Vernetzte Intelligenz — Freimaurerei in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

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Es existierten gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben.“

Von Thomas Forwe
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

Florian Maurice zitiert in seiner Dissertation über die „Freimaurerei um 1800“ aus dem „Taschenbuch für Freymaurer auf das Jahr 1803“. Dort heißt es:

„Getrennt von der Welt ist die Loge, eine Welt für sich, des Profanen Auge undurchdringlich, und doch so groß als die Welt. Keine der Auszeichnungen im körperlichen Leben, keine der Verschiedenheiten, die Staat, Gewohnheit, Vorurtheil geschaffen haben, keine der Erwerbungen, die außerhalb dem Menschen liegen, gehen mit dem Maurer in die Loge hinein. Drinnen sind alle Menschen, und weiter nichts; Brüder grüßen sich da, und ein anderes Verhältnis findet unter ihnen nicht statt.“

Florian Maurice führt weiter aus: „Die Loge lag in der Welt, aber in ihrem Selbstverständnis bildete sie eine Welt außerhalb der Welt. Sie war getrennt von der Welt, und das Geheimnis war die Scheidemauer, die die Welt der Loge gegen die Außenwelt abtrennte.“

Ich möchte zu Beginn zwei Aspekte zur sog. Außenwelt herausstellen, die mir im Hinblick auf Freimaurerei besonders interessant erscheinen.

1. Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke

Die Außenwelt, von der Florian Maurice spricht, kann als die Gesellschaft verstanden werden. Wenn wir von der Gesellschaft reden, unterstellen wir allerdings häufig stillschweigend, dass es ein Objekt mit dem Namen Gesellschaft gibt, das sich aus einer Beobachterrolle heraus objektiv beschreiben ließe. Wir reden hier aber von einer Beobachtung zweiter Ordnung, die uns daran erinnern soll, dass wir uns als Beobachter beim Beobachten nicht selbst beobachten können. Wir uns also dessen, was wir beim Beobachten nicht wahrnehmen, nicht bzw. nicht immer bewusst sind. Der Soziologe Armin Nassehi hat einmal den schönen Satz geprägt: „Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke.“ Was hat er damit gemeint? Wenn wir herausfinden möchten, ob unser Bewusstsein das, was es wahrnimmt, wirklich richtig wahrnimmt, müssen wir das Bewusstsein erst einmal voraussetzen, damit wir es zugleich zum Gegenstand unserer Beobachtung machen können. Wir haben es hier erkenntnistheoretisch also mit einer Paradoxie zu tun. Auch die Freimaurerei ist ein derartiges nicht sichtbares Objekt. Und wenn wir Freimaurer befragen, was denn nun Freimaurerei sei, so bekommen wir einen bunten Strauß an Antworten, weil es eben unterschiedlichste Wahrnehmungen gibt. Und diese Wahrnehmungen werden auch geprägt durch die Fragestellung, was jeder Einzelne in der Freimaurerei sucht oder zu finden glaubt.

Wenn wir einen Aspekt wahrnehmen, nehmen wir gleichzeitig einen anderen nicht wahr. Wir leuchten eine Stelle des Objektes aus und verdunkeln damit automatisch eine andere Stelle. Wollen wir also etwas über eine Sache erfahren, so sollten wir nicht andere Wahrnehmungen abwerten oder gar verbieten, sondern möglichst viele verschiedene Wahrnehmungen zulassen. Vertrauen wir doch einfach einmal darauf, dass sich nur die Wahrnehmungen halten werden, die sich auch im Zeitablauf bewähren. Diese Existenz unterschiedlichster Wahrnehmungen gilt für die Freimaurerei und die Gesellschaft gleichermaßen. Armin Nassehi definiert daher Gesellschaft mit den Worten: „Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Unterschieden.“ Das gilt für Freimaurerei ebenso bzw. sollte gelten.

