Unsere Großloge im 21. Jahrhundert

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© bartsadowski / Adobe Sttock

Freimaurerei war stets von der jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und auch religiösen Situation geprägt und wandelte sich mit ihr. Seit dem Entstehen der ersten Logen und Großlogen entwickelte sich in den einzelnen Staaten jeweils eine eigene, von der nationalen Geschichte geprägte Freimaurerei oder sogar deren mehrere unterschiedliche.

Von Karl-Henning Kröger, Zugeordneter Großmeister
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

In Deutschland haben wir in den Vereinigten Großlogen (VGLvD) fünf verschiedene Lehrarten in fünf Großlogen mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und auch Inhalten.

Die Identität der Großloge A.F.u.A.M.v.D. im 21. Jahrhundert

Auch unsere Großloge hat ihre eigene Identität. Hierauf möchte ich besonders eingehen, weil wir uns unserer inhaltlichen Identität bewusst sein sollten. In der Präambel zu unserer Verfassung (der Vereinssatzung) steht seit 1974, dass „die in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland zusammengeschlossenen Freimaurer auf der Grundlage der Alten Pflichten von 1723“ sich diese Verfassung gaben.

Die „Alten Pflichten“ sind ein Text des frühen 18. Jahrhunderts, der in der damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation in England entstanden ist. Unsere heutige Situation ist eine völlig andere. Daraus folgt meiner Meinung nach, dass wir uns an die Prinzipien dieses Textes halten, ihn aber im Sinne des frühen 21. Jahrhunderts interpretieren und anwenden müssen.

Die freiheitlich-humanitäre Tradition

In der genannten Präambel heißt es weiter, die Großlogenverfassung stehe im Geiste der durch die „Alten Pflichten“ von 1723 begründeten freiheitlich-humanitären Tradition.

Wenn wir uns in einer solchen Tradition sehen, müssen wir uns im Klaren darüber sein oder werden, was das eigentlich bedeutet. Von Freiheit im Allgemeinen ist in den „Alten Pflichten“ gar nicht die Rede. Mit der freiheitlichen Komponente dieser Tradition kann nur die Religionsfreiheit gemeint sein, die der Reverend James Anderson im ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“ empfiehlt. Was aber ist die humanitäre Komponente unserer Tradition?

Das Wort „humanitär“ gibt es in der hier gemeinten Bedeutung nur im freimaurerischen „Sonderwortschatz“. Seine übliche Bedeutung ist laut dem aktuellen Duden:

„auf die Linderung menschlicher Not bedacht, ausgerichtet“, z. B. „eine humanitäre Organisation“,
„durch die existenzielle Not vieler Menschen gekennzeichnet“, z. B. „eine humanitäre Katastrophe“.

Vor dem nationalsozialistischen Verbot gab es in Deutschland zwei Gruppen von Großlogen:

Die drei christlich orientierten sogenannten „Altpreußischen“ Großlogen wandten sich nach „… ihrem Ritualinhalt und ihrem ganzen System … nur an Bekenner christlicher Glaubensbekenntnisse …“ Diese waren die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, die Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln und die Große Loge von Preußen, genannt zur Freundschaft. 1933 gehörten ihnen zusammen etwa 70% der deutschen Freimaurer an. Heute hat noch die Große Landesloge eine Sonderstellung innerhalb der VGLvD. Sie gehört „mit den skandinavischen Großlogen zur sogenannten christlichen Ausrichtung der Freimaurerei, die nach dem sogenannten ‚Schwedischen System‘ arbeitet.“

Die übrigen sieben Großlogen machten keinen Unterschied nach dem Glaubensbekenntnis. Diese waren die Großlogen von Bayreuth, Frankfurt, Hamburg, Darmstadt und Sachsen sowie die Deutsche Bruderkette. „Das Bestehen einer christlichen Freimaurerei in Deutschland hatte die übrigen deutschen Großlogen veranlasst, sich selbst ein sprachlich unterscheidendes Merkmal zu geben, wobei die nicht gerade glückliche Wortverbindung ‚Humanitätsmaurerei‘ erfunden wurde …“

Von diesem Begriff ist das Adjektiv „humanitär“ abgeleitet. Es bezeichnet eine Freimaurerei, die nicht an ein religiöses Bekenntnis gebunden ist. Das Wort hat diese Bedeutung erst seit dem frühen 20. Jahrhundert, das Konzept ist aber bereits in den „Alten Pflichten“ formuliert. Dort steht nämlich in dem schon angesprochenen ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“, man solle die Menschen nicht mehr wie früher zu der jeweiligen Religion des Landes oder der Nation verpflichten, sondern nur noch dazu, gute und wahrhaftige Männer zu sein und ihnen ihre jeweiligen persönlichen Überzeugungen selbst zu überlassen.

