oberheide

22. Februar 1948. Rolf Appel wird Freimaurer. Drei Jahre nach dem unseligen Krieg. Die Trümmerstadt Hamburg war noch “britische Besatzungszone”. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland lag noch in Jahresferne, und die “Währungsreform” stand noch bevor. Das Wenige, was man kaufen konnte, bezahlte man in “Reichsmark”, wobei das “Reich” untergegangen und die “Mark” nichts wert war. Das Notwendige zum Essen gab es auf Bezugsschein. Das Notwendige zum Leben musste mit Zuversicht, Mut und Tatkraft erst wiederentdeckt werden.

Aber erst einmal galt es jedoch, all das Schreckliche zu verarbeiten, was da ab 1933 geschehen war. 1934 hatte Rolfs Vater, der Freimaurer Ludwig Appel, gegenüber den Nazis stolzen freimaurerischen Bekennermut bewiesen. Für die braunen Machthaber war er fortan ein Ausgegrenzter, Verfemter. Rolf hat das miterlebt. Es hat ihn geprägt. Unbeugsame Haltung, Charakter, aufrechte Gesinnung. Ein unbeirrbares Wertebewusstsein. Erst sehr viel später hat Rolf das selbst beispielgebend leben können.

Zunächst hatte der Krieg jede Lebensplanung verhindert. Schon eine Woche nach seinem Abitur kam die Einberufung. Mit einer Panzertruppe erkämpfte sich Rolf Appel im sogenannten “Russlandfeldzug” das “Panzer-Sturmabzeichen” für 25-maliges Durchbrechen feindlicher Linien, das Eiserne Kreuz 1, Klasse, und schließlich – welch bitterer Widersinn – das Silberne Verwundetenabzeichen für dreimalige Verwundung. 1945. Ende und Anfang.

Der aus dem Krieg gekommene und vom Krieg gezeichnete Rolf Appel war damals 25 Jahre jung, Angehöriger jener betrogenen und verlorenen Generation, die man in den schlimmsten Jahren deutscher Geschichte verheizt hatte. Innerlich und äußerlich schwer verwundet, galt es nun, einen neuen Sinn zu suchen und, wenn möglich, auch zu finden. Beruflich ging das überraschend schnell. Schon Ende 1945 hatten zwei mutige Männer aus Hamburg von der Britischen Militärregierung Lizenzen als Verleger erhalten: Axel Springer und Rolf Appel. Letztgenannter avancierte damit zum jüngsten deutschen Verleger nach dem Krieg.

Der berufliche Anfang war gemacht. Das sei zwar existenznotwendig, sagte der Vater, aber nun solle Rolf auch noch “etwas Gültiges in sein Leben bringen”. Etwas, was unter den Nazis nicht möglich war, was aber nun im Zeichen des Neuanfangs wieder möglich werden sollte: Freimaurerei, der alte und immer wieder neue Gedanke des besseren Miteinanders für eine bessere Welt.

Am 22. Februar 1948 hat ihn sein Vater zur Aufnahme in die Loge “Globus” nach Harburg gebracht. Auch die Loge “Globus” musste, wie alle Logen der Nachkriegszeit, erst behutsam und mühsam wiederbelebt werden. Das ging nur mit Mitgliedern, die schon vor dem “Dritten Reich” aufgenommen worden waren, und mit jungen Männern, die bereits durch die Hölle des Krieges gegangen waren, wie Rolf Appel. Überlebende, Gezeichnete, Tatkräftige.

1948 war ein bitterkalter Winter, und das Logenhaus war seit Jahren nicht beheizt worden. Man begrüßte den Suchenden Rolf Appel mit dem sogenannten “Kutscherschlag”, indem man sich mit weit ausholenden Armen gekreuzt auf die Schulter schlug. Das war kein vorweggenommenes freimaurerisches “Erkennungszeichen”. Das war vielmehr purer Selbsterhaltungstrieb, um nicht zu erfrieren.

Besonders eindrucksvoll war für Rolf Appel nach der Aufnahmearbeit 1948 die erste Tafelloge seines Lebens. Und zwar deswegen, weil es Linsensuppe mit Fleischbeilage gab. Und einen Nachschlag! Zum Schluss des denkwürdigen Tages durfte Rolf sogar noch seinen eingefärbten Wehrmachtsmantel gegen einen richtigen Wintermantel eintauschen und bekam feste Schuhe. Als Rolf nach Hause zu seiner Gerda kam (mit der er 1941 “ferngetraut” worden war), da berichtete er von seiner Aufnahme freudig bewegt: “Neuer Mantel, neue Schuhe, und satt bin ich auch noch!”

Aber zugleich hatte ihn die wunderbare “Idee Freimaurerei” gepackt. War es nicht gerade in der Nachkriegszeit wichtig, Menschlichkeit neu zu denken und zu praktizieren? Mit Rolfs eigenen Worten: “Mehr Anstand untereinander und mehr Vertrauen zueinander.” Das bedeutete Freimaurerei in der Tat. Dieser Gedanke hat ihn ein Leben lang geleitet.

