Von Fundamentalisten und freien Geistern

20. März 2017

Die Hoyaer Freimaurerloge „St. Alban zum Æchten Feuer“ in Hoya lud anlässlich ihres ersten Salonabends zu einem Vortrag von Jens Oberheide zum Thema „Welt(ein)sichten – von Fundamentalisten und freien Geistern“. Viele Gäste kamen und die Loge erlebte ein volles Haus.

Nach einer kurzen Begrüßung des Vorsitzenden A. Jonda mit einigen Worten über die Freimaurerei und die Hoyaer Loge begann Jens Oberheide seinen Vortrag mit der Feststellung „Fundamentalismus gab es immer“.  Die Beispiele blieb er nicht schuldig: Ob Religionen aller Colour, absolutistische Herrscher, dogmatische Weltbilder aus allen Zeiten, und er verwies zur näheren Betrachtung auf die Geschichtsbücher, denn „die erzählen mehr über die Macht als über Geist“. „Heute kommen uns beim Thema Fundamentalismus oft islamische Positionen in den Sinn“, erinnerte Oberheide, verwies aber auch auf die in gleicher Form geführte Geschichte der dogmatischen Kirchen und der Kreuzzüge. „Die Geschichte kennt viele Fundamente, die mit Macht und Gewalt behauptet wurden“, so Oberheide. „Die Autorität der Kirche berief sich auf die Autorität der Bibel, und alles, was solche Fundamente auch nur antastete, war jahrhundertelang Verrat am Grundverständnis des Glaubens“, und weiter: „Auch heutige Missionare aus anderen Kulturkreisen haben einen ‚Gottesstaat‘ im Sinn. Damals wie heute ging es um den vorgeblich einzig wahren Glauben, und wer ihn nicht hatte, war ‚im Irrtum'“.

Neben den Kirchen legten aber auch absolutistische Herrscher, undemokratische Staaten, Diktatoren und auch ständische Gesellschaftstrukturen Fundamente. Von alledem erleben wir heute, zum Teil unter wohlklingenderen Namen, muntere Wiedergeburten. So stellt sich in dem Zusammenhang die Frage nach den angekündigten „freien Geistern“. Auch sie gab es immer, bekräftigte der Referent. Es gab sie in unterschiedlichen Gruppierungen, aber als früherer Vorsitzender der Großloge (Alt-Großmeister) bezog sich Jens Oberheide natürlich vornehmlich auf die Freimaurer, deren Geschichte er gut zu beurteilen weiß. Und er bezieht sich auf die Freimaurer, weil ihre Idee sich als eine dauerhafte und praktische anwendbare erwiesen hat. „Freimaurerei war angetreten als die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.“ Sie entzog sich mit ihrem Selbstverständnis den engen Grenzen des Ständedenkens und der Feudalherrschaft, indem sich ihr Mitglieder auf gleicher Ebene begegneten; beginnend in den rasant wachsenden Logen, dann griffen die zunächst nur persönlich erlebten neuen Verhaltensmuster auf größere Teile der Gesellschaft über. „Die Freimaurerei hat schon in ihrer Gründungsphase den mündigen Menschen gemeint, und nichts anderes meint sie heute“, bekräftigte Oberheide.

Nun stellt sich die Frage, wo bleiben die freien Geister? Auch Oberheide fragt danach, und eine rechte Antwort will erst einmal ausbleiben. Aber er wirbt, eindringlich und überzeugend, für mehr Toleranz, für mehr Mündigkeit, für die Suche nach Wahrheit, für Gleichberechtigung zwischen Religionen und Weltanschauungen. Er wirbt mit Kant und dessen Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wirbt mit Lessings „Recht sehr zu wünschen …“ („Ernst & Falk, Gespräche für Freymäurer“), tritt ein für Moral, Mitverantwortung für die Welt, Wertevorstellungen. Und immer wieder Toleranz. „Lasst uns nicht müde werden, uns an Idealen und Werten zu orientieren,“ schloss er seinen Vortrag. „Aber: Lasst uns auch das Machbare des Denkbaren tun.“

Und so wurde klar: Es gibt keine Organisation der „freien Geister“, die uns vor dem Unrecht beschützt und das Gute bewahrt. Wir selbst sind es, die freien Geister, ob Freimaurer oder nicht. Und in diesem Bewusstsein nahmen, wie sich den anschließenden Gesprächen entnehmen ließ, viele der Anwesenden den Vortrag wahr und fühlten sich gleichermaßen aufgefordert und motoviert. Recht sehr zu wünschen, möchte man hinzufügen, dass die Vorsätze auch den Alltag bestimmen, bei den anwesenden Freimaurern wie auch den Gästen.

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