Humanismus als politischer Auftrag der Freimaurerei

Foto: elmar gubisch / Adobe Stock

Im Begriff des Humanismus überlagern sich unterschiedliche Bedeutungen, die ihm, wenn man sich dessen nicht bewusst ist, eine verwirrende Vielschichtigkeit geben.

Von Prof. Dr. Dieter Binder
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

I.

Im Humanismus der Renaissance begegnet man nicht einem geschlossenen philosophischen System, sondern stößt auf methodische Fragestellungen, die die studia humanitatitis, also der Moralphilosophie, Grammatik, Poetik, Rhetorik und Geschichte prägen. Als zentrales Anliegen greife ich den Ansatz der Ars vitae heraus, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert, die auf die Situation und Würde, auf die Conditio und Dignitas des Individuums in dieser Welt zielt. Die Historia versteht diese Welt als Produkt menschlichen Handelns im Widerspruch zu jener Tradition, die in ihr einen Spiegel des göttlichen Gestaltungswillens sieht. Die Sinngebung des menschlichen Wirkens entsteht durch das Markieren von selbst gewählten Zielen.

Das von der Rezeption der Antike in der deutschen Klassik geprägte Menschenbild, hier spannt sich ein Bogen von Johann Gottfried Herder über Johann Wolfgang Goethe hin zu Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin, erkennt den mündigen Menschen im harmonischen Zusammenwirken von Vernunft und Sinnlichkeit. Der erneuerte Rückgriff auf die Antike, wie dies Friedrich Immanuel Niethammer 1808 forderte, forciert das Modell einer Aristokratie des Geistes, in dem Weltbürgertum und nationales Erwachen Hand in Hand gehen. Darauf baut der Selbst-Aristokratisierungs-Prozess des nationalen Bürgertums des späten 19. Jahrhunderts ebenso auf wie der „dritte Humanismus“ mit seinem nahezu weltflüchtigen Aufgehen in der antiken Mythologie.

Der charakteristische pädagogische Ansatz verfestigt die Dignitas hominis, die Menschenwürde, und die damit postulierte Entdeckung des Individuums bereits in der Renaissance. Darauf rekurriert der von der deutschen Klassik geprägte Humanismus mit seinem Bild vom freien, selbstbestimmten Menschen, der im Widerspruch zu jeder Form von theologischer und/oder staatlichen Bevormundung steht. Das Erziehungsideal fordert einen freien Menschen, der in seiner Selbstvergewisserung, in seiner individuellen Vervollkommnung seinen bewussten Anteil an der Verbesserung der Gesellschaft leistet. Der Fremdbestimmung setzt Albert Camus den Menschen in der permanenten Revolte entgegen und rettet damit den Humanismus vor der ideologischen Vereinnahmung.

Diese verknappte Sichtweise unterliegt nicht der Versuchung, den Humanismus als durchgehende Konstante von der Antike bis zur Gegenwart zu lesen. Sie weist die Analyse Heinrich Weinstocks „Die Tragödie des Humanismus“ (Heidelberg 1953) zurück, weil diese einen „absoluten Humanismus“ konstruiert, der durch keine wohl „religiöse Scheu“ relativiert wird. Die radikale Kritik Weinstocks wird kondensiert in der Besprechung des Buches in der „Zeit“ (25. Juni 1953) zu einer radikalen Abrechnung: „Jetzt versteht man, daß die römischen Stoiker die Vorbilder der Terroristen von 1793 werden mußten und der humanistisch gebildete Saint-Just aus logischer Konsequenz als Humanist die Guillotine in Gang setzte. Sobald der ,absolute Humanismus‘ nicht mehr durch religiöse Scheu gedämpft war, gebar sich das totalitäre Regime von selbst aus ihm. Absoluter Humanismus und Massenmord gehörten schon bei Senecas gelehrigem Schüler Nero zusammen, und nun wieder bei Saint-Just, dem humanistisch gebildeten Goebbels und dem konsequentesten Schüler des Humanisten Karl Marx, Josef Stalin. Alle diese Figuren sind keine Anomalien der abendländischen Kultur, sondern legitime Produkte der Tradition des absoluten Humanismus, Urenkel der Stoa.“

Dies scheint stringent. Doch mit dieser Logik kann man den Katholiken Adolf Hitler und den orthodoxen Priesterseminaristen Josef Stalin als konsequente Endprodukte des Christentums diagnostizieren.

Humanismus wird hier als Erziehungspraxis verstanden, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert und so die Menschenwürde aller Individuen sicherstellt. In dem Augenblick, in dem die Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden, wird die Gefahr eines Rigorismus humanistischer Weltsicht gebrochen. Dementsprechend werden die „fünf Grundannahmen des Menschenbildes der humanistischen Psychologie und Pädagogik“ zusammengefasst:

  1. Der Mensch hat einen konstruktiven Kern.
  2. Der Mensch strebt danach, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben: Autonomie.
  3. Alle Menschen sind gleichwertig und gleichberechtigt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
  4. Der Mensch ist eine ganzheitliche (Körper-Seele-Geist) Einheit: Ganzheitlichkeit.
  5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Interdependenz.

Die angesprochene Erziehungspraxis bezieht sich dezidiert nicht auf das von Michael Zichy pointiert formulierte „humanistische Bildungsideal“: „,Die Abwehrschlacht zur Verteidigung der klassischen Bildung, des Rückbezugs von höherer Schule und Studium auf das römische und griechische Altertum, ist längst geschlagen und verloren worden. Ein pädagogischer Vorrang der humanistischen Bildung dieser Art vor anderen inhaltlichen Ausformungen gymnasialen Schulunterrichts lässt sich mit zwingenden Gründen nicht halten‘ Diese zum Zeitpunkt der Wende formulierte Feststellung ist auch heute, 20 Jahre später, noch wahr. Und dennoch: Wann immer um Sinn und Ziel von Erziehung und Bildung gestritten wird, ist es zur Beschwörung des humanistischen Bildungsgedankens nicht weit. Doch dann geht es kaum noch um die Reaktivierung des altsprachlichen Unterrichts, sondern um die dahinterstehende Geisteshaltung — und um das Abendland schlechthin. Denn wer sich auf den Humanismus beruft, der hat – so scheint es – die altehrwürdige Tradition hinter sich. Ist der Humanismus doch unbestreitbar ein den europäischen Kulturraum zutiefst prägender Geistesstrang. Dies drückt sich nicht zuletzt auch in seiner ausdrücklichen Nennung im gescheiterten EU-Verfassungsvertrag aus, in dem es in den ersten Zeilen der Präambel heißt: ,[…] schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben […]‘.“