Genau das ist mit der freiheitlich-humanitären Tradition, in der unsere Großloge steht, gemeint!

Die Tradition der Aufklärung und des Humanismus

Immer wieder heißt es, dass die Freimaurerei in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus stehe. Diese beiden Begriffe treten in vielerlei Zusammenhängen auf und haben ihre Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen und im Laufe der Geschichte gewandelt. Professor Binder hat heute zu „Humanismus als politischem Auftrag der Freimaurerei“ vorgetragen. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Aspekt der Aufklärung kurz ansprechen:

Viele Menschen flüchten sich heute, angesichts neuer, unverstandener Technologien, von bedrohlichen Veränderungen ihrer Berufswelt, von Globalisierung, Migrationswellen, politischen Umwälzungen usw., in scheinbar einfache Lösungen, in Nationalismus, in Verschwörungstheorien oder in fundamentalistische Interpretationen von Religionen. Man könnte auf die Idee kommen, dass die Aufklärung schon wieder zurückgedrängt werde.

Angesichts solcher Trends genügt es meines Erachtens nicht mehr, „in der Tradition der Aufklärung zu stehen“, sondern wir müssen — jeder Einzelne für sich — aktiv den Vereinfachern und Dogmatikern entgegentreten. Zur Tradition der Aufklärung gehört ein wissenschaftliches Weltbild. Man kann sich heute im Internet unentgeltlich zu jedem beliebigen Thema informieren, man kann allerdings auch jeden beliebigen Unsinn finden. Kritisches Denken ist also angesagt, wenn uns etwas an der Aufklärung liegt.

Steven Pinker hat im vergangenen Jahr ein meines Erachtens wichtiges Buch vorgelegt. Der deutsche Titel lautet: „Aufklärung jetzt, für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“.

Das Sittengesetz

Im ersten Abschnitt der Alten Pflichten heißt es im ersten Satz: „A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law; …“ Das bedeutet auf Deutsch: „Der Freimaurer ist durch seine lebenslange Verpflichtung daran gebunden, dem Sittengesetz zu gehorchen.“

Was ist denn das Sittengesetz? Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Das Sittengesetz, dem der Freimaurer gehorchen soll, steht also auf gleicher Höhe wie die verfassungsmäßige Ordnung. Es ist zwar mit den staatlichen Gesetzen, mit dem sogenannten „positiven Recht“ gleichwertig, aber es handelt sich um einen unbestimmten Begriff. Dieses Sittengesetz muss also beim praktischen Handeln im Rahmen der staatlichen Verfassung jeweils mit Inhalt gefüllt werden.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich.

Immanuel Kant hat in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ das Konzept des Sittengesetzes durchdrungen, in mehreren Varianten des Kategorischen Imperativs formuliert und damit auch das freimaurerische Denken wesentlich mitgeprägt. „Kant löste die Moral von der Religion los.“ Wikipedia sagt zum Stichwort „Sittengesetz“: „Im verfassungsrechtlichen Verständnis umfasst das Sittengesetz alle sittlichen Normen, die als Allgemeingut der Zivilisation weltweit anerkannt sind.“

Nun gelten aber in den verschiedenen Regionen unseres Planeten und galten auch zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche sittliche Normen. Diese Definition halte ich deshalb für unbrauchbar. (Man sollte nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht!) Stattdessen sagt mein Brockhaus von 1973: „Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes sind entscheidend die Wertvorstellungen, die nach ‚allgemeinem sittlichen Urteil‘ für die im Geltungsbereich des GG lebende Rechtsgemeinschaft bestimmend sind.“ Das ist also das heute in Deutschland vom Grundgesetz gemeinte und damit verbindliche Sittengesetz.

