Vortragsveranstaltung „Humanitäre Freimaurerei in Berlin“

Print Friendly, PDF & Email
Kenan Yilmaz (mittig, MvSt. der Loge Victoria) mit Ulrich Schürmann (evangelischer Vorsitzender der GCJZ) und Jael Botsch-Fitterling (jüdische Vorsitzende der GCJZ)

Fast 100 Gäste erschienen am 23. Mai im Logenhaus der Peter-Lenné-Str. anlässlich der gemeinsamen Veranstaltung der Loge Victoria in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V. (GCJZ).

Berlin. (ab) Der Abend wurde dem Schicksal der jüdischen Brüder der Johannisloge Victoria während des nationalsozialistischen Terrors gewidmet. Dies erfolgte im Rahmen der Themenreihe „Freimaurerei und Religion“ im Maurerjahr 2018/2019 und anlässlich der Veröffentlichung der neuen Ausgabe des Gedenkbuches über das Schicksal der Brüder der Loge Victoria im Nationalsozialismus. Begleitet wurde der Abend durch die Klezmer-Band “Klezbanda” aus Berlin unter der Leitung des bekannten Klezmer-Musikers Jossif Gofenberg.

Nach Grußworten des Meister vom Stuhl der Loge “Victoria” Kenan Yilmaz und dem evangelischen Vorsitzenden der GCJZ, Herrn Ulrich Schürmann, leitete Br. Carl C. mit seinem Vortrag zur humanitären Freimaurerei und dem Erbe der Loge Victoria ins Thema ein.

„Nach der Nazi-Barbarei und der menschengemachten Menschheitskatastrophe der Schoah, bekam unser Land eine zweite Chance; die Chance, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“, erinnerte Br. Carl C. anlässlich des Jahrestages des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, das auf den Tag genau vor 70 Jahren in Bonn verkündet wurde. Vor diesem Hintergrund schilderte er die Geschichte der Loge “Victoria” im Ringen um die Öffnung der preußischen Freimaurerei für Nichtchristen und gegen das Wüten von Vorurteilen. Zwar sei der Zweck der humanitären Freimaurerei die Verstandes- und Herzensbildung im Zusammenhang einer sittlichen Selbsterziehung. Aber dieser Zweck sei auch nicht völlig unpolitisch – zumal in Zeiten, in denen Grundwerte des Humanismus und der Aufklärung erodieren. „In solchen Zeiten muss sich eine symbolische Bauhütte am Menschheitstempel ihres Anspruches und ihrer Verpflichtung erinnern. Allzumal an einem Tag, an dem eine Errungenschaft gefeiert wird, die wieder in Gefahr ist“, wie er in seinem Vortrag betonte.

Bis 1892 war das christliche Bekenntnis die Voraussetzung für die Aufnahme in eine preußische Freimaurerloge. Erst mit der Gründung der Loge Victoria erhielten Juden in Berlin die Möglichkeit Mitglied einer Freimaurerloge zu werden: Die 1892 durch Br. Hermann Settegast und 28 weiteren Brüdern gegründete Victoria war die erste „humanitäre“ Freimaurerloge in Preußen, die als solche freie Männer von gutem Ruf ohne Ansehen der Konfession und Abstammung aufnahm.

„Nach vier Jahrzehnten des Wachstums, der Blüte und der Konsolidierung löste sich die Loge Victoria aber unter dem Druck des nationalsozialistischen Terrors im Mai 1933 auf und für viele ihrer vornehmlich jüdischen Brüder begann eine schreckliche Leidenszeit“, wie Br. Ingo D. in seinem Vortrag über das Schicksal der Brüder der Johannisloge Victoria Nr. 492 im Orient Berlin im Nationalsozialismus berichtete. Für 193 Brüder der »Victoria« begann die Schoah – die „Heimsuchung“ oder „große Katastrophe“, die über die deutsche und europäische Judenheit hereinbrach.

In seinem 45-minütigem Vortrag stellte Br. Ingo D. die neuesten Ergebnisse seiner aufwendigen Recherchen zum Schicksal der Brüder vor, die in der aktuellen Ausgabe seines Gedenkbuches veröffentlicht worden sind. Über fünf Jahre sind seit der letzten Ausgabe im Jahr 2013 vergangen. In dieser Zeit konnte die Loge Victoria dank seiner aufwendigen Recherche in Archiven, aber auch dank moderner genealogischer Datenbanken wie Ancestry weitere Schicksale der jüdischen Brüder der Loge Victoria klären. Bei ihren Nachforschungen wurde die Victoria von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V., deren Geschäftsführer Herrn Grimm und dem Vorstand Herrn Ulrich Schürmann moralisch unterstützt und ermutigt.

„Mögen die tragischen Schicksale unserer Brüder und ihrer Familienangehörigen uns Mahnung für unsere Zukunft sein und uns in unserer Haltung, Toleranz zu üben und zu fördern, bestärken“, mahnte Br. Ingo D. im Schlusswort.

Heute beträgt die Mitgliederzahl der Loge Victoria wieder fast 60 Mitglieder; dabei ist ihre konfessionelle Zusammensetzung heterogener als je zu vor. Ein Beispiel dafür ist der amtierende Meister vom Stuhl Kenan Yilmaz: Er ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, aufgewachsen und beruflich nach wie vor aktiv in Berliner „Problembezirken“. “Aufgenommen wurde ich in die Loge Victoria mit weit geöffneten Armen, wofür ich bis heute sehr dankbar bin”, wie er in seinem Grußwort betonte.

Die neue Ausgabe des Gedenkbuches zum Schicksal der Brüder im Nationalsozialismus kann auf der Homepage der Loge heruntergeladen werden.