in derartig schwammiger Begriff muss vom meritorischen Verweis auf eine klare Anwendungsebene gebracht werden. Karl Kerényi fasst dies in seinem „Brief an junge Humanisten“ in unserem Sinne zusammen: „Über alles in der Welt vom Gesichtspunkte des Menschen aus denken und an allem, was je gedacht, den besonderen menschlichen Anteil wahrzunehmen – so könnte der Humanismus als philosophische Weltanschauung im allgemeinsten Sinne bestimmt werden. Damit ist indessen das Anliegen des Humanisten nicht erschöpft. Denn zu dieser bewusst-humanen Denkweise gehört auch das Streben, die Welt, den Denkenden selbst miteinbegriffen, menschenwürdiger zu gestalten: die Humanität.“

Zieht man sich auf eine derartige Position zurück, erübrigt sich der Diskurs über Varietäten, die als Substantivum regens den Humanismus führen. Es sei auf den existentialistischen Humanismus eines Jean Paul Sartre, „L’existentialisme est un humanisme“ (1946), auf den Humanismus eines Karl Marx und jener, die sich auf diesen berufen, auf den christlichen Humanismus eines Jacques Maritain, auf den psychoanalytisch geprägten Humanismus Erich Fromms, auf den Humanismus des japanischen Philosophen Daisaku Ikeda oder jenen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide verwiesen. In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine „christliche“ oder „marxistische“ Soziallehre noch eine „christliche“ oder „marxistische“ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine „deutsche“ Physik gäbe. Damit soll angedeutet werden, dass der klassische Ansatz des Humanismus naturgemäß in seiner Rezeptionsgeschichte, die von der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt ist, sichtbar wird. In Parenthese: Die Menschenrechte, wie sie in der französischen Nationalversammlung 1789 postuliert und 1791 in die amerikanische Verfassung implementiert worden sind, können nicht, auch wenn eine klare Traditionslinie im Entstehen aufgezeigt werden kann, auf eine partielle Ebene heruntergebrochen werden. Ihr Anspruch auf universelle Gültigkeit, die durchaus im Widerspruch zu regionalen Traditionen stehen mag, duldet keine politisch oder philosophisch argumentierte Engführung als „christliche“, als „freiheitlich-demokratische“, als „marxistische“ Menschenrechte.

Der Humanismus, so er nicht zur akademischen Attitüde degeneriert, fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.

„In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Soziallehre noch eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine ‚deutsche‘ Physik gäbe.“

Prof. Dr. Dieter Binder

II.

Freimaurerei ist wie der Humanismus ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, in der sie existiert. Eingebettet in die Traditionen des Bauhandwerks stifteten vier Londoner Logen, in denen interessierte Laien aufgenommen wurden, am 24. Juni 1717 jene Großloge, die als der Beginn der rezenten weltweiten Freimaurerei anzusehen ist. Mit der Wahl John Duke of Montagues zum Großmeister 1721 wurde aus den kleinbürgerlich dominierten Zusammenschlüssen ein gesellschaftliches Ereignis, in dem das aufstrebende Bürgertum mit der englischen Oberschicht in Kontakt trat und das sich in den 1723 publizierten „Constitutions of the Free-Masons“ („Alten Pflichten“) jenes Regelwerk gab, das bis heute die Freimaurerei in den unterschiedlichsten Facetten prägt. Angesiedelt am Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum wurde dieser Ort der „männlichen Rede“ zum Modell einer modernen Gesellschaft, in der die herrschenden Standesgrenzen unter Berufung auf die umfassende Brüderlichkeit relativiert wurden, wobei das strenge Ritual allzu große Distanzlosigkeit unterband. Mit dem Sprung auf den europäischen Kontinent verknüpfte sich der gesellige Charakter, der den Logen mit den kurz davor entstandenen ersten Herren-Clubs eigen war, partiell mit der Aufklärung.

Das Auswahlkriterium — aufgenommen wurde und wird man nur über den Vorschlag von Mitgliedern nach einem strengen Prüfungsverfahren — und die zunehmende Binnendifferenzierung beschleunigten eine Entwicklung, die als „masonry in a masonry“ zu charakterisieren wäre, die harte aufklärerische Positionen („Illuminaten“) ebenso bediente wie deren Gegenteil („Rosenkreuzer“), um schließlich als Organisationsmodell in rein politische Zusammenschlüsse einzufließen („preußischer Tugendbund“, Frankreichs „Les Amis de la Verité“ und „Charbonnerie“, die italienische „Carbonneria“ etc.).