2. Moderne Gesellschaften sind funktional differenziert

Differenzierungen in der Gesellschaft gab es schon immer: Ältere Gesellschaften überall in der Welt unterteilten sich in Kasten, Schichten und Stände. In diese gesellschaftlichen Großkollektive wurde man hineingeboren und verblieb dort meist bis zum Tode. In den vergangenen beiden Jahrhunderten hat sich aber eine radikal neue Gesellschaftsordnung herausgebildet. Niklas Luhmann nannte sie eine „funktional differenzierte Gesellschaft“. An Stelle von Status traten nun unterschiedliche Kommunikationsformen als Ordnungskriterium. So existierten nun gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben. Es gibt temporäre Mitgliedschaften, Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften. Es kann sogar sein, dass einem die Mitgliedschaft nicht einmal bewusst ist. In den heutigen Gesellschaftsformen legen Menschen „mehr Wert auf Individualismus und universelle Gesetze, sodass der moralische Kompass immer weniger in Richtung Autorität und Loyalität ausschlägt, dafür mehr in Richtung Fairness und Freiheit“, wie Philipp Hübl in seinem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ den amerikanischen Anthropologen Alan Fiske zitiert.

Jedes dieser Subsysteme ist zwar Teil des Gesamtsystems Gesellschaft, arbeitet aber eigenständig nach eigenen Festlegungen und Organisationsstrukturen. Das Gesamtsystem steuert sich also nicht zentral, sondern dezentral. Das macht die Sache einfacher und schwieriger zugleich. Die Digitalisierung erhöht diese Komplexität noch weiter. Anstelle nämlich von klaren eindeutigen und sichtbaren Merkmalen reden wir heute mehr und mehr von Mustern und Mustererkennung. Unsichtbarkeit der Gesellschaft(en) und Uneindeutigkeiten sind die Folge.

Beide eben genannten Aspekte: Unterschiedlichkeit in Wahrnehmungen und funktional differenzierte Gesellschaft stellen uns aber auch vor große Herausforderungen:

  1. Zerfall der Gesellschaft in Teil-Gesellschaften
  2. Verlust der Anschlussfähigkeit durch Sprachlosigkeit bzw. Sprachbarrieren zwischen den Subsystemen und Rückzug der Subsysteme
  3. offen ausgetragene Spannungen und Konflikte zwischen den Subsystemen gerade im Hinblick auf das Beharren auf die Alleingültigkeit der eigenen Wahrnehmung.

Ein ökonomisches Beispiel hierzu: Sie können heute T-Shirts für unter 3 EUR pro Stück erwerben. Wir wissen im Grunde, dass dieser Preis nur möglich ist, wenn Teile der Wertschöpfungskette nicht fair entlohnt werden. Die Mitglieder des Subsystems Moral sind zu Recht empört. Dennoch gibt es Konsumenten, die diese T-Shirts kaufen. Sie argumentieren z.B. damit, dass sie sich teurere Kleidung nicht leisten können. Sie ahnen es schon, es sind die Mitglieder des Subsystems Wirtschaft. Moralische Subsysteme lösen moralische Fragen, Wirtschaftssysteme lösen wirtschaftliche Fragestellungen. Und wir merken schon die inneren Konflikte, die entstehen, wenn ein Konsument in beiden Subsystemen Mitglied ist, ganz abgesehen von den Konflikten zwischen den einzelnen Subsystemen selbst. Aus der Sozialforschung wissen wir, dass es so etwas wie eine „Gesamtvernunft“ eben nicht gibt.

Auch Freimaurerei ist mindestens ein Subsystem. Und auch wir bemerken die Spannungen und Konfliktfelder z. B. in Bezug auf das Subsystem „Religion“ oder auch „Politik“. Hier wäre es eine wichtige und dringende Aufgabe, das Selbstverständnis von Freimaurerei und ihren (gesellschaftlichen) Bezug zu Religion und Politik deutlich(er) herauszuarbeiten. Mein Vor-Vorgänger im Amt als Vorsitzender der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati, Br. Hans-Hermann Höhmann, hat dazu im aktuellen A.F.u.A.M.v.D-Newsletter einige grundlegende Gedanken geäußert. Dies wäre eine gute Basis, um weitergehende, durchaus auch kritische Debatten zu führen. Auch wenn dieser Prozess schmerzhaft für den einen oder anderen werden kann.

