Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

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Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €