Was bringt mir die Freimaurerei?

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Angeregt duch einen Essay auf der Internetseite der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer entstand dieser fiktive Brief an einen Freund, der die Frage stellt, was ihm denn die Freimaurerei bringen könnte.

Von F. W.

„Lieber Freund,

ja, welchen Gewinn bringt Dir die Freimaurerei?

Diese Frage, „was bringt mir die Freimaurerei?“, zeigt, dass Du fest im Griff unserer heutigen Gesellschaft bist, die voll auf eine Vereinzelung und auf Profit ausgerichtet ist. Der Profit bestimmt den Wert eines Menschen, nicht mehr das Menschsein an sich.

Ein Bruder nannte die Gründe, warum er Freimaurer geworden ist. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich, ist gut situiert, hat ein schönes Haus, eine Frau und Kinder. Er hätte sehr zufrieden und sein Leben einfach nur genießen können. Aber, er hatte trotzdem das Gefühl, es fehle ihm etwas. Denn das was ist, konnte doch nicht alles gewesen sein? Er machte sich auf die Suche nach Antworten, so kam er in unsere Loge und sah, dass hier etwas geboten wird, was man mit viel Geld nicht kaufen kann, nämlich das Angebot den Weg in der Gemeinschaft zu sich selbst zu finden.

Es gibt viele, auch ehrenwerte Institutionen, welche, manchmal mit Heilsversprechen garniert, einen Weg anbieten, zu sich selbst zu finden. Die Medien aller Art sind voll von Angeboten zur Selbstfindung. Doch Freimaurerei ist einzigartig, sie bietet viel, aber sie verspricht nichts.

Das System der Freimaurerei ist keine Ideologie und hat keine Dogmen. Das System Freimaurerei, die Freimaurerloge, bietet nur einen Rahmen, ein Gerüst, indem Du leben und Dich frei, in eigener Verantwortung, entwickeln kannst. Wie Du den Rahmen füllst, wie Du denkst und handelst, das bleibt Dir überlassen, Du bist und sollst frei sein. So ist es auch völlig egal, welcher Religion Du angehörst, oder welcher politischen Partei. Wenn Du nur hin-hören (nicht zu-hören) kannst und Deine Überzeugungen anderen nicht aufzwingen willst, ist das völlig ok.

Zuerst ist Freimaurerei eine Geisteshaltung und als solche hat sie nicht das Ziel materielle Vorteile zu bringen, sondern auf humanistischer Basis, auf ethischen und moralischen Grundsätzen Dir eine innere, geistige Stabilität zu verschaffen, was darauf hinausläuft, auch den Sinn für das eigene Leben zu entdecken. Entscheidend für den Freimaurer sind die Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Es geht also um Selbst-Erkenntnis.

Was ist der Gewinn von Selbst-Erkenntnis? Das Bewusstsein zu Deiner Freiheit. Die Freiheit selbstbestimmt entscheiden zu können: Will ich Freiheit, oder ordne ich mich ein und unter.

Was viele glauben, sie hätten mit Freiheit immer die Entscheidungsmöglichkeit, sie könnten machen was sie wollen, ist zu kurz gesprungen. Zudem fehlt das Erkennen, dass sie in ihrem Alltag nicht frei sind. Sie haben nicht das Wissen, den Willen und die Ausdauer, immer wieder, jeden Tag, jede Stunde anzufangen, um ihre Freiheit zu kämpfen, weil sie ja glauben frei zu sein.

Freiheit kommt nicht von selbst, sie muss immer wieder erarbeitet werden. Das ist Eigenverantwortung, aber die nutzt gar nichts, wenn sie kein Gegenüber hat, welches Deine Gedanken und Taten spiegelt, ob Dir das nun gefällt oder nicht. Stell Dir vor, Du stehst allein auf einem besonders schönen Strand. Du erlebst den herrlichsten Sonnenuntergang Deines Lebens mit allem Lichtfeuerwerk, aber da ist keiner der ebenso berührt ist, oder dem Du Dich mitteilen, mit dem Du teilen kannst. Das Gemeinsame erleben, das potenziert die Glücksgefühle des Augenblicks. Das kann Dir auch kein virtuelles soziales Netzwerk bieten. Du kannst viele Tausend Follower, viele „Freunde“ haben, aber Gefühle wie Nähe, Geborgenheit, Sympathie und Liebe wirst Du in der virtuellen Welt nie erfahren. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, wir brauchen echte, gelebte Gemeinsamkeit, allein sind wir einsam und nichts. Man ist zwar frei, aber nicht glücklich. So kann auch Eigenverantwortung nur funktionieren, wenn ich auch mit dem Nächsten bin, auch die Verantwortung für den Nächsten trage. Das bedeutet gesunden Egoismus mit Gemeinsinn. Der Freimaurer ist freiwillig eine Verpflichtung eingegangen, zuallererst zu sich selbst, im Weiteren auch zu seinen Brüdern, und darüber hinaus zu allen Menschen dieser Erde.