Sobald mehrere Subsysteme zusammenwirken, können sie sich behindern oder bestärken. Es kommt zu Wechselwirkungen, das Gegenstück von Kausalität. Der schottische Philosoph David Hume bezeichnete schon während der Aufklärung die Kausalität, also die Verbindung von Ursache und Wirkung als „das Zement des Universums“. Es sei aber erwähnt, dass wir uns — Hume folgend — keiner Kausalität sicher sein können, d. h. wir können gar nicht wissen, ob zwei Ereignisse, die in der Vergangenheit (genauer formuliert eigentlich in unserer Erinnerung) zusammen oder kurz aufeinander folgend auftraten, auch in der Zukunft zusammen oder kurz aufeinander folgend auftreten werden. Diese Struktur des kausalen Denkens und der damit verbundenen Mustererkennung hat sich bei Menschen während der Evolution herausgebildet und war immer hilfreich bei Hypothesenbildungen, Prognosen, Planungen und Handlungen.

Man kann auch sagen, dieses kausale Denken war überlebenswichtig. Wenn z. B. jemand eine Pflanze gegessen hatte und kurz darauf starb, war es für die anderen offensichtlich vernünftig, den Genuss dieser Pflanze zu meiden. David Hume bezeichnete es als einen „inneren Zwang“, von der Existenz von Kausalität auszugehen, obwohl diese nicht wahrnehmbar ist.

Aufgrund der wechselseitigen Wirkung dieser Subsysteme zueinander, ist die uns bisher vertraute Kausalität nicht mehr als Prädiktor geeignet. Wir arbeiten nicht mehr im Modus „wenn – dann“, sondern eher im Szenario-Bereich verschiedener Möglichkeiten. Um diese Szenarien aufzuzeigen, bedarf es einer Vielzahl von Experten, die wir verteilt in den einzelnen Subsystemen vorfinden. Jedes Mitglied eines Subsystems ist intelligent und lässt sich nicht von außen steuern. Aufgrund der Selbstorganisation hat das System ein Maximum an Autonomie erreicht. Man könnte dies auch mit Schwarmintelligenz vergleichen. „Schwärme sind“, nach Eva Horn, „nicht nur mehr als die Summe der Individuen, die sie bilden. Schwärme sind, in der Wissenschaft wie in der Fiktion, Modellierungen für etwas, das den Grund allen ‚Lebens‘ darstellt. Schwärme sind das ‚Leben selbst‘, sie machen die unüberschaubare Verwobenheit der Prozesse des Lebens sichtbar in einer Figur, die immer zugleich vieles und eines ist. Als Relationalität, aus deren Einzelelementen das Zusammenspiel der Gesamtheit nicht ableitbar ist, figuriert der Schwarm die irreduzible Konnektivität des Lebendigen […]“. Schwarmintelligenz meint, dass simple Akteure kooperativ Lösungen finden, ohne einen vorgefertigten Plan zu haben. An dessen Stelle treten einfache Verhaltensregeln, die in ihrer Struktur so unkomplex sind, dass sie oft durch einfache Schaltkreise realisierbar sind.

Helmut Willke führt in seinem Buch „Dezentrierte Demokratie“ aus: „Es gilt ohne jeden Vorbehalt die Aussage, dass Demokratie als die beste verfügbare Steuerungsform moderner, funktional differenzierter Gesellschaften alternativlos ist […].“ Willke schlussfolgert: „Mit Globalisierung und Wissensgesellschaft hat die Menschheitsentwicklung in der Tat eine Wendung genommen, welche die für Demokratie prägende Kombination von Recht und Politik auflöst und eine weiter gehende Entzauberung des normativen Erwartungsstils vorantreibt. Statt formaler Gesetze werden für die Politik Vorhaben, Programme, Investitionen, Anreize und Kampagnen wichtiger und prägender, und der Stil der Durchsetzung von Entscheidungen wandelt sich von hoheitlicher Anweisung zu evidenzbasierter Überzeugungsarbeit, die auf das durch Anreiz und Motivation veränderte Verhalten der Bürger zielt.“ Die Aufgabe der Demokratie wäre es damit, so Willke, „die ‚verteilte Intelligenz‘ vieler Expertengruppen und Fachgemeinschaften zu nutzen.“ Dies gelingt am einfachsten, wenn man diese verteilten Intelligenzen vernetzt.

