Freimaurerei und das Konzept Lebenskunst

Male hand building staircase made of wooden pegs with a ladybug on it representing a way to success.

Menschen sind auf der Suche nach der Lebenskunst. Hans-Hermann Höhmann beschreibt in seinem Vortrag, warum Freimaurerei Menschen dieser Lebenskunst ein Stück näher bringen kann.

1 Lebenskunst ist im Gespräch. Knapp eine Million Suchergebnisse verzeichnete die Suchmaschine Google in der letzten Woche; Dutzende von Büchern wurden publiziert, als Ratgeber für ein gutes Leben schlechthin oder mit speziellen Lebenskunstempfehlungen für Alter, Krankheit, Beziehungsprobleme, Sexualität und geschäftlichen Erfolg. Es werden Kurse angeboten, die Lebenskunst mit Wellness zusammenbringen, mit Meditation, mit der breiten Skala modisch gewordener asiatischen Praktiken wie Zen, Tai-tschi und Qi Gong. Es wurden gar Institute gegründet, wie das Institut für Lebenskunst und Tantra in Berlin oder das Institut für Lebens- und Kochkunst in Leipzig und Frankfurt. Sogar die sonst eher unmodisch und streng präsentierende Evangelische Kirche empfahl unlängst auf der EKD-Homepage neue Bücher über den Dichter Paul Gerhard unter der Überschrift „Lebenskunst in Liedern“.

Ernster zu nehmen ist, dass ein so renommierter Verlag wie Suhrkamp eigens eine „Bibliothek der Lebenskunst“ eingerichtet hat, in der mittlerweile über 20 einschlägige Publikationen erschienen sind, darunter Bücher des deutschen „Lebenskunstpapstes“ Wilhelm Schmid, der seinerseits kräftig zur Popularisierung des Lebenskunstdiskurses und seiner philosophischen Fundierung beigetragen hat, zuletzt mit dem zur Lektüre sehr zu empfehlenden Band „Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird.“

Was ist Lebenskunst? Warum ist Lebenskunst heutzutage so aktuell? Und schließlich: Was hat Lebenskunst in Geschichte und Gegenwart mit Freimaurerei zu tun?

2 Lebenskunst gilt der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbstbestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung. Lebenskunst hat somit zwei Bestandteile: ein Leben, das erfüllt ist, und eine Lebensführung, die der Mensch selbst bestimmen kann.

Lebenskunst – oder präziser: das „Problem Lebenskunst“ – entspringt zwei unterschiedlichen, doch miteinander verbundenen Grundbedingungen menschlicher Existenz:

Da ist auf der einen Seite die grundlegende Ich-Funktion der Lebensfreude, der Selbstentfaltung, der schöpferischen Aggression im Sinne eines kreativen Herangehens an die den Menschen umgebenden sozialen und materiellen Bedingungen:
Kurz: Da ist Leben, das leben will.

Und da ist auf der anderen Seite der Umstand, dass dieses Sich-Ausleben des menschlichen Ichs nicht unbegrenzt möglich ist: Es scheitert bereits an der unerbittlichen Kürze unseres Lebens, es scheitert an materiellen und physischen Grenzen; es scheitert an sozialen Schranken, denn in einer Gesellschaft der Vielen ist der einzelne nun einmal grundsätzlich in seiner Ich-Projektion, im Ausleben seiner Triebe, im Verfolgen seiner persönlichen Ziele beschränkt.

Der Mensch muss aus dieser Situation folglich das Beste machen. Es gilt das: „Carpe diem“, das „Nutze den Tag“ der alten Philosophen. Es kommt darauf an, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was der römische Philosoph Seneca folgendermaßen beschrieben hat: „Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben; der ganze übrige Teil ist nicht leben, ist bloße Zeit.“

Also müssen wir lernen, aus Zeit Leben zu machen!

Lebenskunst ist vor allem dann erforderlich, wenn alte Ordnungen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Daseinsbedingungen neu und unsicher sind und wenn die Autonomie des Individuums zunimmt.