Gemeinschaft und Gemeinsinn, das bietet die Loge. Freimaurer sind und bleiben jedoch immer Individualisten, sind also Einzelgänger in einer Gruppe. Das ist besser, als allein, nach Lust und Laune herumzualbern, oder vielleicht auch nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Wenn Du einmal genauer nachdenkst, was haben Dir Deine vielen Amüsements, Deine vielen Kontakte auf Partys wirklich gebracht, außer vielleicht Spaß? Was bleibt für Dich selbst übrig?

Sind wir wirklich frei und können selbst entscheiden, wie wir denken und handeln? Das bezweifle ich stark, weil wir zum Großteil manipuliert werden, ohne dass wir das groß wahrnehmen. Davon will auch ich mich nicht freisprechen, aber immerhin habe ich ein Gespür dafür entwickelt, manipuliert zu sein und mich zu bemühen in gewissen Rahmen einen Eigensinn zu entwickeln. Dazu hat mir die Freimaurerei wesentlich verholfen, und ich bin dankbar dafür. Dabei will ich anfügen, dass mein Alter und meine gesammelten Erfahrungen auch dazu beigetragen haben. Damit will ich keinesfalls sagen, dass Alter ein Verdienst ist, sondern Ansporn nicht nachzulassen, mich doch noch zu finden.

Zurück zur Frage, ob wir frei sind. Wie gesagt, ich fange immer wieder an, meine Freiheit zu finden. Wir sind heute, im digitalen Zeitalter, der Taktung der Prozessoren unterworfen. Sie bestimmen unseren Arbeitsalltag, Computersysteme wissen fast alles von uns, ob wir nun Geld am Automaten ziehen, mit unserem Handy telefonieren, oder im Internet surfen und eMails schreiben, alles wird aufgezeichnet und wird dazu benutzt unser Verhalten vorherzusagen und zu steuern, damit uns Angebote gemacht werden können, um schnell (und sicher) Profit zu bringen. Alles unter der Parole, du bist frei, habe deinen Spaß, ich besorge ihn dir. So ist alles berechenbar, der Mensch als solches zählt nichts. Genauso werden wir auch durch die Regierungen kontrolliert und manipuliert, Du als Mensch zählst nichts, sondern nur Deine Arbeitskraft, solange Du sie hast. Schau doch mal in die Altersheime und Krankenhäuser, wie es ist, wenn man aus Dir keinen Profit mehr schlagen kann, was bist Du dann als Mensch wert? Die Macher sind alle im Dienst des Mammons. Wir sind in Wahrheit im Besitz von virtuellen Mächten, die uns manipulieren, denen wir ausgeliefert sind und uns sogar freiwillig ausliefern. Wir haben keine Kontrolle mehr über uns selbst. Also, sind wir frei?

Eine Freimaurerschwester beklagte kürzlich, dass sie keinen kommunikativen Kontakt zu ihrer 14-jährigen Nichte mehr bekommen könne. Früher ist sie jeden Sommer mit ihr verreist, es fand ein reger Austausch während des gemeinsam erlebten statt. Inzwischen sitzt das Mädchen unruhig beim Essen, steht sofort danach auf, setzt sich aufs Sofa und schaut angestrengt auf ihr Handy. Notfalls geht sie einfach auf die Toilette, um ungestört mit ihrem Handy zu sein. Gespräch – null. Das Mädchen ist nicht mehr ansprechbar, ein Gespräch, ein Gedankenaustausch in der Familie findet nicht mehr statt. Das Miteinander ist verschwunden. Ist das Mädchen wirklich frei? Wie soll dieses Kind eine Zukunft des Miteinanders gestalten?