Was ist mit dieser Vernetzung gemeint? Es gilt nicht mehr nur, verschiedene Kompetenzen, die in verschiedenen Subsystemen verteilt sind, zu nutzen. Dies würde ja nur bedeuten: „Ich benötige zur Erfüllung meiner individuellenZielsetzung die Kompetenz eines anderen.“ Dieses Kooperationsmodell funktioniert immer nur solange, bis es zu Zielkonflikten bei einem der beteiligten Subsystemen kommt. Vernetzung geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Vernetzung versucht, Zielkonflikte dadurch zu entschärfen bzw. zu lösen, indem auf das gemeinsame Dritte hingewiesen wird. Dieses gemeinsame Dritte wäre eine Art Existenzbedingung der Subsysteme überhaupt, um ein langfristiges Agieren für beide Systeme zu ermöglichen. Vernetzung könnte also das Nullsummenspiel in ein Nicht-Nullsummenspiel transformieren.

Ich möchte zusammenfassend fünf Punkte nennen, die aus meiner Sicht dazu beitragen könnten, die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vernetzung zu erhöhen:

  1. Stetiges Werben um ein gemeinsames Wertverständnis als kleinster gemeinsamer Nenner aller Subsysteme.
  2. Offenheit im Denken und Handeln aller ihrer Mitglieder, damit sie ohne Vorfestlegungen oder gar Vorverurteilungen aufeinander zugehen können und dabei zu akzeptieren, dass ein Meinungsaustausch auch zur Änderung der eigenen Meinung führen kann.
  3. Kreativität, damit immer wieder neue Ideen entstehen, um gemeinsame Erlebnisse unterschiedlicher Subsysteme zu schaffen und das Gegenüber erfahrbar zu machen.
  4. Mut, diese Ideen mit oft ungewissem Ausgang einfach umzusetzen und sich ergebnisoffen darauf einzulassen.
  5. Beharrlichkeit, um beim Scheitern nicht aufzugeben, sondern eine neue Idee auszuprobieren.

Interessant ist auch eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2018 über die zukünftig benötigten Fähigkeiten für Berufe mit Blick auf das Jahr 2022: Analytisches Denken, Kreativität, kritisches Denken, emotionale Intelligenz und Sozialverhalten stehen unter den Top Ten. (Studie kann abgerufen werden unter http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs.pdf, zuletzt abgerufen am 02.06.19).
Es braucht nicht viel Fantasie, um an diesen von mir genannten Punkten bereits zu erahnen, wie hilfreich Freimaurerei für den Einzelnen sein kann, um bei diesen Aufgaben erfolgreich mitzuwirken. Freimaurerei wäre in diesem Sinne quasi das geistige Fitnessstudio zur Vorbereitung auf die anstrengende Abenteuerreise, die wir Leben nennen.

Ich habe auch bereits ausgeführt, dass ein zentraler normativer Erwartungsstil in funktional differenzierten Gesellschaften seine Wirkkraft verliert und durch eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen zu ersetzen wäre.
Auf der Homepage der Großloge A.F.u.A.M.v.D. ist zu lesen: „Als Glieder eines ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein.“ Fürwahr, wir haben wichtige Werte, sie transportieren ein humanistisches Menschen- und Weltbild. Und wir erleben täglich in den Nachrichten, was passiert, wenn diese Werte nicht gelebt werden oder gelebt werden können (beispielhaft sei hier auf den Demokratieindex der Zeitschrift „The Economist“ hingewiesen, abrufbar unter https://www.eiu.com/topic/democracy-index, zuletzt abgerufen am 2.6.2019). Auch im Inneren unseres Bundes merken wir, wie schwierig es gelegentlich sein kann, diese Werte zu leben. Deshalb üben wir uns darin auch permanent in unseren Ritualen. Und wenn uns diese Werte wirklich wichtig sind, dann müssen wir sie auch verteidigen, wo sie in Gefahr scheinen. Dies gilt nicht nur innerhalb der Loge, dies gilt insbesondere in der Außenwelt.