Dementsprechend nennen wir die in der Tempelarbeit aufgeschlagene Bibel nicht „Buch der heiligen Gesetze“ (damit wären etwa die 613 Gebote und Verbote oder die „10 Gebote“ im Alten Testament gemeint), sondern wir sprechen vom „Buch des Heiligen Gesetzes“. Wir verstehen das Buch nicht als religiöses Bekenntnisbuch, sondern als Symbol für das Sittengesetz.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich. So interpretiere ich auch die ältere der beiden Schöpfungsgeschichten, die am Anfang der Bibel stehen. Indem Adam und Eva im Paradies vom Baum der Erkenntnis essen, gehen ihnen die Augen auf. Ihnen wird das Licht erteilt, die Erkenntnis. Sie erkennen jetzt den Unterschied zwischen Gut und Böse. Sie können fortan nicht mehr wie die Tiere, die weder Gut noch Böse kennen, im Paradies leben. Indem Adam und Eva ein sittliches Bewusstsein bekommen haben, sind sie wirkliche Menschen geworden. Sie kennen nicht nur den Unterschied zwischen Gut und Böse, sondern sie sind selbst dafür verantwortlich, ob sie gut oder böse sind.

Die Geschichte, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, ist voll von Menschen, die sich für das Böse entschieden haben. Die erste Pflicht, die dem Freimaurer in den „Alten Pflichten“ genannt wird, ist, dem Sittengesetz zu gehorchen. Das ist nicht immer leicht, man muss daran arbeiten. Das verstehen wir unter der der „Arbeit am Rauen Stein“.

Der Große Baumeister aller Welten

Die Vereinigte Großloge von England zählt zu den Bedingungen, die für die Anerkennung einer ausländischen Großloge erfüllt sein müssen, dass Freimaurer unter deren Jurisdiktion an ein „Supreme Being“ glauben müssen. Im Artikel 3, Absatz 2 unserer Großlogenverfassung ist definiert, was wir darunter verstehen: „Sie (die Freimaurer) sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit.“

Mit „Weltenbau“ ist nach heutigem Stand der Wissenschaft gemeint: Die Existenz der Raum-Zeit, von Materie und Energie, die Gesamtheit der Naturgesetze, einschließlich der seltsamen Gesetze der Quantenwelt, die Existenz von Hunderten von Milliarden von Galaxien und vieles mehr, von dem wir noch nichts wissen und vielleicht nie etwas wissen werden.

Das „Lebendige“ als zweite Komponente dieses Konzeptes ist die überaus erstaunliche Tatsache, dass so etwas wie Leben überhaupt existiert und dass die Materie nicht etwa unbelebt ist, und dann die unvorstellbare Vielfalt der Lebensformen von scheinbar primitiven Einzellern bis beispielsweise zum Menschen, der sich für die Krone der Schöpfung hält, der aus etwa 100000 Milliarden von Zellen besteht , von denen jede einzelne den gesamten Bauplan für seinen Körper enthält, und der wiederum von vielen Milliarden Bakterien bewohnt wird. Das Gehirn des Menschen ist der komplexeste Gegenstand, von dem wir wissen. Über das sittliche Bewusstsein habe ich eben gesprochen. Soweit wir wissen, unterscheidet es den Menschen von allen anderen Lebensformen.

Wenn es in diesem Verfassungsartikel heißt, dass die Freimaurer in all dem ein „göttliches Wirken“ sehen, erinnert diese Formulierung an eine theistische Gottesauffassung, an die Vorstellung eines Gottes, der die Welt aktiv regiert und in ihr handelt. Eine solche Vorstellung steht genau genommen im Widerspruch zu dem humanitären Prinzip. Wenn wir das humanitäre Prinzip ernst nehmen, müssen wir auch die Formulierung „göttliches Wirken“ als Metapher auffassen und nicht wörtlich verstehen.

