Zuhören, zusehen, aber schweigen? Unser Menschenbild

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Foto: gstockstudio / Adobe Stock

Seit Jahren beobachtet unser Autor aufmerksam das gesellschaftliche und politische Leben in Deutschland, Europa und der Welt und fühlt sich nach eigener Aussage "immer unbehaglicher".

Von Br. Erwin Lenz, Konstanz

Ja, viele Entwicklungen erlebe ich als beängstigend. Das hat dazu geführt, dass sich meine Auffassungen und Meinungen immer mehr von dem Mainstream der politischen Correctness entfernen. Und mitten drin stelle ich mir immer wieder die Frage: „Wie verträgt sich das mit meiner Rolle als Freimaurer?“ Sind wir doch zu Toleranz, Menschenliebe und Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen aufgerufen. Keinesfalls nur gegenüber unseren Brüdern, wie von den Gegnern der Freimaurerei behauptet wird. Aber wenn ich die Wirklichkeit außerhalb unseres Tempels betrachte, sind die Menschen weit, sehr weit von diesem Ideal entfernt und entfernen sich immer mehr:

  • Ich beobachte einen Niedergang der Debattenkultur. Gehen die Argumente aus, wird der Gesprächspartner oder Gegner persönlich angegriffen und diffamiert.
  • Ich höre in den aktuellen Diskussionen nur wenig überzeugende Argumente und Fakten. Sehr oft fehlen diese ganz.
  • Selbst akademisch Gebildete plappern die in den Medien dargestellten Sachverhalte kritiklos nach und hinterfragen sie nicht. Ich stelle einen weit verbreiteten Mangel an Allgemeinbildung fest, ganz besonders und gerade bei Universitätsabsolventen. Wir sind total informiert und wissen nichts.
  • Die gängigen Kampfbegriffe werden aufgeweicht, vernebelt und inflationär gebraucht. Wer sich nicht an den politischen Mainstream hält und sich kritisch zur aktuellen Politik äußert, wird als „Rechtspopulist“, „Rassist“, „Nationalist“, ja als „Nazi“ abgestempelt. Diese Attribute sind wohlfeil und sehr schnell zur Hand.
  • Ich beklage einen weit verbreiteten Meinungs- und Gesinnungsjournalismus. Statt über Fakten neutral zu berichten und diese von allen Seiten zu beleuchten, wird selektiert, gedeutet und einseitig interpretiert. Ich beobachte Indoktrinierung, Ideologisierung und Meinungsbevormundung.
  • Andersdenkende werden am Reden gehindert und mundtot gemacht. Sie werden sozial ausgegrenzt, ja existenziell vernichtet. Hier sei exemplarisch der Fall Thilo Sarrazin erwähnt.
  • Gewalt ist kein Tabu mehr und wird im Rahmen der politischen Auseinandersetzung häufig verharmlost. So verwundert es nicht, dass Aktivisten und Kontrahenten, offenbar dadurch ermuntert, sich tatsächlich zu Gewalttaten hinreißen lassen.
  • Ein zunehmender Machiavelismus macht sich breit: Der Zweck heiligt die Mittel oder: Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein! Im Kampf gegen rechts scheint bald alles erlaubt zu sein.
  • Bewertet wird mit zweierlei Maß: Radikal-Linke lässt man gewähren, Rechtsorientierte werden massiv bekämpft, selbst wenn sie gar nicht radikal sind.
  • Eine selbsternannte Elite in Kultur, Wissenschaft und Politik bevormundet die Gesellschaft und schreibt uns vor, was wir denken und sagen dürfen und was nicht. Meinungsfreiheit sieht anders aus.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Alle diese Beobachtungen: die fehlende Fairness all überall, dass Messen mit zweierlei Maß, der Kampf mit unlauteren Mitteln lösen in mir  Widerstand aus: Ich will mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu sagen habe. Und schon gar nicht kann ich die grassierende Intoleranz tolerieren. Gleichwohl bin ich den ethischen Idealen der Freimaurerei verpflichtet. „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus“. Ich frage mich: Wie kann ich diesen Gegensatz auflösen? Wo sind die Grenzen der Toleranz?“

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:

  • Wir sollten peinlichst darauf achten, dass die Spaltung der Gesellschaft nicht auch unsere Loge erfasst. Das Gebot in den alten Pflichten, nicht über Politik, Nation und/ oder Religion zu streiten, war noch nie so aktuell wie heute.
  • Wir tun gut daran, die veröffentlichte Meinung äußerst kritisch zu verfolgen und nicht alles zu glauben, was dort geschrieben steht, gesagt oder gezeigt wird. Bei unserer Aufnahme wurden wir alle ermahnt: „Bewahren Sie sich auch in den Stürmen des Lebens die Freiheit und Unabhängigkeit Ihres Geistes.“ Diese Aufforderung bekräftige ich hier.
  • Es ist äußerst ratsam, in der Mitte zu bleiben. „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt!“ Es zeigt sich auf allen Seiten. Wir müssen mutig jedweder Willkür, Unfairness und Ungerechtigkeit entgegentreten, jeder einzelne von uns in seiner Lebenswelt.
  • Und last but not least sollten wir unsere Ideale leben, vorleben und verteidigen. Das heißt: Andersdenkenden mit Respekt begegnen, solange sie nicht ihre Meinung mit unlauteren Mitteln, Terror und Gewalt durchzusetzen versuchen. Sofern Letzteres der Fall ist, haben wir das Recht, ja die Pflicht, uns dagegen zur Wehr zu setzen. Wir sind berechtigt, politische Richtungen, Ideologien, Weltanschauungen und Religionen, die die Menschenrechte missachten und mit Füßen treten, zu nennen und anzuprangern. Die Errungenschaften der Aufklärung mussten erkämpft werden. Sie sind auch heutzutage weder selbstverständlich, noch sicher. Im Gegenteil, sie sind in akuter Gefahr!

