Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

Foto: aitoff / pixabay.de

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Wie viel Politik verträgt die Freimaurerei?

photodune-20782131-diverse-people-hands-together-partnership-xxl

Wir leben in einer Zeit, in der die Zunahme an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Gehässigkeit spürbar ist. In einer Zeit der Überflutung von Informationen, ob wahr oder unwahr. In einer Zeit, wo Staatsmänner sich über den größeren Atomknopf öffentlich austauschen. Zeichen, die nichts Gutes verheißen.

Ein Kommentar von Ralph Meixner

Wofür steht die Freimaurerei im Jahr 1 nach 300 Jahren Freimaurer-Geschichte? Wofür stehe ich persönlich als Freimaurer? So oder ähnlich könnte die persönliche Fragestellung in diesen bewegten Zeiten lauten. “Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus”. Diese Ideale unserer Metaphern allein werden leider nichts verändern, solange keine Interaktion stattfindet.

Mir ist bekannt, dass wir auf unserem Lebensweg viel Disharmonie und vielen Dingen begegnen, die zu erklären wir nicht im Stande sind. Und obwohl wir alle die Freimaurerei zu unserer geistigen Anschauung gewählt haben, können wir nicht automatisch erwarten, dass unser Ziel, das Licht in der Finsternis zu finden, immer gelingen wird. Besser gesagt: wir werden nicht immer die Antworten auf die vielen Fragen unserer Zeit haben.

Schon bei unserer Aufnahme, durchlebten wir in den symbolischen Reisen alle Elemente, die seither auf unseren Geist einwirken sollen. Wir sind als Freimaurer berufen, der Finsternis in uns selbst und der Finsternis der Welt ernst und tapfer die Stirn zu bieten. Je ernster wir diese Aufgabe auffassen, umso größer und schöner werden die Erfolge sein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass große Standhaftigkeit vonnöten ist, um trotz aller Schwierigkeiten und Bitternisse, die uns das Leben beschert, beständig unseren eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können.

Die Aufklärung hat uns die Freiheit gebracht. Sie hat uns aber nicht gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Das müssen wir täglich selbst herausfinden. Freiheit muss immer wieder erworben werden, sie ist nicht selbstverständlich. Es müssen vielmehr Bedingungen geschaffen werden, die Freiheit möglich machen. Das erfordert Engagement und Entschlossenheit, spätestens dann, wenn die Freiheit in Gefahr gerät.

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, eine Zeitenwende: Die gewohnten Strukturen beginnen zu bröckeln und die neuen sind noch nicht wirklich sichtbar. In dieser Zeit des tiefgründigen Wandels stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Freimaurerei leisten kann und welche Bedeutung sie in der Zukunft haben wird, vielleicht sogar die Frage, ob sie überhaupt eine Zukunft hat? Die Zeit des Übergangs ist immer mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Spannung verbunden. Sie beinhaltet aber auch die Chance der Neujustierung und der Rückbesinnung auf das Wesentliche. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie können wir in unserer Logenarbeit den Fragen der Welt begegnen, wo doch Politik und Religion nicht Gegenstand unserer Gespräche sind? Ich bin bei euch, diese Gespräche nicht zu führen, wenn es um Diskussionen einzelner Parteiprogramme geht. Kann Freimaurerei aber unpolitisch sein? Haben wir dann nicht schon aufgehört, in die Gesellschaft mit unseren Werten und Idealen zu wirken? Ich denke, wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wenn wir das nicht tun, verschließen wir die Augen vor den großen Problemen dieser Welt. Und das wiederum widerspricht unserem gewollten Handeln, unseren Idealen.

Wir spüren, dass etwas in der Luft liegt, das noch nicht greifbar ist, oder wie Ernst Bloch es nannte, das “Noch-Nicht-Bewusste” oder das “Noch-Nicht-Gewordene”. Das ist für eine Zeitenwende typisch, in der die alte Gesellschaft vergeht und eine neue heraufkommt, aber noch nicht wirklich da ist. Das Solide, Bekannte, Vertraute ist in Frage gestellt, ein Anderes drängt dagegen an und liegt, wie Bloch es nannte, “in der Zeiten Schoß”.

Unser Deutschland ist ein Land, das einen wahrlich weiten Weg zurückgelegt hat: Vom entfesselten Nationalismus, der Krieg und Verwüstung über Europa brachte, von einer geteilten Nation im Kalten Krieg hin zu einem demokratischen und starkem Land in der Mitte Europas. Unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freiheit mit unseren europäischen Nachbarn bleiben – es darf nie wieder ein Rückweg in den Nationalismus sein!

Wenn wir uns unserer Geschichte unseres Landes erinnern, so bemerken wir in der Gegenwart, das andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen, aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Wege stehen. Dabei sind Mauern zwischen unseren Lebenswelten entstanden: zwischen Stadt und Land, Online und Offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas wahrnimmt. Und ich meine auch die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente der Humanität nicht mehr hindurchdringen.