Drei große Perioden des Lebenskunstdiskurses in der abendländischen Geschichte erfordern besondere Aufmerksamkeit: 

  • Der Beginn des abendländischen Denkens, als – erst in Athen und dann in Rom – Phi-losophie und Lebenskunst weithin zusammen fielen. Die klassischen Autoren der Le-benskunst jener Zeit von den Kynikern bis zu den Epikuräern, von Seneca bis Marc Aurel und Plutarch begegnen uns bis heute in vielen Anthologien und Aphorismen-Sammlungen.
  • Die frühe Neuzeit, das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, gekennzeichnet in vie-lerlei Hinsicht wie die Jetzt-Zeit durch Krise, Umbruch und Aufbruch – und nicht zu-fällig auch durch die Entstehung der Freimaurerei. Viele Autoren dieser Epoche von Montaigne bis Knigge, von Goethe bis Schopenhauer prägen mit ihren Sentenzen zur Lebenskunst bis heute das Nachdenken über Mensch, Moral und Gesellschaft.
  • Schließlich die Gegenwart, die Moderne heute, oder die „andere“ Moderne, wie Wilhelm Schmid sie nennt.

Drei Charakterzüge der Gegenwart, die alle auf große Verunsicherungen hinweisen, möchte ich hervorheben:

  • So bedeutet Moderne heute Veränderungen von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogener, unverbindlicher und flüchtiger werdenden „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross). Wenn alles möglich ist und alles erlaubt, fällt Orientierung schwer.
  • So bedeutet Moderne heute Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), die sich auf unterhaltsame Events und wechselnde Oberflächenreize orientiert. „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman schon vor Jahren eines seiner Bücher genannt. Wenn alles amüsant sein soll, kommt sinnvolles Leben kaum zu stande.
  • Vor allem aber bedeutet Moderne heute eine tiefgehende Umstrukturierung und Neuformierung der Realgesellschaft, geprägt durch die Wandlungen in der Altersstruktur der Gesellschaft, die drohende Desintegration der Generationen, das veränderte Verhältnis der Geschlechter zueinander, das Flüchtlings-, Migrations- und Integrationsproblem, die Umwälzungen in der Arbeitswelt – neuerdings insbesondere durch die ebenso unaufhaltsame wie in ihren Auswirkungen unübersichtliche Digitalisierung, schließlich die veränderten Formen der sozialen Einbindung und Vernetzung der Menschen, im Sinne einer geringeren Bereitschaft zu dauerhafter Bindung an die hergebrachten bürgergesellschaftlichen Gruppierungen (Robert Putnam).

Auch diese Strukturelemente der Gegenwart haben große Bedeutung für das „Problem Lebenskunst“.

Worum geht es einer Lebenskunst, die angesichts all dieser Veränderungen und Verunsicherungen nicht oberflächlich, sondern reflektiert und vernünftig sein will?

Wie schon hervorgehoben, gilt Lebenskunst der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbst bestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung.
Doch Definitionen bleiben leer, wenn sie nicht gefüllt werden mit Überlegungen, was das nun heißen soll, sinnvoll und selbst bestimmt zu leben.

3 Ich möchte – Wolfgang Kersting folgend – für ein solches Leben vier Prinzipien benennen, über die sich im Kontext Lebenskunst ein gründliches Nachdenken lohnt:

  • das Prinzip von Maß und Mitte,
  • das Prinzip der Balance,
  • das Prinzip der Kommunikation, sowie
  • das Prinzip der Einübung und Habitualisierung.
Erstens: Das Prinzip von Maß und Mitte:

Wie immer wir im Leben fühlen, wahrnehmen oder handeln: ein entweder – oder extremer Positionen ist individuell und sozial unbekömmlich. „Daher kommt es immer auf das richtige Maß an. Zumeist tun wir des Guten zuwenig; zuweilen tun wir aber auch des Guten zuviel. Das Gute, Richtige, Vortreffliche liegt in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Diese Mitte ist freilich schwer zu treffen; das Leben gleicht einer Zielscheibe, bis zum Rand gefüllt mit Möglichkeiten, das Ziel zu verfehlen“ (Wolfgang Kersting). Der Lebenskünstler tritt somit gleichsam als „Lebens-Kunstschütze“ in Erscheinung.