Ein extremes Beispiel, gewiss, aber wir alle sind mehr oder weniger dabei, den Verlockungen der Prozessoren zu erliegen, in die Vereinzelung abzugleiten, dabei das Miteinander zu vergessen, und schlimmer noch, dem Spiel der Medien und den tollen Angeboten des Amüsements, zu erliegen, immer mit dem Gefühl, frei zu sein, weil man uns das suggeriert. Ich kann ja beliebig wählen, aber immer im Rahmen, wo ich berechenbar bleibe und irgendjemand davon profitiert. Mitdenken ist nicht erwünscht und bloß selbst keine (Mit-)Verantwortung tragen, die hat man uns abtrainiert. Aber Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu erreichen, geschweige denn zu erhalten. Verantwortung ist für sich selbst zu tragen und ganz besonders für unseren Mitmenschen. Merke: Auch der ist letztlich verantwortlich, der keine Verantwortung übernehmen will.

Freimaurer sollen sich aus sich selbst heraus, also bewusst, verantwortlich fühlen, – das ist ihre Pflicht. Dazu müssen sie erkennen, wer sie sind und wo sie stehen. Das bedingt immer eine Überprüfung des eigenen Standpunktes, des eigenen Handelns und – was ist sinnvoll? was ist wirklich notwendig? was will ich wirklich?

Das „ERKENNE DICH SELBST!“ ist die Grundforderung an den Freimaurer, und das bedeutet im ersten Schritt Aufmerksamkeit; Aufmerksamkeit was in ihm passiert, wo er steht, wie er denkt, weshalb und wie er handelt. Mit Aufmerksamkeit beginnt die Arbeit an sich selbst, an dem rauhen Stein, der bearbeitet werden muss. Es ist der Wille zur Pflicht des Freimaurers, nach moralischen Grundsätzen zu leben, nicht Herr sein wollen, sondern Diener. Immer mit sich selbst kritisch zu sein, immer kritisch mit dem was in seiner Umwelt geschieht, sich in Beziehung setzen, das ist die Arbeit des Freimaurers. Zugegeben, das ist oft mühsam, bedeutet Widerstand, Mut, auch Demütigung und Demut, aber es lohnt sich, denn der Freimaurer fühlt sich lebendig und weiß wer er ist.

Das ist sein Gewinn.

Freimaurerei ist, wie gesagt, eine Geisteshaltung, die kann aber ohne bewusstes Handeln nichts bewirken. Das bedeutet: Engagement ist gefordert, ein Einbringen für mich als ganze Person, ehrlich und offen, zuverlässig, gradlinig, berechenbar – und ausdauernd; nicht „schau mer mal“ oder „komme ich heute oder morgen“.

Die Freimaurerloge vermittelt Dir ethische und moralische Werte (übrigens uralte), damit erhältst Du eine innere Struktur und Ordnung und die wird immer von Deinen Brüdern getestet und in Frage gestellt. Das ist oft nervig und manchmal unerfreulich, die Brüder machen es Dir nicht leicht. Aber in den Auseinandersetzungen darüber erkennst Du langsam aber sicher Deinen eigenen Sinn, Deinen eigenen Weg. Das nicht nur für innerhalb der Loge nützlich, sondern auch für Deinen Alltag. Das ist Dein Gewinn. Dein Wesen verfestigt sich, weil Du Deinen Standpunkt erkennst und damit, was Dir wirklich wichtig ist. Du wirst toleranter, verständnisvoller und pflegst einen liebevolleren Umgang in der Familie, im Verein und der Gesellschaft, wo immer Du Dich engagierst. Aber Du lässt nicht mehr alles mit Dir machen.

Das hast Du nun davon, wenn Du Dich zur Freimaurerei bekennst.

Der Freimaurer ist Gestalter, für sich und seine Mitmenschen. Das erfordert Achtsamkeit und ist unbequem.

Also lieber Freund, entscheide, was Du willst, was Dir Gewinn bringt:Willst Du bewusst durchs Leben schreiten? Willst Du Teilnehmer, oder nur Zuschauer sein? Willst Du bewusst entscheiden? Willst Du eine Aufgabe? Willst Du Verantwortung übernehmen?

Der Lohn des Freimaurers, sein Gewinn ist, dass er bewusst am Leben teilnimmt, anstatt die Illusion zu haben, in Freiheit am Leben teilzunehmen. Er wird im Laufe seines Freimaurerlebens mehr und mehr Herr seiner selbst, anstatt in geistiger Unfreiheit, auch wenn das bequem ist, einfach so zu existieren.

Lieber Freund, es spielt für mich keine Rolle, ob Du den Weg in die Freimaurerei gehen willst oder nicht. Du bist und bleibst mir lieb und teuer, ein für mich wertvoller Mensch, mit dem ich auch gerne in Zukunft zusammen sein möchte.

In diesem Sinne bin ich

Dein Freund.“

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