Auf der Homepage heißt es weiter: „Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte.“

Die Loge trägt eine Besonderheit in sich, die ich gerne den freimaurerischen Unterschied nenne. Also eine Besonderheit des Ortes, der, wie es Br. Hans-Hermann Höhmann gerne mit Lessings Worten ausdrückt, „ein laut denken mit einem Freund“ ermöglicht und fordert. Der französische Philosoph Michel Foucault führte in einem Vortrag vor Architekten einen neuen Begriff ein, den der Heterotopie. Im Unterschied zu Utopien, sind Heterotopien Orte, die es tatsächlich gibt. Allerdings verkörpern diese Orte eine räumlich und zeitlich situierte Andersartigkeit, die mit alltäglichen Situationen und Orten nicht im Einklang stehen. Utopien sind den Menschen schon seit dem 16. Jahrhundert vertraut. Sie basieren auf dem Wunsch der Menschen, sich an einen anderen, besseren, schöneren Ort zu wünschen. Er selber führte als Beispiele heterotopischer Orte an: Altenheime, Friedhöfe, Krankenhäuser, Gefängnisse, Kinos, Theater, Gärten etc. Sie alle zeichnen sich im Wesentlichen durch vier Eigenschaften aus: 1. Sie haben eine besondere räumliche Struktur, können also beispielsweise die ganze Welt an diesem einen Ort abbilden. 2. Sie haben eine besondere zeitliche Struktur, sie können sowohl endlos Zeit sammeln als auch nur wenige Momente umfassen. 3. Das Betreten dieser Räume ist an spezielle Ein- und Ausgangsrituale gebunden. Sie sind nicht ohne weiteres für jedermann zugänglich. Und 4. schließlich entstehen in heterotopischen Räumen entweder Illusionen von neuen Wirklichkeiten oder aber es formen sich andere Wirklichkeiten, die den realen gegenüber vollkommener und damit besser erscheinen. Von all diesen Orten geht Foucaults Einschätzung nach eine gewisse Faszination aus, da sie in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentieren, negieren oder umkehren.

Im Raum Loge gilt beispielsweise eine andere Zeitrechnung, mit der es möglich scheint, zumindest für die Dauer der Anwesenheit, Entschleunigung zu erfahren. Für einen — wenn auch nur kurzen — Moment, entziehen wir uns dem Diktat des Immer-Schneller-Besser-Weiter-Prinzips. Wir entziehen uns dem kräftezehrenden Wettbewerb im Berufs- wie Privatleben, entledigen uns des oftmals anstrengenden Funktionieren-Müssens. Mitglieder der Loge haben nicht nur die Chance, nein, sie haben die Pflicht, sich ausreichend Zeit für den eigenen Reifungsprozess zu nehmen. Wir begleiten typischerweise diesen Prozess, den wir die „Arbeit am rauen Stein“ nennen, gerne mit den Aufforderungen: „Schau in Dich! Schau um Dich! Schau über Dich!“ Wie trägt nun der Ort der Loge im Besonderen zu diesem Reifungsprozess bei? Versteht man die Loge als einen heterotopischen Raum, dann wird Freimaurerei quasi zu einer realen Utopie, indem sie von einer Wirklichkeit kündet, die es weder gab noch bisher gibt. Die utopische Besonderheit zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie den Charakter des Erwartbaren und des Möglichen gewinnt und der unvollendete Bau dereinst einmal Wirklichkeit werden könnte. Aber wie sieht diese reale Utopie aus? Ich hatte zu Beginn bereits versucht zu verdeutlichen, dass wir bei der Beschreibung von „Objekten“ (Gesellschaft, Freimaurerei) individuelle Wahrnehmungsfilter anwenden und somit jeder ein anderes „Bild“ vom „Objekt“ zeichnet. Wenn dies stimmt, und das setze ich jetzt einfach einmal voraus, stellt sich die Frage, wie wir denn die Anschlussfähigkeit herstellen, um über eine Sache gemeinsam zu reden, von der wir im Grunde alle ein anderes Bild haben. Anders gesagt: Wie können wir trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen über dasselbe reden? Wir nutzen Metaphern und Symbole. Wir bezeichnen diese Utopie als „unvollendeten Bau“ (im Übrigen sehen wir gerade in Berlin, dass der „unvollendete Bau“ eine reale Utopie sein kann). Oder: Wir bauen am Tempel der Humanität. Auch hier ist die Metapher „Bauen“ sehr interessant. Bauen heißt, man hat es mit etwas zu tun, das noch nicht fertig ist, das während des Bauens auch immer noch geändert werden kann. Bauen ist ein Verb, wir nannten es früher „Tu-Wort“, was zum Ausdruck bringen will, wir Brüder müssen tätig werden. Der Freimaurer beweist sich im Tun. Der Tempel der Humanität ist kein Zustand, wir werden auch den Bau nie vollenden. Der Prozess des Bauens ist wichtiger als das Erreichen des Endzustandes. Unsere Arbeit wird nie aufhören.