Zweitens: Das Prinzip der Balance:

Das Prinzip der Balance beschreibt ein Organisationsprinzip, das sich auf das Ganze des Lebens und seine wesentlichen Elemente erstreckt. Immer gilt es, vier Großbereiche des menschlichen Interesses auszugleichen und in Balance zu halten.

Da ist zuerst unser Gesundheitsinteresse. Es ist grundlegend, denn wenn unsere Gesundheit schwindet, wenn wir gar krank werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche betroffen. Gesundheit ist sicherlich nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles andere nichts.

Der zweite Interessenbereich umfasst unsere materiellen Interessen, unsere Interessen am Konsum und am Besitz äußerer Dinge. Materielle Lebensgrundlagen sind erforderlich, doch die Jagd nach Besitz kann – wie Karl Marx gesagt hat – die Rolle von „Moses und den Propheten“ einnehmen.

Der dritte Interessenbereich ist der Bereich unserer sozialen Interessen. Wir erstreben nicht nur körperliches Wohlbefinden, wünschen uns nicht nur Besitz und eine sowohl lohnende als auch befriedigende Beschäftigung, wir haben auch soziale Bedürfnisse, wir wollen geliebt und anerkannt werden, wir wollen Gemeinsamkeit mit anderen erleben, wir be­nötigen die anderen, um uns in ihnen zu erkennen, um aus ihrer Wertschätzung Selbstwertgefühl zu gewinnen. Die anderen sind der Spiegel, der uns sichtbar macht, ohne den wir auch für uns selbst unsichtbar bleiben.

Und dann ist da noch das Sinnbedürfnis. Menschen wollen Sinn, manche sind gar süchtig nach Sinn. Sie können von den Warum- und Wozu-Fragen nicht lassen. Sie wollen den Vorhang der Erscheinungen durchstoßen und suchen nach einer tieferen Wirklichkeit, suchen nach metaphysischer Geborgenheit, die über den Tod hinaus dauert.

Lebenskunst bedeutet nun, zwischen den vier genannten Lebensbereichen eine Balance herzustellen, keine Hierarchie, sondern eine gleichsam dynamische Ausgewogenheit!

  • Gesundheit ja – aber keine ständige Sorge um sie, und kein „zum Hypochonder werden“;
  • Besitz ja – aber keine Gier, keine Jagd nach Konsum, und keine Abhängigkeit davon;
  • Menschliche Beziehungen ja – aber keine Dominanz über andere und keine symbiotische Verschmelzung mit ihnen;
  • Orientierung auf Sinn ja – aber kein permanentes Grübeln, das Lebensfreude und Lebensaktivität beeinträchtigt.
Drittens: Das Prinzip der Kommunikation

Lebenskunst bedeutet und erfordert zugleich Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:.

  • Stile des Umgangs mit sich selbst: Selbstrespekt und Selbstfreundschaft, verbunden mit Selbsterkenntnis und Selbstkritik,
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen: Mitmenschlichkeit, tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt: Verantwortung übernehmen für Gesell-schaft und Umwelt,
  • Stile des Umgangs mit Transzendenz, was bedeutet im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.
Viertens schließlich: Das Prinzip der Einübung und Habitualisierung

Konzepte und Ratgeber der Lebenskunst, Philosophien der Lebenskunst gar führen nur dann zu einer Praxis des gelingenden, erfüllten Lebens, wenn sie eingeübt, wenn sie habitualisiert werden, wenn Lebenskunst nicht Rhetorik bleibt, wenn sie den Alltag bestimmt.