Die Erforschung und Betrachtung der drei genannten Bestandteile der Welt kann man auch unter den Begriffen „Kosmologie“, „Biowissenschaften“ und „Ethik“ zusammenfassen. Auch wer nicht einer bestimmten Religion angehört und vielleicht keine bestimmte Gottesvorstellung hat, sich aber mit diesen Themen ernsthaft beschäftigt, wird von großer Ehrfurcht erfasst werden und, wenn er Freimaurer ist, wird er „dies alles … unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten“ verehren.
Ich finde, dass diese Definition einerseits in wenigen Worten die dem Menschen angemessene Ehrfurcht vor einem „Supreme Being“ einem „Höchsten Sein“ ausdrückt und andererseits nicht behauptet, über das Wesen des Schöpfers oder eines Schöpfers genau Bescheid zu wissen. Ich finde, dass sich unter dieser Definition Angehörige aller religiösen Überzeugungen wiederfinden können. Ich finde außerdem, dass diese Definition einem wissenschaftlichen Weltbild entspricht, das im Zeitalter der Aufklärung entstanden ist. Dieses Zeitalter heißt im Englischen sehr treffend „the age of enlightenment“, was man auch wörtlich mit „Zeitalter der Erleuchtung“ übersetzen kann.

Übrigens heißt es noch in der Großlogenverfassung von 1964: „Der Freimaurer erblickt im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen das Wirken eines göttlichen Schöpfergeistes voll Weisheit, Stärke und Schönheit und verehrt ihn (den göttlichen Schöpfergeist!) unter dem Sinnbild des Allmächtigen Baumeisters aller Welten.“  Erst in der Freimaurerischen Ordnung von 1975 steht die heute gültige Definition:

„Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dies alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Auch darin sehen wir eine Entwicklung von einem traditionellen, noch stark religionsgebundenen, eher theistischen Verständnis eines Schöpfers hin zu dem Großen Baumeister als dem „umfassenden Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit“ . Dies ist meines Erachtens ein Verständnis des „Supreme Being“, in dem sich Angehörige ganz unterschiedlicher Weltanschauungen wiederfinden können. Br. Hans-Hermann Höhmann schreibt hierzu: „Das Symbol des ‚Großen Baumeisters‘ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz […] verstanden werden kann.“ Dieser transzendente Bezug des Freimaurers entsteht aus der Einsicht (oder der Vermutung), dass es etwas geben muss, das unsere raum-zeitliche, mit den Sinnen des Menschen oder mit den Instrumenten der Wissenschaft erfassbare Welt übersteigt.

Kontinuität und Wandel — Was muss bleiben?

„Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat aus dem Roman „Il Gattopardo“ von Tomasi di Lampedusa ist Untertitel zum Thema unseres Großlogentreffens. Der Roman handelt von den gewaltigen politischen und sozialen Umwälzungen in Italien nach 1860, vom Aufstieg des Bürgertums, und davon, wie der traditionelle Adel versuchte, mit den modernen Zeiten fertig zu werden.

Die Freimaurerei hat über mehr als drei Jahrhunderte eine erstaunliche Stabilität gezeigt. Das liegt vermutlich an einer konservativen Grundhaltung, am Beibehalten von Prinzipien, während das Logenleben sich flexibel an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst hat.

Es blieben weitgehend unverändert: Die Organisation in Logen und Großlogen als „Männerbund“, (auf weibliche Freimaurerei komme ich noch zu sprechen), das Ritual mit Initiation als Alleinstellungsmerkmal unter allen Formen von „Vereinsleben“, die Hauptinhalte, nämlich das Ideengut der Aufklärung und des Humanismus, die ethische Ausrichtung, und nicht zuletzt Geselligkeit, die weitgehende Einhaltung von allgemein anerkannten Regeln, den „Basic Principles“, den Kriterien, die sich die Vereinigte Großloge von England für die Anerkennung von anderen Großlogen als regulär gegeben hat, Verschwiegenheit, die „diskrete Gesellschaft“, die strikte Neutralität in politischen und religiösen Angelegenheiten, wozu auch die humanitäre Ausrichtung gehört.

Wenn die Annahme zutrifft, dass das Festhalten an diesen Prinzipien ein wesentlicher Grund für die jahrhundertelange Attraktivität und Stabilität der Freimaurerei ist, sollten wir m. E. unbedingt an diesen Prinzipien festhalten und allen Versuchungen, durch vermeintliche „Modernisierung“ attraktiver zu werden, widerstehen.

