Gedanken zum Thema “Sinnlosigkeit”

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Wir leben in einer nihilistischen Gesellschaft. Diese These lässt sich daran festmachen, dass ethische, moralische Werte bedenkenlos missachtet werden, behauptet der Autor dieses Beitrages.

Von Wolfgang Fritze

Es gehört zur Freiheit und dem Zeitgeist Tabus zu brechen, Menschen zur Unterhaltung der Spaßgesellschaft ihre Würde zu nehmen. Respekt, Achtung und Menschenwürde, ja auch Höflichkeit und Anstand werden als altmodisch, ja konservativ diffamiert und mit Füssen getreten. Egoismus, Selbstsucht mit Rücksichtlosigkeit sind sichtbare Zeichen in Wirtschaft und unserer nihilistischen Gesellschaft.

Der Begriff Nihilismus (lat. nihil „nichts“) bezeichnet allgemein eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung basiert. Er wurde in der abendländischen Geschichte auch polemisch verwendet, so etwa für die Ablehnung von Kirche und Religion.

Die Gesellschaft lebt nicht in Harmonie, sondern ist auf Funktionalität angelegt. Unsere Medien zelebrieren das Unharmonische, Führungskräfte denken überwiegend in  Funktionalität, aber nicht auf Harmonie. Schneller-Höher-Weiter, jedes Mittel scheint recht zu sein, auch die Überschreitung von moralischen Grenzen. Mit der bedenkenlosen Missachtung jeglicher Wertordnung, ist eine gewisse Sinnlosigkeit, eine innere Leere  entstanden, die versucht wird mit immer mehr Karrieredenken, Vergnügen, Konsum und die Gier nach mehr zu füllen. Den Verlockungen und Verführungen erlegen, fühlen sich die Menschen im Netz der Manipulationen wohl, ohne zu erkennen, dass sie ihre Selbstbestimmung verlieren.

Das Kennzeichen dieses nachmodernen Nihilismus ist der „geheimnisleere“ Mensch, „der immer unfähiger wird zu trauern und unfähig darum, sich trösten zu lassen; immer unfähiger sich zu erinnern und darum manipulierbarer ist als je; glücklich am Ende nur im Sinne eines sehnsuchts- und leidfreien Glücks, das heißt aber eines wunschlosen Unglücks“. Dieses wunschlose Unglück drückt den Menschen unserer Tage unter sein eigenes humanes Niveau, wenn das Bedürfnis zu haben die Sehnsucht erstickt, die den Menschen erst zum Menschen macht. Dieser Sehnsucht entspricht bei Meister Eckhart das „Verlangen nach Sein“

Dr. Thomas Polednitschek, Psychologe und Psychotherapeut

Mit der Missachtung jeglicher Wertordnung, Sinnlosigkeit und immer mehr Vergnügen und Konsum, lässt sich aber die Sehnsucht, das „Verlangen nach Sein“, das den Menschen erst zum Menschen macht, nicht unterdrücken. Das dahingleiten im scheinbaren Glück, ist scheinbar selbstbestimmt, aber in Wahrheit nur ein hilfloses herum rudern im belanglosen Vergnügen und kann das Gefühl der inneren Leere nicht füllen. Das Gefühl der Unzufriedenheit, des Unglücklichseins ist jedoch latent immer vorhanden. In uns ist etwas, was die Sinnlosigkeit und die Leere erkennt und sich wehrt, es ist das „Verlangen nach Sein“. Diesem Verlangen können wir nicht entkommen. 

Was ist das „Sein“ nach welchem wir verlangen? Ist alles sinnlos?

Es ist der reine Geist, der unser Universum erschaffen hat und sich in jedem seiner Teile manifestiert. Jetzt wird mancher die Stirn runzeln und zweifeln, aber mit logischem Nachdenken, muss man davon ausgehen, dass dieser reine Geist existiert. Dass sich unser Universum aus einem einzigen Moment entfaltet hat, ist Stand der Kosmologie. Im Weiteren existieren mathematisch nachvollziehbare Zusammenhänge und Abläufe, was eine Ordnung zeigt. Diese Ordnung könnte nicht funktionieren, wenn der Geist sie nicht schaffen würde.

Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg stellte sinngemäß fest: Da eine mathematische Struktur letzten Endes ein geistiger Inhalt ist, könnte man auch mit den Worten von Goethes Faust sagen: „Am Anfang war der Sinn“.

Der Sinn, der Geist, ist in allen Teilen enthalten und steuert alle Teile die miteinander agieren. Betrachten wir unsere Natur. Alles ist in Wechselwirkung, alles folgt einer gewissen Logik, alles ist in sich harmonisch. Das kann nur funktionieren, wenn ein ordnender Geist in allen Teilen vorhanden ist, und so muss dieser Geist auch in jeder Zelle des Menschen vorhanden sein und wirken.

Uns Freimaurern wird gesagt: „Vergessen Sie nicht, dass Ihr Körper Wohnsitz und Werkzeug eines unsterblichen Geistes ist“. Über das Wesen des reinen Geistes lässt sich nichts aussagen und auch nichts über seine Absichten und Ziele, – es ist das Geheimnis. Die monotheistischen Religionen bezeichnen dieses Geheimnis mit Begriffen wie, Gott, Jehova oder Allah; aber mit einer Personalisierung, mit einem „Ich“ ist zwangsläufig die Zuordnung von Eigenschaften verbunden: z. B. liebend, rächend, strafend. Doch in diesen Religionen wird explizit ausgedrückt: Mach Dir kein Bild von Gott. Das bedeutet nicht nur auf bildliche Darstellungen zu verzichten, sondern insbesondere sollen wir uns auch keine Vorstellungen von Gott auch nur ausdenken.

Meister Eckhart sagt dazu:

Es zielt (…) auf die Unaussprechlichkeit Gottes, dass Gott unnennbar ist und über alle Benennungen hinaus in der Lauterkeit seines Grundes, wo Gott keine Benennung noch Aussage zu haben vermag, wo er für alle Kreaturen unaussprechlich und unaussagbar ist. Zum andern will es besagen, dass (auch) die Seele unaussprechbar und ohne (adäquate) Benennung (= wortlos) ist; wo sie sich in ihrem eigenen Grunde erfasst, da ist sie unaussprechlich und unaussagbar und kann dort keine Benennung haben, denn dort ist sie über alle Benennungen und über alle Aussagen (erhaben). Dies ist gemeint, wenn das Wort „Gott“ (Ich) verschwiegen wird, denn sie findet dort weder Benennung noch Aussage. Das dritte (…), dass Gott und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, wodurch er von der Seele getrennt oder irgendetwas anderes wäre, so dass er etwas anderes wäre gegenüber der Seele. Denn wenn er „Gott (Ich) gesagt hätte, so hätte er (eben dadurch) etwas anderes gegenüber der Seele gemeint. Aus diesem Grunde verschweigt man den Namen Gott (Ich), weil er und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, so dass weder etwas noch nichts von Gott ausgesagt werden kann, das Unterschiedenheit oder Andersheit aufweisen könnte.

Zu seinem Unglück sieht der Mensch „Gott“ als außerhalb von sich. Aber wir Menschen sind nicht getrennt von einem höheren Sinn, sondern wir befinden uns im höheren Sinn, der ein namenloses Geheimnis ist. Das ist für Menschen mit seiner eigenen Geisteskraft und eigenem Willen natürlich schwer zu begreifen und zu akzeptieren. Das ist aber so, ob uns das gefällt, oder nicht. Die fatalistische Weltanschauung, dass alles unabänderlich bestimmt ist, bedeutet aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien sinnlos. Denn im Plan des Schöpfergeistes ist der Mensch mit eigenem Geist und Willen ausgestattet, und das muss einen Sinn haben.

Mit seinen Fähigkeiten ist der Mensch Werkzeug und Diener des einen Geistes, – er soll gestalten. Der Mensch ist in der Verantwortung, sich in die höchste Ordnung, in die höchste Harmonie einzufügen, dass er durch Zusammenfügen aller, auch gegensätzlicher Teile einen Sinn und eine Wertbezogenheit erkennen kann. Das ist die (Selbst-) Bestimmung und die Aufgabe des Menschen, der wahre Sinn im Urgrund seines Seins im Leben.