Folgt man der Aufstellung freimaurerischer Selbstdefinitionen, wie sie von Eugen Lennhoff und Oskar Posner zu Beginn der 1930er Jahre unternommen worden ist, so stoßen wir auf Begrifflichkeiten der Selbsterziehung, des Baus am „Tempel der Humanität“, als Ort der „geistige[n] Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Hier finden sich erhabene Worte von Gottfried Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottlieb Fichte, von Friedrich II., Wilhelm I. und Friedrich III., von Friedrich Ludwig Schröder, August Horneffer und Franz C. Endres. Diesen Ausführungen stellt Lennhoff bewusst eine Umschreibung des freimaurerischen Inhalts aus dem Katechismus des Lehrlingsgrades der United Grand Lodge of England voran: „Freimaurerei ist ein eigenartiges System der Sittlichkeit, eingehüllt in Allegorien und erleuchtet durch Sinnbilder. Die Freimaurerei lehrt Wohltätigkeit und Wohlwollen üben, die Reinheit schützen, die Bande des Blutes und der Freundschaft achten, die Grundregeln der Religion annehmen und ihre Gebote achten, dem Schwachen beistehen, den Blinden leiten, die Waisen beschützen, die Niedergetretenen erheben, die Regierung unterstützen, Sittlichkeit verbreiten und Wissen vermehren.“ Der Definition der United Grand Lodge of England folgt jene der Grande Loge de France von 1907: „Die Freimaurerei ist eine internationale Vereinigung, gegründet auf Solidarität. In allen Lagen sollen Freimaurer einander unterstützen, selbst im Falle der Lebensgefahr. Die Freimaurerei hat zum Zweck die moralische Vollendung der Menschheit, als Mittel hierzu die ständige Verbesserung der geistigen und materiellen Lage der Menschen. Sie hat als Devise die Worte: ,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘.“ Und die Symbolische Großloge von Ungarn definiert in exemplarischer Kürze: „Der Bund der Freimaurer ist eine zur Wahrung, Pflege und Verbreitung der wahren Humanität geschaffene Korporation, deren Mitglieder einander als Brüder betrachten und nennen.“ In Summe stimmen diese Definitionen unabhängig von den jeweiligen Obödienzen darin überein, dass das freimaurerische Erziehungsprogramm den Einzelnen dazu in die Lage versetzt, als Individuum allein und gemeinsam mit seinen Brüdern/Schwestern den Bau des „Tempels der Humanität“ zum allgemeinen Wohle voranzubringen. Im Katechismus der Lehrlinge nach dem Ritual der Großloge A.F.u.A.M.v.D. wird die Frage nach dem Bau, an dem die Freimaurer arbeiten, beantwortet. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“

Anton Kreil, Professor am Theresianum, wandte sich anlässlich einer Lichtgebung, der Initiation eines neuen Mitgliedes also, in der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“ emphatisch an seine Brüder und den eben aufgenommenen Lehrling: „Ueberall also Scheintugend oder Aftertugend; überall Verführung oder Mißhandlung, Betrug, Heucheley, Gleisnersinn, ewiges Untergraben, und Uebervortheilen, freche Gewaltthätigkeit, überall die verschämte Ehrlichkeit im Gedränge, überall das unverschämte Laster im Triumpfe. So Brüder! So stehts mit unserm Tempelbau. Werft Eure Kelle weg, zerreißt eure Schürzen, zertrümmert Zirkel und Winkelmaaß. Wozu sollen uns diese Werkzeichen, seitdem das verschmitzte Last der Geheimniß gefunden hat, sie zu verfälschen, seitdem der Eckstein geborsten ist? Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Das Bild des Tempels, der in Gefahr ist einzustürzen, evoziert zum einen das Bild eines Bauwerkes, an dem mit Maurerwerkzeug gearbeitet wird, zum anderen das Bild einer moralisch verkommenen Welt, zu deren Rettung die Freimaurer aufgerufen werden.

In der dieser Ansprache vorangegangenen Initiation wird der Suchende mit dem Bild des Tempels vertraut gemacht. Der Meister vom Stuhl, der Vorsitzende der Loge also, erklärt dem Lehrling die Symbole, die er auf der am Boden liegenden Lehrlingstafel findet. Nach dem Hinweis auf das Handwerksgerät führt die Instruktion zu einem zweifachen Motiven-Kranz: „Noch sehen sie hier [unverständliche] Hieroglyphen, die wir Salomo‘s Tempel entlehnt haben. […] Der mosaische Fußboden [das musivische Pflaster], so schön als fest, ist das Sinnbild der Grundlage, die wir bey denen suchen, welchen wir die Pforte unseres mystischen Tempels öffnen wollen. Festigkeit des Karakters, und der Wunsch, ihre Seele unaufhörlich zu verschönern, muß unsere Suche von anderen auszeichnen. Die Schnur mit Fransen diente im Tempel Salomo’s den Vorhang zuzuziehen, der das Allerheiligste verhüllte: statt des Vorhanges erblicken sie sie auch hier. Verschwiegenheit ist der Vorhang, der unser Heiligthum vor der Entweihung sichert. Die zur linken stehende Säule, mit dem Buchstaben I bezeichnet, ist die Abbildung der Säule im Vorhofe des Salomonischen Tempels, an welcher, der Tradition zur Folge, während des Tempelbaues die Lehrlinge ihren Lohn zu empfangen pflegten. Das Wort des Grades erinnert sie ohne Unterlaß: dass der Lohn ihrer Arbeit in dem beseeligenden Bewußtseyn, seine Pflicht gethan zu haben, bestehen müsse.“

Aus einer ursprünglich „am Heilsplan orientierten Gebäudemetaphorik“ wurde durch die säkularisierte Rezeption ein „imaginärer Tempel des eigenen Inneren“, den Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ansprach.

Falk: Ordnung muß also doch ohne Regierung bestehen können.
Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?

Dabei ist sich Lessing der Gefahr des Subjektivismus bewusst, der er gegenzusteuern sucht:

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eigenen Lage beurteilt, kann leicht gemißbraucht werden. […]
Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.
Ernst: Was ist das?
Falk: […] dass sie nicht unfehlbar sind. […] dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.

Für den „vernünftigen“ Umgang der Menschen miteinander fordert daher Lessing Toleranz und Brüderlichkeit ein, die mit der Relativierung des eigenen Standpunktes einhergehen müssen.

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt.

