Wörter machen Götter. Eine Provokation.

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Außen unscheinbar und glatt. Innen knistert es. Das neue Buch von Klaus Jürgen Grün.

Außen unscheinbar und glatt. Innen knistert es. Das neue Buch von Klaus Jürgen Grün.

Der Philosoph Klaus Jürgen Grün hat ein neues Buch unter dem Titel “Wörter machen Götter” vorgelegt, das sich mit dem symbolischen Bund der Freimaurer und seinen Feinden beschäftigt. Es wird provozieren, und das soll es wohl auch.

Das Rezensieren von Büchern gehört bei den meisten Redakteuren eher zu den unbeliebten Arbeiten, denn es verspricht viel Arbeit für wenig Artikel. Das gilt besonders, wenn auf dem Schreibtisch eine umfangreiche Publikation liegt, auch wenn man den Autor schätzt. Anders bei dem vorliegenden Werk, das von knisternder Brisanz ist, sodass man es kaum aus der Hand legen kann. Eines kann man vorweg sagen, und Kenner des Autors wird es kaum überraschen: Grün polarisiert, und er schüttelt die Welt der Freimaurer gehörig durch. Schon wieder.

Erstaunlich ist, dass der Klappentext geradezu bieder daher kommt: Es geht dort um Symbole und Metaphern und um die Erkenntnis, “dass die Umwandlung religiöser und liturgischer Elemente in reine Symbole die wichtigste Arbeit der Freimaurer darstellt.” Geschenkt, das ist keine Neuigkeit. Kein Wort davon, dass der Autor sich auf 400 Seiten mal wieder mit der Religion anlegen wird, aber das hat man erwartet; nicht aber, dass er am Schluss des Buches eine Generalabrechnung mit dem Freimaurer-Orden, der christlichen Variante der Freimaurerei in den Vereinigten Großlogen, vornimmt und konsequenterweise die zumindest vorübergehende Auflösung eben dieses Dachverbandes vorschlägt. Vielleicht ist der Klappentext aus gutem Grund so harmlos: Klaus Jürgen Grün ist kein unumstrittener Autor, schon die Nennung seines Namens löst bei manchem frommen Freimaurer Schnappatmung aus und nicht selten kommt es zu geradezu panischen Reaktionen von Menschen, die von Grüns Werken gerade mal den Klappentext gelesen haben.

Das Buch ist nur geeignet für die Tapferen unter den Freimaurern. Es ist nichts für schwache Nerven gottesfürchtiger Zeitgenossen, die Grün allerdings manches Mal in einem herabwürdigenden Ton behandelt, der selbst kirchenfernen Lesern unangenehm werden kann. Doch so messerscharf wie die Formulierungen sind auch die Argumentationen, die hin und wieder etwas ausgewalzt wirken. Irgendwo müssen 400 Seiten herkommen. Denn Grün nimmt den Leser mitunter auf sehr weite Reisen in die Philosophie, Linguistik und Theologie mit, und manchmal fragt man sich, wo denn die Freimaurerei aus dem Untertitel des Buches bleibt. Nicht immer wird klar, ob die weiten Blicke in die literarische Landschaft notwendig sind und hin und wieder ist man geneigt, die eine oder andere Seite zu überschlagen. Leider rächt sich das: schon wenige Seiten später, manchmal auch zwanzig oder dreißig, muss man einsehen, dass man etwas überlesen hat und nun das Verständnis fehlt. Man muss einsehen: die umschweifigen Erläuterungen sind tatsächlich zum Verständnis notwendig.

Nur die Dinge, die liebenswert sind, können geliebt werden. Und liebenswert zu sein, verdankt sich nicht der Vorsehung oder der Auswerwähltheit, die das Individuum passiv behandelt. Liebenswert wird der Mensch, indem er sich in Liebenswürdigkeit übt, indem er also an sich arbeitet. Liebenswürdigkeit stellt sich dar als die Tugend, die das Resultat von Tun und nicht das von einem Gott ausgesprochene Privileg ist.

Klaus Jürgen Grün

Er nimmt Religion, Spiritualität, Esoterik und Mystik, die nicht wenige in der Freimaurerei wähnen, auseinander, so gut er kann. Und er kann es gut. Seine Argumentationen gehen so ins Detail, dass man als philosophischer Laie kaum standhaft widersprechen kann. Gleichwohl bleibt hier und da eine Unsicherheit und man ist geneigt, eine fundierte Gegenrede lesen zu wollen und beiden Meinungen bei einem lebhaften Diskurs zuhören zu können. Grün feuert im Stakkato einer gelegentlich gefühlten Einseitigkeit. Dem Autor kommt es aber letztlich nicht darauf an, Widersprüche in den Religionen zu belegen. Für ihn sind Religionen und Weltanschauungen Privatsache. Ihm geht es im Kern darum, dass Freimaurerei Religion entgegen vieler Versuche nicht braucht, sondern aus sich selbst unabhängig von Religion im Einklang mit dem ist, was im Kern alle Religionen zu fordern vorgeben: Humanismus.

Er arbeitet sich dabei zwar vielfach an den Weltreligionen ab, aber immer wieder gibt es deutliche Schärfen gegen den Freimaurerorden und es wird mit jedem Kapitel klarer, dass dieser die eigentliche Angriffsfläche seiner Religionskritik in der Freimaurerei ist. Grün hat die Kritik an der christlich orientierten Freimaurerei, vertreten durch den Freimaurerorden, zu seinem Generalthema gemacht, für das er in seinem Buch eine weitläufige Beweisführung leistet. Das ruft Kritiker und Befürworter auf den Plan und so gibt es zwangsläufig zu Grün sehr gegensätzliche Lager.

Der Beitrag der Freimaurerei zur Humanisierung der Zukunft besteht in dem Kunstwerk, das durch die Ausübung des Rituals die Wahrnehmung verstärkt, dass wir aus den Heilslehren der Religionen die Entstehung einer friedvollen Gemeinschaft nicht erwarten dürfen. Aber die Aufforderung, Männer (und zunehmend auch Frauen) in den Logen daran zu gewöhnen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn der Gott der eigenen Religion nicht ständig und bei allem dabei ist, gewöhnt uns daran, zuerst an das Endliche und zuletzt an das Unendliche zu denken.

Klaus Jürgen Grün

Es grenzt beinahe an ein Wunder, dass Klaus Jürgen Grün dennoch unbeirrbar an die Richtigkeit der freimaurerischen Idee glaubt, wohlgemerkt der humanistischen oder humanitären, ganz gleich, wie untreffend man sie bezeichnen will. Verdienst des Autors ist es, die Freimaurerei mit seinen klaren Überlegungen aus den spiritistisch-religiösen Verquickungen herauszuführen, die in verschiedenen Zeiten in sie hineininterpretiert wurde und wird – und oftmals aus den eigenen Reihen.

Klaus Jürgen Grün gehört zweifellos zu den wenigen zeitgenössischen freimaurerischen Autoren, die man unbedingt lesen sollte, auch und gerade, wenn man seinen Standpunkt nicht uneingeschränkt oder gar nicht teilen will.

Klaus Jürgen Grün, “Wörter machen Götter – Der symbolische Bund der Freimaurer und seine Feinde”, 412 Seiten, 15 €, erschienen im Salier-Verlag, ISBN 978-3-943539-86-8