Das Wesen des Wandels heute

In der zweiten Hälfte des 20. und jetzt im 21. Jahrhundert beschleunigen sich in einem vorher nicht geahnten Maße technologische Entwicklungen und in ihrer Folge die gesellschaftlichen Umwälzungen. Unter den zahlreichen globalen und langfristigen Trends, den sogenannten Megatrends, greife ich einige beispielhaft heraus, von denen ich annehme, dass sie konkrete Auswirkungen auf unseren Bund haben:

Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt beschleunigt sich weiter.

Die Digitalisierung durchdringt immer weiter auch das Alltagsleben. Automatisierung, „Industrie 4.0“ und Künstliche Intelligenz verändern die Wirtschaft und die Realitäten in den Berufen und auch ganz allgemein das Privatleben schneller, als Gesellschaften und Politik sich anpassen können. Auch die Gentechnologien werfen zahlreiche Fragen zu sozialen, ethischen und rechtlichen Aspekten auf. Der Abstand zwischen den Gewinnern und den Verlierern dieser Trends vergrößert sich, auch in Deutschland. In einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach sagten gerade 32% der Deutschen, sie glaubten an den Fortschritt. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahrzehnten. Das hat bedeutende Auswirkung in der Gesellschaft.

Wir sollten meines Erachtens in den Logen mit Hilfe kompetenter Brüder auch über technologische Entwicklungen, vor allem aber über die damit verbundenen sozialen und ethischen Themen sprechen.

Frauen in der Gesellschaft

In den meisten Ländern nehmen Status und Anteil an Führungspositionen von Frauen zu, so auch in Deutschland. In England und Wales gibt es zwei Großlogen von weiblichen Freimaurern. Die UGLE hat 1999 in einer Erklärung den Frauenlogen Regularität und Ernsthaftigkeit bestätigt, ohne sie offiziell anzuerkennen. Bei zahlreichen Aktionen der Öffentlichkeitsarbeit im Jubiläumsjahr 2017 sind die örtlichen Frauenlogen ganz selbstverständlich integriert worden. Die Brüder müssen dann gar keine Fragen mehr beantworten, warum sie keine Frauen aufnehmen und den Schwestern geht es umgekehrt genauso.
Wir bleiben uns aber einig mit der Frauengroßloge von Deutschland, dass wir einander nicht bei rituellen Arbeiten besuchen oder aufnehmen oder annehmen werden.

Ideen und Identitäten

Umfassende Internetkommunikation bei gleich­zeitig schwächerem Wirtschaftswachs­tum fördert Rechts- und Linkspopulismus sowie Spannungen zwischen Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen. Neue Medien und Kommunikationsmittel ermöglichen es einer steigenden Zahl von Akteuren, die öffentliche Meinungsbildung und damit die Politik zu beeinflussen, sowohl im nationalen wie im internationalen Rahmen.

In zahlreichen Ländern steigt der Einfluss der Religionen, in anderen, z. B. auch in unserem, nimmt er ab.

Damit komme ich zum Thema Religion und Politik in der Loge. In manchen Logen ist immer noch der Irrtum verbreitet, in der Loge seien alle Gespräche über Religion und Politik verboten. In den „Alten Pflichten“ von 1723 heißt es im Abschnitt VI., 2, „Benehmen nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind“ bei genauer Übersetzung: (Deshalb) „… dürfen keine persönlichen Provokationen oder zornigen Streitereien über Religion, Nation oder staatliche Politik in die Loge getragen werden, gehören wir als Maurer doch alle der allgemeinen ‚Religion‘ an, von der schon die Rede war“ (d. h. gute und redliche Männer zu sein).
Diese Vorschrift wurde unter dem Eindruck der Religions- und Bürgerkriege des vorangegangenen Jahrhunderts formuliert und gilt richtig verstanden auch heute unverändert.

Damals verstand man unter „Politicks“ die Bürgerkriegsparteien in England. Heute haben wir einen ganz anderen Politikbegriff. Man unterscheidet z. B. Außenpolitik, Energiepolitik, Entwicklungspolitik, Gesundheitspolitik und viele mehr.