Hinter diesen Mauern ist tiefes Misstrauen.

Deshalb haben wir Freimaurer die Pflicht, in unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen diesem Misstrauen mit einer ehrlichen Erinnerungskultur zu begegnen. Ein Land, das in seinem Grundgesetz so hohe Güter wie das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit verankert hat, kann Heimat für viele Menschen sein, die aus Elend und Not flüchten müssen.

Argumente statt Empörung brauchen wir, auch gerade bei dem Thema, das unser Land in den letzten zwei Jahren so bewegt hat wir kein anderes: Flucht und Migration. Dieses Thema spaltet unsere Gesellschaft wie kein anderes. Was für die einen kategorischer „humanitärer imperativ“ ist, wird von anderen als angeblicher „Verrat am eigenen Volk“ beschimpft. Menschlichkeit, also das Leid anderer zu sehen und zu erkennen und situationsbedingt Hilfe zu leisten, steht hinter diesem Begriff..

Die Not von Menschen darf uns Freimaurern niemals gleichgültig sein. Wie lautet es in unserem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer, wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“. Dies alleine sollte Auftrag genug für jeden von uns sein.

Und wenn da jemand sagt „ ich fühle mich fremd im eigenen Land“, dann können wir nicht antworten: “Tja, die Zeiten haben sich halt geändert“ und wenn einer sagt: „ Ich verstehe mein Land nicht mehr“, dann gibt es etwas zu tun in unserem Land. Dann ist eine gute Erinnerungskultur gefragt. Denn bei allen Diskussionen, bei allen Unterschieden – eines ist nicht wegzudiskutieren in unserer deutschen Demokratie: das Bekenntnis zu unserer Geschichte, einer Geschichte, die für nachwachsende Generationen zwar nicht persönliche Schuld, aber bleibende Verantwortung bedeutet. Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, all das gehört zu Deutschland.

Wenn dieses bewusste Erinnern gelebt wird, dann werden viele wieder verstehen. Denn verstehen und verstanden werden, das will jeder, und das braucht jeder, um sein Leben selbstbewusst zu führen. Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im schnellen Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden, da es keine verbindlichen Aussagen mehr zu geben scheint. Das wiederum gibt Raum für Ängste. Und Angst ist und war nie ein guter Berater. Deshalb glaube ich, dass Heimat in eine gute Zukunft weist, jedoch nicht in die Vergangenheit. Heimat ist ein Ort, den wir als Gesellschaft gemeinsam schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das „Wir“ Bedeutung bekommt.

Das „Wir“ muss bleiben – und das wird bleiben! Das wird bleiben, weil es nicht die Besserwisser und Meckerer sind, nicht die ewig Empörten und nicht die, die ihre tägliche Wut auf alles und jeden pflegen. Nicht diese Menschen prägen unser Land. Nein, was mich zuversichtlich macht, sind die Menschen, die den humanitären Imperativ leben und dabei anpacken, die sich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land täglich einsetzen, denn die humanistische Idee, ist die des Strebens nach einer menschlichen und menschenwürdigen Welt, die alleine nur der Mensch schaffen kann.

Leider steht der Mensch sich dabei oft selbst im Wege. Deshalb arbeiten wir Freimaurer am rauen Stein, an uns selbst, versuchen zu verstehen und sich der ethischen Verantwortung, die wir als gestaltende Wesen haben, zu vergewissern. Aus dieser Haltung heraus sollten wir handeln und das, was wir tun, voll verantworten. Ohne Rückbindung an Werte wird der Mensch einer Zweckrationalität preisgegeben, die ihn entmenschlicht. Ohne verantwortungsvolles Handeln verkommt Gesinnung zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.

Wir können aus unserer Haltung Impulse geben, können Haltung zeigen. In unseren Logen können wir einen Ort des freien Denkens, der kritischen Auseinandersetzung und eine von Respekt, ehrlichem Interesse und gegenseitigem Verständnis getragene Diskurskultur schaffen.

Die Utopie des Humanismus, ist weder an einem anderen Ort noch in ferner Zukunft zu suchen. Sie ist konkret und real als unsere innere Utopie, denn der Ort und die Zeit der Erfüllung liegen in uns selbst. Die bessere Welt liegt im Potential der Menschlichkeit. Es gibt Menschen, die Tag für Tag in Ehrenämtern Humanität leben und spüren lassen und dadurch das „Wir“ im freimaurerischen Sinne prägen, ob mit oder ohne Freimaurer-Schurz.

Treten wir für unsere Werte ein, handeln und wirken wir, wo auch immer wir für Menschen aktiv sind und sein wollen, um auch ein Teil dieses „Wir“ zu sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

Continue reading...