Das ist gewiss schwierig, denn die Menschen bringen ihr So-Sein mit, ihren eingeschliffenen Habitus, dessen Übereinstimmung mit dem Habitus der Lebenskunst, d.h. einem Habitus, der Lebenskunst möglich macht, rein zufällig wäre.

Folglich ist Einübung erforderlich, Lebenskunst muss verlässlich werden, sie darf nicht bei jedem Hindernis flüchtig sein.

4 Was hat mit alledem nun die Freimaurerei zu tun? Fünf Thesen sollen am Beginn meiner abschließenden Betrachtung hierzu stehen:

  1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung von Lebenskunst verbunden. In diesem Sinne war und ist Freimaurerei eine Königliche Kunst und aufgrund dieser Tradition arbeiten die Freimaurer auch in der Gegenwart an der Umsetzung von Lebenskunst in die Praxis des menschlichen Lebens.
  2. Freimaurer gehen davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich auch die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung.
  3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die kleine, überschaubare Gruppe das leistungsfähigste Medium der Einübung von Lebenskunst ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer.
  4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Lebenskunst vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge.
  1. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Praktizierung von Lebenskunst immer wieder scheitern können und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Die Grundlagen des Lebenskunstkonzepts in der Freimaurerei dienen können sind alt. Sie entstammen dem späten 17. und dem 18. Jhdt., der Aufklärungszeit, in die ja auch die Entstehung der Freimaurerei fällt, und sie haben sich im 19. Jahrhundert, der klassischen Zeit des kulturorientierten Bürgertums, voll entfaltet.

Eine besondere Rolle dabei spielen die drei Prinzipien Weisheit, Stärke und Schönheit, die ja auch der Titel meines Vortrags nennt.

Weisheit, Stärke und Schönheit sind für den Freimaurerbund, für die Brüder und für die Schwestern als Gestaltungsprinzipien unverzichtbar, doch Weisheit, Stärke und Schönheit fallen uns nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Demut, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.

Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.

Altmeister Goethe brauchte ein paar Verse mehr, wenn er seinen Helden im „Faust“ reflektieren lässt: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte steh’n: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat Und schreibe nun getrost: Im Anfang war die Tat.“

Sinn ist gut, aber er läuft ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke.

Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinische Dimension, von der Schönheit der Symbole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüber reicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst” erst vollendet.

Weisheit, Stärke und Schönheit – über alle drei muss immer wieder nachgedacht werden, zumal ja die Freimaurerei mit ihren drei Prinzipien durchaus ihre Probleme hat und die Praxis der Brüder und Logen stets darauf ausgerichtet werden muss, Weisheit vor Worthülsen und Plattitüden zu bewahren, Stärke nicht in Kraftmeierei und verbale Kraftakte ausarten zu lassen und Schönheit vor Hässlichkeit im Umgang miteinander zu bewahren.

5 Wenn wir nach Quellen fragen, so lassen die historischen Texte, die Rituale und nicht zu letzt auch die Freimaurer-Lieder den Bezug zur Lebenskunst klar erkennen.

Ein paar Beispiele dazu:

Schon die erste Programmurkunde der modernen Freimaurerei in England, die „Alten Pflichten“ von 1723, verbinden auf eindrucksvolle Weise die Proklamierung von Werten einer gleichsam höchsten Wertebene, wie die Verpflichtung des Maurers auf die Befolgung des Sittengesetzes, mit dem Einfordern wichtiger Alltagstugenden, die im Umgang des Freimaurers mit seinen Brüdern und Mitmenschen zu befolgen sind. So heißt es klar und deutlich: „Alle Maurer sollen an den Arbeitstagen rechtschaffen arbeiten, damit sie an den Feiertagen in Ehren leben können“. Oder (für die Zeit nach Schließung der Loge): „Ihr könnt noch in harmloser Fröhlichkeit zusammenbleiben, einander bewirten, wie es eure Verhältnisse euch gestatten, sollt dabei aber jedes Übermaß vermeiden. Ihr sollt keinen Bruder dazu verleiten, mehr zu essen oder zu trinken, als er verträgt, ihn auch nicht daran hindern, zu gehen, wenn Verpflichtungen ihn rufen.“