„Humanismus fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.“

Prof. Dr. Dieter Binder

Im Ritual der Johannis-Maurerei wird in der Symbolwelt der Tempel König Salomos zitiert, die Tempelvorstellung ist aber nicht jene des Judentums. Der Tempel wird ohne Zweifel aus der Sicht des „Neuen Testaments“ gelesen, auch wenn relativ rasch nach der Gründung der ersten Großloge Ansätze einer Interkonfessionalität beobachtet werden können. Alfred Schmidt hat die Transformation der Konfessionalität der Constitutions hin zum Deismus als einen wesentlichen Beitrag der freimaurerischen Entwicklung beschrieben. Im Gegensatz dazu steht, wie Bernhard Beyer präzise angemerkt hat, die Sichtweise von Ferdinand Runkels „Geschichte der Freimaurerei in Deutschland“ (1931/32). In dieser wird die „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ explizit als Christentum ausgewiesen. Zeitgleich mit Runkels Darstellung erschien die erste Ausgabe des „Internationalen Freimaurerlexikons“, in dem Lennhoff und Posner die von Runkel apologetisch vorgetragene „christliche Freimaurerei“ der Tradition der Ritterorden, wie sie in unterschiedlichen Hochgradsystemen des 18. Jahrhunderts aufschlagen, zuordnen. Diese Anregungen wurden im Selbstaristokratisierungs-Prozess des Bürgertums in den Systemen der schwedischen und norwegischen Großlogen ebenso verdichtet wie innerhalb der Großen Landesloge und den beiden anderen altpreußischen Großlogen.

Damit eng verknüpft war jene „christliche“ Exklusivität, die die Aufnahme von Nicht-Christen weitgehend verhinderte und die in weiterer Folge durchaus rassistisch gefärbte Positionen des Antisemitismus, etwa des „deutsch-christlichen Ordens“ (so die Namensänderung der Landesloge), implizierte. Eine weitere Engführung dieses Milieus thematisierte Hans-Hermann Höhmann in seiner Studie über die „völkische Freimaurerei“. Exemplarisch verweist er auf die kosmopolitische Haltung der deutschen Freimaurerei der Spätaufklärung, die „Weltbürgersinn“ und „Vaterlandsliebe“, um Fichte zu zitieren, zu vereinigen wusste. Eingebettet in die Entwicklung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts degenerierte im bürgerlichen Formatierungsprozess europaweit dieser „Weltbürgersinn“ und wurde zunächst zunehmend ersetzt von der Überzeugung des zivilisatorischen Vorbilds der eigenen Nation. Während man für die eigene Freimaurerei jeden Nationalismus verneinte, schrieb man den politischen Gegnern und der Freimaurerei in deren Ländern einen „engherzigen, fanatischen Nationalhass“ zu. Die völkische Agitation gegen jede Form von Internationalismus und die damit verknüpften Angriffe gegen die Freimaurerei beschleunigten jene Entwicklung, die aus der „christlichen“ eine „christlich-deutsche“ Freimaurerei kreierte und den Weg zu einer partiellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ebnete. Höhmann charakterisiert diese Entwicklung mit zwei Zitaten. In der Gründungsversammlung des „Wetzlarer Rings“ wurde 1925 festgehalten: „Mitglied unserer Loge kann nur werden, wer deutscher Abstammung ist und sich zur christlichen Weltanschauung bekennt. Suchende, deren Eltern oder Großeltern jüdischer Abstammung sind, können nicht aufgenommen werden. Für Annahme ständig Besuchender gilt dasselbe.“ Und der deutsch-christliche Orden hielt fest: „Unser Verhängnis war, dass wir immer — trotz Widerspruchs — zusammengeworfen wurden mit den humanitären Freimaurern.“

Stringent angesichts einer solchen höchst eindeutig politischen Befindlichkeit strichen der Orden und die altpreußischen Logen das Symbol der humanitären Verpflichtung, den „Salomonischen Tempel“, aus ihren neu geschriebenen Ritualen, nunmehr als Brauchtum bezeichnet, und ersetzten es durch das Bild vom „Dom-Bau“. Doch dieser Dom ist nicht Symbol einer umfassenden Humanität, sondern ein Ausdruck von Revisionismus und nationaler Überheblichkeit. Seine Deutung wird dem „Ordensjünger“ nach seiner Aufnahme gegeben: „Für jetzt ist es notwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf den Teppich zu lenken. Sie sehen da das Straßburger Münster abgebildet – den deutschen Dom […]. In diesem Münster des Meisters Erwin ist in allem Reichtum der Gotik doch altgermanisches Volkstum gestaltet. Für die wundervolle Rose über dem Hauptportal ist die altgermanische Vorstellung vom Sonnenrad und seiner kultischen Bedeutung Vorbild gewesen […]. Dieser Dom steht seit 600 Jahren unvollendet und wartet auf ein Volk und eine Zeit, die auch hier das deutsche Werk vollendet. Aber dieser Dom ist vor allem auch ein Bild der Wandlungen im deutschen Schicksal. Deutsch war sein Meister, deutsch das Land, urdeutsch das Volk, das durch drei Jahrhunderte daran gebaut, das darin gebetet und in deutscher Frömmigkeit Gott gesucht hat. Dieses Land und dieses Volk kamen in Feindeshand; aber der Dom stand als Wahrzeichen der unlösbaren Verbundenheit von Land und Volk mit der ewigen deutschen Heimat. Land und Dom wurden wieder mit dem Reich der Deutschen vereint […] und abermals steht der deutsche Dom trauernd jenseits der Grenzen des Reiches […] und alle Gebete und alle Kraft des Willens fordern, daß wieder deutsch werde, was ewig unverlierbar deutsch ist.“ Aus den Logen wurden eben angesichts der Machtübernahme des Nationalsozialismus „Ordensgruppen“, die nicht nur semantisch knapp neben den „Ortgruppen“ der NSDAP angesiedelt waren.

III.