Am 19. Juni 1949, wenige Tage nach Rolf Appels 29. Geburtstag, wurde in der Paulskirche zu Frankfurt am Main die “Vereinigte Großloge der Freimaurer von Deutschland” konstituiert. Das war die Geburtsstunde unserer Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland, die aus diesem Konstrukt hervorging. Rolf Appel war dabei. Sein Vater hatte ihn mitgenommen. Rolf war gerade Geselle geworden und hat die “intensiven Augenblicke” dieser historischen Arbeit in sich aufgesogen. Und er hatte jenen Mann bewundert, der das Ritual so zelebrierte, dass “jeder Ton, jede Bewegung, jede Geste” stimmte: Theodor Vogel.

Rolf Appel wurde in den Folgejahren enger Mitarbeiter und vertrauter Bruder des Großmeisters Theodor Vogel. Was dieser von Rolf gehalten hat, geht aus einem Brief hervor, den er einmal an Br. Konrad Merkel geschrieben hat: “Er (Rolf Appel) ist immer präsent … er mischt sich überall ein. Er meldet sich zu Wort und hat dann auch etwas zu sagen. Er ist gefragt und wird gefragt – und er wird gehört. So schätzen ihn immer noch alle, die das Glück haben, ihn zu kennen.

Aus diesen Anfängen der Nachkriegsfreimaurerei erwuchs also “einer der wahrscheinlich bedeutendsten lebenden Freimaurer” (Freimaurer-Wiki), der heute schon ein gewichtiges Stück Geschichte verkörpert. Der Weg von damals bis heute kann hier nur per Zeitraffer angedeutet werden:

Rolf Appel ist mit 31 Jahren Stuhlmeister geworden und hat diese Funktion in vier Logen über insgesamt 2o Jahre innegehabt. Er war Distriktmeister, Großredner, zugeordneter Großmeister, Mitglied im Senat der Vereinigten Großlogen, und er war 12 Jahre lang Mitglied des Ritualkollegiums. Dem legendären Dreigespann Appel, Horneffer, Scherpe ist die seit 1981 praktizierte Neuschöpfung und Grundfassung unseres A.F.u.A.M.-Rituals zu verdanken. Historisch ist Rolf Appels Wirken in der Dialogkommission, die von 1968 bis 1981 die offiziellen Gespräche mit der katholischen und den evangelischen Kirchen geführt hat. Rolf Appel ist der Verfasser der berühmten “Lichtenauer Erklärung”, die in Rom bewirkte, dass der Begriff “Freimaurer” nicht mehr im Kirchenrecht auftaucht. Ein Meilenstein, der für immer mit Rolfs Namen verbunden bleibt.

Rolf Appel hat vielbeachtete Vorträge überall in deutschen Landen gehalten, hat redaktionelle Beiträge verfasst und vielgelesene Bücher (rd. 60) geschrieben. Und er ist der Redakteur unserer Freimaurerzeitschriften gewesen: “Hanseatisches Logenblatt”, “Die Bruderschaft”, “Die gelben Blätter”, “Euro Mason” und “Humanität”. Von ihm kam die Idee zu einem “Literaturpreis Deutscher Freimaurer” (heute: Kulturpreis), und er war der Laudator für die Preisträger Max Tau, Lew Kopelew, Reiner Kunze und Arno Surminski. Mit zahlreichen Auszeichnungen für bedeutende Verdienste wurde er geehrt. Profan und freimaurerisch. Zahlreiche Logen haben ihn zum Ehrenmitglied gemacht.

Er führte seine Druckerei, engagierte sich in vier Buchverlagen und übernahm den freimaurerisch ausgerichteten Verlag “Die Bauhütte”. In mehreren Vorständen von Fachverbänden und Institutionen hat Rolf Appel erfolgreich mitgewirkt, ist Mitbegründer der Lessing-Gesellschaft und von Pegasus, dem freimaurerischen Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation. Schließlich ist er Initiator und Mitbegründer des Wiederaufbaus der Freimaurerei in Litauen geworden. Als Ehrengroßmeister dieser baltischen Großloge fühlt er sich seinem Pionierwerk immer noch verpflichtet.

Es lag ihm stets am Herzen, dass bei einer derart immensen Lebensleistung die Familie nicht zu kurz kommt. Sie hat ihn gestärkt und er war stark genug, auch tragische Schicksalsschläge zu verkraften.

Wir können hier nicht andeutungsweise alle Aspekte eines überaus reichen Lebens ansprechen. Dafür gibt es andere Gelegenheiten. Hier sei nur daran erinnert, vor welchem Hintergrund alles begann, damals vor 70 Jahren.

Zum 70. Maurerjubiläum gratulieren wir diesem bemerkenswert ungewöhnlichen Menschen, der uns so viel zu sagen hat und dem wir so viel verdanken.

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