In unserer Großlogenverfassung heißt es in Artikel 2 Abs. 2: „Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes (!) Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“ Wir sollten deshalb in den Logen bewusst unsere Gesprächskultur pflegen: Nicht strittige Themen vermeiden, sondern zivilisierten Diskurs pflegen, zuhören, andere Meinungen gelten lassen! Konflikte sind normaler Bestandteil des menschlichen Lebens. Es kommt darauf an, richtig mit ihnen umzugehen.

Digitalisierung

Nach allgemeiner Wahrnehmung ist die Digitalisierung der dominierende Bereich des technologischen Fortschritts. Die Digitalisierung hat eine Explosion des Wissens mit sich gebracht, zugleich aber auch eine „Explosion des Unwissens“ und des falschen Wissens, und erst recht keine Explosion der Weisheit. Solche Trends können wir als verhältnismäßig kleine soziale Gruppe nicht aufhalten oder auch nur wesentlich beeinflussen.

Wir Freimaurer profitieren von der Digitalisierung z. B. bei der Kommunikation untereinander. Aber: Es gibt keine digitale Freimaurerei! Rituelle Arbeiten sollten bewusst Auszeiten von der digitalen Welt sein, bei denen niemand ein iPad oder Smartphone benutzt. Ausnahmen können gegebenenfalls der Musikmeister mit seinen Datenträgern oder ein Arzt im Bereitschaftsdienst sein. Zu Stil und Umgangsformen einiger Brüder in den sogenannten Sozialen Medien ist schon viel gesagt worden. Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Ermahnungen.

Arbeitswelt

Heute ist es eine Binsenweisheit, dass kaum noch jemand in dem Beruf oder dem Arbeitsgebiet, in dem er begonnen hat, in Rente geht. Lebenslanges Lernen ist zur Normalität für alle geworden, die erfolgreich bleiben wollen. Die Mobilität, die beruflich gefordert wird, betrifft auch die regionale Mobilität. In manchen Branchen ist häufiges Umziehen und/oder Pendeln zur Normalität geworden. Das hat auch Auswirkungen auf das Logenleben. Glücklicherweise kann jeder reguläre Bruder weltweit jede reguläre Loge besuchen. Ich selbst habe z. B. insgesamt sieben Jahre lang im Ausland jeweils eine Loge an meinem neuen, zeitweiligen Orient so regelmäßig wie ein Mitglied besucht und mich dort schon nach kurzer Zeit heimisch gefühlt.

Wir sollten neue Brüder von Anfang an mit dieser modernen freimaurerischen Realität vertraut machen und auch als aufnehmende Logen gezielt um solche Gäste werben. Außerdem sollten wir den Brüdern der eigenen Loge, die von ihrem Arbeitgeber in eine andere Stadt oder ein anderes Land geschickt werden, helfen, dort eine Loge zu finden und sie regelmäßig zu besuchen. Und wir sollten auch Suchende zu Freimaurern machen, von denen wir wissen, dass sie einige Jahre später an einem anderen Ort wohnen werden. Wenn sich eine solche Praxis verbreitet, profitieren alle davon.

Zusammenfassung

Umwälzungen in der Gesellschaft sind seit der Aufklärung und dem Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters etwas Normales. Was neu ist und uns auf absehbare Zeit begleiten wird, ist die ungeahnte Beschleunigung, die durch Technologieschübe bewirkt wird. Ich sehe die Entwicklung auf unserem Planeten insgesamt positiv, anders als meist dargestellt. Auch hierzu möchte ich eine Buchempfehlung geben: Das Buch von Hans Rosling mit dem Titel „Factfulness, wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“

Was die Freimaurerei betrifft, sollten wir, wie gesagt, an unseren bewährten Prinzipien festhalten. Unsere Logen sind Einrichtungen der Arbeit an uns selbst. Sie sind bewusst eine Alternative zu anderen, nur scheinbar ähnlichen Organisationen. Unsere Logen, unsere Großloge, wir „ändern manches, damit das Ganze bleibt, wie es ist“.

Karl-Henning Kröger

Br. Karl-Henning Kröger ist pensionierter Bundeswehroffizier. 2018 wurde er zum Zugeordneten Großmeister der Großloge A.F.u.M.v.D. gewählt und war vorher viele Jahre ehrenamtlich als Großkanzler der Großloge tätig.