„Über den Umgang mit Menschen“ hat dann auch der Freimaurer Adolph Freiherr Knigge eines der schönsten und bis heute anregendsten, wenn auch leider oft trivial missverstandenen Bücher zur Lebenskunst einer Alltagsethik genannt.

Das Ritual greift diese Einstellungen auf. Ich zitiere aus dem Ritual der Großloge der Ancients von ca. 1750, das folgendes Zwiegespräch zwischen dem Meister vom Stuhl und dem 2. Aufseher enthält:

Meister vom Stuhl: Und was geschah nach der Aufnahme mit euch?

Zweiter Aufseher: Ich wurde zur Rechten des Meisters gesetzt, und er zeigte mir die Werkzeuge des Lehrlings.

Meister vom Stuhl: Welche sind diese?

Zweiter Aufseher: Das Winkelmaß, um meine Arbeit rechtwinklig zumachen; der Zollstock, um sie einzuteilen, und der Spitzhammer, um alles Überflüssige abzuhauen, um das Winkelmaß gehörig gebrauchen zu können.

Vielleicht erinnert dies an das, was ich zum Prinzip des „Maßes und der Mitte“ gesagt habe. Im Grunde genommen sind alle wesentlichen freimaurerischen Symbole nichts anderes als Symbole der Lebenskunst. Ihr Erleben im Ritual und ihre Reflexion sind es, was die Freimaurerei zur Schule der Lebenskunst werden lässt.

Im Grunde sind alle freimaurerischen Symbole Sinnzeichen der Lebenskunst: der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Zollstock als Anmahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Auf gleiche Weise verdeutlichen die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem Leben umzugehen. Nicht in dem Sinne, dass irgendeiner von uns Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Wei­terentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“.

Auch die Texte der Lieder, die die Freimaurer schon im 18. Jahrhundert sangen, verweisen auf die enge Beziehung zur Lebenskunst.

Ich zitiere zwei Beispiele aus einem Liederbuch der Zeit um 1780.

Lebensregeln

Was alte Weise uns gelehrt,
Das lehrt der Maurer auch:
Er kennt der Dinge wahren Werth,
Und nützlichsten Gebrauch.

Er meidet Geitz und Ueberfluss,
Nicht Triebe der Natur;
Und folgt im würdigen Genuss
Dem klugen Epikur.

Kein Geiz, kein Überfluss, Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, würdiger Genuss: hier scheinen sie alle auf, die erörterten Prinzipien der Lebenskunst.

Zur Eröffnung der Loge

Hinweg, der Stolze; o sein Flügel
Schmilzt plötzlich wie der Ikarus!
Hinweg, der Eitle; den kein Riegel
Begränzt als nur sein Ueberdruss!
Wer ist’s, den unser Orden liebt?
Der Weisheit, Kunst und Tugend übt.

Kunst meint „Königliche Kunst“, die Weisheit, Stärke und Schönheit vereint und das Konzept der Lebenskunst bestimmt.

Dieser Anregung zur Aneignung von Lebenskunst folgen wir auch heute, wenn wir das schöne alte Frühlingsfest der nordhessischen und südniedersächsischen Logen miteinander feiern. Lange bevor ich Freimaurer wurde, kannte ich dieses Fest und erlebte die heitere Stimmung, mit der meine Eltern daran teilnahmen. Und wenn ich nach vielen Jahren Freimaurerei Bilanz ziehe und mich frage, was ich nicht missen möchte an meiner maurerischen Erfahrung, so ist es nicht zuletzt diese heiter-gesellige Lebenskultur, die von unserem alten Bunde ausgeht.

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