Und gerade weil wir uns auf kein konkretes, detailliertes Bild dieses Tempels geeinigt haben, können wir trotz aller verschiedenen Wahrnehmungen über den Tempel der Humanität reden. Auch wenn dieser Bau bzw. dieser Tempel vielleicht nicht final beschrieben ist, ist er dennoch nicht beliebig. So bleibt im Übrigen auch Platz für den jeweiligen Zeitgeist über die Jahrhunderte hinweg. Es verbindet sich also Stabilität mit Wandel.

Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, wo wir hinwollen, so bemerken wir doch (durch die Rückschau, durch das Zurückkehren in die Welt), ob wir vom Kurs abgekommen sind oder ob wir uns in die gewünschte Richtung bewegen.
Und wie wirken wir Freimaurer in der Außenwelt? Diese Frage haben Klaus-Jürgen Grün, mein Vorgänger im Amt des QC-Vorsitzenden und ich versucht, in einem Beitrag in der „Humanität“ zu beantworten. Dort schreiben wir:
„Im Ritual begegnen wir einem Menschen, der an sich selbst arbeitet, der Freimaurer ist Beobachter und zugleich das Beobachtete. Im Ganzen vollführen die Rituale ein Leben, das sich selber lebt. Niemand ist im Ritual ein außenstehender Beobachter, der durch das Geschehen unberührt bleiben kann. Freimaurer inszenieren den Prozess des Lebens, das sich selber lebt. Man kann sich nicht außerhalb des Rituals stellen und es von außen beobachten. Entweder man ist im Tempel dabei oder man bleibt außen vor. […] Diese Szene entwickelt Ethik auf eine ganz andere Weise, als es unsere traditionellen Ethiken tun. Wer selbst ein Bestandteil der Szene ist, die er beobachtet, ist mitverantwortlich für alles, was dort geschieht. Übertragen wir die Szene der Tempelarbeit auf die alltägliche Welt, so entsteht die Anforderung an sich selbst, sich stets als Bestandteil derjenigen Welt zu betrachten, die man vor sich hat. Durch unser Handeln in der Welt verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. Sofern ich mich aber als ein Wesen betrachte, das nur eine Außenwelt in sich abbildet, dann kann ich gar nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie sich in mir abbildet. Ich bin ja dann nur der passive Empfänger der Daten aus der Welt. […] Die Arbeit der Freimaurer erweist sich als eine Umwandlung der transitiven Bedeutung des Wortes in seine intransitive Bedeutung. Die transitive Bedeutung von Arbeit wäre das Arbeiten für etwas Anderes, für einen anderen. Die intransitive Bedeutung wäre das Arbeiten an sich selbst.