Logen sind Bauhütten. Das Bauen ist neben dem Licht und dem Wandern das dritte zentrale Bild der Freimaurerei. Nicht zufällig verweist Höhmann auf Karl R. Poppers Warnung, dass jeder „Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, […] stets die Hölle“ gebracht hat. Diese Kritik trifft den Absolutheitsanspruch von Ideologien. Daher müssen wir, so Popper an anderer Stelle, „unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben.“ Ein solcher Verzicht entbindet aber nicht von der Aufgabe „bescheidene Weltverbesserer“ zu bleiben. „Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen.“

Diese Beschränktheit des Tuns lässt Anton Kreil ausrufen: „Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Lapidar verweist Höhmann auf das Bauen ohne Unterlass: „Kein abgeschlossener Bau ohne einen neuen Bauauftrag, denn Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer weitergebaut.“

Dem stets vom Versinken bedrohten Tempel Stützen zu geben, evoziert das Bild des Sisyphos. Der Widerstand gegen das Versinken des Tempels wird zur Aufgabe des Individuums. Es ist der Mensch, der den aktuellen Zustand verneint, es ist der „Mensch in der Revolte“. Diese Revolte, so Albert Camus, resultiert aus „der dunklen Gewißheit eines guten Rechts, oder genauer auf dem Eindruck des Revoltierenden, ,ein Recht zu haben auf…‘.“ Und auf Sisyphos übertragen heißt es: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […]. Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Dorothea Gall stellt die Frage nach der Humanität angesichts der Pest in Camus Roman. „Die Pest im durch die Quarantäne verschlossenen Oran ist (auch) Allegorie für den Faschismus, für die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg; die Maßnahmen gegen die Seuche bedeuten also (auch) die französische Resistance. Damit stimmt überein, dass der Erzähler Rieux, im Ringen um den richtigen Ausdruck für das Ziel, auf das sich die Sehnsucht der Menschen während der Pest gerichtet hat, neben die Liebe den Frieden stellt.“ Für Camus ist „die Pest“ das „Symbol des Gegen-Menschlichen, des Leides und Todes überhaupt, und ihr gilt ein ebenso erbitterter Widerstand“. In Camus fiktionaler Chronik „liegt aber das Hauptaugenmerk auf denen, die trotz ihrer Verzweiflung und Ermattung den Kampf weiterführen und sich, soweit dies möglich ist, für die Wahrung der Menschenwürde in Krankheit und Tod einsetzen – also gewissermaßen einen Humanismus der Revolte praktizieren.“ Dadurch begegnet „die kampfbereite humanitas des Arztes und seiner Mitstreiter“ der „Gewalt der Pest“; „und wie der Arzt gegen die Seuche kämpft, so streitet hier auch der freie Bürger gegen die Unterwerfung durch ein grausames und amoralisches Regime, der gute Mensch gegen das Böse schlechthin.“ Den Kampf zu führen, folgt man Camus, ist die Aufgabe der Intellektuellen. Das „Konzept einer Überwindung der Pest (in ihrer Bedeutungsvielfalt) durch die Kraft der Intelligenz“ entspringt aber nicht der Hybris eines intellektuellen Geheimwissens, eines fernen Humanismus also, sondern fußt im „Glauben an das Anrecht“ aller „Menschen auf Glück:“ Zusammenfassend hält Gall die Position der Humanität in diesem Roman fest: Diese ist die sich der „Verstörung widersetzende Kraft, die die Klugen und Wissenden befähigt, gegen die Katastrophe zu kämpfen und zugleich denen, die ihr physisch oder psychisch erliegen, mit Verständnis zu begegnen; die gegen die Seuche nicht Resignation oder das starre Ideal der Gleichgültigkeit des Todes setzt, sondern unter allen Schrecken das Recht des Menschen auf ein glückliches Leben vertritt.“

Der Tempelbau hat klare Gesetzmäßigkeiten – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – und diese werden nicht nur für das Arkanum der Loge, sondern vor allem auch für die Gesellschaft eingefordert. In dem Augenblick, wo der homo ludens das Spielerische in den Vordergrund stellt, verschwindet der humanistische Auftrag der Freimaurerei ebenso rasch wie angesichts einer sozialen Entkoppelung. Reinhart Koselleck hat die Überwindung der Standesgrenzen in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als das eigentlich revolutionäre Element der Freimaurerei klar hervorgehoben. Die klare Abgrenzung gegenüber der Politik und gegenüber der Religion sollte jenen Raum schaffen, in dem die Freimaurerei in die Gesellschaft hineinwirken konnte, um diese Welt im Sinne Poppers „bescheiden“ zu verbessern. Dabei orientierte man sich an der Aufklärung und dem Humanismus — letztlich an jenen Punkten, die in den Menschenrechten kondensierten. Diese Menschenrechte, die nicht als imperialer Gestus intellektuellen Hochmuts zu sehen sind, sichern jenen Rahmen, innerhalb dessen das Individuum die Chance erhält, seinen Vorstellungen von Glück sozial verträglich näher zu kommen. Der Ansatz von Camus macht deutlich, dass es eine Pflicht zum Widerstand gibt, wenn negative Kräfte das individuelle Recht auf Glück einem totalitären, inhumanen Konzept zu opfern suchen. Damit wird ein klarer politischer Auftrag sichtbar, oder, wie Höhmann es formuliert, die aufklärerische und humanistische Tradition der Logen macht aus den Freimaurern „ethisch orientierte Assoziationen“, die in den modernen komplexen Gesellschaften „mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität“ „humane Lebenswelten“ sichtbar erhalten. Diese Erziehung für etwas inkludiert eine Erziehung zum Widerstand. Das hat die „nationale“ Freimaurerei erkannt und daher auf ihrem Weg in die Selbstaufgabe die „humanitäre“ Freimaurerei als Gegenstück zu einer Welt, in der die „Volksgemeinschaft“ totalitär durchgesetzt werden sollte, wütend attackiert. Der Einsatz für das Glück des Einzelnen und die Erziehung zum Widerstand als humanistischer Auftrag haben auch in der Welt von heute ihren Platz.

Prof. Dr. Dieter Binder

Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder, geboren 1953, lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz sowie an der Andrassy-Universität in Budapest. Seit vielen Jahren forscht er über Freimaurerei und schrieb etliche Bücher zum Thema. Darunter fällt auch seine Überarbeitung und Modernisierung des „Internationalen Freimaurerlexikons“ von Lennhoff und Posner aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Neuausgabe ist bekannt als „der Lennhoff-Posner-Binder“ und ist bis heute ein unentbehrliches Nachschlagewerk zur Freimaurerei.