Ich möchte daran erinnern: Von keinem totalitären Regime, egal ob „links-sozialistisch“, „rechts-faschistisch“, „muslimisch-gottesstaatlich“ oder „christlich-absolutistisch“, wird die Freimaurerei geduldet, einzige Ausnahme: Kuba.

Selbst in demokratischen Staaten grassiert eine „Masonophobie“. In der Türkei haben die Brüder große Angst und arbeiten nur noch im Verborgenen. Selbst in Italien erwägen Regierung und Parlament, öffentliche Ämter und die Mitgliedschaft in der Freimaurerei für unvereinbar zu erklären.

Ich komme damit zu meinem Titelthema zurück und fasse zusammen:

  • Zuhören? Ja, aufmerksam, durchaus kritisch und möglichst ohne mein Gegenüber zu unterbrechen. Vor allem aber hören, was er sagt, unabhängig von seiner Person. Eine Aussage ist nicht deswegen unzutreffend, weil ein Gauland, Sarrazin oder Trump es sagen.
  • Zusehen? Ja, und vor allem genau hinschauen, kritisch hinterfragen und sich ein eigenes Bild und eine eigene Meinung machen. Das gilt besonders dann, wenn wir einen Sachverhalt oder ein Geschehen nicht unmittelbar selbst beobachten können und auf die Beschreibung Dritter angewiesen sind. Hier ist äußerste Skepsis angesagt.
  • Aber Schweigen? Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Als Institution Loge sollten wir uns aus allerdings aus dem aktuellen politischen Diskurs heraushalten. Wir dürfen als einzelne Freimaurer m.E. aber durchaus unsere humanen Werte: Toleranz, Brüderlichkeit und Menschenliebe, mit anderen Worten: die Einhaltung der Menschenrechte einfordern.
  • Ich komme damit zu unserem freimaurerischen Menschenbild. Es steht in einem krassen Gegensatz zu dem der Feinde der Freiheit. In der Verlagsbeschreibung des Buches von Giuliano di Bernardo: „Die Freimaurerei und ihr Menschenbild…“ heißt es, Zitat: „Das Menschenbild der Freimaurerei … setzt sich verbindliche ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Rasse, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sind. Die Freimaurerei versteht sich als hohe Schule der Toleranz und Brüderlichkeit … Jedem lässt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweisen, aber jeden verpflichtet sie auf die gleichen ethischen Normen. Sie vermittelt keine Offenbarungen oder Dogmen, aber sie will zu einem ganz besonderen Stil der Lebensgestaltung führen.“ Zitat Ende. Dieses Menschenbild müssen wir konsequent vertreten und verteidigen.

Im Dezember 2018 hatte ein Professor der Universität Siegen Thilo Sarrazin zu einem Seminar zum Thema: „Meinungsfreiheit“ eingeladen. Im Vorfeld wurde massiv versucht, auch durch die Universitätsleitung, die Teilnahme Sarrazins an der Veranstaltung zu verhindern.

Dies wurde im Fernsehsender: RTL-West, wie folgt kommentiert, Zitat:

„Eine Vorlesung zur Meinungsfreiheit wird bekämpft, weil ein Mensch auftritt, der eine Meinung hat, die er aber nicht haben darf. Und wer ihn unterstützt, ist Nazi.

Geht’s auch eine Nummer kleiner?

Wer legt eigentlich fest, was man sagen darf und was nicht, welche Meinung man haben darf und welche nicht? Solange es natürlich nicht gegen geltendes Recht verstößt.

Immer mehr Menschen fühlen sich anderen Menschen gegenüber moralisch überlegen und bekämpfen Andersdenkende, mittlerweile sogar bis aufs Blut. Wir erzeugen eine Atmosphäre der Angst und nennen es Freiheit. Wir bedrohen andere und nennen es friedlich. Wir wollen den Zusammenhalt und betreiben die Ausgrenzung. Fast immer im Namen einer toleranten Gesellschaft.

Das ist alles andere als tolerant, das ist borniert!

Das Wort Toleranz kommt aus dem Lateinischen und heißt: Ertragen, erleiden, erdulden. Tolerant kann nur sein, wer etwas ablehnt und trotzdem hinnimmt. Denn nur dann kann man es erdulden.

 … Redet miteinander, hört einander zu und hört auf, euch zu beschimpfen. Denn nicht alles, was man selbst meint, ist richtig. Und nicht alles, was der andere denkt, ist falsch.“ Zitat Ende.

Mein Fazit lautet:

Auch für uns Freimaurer ist Toleranz weder uneingeschränkt, noch unbegrenzt. Und sie ist keine Einbahnstraße. Intoleranz können und dürfen wir nicht tolerieren. Denjenigen, die für sich alle Rechte einfordern, diese aber anderen verweigern, müssen wir entgegen halten: „Wer Toleranz einfordert, muss sie auch üben!“

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