Deutlicher erkennbar ist dieser Sachverhalt an dem transitiven Verb ‚organisieren‘. Der Kybernetiker Heinz von Foerster legt dar, welcher fundamentale Wandel mit der Umwandlung der transitiven Bedeutung in ihre intransitive verbunden ist: Das Transitive ist, wenn ‚Organisator und seine Organisation so fundamental voneinander getrennt sind wie die Formen des Aktivs und des Passivs; es handelt sich um die Welt der Organisation des anderen, die Welt des Gebots: ‚Du sollst …!‘ Wenn wir andererseits die Organisation einer Organisation betrachten, so daß die eine in die andere hineinschlüpft, d. h. also ‚Selbstorganisation‘ entsteht, dann setzen wir eine Welt, in der ein Akteur letztendlich immer mit Bezug auf sich selbst handelt, denn er ist in seine Organisation eingeschlossen; es handelt sich um die Welt, in der man sich selbst organisiert, die Welt des Gebots: ‚Ich soll …!‘“

Unser Tempel verwandelt die verteilte Intelligenz der Individuen in die vernetzte Intelligenz der behauenen Steine. Zu einer gelungenen Tempelarbeit müssen alle Brüder gleichermaßen ihren Beitrag leisten. Alle müssen sich zu einem Ganzen organisieren. Es wird keine gelungene Arbeit, wenn jeder nur seine Rolle im Auge hat. Denken wir doch einmal daran, was passiert, wenn z. B. der Erste Aufseher seinen Einsatz verpasst oder textlich an die falsche Stelle gerät. Wenn der Stuhlmeister jetzt nicht „die Situation elegant rettet“, wird es keine gelungene Tempelarbeit. Und dies selbst, wenn der Stuhlmeister in seiner Rolle keine Fehler machte. Rettet er dagegen die Situation, kann es trotz des Patzers eine sehr gelungene Tempelarbeit werden.

Wir erkennen also, dass wir als Individuen immer auch von anderen abhängig sind und wandeln die Metapher des Nullsummenspiels, bei dem es immer einen Gewinner und einen Verlierer geben muss, in die Metapher einer Win-win-Situation ab, bei der alle gewinnen können, wenn vielleicht auch nicht immer in gleichem Maße. Es entsteht so die Weisheit der Vielen, die wir als soziale Gemeinschaft identifizieren und wertschätzen.
Richtig und ernsthaft ausgeführt, lassen uns unsere Rituale spüren, wie sich das rechte Maß anfühlt, wenn wir im Miteinander unsere Werte üben. Durch permanentes Üben wird aus der moralischen Mittelwahl ein tugendhafter Habitus. Deshalb scheint auch hier der Begriff der „Einübungsethik“ gerechtfertigt.

In Anlehnung an Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“ kann man den Freimaurer als Übenden, als ein sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen vorstellen. Seine Aktivitäten wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter und die Freimaurerei auf den Freimaurer. Wir verändern nicht die Welt, wir verändern uns und kehren als veränderte Menschen in die Welt zurück, auf die wir dann anders einwirken und die wir dann anders erleben. Was sich bewährt, funktioniert, was sich nicht bewährt, funktioniert nicht. Diese Bewährung ist auch die Bewährung der Freimaurerei. Zugegeben, es wird nur ein bescheidener kleiner Beitrag zur Verbesserung der Welt sein, aber es ist einer.

Zum Schluss: Was wünsche ich uns Freimaurern für die Zukunft? Dass wir aufhören zu suchen und anfangen zu finden.

In den Worten von Pablo Picasso ausgedrückt:

„Ich suche nicht — ich finde. Suchen — das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden — das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht — menschlich beschränkt und eingeengt — das Ziel bestimmen. Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

Thomas Forwe

Thomas Forwe ist Associate Partner einer großen mittelständischen Unternehmensberatung. Seit 2016 leitet er die Forschungsloge Quatuor Coronati und ist in der Großloge A.F.u.A.M.v.D. für die Aus- und Weiterbildung mitverantwortlich. Das wissenschaftliche Tagungsprogramm des Großlogentreffens in Mannheim wurde von ihm organisiert.

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