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„Freimaurerei ist eine humanistische Vereinigung mit dem Ziel, die Zivilcourage zu verbessern.“

Brücke über den Neckar in Mannheim (Foto: Lutz Peter / pixabay)

Ansprache des Großmeisters der Großloge A.F.u.A.M.v.D., Br. Stephan Roth-Kleyer, zur Festarbeit beim Großlogentreffen in Mannheim

Liebe Brüder alle,

im Namen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland begrüße ich Euch herzlich und brüderlich zu unser Tempelarbeit im Lehrlingsgrad des Großlogentages 2019 in Mannheim und heiße Euch willkommen. Schön, dass Ihr Euch von nah und fern auf den Weg gemacht habt, um bei unserer Tempelarbeit anlässlich des Großlogentreffens 2019 mit dabei zu sein.

Zunächst danke ich der Loge „Carl zur Eintracht“ Nr. 11 für die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung unseres Großlogentreffens 2019 in Mannheim. Somit geht der Dank insbesondere an den Ehrwürdigen Meister vom Stuhl, Bruder Alexander John, und an Bruder Hans-Michael Höhle, ebenfalls Bruder der Loge „Carl zur Eintracht“. Ich danke Euch stellvertretend für alle Brüder, die mitwirkten und mitwirken, und das auch im Namen der versammelten Bruderschaft. Die Brüder, mit denen ich bereits über den gestrigen Abend sprechen konnte, waren alle über das hohe Maß an Gastfreundlichkeit beeindruckt. Auch ich kann diesen Eindruck nur bestätigen. Danke dafür.

Wir haben auch dieses Großlogentreffen am Donnerstagnachmittag um 14.00 Uhr mit der Tempelarbeit begonnen. Unsere Rituale sind, wie schon häufig festgestellt, unser Alleinstellungsmerkmal, unser wahres Geheimnis, unsere Würde. Sie spiegeln unsere anerkannten spezifischen maurerischen Verhaltensformen und Gebräuche wider. Sie stiften Gemeinschaftsgefühl und vermitteln uns jedes Mal erneut die Grundpfeiler der Königlichen Kunst. Um dieses zu würdigen, meine Brüder, wurde die Tempelarbeit bewusst wiederum auf den Donnerstagnachmittag, auf den Beginn des Großlogentages gelegt. Das auch mit der Intention, dass die erbauliche Wirkung der Tempelarbeit uns den Großlogentag über begleiten möge. Das wünsche ich Euch und das wünsche ich mir.

Der Zweijahresbericht des Großmeisters ist anlässlich der Großlogentage der Bruderschaft zu erstatten. Meinen Bericht werdet Ihr, wie in der „Freimaurerischen Ordnung“ so auch vorgesehen, 2020 im Rahmen unserer vereinsrechtlichen Versammlung in Stuttgart entgegennehmen können. Unser Großlogentreffen in Mannheim dient in erster Linie der Profilschärfung unserer Großloge, dem Gespräch, der Information, dem Austausch und nicht zuletzt der Geselligkeit.

Ein erfreuliches Thema möchte ich doch ansprechen: In diesem Jahr, liebe Brüder, jährt sich die Gründung unserer Großloge, der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, zum 70. Mal. Oder anders gesagt: Unsere Großloge wird am 19. Juni 2019 70 Jahre alt. Unsere Großloge ist damit die jüngste deutsche Großloge.

Unsere Großloge kann auf 70 gute Jahre zurückschauen. Das sind 70 Jahre, in denen unsere Großloge – der in der Verfassung festgelegten Zweckbestimmung folgend – ihre aktuell 281 Mitgliedslogen kooperativ in der Öffentlichkeit und gegenüber anderen Großlogen vertreten hat. Weiterhin hat sie die Arbeit der Logen auf der Grundlage der freimaurerischen Grundsätze gefördert und gesichert. Darüber hinaus gibt sie Anregungen für die Tätigkeit der Mitgliedslogen zu gemeinnützigen, kulturellen und ethischen Zwecken, aber auch zur alltäglichen Logenführung. Das war und ist das Selbstverständnis der Großloge. Das war und das ist der Auftrag an unsere Großloge und damit der Auftrag an die für die Großloge tätigen Brüder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kanzlei. Diese Zielsetzung, meine Brüder, ergibt sich aus Art. 7 unserer Verfassung.

In unseren 281 Mitgliedslogen wird nach zehn unterschiedlichen zugelassenen Ritualen gearbeitet, etwa 80% unserer Mitgliedslogen arbeiten nach den A.F.u.A.M.v.D.-Ritualen I bis III. Diese soeben angesprochene begrüßenswerte Ritualvielfalt spiegelt sich unter anderem in Artikel 1 unserer Verfassung wider. Hier heißt es: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist ein Zusammenschluss von Freimaurerlogen. In ihrer Bruderschaft lebt die Überlieferung früherer deutscher Großlogen fort.“

Die Rahmenbedingungen und die Zielsetzung der Arbeit unserer Mitgliedslogen sowie der Großloge ergeben sich aus den Artikeln 2 und 3 unserer Verfassung.  Artikel 2 lautet: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“  Artikel 3 lautet: „Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden; sie bilden keine Glaubensgemeinschaft. Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dieses alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Meine Brüder, wir können nicht die Welt retten, das ist für uns ein bis zwei Nummern zu groß. Wir können jedoch zu Besserungen beitragen, wenn wir die soeben zitierten Artikel 2 und 3 leben.

Bisweilen werde ich gefragt, ob wir denn kein Leitbild hätten. Man wäre gerne bereit, ein solches für die Großloge zu erarbeiten. Meine Brüder, unser Leitbild ist in unserer Verfassung niedergelegt. Soeben zitierte ich daraus. Unsere Freimaurerei muss nicht neu erfunden werden, es gilt jedoch, unser Profil zu schärfen und Akzente zu setzen. Damit beschäftigen wir uns unter anderem anlässlich unserer Fachtagung.

Weiterhin werde ich des Öfteren gefragt, ob sich Freimaurerei nicht kürzer, prägnanter, möglichweise in Form eines Slogans definieren ließe. Slogans bergen stets die Gefahr, Inhalte und Aussagen zu „verkürzen“ und sie damit ggf. ungewollt zu verändern. In Kenntnis der vorgenannten Gefahren will ich dennoch versuchen, eine – ich betone: eine – wesentliche Facette der Freimaurerei, wie ich sie verstehe, in Form eines kurzen Slogans wiederzugeben: „Freimaurerei ist eine humanistische Vereinigung mit der Zielsetzung der Verbesserung der Zivilcourage“. Elementare humanistische Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum Zuhören können sind unsere Tugenden, das wiederum als Erweiterung dazu. Mehr dazu werdet Ihr morgen anlässlich unserer Fachtagung hören und erfahren können.

2019 begeht unsere Großloge, die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, ihren 70. Geburtstag. Dazu gratuliere ich herzlich und brüderlich und danke all denen, die in den vergangenen 70 Jahren unsere Großloge zu dem entwickelten, was sie heute ist – das mit großer Kompetenz, dem nötigen zähen Willen und hinreichend Energie.

Last but not least: Jetzt bin ich bei einem mir ganz wichtigen Punkt: Es gilt „Danke“ zu sagen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement. Ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen. Liebe Brüder, die Ihr heute und hier Eure Logen repräsentiert und vertretet: Eure Arbeit und Eure Tatkraft stellt eine der tragenden Säulen unserer elf Distrikte wie auch unserer Großloge dar.

Den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge danke ich für ihre fundierten Arbeitsergebnisse. Ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis. Ich danke unseren sehr aktiven Altgroßmeistern für ihre stete Unterstützung. Und ich danke nicht zuletzt unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre zuverlässige Mitwirkung und Unterstützung bei meinen Aktivitäten.

Heute gilt mein besonderer Dank unseren beiden musizierenden Brüdern. So danke ich Dir lieber Bruder Peter Schüler, Bariton, und Dir lieber Bruder *, Flügel, für die hervorragenden musikalischen Beiträge zu dieser TA. Danke, dass Ihr diese Festarbeit so herrlich bereichert und mitgestaltet.

Heißt es doch in der Werklehre vor der Schließung: „Bist Du für Deine Arbeit bezahlt worden?“ So lautet die Antwort: „Ich bin zufrieden.“ Ich hoffe, dies trifft für alle zu, die sich in ihren Logen, Gremien und Ausschüssen eingebracht und engagiert haben. Danke an Euch alle für all Euer Tun.

* Name aus Deckungsgründen nicht genannt

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Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

Foto: aitoff / pixabay.de

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Wie viel Politik verträgt die Freimaurerei?

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Wir leben in einer Zeit, in der die Zunahme an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Gehässigkeit spürbar ist. In einer Zeit der Überflutung von Informationen, ob wahr oder unwahr. In einer Zeit, wo Staatsmänner sich über den größeren Atomknopf öffentlich austauschen. Zeichen, die nichts Gutes verheißen.

Ein Kommentar von Ralph Meixner

Wofür steht die Freimaurerei im Jahr 1 nach 300 Jahren Freimaurer-Geschichte? Wofür stehe ich persönlich als Freimaurer? So oder ähnlich könnte die persönliche Fragestellung in diesen bewegten Zeiten lauten. “Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus”. Diese Ideale unserer Metaphern allein werden leider nichts verändern, solange keine Interaktion stattfindet.

Mir ist bekannt, dass wir auf unserem Lebensweg viel Disharmonie und vielen Dingen begegnen, die zu erklären wir nicht im Stande sind. Und obwohl wir alle die Freimaurerei zu unserer geistigen Anschauung gewählt haben, können wir nicht automatisch erwarten, dass unser Ziel, das Licht in der Finsternis zu finden, immer gelingen wird. Besser gesagt: wir werden nicht immer die Antworten auf die vielen Fragen unserer Zeit haben.

Schon bei unserer Aufnahme, durchlebten wir in den symbolischen Reisen alle Elemente, die seither auf unseren Geist einwirken sollen. Wir sind als Freimaurer berufen, der Finsternis in uns selbst und der Finsternis der Welt ernst und tapfer die Stirn zu bieten. Je ernster wir diese Aufgabe auffassen, umso größer und schöner werden die Erfolge sein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass große Standhaftigkeit vonnöten ist, um trotz aller Schwierigkeiten und Bitternisse, die uns das Leben beschert, beständig unseren eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können.

Die Aufklärung hat uns die Freiheit gebracht. Sie hat uns aber nicht gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Das müssen wir täglich selbst herausfinden. Freiheit muss immer wieder erworben werden, sie ist nicht selbstverständlich. Es müssen vielmehr Bedingungen geschaffen werden, die Freiheit möglich machen. Das erfordert Engagement und Entschlossenheit, spätestens dann, wenn die Freiheit in Gefahr gerät.

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, eine Zeitenwende: Die gewohnten Strukturen beginnen zu bröckeln und die neuen sind noch nicht wirklich sichtbar. In dieser Zeit des tiefgründigen Wandels stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Freimaurerei leisten kann und welche Bedeutung sie in der Zukunft haben wird, vielleicht sogar die Frage, ob sie überhaupt eine Zukunft hat? Die Zeit des Übergangs ist immer mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Spannung verbunden. Sie beinhaltet aber auch die Chance der Neujustierung und der Rückbesinnung auf das Wesentliche. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie können wir in unserer Logenarbeit den Fragen der Welt begegnen, wo doch Politik und Religion nicht Gegenstand unserer Gespräche sind? Ich bin bei euch, diese Gespräche nicht zu führen, wenn es um Diskussionen einzelner Parteiprogramme geht. Kann Freimaurerei aber unpolitisch sein? Haben wir dann nicht schon aufgehört, in die Gesellschaft mit unseren Werten und Idealen zu wirken? Ich denke, wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wenn wir das nicht tun, verschließen wir die Augen vor den großen Problemen dieser Welt. Und das wiederum widerspricht unserem gewollten Handeln, unseren Idealen.