Das Dahingleiten im scheinbaren Glück kann auf Dauer diese Urgewalt des Geistes nicht unterdrücken. Doch die akzeptablen Antworten nach dem Sinn des eigenen Lebens können wir nicht im Außen finden. Richtlinien, gutgemeinte Angebote und gute Ratschläge mögen vielleicht hilfreich sein, aber passen niemals exakt auf unseren unbekannten, im Urgrund befindlichen Sinn. Diese äußeren Impulse müssen wir abwägen, kontrollieren, ob sie mit unserem Inneren kompatibel und sinnvoll sind. Das bedingt ein hohes Maß an Selbstkritik, das Erkennen unserer Gefühle und die Gründe unseres Handelns. Das Integrieren von Widersprüchen, Synthese in unserem Sein zu schaffen (und zu leben), das ist das, was wir Freimaurer unter „Königlicher Kunst“ verstehen. Stück für Stück stärken wir den wahren Kern unserer Existenz und entdecken ganz nebenbei den Sinn unseres Lebens.

Das ist eine lebenslange Aufgabe. Dabei wachsen wir kaum bemerkbar aus unserem Inneren heraus und wir entwickeln ein Selbst-Verständnis. Je näher wir dem Sinn unseres Lebens kommen, werden wir immer selbstbestimmter und lassen uns weniger manipulieren. Wir beginnen alles was uns beeinflusst danach zu sortieren, ob es tatsächlich zu uns gehört oder nicht. So entsteht eine innere Harmonie, wir werden verantwortungsbewusster. Nicht nur uns selbst gegenüber, sondern dieses Selbst-Bewusstsein strahlt auch in unsere Umgebung. Das ist das stille Wirken eines Freimaurers und hat nichts mit Missionierung zu tun, sondern im Vorleben eines Selbst-Bewusstseins. Aus der individuellen Sinngebung entwickelt sich eine kollektive Sinngebung. Indem wir die äußeren Einflüsse sortieren, beeinflussen wir nämlich unsere Umwelt, so tragen wir mit unserer inneren Harmonie zur unserer Harmonisierung der Gesellschaft bei.

Schneller-Höher-Weiter, die Gesellschaft, und jeder von uns ist Teil davon, jagt wie im Wahn nach Glückseligkeit und meint diese im ungehemmten Konsum zu finden. Aber Glückseligkeit wird mit Spaß verwechselt, der immer mehr nach Spaß verlangt. Wir lassen uns nur zu leicht durch Statussymbole täuschen welche uns Werte vorspiegeln. Unmerklich hat uns die Gier erfasst. Diese scheinbare Realität nimmt uns die Urteilsfähigkeit, wir fragen nicht mehr nach Sinn- und Zweckmäßigkeit. Früher oder später, manchmal auch nie, beginnen wir langsam die Sinnlosigkeit unseres Handelns zu spüren und eine Rückbesinnung setzt ein, kurz, wir machen uns auf die Suche nach dem Sinn. Es tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich? Was will ich? Wie handle ich? Wohin gehe ich?

Wir kommen dabei nicht an altmodischen, konservativen Werten vorbei wie Moral, Anstand, Sitte und Tugend, die aber, wie die Geschichte zeigt, immer Stabilität und Sicherheit vermittelt haben. Und das nicht nur dem Einzelnen, sondern einer Gesellschaft insgesamt. Diese alten Werte sind also nicht alt, sondern zeitlos aktuell. Natürlich ist man mit der Zuwendung zu diesen Werten im gesellschaftlichen Wahn eine Minderheit, aber wo können wir am ehesten mentale Stabilität erreichen? – Nur in uns selbst.

Also vordringlich ist nicht die Gesellschaft zu missionieren, sondern wir sind am effektivsten, wenn wir mit uns selbst beginnen. Das ist die „Arbeit am rauhen Stein“. Es ist die Rückkehr zu unserem Selbst, welches von Anfang an in uns verankert ist.

Die Loge bietet dazu ein Forum, wo generationsübergreifend in brüderlicher Form Erfahrungen ausgetauscht werden. Dieses können durchaus gegensätzliche Meinungen und Standpunkte sein, aber es geht nur darum, andere Sichtweisen kennen zu lernen und nicht die eigene Überzeugung durchzusetzen. Diese Gespräche können Hinweise geben, in welcher Richtung wir unseren Sinn zu suchen haben, aber finden können wir die Antworten nur in unserem Inneren.

Dies ist ein Gastbeitrag, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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