Wir spüren, dass etwas in der Luft liegt, das noch nicht greifbar ist, oder wie Ernst Bloch es nannte, das “Noch-Nicht-Bewusste” oder das “Noch-Nicht-Gewordene”. Das ist für eine Zeitenwende typisch, in der die alte Gesellschaft vergeht und eine neue heraufkommt, aber noch nicht wirklich da ist. Das Solide, Bekannte, Vertraute ist in Frage gestellt, ein Anderes drängt dagegen an und liegt, wie Bloch es nannte, “in der Zeiten Schoß”.

Unser Deutschland ist ein Land, das einen wahrlich weiten Weg zurückgelegt hat: Vom entfesselten Nationalismus, der Krieg und Verwüstung über Europa brachte, von einer geteilten Nation im Kalten Krieg hin zu einem demokratischen und starkem Land in der Mitte Europas. Unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freiheit mit unseren europäischen Nachbarn bleiben – es darf nie wieder ein Rückweg in den Nationalismus sein!

Wenn wir uns unserer Geschichte unseres Landes erinnern, so bemerken wir in der Gegenwart, das andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen, aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Wege stehen. Dabei sind Mauern zwischen unseren Lebenswelten entstanden: zwischen Stadt und Land, Online und Offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas wahrnimmt. Und ich meine auch die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente der Humanität nicht mehr hindurchdringen.

Hinter diesen Mauern ist tiefes Misstrauen.

Deshalb haben wir Freimaurer die Pflicht, in unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen diesem Misstrauen mit einer ehrlichen Erinnerungskultur zu begegnen. Ein Land, das in seinem Grundgesetz so hohe Güter wie das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit verankert hat, kann Heimat für viele Menschen sein, die aus Elend und Not flüchten müssen.

Argumente statt Empörung brauchen wir, auch gerade bei dem Thema, das unser Land in den letzten zwei Jahren so bewegt hat wir kein anderes: Flucht und Migration. Dieses Thema spaltet unsere Gesellschaft wie kein anderes. Was für die einen kategorischer „humanitärer imperativ“ ist, wird von anderen als angeblicher „Verrat am eigenen Volk“ beschimpft. Menschlichkeit, also das Leid anderer zu sehen und zu erkennen und situationsbedingt Hilfe zu leisten, steht hinter diesem Begriff..

Die Not von Menschen darf uns Freimaurern niemals gleichgültig sein. Wie lautet es in unserem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer, wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“. Dies alleine sollte Auftrag genug für jeden von uns sein.

Und wenn da jemand sagt „ ich fühle mich fremd im eigenen Land“, dann können wir nicht antworten: “Tja, die Zeiten haben sich halt geändert“ und wenn einer sagt: „ Ich verstehe mein Land nicht mehr“, dann gibt es etwas zu tun in unserem Land. Dann ist eine gute Erinnerungskultur gefragt. Denn bei allen Diskussionen, bei allen Unterschieden – eines ist nicht wegzudiskutieren in unserer deutschen Demokratie: das Bekenntnis zu unserer Geschichte, einer Geschichte, die für nachwachsende Generationen zwar nicht persönliche Schuld, aber bleibende Verantwortung bedeutet. Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, all das gehört zu Deutschland.

Wenn dieses bewusste Erinnern gelebt wird, dann werden viele wieder verstehen. Denn verstehen und verstanden werden, das will jeder, und das braucht jeder, um sein Leben selbstbewusst zu führen. Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im schnellen Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden, da es keine verbindlichen Aussagen mehr zu geben scheint. Das wiederum gibt Raum für Ängste. Und Angst ist und war nie ein guter Berater. Deshalb glaube ich, dass Heimat in eine gute Zukunft weist, jedoch nicht in die Vergangenheit. Heimat ist ein Ort, den wir als Gesellschaft gemeinsam schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das „Wir“ Bedeutung bekommt.

Das „Wir“ muss bleiben – und das wird bleiben! Das wird bleiben, weil es nicht die Besserwisser und Meckerer sind, nicht die ewig Empörten und nicht die, die ihre tägliche Wut auf alles und jeden pflegen. Nicht diese Menschen prägen unser Land. Nein, was mich zuversichtlich macht, sind die Menschen, die den humanitären Imperativ leben und dabei anpacken, die sich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land täglich einsetzen, denn die humanistische Idee, ist die des Strebens nach einer menschlichen und menschenwürdigen Welt, die alleine nur der Mensch schaffen kann.

Leider steht der Mensch sich dabei oft selbst im Wege. Deshalb arbeiten wir Freimaurer am rauen Stein, an uns selbst, versuchen zu verstehen und sich der ethischen Verantwortung, die wir als gestaltende Wesen haben, zu vergewissern. Aus dieser Haltung heraus sollten wir handeln und das, was wir tun, voll verantworten. Ohne Rückbindung an Werte wird der Mensch einer Zweckrationalität preisgegeben, die ihn entmenschlicht. Ohne verantwortungsvolles Handeln verkommt Gesinnung zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.

Wir können aus unserer Haltung Impulse geben, können Haltung zeigen. In unseren Logen können wir einen Ort des freien Denkens, der kritischen Auseinandersetzung und eine von Respekt, ehrlichem Interesse und gegenseitigem Verständnis getragene Diskurskultur schaffen.

Die Utopie des Humanismus, ist weder an einem anderen Ort noch in ferner Zukunft zu suchen. Sie ist konkret und real als unsere innere Utopie, denn der Ort und die Zeit der Erfüllung liegen in uns selbst. Die bessere Welt liegt im Potential der Menschlichkeit. Es gibt Menschen, die Tag für Tag in Ehrenämtern Humanität leben und spüren lassen und dadurch das „Wir“ im freimaurerischen Sinne prägen, ob mit oder ohne Freimaurer-Schurz.

Treten wir für unsere Werte ein, handeln und wirken wir, wo auch immer wir für Menschen aktiv sind und sein wollen, um auch ein Teil dieses „Wir“ zu sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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